Zur Domina gemacht 2 Teil 2

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Liebe Leser, 

bevor ich den Teil 2 dieser Geschichte hier einstelle, einen kleinen Hinweis: 

Diese Geschichte wurde bereits auf Amazon unter meinem Pseudonym Madame Mala veröffentlicht. Da ich mich dem Forum hier sehr verbunden fühle, möchte ich auch hier meine Geschichten in ihrer Gesamtheit veröffentlicht sehen. Einige von Euch haben mich schon unterstützt und sogar die E-Books gekauft, für den Support und die Hilfe bin ich euch sehr dankbar. Natürlich würde ich mich über weitere Unterstützung, vor allem durch Rezensionen eurerseits freuen. 

Zur Domina gemacht 2: https://www.amazon.de/dp/B076VLCFRN

Zur Domina gemacht 3: https://www.amazon.de/dp/B07LD2NRDZ

Die Teile werden wöchentlich reingestellt, diese Geschichte ist bereits fertiggeschrieben. 

Für Kritiken und Hinweise auf Fehler wäre ich euch sehr dankbar. 

 

Gruß und Umarmung!

 

Eure Sena

 

 

3.  Besuch einer Freundin

Anna versuchte ihren Vorsatz, zwischen Arbeit und Privatleben zu trennen, rigoros umzusetzen. Zwar würde sie weiterhin optisch dem Klischee einer Domina entsprechen müssen, aber dafür im Handeln, Denken und Fühlen frei bleiben. Sie wollte sich wieder einen Freundes- und Bekanntenkreis aufbauen, mit Ralf und Benny reisen, ins Kino gehen, vielleicht auch mal in eine Disko zum Tanzen? Eine schöne Vorstellung, etwas Ähnliches hatte sie mit Benny noch nie unternommen. 

Sie konnte für sich jetzt eine Perspektive erkennen und wenn alles weiterhin in geregelten Bahnen lief, wonach es mittlerweile aussah, brauchte sie auch nicht mehr mit dem zu hadern, was Laval aus ihr gemacht hatte. 

Kurz entschlossen griff sie zum Telefon, wählte die Nummer ihrer besten Freundin und freute sich darauf, deren energische, freche Stimme zu hören. 

„Ja?“ Klang es müde und gereizt aus dem Lautsprecher ihres Smartphones heraus. 

„Gülen?“

„ANNA!? Ich fasse es nicht. Das Blondinchen meldet sich dann doch mal nach Monaten. Schön, dass du dich mal an dein Versprechen erinnert hast, du doofe Kuh. Das gibt es doch nicht! Komm, lass uns treffen, damit ich dich verprügeln kann. Hast du überhaupt ne Ahnung, was ich mir für Sorgen um euch mache?“

„Es tut mir leid, aber ich habe einfach viel im Kreuz gehabt, in der letzten Zeit.“

„Ach und da hattest keine fünf Minuten, um mal zum Handy zu greifen?“

„Jetzt mach es mir doch nicht so schwer, ich rufe doch an, oder etwa nicht?“ Versuchte Anna, die Freundin zu beschwichtigen. 

„Mit dem Thema bin ich noch lange nicht fertig, das verspreche ich dir schon jetzt. Wie geht es dem Kleinen?“

„Er macht sich gut in der Schule. Er wird Augen machen, wenn er dich wiedersieht.“

„Das glaube ich gerne. Wir kloppen dich dann anschließend gemeinsam windelweich.“

Anna lachte, während Güllen einen regelrechten Redeschwall losbrach. 

„Ne ehrlich mal, Alte. Deine Nummer habe ich ja jetzt, ich kann dich also schon mal nerven und an den Rand des Wahnsinns treiben, aber für das komplette Stalkingprogrammen fehlt mir noch die Adresse.“

Anna fühlte sich an etwas erinnert. „Wohnst du noch in deiner Wohnung?“

„Nein, bin wieder bei meinen beiden Alten zuhause. Ich kann mir also nicht mehr den Lobgesang deines Vaters anhören. Mehmet hat ihn richtig lieben gelernt und vermisst ihn ohne Ende.“

Anna stöhnte auf. 

„Was hat mein Vater mit ihm gemacht? Ihn beschimpft?“

„Mein Süßer hatte kurz davor gestanden, dem Arschloch ein paar aufs Maul zu geben, sage ich dir. Aber ich habe immer gemeint, dass dein Dad vom Alkohol zerfressen und eh nicht mehr ganz bei Trost ist. Damit hat er sich zufriedengegeben.“

„Na ja. Eine Entschuldigung ist das nicht.“

Gülen stimmte ihr zu. 

„So, Mädel. Wo wohnst du? Ich komme jetzt vorbei.“

Anna erschrak über diese Vorstellung. 

„Was?“ 

„Was, Was. Du wirst doch ein Parkplatz vor dem Haus haben, oder etwa nicht? Arbeiten wirst ja wohl nicht müssen, sonst hättest mich ja jetzt nicht angerufen.“

„Äh ...“ Anna sah sich erschrocken um. Wie sollte sie Güllen all das um sich herum erklären? Bei der Wahrheit bleiben? Die Deutschtürkin hatte zwar ein loses Mundwerk, aber besonders aufgeschlossen gegenüber besonderen Rollenspielen, geschweige den Fetischen oder sogar Sadomaso war ihre Freundin nie gewesen. Zumindest nahm Anna das an. Sie waren ja früher beide nicht sonderlich erfahren gewesen, was Sexualität betraf und hatten andere Themen wichtiger gefunden. Sollte sie ihre Freundin anlügen? Oder etwas verschweigen? Beides kam ihr nicht richtig vor. 

Sie nannte also nach einigen Zögern Gülen ihre Adresse, erklärte der Freundin, wie sie in die Tiefgarage kam und dass ihr Stellplätze mit ihren Namen gekennzeichnet waren. 

„Hast du jetzt ein Auto?“

„Nein, aber oft Besuch.“

„Und da machst du wegen mir solch ein Lalala? Also heute machst du mir es wirklich nicht leicht, dich zu lieben, Missi.“

Anna konnte sich gut in Gülens Lage hineinversetzen. Die Freundin kam sich nicht willkommen vor und das bei ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Ein unvorstellbarer Gedanke für sie. Gülen hatte immer zu ihr gehalten und selbstlos geholfen, wenn es darauf ankam. Auch mit ihren Eltern fühlten sich Anna eng verbunden. 

„Du, es tut mir leid. Natürlich freue ich mich auf dich. Komme einfach vorbei, ja? Dann erkläre ich dir alles.“

„Na das hört sich doch schon viel besser an, du Trulla. Gut. Setzte schon mal Kaffeewasser auf, ich bringe den nötigen Durst mit.“ 

Eine halbe Stunde später lenkte Gülen ihren alten Kleinwagen durch ein ihr unbekanntes Viertel. Moderne Büro- und Gewerbegebäude wo sie auch hinsah, Grünanlagen, saubere Gehwege und Straßen, wenige Menschen, die ihren Weg suchten. Hier sollte Anna wohnen? Sie blickte auf die Navigationsapp ihres Handys, welches über eine Halterung mit der Windschutzscheibe verbunden war. Sie war richtig, nur noch zweihundert Meter bis zum Ziel. 

Ein großes Haus mit verspiegelter Fassade wurde auf der linken Seite der Straße sichtbar, es musste eigentlich das Richtige sein, zumal dort vorne die Abfahrt zur Tiefgarage lag, von der ihre Freundin gesprochen hatte. 

Anna hatte ihr erklärt, was sie zu tun hatte. Sie fuhr in die Einfahrt hinein, wählte eine Nummer und wurde dann automatisch mit dem Haustelefon ihrer Freundin verbunden. Abgespact! Sie kurbelte ihre Windschutzscheibe runter, nachdem sie die Handbremse so fest angezogen hatte, wie sie nur konnte. Ihre Bremsen waren nicht mehr die Besten und sie musste zusätzlich auf das Bremspedal steigen, damit ihr Wagen nicht das Rollen begann. 

