Unterwerfungsgesten - Kapitel 1 bis 4

1

Der Elternabend

Raum 301. Ihre Schritten hallten durch die engen, kalten Gänge der Schule. Irene schauderte ob der Kälte und Dunkelheit, die sie schnell zu überwinden suchte. Sie konnte sich nicht recht vorstellen, dass ihre Stieftochter sich in diesem strengen, einschüchternden Gemäuer praktisch jeden Tag aufhielt. Raum 304.

Irene war es unangenehm, dass sie sich verspätet hatte. Ein wichtiger aber anstrengender Mandant ihrer Kanzlei hatte wegen eines anstehenden Gerichtstermin zunehmend absurdere Fragen gestellt und es nicht geschafft, sich zu verabschieden. Schließlich hatte der sündhaft teure Sportwagen, den sie sich auf Anraten ihrer Stieftochter zugelegt hatte, gestreikt. Worin lag der Sinn eines Sportwagens, wenn er ständig in der Werkstatt stand? Julia hatte sie dazu gedrängt, nicht ohne Hintergedanken, denn nächstes Jahr würde sie ihren Führerschein machen. Sie hatte sich um den Finger wickeln lassen, wie so häufig.

Anklagend donnerten ihre hastigen Schritte durch die Gänge. Raum 310. Pünktlichkeit war eine Tugend, die Irene sehr hoch einschätzte und sie hatte in ihrer Kanzlei wenig Verständnis, wenn ihre Mitarbeiter es an solchen Grundtugenden mangeln ließen. Raum 313.

Raum 315. Sie war da. Unter dem Türspalt krochen Lichtstrahlen hervor, eine weibliche Stimme war zu vernehmen. Irene legte die Hand auf die Türklinke, hielt aber inne. Die Stimme aus dem Raum sprach über die diesjährige Klassenfahrt.

„In der Vergangenheit hat es immer wieder Fälle gegeben, in denen Schüler oder Schülerinnen sich nicht an die vereinbarten Regeln gehalten hatten. Ich werde ein solches Verhalten nicht tolerieren. Die Schule behält sich vor, jedes Fehlverhalten angemessen zu sanktionieren.“

Irene nahm die Hand von der Klinke. Nervös zupfte sie ihren Rock zurecht, strich über ihren Blazer und richtete ihre Haare.

Das würde ein großartiger Auftritt. Die Lehrerin pochte auf die Einhaltung von Regeln und einen Moment später würde Irene zeigen, dass sie nicht in der Lage war, eine der grundlegendsten Regeln einzuhalten.

Irene zupfte erneut an ihrem Rock und ertappte sich sogar dabei, dass sie ihr Make-up im Schminkspiegel überprüfte. Ihr Herz schlug in ihrer Brust. Irene wunderte sich, dass sie so aufgeregt war, schließlich hatte sie gute Gründe, zu spät zu erscheinen und schließlich konnte so etwas schon einmal passieren. Sie erinnerte sich an ihre Schulzeit, an strenge Lehrer und vor allem Lehrerinnen, an Demütigungen.

Ihre Stieftochter hatte ihre neue Klassenlehrerin als streng beschrieben und die kalte, bestimmte Stimme, die Irene aus dem Raum vernahm, strahlte eine natürliche Autorität aus.

Irene zupfte ein letztes Mal an ihrem Rock, atmete tief durch, klopfte zaghaft an die Tür und drückte mit einem leisen Seufzer die Klinke hinunter, die mehr Widerstand bot, als Irene erwartet hatte. Die Stimme verstummte mitten im Satz.

Grelles Licht strömte Irene entgegen, als sie die Tür öffnete. Ein normaler Klassenraum eröffnete sich ihr. Tische, Bänke, eine Tafel, kahle Wände und ein Dutzend Augenpaare, das sich zu ihr umdrehte und sie anblickte.

Sie trat einen Schritt in das Licht und blickte zögerlich in die Augen der Lehrerin, die kalt und bläulich funkelten.

„Entschuldigen Sie die Verspätung“ stammelte Irene etwas hilflos und trat noch einen Schritt vor. Sie stand nun vollkommen im Neonlicht der Lampe, das unangenehm grell auf sie schien.

„Bitte, kommen Sie herein“, antwortete die Lehrerin spröde und zeigte auf einen leeren Platz.

Irene murmelte ein „Danke“ und hastete schnell zu der angewiesenen Bank in der letzten Reihe. Sie klemmte sich hinter diese. Die Anwältin kam sich vor wie ein Schulmädchen, das etwas falsch gemacht hatte.

Eigentlich hätte Irene gar nicht dort sein müssen. Julia war nicht ihre leibliche Tochter. Ihr Mann hatte sie aus einer sehr kurzen ersten Ehe. Mit vierzehn erst war sie von ihrer leiblichen Mutter zu ihr und ihrem Mann gezogen und entgegen aller Klischees waren Irene und Julia recht gut miteinander zurecht gekommen, sodass die beiden ein Verhältnis pflegten, das irgendwo zwischen Tochter und Freundin rangierte. In letzter Zeit war das Verhältnis zwar ein wenig angespannt gewesen, aber insgesamt fühlte Irene, die keine eigenen Kinder hatte, sich verantwortlich für das Mädchen, deren leibliche Mutter sich nicht sehr um sie kümmerte.

Die Lehrerin wartete, bis Irene sich gesetzt hatte, bevor sie endlich fortfuhr. Die anderen Eltern zeigten sich leicht ungeduldig.

Irene spürte ihr Herz bis in ihre Kehle schlagen. Langsam beruhigte sie sich wieder und in dem Maße, in der sie ihre Contenance wiedergewann, begann sie sich auch zu ärgern über ihr Verhalten. Sie war ein wenig zu spät gekommen, aber war das ein Grund, sich so in die Defensive drängen zu lassen? Musste sie sich diese herablassende Art der Lehrerin gefallen lassen? Sie war schließlich eine erfolgreiche Frau, die auf den eigenen Beinen stand und die trotz ihrer beruflichen Verpflichtung noch die Zeit fand, sich um die Schule ihrer Stieftochter zu kümmern. Längst nicht alle Eltern waren erschienen. Was bildete sich die Frau ein, ihr, einer erfolgreichen Anwältin im Bereich des Marken- und Urheberrechts, so überheblich zu begegnen? Irene verdiente mindestens fünfmal mehr als diese einfache Lehrerin, die zudem auch noch ein paar Jahre jünger war. Irene schätzte sie auf Ende 20, Anfang 30.

Langsam beruhigte sich und konzentrierte sie sich auf die Worte der Lehrerin, die nunmehr die Unterrichtsinhalte der einzelnen Fächer referierte.

Die Lehrerin trug eine weiße, seidene Bluse, die für Irenes Geschmack einen Knopf zu hoch zugeknöpft war und somit etwas steif wirkte, auf der anderen Seite aber ihre Figur recht gelungen zur Geltung brachte, da das kalte Licht der Neonröhren sich in den Reflexionen erwärmte sanfte Schatten warf, die ihre Brüste unaufdringlich betonten. Darunter, Irene musste etwas unter das Pult lugen um es zu erkennen, trug sie einen engen, knielangen schwarzen Rock und dunkle Nylons unter geschmackvollen schwarzen Pumps. Insgesamt ein klassisches Outfit.

Sie hatte ihre blonden, langen Haare zu einem recht streng aussehenden Dutt zusammengebunden, der ihr ganzes Äußeres noch strenger erscheinen ließ. Schmuck schien die Lehrerin nicht zu tragen.

