Von Fehlern und Fassaden 2

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Warnung: Das ist ein Selbstversuch. Ich will mich durch die Veröffentlichung dieser Fortsetzung zum Weiterschreiben zwingen. Ich entschuldige mich im Voraus, sollte es nicht funktionieren. Sex kommt auch erst ganz am Ende vor. Also geht bitte nicht mit zu vielen Erwartungen ans Lesen. ;)

Liebe Grüße

eine schon seit zwei, drei Jahren in einer Schreiblockade gefangene Loreley

 

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Vorhergehnder Teil: Von Fehlern und Fassaden

 

Zwei

 

„Sie kriegen einen neuen Dolmetscher.“

Vor vier Wochen hat mein Vorgesetzter diesen Satz zu mir gesagt und ich habe innerlich nur mit den Schultern gezuckt. Ja. Okay. Kein Ding. Doch jetzt, da mir deren Bedeutung bewusst ist, klingeln mir seine Worte in den Ohren. Gemeint war: eine neue Dolmetscherin. Eine Unteroffizierin, in der Sie letzten Samstag Ihren Schwanz stecken hatten, Herr Leutnant.

Scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße!

Warum muss das ausgerechnet mir passieren? Ausgerechnet dieses eine Mal, zu dem ich meine eiserne Regel gebrochen habe, nicht dort zu essen wo ich Dienst tue. SCHEISSE!

Sie ist die Ruhe selbst. Kein Zucken der Mundwinkel, kein Entsetzen in den Augen. Sie geht ganz gelassen neben mir her, während ich sie zu ihrer Stube führe. Wir bleiben vor der Tür stehen und ich lege ihr den Schlüssel in die Hand. Ein elektrischer Schlag fährt durch meinen Arm, als sich unsere Finger für den Bruchteil einer Sekunde berühren.

„Vielen Dank, Herr Leutnant. Ich werde mich gleich in Ihrem Büro melden.“

Dann ist sie in die Stube geschlüpft und zieht die Tür hinter sich zu.

Ich zögere. Anklopfen? Nein, bescheuert. Also wende ich mich ab und gehe den Gang hinunter. Bevor ich um die Ecke ins Treppenhaus biege, höre ich hinter ihrer Tür noch ein Scheppern und ein lautes -

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- „FUCK!“

Ich trete meine Kampftragetasche durch die Stube und stoße noch ein paar beherzte Flüche aus, dann erlange ich die Selbstbeherrschung wieder. Naja, zumindest ein bisschen. Meine Knie zittern, als ich mir den Rucksack von der Schulter reiße und ihn aufs Bett pfeffere.

Nach drei Jahren bekomme ich endlich die Stelle, auf die ich die ganze Zeit hingearbeitet habe und dann? UND DANN?

Dann lasse ich mich zwei Tage vor Dienstantritt von meinem Zugführer vögeln. Das kann einfach nicht wahr sein.

Vor Wut kommen mir fast die Tränen, während ich meinen Kram in den Spind räume. Die ganze Zeit habe ich mich strikt an meinen Kodex gehalten. Nicht geflirtet, mich aus allen Schäkereien herausgehalten, nie auch nur in irgendeiner Form irgendeinen Funken von Sexualität aufkommen lassen im Dienst. Und dann das.

Ich lasse kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und stelle mich vor den Spiegel. Ruhig bleiben. Das ist nicht das Ende der Welt. Schultern straff, Rücken gerade. Das lässt sich wieder hinbiegen. Wenn er die Klappe hält, muss das niemand erfahren.

Ja, lüg dir nur selbst in die Tasche. Er ist ein Mann. Er wird nichts für sich behalten. Du hast jetzt den Stempel auf der Titte, Süße: NATO-Matratze.

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Der Stuffz starrt mich schon mit verkniffenem Mund an, als ich zurück in mein Büro komme. Ich werfe ihm einen Blick zu, der ihn blass werden lässt, dann setze ich mich. „Männer, die neue Dolmetscherin ist da.“

Damit ernte ich ein einstimmiges Stöhnen von meinen Unteroffizieren. Oberfeldwebel Manning verdreht die Augen. „Ne Tussi?“

„RUHE!“ Mein Donnern reicht, dass sie alle zusammenzucken. „Mir ist völlig egal, was jeder einzelne von Ihnen von Frauen in Uniform denkt. Die Kameradin wird anständig behandelt. Kapiert?“

Sie nicken betreten. Ich sehe Manning an. „Kapiert, Herr Oberfeldwebel?“

Er zieht die Nase hoch. „Ja, klar.“

„Bitte?“

„Jawohl, kapiert, Herr Leutnant.“

Damit gebe ich mich für den Moment zufrieden. Ich weiß jetzt schon, dass er Probleme machen wird, aber damit befasse ich mich, wenn es soweit ist. Im Augenblick habe ich gerade selbst erst den Boden unter den Füßen wiedergefunden, auch wenn das von meinen Leuten keiner ahnt. Außer vielleicht der Stuffz.

Sie betritt das Büro und grüßt. Ich trete hinter meinem Schreibtisch hervor und absolviere die obligatorische Vorstellungsrunde. Sie drückt dem Stuffz für eine kaum merkliche Sekunde länger die Hand als den anderen, dann tritt sie in den Hintergrund.

„Sie sind alle in den Dienstschluss entlassen. Bis morgen, Männer.“ Ich verschlucke mich fast am letzten Wort, das mir wie üblich über die Lippen kommt. Sie ist die erste Frau in meinem Zug – ich muss dringend mein Vokabular überarbeiten.

Die Männer trollen sich, sie verlässt ebenfalls das Büro, nur der Stuffz tingelt noch ein bisschen herum. Als alle weg sind, schaut er mich an und zieht die Augenbraue hoch. Ich würde ihm diesen Gesichtsausdruck am liebsten von der Visage reißen, aber ich beiße die Zähne zusammen und sage nur: „Gibt’s noch was?“

Er runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf, dann verzieht er sich. Die Tür fällt hinter ihm zu. Ich lasse mich in meinen Schreibtischstuhl sacken und lege das Gesicht in die Hände.

Das hätte nicht passieren dürfen.