„Scheiße.“

Ihre Arme waren zu kurz. Sie konnte das Tastenpanel an der Säule nicht erreichen, die sich in der Mitte der Ein- und Ausfahrt befand. Also legte sie den Rückwärtsgang ein, ließ den Motor aufheulen, suchte den Schleifpunkt der Kupplung und löste die Handbremse. Ein Hupen wurde hinter ihr laut, die junge Türkin erschrak furchtbar. Eine große mattschwarze Limousine stand hinter ihr, die sie fast übersehen hätte. 

„Ja doch, verdammt.“ Schrie sie auf und suchte der Lage Herr zu werden.

Der andere Wagen musste ein Stück zurückfahren, damit Gülen einlenken und näher an die Säule heranfahren konnte. 

„Anna! Machst du mir auf? Ich krieg hier gerade zuviel.“

Das Garagentor öffnete sich für sie, und sie fuhr in eine sehr geräumige Tiefgarage hinein. Irgendwo links, hatte Anna gemeint, müssten die Parkstellen sein. 

„Pelzig!“ Dort vorne entdeckte sie die bedruckten Schilder. Das war so krass. Ihre Freundin hatte zwei Stellplätze, ohne überhaupt ein Auto zu besitzen! Das war doch dusslig. Die mussten doch monatlich ein Haufen Geld kosten.

Die Limousine folgte ihr und parkte weiter hinten auf der gegenüberliegenden Seite der Tiefgarage. Gute Güte, konnte der Typ blöd schauen. Bei all den Protzkarren um sie herum, ja auch kein Wunder. 

Gülen blickte demonstrativ solange in seine Richtung, bis er sich abwendete und eine Tür nahm, die zu einem Treppenhaus führen musste. Super! Kannte sie sich schon aus. Mein Gott war das alles hier pompös. Keine Graffiti an den Wänden, keine kaputten Röhren oder Lampen, nicht einmal Ölflecke auf dem Boden. Alles war sauber und gepflegt. Die Tür stimmte jedenfalls, es stand die Nummer darauf, die Anna ihr am Telefon genannt hatte. 

Sie fand einen kleinen Fahrstuhlraum vor, drückte den Rufknopf des Aufzugs und wartete geduldig. Der Mann vor ihr hatte anscheinend die Treppe genommen, wahrscheinlich um nicht mit ihr den Fahrstuhl teilen zu müssen. Gülen lachte. Was für ein armes Arschloch. 

Sie fuhr mit dem Lift in die zweite Etage. Es standen auch hier Namen neben der Etagennummer. Pelzig stand neben der Nummer 2, das war alles so crazy. Was ging denn nur mit ihrer Freundin ab? Wo war die Anna geblieben, die vor ein paar Jahren noch bei ihr um Brot angeklingelt hatte?

Gülen prallte vor dem Anblick des Hausflurs regelrecht zurück. Der glich mit all den Pflanzen und Blumen einem kleinen Park und es standen sogar zwei Sitzbänke vor den großen Panoramafenstern. Staunend blickte sie sich um, ging auf eine der beiden Bänke zu und nahm ehrfürchtig für einen Moment darauf Platz. Vor ihren Augen breitete sich die gesamte Stadt aus! Da vorne die Altstadt mit dem Fluss, rechts die Gewerbegebiete und an der gegenüberliegenden Stadtgrenze die Wohntürme ihrer Siedlung. Die junge Frau stand auf und näherte sich der Glasscheibe, berührte sie mit der Hand und blickte nach unten. Sie erschrak und machte instinktiv einen Schritt zurück. Für Leute mit Höhenangst war dieser ungetrübte Ausblick, aus der unmittelbaren Nähe des Fensters heraus, nicht gerade das Wahre. 

„Hallo, Güli!“ 

Die junge Deutschtürkin schrak ein weiteres Mal zusammen, wandte sich der Richtung zu, aus der sie angerufen wurde und bemerkte erst jetzt die große, ganz in schwarz gekleidete Blondine mit ihren strengen und so gefühlskalt wirkenden Gesichtszügen. 

„Weißt du eigentlich, wie geil das hier ist?“ Sie deutete auf das Fenster. „Ich kann von hier aus unser altes Haus sehen.“

Anna antwortete nicht, kam ihr entgegen und umarmte sie. 

„Komm erst einmal rein.“

Gülen blickte vorsichtig an ihrer Freundin vorbei in die Wohnung hinein. 

„Ist die Bude genauso strange?“ 

„Mach da jetzt nichts Besonderes draus, einverstanden?“

Gülen antwortete nicht, betrat den Flurbereich und reichte Anna ihre Jacke, die sie schweigend entgegennahm und für sie an die Garderobe hängte. 

„Nichts Besonderes? Sag mal, bist du eigentlich bescheuert? Das ist ein Palast, verdammt noch mal.“

Die um einen halben Kopf kleinere Frau stellte sich in die Mitte der Wohnung und sah sich staunend um. Vor ihr der Sitzbereich an einem riesengroßen Fenster, auf der anderen Seite die Küche mit Esstisch und Kochinsel. Die Möbel waren einfach nur der Wahnsinn. Solch ein Design, hatte sie bisher nur im Fernsehen gesehen. Von solch einem riesigen TV-Gerät mal ganz zu schweigen. Wie kam Anna zu solch einem Luxus? Ein bleiernes Gefühl begann ihr auf den Magen zu drücken, begleitet von einer dunklen Ahnung.  

„Kann ich mal gucken gehen?“ Fragte sie und deutete auf eine der Zimmertüren. 

Anna hatte nichts dagegen. Sie hatte vor ihrer Freundin keine Geheimnisse. Sie ging Gülen nach, gab ihr die Zeit, sich in Ruhe umzusehen und versuchte sich auf die ersten unausweichlich kommenden Fragen einzustellen. 

Im Schlafzimmer angekommen setzte sich Gülen auf das riesige Doppelbett und blickte entgeistert zu Anna rüber, die sie von der Zimmertür aus beobachtete. 

„Anna, was ist das alles hier? Wie kommst du dazu?“

„Ich arbeite als Domina.“

Gülen musterte ihre Freundin eindringlich. Auf einmal schien ihr alles plausibel zu werden. Die Veränderungen an ihren Körper, die schwarzen Klamotten und das völlig veränderte Auftreten sprachen für sich. 

Anna kam zu ihr rüber und setzte sich neben sie auf den Bettrand. 

„Du tust anderen Menschen für Geld weh?“ Wurde sie von der Freundin, mit brüchiger Stimme, gefragt. 

„Ja, unter anderem auch.“

„Und du wolltest das werden?“

Anna zeigte sich erstaunt über die Frage. Und je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde für sie die Antwort. 

„Nein. Ich wurde dazu gemacht.“

„Wie kann man dazu gemacht werden?“ Gülen verstand nicht, worauf sie hinauswollte.

Anna blickte auf ihre vom schwarzen Leder der Handschuhe bedeckten Hände herunter, deren Finger sie nervös ineinandergreifen ließ. 

„Kann ich dir das ein anderes Mal erzählen? Ich würde mich gerne darüber freuen, dass du hier bist.“

Die kleine Deutschtürkin nickte und umarmte sie ein zweites Mal. Anna schloss ihre Augen, ließ sich von der Freundin drücken und versuchte diesen Moment zwischen ihnen zu genießen. Sie konnte es nur zum Teil, wie sie erstaunt feststellte. 

„Diese Wohnung hier. Wie viel zahlst du für sie?“

Annas Blick wanderte durch das große Schlafzimmer. 

„Ich habe einen Partner, an dem ich einen Teil meines Gewinns abführen muss. Dafür hat er mir die beiden Wohnungen finanziert, die auf dieser Etage liegen.“

Gülen traute ihren Ohren nicht. 

„Sie gehören also praktisch dir?“

„In ein paar Jahren vielleicht, ja. Aber ich habe dafür auch einige Bedingungen zu erfüllen, die mich in meiner Freiheit ziemlich einschränken. Es ist also bei weitem nicht alles so super in meinem Leben, wie du es jetzt vielleicht annimmst.“

Gülens Miene spiegelte deutlich wieder, wie ihr in diesem Augenblick zumute war. 

