Trine (Teil 7)

 
Kyra war schon so gut wie gesund und ich hatte meine ersten zarten Erfahrungen in Sachen Sklavinnen mit Memori hinter mir, als ich Kyra aber immer noch pflegte und sie bei der Gelegenheit drängte, mir von ihrem bevorstehenden Aufenthalt auf Gut Stollberg beim Grafen und der Herrin, wie Kyra die weibliche Protagonistin nannte, zu erzählen. Zunächst zierte sie sich. Doch nachdem ich ihr halb im Scherz, halb im Ernst androhte, meine ersten Lektionen mit der Peitsche, die Charly mir als eines der Lernziele vorhergesagt hatte, auch an ihr vornehmen zu können, fing sie an, zu berichten. Zunächst verhalten, so wurde sie doch zu meiner Freude immer redseliger.
„Also gut. Wie du weißt, wirst du mich zum Grafen, Elise, Minna und Knut bringen. Ein Aufenthalt, dem ich mit gemischten Gefühlen entgegensehe. Einerseits - ich war schon oft auf dem Gut, musst du wissen - ist dort alles bekannt und vertraut, andererseits geht es dort nicht um ein Spiel. Alles ist bitterernst. Ein Leben wie vor ungefähr einhundertzwanzig Jahren."
Sie fand offenbar, dass das nun genug an Information war. Darum herrschte ich sie an:
„Ja und? Weiter, weiter …!“
"Alle dort haben sich entschlossen, so zu leben, wie etwa zwischen 1900 und 1930. Und genau so geht es zu. Weit ab von jeglicher Gemeinschaft, eines Dorfes zum Beispiel, liegt das Anwesen. Es könnte genauso gut als Museum zu Anschauungszwecken dienen. Nur, dass dort eben gelebt, gearbeitet, geliebt, Musik gehört, gefeiert, getanzt, gekocht, gebacken, sich unterhalten und mit dem Personal umgegangen, wie es zu dieser Zeit zum guten Ton gehörte.“
Ungeduldig nickte ich ihr zu.
„Nach außen deuten lediglich drei Gegenstände darauf hin, dass wir das Jahr 2015 schreiben. Eine Waschmaschine, versteckt ganz hinten, unten im Keller. In der Küche steht eine formschöne Espressomaschine aus den 60iger Jahren, die mit Strom betrieben wird und der Graf besitzt ein Laptop, das er allerdings vor den Augen von Elise zu verstecken versucht, welches ihm aber ermöglicht, das Gut selten verlassen zu müssen.
Die Herrin ist diejenige, die peinlich genau darauf achtet, dass ihr möglichst nichts Modernes unter die Augen kommt. Du musst wissen, der Graf und die Herrin sind nicht die einzigen, die so leben. Weltumspannend gibt es einen „Freundeskreis“, der sich genau diese Epoche zur Lebenszeit auserkoren hat. Höchstens wenn man verreist, bedient man sich moderner Fortbewegungsmittel, schläft in zeitgemäßen Hotels und nimmt zwangsläufig eine Auszeit vom sonst gewohnten Lebensstil. 
Die Waschmaschine, so rechtfertigte sich die Herrin einmal vor Mitgliedern des Kreises der „Freunde der Jahrhundertwende“, die noch konsequenter in ihrem Lebenswandel sind, stört mich nicht im Geringsten. Ich muss sie ja nicht ansehen. Genauso wenig, wie mich diese grausigen Masten stören, die dem Grafen ermöglichen, seine Geschäfte oben vom Arbeitszimmer aus zu erledigen. Ich bin froh, dass es die Dinger gibt, so lange sie mir nicht unter die Augen kommen.