 

Der Aktenstapel auf meinem Schreibtisch ist in den letzten Stunden bedeutend kleiner geworden. Mich in die Arbeit zu flüchten hat schon immer funktioniert, aber jetzt versagt meine Disziplin langsam aber sicher. Ich versuche schon zum vierten Mal, den Dienstplan für die kommende Woche durchzugehen, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Zu ihr. Mein Hirn produziert Bilder. Ich sehe ihren Kopf zwischen meinen Beinen. Ihre Brüste unter meinen Händen. Ich fühle ihre Nässe an meinen Fingern. Und ich sehe sie im Büro des Kompaniechefs stehen, die Hand zum Gruß an die Stirn gehoben, kein Funken des Wiedererkennens in ihren Augen.

Frustriert schüttle ich den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Erfolglos. Das Wissen, dass sie nur ein paar Meter den Gang hinunter auf ihrer Stube sitzt und sich wahrscheinlich genauso das Hirn zermartert, wie mit dieser Situation umzugehen ist, sollte die Sache einfacher machen, tut es aber nicht.

Wäre es nicht das Naheliegendste, einfach an ihrer Tür zu klopfen und darüber zu reden? Nein. Nein, auf gar keinen Fall. Nur ein falsches Wort aus meinem Mund und meine Laufbahn ist endgültig beendet. Verflucht, diese kleine Hexe kann alles kaputt machen. Alles! Ein klein wenig kann ich Manning verstehen. Frauen machen unseren Job nicht einfacher. Das, was ‚draußen‘ als harmloses Geplänkel durchgeht, kann einen Mann hier stürzen. Eine unbedachte Äußerung gegenüber einer Untergebenen kann im Handumdrehen zu einem Skandal werden.

Ich ertappe mich dabei, wie ich irrational wütend werde. Auf alle Frauen in der Truppe und ganz besonders auf sie. Dabei hat sie überhaupt nichts getan. Sie wusste nicht, wer ich bin, sie hatte genauso wenig Ahnung wie ich, worauf sie sich einließ, als sie mit mir in dieses Taxi gestiegen ist.

Warum ist es plötzlich so schwer, damit einigermaßen erwachsen umzugehen?

Bevor ich weiß, was ich tue, stehe ich vor ihrer Stubentür. Ich habe schon die Hand erhoben, um zu klopfen, dann mache ich einen schnellen Schritt rückwärts. Was soll ich zu ihr sagen? „Hören Sie, Frau Unteroffizier, das vorletzte Nacht war ein Fehler?“ Ja, ganz sicher nicht. Verdammt.

Ich gehe zurück zu meinem Büro, wo ich mich aufs Sofa lege und die Beine ausstrecke. Meine Glieder sind schwer und der Kopfschmerz ist zurückgekehrt. An Schlaf ist nicht zu denken.

Mein Handy vibriert. Der Stuffz. Ich habe keine Lust. Aber mit irgendwem muss ich reden.

Ich gehe ran. „Hi.“

„Noch in der Kaserne?“

„Hm.“

„Dachte ich mir schon. Hast du mit ihr gesprochen?“

„Nein.“

„Solltest du aber.“

Seine direkte Art ist sonst einer seiner Charakterzüge, die ich am meisten schätze. Aber gerade kann ich nichts damit anfangen. „Was soll ich denn deiner Meinung nach sagen?“

Er seufzt. „Keine Ahnung. Aber… die Sache einfach ignorieren wird nicht funktionieren.“

„Hm.“

Wir schweigen. Ich weiß, dass er gerade genauso fieberhaft überlegt wie ich. Nach einer Weile spricht er wieder: „Wie schätzt du sie denn ein?“

„Was meinst du?“

„Naja, eher in Richtung falsche Schlam… Schlange? Oder eher der entspannte Typ?“

Ich verdrehe die Augen. „Ich hab keine Psychoanalyse bei ihr durchgeführt, Mann.“

„Jaja, ich weiß, du hast nur Fieber gemessen. Aber hast du ein Gefühl?“

Ich deute ein Kopfschütteln an, bevor mir auffällt, dass er das ja nicht sehen kann. „Nein, nicht so richtig.“ Ich suche nach den passenden Worten. „Nur dass sie keine Tussi ist.“

„Na das ist doch schon mal was.“

„Keine Ahnung. Oh Mann…“ Ich drücke mir den Handballen aufs Augenlid und versuche, nicht vor Erschöpfung zu stöhnen. „Ich muss schlafen.“

„Ja ich auch. Klappt nicht so richtig im Moment.“

„Bei mir auch nicht.“

Ich höre sein erschöpftes Ausatmen durchs Telefon. „Kommt grad alles zusammen irgendwie…“

„Wieso, ist sonst noch was los bei dir?“

Er sagt eine Weile lang nichts. Dann seufzt er wieder. „Wir reden mal bei Gelegenheit, okay?“

„Okay.“ Ich spüre ein scharfes Ziehen im Hinterkopf. „Mark?“

„Hm?“

„Wenn was ist, sag Bescheid, okay?“

„Hm. Du auch.“

„Okay. Und nimm was, wenn du nicht schlafen kannst.“

„Jaja. Das gleiche gilt für dich.“

„Hm… Bis morgen.“

„Morgen. Tschö.“

Er legt auf. Ich stecke das Handy weg und starre an die Decke. ‚Kommt grad alles zusammen irgendwie‘… Da hat er verdammt recht.

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Ich bin ruhelos, also unternehme ich einen Spaziergang durch die Kaserne. Es ist schon fast Mitternacht, außer den Streifen und mir ist niemand mehr unterwegs. Die Fenster der Kaserne sind alle dunkel, ein paar Fledermäuse schwirren umher. Ich sauge die eisige Luft ein und warte vergeblich auf ein wenig innere Ruhe.

Schließlich komme ich wieder vor meinem Block an. Durch die Tür sehe ich den UvD, der auf den Fernseher schaut und keine Notiz von mir nimmt. Mit vor Kälte zittrigen Fingern zünde ich mir eine Zigarette an. Gedankenverloren beobachte ich einen Marder, der sich unter einem BMW verkriecht, und nehme die Schritte nicht wahr, ebenso wenig wie die Tür, die hinter mir geöffnet wird, bis sie schließlich in die Angeln fällt. Erschrocken fahre ich zusammen und lasse die Kippe fallen. Ich drehe mich um und blicke in das Gesicht des Leutnants. Er ist erstarrt und sagt kein Wort.

Schweigend hebe ich den erloschenen Glimmstängel auf und werfe ihn in den Aschenbecher. Als ich die Augen wieder hebe, sieht er mich immer noch ausdruckslos an. Eine unangezündete Zigarette steckt zwischen seinen Lippen. Dann senkt er den Blick und kramt in den Taschen.