„Dann höre auf damit. Es wird sicher auch einen anderen Weg für dich geben.“

„Nein. Glaube mir. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber es geht nicht. Ich bin das erste Mal in meinem Leben finanziell unabhängig, kann mir alles leisten und Ralf ein Leben bieten, das er so bisher nicht gekannt hatte. Er hat einen riesigen Schritt nach vorn gemacht, du wirst es sehen. Schon allein wegen ihm, gibt es keine andere Option für mich, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich Domina bleiben möchte.“

Anna deutete auf die Tür. 

„Wollen wir rüber gehen? Ich mache uns Kaffee, danach können wir weiter erzählen.“

Ihre Freundin war einverstanden und folgte ihr aus dem Schlafzimmer heraus. Gülen wollte sich nicht in die Sitzgruppe setzen, ging mit ihr in den Küchenbereich und staunte über dessen vielfältiges Inventar. Schränke und Regale schienen über den Boden zu schweben, waren mit schwarzglänzenden Fronten versehen und die Armaturen boten Funktionen, die Gülen zuvor noch nicht gesehen hatte. Auch Anna kannte längst nicht alle davon, wie sie ganz offen zugab. 

„Wollen wir einmal zusammen kochen? Ich würde das gerne mal alles ausprobieren.“

Anna freute sich über dieses Angebot. Im Gegensatz zu ihr selbst war die Freundin eine ausgezeichnete Köchin. 

„Du wolltest mir noch den anderen Grund sagen.“ Erinnerte sie Gülen.

„Ja, richtig.“

Die beiden jungen Frauen setzten sich an den Küchentisch und die Domina begann nachdenklich die Tasse zwischen ihren behandschuhten Händen zu drehen. 

„Sie vertrauen mir. Meine Kunden meine ich, oder Sklaven, wenn du es genau wissen willst. Ich gehe seriös mit ihren Wünschen um und zeige ihnen, dass nicht nur ihr Geld mein Antrieb ist.“

„Und welcher ist es sonst noch?“ 

„Ich bin gut in dem, was ich mache. Das erste Mal in meinem Leben spüre ich, dass ich etwas Besonderes bin. Ich vermittel meinen Kunden ein einzigartiges Gefühl, selbst dann noch, wenn sie sich nicht in meiner unmittelbaren Nähe befinden. Sie berichten mir über Messenger oder E-Mail aus ihrem Alltag und wenn ich das Gefühl habe, sie könnten einen Termin bei mir dringend nötig haben, bestelle ich sie zu mir. Ich vermittel ihnen den Eindruck wirklich ihre Herrin zu sein, authentisch, verstehst du?“

Gülen hob die Tasse an ihren Mund und nahm ein Schluck daraus. 

„Okay, so hört sich das Ganze schon ganz anders an. Ich kann mir das schon irgendwie vorstellen bei dir. Nur tust du ihnen nicht wirklich weh, oder?“

Anna wollte ihre Freundin nicht anlügen. Bisher hatte sie Gülen alles erzählen dürfen.

„Doch. Es gehört einfach dazu. Schmerz ist ja auch einer der Hauptgründe, warum sie überhaupt zu mir kommen.“

Hatte ihre Freundin Probleme mit dieser Tatsache? Sie schien nachdenklich und irgendwie abwesend zu sein. 

„Tut mir leid, wenn du jetzt schlecht von mir ...“

„Nein, Trulla. Das ist es nicht. Wenn das mit der Domina für dich okay ist, stört es mich nicht weiter. Du bist meine Freundin, eigentlich sogar meine Schwester, wie könnte es da anders sein.“

„Was ist es dann?“ Fragte Anna. Sie konnte ihrem Besuch ansehen, dass es ihm nicht gut ging. 

„Ich komme aus meinem Loch nicht raus. Kannst du dich noch an Mehmet erinnern?“

Anna nickte. Sie hatte Gülens Freund kennengelernt, als sie das letzte Mal bei ihr zu Besuch gewesen war. 

„Ich hatte einen Abgang. Er weiß nichts davon.“

Anna erschrak. 

„Scheiße! Mein Gott, das tut mir so leid, Güli.“ Sie stand von ihrem Stuhl auf und kam um den Tisch herum, um ihre Freundin zu trösten. Der standen die Tränen in den Augen, sie schluchzte auf und krallte sich mit ihren beiden Händen in den schwarzen Stoff, von Annas Rolli hinein. 

„Du hast es niemanden gesagt?“

Gülens Kopf bewegte sich leicht hin und her. 

„Es war für mich wie ein Geschenk, dass du heute angerufen hast. Ich weiß gar nicht, warum mich das so mitnimmt. Es ist doch das Normalste auf der Welt, oder? Vielen Frauen passiert so etwas doch auch.“

Was sollte Anna darauf entgegnen? Sie hatte sich noch nie darüber Gedanken gemacht ein Kind zu bekommen, geschweige denn über die Möglichkeit eines zu verlieren. 

„Ich weiß nicht, ob so etwas normal sein kann. Güli, es tut mir so leid für dich.“

Ihre Freundin wischte sich die Augen mit den Saum ihres T-Shirts trocken. 

„Ich wusste schon, warum ich meinen Eltern und Mehmet nichts davon gesagt habe. Es war eine Ahnung, glaub ich, anders kann ich mir das nicht erklären.“

Anna konnte sich nicht daran erinnern, jemals ihre Freundin in solch einer ernsten Stimmung erlebt zu haben. Früher hatte Gülen über alles und jeden Witze gerissen und dabei ihrer frechen Zunge kaum eine Pause gegönnt. Aber heute? Vorhin am Telefon schien noch alles normal gewesen zu sein, doch jetzt war nicht mehr viel von dieser Stimmung übrig geblieben. 

„Weißt du was? Bleib heute hier, wenn du möchtest. Wir kochen was zusammen, holen Ralf von der Betreuung ab und können später ins Café gehen. Dann lernst du auch mal meinen Süßen kennen.“

Gülen überlegte nicht lange. Alles war besser, als zu Hause zu hocken und sich weiter Gedanken über etwas zu machen, was nicht mehr zu ändern war. 

„Okay. Können wir machen. Bei meinen Eltern werde ich noch verrückt.“

„Hast du noch keine Arbeit gefunden?“ Fragte sie Anna. 

„Nein. Zumindest keine, die sich für mich lohnen würde. Ich putze zwei Arztpraxen, das reicht gerade einmal für ein Taschengeld und ein wenig Kohle, die ich meinen Eltern beisteuere.“

Anna überlegte. Gab es eine Möglichkeit für sie zu helfen? Immerhin hatte sie jetzt einflussreiche Kontakte, wusste aber nicht genau, ob sie diese auch in solch einem Fall nutzen durfte. 

„Was willst du denn machen?“ Fragte Gülen. 

„Du meinst zu Essen?“ Anna schrak aus ihren Gedanken. 

„Nein, später auf der Toilette.“ Entgegnete die Freundin frech. 

Anna lachte lauthals, es war nicht nur der Joke, sondern auch eine große Portion Erleichterung, die sie damit zum Ausdruck brachte. Es war ein Stück von der alte Gülen, das sich da zu Wort meldete. 

„Du machst geile Aufläufe. Das wäre cool. Da würden sich die Jungs sicher drüber freuen.“

Gülen zog ihr Smartphone aus der Tasche und schlug nach, was sie an Zutaten für solch ein Gericht brauchte. Anna schrieb mit, hatte aber bei weitem nicht alles da, was ihre Freundin zum Kochen brauchte. 

„Komm, wir fahren schnell.“ Meinte Gülen und wollte vom Tisch aufstehen. 

„Brauchen wir nicht. Ich lass das einfach kommen. Wir werden vom Supermarkt beliefert. Wenn ich anrufe, haben wir alles in spätestens eine Stunde hier.“

Gülen blickte sie fassungslos an. 

„Du verarschst mich jetzt, oder?“

Anna verneinte. 

„Sorry, aber das ist hier so.“

„Oh, Mann. Püppi, heute verlangst du mir wirklich was ab. Na dann bestelle mal und ich gucke mich hier in alle Ruhe um.“

Gesagt, getan. Anna telefonierte mit dem Service, während Gülen die Schränke unter die sprichwörtliche Luppe nahm und sich die Besteckschublade ansah. Es war unglaublich, wie aufgeräumt und gepflegt hier alles aussah. Wenn sie da an die Wohnung von Annas Vater zurückdachte. 