Hinter der ganzen Strenge versteckte sich eine äußerst attraktive junge Frau, dachte Irene bewundernd.

Die Jungen würden ihr trotz ihres strengen Auftretens zu Füßen liegen, dachte sie lächelnd.

Die Strenge jedoch war es, die sie beeindruckte. Ein Blick auf die Eltern zeigte, dass sie der jungen Frau ihre volle Aufmerksamkeit schenkten. Kaum ein Lächeln huschte über ihre Lippen, ihre Ausführungen waren sehr präzise, ihr Ausdruck sehr präzise. Eine Eigenschaft, die sie als Anwältin sehr zu schätzen wusste.

Jenseits der Präzision war ihre Ausstrahlung durch Kühle, vielleicht sogar Kälte geprägt. In der Art, wie sie Irene behandelt hatte, schwang ein großes Maß an Herablassung mit. Für eine Lehrerin vielleicht nicht unbedingt ein Pluspunkt. Die Beschreibungen und ersten Einschätzungen Julias auf der anderen Seite waren recht positiv ausgefallen, ihr schien die Sachlichkeit zu gefallen.

Doch hinter diesen offensichtlichen Charakterzügen versteckte sich noch etwas anderes, das Irene irritierte, ein wenig sogar verstörte. Sie trug in sich unterschwellig etwas bedrohliches. Eine innere Macht ging von ihr aus, die die Anwältin durchaus beeindruckte.

Ihre äußere Strenge wurde durch eine Stärke unterstrichen, die deutlich machte, dass sie keine leeren Drohungen machte. Vielleicht war es das, was Julia an ihr schätzte, dass die Lehrerin klar machte, was zu gelten hatte und dass sie in der Lage war, Verstößen entgegenzutreten.

Schließlich hatte die Lehrerin ihre Ausführungen beendet und fragte nun ins Plenum, ob noch Fragen bestünden. Die Eltern blickten sich gegenseitig stumm an und so verabschiedete sich die Lehrerin von ihnen und hob die Versammlung auf.

Irene wollte bereits aufstand, als die Frau hinter dem Pult sie ansprach.

„Frau Sanders, können Sie bitte zu mir kommen? Ich habe noch einige Informationen, die Sie versäumt haben.“

Da war wieder diese Arroganz! etwas unwillig aber gleichzeitig auch angezogen von ihr, stand ich auf und trat an das Pult heran, wie ein Schulmädchen. Entgegen jeder Etikette, blieb sie hinter ihrem Pult sitzen. Irene dachte daran, dass dies vermutlich die Retour darstellte für ihr verspätetes Erscheinen.

Die junge Frau machte einige Notizen und ließ die Anwältin vor sich warten. Diese überlegte sich, ob sie sich entschuldigen sollte, entschied sich schließlich aber trotzig dagegen. Stattdessen betrachtete sie die junge Lehrerin, die aus der Nähe noch attraktiver und durch die blauen Augen noch etwas unnahbarer wirkte.

Schließlich hob die Lehrerin die Augen und sah Irene direkt an, der unwillkürlich ein Schauder über den Rücken lief ob des durchdringenden Blickes.

„Ich habe hier noch einige Papiere für Sie.“

Sie drückte Irene einige Fotokopien in die Hand.

„Des weiteren haben Sie einige wichtige Ausführungen zum Verlauf des Schuljahres verpasst, die sie sich nun anderweitig besorgen sollten.“

Irene nickte wortlos. Es entstand eine kurze Stille. Scheinbar erwartete die Lehrerin etwas. Da Irene nicht reagierte, sah sie sich schließlich mit einem unerwarteten und etwas spöttischem Lächeln konfrontiert, das sie jedoch nicht deuten konnte.

Schließlich brach die jüngere Frau das Schweigen:

„Nun gut, das wäre es wohl für heute.“

Als sie aufstand, raschelte die seidige Bluse kurz und das Licht fiel für einen winzigen Augenblick so auf die straffen Brüste, dass diese perfekt ausgeleuchtet wurden. Ein Anblick an den Irene sich einigermaßen verwirrt noch einige Tage später erinnern werden würde. Ihre Gedanken verstörten sie einigermaßen.

„Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen“, fuhr die Lehrerin fort, der Irenes Blick nicht verborgen geblieben war, reichte dieser die Hand, drückte sie kurz und fest, blickte der älteren Frau dabei durchdringend in die Augen und entließ sie dann.

Reichlich verwirrt verließ Irene den Klassenraum und schritt durch den kalten, dunklen Gang. Den Klang ihrer Schritte nahm sie nicht wahr.

 

2

Der Tag danach

Irene hatte eigentlich allen Grund, genervt zu sein. Auf der Arbeit lief einiges schief, zudem hatte sie einen ärgerlichen Brief vom Anwalt ihres Mannes erhalten, mit dem sie in Scheidung lebte.

Es gab Streitigkeiten wegen des Hauses.

Die ganze Scheidung beruhte auf Streitigkeiten wegen Geldes.

Der ganze Grund für die Scheidung lag im Geld.

Ihr Mann hatte es nicht verkraftet, dass sie immer erfolgreicher geworden war, immer mehr Geld nach Hause brachte, immer eigenständiger wurde. Er hingegen verharrte in seinem Behördenjob, stieg nicht auf, verdiente nicht mehr Geld. Zwar behauptete er, dass es ihm nichts ausmachte, dass sie das Haus praktisch allein bezahlen konnte, dass sie sich einen teuren Firmenwagen zulegen konnte und sein Wagen fortan nur noch als Zweitwagen agierte, aber trotz all seiner gespielten Toleranz nagte es an ihm, bis er sich eine jüngere und weniger erfolgreiche Freundin zulegte und die Scheidung einreichte. Ursprünglich wollte er sich großherzig zeigen und keinen Unterhalt einfordern und nichts vom Haus haben, doch dann häuften sich die kleinen Schikanen. Als Anwältin kannte sie die Prozedur und ärgerte sich darüber weniger, als er beabsichtigt hatte. Sie betrachtete ihren Fall wie alle anderen Fälle. Mehr zu schaffen machte ihr die psychische Seite.

Beruflich zumindest lief alles. Seit einiger Zeit florierte die Kanzlei und ihre Mitarbeiter kamen mit der Arbeit nicht mehr hinterher. Eine Expansion war unumgänglich, Stellenausschreibungen, Einstellungsgespräche, Papierkram. Aber das beschäftigte Irene weniger.

Sie war immer noch mit der Begegnung des letzten Abends beschäftigt. Darin lag auch der Grund, warum sie nicht gut geschlafen hatte. Die Nacht über hatte sie sich in ihrem Bett gewälzt, unfähig, Schlaf zu finden. Erst am Morgen hatte sie in einen unruhigen Schlaf gefunden, der von einem Traum dominiert war, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte. Einzig ein undeutliches Gefühl der Erregung war geblieben. Doch dieses undeutliche Gefühl war stärker als der Schlafmangel und so war ihre Laune nicht so schlecht, wie sie es eigentlich erwartet hätte.

Sie hatte jedoch nicht die Zeit und Muße, sich darüber Gedanken zu machen. Das Telefon hatte unerlässlich geklingelt, endlich zur Mittagszeit war Ruhe eingekehrt.

Irene sah auf die Uhr. Halb zwei. Sie nahm das Telefon in die Hand und rief ohne nachzudenken zuhause an.

Ihre Stieftochter hob ab.

„Hallo, Julia Sanders“.

„Hallo Schatz, ich bin's. Sag mal, hat dein Vater angerufen?“

„Mein Vater ist noch dein Ehemann! Und nein, er hat nicht angerufen, warum auch?“

Irene überhörte die gerechtfertigte Frage, in der Tat, warum sollte ihr Ex-Mann anrufen?