Ich halte ihm die Flamme meines Feuerzeugs hin. „Fest saugen.“

Er lacht trocken. „Danke.“

Ich überlege, ob ich nach drinnen flüchten soll, dann entscheide ich, dass es kindisch wäre. Ich stecke mir selbst noch eine an und blase angespannt den Rauch aus. Das Fenster zum Dienstraum ist gekippt, aber der Ton des Fernsehers ist laut genug, dass der UvD uns nicht hören wird. „Es tut mir leid“, murmle ich.

Er runzelt die Stirn. „Bitte?“

„Ich sagte: Es tut mir leid. Das… alles. Das hätte nicht passieren dürfen.“

Sein Mundwinkel zuckt. „Sie entschuldigen sich schon wieder?“ Dann registriert er meinen erkalteten Gesichtsausdruck und schluckt. „Okay, das tut mir jetzt leid. Das war unangemessen.“

Ich schüttle betreten den Kopf. „Das war ‚fest saugen‘ auch, also sind wir quitt.“

Er kann sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Gut, wir sind quitt.“

„Und jetzt?“ Ich nehme einen tiefen Zug.

Ein Schulterzucken von ihm spiegelt ziemlich genau mein Innenleben wieder. „Keine Ahnung. Was sagen Sie?“

„Ich sage gar nichts.“

Seine Augen werden schmal, während er überlegt, ob er mich richtig verstanden hat. „Soll heißen?“

Ich seufze, als mir die Müdigkeit und der Stress kleine Sternchen im Kopf tanzen lassen. „Soll heißen: Ich werde gegenüber keiner Sterbensseele auch nur ein Wort über den Samstag verlieren – sofern Sie selbiges tun.“

Die wenig verhohlene Drohung ist angekommen, denn eine kleine Spur von Wut tritt in sein Gesicht. „Gut. Dann verstehen wir uns. Kein Wort mehr davon.“

„Sprechen Sie auch für den Stabsunteroffizier?“

„Ja. Hundertprozentig.“

„Gut. Wenn das alles war, gehe ich jetzt ins Bett, Herr Leutnant.“

Er murmelt noch ein „Gute Nacht“, als ich an ihm vorbei und zurück in den Block gehe. Das letzte, was ich von ihm höre, bevor die Tür zufällt, ist ein erleichtertes Ausstoßen von Rauch.

 

 

Die ersten Tage verlaufen entspannter als erwartet. Es gibt für mich noch nichts zu tun, da die neue Ausbildungsrunde erst in zwei Wochen anläuft, also mache ich mich mit den Kameraden und dem Gelände vertraut.Der Truppenübungsplatz ist riesig und die ersten Ausläufer der fränkischen Rhön, die sich um die Kaserne erstrecken, besitzen eine raue aber idyllische Schönheit, die mir nie so bewusst war, während ich hier groß geworden bin.

Im Grunde bin ich heimgekommen. Der Ort, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, ist nur zwanzig Minuten entfernt. Meine Eltern leben hier, genauso wie alte Schulfreunde, mit denen ich noch Kontakt halte. Es wird wohl Zeit, sie alle mal wiederzusehen. Aber nicht gleich.

Ohne Auftrag kann ich mich fast den ganzen Tag zum Sport entschuldigen. Also laufe ich, fahre Rad oder wandere. Es geht mir nicht nur darum, meine Heimat von neuem zu entdecken, sondern vor allem darum, dem Leutnant aus dem Weg zu gehen. Wir begegnen uns reserviert höflich. Ich denke, dass niemandem irgendetwas daran auffällig vorkommen könnte.

Ich sprinte schwer atmend den moosigen Waldweg hinauf, um die letzten hundert Meter des Lagerbergs hinter mich zu bringen. Warum müssen Kasernen so oft auf Hügeln liegen? Unter mir breitet sich Hammelburg in all seiner Kleinstadtidylle aus. Ein Stück vor dem Haupttor lasse mich für ein paar Minuten auf einer Holzbank am Wegrand nieder und genieße den friedlichen Ausblick, wobei ich mir zum ersten Mal seit drei Tagen die Zeit nehme, mein Handy einzuschalten.

Himmel, sechs Nachrichten und mehrere Anrufe von Katha! Sofort befürchte ich das Schlimmste. Autounfall, Familientragödie,…

Süße, ruf mich mal an wenn du Zeit hast.‘ Nachricht eins, abgeschickt am Montag, also vorgestern. Vier Stunden später die nächste: ‚Wann hast du Schluss? Müssen telefonieren!‘. Ich überspringe die nächsten drei SMS, die bei jedem Wort panischer klingen, und lese die letzte, angekommen heute Morgen: ‚Ignorierst du mich jetzt? Ich kann doch auch nichts dafür!!! RUF MICH AN!‘

Ich lese nochmal nach, aber ihre Nachrichten sind ungewohnt kryptisch, sodass ich keine Ahnung habe, was los ist. Es ist gerade halb drei, sie ist noch auf der Arbeit und nicht zu erreichen.

Mit den letzten mobilisierten Reserven jogge ich zurück zu meinem Block. Auf der Stube angekommen ziehe ich die Turnschuhe aus und stelle sie draußen aufs Fensterbrett, dann krame ich mein Duschzeug zusammen und mache mich auf den Weg zu Waschraum. Ich will gerade die Tür zu den Duschen öffnen, als ich hinter mir jemanden bellen höre: „Unteroffizier Schwarz!“

Ich habe mir abgewöhnt, sofort Haltung anzunehmen, wenn jemand nach mir pfeift, solange ich keine Uniform trage. Also drehe ich mich gelassen um. Oberfeldwebel Manning steht am anderen Ende des Gangs, die Hände in die Hüften gestemmt und mit dem typischen Gesichtsausdruck, der wohl Autorität ausdrücken soll, aber einfach nur großkotzig wirkt. Und er erwartet ganz offensichtlich, dass ich zu ihm komme. Ich taxiere ihn, während ich meinen Widerwillen bekämpfe. Er war mir auf den ersten Blick unsympathisch, aber ich muss ja nicht sofort einen Zickenkrieg vom Zaun brechen, und so lege ich die paar Meter zwischen uns zurück. Ganz ohne Eile.