„Wie ist dein Freund so?“ Fragte Gülen, als Anna ihr Telefonat beendet hatte.

„Benny? Super! Es ist schön mit ihm.“

„Und er hat kein Problem mit dem, was du tust?“

„Nein. Ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Er wusste, worauf er sich da einlässt.“

„Wie, einlässt?“

„Na ja, zu Beginn unserer Beziehung habe ich ihm viel von dem gezeigt, was ich beruflich mache. Seit kurzem leben wir aber eine ganz normale Partnerschaft.“

„Wurde es ihm zuviel?“ Gülen begann sich zu interessieren. 

„Nein, das war es nicht. Ich selbst wollte diese Rollenverteilung zwischen uns nicht mehr. Ihm hat es Spaß gemacht und genau das wurde zu meinem Problem. Sadomaso wird schnell zur Sucht und ich wollte nicht, dass seine Freundin in unserer Beziehung ihre Bedeutung verliert.“

„Wie kann man es nur geil finden, gequält zu werden, das ist doch bescheuert.“ 

„Na ja, es gibt ja nicht nur Schmerz, sondern auch Geilheit, Erleichterung, Hingabe, Befriedigung ..., es spielt da vieles mit rein. Auch einer Frau dienen zu dürfen, die sich unter anderen Umständen nicht mit einem abgeben würde, spielt dabei eine große Rolle.“

„Boah, was bist du für eine eitle Kuh geworden. Wo ist die bescheidene, graumäusige Anna hin?“

„Die hat man mir ausgetrieben, Güli, ziemlich konsequent sogar.“ Stellte die junge Frau in Schwarz verbittert fest. 

„Du wolltest damit leben, also beschwere dich nicht. Ich bin jetzt wieder da, also werden wir das Kind schon gemeinsam schaukeln.“

Anna rang sich ein Lächeln für die Freundin ab. Wenn es für sie nur so einfach wäre. 

Es klingelte an der Haustür und Anna ging zur Haussprechanlage, um zu öffnen. Es war der Bote aus dem Supermarkt. 

„Woh, ich würde so fett werden, wenn ich nicht mal mehr zum Einkauf gehen müsste.“ Quittierte Gülen den Service. 

Anna lächelte, öffnete die Wohnungstür und wartete darauf, dass der Bote aus dem Fahrstuhl kam. 

„Was macht Mehmet eigentlich beruflich?“

Gülen seufzte. 

„Als ich ihn kennenlernte, hat er als Veranstaltungstechniker gearbeitet. Vor fünf Monaten hatte er dann einen schweren Arbeitsunfall. Er hat eine gebrochene Schulter und sich immer noch nicht ganz davon erholt. Wahrscheinlich wird er umschulen müssen und etwas anderes machen.“

„Das ist ja scheiße.“

Ein junger Mann mit Seitenscheitel, Vollbart und Nickelbrille trat aus dem Fahrstuhl heraus, merkte auf, als er die beiden Frauen in der Wohnungstür stehen sah und kam dann eiligen Schrittes zu ihnen rüber.

„Hallo, Marcel. Alles gut bei dir?“ Wurde der junge attraktive Mann von Anna gefragt.“

„Ja, Frau Pelzig. Ich kann nicht klagen. Bei ihnen?“

„Ich werde heute von einer guten Freundin bekocht, wie sollte es da einen schlecht gehen? Trägst du mir die Sachen in die Küche?“

Gülen beobachtete staunend, wie der Bote die beiden gut gefüllten Tüten auf die Küchenablage stellte, sich von Anna verabschiedete und dann die Wohnung wieder verließ. Ihre Freundin schloss die Tür hinter ihm und kam dann wieder zurück in die Küche. 

„Du zahlst nicht?“

Anna verneinte. 

„Wird von meinem Konto abgebucht.“

„Das ist verdammt noch mal Reichenscheiße, weißt du das? Hoffentlich versaut dich das nicht irgendwie.“

Anna suchte den Scherz in Gülens Worten, fand ihn aber nicht. 

„Brauchst du nicht. Ich schäle die Kartoffeln und Zwiebeln, ist das bodenständig genug für dich?“

„Das ist mal ein ordentliches Angebot. Dann komm mal mit Küchenmagd, die Meisterin zeigt dir, wie du ihr zur Hand gehen darfst.“

Anna ließ ihre Hand auf Gülens drallen Hintern klatschen. 

„AUA! Muss ich dir jetzt Geld dafür zahlen?“ Jammerte ihre Freundin.

Sie lachten beide und zeigten deutlich, wie gut ihnen dieses Wiedersehen tat. 

Die beiden Frauen bereiteten das Essen soweit vor, dass sie es später nur noch in den Ofen schieben mussten, sahen sich gemeinsam Annas Garderobe an und schließlich gingen sie auch rüber in das Studio, in dem Anna ihre Kunden empfing. Für Gülen eine unbekannte Welt, die aber auch etwas faszinierendes in sich trug. 

„Geh da bitte nicht zu sehr in Detail, einverstanden?“ Meinte Gülen und deutete auf einen seltsamen Sessel, der sicher nicht umsonst Ähnlichkeiten mit einer Toilettenschüssel hatte. 

„Mach ich nicht, keine Angst.“

Ihre Freundin ging leichter mit der ganzen Materie um, als Anna es erwartet hatte. Ihr Besuch schien sich aber auch nur oberflächlich dafür zu interessieren, vielleicht auch aus einer Angst heraus, dass die Details das Verhältnis zwischen ihnen schmälern könnten. Einiges fand Gülen abstoßend, bei anderen Geräten oder Praktiken, die Anna ihr zeigte oder erklärte, konnte sie nachvollziehen, dass sie erregend sein könnten. 

„Wer hält die Gerätschaften und die Räume sauber?“

Anna ahnte den Hintergrund in Gülens Frage. 

„Ich selbst und manchmal hilft mir auch Benny dabei.“

Gülen zögerte einen Moment lang, dann fragte sie direkt. 

„Was, wenn ich das für dich tue?“

Anna blickte ihre Freundin nachdenklich an. Würde es ihrer Freundschaft schaden, wenn sie zusammenarbeiten würden?

„Ich könnte mir dann vielleicht sogar wieder eine eigene Wohnung leisten. Ich würde dich nicht fragen, Anna, wenn ich eine andere Chance sehen würde.“

„Wie viel würdest du die Stunde nehmen?“

„Fünfzehn Euro?“ Die Augen der jungen Türkin verrieten deutlich deren Anspannung.

Anna zögerte. Solch ein Verhältnis zwischen ihr und Gülen störte sie. Es war ihr so, als ob sich von jetzt auf gleich, alles zwischen ihnen ändern könnte.

„Du bist nicht begeistert, oder?“ Fragte die Freundin in einem bedauernden Ton.

Anna wollte sie nicht anlügen. 

„Ich habe Angst, dass sich dadurch zwischen uns etwas ändert. Ich meine, du bist meine Freundin und nicht meine Putze.“

„Reinigungskraft wenn schon, denn schon. Und außerdem bin ich selbstständig. Es sind meine Objekte. Von daher kann ich damit erst einmal leben, bis ich etwas anderes gefunden habe. Bitte, Anna. Du kannst ja auch das meiste, von dem was du mir zahlst, von der Steuer absetzen.“

„Gut. Sagen wir einhundertzwanzig Euro die Woche und dafür kommst du jeden zweiten Tag um die gleiche Zeit. Sagen wir für zwei Stunden? Dann brauche ich mich nicht mit dir abstimmen und plane um dich herum.“

„Ist das dein Ernst? Das sind vierhundertachtzig Euro im Monat.“

Anna nickte. „Du sagtest, ich kann es absetzen, richtig?“

Gülen kam auf Anna zugestürmt und umarmte sie überschwänglich. 

„Das ist meine neue Bude, weißt du das? Ich kann bei meinen Eltern ausziehen.“

Sie hielt inne und löste sich wieder von der Domina. 