Was sie ärgerte, war der Tonfall ihrer Stieftochter, den sie ihr eigentlich nicht durchgehen lassen sollte, aber heute war es ihr egal.

Ein kurzes Schweigen trat ein, dann stellte Irene die Frage, wegen der sie eigentlich angerufen hatte.

„Hat deine Klassenlehrerin irgendwas über den Elternabend gesagt?“

„Nein, was sollte sie gesagt haben?“

„Na ja, irgendwas, ich bin zu spät gekommen, hat sie zu dir irgendwas gesagt?“

Irene konnte das respektlose Stirnrunzeln quasi durch den Telefonhörer sehen.

„Nein, was soll das?“

Irene entschied, das Gespräch zu beenden, denn ihre Stieftochter nahm sich recht viele Freiheiten heraus.

Nachdem sie aufgelegt hatte, kam sie sich dumm vor. Sie hatte Julia nur angerufen, um herauszufinden ob die Lehrerin etwas über sie gesagt hätte.

Warum nur ging ihr diese Frau nicht aus dem Kopf?

Sie sah gut aus, aber ihr Benehmen war eigentlich inakzeptabel gewesen. Normalerweise hätte die erfolgreiche Anwältin sich das nicht gefallen lassen.

Irene lehnte sich in ihrem Chefessel zurück. Wie in einem Deja vu kam ihr der Gedanke, dass der Traum der letzten Nacht sich um sie gedreht hatte.

Ein seltsamer Gedanke. Sie hatte schon seit Jahren keine derartigen Träume mehr gehabt und zermarterte sich nun das Hirn, um sich an Einzelheiten zu erinnern. Natürlich funktionierte es nicht.

Irene wunderte sich über ihre Gefühle. Sie hatte bisher nie solche Gedanken gehabt, Gedanken, in denen andere Frauen eine Rolle spielten, lesbische Gedanken. Sie drückte sich darum, es beim Namen zu nennen.

Nun gut, eigentlich war das nicht aufrichtig. Um ganz ehrlich zu sein, war sogar ihr erster richtiger Kuss von einer Frau oder besser einem Mädchen gewesen, und es hatte ihr sehr gefallen.

Sie dachte etwas amüsiert an die Klassenfahrt in der 8. Klasse nach. Rothenburg ob der Tauber.

Zu der Zeit war sie mit Sabine sehr eng befreundet. Die beiden hatten einfach viel gemeinsam und lachten und spaßten viel.

Die Klassenfahrt fand zusammen mit der 9b statt und in der 9b waren einige verdammt süße Jungen.

Sabine und Irene hatten sich beide einen ausgewählt, den sie sich angeln wollten. In ihrer eigenen Klasse waren die Jungs einfach noch zu unreif, noch an Comics und Actionfilme interessiert und hatten noch keinen Sinn für das andere Geschlecht oder sie trauten sich nicht, es kundzutun. In der 9b allerdings gab es einige Jungen, die bereits Freundinnen hatten und einige hatten wohl auch schon mit Mädchen geschlafen. Zumindest lauteten die Gerüchte so.

Soweit dachten die beiden Freundinnen aber nicht, sie träumten ganz harmlos von einem romantischen Kuss in einer Ecke des alten Marktplatzes und von Händchenhalten im Mondenschein, wie Mädchen das halt tun.

Und so lagen die Mädchen zusammen auf dem Bett in Sabines Zimmer, hörten Schallplatten und schwärmten von Peter und Martin.

Auf der Klassenfahrt dann kam es aber ganz anders.

Peter und Martin entpuppten sich als genauso albern und kindisch wie ihre eigenen Klassenkameraden. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie so voller Arroganz waren, dass es unerträglich wurde.

Am zweiten Abend fand in der Jugendherberge eine Jugenddisko statt, an der alle Schüler teilnahmen. Erwartungsgemäß hatten die Jungen trotz absoluten Verbots eine Menge harten Alkohols mitgebracht, den sie schnell und maßlos hinunterkippten. Auch die Mädchen betranken sich, hielten sich aber zurück. Mit dem steigenden Alkohollevel verschlechterte sich ihr Benehmen zusehends und die Hoffnungen der Mädchen auf romantische Begegnungen verschwanden gleichsam Die Jungen grölten und prahlten, .

Sabine und Irene sahen ihre Felle dahinschwimmen. Schließlich fasste sich Sabine dennoch ein Herz und sprach ihren Peter an, der sie in seinem Rausch aber barsch zurückwies. Sabine reagierte trotzig und nahm Irene, die gar nicht wusste, wie ihr geschah, in den Arm und meinte lautstark, dass sie ohnehin nichts von ihm oder von Jungen überhaupt wissen wolle und drückte Irene noch fester an sich. Sabine strich ihr sanft und verspielt vor den Augen der Junge mit dem Zeigefinger über das Gesicht, hielt schließlich Irenes Kinn sanft zwischen ihren Fingern und zog sie ganz nah an sich heran.

Irene erinnerte sich noch genau an den süßlichen Atem Sabines, der leicht nach dem Amaretto roch, den sie getrunken hatten, sie nahm ebenso das etwas zu schwere Parfum Sabines wahr, das nach Vanille roch. Irene sah sich gefangen von den roten Lippen ihrer Freundin und öffnete erwartungsvoll leicht und ohne nachzudenken ihren Mund. Die Jungen um sie waren vergessen.

Und dann zerstörte Peter alles, als er lallte, dass er mit so einer fetten Kuh wie Sabine ohnehin nichts zu tun haben wollte. Irene spürte in den Armen ihrer Freundin, welch harter Schlag dieser Satz darstellte. Sabine kam sich selbst zu dick vor.

Irene rettete die Situation.

"Komm, das haben wir nicht nötig", sagte sie und zog ihre Freundin, die im Begriff war, zu weinen, von den Jungen weg, denn diese unreifen Idioten sollten nicht den Triumph ernten für das, was sie ihr angetan hatten.

Irene und Sabine verschwanden von der Party in den Mädchenschlafsaal, wo Sabine sich ausheulte. Nachdem Irene ihr eine zeitlang zugehört hatte, sie ihr Leid geklagt hatte und Irene ihr immer wieder versichert hatte, dass sie nicht zu dick sei, hatte Irene sie schließlich in die Arme genommen und ihren Kopf an ihre Schulter gedrückt, um Sabine sanft zum Schweigen zu bringen.

Und plötzlich roch sie wieder das betörende Parfum. Sie versank ihren Kopf in Sabines Haaren und ertrank förmlich in deren Duft.

Sie begann Sabine sanft zu streicheln, erst über ihrem Pulli, doch ihre Hände rutschten immer weiter die Schulter herauf, bis sie schließlich zärtlich über den nackten Hals ihrer Freundin glitten, der so wunderbar warm und weich war.

Flüsternd begann Irene ihrer Freundin zu sagen, wie attraktiv diese sei, wie betörend und unwiderstehlich und mit Bedauern musste sie feststellen , dass ihr die richtigen Worte fehlten , um das zu sagen, was sie mitteilen wollte, denn ihr war nicht klar, was sie sagen wollte.

Schließlich löste sich Irene von Sabine und sah ihr in die plötzlich unglaublich blauen Augen, wischte ihr sanft die Tränen von der rechten Wange und nach einem kurzen Zögern beugte sie sich vor und küsste ihr zart die Tränen von der anderen Wange.