Ein andermal hörte ich sie sagen: Wissen Sie, ich habe nichts gegen den Fortschritt. Wenn er nur die Augen nicht so beleidigte. Aber sobald der Graf und ich reisen müssen, haben auch wir selbstverständlich das alles in Kauf zu nehmen. Allein die Häuser! Glatte, fantasielose Fassaden, ohne den geringsten Sinn für Form, Anmut und Stil! Dort müssen unsere armen Zeitgenossen Tag für Tag ein- und ausgehen. Unvorstellbar! Oder Menschen, die in Wurstpellen, statt in Kleidung zu stecken scheinen. Bei nicht gerade wenigen ein Anblick, bei dem einem das Herz stehenzubleiben möchte. Die Schönheit ist so gut wie verschwunden aus der Welt. Sehen Sie, als wir auf der letzten Reise einmal eine U-Bahn benutzen mussten, sah ich mir die versteinerten Gesichter an. Und ich hatte das Gefühl, als habe sich die Trauer über die verlorene Ästhetik sogar auf den Mienen abgezeichnet, die stumm nebeneinandersitzen, als gehörten sie gar nicht der gleichen Spezies an.
Ich musste schmunzeln über den Vergleich mit den Wurstpellen und sagte: "Irgendwo hat sie da doch gar nicht so unrecht, oder?" Kyra sah mich erstaunt und offenbar in ihrem Schwall an Gedanken irritiert an. Mit ihrer Figur hatte sie ja auch nicht den geringsten Anlass, sich Sorgen zu machen und mit einer Wurst verglichen zu werden.
"Auf dem Gut gibt es außer einer Pferdekutsche noch nicht einmal ein  Fortbewegungsmittel“, fuhr Kyra, ohne meinen Einwand zu berücksichtigen, fort.  „Die Kutsche nutzt Elise hin und wieder, wenn sie sich von Knut spazieren fahren lässt. Der Graf reitet fast jeden Tag aus. Manchmal begleitet die Herrin ihn auch. Sie ist eine hervorragende Reiterin, musst du wissen.“
 „Womit verdient der Graf eigentlich den Unterhalt für das alles“, fragte ich neugierig, vielleicht sogar auch ein wenig neidisch.
„Er besitzt Hotels in Asien, Griechenland und Südafrika, soweit ich weiß.“
„Und du vertrittst also Minna, seine eigentliche Ehefrau? Habe ich das richtig verstanden?“
„Ganz recht. Mit Minna ist der Graf verheiratet. Aber Elise ist die Herrin auf Gut Stollberg. Eine der bezauberndsten Nymphomaninnen und Sadistinnen, die ich kenne. Sie und der Graf werden von Minna, einer eher als herb zu bezeichnenden Schönheit und Knut, dem Adonis, umhegt und umsorgt. Minna heißt übrigens eigentlich Constanze, ein schöner Name, nicht wahr?“
„Und warum nennst du sie Minna“, wollte ich wissen, auch wenn ich bereits eine Ahnung hatte.
„Nicht ich nenne sie Minna. Die Herrin hat ihr diesen alten deutschen Namen verliehen. Er steht für einen weiblichen Dienstboten. Früher, in den fünfziger und sechziger Jahren, wenn eine Frau sich gegen eine geringschätzige Behandlung mit Worten auflehnte, so sagte sie: ich bin doch nicht Deine Minna! Das drückte alles aus und man verstand sofort.“
„Aber Minna, lehnt sie sich eigentlich irgendwann einmal auf?“
„Niemals“, kam es von Kyra wie aus der Pistole geschossen. „Wo denkst du hin?“
„Und wo ist sie, wenn du auf dem Gut bist?“
„Hin und wieder, so hat die Herrschaft bestimmt, wird ihr eine Auszeit zugestanden, wenn man das so nennen darf. In diesem Fall komme ich als ihre Vertretung. Ich lebe dann Minnas normales Leben. Wobei die sogenannten Ferien für sie darin bestehen, dass sie von ihrer Kammer unter dem Dach in eines der bequemen Gästezimmer umzieht. Außerdem darf sie, gemeinsam mit der Herrschaft, die Mittagsmahlzeit im Esszimmer einnehmen. Zu diesem Zweck müssen Knut oder ich sie von ihrer langen Kette befreien, die verhindert, dass sie das Badezimmer benutzen kann, das an jedes Gästezimmer angrenzt. Knut oder ich bringen sie dann nach unten.