Ich bleibe in angemessener Distanz vor ihm stehen und sage nur tonlos: „Herr Oberfeldwebel.“

Sein Blick wandert abschätzig von meinen Badeschlappen über die Jogginghose zu meinem Gesicht. Dann wieder nach unten, auf mein Tanktop. Es ist grau, und auch ohne in einen Spiegel zu sehen weiß ich, dass ich Schweißflecken unter den Armen und am Bauch habe. Und zwischen den Brüsten. Genau dort bleiben seine Augen hängen. Zu lange, als dass man es einfach als schweifendes Registrieren abtun könnte.

Seine Mundwinkel zucken, bevor er sich dazu zwingt, mir ins Gesicht zu sehen. „Der Leutnant will Sie im Zugführerbüro sehen.“

„Sofort?“

Er grinst anzüglich. „Naja, er kann sich bestimmt gedulden, bis Sie sich hübsch gemacht haben.“

Ich verkneife mir einen angewiderten Gesichtsausdruck und antworte nur stumpf: „Danke, Herr Oberfeldwebel.“ Dann drehe ich mich abrupt um und mache ich mich wieder auf den Weg zur Dusche. Es entgeht mir nicht, dass er mir nachsieht, bis ich im Waschraum verschwunden bin.

Ich spüle mir den Schweiß mit zügigen, fast aggressiven Bewegungen vom Körper und schlucke meinen Ärger herunter. Pisser gibt es an jeder Kaserne, aber schon nach diesem kurzen Wortwechsel weiß ich, dass Manning und ich noch ernsthaft aneinander geraten werden, wenn ich nicht aufpasse. Typen wie ihm bin ich schon einige Male begegnet: Verkappte Machos, die ihren Spaß daran haben, weibliche Kameraden mit Kommentaren zu sticheln, die haarscharf an der Grenze zur Belästigung vorbeischrammen. Bis jetzt bin ich noch mit jedem von ihnen fertig geworden und ich hege keine Sekunde lang Zweifel daran, dass es mit ihm nicht genauso laufen wird.

Meine Wut verebbt und wird vom Wasser in den Abfluss gespült. Ich ziehe meine Uniform an, knote meine Haare straff zusammen und bereite mich innerlich auf die Begegnung mit meinem Vorgesetzen vor.

 

 

Mit einem tiefen Atemzug trete ich durch die offene Tür ins Zugführerbüro und nehme Haltung an. „Herr Leu-„

Seine forsch erhobene Hand unterbricht mich. „Ohne Meldung.“ Konzentriert tippt er etwas zu Ende, bevor er sich erhebt, die Uniform straff zieht und mir zunickt. „Setzen Sie sich, Frau Unteroffizier.“

Ich lasse mich auf dem angebotenen Stuhl nieder und falte die Hände in meinem Schoß. Er kommt hinter seinem Schreibtisch hervor und schreitet wortlos an mir vorbei. Irritiert wende ich mich nach ihm um.

Er geht zur Kaffeemaschine und schenkt sich eine Tasse ein. „Auch einen?“

„Nein danke, Herr Leutnant.“

Von der Seite kann ich sehen, dass er für eine Sekunde die Stirn runzelt, während er einen Löffel Zucker nimmt. Doch die Regung glättet sich sofort wieder. „Haben Sie sich schon eingelebt? Alles Organisatorische erledigt?“

„Ja, danke, Herr Leutnant.“

Er setzt sich mir gegenüber hinter den Schreibtisch und lehnt sich zurück. „Hier läuft es nicht ganz so straff wie in anderen Kasernen.“ Mit ruhiger Hand rührt er einige Male in seinem Kaffee, dann stellt er die Tasse ab und sieht mich an. „Sie müssen keine Meldung machen, wenn Sie hier rein kommen. Außerdem laufen Sie hier sowieso eine bisschen aus der Reihe.“ Ein kleines Lächeln zuckt um seine Mundwinkel.

„Das heißt was, Herr Leutnant?“

„Und das ‚Herr Leutnant‘ können Sie sich auch sparen.“ Er streckt sich in seinem Stuhl aus und legt den rechten Stiefel auf das linke Knie.

Ich frage mich, ob er sich betont lässig gibt oder tatsächlich so völlig entspannt ist. Letzteres würde dem genauen Gegenteil meines Innenlebens entsprechen. Nachdem wir am ersten Abend vor dem Block die Lage abgesteckt haben, sind wir uns nur dreimal begegnet und mussten dabei nicht wirklich miteinander reden. Aber ich habe immer noch das Gefühl, dass wir… Ich weiß es nicht in Worte zu fassen. Es ist nicht wirklich greifbar, aber die gemeinsam verbrachte Nacht liegt wie eine unausgesprochene Frontlinie zwischen uns. Und das ‚Sie‘ ist der Graben, der uns von der Eskalation trennt.

Er greift nach einer grauen Mappe im Regal neben ihm. Er legt sie sich in den Schoß, schlägt sie irgendwo in der Mitte auf und überfliegt die Seite. „Sie haben eine Ausbildung zur Übersetzerin gemacht, bevor Sie zur Bundeswehr gekommen sind.“

„Ja, Herr L-…“ Ich schlucke den Rest seines Dienstgrades hinunter.. „Ja.“

„Warum?“

Die Frage lässt mich stutzen. Was will er hören? Warum ich mich nicht sofort verpflichtet habe? Warum ich erst ziellos im Zivilleben herumgedümpelt bin? Er hat mit Sicherheit meinen Lebenslauf vor sich liegen. Also entschließe ich mich für die Wahrheit.

„Ich habe mich schon vor dem Abitur bei der Bundeswehr beworben, bin aber am Mathetest gescheitert.“

Er macht nur „Mh.“

„Am Mathe-Idiotentest.“ Ich räuspere mich unbehaglich, die Tatsache ist mir ausgesprochen peinlich, aber was soll ich machen. „Ich hatte mich schon mit dem Gedanken ange-„

„Warum haben Sie nicht die Offizierslaufbahn gewählt?“

Wieder so eine Frage, dieses Mal schroff wie ein Schlag mit der flachen Hand vor die Brust. Genau das habe ich ihm doch gerade erklärt! „Herr Leutnant, ich -„

„Sie wurden ein zweites Mal an die OPZ eingeladen, aber Sie haben abgelehnt.“

Schon wieder unterbricht er mich. Ist das hier ein Test? Irgendein Psychospiel? Seine harsche Art macht mich wütend und defensiv. „Als ich im Kreiswehrersatzamt war und nur das Wort Abitur erwähnt habe, wurde mir die Offizierslaufbahn quasi in den Rachen geschoben. Ich war an der OPZ, bin am Einstiegstest gescheitert und wusste, dass es ein zweites Mal nicht besser laufen würde.“

„Sie hätten sich besser vorberei-„

„Nein. Hätte ich nicht.“

Sein Blick schießt von meiner Personalakte direkt in mein Gesicht. Er sieht mich kalt an und schweigt.