Und da drängte sich Sabine auch schon vor und küsste sie auf den Mund. Zuerst war Irene etwas schockiert, dann aber öffnete auch sie ihren Mund und ließ die süßliche, feuchte Zunge zwischen ihre Lippen, wo sie sich verschlangen.

Sie sanken zurück auf das Bett und küssten und streichelten sich und Irene hatte noch nie so etwas schönes gefühlt und so hoffte sie, dass dies nie zuende gehen würde.

Dann kamen die anderen Mädchen in den Schlafsaal und schnell und schuldbewusst ließen die beiden Freundinnen voneinander, richteten ihre Haare und sprangen auf, bevor die anderen Mädchen sie erwischten.

Mit diesem Gefühl der Schuld behandelten die beiden Freundinnen sich auch am nächsten. Sie verloren kein Wort über das Ereignis am vorangegangenen Abend, sie gingen sich den Rest der Klassenfahrt aus dem Weg und sprachen nie von dem Abend. Irene hatte panische Angst, lesbisch zu sein und Sabine schien es ähnlich zu gehen.

Ihrer Freundschaft tat dies insgesamt keinen Abbruch, aber nichts dergleichen passierte jemals wieder und sie verloren beide kein Wort darüber.

Wenig später hatte Irene ihren ersten Freund und sie sah, dass ihre Angst lesbisch zu sein, unbegründet gewesen war.

Lächelnd dachte Irene an dieses Erlebnis zurück, das sie einfach als Jugendsünde abtun konnte und das in keiner Beziehung zu der Lehrerin stand. Sie hatte sich damals unschuldig und kindisch benommen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen kramte sie nach ihrem Terminkalender, in den sie die Nummer der Lehrerin geschrieben hatte und wählte kurz entschlossen ihre Nummer. Auch jetzt benahm sie sich kindisch.

Die Situation musste bereinigt werden. Sie würde Frau Wantia einfach anrufen, sie zum Kaffee einladen, sich der Etikette entsprechend für die Verspätung entschuldigen, die Informationen einholen, von der die Lehrerin gesprochen hatte und schließlich ein wenig Smalltalk halten. Damit hätte sie den Bann gebrochen und nach einer zweiten Begegnung könnte sie all die seltsamen Ereignisse des vergangenen Abends wegwischen.

Vermutlich bildete sie sich die Hälfte dessen, was sie am vorangegangenen Abend erlebt hatte, ohnehin nur ein. Sie hatte einfach zu viel gearbeitet in der letzten Zeit.

„Wantia“.

„Guten Tag Frau Wantia, hier spricht Frau Sanders, ich bin die Stiefmutter von Julia. Wir haben uns gestern auf dem Elternabend kennen gelernt.“

„Was kann ich für sie tun?“ kam die Antwort knapp aber nicht unhöflich.

„Ich hätte noch einige Fragen zu dem kommenden Schuljahr meiner Stieftochter, sie sagten, dass Julia in diesem Jahr das Abitur ablegt, und da habe ich einige Fragen zur genauen Durchführung. Zudem gibt es eine Sache mit Julia, über die ich gerne mit ihnen sprechen möchte, aber mit wäre es lieber, wenn wir dies unter vier Augen tun könnten.“

Der Kniff war ihr spontan eingefallen, die junge Lehrerin würde ein Treffen nicht ausschlagen können, wenn das Schicksal eines Schützlings auf dem Spiel stand. Irene war stolz auf sich. Sie spielte ihre ganze Professionalität aus.

„Natürlich können wir uns treffen, könnten Sie mir einen Tipp geben, worum es geht?“

Irene musste nicht lange nachdenken.

„Ich habe den Verdacht, dass Julia unter Legasthenie leiden könnten. Ihre Leistungen in Deutsch könnten besser sein. Vermutlich ist es das nicht, aber ich möchte sicher gehen.“

Das war natürlich Quatsch. Julia war einfach nur etwas faul, man hatte irgendwann sogar mal einen Test gemacht, der negativ ausgefallen war, aber das wusste die neue Lehrerin ja nicht.

„Schlagen Sie einen Termin vor.“

Irene blickte in ihren Kalender.

„Wie wäre es mit kommendem Mittwoch um 16 Uhr?“

„Da habe ich leider eine Konferenz. Donnerstag 16 Uhr könnte ich.“

Irene blickte auf ihren Kalender.

Donnerstag 15 bis 18 Uhr Schmidt und Co. Strategiegespräch zur Hauptverhandlung.

Schmidt und Co waren wichtige Kunden und hatten einen wichtigen Prozess vor sich. Auf der anderen Seite, dachte Irene sich, haben die auch wiederholt Termine kurzfristig abgesagt. Schmidt und Co würden bestimmt auch freitags können. Deren Wichtigtuerei ging ihr ohnehin auf die Nerven und eine Kanzlei ihrer Reputation musste sich nicht alles gefallen lassen.

„Das passt mir gut. Donnerstag 16 Uhr. Telemann Str. 13. Wissen Sie, wo das ist?“

„Ich werde es finden.“

Irene fiel erneut die Präzision und Kürze auf, mit der Frau Wantia formulierte.

„Wunderbar, dann sehen wir uns am Donnerstag. Ich freue mich.“

„ Bis Donnerstag. Auf Wiederhören.“

„Auf Wiederhören.“

Irene legte erleichtert auf. Sie verdrängte eine leichte Anspannung und kam zu dem Ergebnis, dass das Gespräch sehr viel angenehmer verlaufen war, als sie gedacht hatte, und dass keine der zuvor verspürten Animositäten spürbar gewesen waren.

Das war einfacher gewesen als gedacht.

Die Anwältin lehnte sich in ihrem Sessel zurück und war rundherum mit sich zufrieden. Dann machte sie sich wieder an die Arbeit.

 

3

Unvorhersehbare Konsequenzen

 

Sie war früher nachhause gegangen, Schmidt und Co hatte sich nach anfänglicher Verärgerung wieder beruhigt, der Kaffee war aufgesetzt, der Tisch gedeckt, Makeup war aufgelegt, irgendwas hatte sie aber noch vergessen. Irene überprüfte die goldenen Ohrclips, den Sitz der Bluse, der Haare. Der Kaffee brühte, der Tisch war gedeckt. Irgendwas hatte sie vergessen. Die Milch. Irene holte die Milch aus dem Kühlschrank, stellte ihn auf den gedeckten Tisch, schob eine Kuchengabel zurecht, die leicht schief lag und überprüfte dann noch einmal ihre Haare. Irgendwas hatte sie vergessen.

Die Tür klingelte. Irene sprang auf wie ein Teenager und eilte zur Tür. Dann bremste sie sich doch noch, atmete tief durch, um ihre Contenance wiederzugewinnen. Die letzten Tage hatte sie diesem Treffen entgegengefiebert. Die Gedanken während ihres Telefonats mit der jungen Frau hatte sie längst verworfen. Sie hatte Stimmungsschwankungen an sich entdeckt, die sie so lange schon nicht mehr gehabt hatte. Mittlerweile war ihr klar geworden, dass sie diese interessante Frau näher ergründen musste. Hintergedanken hegte sie keine, was sie wollte, war ihr nicht bewusst, hätte man sie gefragt, sie hätte darauf verwiesen, dass ihre Scheidungsangelegenheiten ihr doch mehr zu schaffen machten, als sie sich zugestehen wollte und dass sie sich ein wenig einsam vorkam, denn in der letzten Zeit hatte sie außer ihrer Arbeit wenig Freizeit gehabt und das pubertierende Mädchen war auch gerade in einem schwierigen Alter, so dass sie von dieser Seite wenig Unterstützung erwarten konnte.