„Du kannst dir das leisten, oder?“

Anna blickte sie nachdenklich an. 

„Ich denke schon. Wird halt ein bisschen weniger auf die hohe Kante gelegt.“

„Was meinst du damit? Sparst du? Auf was denn?“

„Für später. Kann ja nicht ewig als Domse arbeiten.“

Die kleinere Freundin blickte nachdenklich zu ihr auf. 

„Danke!“

„Komm! Gesehen hast du jetzt alles und es ist Zeit Ralf von der Schule abzuholen. Wegen der Arbeit schreibe ich dir später die Zeiten auf und zeige dir, was alles zu erledigen ist. 

„Ich putze nur, oder? Bei deinen Spielen mache ich nicht mit, das sage ich dir gleich.“ Stellte Gülen lachend fest. 

„Es gibt hier mehr zu tun als nur zu putzen. Mit Saugen und Wischen ist das nicht getan. All die Sachen hier wollen gepflegt sein. Darauf kommt es mir an. Manches davon muss auch sorgfältig desinfiziert werden.“

Gülen wurde unsicher. 

„Wow. Und da kann ich nichts falsch machen?“

Anna verneinte. 

„Ich zeige dir alles und die ersten Male bin ich bei dir.“

„Aber nicht mit einer Peitsche in der Hand, oder?“

Anna blickte auf ihre Armbanduhr und ignorierte den Witz ihrer Freundin. 

„Lass uns losmachen. Sonst kommen wir zu spät.“

Das Wetter war sehr schön. Blauer Himmel und reichlich Sonnenschein, war es draußen, an der frischen Luft, sehr angenehm. Anna hatte sich ein ärmelfreies Top angezogen, dazu eng anliegende Stoffhosen, wollte aber auch jetzt nicht auf lange Schnürstiefel verzichten, die unterhalb ihrer Knie ein Ende fanden. Eine verspiegelte Pilotenbrille auf der Nase, wirkte sie dabei wie immer. Arrogant und abweisend auf der einen Seite, fantasieanregend und sexy auf der anderen. 

Gülen selbst, gekleidet in Bluejeans und Kapuzenpulli störte sich nicht weiter am aufreizenden Outfit ihrer Freundin. Wenn sie sich aufbrezelte, konnte sie ähnlich wirken, wie Anna. Sie hatte ein hübsches Gesicht und wirkte sehr weiblich, auch wenn sie nach der gesellschaftlichen Norm ein paar Kilos zu viel hatte. 

„Wie ist das bei dir und deinem Benny? Fickt ihr viel miteinander?“

Anna blieb stehen und sah ihre Freundin verblüfft an. 

„Was guckst du denn jetzt so doof, ist doch ne normale Frage.“ 

Anna brauchte dennoch Zeit für eine Antwort. Sie wusste gar nicht genau, ob sie mit Gülen über solch ein Thema reden mochte. 

„Na ja. Ein paar Mal die Woche vielleicht? Warum fragst du?“

„Ich habe die Lust verloren, seit dem das passiert ist. Ich mache mir da wirklich Sorgen. Vorher haben wir jeden Tag miteinander gevögelt und jetzt ...“

Gülen deutete auf einen großen Backsteinbau am Ende der Straße. 

„Ist das Ralfs Schule?“ 

Anna nickte. 

„Na ja, jedenfalls muss ich mich zusammenreißen, um ihn ranzulassen. Er ist total verstört deshalb und hatte schon angenommen, ich hätte jemand anderen.“

„Dann sag ihm, was passiert ist. Wie soll er sonst verstehen, wie dir zumute ist.“

„Glaubst du, daran hätte ich nicht gedacht? Zwischen wollen und können ist nun mal ein kleiner Unterschied. Zumal bei uns eine Schwangerschaft eine ganz andere Bedeutung hat, als bei euch. Eine unverheiratete Frau bekommt ein Kind? Eine Katastrophe.“

„Gut. Dann heirate ihn und versuche es noch einmal.“

Gülen seufzte. 

„Manchmal bist du echt naiv, Schatzi. Mehmet ist im Moment richtig scheiße drauf. Was glaubst du, wie offen er da für so etwas ist? Er hat keine Ahnung, was er arbeiten soll, spielt den ganzen Tag mit seiner Playstation und gibt sich ansonsten seinem Selbstmitleid hin. Ich lieb ihn, aber im Moment kotzt er mich so richtig an, vielleicht schlägt sich das noch zusätzlich auf meine Libido nieder?“

Zwei junge Männer gingen an den beiden Frauen vorbei und nahmen sie dabei ganz unverhohlen in Augenschein. Anna kannte das, Gülen hatte aber damit ein Problem. 

„Was gafft ihr so blöd? Du da, schau dir lieber selbst auf die Hose, dein Hosenstall ist offen.“

Der Größere der beiden blickte verlegen an sich herunter, während die beiden Frauen, aber auch sein Freund ihn auslachten. Gülen aber war wieder einmal ganz in ihrem Element und die Situation half ihr aus der schlechten Laune heraus. 

Die Nachmittagsbetreuung befand sich in einen Anbau hinter dem Schulgebäude, war nur über eine lange Außentreppe zu erreichen und wirkte, trotz der wohlhabenden Gegend improvisiert und renovierungsbedürftig. Eine Erzieherin und zwei Praktiktanten kümmerten sich um die Grundschulkinder, von denen die meisten in diesen Moment abgeholt wurden. 

„Ralfi! Ich bin da, meldest du dich ab?“ 

Der kleine Junge löste sich nur ungern aus seinem Spiel, blickte zu ihr auf und wollte ihr die Garage zeigen, die er aus Bauklötzen gebaut hatte. Ein kleiner rothaarige Junge saß neben ihn und blickte zu Anna neugierig auf. 

„Du, wir müssen los, wir haben heute Besuch und Benny wollen wir auch noch abholen.“

„Wer denn?“ Ralf schien verwundert. Kein Wunder, in den letzten Monaten hatte es keinen nennenswerten Besuch bei ihr gegeben. 

„Du wirst es sehen. Für dich vielleicht ein wenig langweilig, aber der Abend wird schon vorübergehen.“

Der Junge nahm es hin, ging zu seiner Erzieherin und deutete auf Anna, die der schwarzhaarigen, elegant gekleideten Mittdreißigerin zuwinkte. Sie wollte gerade mit ihrem Bruder zu den Spinden gehen, als sich ein hochgewachsener schlanker Mann ihr in den Weg stellte. 

„Anna? Hi!“

Anna blickte zu dem Unbekannten auf, der in diesen Moment an ihre Seite trat. 

„Hallo, Ralfi.“ Wurde auch der Junge von dem Mann begrüßt. 

„Ich kenne sie nicht.“ Meinte die Angesprochene misstrauisch. 

Die klaren blauen Augen ihres Gegenübers zeigten keinerlei Unsicherheit. 

„Das stimmt. Gesehen haben wir uns schon, aber anscheinend habe ich dabei keinen bleibenden Eindruck bei ihnen hinterlassen.“

„Das ist der Papa von Berti.“ Erklärte Ralf hilfsbereit seiner Schwester. 

„Ach ja, stimmt. Ich wollte erst einmal sie und ihren Sohn kennenlernen, bevor der Kleine bei uns übernachten darf.“

„Kann ich gut verstehen. Mein Name ist übrigens Detlef, freut mich und mein Kleiner ist nicht sonderlich kompliziert. Sein einziges Manko ist, dass er vergisst, von der Toilette aufzustehen, so wie jetzt.“

Anna konnte nicht anders, sie musste lachen bei dieser Vorstellung. 

„Kein Problem. Damit würden wir schon zurechtkommen. Wir haben zwei Toiletten in der Wohnung und mein Freund mag Kinder sehr gerne. Von daher gibt es da keine Komplikationen, denke ich. Sie bleiben erreichbar für mich, wenn ich Fragen haben sollte?“

„Ich würde vorschlagen, wir trinken einen Kaffee zusammen, die Kleinen spielen miteinander und wenn die Harmonie da ist, bleibt Bert einfach da. Wenn irgendetwas ist, hole ich ihn sofort wieder ab. Ist das in Ordnung für sie?“

„Ihre Frau würde auch kommen?“

Der junge Mann verneinte. 