Hin und wieder nimmt der Graf sie sogar mit, wenn er ausreitet. Das ist aber eher selten der Fall.  Die meiste Zeit hält sie sich in diesem Zimmer auf und Knut und ich versorgen sie mit allem, was sie braucht: Frühstück, Abendessen und warmem Wasser, damit sie sich waschen kann. Und wir dürfen ihr auch gelegentlich etwas Gesellschaft leisten. Meistens aber sitzt sie, umringt von Büchern, die der Graf für sie im Internet bestellt hat, in ihrem Bett und liest. Das ist Urlaub für sie vom Feinsten, behauptet sie, weil man ihr ohnehin keine andere Wahl ließe, nehme ich an. Und weil sie sonst nach all´ der harten Arbeit abends ins Bett fällt und schläft. Außerdem hat sie da oben sowieso kein elektrisches Licht. Deswegen freut sie sich wahrscheinlich wirklich."
„Du übernimmst also ihre Aufgaben in dieser Zeit?“
„Genau. Ich bewohne ihre kleine Kammer unter der Dachschräge mit dem Strohsack und dem Stuhl.“
„Einen Strohsack, sagst Du? Zum Schlafen, nehme ich an. Und sonst gibt es nichts, nur einen Stuhl“, wundere ich mich.
„Eine Decke gibt es auch. Aber noch nicht einmal ein Kopfkissen“, bestätigt Kyra.
„Wo verwahrst du denn deine Anziehsachen?“
„Nachts hänge ich das, was ich tagsüber trage über die Stuhllehne und ziehe das weite, lange Nachthemd an, das man mir zugesteht. Meine Ersatzwäsche verwahre ich auf der Sitzfläche. Sie besteht ohnehin nur aus drei sogenannten Leibchen. Das sind enge Baumwollmieder, die von der Taille bis über den Busen reichen und ihn wegschnüren sollen, damit er mich nicht bei der Arbeit stört, wie die Herrin sagt. Außerdem genieße es der Graf, die Brüste eigenhändig freizulassen und dabei zuzusehen, wie sie sich entfalten. Und mehr gibt es nicht aufzubewahren.“
„Unglaublich“, werfe ich dazwischen.
„Dienstags nach dem Mittagessen haben Knut und ich vor der Herrin im Kleiderkeller zu erscheinen. Dort werden wir von ihr neu eingekleidet. Wir haben uns beide vor ihr auszuziehen, jedes Stück fein säuberlich zusammenzulegen und ihr zu überreichen, damit sie es in einen Korb legen kann. Bei Knut dauert das nicht lange, aber bei meinen vielen Röcken, die ich tragen muss, friere ich meist schon, noch bevor ich ganz ausgezogen bin.
Dann stellen Knut und ich nebeneinander vor ihr auf und formen die Unterarme zu einem Tablett. Erst wenn wir diese Haltung eingenommen haben, tritt die Herrin langsam und sehr bedächtig an den großen Schrank und öffnet ihn.  Danach legt sie uns genüsslich eines nach dem anderen Kleidungsstück auf unsere aufgehaltenen Arme. Sie muss es genießen wie ihren guten Rotwein, von dem sie allabendlich ein halbes Glas zu sich nimmt, wenn sie uns maximal demütigen kann, so, wie wir beide da vor ihr stehen und auf ihre Lust und Laune angewiesen sind.
Ich erhalte von ihr drei von den Leibchen, mehrere Röcke, die ich, wie gesagt, alle gleichzeitig zu tragen habe, eine Bluse und die Haube. Knut braucht nur eine Hose für den Wald, zumindest im Sommer. Im Winter bekommt er noch ein warmes Hemd und eine lange Unterhose dazu. Im Haus darf er ohnehin nichts von all´ dem tragen. Dort will sie jederzeit den Blick auf sein Gefängnis haben, das sie ihm anfertigen ließ. Immer wenn er von draußen reinkommt, zieht er sich also bis auf die Haut aus, hat er draußen zu tun, geht es umgekehrt. Du kannst dir vorstellen, wie lästig diese eine kleine Regel, die die Herrin aufgestellt hat, für Knut ist. Ich habe schon beobachtet, wie die Herrin ihm beim Entkleiden an der Tür zusah und als er fertig war, schickte sie ihn, einen Holzscheit aus dem Schuppen zu holen, obwohl genügend Vorrat da war. Als er bereitwillig und ohne Murren ihrem Willen nachkommen wollte und sich erneut ausgezogen hatte, war sie plötzlich anderer Meinung und schickte ihn rauf in ihr Schlafzimmer. Es sei doch noch genügend Holz da, sei ihr eingefallen. Dann sah sie ihm mit einem hinterlistigen Grinsen zu, wie er wieder aus seiner langen Unterhose, der Hose und dem Hemd stieg.