Mit anderen Worten, sie wollte einfach nur eine neue Bekanntschaft machen, redete sie sich ein. Darum hatte sie sich auch besondere Mühe gegeben, alles perfekt zu arrangieren. Ein letztes Mal überprüfte sie den Sitz ihrer Ohrclips, des Haares, der Bluse, dann öffnete sie die Tür.

Das grelle Tageslicht strömte in die Wohnung und blendete Irene kurz. Als sich ihre Augen wieder beruhigt hatten, stand die junge Lehrerin im Türrahmen im wirkte im Kontrast zum Sonnenlicht wie ein Eisblock. Die Haare schienen noch straffer zusammengebunden zu sein, die Augen funkelten noch blauer. Sie trug ein sehr strenges graues Kostüm. Man hätte glauben können, dass sie gerade aus einer geschäftlichen Sitzung gekommen sei, in der ein mittelständiges Unternehmen seinen Besitzer gewechselt hatte. Die Lehrerin war zweifelsohne formeller gekleidet als Irene, die zwar ein nettes Kleid trug, aber keines, das sie zur Arbeit anziehen würde. Sie wollte vielmehr elegant aber dennoch leger wirken.

„Kommen Sie doch herein!“ sagte Irene freudig, gab der Lehrerin die Hand und zog sie fast in das Haus.

„Es freut mich, Sie zu sehen!“ fuhr sie fort.

„Vielen Dank für die Einladung“, antwortete die Lehrerin knapp und trat ein.

Irene war etwas verlegen.

„Das ist also mein Haus. Es gehört natürlich auch meinem Mann irgendwie, aber wir leben in Scheidung und er hat schon angekündigt, es nicht haben zu wollen. So lebe ich hier mit Julia alleine. Ein großes Haus für zwei Personen, das können Sie mir glauben. Ich habe zwar eine Haushaltshilfe, aber die kommt auch nur zweimal die Woche.“

Aus Nervosität plapperte Irene vor sich hin und führte die junge Frau, die sich ausdruckslos umsah in die Küche, um den Kaffee zu holen.

„So, setzen wir uns doch ins Wohnzimmer, ich hole nur noch Kaffee und Kuchen.

Irene nahm den Kuchen aus dem Kühlschrank und den Kaffee aus der Maschine.

„Frisch gebrüht! Ich war noch im Feinkostgeschäft, um die gute Mischung zu bekommen.“ Sie versuchte zu lächeln.

„Ich hoffe, sie trinken Kaffee, sonst könnte ich Ihnen auch einen Tee machen.“

„Nein Danke, Ich trinke schon Kaffee. Ich benutze allerdings eine Espressomaschine, die filtert die Bitterstoffe effizienter heraus und brüht einen bekömmlicheren Kaffee. „

„Oh, das wusste ich nicht. Ich hoffe, dieser wird Ihnen dennoch schmecken, es ist eine vorzügliche Mischung.“

„Natürlich. Es wird schon gehen.“

Irene war erstaunt über die Antwort der jungen Frau, lies sich aber nichts anmerken.

Mit Kaffee in der einen und dem Kuchen in der anderen Hand balancierte sie etwas ungeschickt ins Wohnzimmer.

Frau Wantia folgte ihr.

Für einen Moment dachte Irene daran, dass die junge Frau ihr ja auch etwas abnehmen könnte, anstatt sie hier so herumwerkeln zu lassen mit beiden Händen, aber schließlich war sie ja die Gastgeberin, da gehörte es sich nicht, dass der Gast Sachen tragen musste.

Umständlich stellte sie Kaffee und Kuchen auf dem Tisch ab und bot ihrem Gast einen Platz an. Nachdem sich diese gesetzt hatte, goss ihr Irene Kaffee ein und tat ihr bestes, die Lehrerin zu bewirten. Es war ihr peinlich, dass der Kaffee nicht ihren Ansprüchen entsprach und sie versuchte dieses Manko durch besondere Gastlichkeit zu kompensieren.

Schließlich tranken die beiden Kaffee und Irene war bemüht, das Eis zu brechen, in dem sie die Lehrerin in ein wenig Smalltalk verwickelte. So erfuhr sie, dass Frau Wantia gerade die Schule gewechselt hatte und an Julias Schule nunmehr eine Festanstellung hatte, dass sie somit in der Stadt sesshaft würde. Sie berichtete, dass sie sich soweit eingelebt hätte und mit der Schule zufrieden sei.

All das musste Irene recht mühsam herausfinden, denn die Antworten der Lehrerin blieben knapp und etwas kalt. Irene begann zu schwitzen, zumal sie das Gefühl hatte, dass sie Frau Wantia langweilte und fast kam es ihr vor, als würde die Lehrerin daran gefallen finden, das Gespräch so zäh zu gestalten und Irene in ihrer unangenehmen Lage zu belassen.

Irene meinte von Zeit zu Zeit einen ganz zarten Hauch eines spöttischen Lächelns auf den Lippen der jungen Frau zu erkennen, wenn Irene mal wieder krampfhaft nach einer weiteren Frage suchte.

Es kam Irene zwar unsinnig vor, aber auf eine seltsame Art fand sie Gefallen daran, diesen Hauch von Spott auszulösen, bedeutete das doch, dass sie der Frau zumindest irgendeine Art von Vergnügen bereitete, selbst wenn dieses Vergnügen auf ihre Kosten ging. Es war immerhin besser als zu langweilen.

Die Anwältin suchte zunehmend krampfhaft nach Gesprächsstoff. es konnte doch nicht sein, dass sie, eine erfolgreiche Frau, es nicht schaffte, ein Gesprächsthema anzuschneiden, welches die jüngere interessierte oder zum Auftauen brachte.

So nutzte sie die Pause, in der sie an ihrem Kaffee nippte und betrachtete sich die junge Frau, die etwas zurückgelehnt in ihrem Sessel saß.

Sie war wirklich attraktiv, dachte die Anwältin, und trotz ihrer Spröde hat sie etwas sehr interessantes und ... erotisches. Sie stockte bei dem Wort erotisch, denn so dachte man nicht über die Lehrerin seiner Stieftochter, allenfalls Männer taten so etwas.

Während sie die andere Frau betrachtete, trafen sich für einen Moment ihre Blicke und obwohl Irene vor hatte, ihrem Blick standzuhalten, musste sie nach nur einem Augenblick die Augen senken. Sie konnte diesen durchdringenden blauen Augen nichts entgegensetzen.

Als sie wieder aufsah, entdeckte sie wieder und nun ganz deutlich das spöttische Lächeln ihres Gegenübers.

Es bestand kein Zweifel, dass sie Gefallen daran fand, der Anwältin zu zeigen, wer in diesem kleinen Spielchen gewonnen hatte.

Irene wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte und so wechselte sie das Thema.

„Ihr Kostüm steht ihnen richtig gut. Kenne ich den Designer?“

„Es ist aus einer kleinen Boutique, kein großer Designer steht dahinter, ich verdiene zwar nicht schlecht, aber nicht gut genug, um mir Kleidung von Designern leisten zu können.“

Irene war schon wieder ins Fettnäpfchen getreten. Was machte sie nur falsch?

„Ich bin nicht der Ansicht, dass Geschmack viel mit Geld zu tun hat. Man kann sich auch mit wenig Geld anständig kleiden. Nehmen Sie ihr Kleid. Das mag von Dior order Yves Saint Laurent oder sonst wem sein, aber es passt nicht zu Ihnen, wenn ich das sagen darf!“

Irene konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie war so perplex, dass sie nicht wusste, wie sie diese Kritik zurückweisen sollte. Aber es ging noch weiter.