Ich atme tief ein. „Herr Leutnant, ich hätte mich vorbereiten können so viel ich wollte. Es wäre nicht anders gelaufen. Vielleicht hätte ich den Idiotentest überstanden, aber am eigentlichen Mathetest wäre ich gescheitert. Aber das ist nicht wichtig. Ich wollte nie unbedingt Offizier werden. Ich will einfach nur Soldat sein. Ich hätte auch kein Problem damit, Mannschafter zu sein.“

Er blättert in der Akte auf seinem Schoß und nimmt wie nebenbei einen Schluck von seinem Kaffee. Seine Verhörtaktik verunsichert mich. Ich streiche mir mit den Fingern der rechten Hand über mein Ohr und drücke das Ohrläppchen. Ich wüsste zu gern, was er gerade denkt, doch er trägt die typisch ausdruckslose Maske des Vorgesetzten.

„Warum wollen Sie Soldat sein?“, fragt er mich tonlos.

Ich setze eine ebenso ausdruckslose Maske auf. „Ich bin Science-Fiction-Fan.“

Da entgleisen ihm die Gesichtszüge für einen Augenblick. Innerlich grinsend nehme ich die Schultern zurück und lege die vorbereitete Antwort auf seine sicherlich kommende Frage zurecht. Doch er schnaubt nur. Verdammt. Der Moment ist verflogen. Er lässt sich nicht ködern.

Mit einem Räuspern richtet er sich in seinem Stuhl auf und sieht mir in die Augen. „Ihr Dienstablauf hier ist sehr flexibel. Sie werden nicht pausenlos als Dolmetscherin eingesetzt, weil die meisten Leute, die hier die Ausbildung durchlaufen, hinlängliches Englisch sprechen. Aber der ein oder andere hochrangige Offizier wird dabei sein, dem Sie dann zugeordnet werden. Sie können damit umgehen? Sie wissen, wie Sie sich zu verhalten haben?“

Ich nicke nur knapp, ärgere mich immer noch, dass er sich nicht aus der Reserve hat locken lassen.

„Gut. Wenn Sie keinen Dolmetsch-Auftrag haben, werde ich Sie als Springer einsetzen. Was immer gerade anliegt und gebraucht wird. Haben Sie Fragen?“

Ich überlege einen Augenblick. „Ja.“ Ich tue es ihm gleich und gebe mich etwas straffer. „Hatten Sie vor mir schon einen Dolmetscher hier?“

Er will gerade zu einer Antwort ansetzen, als aus Richtung der Tür ein kehliges Lachen ertönt. „Oh ja, den hatten wir.“

Ich folge dem plötzlich belustigten Blick des Leutnants und entdecke den Stuffz, der mit einem Grinsen im Türrahmen lehnt. „Der hat nach ein paar Wochen die Flucht ergriffen!“ Er tritt in den Raum und kommt die paar Schritte auf uns zu und legt die Hände auf die Lehne meines Stuhls. Ein Zwinkern zum Leutnant, dann feixt er mich an. „Und so wie Sie sich gerade geschlagen haben, werden Sie hier wesentlich mehr Spaß haben als er!“

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Sie verlässt mein Büro und ich stoße die angehaltene Luft mit einem Zischen zwischen den Zähnen hervor. „Oh Mann.“

Der Stuffz lacht nur. „Du hättest dir deine Routine bei ihr doch wirklich verkneifen können!“ Er lässt sich auf den Stuhl fallen, von dem sie sich gerade erhoben hat, und schlägt die Beine übereinander. „Aber sie hat es gut hinter sich gebracht! Und sie hat dich überrascht.“

Ich verdrehe die Augen und werfe die graue Papierakte mit den Vorschriften für die Mülltrennung in die Ecke. „Das war ein Reflex. Wenn du wüsstest!“

„Wenn ich was wüsste?“

Ich versichere mich noch einmal, dass die Tür auch wirklich geschlossen ist, dann lehne ich mich mit einem müden Stöhnen zurück und fahre mir mit der Hand durchs Gesicht. „Sie kam hier rein und ich-…“ Das kann ich wirklich nicht laut sagen.

„Und was?“

„Mark, lass es gut sein.“

„Nein, sicher nicht. Sie kam hier rein und was?“

Dieses elende Dauergrinsen, ich könnte ihn erwürgen! „Ich… Fuck, Mann! Ich hab sofort…“ Nein. Das ist wirklich nichts, was man aussprechen sollte. Und er merkt es anscheinend. Sein Lachen gibt mir noch mehr das Gefühl, dass ich mich idiotisch verhalte.

„Okay, du bist offensichtlich noch nicht in der Lage, über dieses einschneidende Erlebnis zu sprechen, also gib mir einen Befehl, oder schrei mich an, oder sonst was, damit du dich besser fühlst!“

Ich schüttle nur den Kopf und sammle meine Gedanken. „Ich muss ihr noch erklären, was nächste Woche abgeht. Schick sie morgen früh nochmal zu mir.“

Als er den Raum verlassen hat, presse ich die Hand in meinen Schritt, um das Blut aus meinen Lenden zu vertreiben.

 

Drei

 

Angespannt und unzufrieden lasse ich mich auf mein Bett fallen. Das Gespräch mit dem Leutnant hat mich irritiert und aggressiv gemacht – Gefühle, denen ich nicht mehr Raum lassen will als nötig. Da ich mich nun in gemütliche Klamotten geworfen habe und Ablenkung brauche, hole ich mein Handy hervor und wähle Katharinas Nummer. Es dauert keine zwei Sekunden, bis sie rangeht.