Wenn die erniedrigende Kleiderausgabe endlich beendet ist und es ihr selbst zu kalt wird, legt sie noch einen drauf. Sie schreitet uns voran, hinauf in den Wohnbereich. Dort haben wir uns noch einmal, wie unten im Keller, in der Mitte der Halle aufzustellen und zu warten, bis der Graf, fertig zum Ausreiten, die Treppe herunterkommt.
„Liebster“, so, oder so ähnlich fragt die Herrin ihn, „gibt es etwas, das du an unserem Personal auszusetzen hast? Jetzt ist die beste Gelegenheit, ein paar Verhaltenskorrekturen vorzunehmen.“ Ihm fällt meist nichts ein. Wir sind ihm zu unwichtig, glaube ich. Er überlässt es Elise, uns seine Wünsche näherzubringen, wendet sich ihr allerdings zu mit den Worten: „Nein, mein Engel“, küsst er wie hunderte Male am Tag ihre Hand, „das machst du schon. Ich bin in zwei Stunden wieder da“. Damit dreht er sich rum und geht. Nach Elises abfälligem Handzeichen dürfen auch wir verschwinden. Knut nach unten in sein Verlies und ich hoch unters Dach, wo ich mich endlich anziehen darf. Das Leibchen, vier ausladende Röcke übereinander, die Bluse und die Haube.
„Das ist ja ganz schön heftig“, kann ich mir nicht verkneifen. „Erzähl´, und wie sieht dein ganzer Tag so aus?“
„Muss das sein“, schaut mich Kyra bittend an und ich versuche mich an einem strengen Blick, den sie offensichtlich verstanden hatte, denn sie fuhr fort.
 
„Morgens um Punkt sechs habe ich in den Pferdeboxen Knut beim Saubermachen zu helfen.  Um halb acht bereite ich den Herrschaften das Frühstück in der Küche, denn die Köchin kommt erst gegen zehn. Ist es hergerichtet und haben der Graf und Elise sich, jeder auf seine Seite des langen Tisches gesetzt, ist mein Platz zu Füßen der Herrin. Dort unten warte ich, ob sie ihren seidenen Morgenmantel beiseitelegt und die Schenkel öffnet. Meist geschieht das schon nach wenigen Minuten. Bleibt diese eindeutige Geste einmal aus und frühstückt sie einfach nur, erkundigt sich der Graf bekümmert, ob sie womöglich nicht gut geschlafen habe oder ihr sonst etwas fehle. Manchmal kommt er selbst zu der Ansicht, sie brauche offenbar Knut statt meiner. Mich schickt er dann in den Stall, ihn für die Herrin zu holen. Das aber heißt für mich: im Stall bleiben und Knuts Arbeit zu Ende bringen.“
„Gleich in der Früh also …, sinniere ich vor mich hin.
„Sie braucht ihre Entspannung mehrmals täglich, so, wie essen und trinken“, bemerkt Kyra, bevor sie weitererzählt. Für den Fall also, dass alles glatt läuft, der Herr sieht, dass seine Geliebte befriedigt vom Tisch aufsteht und alles seinen gewohnten Gang genommen hat, räume ich nach dem Frühstück das Geschirr weg, spüle es und beeile mich, zu Elise nach oben zu kommen. In ihrem Schlafzimmer wartet sie meist schon etwas ungeduldig auf mich. Ich richte ihre Kleidung für den Tag her, helfe ihr beim Anziehen und Schminken, danach kämme und lege ich ihr die Haare.  Mal trägt sie sie offen, dann bürste ich sie eine Weile, mal lege ich ihr einen Knoten im Nacken, ein andermal flechte ich ihr einen seitlichen Zopf. Sie mag zwar diese Zeit Anfang des vorigen Jahrhunderts, aber nicht die, wie sie sie nennt, damals modernen Kochtopffrisuren. Auch der Graf ist dafür, dass sie die Haare lang belässt.