„Sie werden meine Offenheit entschuldigen, aber dieses Muster kaschiert ihre Figur. Warum verstecken Sie sich so hinter diesem Paisley Muster. Sie sind doch eine gut aussehende Frau, warum kleiden Sie sich wie 50? Warum tragen Sie das Kleid so hochgeschlossen? Öffnen Sie den obersten Knopf, zeigen sie etwas von ihrem Dekollete, das müssen Sie doch nicht verstecken.“

Irene griff unwillkürlich an den obersten Knopf des Kleides, verharrte dann aber.

„Ja, öffnen Sie die Knopf!“

Es klang fast wie ein Befehl, dem Irene widerwillig folgte.

„Lassen Sie sich ansehen! Sehr schön, so ist es besser. Und jetzt machen Sie noch einen Knopf auf.“

„Noch einen?“

„Machen Sie schon, sie werden sehen.“

Irene zögerte erneut. Ein weiterer Knopf würde die Ansätze ihrer Brüste offen legen, vielleicht sogar die Spitzen ihres BHs zum Vorschein bringen. Das ging nun wirklich zu weit.

„Das kann ich nicht machen“, widersprach sie unsicher.

„Natürlich können Sie, Sie wollen nur nicht! Warum leben Sie so konservativ und verstecken sich derart? Das haben Sie nun wirklich nicht nötig. Sie sollten etwas figurbetontere Kleidung tragen und weniger Schnickschnack. Eine nüchterne Eleganz steht Ihnen und nicht diese Kleider im Tapetenmuster der 70er Jahre.“

Irene merkte, wie sie errötete. Diese Kritik war nicht nur inhaltlich falsch, vor allem war der Ton vollkommen unangebracht.

„Sehen Sie sich nur einmal in ihrem Wohnzimmer um.“

„Was ist damit?“ Irene spürte nun ein wenig Wut hochkommen, denn auf ihr Wohnzimmer mit den Antiken Möbeln und den Gemälden war sie besonders stolz.

„Es ist das Wohnzimmer eines Altersheimes. Viel zu dunkel, diese ganzen alten Reproduktionen aus der Barockzeit an der Wand. In dreißig Jahren passt das vielleicht zu Ihnen, aber doch nicht jetzt.

Irene platzte der Kragen.

„Jetzt hören Sie mal zu.“

Doch sie kam nicht weit.

„Nein, Sie hören mir jetzt zu.“

Die junge Lehrerin war nun sichtlich genervt und legte an Schärfe zu.

„Sie verschwenden meine Zeit. Sie wollen etwas von mir, stehlen aber meine Zeit mit ihrem belanglosen Gewäsch. Warum sagen Sie nicht deutlich, was Sie von mir wollen, dann sparen wir ihre und meine Zeit. Und kommen Sie mir nicht mit einem weiteren Vorwand. Ich habe Einsicht genommen in Julias Schulakte. Sie wurde im 5. Schuljahr einem Test unterzogen, bei dem sich herausstellte, dass sie nicht an Legasthenie leidet und auf dem Formular habe ich Ihre Unterschrift gesehen. Sie wussten das alles also ganz genau. Warum diese Vorwände?“

Irene war ratlos und wusste nicht, was sie erwidern sollte. Eine solche Unverschämtheit hatte sie lange nicht erlebt und mangels eigener Worte schwieg sie. Doch die Lehrerin lies nicht locker.

„Nun? Warum haben Sie mich eingeladen?“

Schweigen.

„Reden Sie schon!“

Schweigen. Irene kam sich wie ein Schulmädchen vor, das beim Rauchen im Mädchenklo erwischt worden war und nun ihrer Lehrerin Rede und Antwort stehen musste, obwohl es nichts zu sagen gab, als die Schuld einzugestehen. All ihre Kraft, die sie mühsam gegen die jüngere Frau aufgerafft hatte, war verflogen.

„Ich ... ich .. ich weiß es nicht.“

„Sie wissen es nicht! Dann machen Sie sich mal Gedanken darüber und wenn Sie mich das nächste Mal einladen, dann sollten Sie wissen, was Sie wollen!“

„Na ... türlich.“

„Ich gehe jetzt. Bemühen Sie sich nicht, ich finde allein raus. Guten Tag.“

Mit diesen Worten stand Frau Wantia auf und verlies das Haus, und Irene blieb perplex und allein im Wohnzimmer stehen, fühlte sich überrannt und sprachlos.

Sie nahm nur undeutlich wahr, dass die Tür ins Schloss fiel als Zeichen dafür, dass die Lehrerin das Haus verlassen hatte.

Irene wurde erst wieder aus ihrer Starre gerissen, als sie eine Bewegung wahrnahm. In der Küchentür stand reglos Julia.

„Was machst du hier?“

Sie riss sich zusammen.

„Du hast einen Anschiss von meiner Lehrerin bekommen. Cool!“

„Wie lange hast du gelauscht?“

Julia lächelte nur und verschwand, ohne auf die Frage zu antworten.

„Julia, antworte mir!“

 

4

Die Qual der Stille

 

Wenn Sie mich das nächste Mal einladen, dann sollten Sie wissen, was Sie wollen!

Als Juristin ist man darin geschult, genau zu hören und zu lesen und manchmal auch Haare zu spalten.

Wenn Sie mich das nächste Mal einladen kann temporal verstanden werden: zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie mich wieder einladen; es kann aber auch ein verkappter Konjunktiv sein: sollten Sie mich jemals wieder anrufen. Der Bedeutungsunterschied war immens. Der zweite Satz implizierte, dass die Lehrerin nie wieder von Irene hören wollte. Der erste Satz hingegen bedeutete, dass sie sogar erwartete wieder angerufen zu werden, dass sie aber zu diesem Zeitpunkt wissen sollte, was sie wollte.

Die genaue Analyse solcher Formulierungen hatte schon so manchen Prozess entschieden. Hier war es wichtig zu wissen, was die Lehrerin gemeint hatte und auch Irene musste sich darüber im Klaren sein, welchen Sinn sie selbst bevorzugte.

Solcherlei Gedanken beschäftigten sie Tage später noch.

Wie viel hatte sie von dem Gespräch mitbekommen?

Was hatte Frau Wantia mit der Frage gemeint: Warum haben Sie mich eingeladen? Da steckte mehr hinter als die Verärgerung über die Zeitverschwendung. Es schien eine echte Frage zu sein, eine Frage, die sich Irene stellen und selbst beantworten sollte.

Warum hatte Irene die Lehrerin eigentlich eingeladen?

Diese Frage war die schwerste, denn sie lag offen auf der Hand, aber das, was da so offen lag, das machte ihr Angst.

Sie war fasziniert von der Macht, die diese junge Frau ausströmte, sie war angezogen von der Kompromisslosigkeit, von der Überlegenheit und der Kontrolle, die die Frau ausübte. Aber all das konnte Irene nicht verstehen. Warum sollte ein Mensch Interesse haben, in der Nähe eines anderen zu sein, der ihn beleidigte? Warum sollte man sich zu so einem Menschen hingezogen fühlen?

Sicherlich gab es Frauen, die solche Männer suchten. Männer, die stark waren und die Kontrolle hatten. Es gab auch Frauen, die geradezu eine perverse Lust darin empfanden, sich beleidigen, vielleicht sogar misshandeln zu lassen.