„Alex, bist du böse auf mich?“

Ihre ängstliche Unterwürfigkeit dringt nur allzu deutlich durch das Telefon zu mir durch. „Katha… was ist passiert?“

Schweigen. Sie sagt gar nichts, bestimmt zehn Sekunden lang. Dann: „Hat er nichts erzählt?“

Was zum Henker – wer? „Hä?“

„Na, Mark!“

Mark? Wer ist Mark? Sie gibt irgendein undefinierbares Geräusch von sich, bevor ich anhand der raschelnden Töne erahne, dass sie sich gerade aus ihrer Bettdecke wühlt und sich aufrichtet. „Mark! Mark der Unteroffizier! Er… Oh mann. Das war echt keine Absicht!“

Ich grabe fieberhaft in meinem Gedächtnis, um die zahlreichen Typen hervorzuholen, die sie sich schon einverleibt hat, bevor mir der Dienstgrad auffällt. „Katha…. Meinst du Stabsunteroffizier?“

„Was weiß ICH DENN!“

Das war hysterisch und lässt mich meinen, Recht zu haben. „Wie heißt er mit Nachnamen?“

Sie schluchzt. „KRESS!“

Ein glucksendes Lachen arbeitet sich meine Kehle hinauf. „Das ist doch nicht dein Ernst!“

„DOCH!“

„Schrei nicht so!“ Ich kichere, dann schlage ich mir die Hand vor den Mund und fange an, unkontrolliert zu lachen. Es ist eine Mischung aus Prusten und sarkastischem Gackern, das meine Stube füllt. „Katha, du bist der Hit!“

Sie schluchzt gespielt am anderen Ende der Leitung. „Du bist also nicht böse?“

Es klopft an meiner Tür, aber ich ignoriere es. „Nein! Katha…“ Ich kneife die Augen zusammen und beiße in die Faust, um das dämliche Gelächter zu unterbinden, und Katharina nutzt die Stille, um loszusprudeln:

„Ich meine, die Nacht mit ihm war so toll, und dann hab ich ihm meine Handynummer gegeben. Und wer denkt den daran, ich meine, das erwartet man doch nicht! Da ruft er allen Ernstes an! Gleich am nächsten Tag! Und er war doch so süß und er sieht so gut aus und er ist echt scharf und alles und was… Ich wollte doch nicht… du weißt dass ich dir keine Probleme bescheren wollte!“

„Katha! Hör auf zu brabbeln!“

Sie verstummt und ich weiß, dass sie wahrscheinlich gerade alles andere als verheult ist, sondern sich nur die Begeisterung von der Seele quatscht, mit einer gehörigen Portion schlechten Gewissens, obwohl ich ihr kein Stück böse bin. „Katha. Das ist lächerlich. Kress… Ja, er ist hier. Aber mach dir doch deswegen keinen Kopf. Alles in Ordnung!“

Am anderen Ende der Leitung schluckt es. „Ja?“

„Ja. Keine Sorge. Das ist überhaupt kein Problem.“

„Aber ich weiß doch, wie du das auseinander halten willst, Privates und Dienstliches!“

„Das betrifft nur mich. Und außerdem … Katha … Du hast keine Ahnung.“

„Hm?“ Es raschelt wieder und sie richtet sich wohl gerade ganz gespannt auf. „Was meinst du?“

Ich grinse in mich hinein und denke an ihr Wort zum Sonntag. „Der rollige Kater, Katha.“

Sie holt tief Luft. „Nein!“

„Doch.“

„NEIN!“

„Mein Zugführer.“

Sofort muss ich das Handy weit von meinem Ohr weghalten und ich drehe sicherheitshalber noch den Kopf zur Seite, um dem quietschenden Kreischen aus dem Lautsprecher zu entgehen – und hebe den Blick zur Tür.

Der Stuffz lugt mit einem Auge durch den Spalt, Ich bin noch nie einem Gesicht begegnet, das nur zur Hälfte sichtbar gleichzeitig so viel Entschuldigung und schelmisches Funkeln ausdrücken kann. „Sorry …“, lese ich von seinen Lippen, und er will schon verschwinden, aber ich bedeute ihm reinzukommen.

“Ich dachte, Sie hätten ‚herein‘ gerufen“, flüstert er.

Mit dem Handy auf Armlänge schüttle ich amüsiert den Kopf. Er gluckst, dann winkt er mit den Fingern nach meinem Telefon und ich drücke es ihm grinsend in die Hand. Seine Lippen formen ein kleines, liebevolles Lächeln. „Katharina.“

Ich höre ihr schmachtendes Seufzen sogar aus einem Meter Entfernung. Sie sagt irgendetwas und seine Gesichtszüge werden weich, dann antwortet er mit ruhiger Bestimmung: „Mach dir keine Gedanken. Das ist kein Problem.“

Sie erwidert etwas, ich erahne nur ihre Stimme, bevor er sagt: „Bis morgen“, und auflegt, um mir mein Handy zurückzugeben. „Entschuldigung, ich dachte wirklich, Sie hätten mich hereingebeten.“

Ich raffe mich auf, um kein allzu liederliches Bild abzugeben. „Schon okay.“

Er fährt sich mit der Hand über den Mund, als wollte er sich das breite Grinsen vom Gesicht wischen. „Der Zufall hat schon seinen ganz eigenen Humor…“ Dann schüttelt er den Kopf, als müsste er wach werden. „Ich wollte Ihnen nur sagen: Herzlich willkommen! Und wenn Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.“

Ich betrachte ihn einen Moment lang, lasse die letzten Sekunden Revue passieren. Stabsunteroffizier Mark Kress. Ein schlaksiger Kerl, der wahrscheinlich schon mit diesem verschmitzten Gesicht auf die Welt gekommen ist. Ich denke, ich mag ihn.

„Nun, da Sie schon mal hier sind, Herr Stabsunteroffizier: Ich brauche eine Einweisung in den Kraftraum.“ Ich recke das Kinn nach oben und runzle ernst die Stirn.

„Damit kann ich dienen, Frau Unteroffizier“, schmunzelt er. „Folgen Sie mir.“

Noch bevor wir die Muckibude erreicht haben, weiß ich, dass Katharina möglicherweise den Fang ihres Lebens gemacht hat. Mark ist sympathisch, er hat Humor und keinen Funken Respekt im Körper. Innerhalb kürzester Zeit bin ich eingewiesen, und während wir uns auf den Geräten im Kraftraum austoben, kenne ich sämtlichen Kasernentratsch und alle Angelpunkte meiner künftigen Kameraden.

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Der Weg nach Hause zieht sich unangenehm lang hin, lässt mir viel zu viel Zeit zum Nachdenken. Also drehe ich das Radio auf und lasse mich von stumpfem Pop ablenken. Dann von den Nachrichten. Dann von der Werbung. Ich habe wohl noch nie derartige Aufmerksamkeit auf das beste Müsli und die neuesten Angebote der Autohäuser in der Umgebung verschwendet.