Anschließend muss ich gleich runter in die Küche, der Köchin, die mittlerweile eingetroffen ist, beim putzen des Gemüses helfen, Kartoffeln schälen, die Abfälle zu dem einzigen Schwein im Stall bringen. Größtenteils muss ich mich ganz schön abhetzen, denn genau um elf Uhr habe ich oben beim Grafen in seinem Arbeitszimmer zu erscheinen. Keine Minute früher, aber auch keine später.
Genau, wenn die Uhr in der Halle elf schlägt also, klopfe ich an seine Tür und lausche, ob er mich hereinbittet. Nicht selten telefoniert er noch, dann habe ich leise einzutreten, stehle mich an seinen Schreibtisch und lege den Oberkörper auf die kurze Seite des Tisches, an dem der Graf zu arbeiten pflegt. Die Röcke arrangiere ich auf meinem Rücken so, dass sie auf ihm liegenbleiben, ohne dass ich sie mit den Händen festhalten muss. Dazu muss ich mich etwas auf die Zehenspitzen begeben. Wenn alles geordnet ist, wie er es wünscht, breite ich die Arme wie Flügel aus und bleibe ruhig liegen.
Die folgenden Minuten können zur Qual werden, je nach dem, wie lange der Graf sich Zeit lässt mit dem Aufstehen. Fangen die Zehen an, zu schmerzen und gebe ich den Krämpfen irgendwann nach, drohen die Röcke vom Rücken zu rutschen. Sie sind einfach zu schwer. Ein Herunterfallen allerdings würde mir eine Strafe einbringen, die ich in jedem Fall vermeiden möchte, den Pranger. Der Graf weiß, dass er es in der Hand hat, mir den Pranger zukommen zu lassen, wenn es ihm einfällt, denn er muss mich nur lange genug so stehenlassen, dann kann ich irgendwann einfach nicht mehr.
So kommt es, dass ich es schier herbeisehne, dass er aufsteht, hinter mich tritt und seinen Gürtel öffnet und ich nur die schwere Metallschnalle höre, wie sie sich vom Leder befreit. Sonst ist es totenstill. Er spricht kein Wort und ich lausche darauf, ob er den Gürtel in den Schlaufen belässt, oder ob er ihn durch sie hindurchzieht. Es kann auch sein, dass er zum Schrank geht und die Schublade aufzieht, die eine Reitgerte enthält. Aber zumeist stillt er nur seinen Trieb und schenkt mir seinen Samen, für den ich mich mit einem Knicks zu bedanken habe, wenn ich ihn wieder verlasse.  
Doch es kann auch alles ganz anders kommen. Dann, wenn sich die Herrin mit Knut zu des Grafen „kleiner, privater Stunde“, wie die Herrin das vormittägliche Ritual um elf Uhr nennt, dazu gesellt. Aber wie diese Stunde auch immer verläuft, in der Regel verlasse ich ihn, ohne dass er ein einziges Wort mit mir gesprochen hat. Er wendet mich genauso an, wie Minna. Wortlos, mit größter Selbstverständlichkeit, ohne zu fragen. Eines Tages hörte ich, wie er mit der Herrin über die Notwendigkeit, überhaupt einen Ersatz für Minna ins Haus zu holen, diskutierte. Elise hatte die Frage gestellt, ob er nicht auf das eine oder andere verzichten wolle und seine Antwort war:
Liebste, wir haben uns diese Zeit, in die wir unser Leben verlegt haben doch nicht einzig und allein nur der äußerlichen Schönheit wegen ausgesucht. Ich zumindest nicht. Es ging mir dabei auch um den einzigartigen Gewinn an Gewohnheiten. Gewohnheiten, weißt du, sind etwas, das einem das Leben so sehr erleichtert, weil man über sie nicht mehr nachdenken muss. Man hat den Kopf für Anderes frei. Mein Testosteronhaushalt ist an diese Vormittagsstunde gewöhnt. Und nicht nur daran. Auch vor dem Ausreiten schätze ich es, Minna im Stall anzutreffen, bevor ich in den Sattel steige. Nicht auszudenken, wenn ich mich ein paar Mal am Tag mit den Gedanken beschäftigen müsste, wie ich mir einen Ausgleich beschaffe. Nein, auf keinen Fall!  So, wie ich den Laptop sofort vor dir verstecke, sobald du auch nur in meine Nähe kommst, so erwarte ich von dir, dass du das verstehst und akzeptierst!