Aber Irene hatte dergleichen noch nie verspürt und ihr Mann hatte keinerlei solcher Eigenschaften jemals gezeigt. Ihr Mann hatte Wert darauf gelegt, dass alles immer demokratisch ausdiskutiert wurde und wenn es mal Konflikte gab, so war er immer so kompromissbereit gewesen, dass diese schnell aus der Welt geschafft waren.

Irene war ratlos, aber Ratlosigkeit, war ohnehin das vorherrschende Gefühl seit einigen Tagen.

Immerhin hatte sei mittlerweile einen Entschluss gefasst. Sie griff zum Telefonhörer.

„Ich möchte Sie gerne wiedersehen.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, was es ist, aber Sie faszinieren mich und ich würde Sie gerne wiedersehen. Ohne einen Vorwand. Sie wollen wissen warum, ich kann es Ihnen nicht sagen. Alles, was ich Ihnen sagen kann ist, dass Sie einen tiefen Einfluss auf mich hinterlassen haben, dass ich ständig an Sie denken muss. Ich habe Ihre Vorschläge zu meiner Bekleidung beherzigt und bin seit einigen Tagen damit beschäftigt, mein Haus umzugestalten. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie recht haben und dass ich Sie wiedersehen möchte.

Am anderen Ende der Leitung herrschte immer noch Stille.

Irene fragte sich, was Sie noch sagen sollte. Sie hörte leichte Atemgeräusche am anderen Ende der Leitung.

„Ich bitte Sie“, fügte Sie noch hinzu.

„Ich werde es mir überlegen und mich bei Ihnen melden.“

„Vielen Dank.“

„Ich werde Sie über meinen Entschluss wissen lassen, rufen Sie mich nicht an.“

„Ich werde warten.“

„Gut.“

In der Leitung klickte es, Frau Wantia hatte aufgelegt.

Irene war ratlos.

In den letzten Tagen hatte sie immer wieder an das Treffen in ihrem Haus gedacht. Die Art und Weise, wie sie behandelt worden war und dass sie dies jenseits aller Beleidigungen, die sie ertragen musste, sehr anregte.

Die nächsten Tage stellten sich als eine Tortur dar. Jeden Tag, jede Stunde, manchmal jeden Augenblick harrte sie des ersehnten Anrufes. Es wurde unerträglich.

Sie wünschte siech, dass Frau Wantia sich ihrer annahm, dass sie sich mit ihr beschäftigte, dass sie gemeinsames unternahmen, dass Frau Wantia sie so erregend abwertend behandelte, dass ...

Irene war sich immer noch nicht sicher, was das weitere Ziel war, was sie wollte, wo es hinführen sollte, aber ihr war eines gewiss geworden: Trotz aller Vorbehalte, verband sie sexuelle Phantasien mit der Lehrerin.

Sie brauchte Gewissheit. Die Schwebe, in der sie sich jedoch befand, war unerträglich. Nach dem Anruf hatte sie gedacht, dass der erlösende Anruf vielleicht noch am gleichen Abend kommen würde.

Wie lange brauchte man wohl, um zu einer Entscheidung zu kommen?

Als der Anruf am Abend nicht kam; Irene zögerte das Zubettgehen hinaus, um ihn ja nicht zu verpassen, fragte sich immer wieder, ob man um 10 Uhr, um 11 Uhr, mitternachts noch solch einen Anruf erwarten könne.

Selbstredend schlief sie schlecht in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen erwartete sie mit absoluter Sicherheit den Anruf - zum Frühstück, denn die Lehrerin war ja berufstätig, wie sie.

Als der Anruf nicht kam, fuhr sie in die Kanzlei und dachte, dass sie wohl in den nächsten Stunden nicht zu hoffen brauchte, da die Lehrerin zu unterrichten hatte. So begab sie sich ohne große Lust an die Arbeit, sah die Post durch, beschäftigte sich halbherzig mit einigen Akten und fühlte sich generell unzufrieden und gerädert, denn geschlafen hatte sie nicht viel.

Plötzlich schreckte sie auf.

Was wäre mit der Pause? Die Lehrerin könnte sich in der Pause melden. Sie könnte vom Lehrerzimmer aus anrufen; nun gut, das war eher unwahrscheinlich, vielleicht aus einem leeren Klassenraum, vielleicht von sonst woher.

Fieberhaft versuchte Irene zu überlegen, wann ihre Stieftochter Pausen hatte, wann ein Anruf kommen könnte. Sie verfluchte ihre mangelnde Aufmerksamkeit, dass sie sich die Pausenzeiten nicht gemerkt hatte und versuchte nun, diese selbständig zu rekapitulieren. Wenn der Unterricht um 8 Uhr morgens begann, dann wäre die erste Pause um 9:30 Uhr. 10 oder 15 Minuten? Sie erinnerte sich dunkel, dass die Pausen nicht gleich lang waren, dass eine länger war. Welche Pause wäre sinnvoller weise wohl länger? Die erste oder die zweite?

So kam sie nicht weiter. Sie gab es auf.

Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte.

Ihr Puls schoss vor Erwartung in die Höhe und ihre Hand flog zum Hörer.

Hastig nahm sie ab.

Ihre Rechtsanwaltsgehilfin teilte ihr irgendeine wichtige Information bezüglich eines Falles mit. Sie klang aufgeregt, die Information schien die Rechtslage in einem Fall vollkommen zu verändern. Irene nahm dies missmutig zur Kenntnis. Es war ihr in diesem Moment vollkommen egal. Sie blaffte ihre Angestellte ohne Grund an und knallte den Hörer auf. Nur weit im Hintergrund kam ihr der Gedanke, dass die Gehilfin ja nun nichts falsch gemacht hatte und eine solche Behandlung nicht verdiente, aber der Gedanke ging schnell vorüber.

Wichtiger war die Frage, ob und wie und wo die Lehrerin sie überhaupt erreichen konnte.

Irene überlegte. Sie hatte am Elternabend einige Formulare ausgefüllt. Darunter waren auch Notfalladressen, für den Fall, dass Julia während der Schulzeit etwas passieren sollte. Darunter war sowohl die Telefonnummer der Kanzlei als auch ihre Handynummer. Die Lehrerin hatte also alle Nummern, unter denen sie erreichbar war.

Sie vergewisserte sich, dass das Handy auch wirklich Empfang hatte, denn sie erinnerte sich dunkel daran, dass vor einigen Jahren einmal ein Mandant darüber geklagt hatte, dass er in ihrem Büro keinen Empfang bekam. Aber das war vor einigen Jahren gewesen und mittlerweile hatten sie ja wohl das Mobilfunknetz soweit ausgebaut, dass sich keine Funklöcher mehr in besiedelten Gebieten fanden. Auf der anderen Seite konnte man nie wissen. Es war frustrierend.

Sie stellte ihr Telefon so auf, dass sie zu jeder Zeit sehen konnte, ob sie Empfang hatte und ertappte sich dabei, dass sie ständig überprüfte, ob sich das vielleicht änderte.

Ich fange langsam an, wahnsinnig zu werden, dachte sie. Als nächstes überprüfe ich noch, ob das Handy nicht kaputt ist. Das kann ja nicht wahr sein. Ich muss das stoppen!

Drei Stunden später rief sie von ihrer Kanzlei ihr Mobiltelefon an, um zu überprüfen, ob es nicht kaputt sei.

So zog sich der Tag extrem lang hin und ihre Laune verschlechterte sich stetig.

Vermutlich würde der Anruf zuhause und nicht in der Kanzlei erfolgen, dachte die Anwältin und verabschiedete sich von der Hoffnung, sobald Antwort zu erhalten.

Dennoch schlug ihr Herz schneller, wann immer das Telefon klingelte und dennoch griff sie immer hastig zum Hörer.