Auf dem Hof angekommen nehme ich dankbar die erleuchteten Küchenfenster wahr. Laura ist zuhause. Ihre Schimpftiraden werden mich so sehr in Anspruch nehmen und ermüden, dass ich mein Hirn nachher einfach ausschalten und ohne Anstrengung schlafen gehen kann.

Doch selbst auf dem kurzen Weg zwischen Auto und Haustür drängt sich die Frau in meine Gedanken. Dieses kleine Biest, das mich seit der verschwommenen Nacht nicht mehr loslässt. Was ist an ihr? Warum …

Ich stoße die Haustür auf und irgendetwas ist anders. Ich kann den Finger nicht darauf legen, aber da ist etwas …

Essen. Es riecht nach Essen. „Laura?“, rufe ich verwirrt in den Flur.

„In der Küche!“, schallt es zurück.

Irritiert folge ich dem Duft angebratener Zwiebeln. Ich bin an ein leeres Haus gewöhnt. An ein volles Haus. An laute Musik, wildes Gackern und an Berge von Schuhen, die den Gang zur Stube blockieren. Aber dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn ich heimkomme, das ist neu.

Ich finde sie tatsächlich in der Küche. Womöglich hat sie einen Anfall, einen psychotischen Schub? In jedem Fall stimmt hier etwas ganz und gar nicht. „Laura?“

Sie pfeift vor sich hin. Das ist auch … anders. Oh nein … irgendetwas steht bevor. Und es wird mir nicht gefallen, das weiß ich jetzt schon. Sie holt gerade ein Blech aus dem Ofen. Ein Blech mit Muffins.

Vielleicht stimmt auch mit mir etwas nicht, denn ich sehe kleine Küchlein, rieche aber Zwiebeln und Speck. „Süße, ich weiß ja nicht. Womöglich hab ich gerade einen Schlaganfall.“

Sie grinst mich über die Schulter an. „Nein, hast du nicht.“

„Aber … du backst!“

Während ich mich verwirrt in dem Chaos umsehe, das einmal unsere Küche war, balanciert sie das Blech auf die Ablage. „Ich erweitere meine Kompetenzen!“

„Aha“, ist alles was mir einfällt. Nachdem ich die Speckwürfel auf dem Boden und die grünen Kräuterfetzen im Vorhang überwunden habe, kann ich nichts weiter sagen als: „Riecht lecker.“

Selbstgefällig geschürzte Lippen kommen mir entgegen und drücken sich auf meinen Mund. „Danke!“, lacht sie. „Die Dinger müssen noch ein bisschen abkühlen, so eine halbe Stunde oder so. Was weiß ich.“ Ihre Zähne zupfen kurz an meiner Unterlippe. „So lange können wir uns ja die Zeit vertreiben.“

Ich weiß ganz genau, was auf diese Worte unweigerlich folgt, und trotzdem erwischt mich die Hand eiskalt, als sie sich um meine Eier krallt. Reflexartig schließen sich meine Finger um ihren Hals. Die Müdigkeit ist sofort wie weggeblasen, trotzdem knurre ich abwehrend: „Ich bin kaputt, Laura.“

„Ich mach dich wieder ganz“, haucht sie und schmiegt die Wange an meinen Unterarm, nicht ohne den Griff um meine Kronjuwelen zu verstärken.

Die Gänsehaut, die durch meinen Nacken läuft, macht mich so verdammt schwach. Trotzdem lasse ich den Daumen über ihren Kehlkopf gleiten und drücke ihr Kinn nach oben. Aber sie gibt nicht nach. Ihre blauen Augen verwandeln sich in kalte Kristalle.

„Du bist müde, Soldat.“ Ihre freie Hand schlingt sich um den Arm, dessen Finger ihr die Luft abzudrücken drohen. Ich greife noch ein wenig fester zu, aber sie ist stärker. Ich atme tief durch, presse die Kiefer aufeinander. Ihr elendes Selbstvertrauen, ihr unbändiger Wille. Sie bohrt die Fingernägel in meine Haut, und ich gebe nach. Ich habe nichts zu verlieren, wenn ich noch einmal nachgebe. Also lasse ich mich von ihr ins Wohnzimmer ziehen, ich lasse zu, dass sich mich in die Couch drückt und sich auf meinen Schoß setzt.

Ihre schlanken, manikürten Finger machen sich daran, meine Feldbluse zu öffnen. Als die Jacke fort ist, zieht sie mir das Shirt über die Arme, die ich bereitwillig hebe. Sie greift nach meinen Handgelenken, legt sie in meinem Nacken über Kreuz. „Lass sie dort.“

Schweigend gehorche ich und beobachte, wie sie den Knopf und den Reißverschluss der getarnten Hose öffnet, um sie mitsamt der Boxershorts von meinen Beinen zu ziehen, sobald ich die Hüften hebe.

Warum lasse ich sie das machen? Warum unterwerfe ich mich, obwohl es meiner gesamten Natur widerspricht?

Weil genau das darauf folgt: Sie kniet sich zwischen meine Beine, spreizt meine Schenkel und züngelt über den prallen Schaft. Gott, sie ist so verdammt schön. Das goldblonde Haar ergießt sich über die Schultern. Ihre straffen Brüste, gefangen in einem engen Shirt und unter dem dünnen BH, drängen sich an meine Haut. Die zart geschminkten Lippen umschließen meine Eichel, nur mit der Zungenspitze schlängelt sie an der Vorhaut entlang.

Dieses Gefühl, diese Göttin zu meinen Füßen, macht den Schmerz wett, den ihre Fingernägel in den Hoden durch meinen Unterleib schicken. Ihr Mund liebkost meinen Schwanz, während sie mich keine Sekunde lang vergessen lässt, dass sie die Herrin über meine Lust ist.

Ich darf mich nicht bewegen. Ich darf nicht in ihren Mund stoßen, sonst lässt sie sofort von mir ab. Also sinke ich in die Polster und genieße ihre Zuwendung, so lang sie bereit ist, sie mir zu gewähren. Jeden Augenblick könnte ich einen Fehler machen. Eine Regung zu viel, und es ist vorbei.

Ich kralle mich in die Lehne, um stillzuhalten. Die warme, feuchte Zunge ringt sich um meine Eichel. Fuck … genau das ist es, was ich brauche. Mein Hirn schaltet ab. Mein Körper setzt ein. Keine Gedanken mehr, nur Gefühl.

Laut stöhne ich, spanne alle Muskeln an. Sie saugt an mir, leckt mich, massiert mich. Oh … so kurz davor!