„Es war das einzige Mal, dass ich in der Stimme des Grafen eine leichte Aufgebrachtheit gegenüber der Herrin vernahm. Und so antwortete sie auch gleich:“
Verzeih´ mir Angebeteter, ich habe nur an mich gedacht. Natürlich hast Du recht. Wir würden uns die Schönheit der Tage zerstören, wenn wir ihnen die Rituale nähmen. Die Gewohnheiten, wie du gesagt hast. Ich werde kein Sterbenswort mehr darüber verlieren, wie sinnvoll, wie bis aufs letzte, kleinste Detail ausgewogen wir unser Leben eingerichtet haben. Und so soll es natürlich auch bleiben. Ich werde mit Monsieur Charly, Trine sofort für den nächsten Urlaub von Minna terminlich festlegen.
 
„So respektvoll spricht er mit der Herrin, und so spricht sie mit ihm. Niemals habe ich ein böses Wort zwischen den beiden vernommen. Sobald sie in sein Gesichtsfeld kommt, merkt man ihm an, dass er darauf schaut, ob ihre Haltung, ihre Mimik ihm verrät, dass es ihr gut geht. Und mit uns? Mit Knut, Minna und mir? Wir sind Luft für ihn. Als gäbe es uns gar nicht.“
„Höre ich da so etwas wie Eifersucht. Empfindest du gar etwas für den Grafen“, frage ich Kyra erstaunt und mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend.
„Elise, weißt du, hat alles im und ums Haus so arrangiert, dass er keinen Atemzug an einen von uns verschwenden muss. Er sieht Elise an und sie weiß, was ihm unter Umständen nicht gefällt und gibt es an uns weiter. Offenbar lag sie damit noch niemals schief. Stets richtet sie ihre Ermahnungen in einem freundlichen Ton an uns. Hin und wieder klingt sie auch amüsiert und dennoch gibt es keinen Satz, der aus ihrem Mund nicht demütigend ist.  Der Graf braucht sich nur zu nehmen, was ihm einfällt oder über den Weg läuft. So, wie mich beispielsweise auch oft im Stall, bevor er in den Sattel steigt, oder einfach auf der Treppe, wenn wir uns begegnen.
„Du hast meine Frage nicht beantwortet. Noch einmal: Warum ist es dir wichtig, dass er dich anders sieht als Minna, die du schließlich vertrittst?“
„Einmal, weißt du, ich war noch gegen neun Uhr abends in der Küche und war gerade dabei, die Unterwäsche der Herrin mit dem Plätteisen für ihren Schrank fertigzumachen.  Gerade wollte ich Holz im Herd nachlegen. Die Hitze reichte schließlich fast zum Schluss nicht mehr aus, um das Eisen damit auf die entsprechende Temperatur zu bringen, da stand er auf einmal in der Tür. Unten im Souterrain hatte ich ihn noch niemals gesehen, genauso wenig wie die Herrin. Er musste wohl schon eine Weile im Dunkeln gestanden haben, bevor ich ihn bemerkte.
„Ich hätte Lust, dir heute Nacht meinen Samen zu schenken, Trine. Und Du? Hättest du auch Lust“, fragte er und ich erschrak fast zu Tode und wandte mich mit einem Ruck zu ihm um. Ich bin es einfach nicht gewohnt, dass er mich so direkt anspricht. Und dass mich in diesem Haus jemand nach meiner Lust fragte, das setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Ich muss ihn angesehen haben, wie einen Geist, denn er lachte. Dann aber wartete er mit der gewohnt ernsten Miene auf eine Antwort.