„Ich bin alleinerziehend. Bertis Mutter ist vor einiger Zeit verstorben.“

Anna erinnerte sich jetzt, Ralf hatte ihr davon erzählt. Mitleid überkam sie in diesem Moment, dennoch sparte sie sich eine Erwiderung. Sie holte stattdessen ihr Portemonnaie hervor und reichte ihm eine Visitenkarte. 

„Sie können mir eine E-Mail schreiben oder abends anrufen. Dieses Wochenende ist allerdings bereits verplant, es tut mir leid.“

„Kein Ding, Anna. Ich rufe sie an, vielleicht klappt es ja die nächste Woche. Ich gucke jetzt mal nach meinem kleinen König. Hoffentlich bekomme ich ihn von seinem Thron herunter.“

Ralf griff nach Annas Hand und zog sie Richtung Tür. 

„Er will sehen, wer uns heute besuchen gekommen ist.“ Entschuldigte sie sich, winkte Detlef zu und ließ sich von ihrem jungen Bruder nach draußen ziehen. 

„Hier ist gar keiner.“ Stellte Ralf ernüchtert fest, sich sicherheitshalber noch einmal umblickend. 

„Wirklich? Das wäre aber blöde für uns. Ich habe extra Essen eingekauft. Wir waren doch hier verabredet.“

Ralf blickte enttäuscht zu ihr auf. 

„Wer war es denn? Kenn ich ihn?“

Anna blickte nachdenklich zu ihm herunter. 

„Ich weiß nicht, ob du dich noch an sie erinnert hättest. Aber na ja. Gehen wir nach Hause, du bringst deinen Tornister in dein Zimmer und danach holen wir Benny ab, einverstanden?“

Der Junge nickte und griff wieder nach ihrer Hand. 

„Spielen wir drei später zusammen?“

„Warte erst mal ab, wie Benny Lust hat. Ich aber auf jeden Fall, versprochen.“

„Indianerehrenwort?“

„Hallo? Was soll denn das jetzt bitte? Hab ich dich jemals angelogen?“

„Ja, hast du!“

„Und wann?“ Fragte Anna ihren Bruder beleidigt.

„Du wolltest mir einmal Chips kaufen und dann hast du es vergessen und zu mir gesagt, es gab keine.“

„Woher willst du wissen, dass ich gelogen habe?“

Anna sah aus ihrem Blickwinkel heraus Gülen anschleichen, Ralf aber bekam davon nichts mit. 

„Weil es immer Chips gibt. Außerdem habe ich den Onkel an der Kasse gefragt.“

„Sag mal, musst du mir vor den Füßen herumlaufen? Wie wäre es, wenn du mal zur Seite gehst, du Rotzlöffel.“

Der Junge schrak herum, machte große Augen, dann sprang er schon an der Freundin hoch. Er umarmte sie, weinte, drückte sie an sich und wollte sie nicht mehr loslassen. Anna rührte die Szene und obwohl sie die enge Bindung zwischen ihrer Freundin und dem Bruder kannte, war sie dennoch über dessen herzliche Reaktion überrascht. 

Auch Gülen zeigte sich gerührt, hob ihn hoch, vermochte es aber nicht, ihn lange auf ihren Armen zu halten. 

„Mein Gott bist du schwer geworden. Super jetzt flennen wir alle. Dabei sollten wir uns doch freuen, oder?“

„Warum kommst du erst jetzt?“ Wollte Ralf von Gülen wissen. 

„Du ich hatte gaaaanz viel zu tun. Aber vergessen habe ich euch nicht, versprochen.“

Annas Herz zog sich in diesen Moment zusammen. Das Gülen sie in Schutz nahm, ließ die Angelegenheit für sie fast noch schlimmer werden. Ihre Freundin hatte Recht. Sie hätte sich viel früher bei ihr melden müssen oder sie gar nicht erst aus ihrem Leben entfernen dürfen. Egal was ein Laval dazu gesagt hätte. 

Endlich beruhigte sich ihr Bruder, nahm Gülen bei der Hand und erzählte ihr alles, was er in den letzten Jahren erlebt hatte. Kathrin, deren Tochter, Benny, die Erzieherinnen im Kindergarten, seine Einschulung und die neue Lehrerin. Gülen kam selbst dabei nicht zu Wort und hörte dem Jungen einfach nur zu. 

So erreichten sie eine halbe Stunde später wieder die Wohnung. Gülen musste Ralfs Zimmer in Augenschein nehmen und auch all das Spielzeug, welches Anna für ihn angeschafft hatte. Ihre Freundin konnte gut mit dem Jungen umgehen und war wie gemacht für die Mutterrolle. Wie sehr hätte sie ihr ein Kind gegönnt. Es wäre, trotz der bescheidenen Möglichkeiten Gülens, behütet und geliebt aufgewachsen, dessen war sie sich absolut sicher. 

„Kommt ihr beiden. Wir müssen Benny abholen. Ich habe Franz angerufen, sonst schaffen wir es nicht mehr.“

„Wer ist Franz?“ Wollte die Freundin wissen. 

„Mein Taxifahrer. Er fährt mich, wenn ich ihn brauche und keine Zeit habe die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.“

„Und warum nicht meine Luxuskarosse? Ach Scheiß drauf. Was sollte ich neidisch sein, du bist halt jetzt ne Schnöseltusse geworden. Es sei dir vergönnt.“

Anna grinste und bat die beiden sich zu beeilen. 

 

4.  Bennys neue Kollegin

Der Arbeitstag war für Benny heute anders gewesen, als die der Wochen zuvor. Er hatte Pausen einlegen können, mit den Gästen Unterhaltungen geführt, Bestände kontrolliert und sich in Ruhe Gedanken darüber gemacht, wie er das Angebot für Longdrinks und Cocktails an seiner Bar ausbauen könnte. 

Das Café hatte sich in den letzten Monaten deutlich gemausert. Das war auch ihm zu verdanken, das spürte Benny nur all zu deutlich. Noch vor Kurzem waren es vor allem ältere Besucher gewesen, die das Lokal besucht hatten, doch durch moderneres Auftreten und zeitloser Unterhaltungsmusik kamen jetzt auch jüngere Kunden, um es sich in den alten stilvollen Gemäuern gutgehen zu lassen. 

Dabei hätte man schon vor Monaten neben den wenigen Aushilfen eine tüchtige Vollzeitkraft benötigt, doch Häger wartete so lange ab, bis Benny schließlich das offene Gespräch mit ihm gesucht hatte. Ohne Umschweife erklärte er sich seinem Chef und teilte ihm ganz offen mit, dass er die Schnauze voll hatte. 

Chara war eine imposante junge Frau. Mittelgroß, drahtig und mit einem ausgesprochen hübschen Gesicht gesegnet, wirkte sie kess und apart zugleich. Ihre hellen grünen Augen blickten aufmerksam und gleichzeitig frech in die Welt, während ihre dunkle, etwas heiser klingende Stimme keine Mühe hatte, den Gegenüber in ihren Bann zu ziehen. 

Hatten sie beide einmal einen Zeitraum, in dem es ruhiger wurde, erzählte sie Benny von ihrer Familie, die in einem Dorf in der Pfalz einen Hof besaß. Sie schien dort eine sehr schöne Kindheit durchlebt zu haben, zumal sie oft in der Heimat ihres Vaters gewesen war, der als gebürtiger Ire in der in Deutschland stationierten britischen Armee gedient hatte. Ihre Mutter war Deutsche und hatte den Bauernhof mit in die Ehe eingebracht. 

Fachlich war die junge Frau überaus kompetent. Sie war eine ausgebildete Hotelfachfrau, besaß umfassende Gastronomieerfahrung und ein Gedächtnis, das Benny immer wieder zum Staunen brachte. Chara sang in zwei Bands und brauchte diese Fähigkeit, um sich die vielen Liedtexte schnell merken zu können. Überhaupt schien das Singen der Mittelpunkt in ihrem Leben zu sein, denn wenn sie sich nicht mit Benny unterhielt, sang sie leise vor sich hin. 