Da lässt sie los.

Ich gebe ein verzweifeltes Keuchen von mir. Halt die Klappe! Nichts sagen, nicht betteln … Unter schweren Lidern sehe ich zu ihr auf, während sie sich erhebt. Ihr überlegenes Lächeln lässt mich schon alle Hoffnung auf einen Orgasmus aufgeben, da beobachte ich, wie sie den Bund ihrer Jogapants nach unten schiebt.

Laura ist wandelnder Sex. ich wüsste nicht, wie ich sie anders beschreiben sollte. Ihr Körper hat diese spezielle Form. Man sieht sie an, erfasst ihre Kurven, die Art wie sie sich bewegt, und man denkt an nichts anderes mehr als an Sex. Man sieht sie vor sich, wie sie sich lasziv die Kleider vom Leib streift – genau so, wie sie es gerade tut -, man sieht die eigenen Hände, die über ihren Körper gleiten – genau so, wie meine es gerade tun wollen – und man fühlt ihre Haut unter den Fingern, man schmeckt sie, man riecht sie, man frisst sie mit den Augen auf und sehnt den Moment herbei, in dem sie genau das tut, was sie gerade tut: Sie postiert sich mit gespreizten Beinen über meinem Schoß und sieht mir tief in die Augen.

„Sag bitte.“

Ich bekomme gerade noch genug Luft, um ihr zu gehorchen: „Bitte!“, raune ich atemlos.

Da senkt sie sich auf mich. Ihre Schamlippen legen sich um meine Eichel, ich fühle den Muskelring, der sich für den Bruchteil einer Sekunde anspannt, um dann weich zu werden und über meinen Schwanz zu gleiten.

Mein hartes Fleisch dringt in sie, und ich sehe die Furie.

Ich sehe die Unteroffizierin, die sich auf meinem Schwanz aufspießt, nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Dieser winzige Augenblick genügt, um mich die Kontrolle verlieren zu lassen. Ich stoße meine Hüften nach oben, und Laura schreit auf. Sie krallt die Fingernägel in meine Schultern, greift in meine Haare und zerrt meinen Kopf in den Nacken. Ihr eisiges Funkeln lässt mich schon verzweifeln, fürchten, dass sie es sich anders überlegt … Doch sie ist selbst viel zu geil, um aufzuhören, und beginnt mich zu reiten. Mit Wucht lässt sie sich auf mich fallen, sie hält sich an meinem Kopf fest, zwingt meine Augen auf den Punkt, an dem wir uns vereinen, und sie vögelt mich, als gäbe es kein Morgen. Ich lasse zu, dass sie mich zu ihrem Werkzeug macht, mir Namen gibt, mich fickt. Sie leckt mir durch das Gesicht, beißt in meine Schultern. Und alles was ich fühle, ist dieses einzigartige … dieses … Nicht Laura.

Ich lasse den Kopf zurücksinken, lasse mich von Laura reiten und sehe doch nur feuerrotes Haar, weiße Haut und schwarz geschminkte Augen. Ich sehe den vom Schweiß verschmierten Kajal, der noch mehr verläuft, während ich sie nehme und ihr wieder und wieder mit der flachen Hand auf den Hintern schlage, bis sie nass und schreiend unter mir kommt.

Bis Laura nass und schreiend auf mir kommt und die Nägel in meine Brust schlägt, bis der Schmerz unerträglich wird und ich aufgebe und endlich erschöpft abspritze. Bis Laura auf mir zusammensinkt und mir sagt, dass ich ein guter Soldat bin und bis ich nicht mehr weiß, ob ich mich befriedigt oder erniedrigt oder … Ich fühle mich noch beschissener als zuvor.

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Kommentare

Bild des Benutzers Tony 2360

eine der vielen eigenartigen Begebenheiten im Leben mit zwangsläufiger Notwendigkeit? Weiß es nicht. Soeben habe ich "Wahrheit und Politik" von Hannah Arendt gelesen. Sie philosophiert darin über den Umgang mit Wahrheit. Irgendwie steht diese auch im Mittelpunkt deiner Geschichte, zumindest hier in Teil 2.

Kurz a la "Neuer Tony":

- Rechtschreibung nahezu fehlerfrei (wohltuend!)

- Optimalverhältnis von Dialog und Erzählung

- Figuren real und menschlich (mit allen Ecken und Kanten)

- Schreibstil fesselnd

Und jetzt etwas zum Staunen: Kritikpunkte keine smiley

Das war's. Ach nee, doch nicht wink ... für die Nicht-"Militanten": UvD = Unteroffizier vom Dienst. Künftig kannst du die Kürzel aber für das gemeine Volk selbst erklären. Bin nämlich nicht dein GvD. cheeky

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Bild des Benutzers Black cat

liebe Loreley,

den Disclaimer hättest Du Dir sparen können. Die Fortsetzung ist hält, was Dein Name verspricht. 

Toll beschrieben, wie die Beiden angespannt ihre Zusammenarbeit aufnehmen. Und die beste Freundin mit dem Stuffz anbandelt. Und dann der Hammer zum Schluss, der jede Menge Potential für die Fortsetzung bietet! Lass mich nur bitte nicht wieder so lange darauf warten.

viele Grüße 

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Bild des Benutzers absolutist

Hallo Loreley,

eine Schreiblockade ist vermutlich unangenehm, tragischer wäre in Deinem Fall aber sicher eine Schreibblockade. ;-) Endlich bin ich dazu gekommen, Deine jüngste Geschichte zu lesen und bin begeistert. Aber natürlich wüsste ich jetzt gerne, wie es weitergeht. Einem Happy End stehen jede Menge Hindernisse im Weg und ich habe keine Idee, wie Du die beseite räumen willst. Oder ist es wie leider so häufig im echten Leben und das Happy End findet schlicht nicht statt? Es bleibt spannend...

Cheers, Absolutist

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Bild des Benutzers Loreley

blush Wie peinlich! Aber das bleibt jetzt so stehen, mir wurscht! laugh Wer möchte nicht mal gern einen gewaltigen Schrei loslassen, nur kommt nichts, weil die Luft wegbleibt und die Leute gucken würden.

Ich bin happy, dass dir die Story gefallen hat, und bemühe mich redlich, die Fortsetzung auf den Weg zu bringen. Abzweigungen, Kehrtwenden und Ende - Ideen sind da, offen für alles. Allein das Schreiben muss klappen. Irgendwie. *frustriertkreisch*

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