„Ja, Herr“, beantwortete ich seine Frage, wobei ich nicht im Geringsten ahnte, worauf ich mich da gerade einließ.
„Du hast der gnädigen Frau heute ein Taxi gerufen, nicht wahr?“ Diesmal wartete er meine Reaktion nicht ab, sondern fuhr fort: „Sie übernachtet bei ihrer Schwester. Ich möchte nicht alleine sein in der Nacht und dachte, du könntest vielleicht …“
Den Satz ließ er unbeendet und sah mich auf eine Art und Weise an, wie ich sie an ihm noch nie wahrgenommen hatte. Zumindest nicht in Zusammenhang mit mir. Ja, er war fast schüchtern, sagte ich mir fast entsetzt. Ich konnte es nicht fassen, dass er sogar einen Moment lang unter sich sah, als er um meine Gesellschaft gebeten hatte. Der Mann, dem ich jeden Tag zu Diensten stand, der mich einfach immer nur benutzt hatte, der druckste hier herum, um mir zu verstehen zu geben, dass er nachts nicht gerne alleine war.
„Ja, gnädiger Herr“, gab ich leise zurück und versuchte, mich ein wenig zu beruhigen, denn mein Herz schlug wie wild gegen meinen Brustkorb.
„Folgst du mir dann“, fragte er und drehte sich bereits um, bereit, die Küche zu verlassen. Schnell sah ich auf die Wäschestücke der Herrin, die noch nicht fertig waren. Ich könnte mich in der Nacht herunterschleichen und die Arbeit beenden, bevor die Herrin wiederkam und um einer Strafe zu entgehen, dachte ich schnell und heftete mich an seine Fersen.
Die Situation schüchterte mich weitaus mehr ein, als sein typischer stummer Wink, wenn er manchmal zu dem Balken in seinem Arbeitszimmer blickte, und damit zu verstehen gab, ich solle mich an ihm festhalten, während Knut stellvertretend für die beiden, den Grafen und die Herrin, die Reitgerte über meine Vorderseite zog. Mit zittrigen Knien folgte ich ihm die Treppenstufen hinauf. Diesmal erschien es mir, als beträte ich sie zum ersten Mal. Und auf der halben, hohen Treppe in der Halle ergriff er sogar meine Hand und zog mich hinter sich her.
Kurz vor dem Schlafzimmer der Herrin, auf das er zusteuerte, fiel mir das Plätteisen ein. Es stand noch auf dem Herd, unter dem ich gerade neu eingeheizt hatte. Die frisch entfachte Hitze würde es vielleicht zum Glühen bringen. Aber ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass das Feuer von alleine seine Kraft verlieren würde. Am Badezimmer, das an das Schlafzimmer der Herrin angrenzt, hielt er mir galant die Tür auf. Schüchtern zwängte ich mich an ihm vorbei in den stilvollen, tagsüber lichtdurchfluteten Raum.
„Hier findest du alles, was eine Frau braucht, um sich begehrenswert herzurichten. Benutze die Wanne. Etwas Makeup findest du hier.“
Bei seinen Worten hatte er den Schrank aus Mahagoni geöffnet, dessen Glasscheiben ich täglich von den Fingerspuren der Herrin zu befreien hatte. Auch auf den Flakons dahinter duldete sie nicht ein Stäubchen. Und nun sollte mir dies alles gehören. Auch sah ich auf einmal die prächtige Palme, die neben dem Fenster stand, und die ich sonst nur zu versorgen hatte, mit ganz anderen Augen. Heute Nacht ist alles anders als sonst, dachte ich. Und genau so kam es dann auch.
„Du kannst dir aus der Kleiderkammer der Herrin nehmen, was du möchtest. Ich komme in einer Stunde wieder.“ Damit zog der Graf die Tür hinter sich zu und ich war allein. Ein paar Sekunden setzte ich mich auf den Rand der Badewanne mitten im Raum und kniff mich, um mir zu bestätigen, dass ich nicht träumte. Aber dann beeilte ich mich und schmiss meine Röcke über den Kleiderbutler der Herrin.