Doch kein Anruf war der ersehnte.

So machte sich Irene schließlich ungehalten auf den Weg nachhause, satt von der Warterei und obwohl sie nicht noch einkaufen fuhr, wie sie das eigentlich beabsichtigt hatte, redete sie sich ein, dass der Grund dafür nicht in dem erwarteten Anruf lag.

Der Anrufbeantworter zeigte keine Nachricht, aber natürlich hätte ein Anrufer, der versuchte, sie auf diesem Apparat zu erreichen, auch auflegen können, bevor der Mechanismus das Band hätte anlaufen lassen.

Sie versuchte sich immer wieder einzureden, dass Frau Wantia es wieder probieren würde, wenn sie Irene nicht sofort an den Apparat bekäme. Ein richtiger Trost jedoch war dies nicht.

Sie ging in ihr Schlafzimmer und legte sich aufs Bett um ein wenig von dem Schlaf nachzuholen, den sie letzte Nacht versäumt hatte. Natürlich stellte sie sicher, dass das Telefon auf ihrem Nachttisch auf volle Lautstärke gestellt war und natürlich legte sie auch ihr Handy daneben.

Sie schlief wider Erwarten fest und versäumte nichts.

Als sie zwei Stunden später wieder erwachte, ging es ihr merklich besser und auch das Verlangen nach dem Anruf hatte merklich nachgelassen. Nunmehr entspannter setzte sie sich ins Wohnzimmer, entspannte bei klassischer Musik und blätterte die Magazine zur Wohngestaltung durch, die sie besorgt hatte.

Es gelang ihr recht gut, sich ab zulenken, bis sie Julia hörte, die in der Küche hantierte.

Und schon war der Teufel wieder geweckt und nagte an ihr.

Was, wenn Julia eine Nachricht hatte?

Es war unwahrscheinlich aber möglich und warum sollte sie nicht ihrer Stieftochter irgendwelche Informationen übermitteln, ohne dass Julia verstand, was diese zu bedeuten hatten.

Irene ging in die Küche.

„Wie war die Schule, Schatz?“

„Wie immer.“

„Hast du viele Hausaufgaben?“

„Schon gemacht.“

„Habt ihr irgendwelche Klausuren geschrieben?“

„Das Schuljahr hat gerade erst begonnen, Klausuren dauern noch.“

„Sonst ist nichts passiert?“

„Was soll sonst passiert sein?“

Irene zögerte kurz.

„Hat deine Klassenlehrerin irgendwas gesagt?“

Julia blickte sie seltsam an und lächelte dann hinterhältig.

„Warum fragst du ständig nach meiner Lehrerin?“

„Ich frage nur.“

„Nein, du fragst nicht nur. Irgendwas ist da und ich finde es nicht komisch. Ich will nicht, dass sich rumspricht, dass meine Stiefmutter und meine Lehrerin befreundet sind oder so.“

„Was redest du da?“

Julia nahm sich einen Apfel, sah ihn sich prüfend an und sagte dann im Hinausgehen:

„Aber nach dem, was sich letztes Mal hier abgespielt hat, werdet ihr ja ohnehin keine Freundinnen.“

Dann war sie verschwunden und Irene, die nicht sofort wusste, wie sie darauf reagieren sollte, ließ sie ziehen. Eigentlich sollte sie ihr dergleichen nicht durchgehen lassen und in der letzten Zeit war es schlimmer geworden, aber derzeit hatte Irene keinen Nerv, sich auch noch mit ihrer respektlosen Stieftochter auseinander zu setzen.

Es ärgerte sie zudem, dass sie nicht wusste, wie viel diese von der Szene mitbekommen hatte.

Auch am nächsten Tag erfolgte kein Anruf und besonders ärgerte Irene neben den Qualen des Wartens, dass sie sich erneut mit Julia auseinandersetzen musste oder zumindest irgendwie herausfinden musste, ob diese nicht irgendwelche Mitteilungen hatte.

Julia, die zwar keine Ahnung hatte, warum Irene sich so seltsam benahm, genoss diese Augenblicke der Aufmerksamkeit.

Die Tage vergingen und mittlerweile verzweifelte Irene an der Grausamkeit der Lehrerin, die sie so lange zappeln lies.

Konnte die Frau sich denn nicht denken, was sie anrichtete? Wie konnte man so grausam sein? Wie konnte man einem Menschen nur solche Hoffnung machen und ihn dann so erbärmlich hängen lassen? Es schockierte Irene, wie gedankenlos die junge Frau war, wie wenig sie sich scheinbar Gedanken machte, was sie angerichtet hatte. Als Lehrerin musste man doch wissen, welche Wirkung man auf Menschen hat und welche Dinge man kundtun durfte und welche nicht. Langsam entwickelte Irene einen Zorn, der unbeschreiblich stark wurde und den sie nicht mehr in Worte fassen konnte.

Schließlich kam der Anruf abends als Sie schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte.

„Sie wollen mich wiedersehen.“

„Ja, auf jeden Fall.“

„Nun, gut, ich komme morgen um 17 Uhr vorbei und wir sehen, wie es weitergeht. Passt Ihnen das?“

Irene musste vermutlich wieder einen Termin absagen.

„Natürlich.“

„Gut. Wir sehen uns dann.“

Bevor Irene noch etwas sagen konnte, hatte die Frau aufgelegt.

In jener Nacht schlief Irene nur sehr unruhig. Ein fiebriger Traum suchte sie heim. Ein Traum, der voller Bedeutung war, aber auch ein Traum, den sie nach dem Aufwachen als äußerst schmerzhaft empfand, weil sie ihn nicht zurückholen konnte, weil sie nicht wusste, was sie genau geträumt hatte. Sie wusste nur, dass sie in ihrem Leben noch nichts schöneres geträumt hatte, und dieses Wissen schmerzte ungemein.

 

© 2004 - Patrizia Panther

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Kommentare

Bild des Benutzers Megs ·Administrator·

Sie freut sich riesig über jedes Feedback, ganz sicher noch mehr über ein solch positives.

E-Mail an Patrizia Panther

 

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Ich bin der mit dem Schlüssel für die Bibliothek. Bücherei-Ausweise gibt's nur bei mir. ;)

Bild des Benutzers paul.devot

danke das ich kurz zeitig in diese welt reisen durfte ....und die neugierde bleibt wie es weiter geht. selten eine solch gute gescgichte gelesen in der es vor erotik zu prickenl scheint.....

 

nochmals danke dafür

paul

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Bild des Benutzers neutrum

Die scharfen Krallen der Pantherin dringen in unser Fleisch und reissen uns mit in die phanter-äh-phantastische Welt dieser phänomenalen Geschichte.

 

Danke

neutrum

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Bild des Benutzers viel-reisender

Hoffentlich geht es bald weiter. Klasse geschrieben und sehr aufgregend zu lesen. 

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Bild des Benutzers subbi 91

..haben mich die kommentare der vorposter gemacht, als ich gelesen habe,dass die geschichte bereits auf anderen seiten komplett zu lesen ist...und nachdem ich mich ein bisschen durch google geschlagen habe hatte ich sie auch gefunden...wundervolle geschichte,ich hoffe du lädst die folgenden teile auch hier hoch.

es ist wunderschön beschrieben und kommt gänzlich ohne vulgärität aus. sehr spannend finde ich auch,dass es nurum dominanz und unterwerfung geht,jedoch nicht um sadismus oder masochismus..

ich habe die geschichte verschlungen und finde sie sehr gelungen :)

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Bild des Benutzers IKKE12

mal was anderes , was neues

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