Benny konnte heute früher freimachen. Eine Möglichkeit für ihn, einige der angesammelten Überstunden wieder loszuwerden. Chara war ein echter Glücksgriff für den kleinen Betrieb, denn sie konnte nicht nur den Service übernehmen, sondern auch die Bar. 

„Hast du eigentlich eine Freundin, Benny?“

Der Junge blickte erstaunt zu seiner Kollegin rüber, die auf der gegenüberliegenden Seite der Theke stand. 

„Eh ..., schon ja.“

Sie nickte, griff über die Theke hinweg nach einem Lappen, der neben der Spüle lag und wischte mit ihm über ihr Tablett. 

„Schade. Wir hätten sonst was zusammen machen können.“

Benny war noch nie so unverhohlen von einer Frau angesprochen worden, schon gar nicht von solch einer attraktiven. Abgesehen von Anna natürlich, aber das hatte ja andere Hintergründe gehabt, wie er wusste. 

„Was hättest du denn mit mir machen wollen?“

Chara prüfte die Sauberkeit ihres Tabletts und legte den Lappen anschließend wieder zurück an seinen Platz. 

„Na irgendwas. Ein wenig Bummeln gehen, was essen und trinken ..., vielleicht danach zu mir, für ein wenig Ficken?“

Sie grinste breit, behielt ihn im Blick ihrer grünen Augen und wartete sichtlich gespannt auf seine Reaktion.

Bei Benny ging bei dieser Vorstellung die Lampe an. Er war knallrot im Gesicht geworden. 

„Ist das dein Ernst?“

Chara zwinkerte ihm zu und nickte. 

„Klar, warum nicht? Ist doch nichts dabei. Mann muss doch nicht gleich ineinander verliebt sein, um sich in dieser Hinsicht ein wenig Spaß zu gönnen.“

Benny hatte mit dieser Feststellung wirklich Probleme.

„Und ein Freund hast du nicht?“

Sie hob ihre Schultern. 

„Du, ich bin nicht so der Beziehungsmensch. Ich finde den damit einhergehenden Besitzanspruch einfach bescheuert, verstehst du? Wenn mir ein Mann gefällt, frag ich ihn, ob er mit mir eine Nacht verbringen möchte. Die Betonung liegt dabei auf ‚eine‘.“

„Ist das bei Musikern so üblich?“

Chara gab ihm recht. 

„Ich denke schon. Man versteht es einfach in diesen Kreisen, miteinander locker umzugehen.“

„Und ich gefalle dir?“ 

Die junge Rothaarige nickte. 

„Ja, vor allem dein Nasenring. Traut sich nicht jeder, so etwas zu tragen. War auch der Grund, warum ich dich jetzt gefragt habe.“

Sie musterte ihn nachdenklich. 

„Aber mach dir keine Sorgen, wenn du eine Freundin hast, bist du für mich tabu.“

Bennys Gedanken rasten. Noch nie hatte er eine Frau so freizügig mit ihren Verlangen umgehen sehen.

„Wäre nett, wenn du mich jetzt nicht für ne Schlampe hältst. Jeden Typen frage ich so etwas nicht.“ Stellte sie noch beiläufig fest, den Blick wieder auf die wenigen belegten Tische im Gastraum gerichtet.

„Nein, natürlich nicht.“ Stotterte der Barkeeper. 

Chara ging zum Fenster und blickte hinaus auf den Markt. Wieder hatte sie ein Lied auf ihren Lippen, spielte mit ihren Zopf und ging einem eintretenden Gast entgegen, um ihm bei der Wahl eines Sitzplatzes zu helfen. 

Schlampe? Eher etwas wunderlich, wenn er ehrlich war. Gestern hatte sie ihn gefragt, ob er schon Erfahrungen mit Drogen gemacht hatte. Egal, sie war ansonsten in Ordnung, ausgesprochen fleißig und die Zeit verflog mit ihr im Eiltempo. Eigentlich war sie genau das, was Benny sich für den Job gewünscht hatte. 

Zwei Stunden später, es war noch ziemlich viel Betrieb, öffnete Anna die Tür des Cafés, ließ Ralf an sich vorbei in den Gastraum stürmen, der schnurstracks hinter die Theke gelaufen kam und sich von Benny auf den Arm heben ließ. 

„Na, du Racker? Alles klar?“

Der Junge nickte, griff nach Bennys blauer Krawatte und zupfte an deren Knoten herum. 

„Gülen ist da!“

Er deutete auf eine junge Frau mit langen braunen Haaren und einem sehr attraktiven Gesicht. Sie war zwar mollig, wirkte aber dennoch sehr ansprechend, wie Benny fand. 

Die junge Deutschtürkin hielt auf ihn zu, umarmte ihn ungeniert und nahm ihn dann demonstrativ von oben bis unten in Augenschein. 

„Gut, Blondi, der ist genehmigt.“

Anna lachte, ließ sich von ihrem Freund küssen und fragte ihn danach, wann er Feierabend machen durfte. 

„Dauert noch. Im Moment ist es zu voll, um Chara allein zu lassen.“

Anna wollte gerade an einem der Tische gegenüber der Theke Platz nehmen, merkte auf und blickte fragend zu Benny rüber. 

„Chara? Du hast mir bisher nichts von ihr erzählt.“

„Doch, habe ich. Du bist nur nicht weiter darauf eingegangen.“

Anna erinnerte sich. Stimmt, da war etwas. Gülen war es schließlich, die ihre Gedanken in diese Richtung unterband. Sie wollte sich vor ihrer Freundin nicht eifersüchtig zeigen, auch wenn dieses Gefühl für sie in diesem Moment schwer zu ignorieren war. 

„Ist sie das?“ Knurrte Anna und deutete auf die Bedienung, die in diesem Augenblick den Gang zur Theke zurückkam.

„Ja, die ist in Ordnung. Glaub mir. Warte, ich stelle euch vor.“

Er ging Chara entgegen und deutete auf den Tisch mit seinen drei Gästen. 

„Du, meine Freundin ist gerade gekommen, ich würde sie dir gerne vorstellen.“

Chara blickte neugierig zu dem Tisch rüber, näherte sich ihm ungeniert und begrüßte zuerst Gülen.

„Du bist Bennys Freundin? Freut mich, ich bin die Chara.“

Benny hielt für einen Moment die Luft an. Hätte Annas Blick die Kollegin töten können, sie wäre auf der Stelle gestorben. 

„Nein, das bin wohl eher ich.“ 

Chara stutzte, betrachtete die Blondine mit den ernsten Gesichtszügen eingehend und entschuldigte sich dann bei ihr. 

„Sorry. Ich habe geglaubt ..., ich meine ...“

Gülen war es schließlich, die rettend in die Situation eingriff. 

„Das ist Ralfi, der Bruder meines Liebchens hier und die schaut nicht mehr ganz so böse drein, wenn man sie erst einmal ne Zeit lang kennt.“

Anna warf ihrer Freundin einen missmutigen Blick zu, nahm aber die ausgestreckte Hand der Bedienung schließlich an, die verwundert auf ihre schwarzen Lederhandschuhe herunterblickte.

„Hallo.“ Kam es schmallippig über ihre Lippen. 

Chara ging mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen über die peinliche Situation hinweg und wandte sich an den Jungen. 

„Hallo Ralf. Magst du eine heiße Schokolade trinken? Ich lade dich gerne dazu ein.“ 

„Oh, ja!“ Freute sich der Kleine und zeigte dabei deutlich seine Begeisterung. 

„Nein! Nicht um diese Zeit. Du musst noch zu Abend essen.“ Unterbrach Anna die Euphorie ihres Bruders und würgte damit auch den Wiedergutmachungsversuch der Bedienung ab. 

Charas Blick sprach Bände. Sie wandte sich ab und ging zu ihrer Kasse zurück, um dort eine Bestellung einzugeben. Benny folgte seiner Kollegin, auch er schien mit Annas abweisenden Verhalten sichtlich Probleme zu haben.

Gülen blickte der rothaarigen Servicekraft nach, beugte sich zu Ralf rüber und suchte den Jungen zu beruhigen, der mit seinen Tränen kämpfte. Er schien solche rauen Töne von der Schwester nicht gewohnt zu sein. 

„Wusste gar nicht, dass du so arschig sein kannst.“ Meinte Gülen beiläufig zu Anna.

„Was? Nur weil Ralf keinen Zuckerschock bekommen soll?“

„Sicher, dass es hier gerade um deinen Bruder ging? Wer´s glaubt.“

Anna blickte zu Bennys Kollegin rüber, die ihm in diesen Moment einen kleinen weißen Zettel reichte. Entschuldigte sich ihr Freund jetzt für sie? 

„Chara ist hübsch, rastest du deshalb so aus?“

Anna wandte sich überrascht Gülen zu. Auch Ralfs Augen waren in diesen Moment auf sie gerichtet. 

„Nur weil Ralf keinen Kakao trinken darf? Tickt ihr noch richtig? Ich muss mir doch erst einmal einen Eindruck von ihr verschaffen.“

„Du hast dir doch schon längst einen gebildet. Vielleicht deshalb, weil sie mich für Bennys Freundin gehalten hat? Vielleicht hatte sie geglaubt, dass du zu hübsch für ihn bist?“

Die blonde junge Frau rollte demonstrativ mit ihren Augen. 

„Warum nimmst du sie so in Schutz? Du kennst sie doch gar nicht.“

Gülen schien die Angelegenheit ziemlich amüsant zu finden. 

„Ich finde es nur interessant, dass du so aggressiv reagierst. Ich meine da fragt man sich doch als Frau, warum das so sein könnte.“

Anna merkte auf. 

„Wie meinst du das?“

Gülens Blick wanderte über den sportlichen Körper ihrer Freundin, unter deren schwarzen Oberteil sich die Kurven ihres üppigen Dekolletees abzeichneten. 

„Na wenn eine Frau wie du so reagiert, dann kann dein Freund kein schlechter sein. In jeder Hinsicht, verstehst du?“ 

„Du meinst jetzt nicht wirklich ...“

Ralf schmollte noch immer und blickte auf seine Füße herunter. Wahrscheinlich waren seine Gedanken immer noch mit dem Kakao beschäftigt. 

„Genau das, Zartheit. Du regst gerade ihre Fantasie an.“

Annas Blick richtete sich auf ihren Freund, der wieder ganz in seine Arbeit aufgegangen war. 

„Scheiße! Du hast Recht. Wie blöd muss ich sein.“

Sie griff nach der rechten Hand ihres Bruders und führte sie an ihren Mund. 

„Sorry, Süßer. Ich bin heute nicht so gut drauf. Du bekommst deinen Kakao, einverstanden? Aber ohne Sahne.“

Ralf blickte mit Tränen in den Augen zu ihr auf, nickte dann aber. Wahrscheinlich dachte er besser als nichts in diesen Moment. 

Gülen deutete auf die rothaarige Bedienung, die in der Zwischenzeit einen anderen Tisch bedient hatte. Anna folgte der Geste ihrer Freundin und hob den Arm, als Bennys Kollegin sie passieren wollte. 

„Ja, bitte?“ Fragte Chara höflich. Dennoch konnte man deutlich ihre Antipathie spüren, in diesen Augenblick. 

„Könntest du uns doch noch einen Kakao bringen? Tut mir leid wegen gerade ...“ 

Chara blickte auf die so kühl wirkende Blondine mit den braunen Augen herunter. Bennys Freundin besaß ein extremes Aussehen und wirkte in ihren Augen wie eine Pornodarstellerin, die sich selbst auf eine Hülle reduziert hatte. Auf solch einen Frauentyp sollte ihr neuer Kollege stehen? Noch dazu, dass seine Partnerin es darauf anzulegen schien, kalt und böse auf ihre Mitmenschen zu wirken. 

„Mach ich, kein Problem. Kommt gleich, Ralf, versprochen.“

Der Junge zeigte deutlich seine Freude, blickte der Servicekraft nach und griff dann nach einer Serviette, um sie zu falten.

„Wie die mich gerade angesehen hat. Ich kann die Tussi nicht leiden, ich will da ganz ehrlich sein.“ Stellte Anna fest. 

„Großer Gott, jetzt mach doch nicht solch ein Fass auf. Sieh dich doch mal an! Du provozierst normale Mädels. Das war es doch, was man bezweckt hat, oder nicht? Du bist zu einer Männerfantasie geworden und eine normale Frau sieht dich deshalb als Bedrohung an.“

Anna schüttelte ihren Kopf. 

„Du findest heute genau die richtigen Worte, weißt du das eigentlich?“

„Tut mir ja leid. Aber ich will doch nur, dass du lernst, damit umzugehen.“

Die Domina seufzte. 

„Es ist ja nicht so, als ob ich nicht schon selber auf diesen Trichter gekommen bin, Missi. Nur damit klarkommen, das ist die Herausforderung für mich. Glaubst du, es fühlt sich geil an, wenn jeder Kerl dich mit seinen Blicken ...“ Ihre Augen ruhten auf ihren Bruder, der ihr gegenüber saß und in seinem Spiel mit der Serviette versunken war. 

„Es kann nerven, mag sein. Aber das ist auch irgendwie ein Luxusproblem, oder etwa nicht? Sei doch froh, dass du einen Stech... hast, einen coolen Job und diese geile Bude. Ich wäre gerne an deiner Stelle, glaub mir.“

Annas Stimmung wurde immer dunkler. Gülen wäre gerne an ihrer Stelle? Sie wusste doch gar nicht, was es bedeutete, eine Domina zu sein. War sie es nicht gerade noch gewesen, die von „krank“ gesprochen hatte? Außerdem hatte die Freundin eine große Familie, die sie trug, während sie mit ihrem Bruder mehr oder weniger auf sich allein gestellt war, einmal von Benny abgesehen.

„Benny scheint tüchtig zu sein.“ Stellte Gülen schließlich fest, nachdem Anna ihr schweigend gegenüber saß und in ganz andere Sphären verweilte. 

„Überhaupt ist er ein süßer Schnuckel. Macht viel Sport, was?“

„Mit mir zusammen, ja. Früher sah er anders aus und ich habe ihn trotzdem haben wollen.“

„Was für ein Glück, dass ich jetzt wieder da bin. Blondi, du musst dich da wirklich in Griff bekommen, sonst machst du dich kaputt.“

„Blondi?“ Fragte Ralf und blickte zwischen Gülen und seiner Schwester hin und her. 

„Nur ein Spitzname für deine Sister. Aber das darf nur ich zu ihr sagen, Ralfischatz, alle anderen verhaut sie furchtbar.“

Anna blickte noch einmal zur Theke hinüber und stand dann auf. 

„Ich gehe mal zu Benny. Ich mag nicht hier ewig auf ihn warten müssen.“

Während Anna die wenigen Schritte zur Theke ging, konnte Gülen die Reaktionen der Gäste auf den Anblick ihrer Freundin beobachten. Man machte sich gegenseitig auf die Frau in Schwarz aufmerksam, tuschelte aufgeregt miteinander oder beobachtete sie schweigend. Es gab niemanden im Raum, der sie nicht beobachtet hätte, in diesen Moment,  abgesehen von einem Rentnerpaar, dass schweigend seinen Kuchen zu sich nahm. Krass. 

„Wie lange brauchst du noch?“ Fragte Anna ihren Freund gereizt. 

„Zirka eine halbe Stunde. Dann kommt Häger vor und löst mich ab.“

„Gut, solange warten wir noch.“

Kurz überlegte sie, ob sie noch etwas zu ihm sagen wollte, unterließ es aber. Sie ärgerte sich selbst darüber, dass Bennys Kollegin sie so verunsichert hatte. 

„Ich gehe dann wieder zurück zum Tisch. Bringst du mir noch eine Latte?“

Benny nickte. 

„Selbstverständlich, Herrin.“

Er grinste und schien zu ahnen, dass sie sich über seine Worte ärgerte. 

„Hör auf damit! Wir haben doch darüber gesprochen.“

„Anna! Das war nur Spaß! Beruhige dich.“

War es das? Sie konnte es nur hoffen.

 

 

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