Viel zu lange hielt ich mich im warmen Wasser auf. Baden, ein Luxus, der den Dienstboten in diesem Haus untersagt war. Jeden Morgen hieß es für mich, in der Küche den Herd erst einzuheizen, Wasser warm zu machen, es in eine Emaille-Schüssel zu schütten und mich mit zerschnittenen Baumwolllappen aus ehemals feiner Wäsche, zu waschen, bevor ich wieder in meine Röcke stieg und das Nachthemd unterm Dach auf den Strohsack legte. 
Kurz bevor die Stunde um war, in der er angekündigt hatte, wiederzukommen, entschied ich mich für ein flaschengrünes Negligee der Herrin, eines das ich schon so oft bewundert hatte, wenn ich es vorsichtig mit der Hand wusch und anschließend für sie bügelte. Ein Traum aus feinstem Satin und beiger Spitze. Sogar ein ganz wenig Lippenstift und Rouge hatte ich mir von ihr ausgeborgt. Ich ließ mich auf Elises Bett gleiten und wartete. Ein paar Minuten später öffnete sich die Verbindungstür zum Schlafzimmer des Grafen. Er stand im Türrahmen. Stattlich, wie immer, eine Hand in der Hosentasche, die andere an den Türpfosten gelehnt, betrachtete er mich.
„Du bist ja tatsächlich eine schöne Frau“, bemerkte er und mir fiel seine Verwunderung auf, die mir wehtat. Mir hingegen wurde nicht zum ersten Mal gewahr, wie attraktiv er eigentlich war. Er schritt auf mich zu, ergriff meine Hand und küsste sie, so, wie sonst nur Elises.
„Wie ist noch dein richtiger Name“, fragte er.
„Kyra, gnädiger Herr“, antwortete ich und merkte, dass ich noch immer zitterte.
„Kyra also“, wiederholte er und nickte mir kurz zu, als begrüße er mich. „Du kannst den „Herrn“ heute Nacht weglassen“, bemerkte er während er sich abwandte und anfing, sich auszuziehen. Fasziniert sah ich ihm zu, wie er sein Hemd aufknöpfte. Seinen intimsten Körperteil kannte ich in- und auswendig, aber seine unbekleidete Brust hatte ich noch niemals zu Gesicht bekommen, weil er es für einen unnötigen Umstand hielt, sich auszuziehen, wenn er sich meiner bediente. Ergriffen zeichnete ich mit meinen Blicken jede Erhebung, jede Linie nach. Nur als er den Gürtel öffnete, zuckte ich kurz zusammen, was er bemerkt haben musste, denn er sagte:
„Heute nicht, Kyra. Ich glaube, heute nicht“, wiederholte er, aber dann hatte er sich wohl eines anderen besonnen. „Es sei denn, du bittest mich darum.“
Wie nur, dachte ich, sollte ich ihn um etwas bitten, das ich ein paar Mal in der Woche gezwungenermaßen von ihm erhielt? Aber diesmal war etwas anders, das fühlte ich plötzlich. Gespannt wartete er auf meine Reaktion. Die metallene Schnalle hielt er demonstrativ noch in er Hand, bereit und offenbar durchaus gewillt, sie wie schon so oft auch jetzt durch die Schlaufen zu ziehen.
Eine Weile sahen wir uns still in die Augen. Mein Blick, diesmal vielleicht ohne die übliche Angst, die er gekannt hätte, ließ ihn nicht los. Ich weiß heute noch nicht, wie, aber vielleicht habe ich ihm mit den Augen mein Einverständnis signalisiert, denn auf einmal zog er das Leder aus den Schlaufen. Was ich sonst nur hörte, konnte ich jetzt mit ansehen. Wie gefesselt blickte ich auf seine Hand, die den Riemen hielt, der wie ein lebloses Tier, fast den Boden berührte. Er schien zu warten und ich fragte mich, worauf. Doch plötzlich wurde es mir klar.
Langsam wand ich meinen Körper von ihm ab. Jetzt musste er ihn sehen, diesen Rücken, der ihm sonst verborgen blieb und von dem ich sehr wohl wusste, wie schön gezeichnet er für die Augen anderer sein muss. Fast jeder Kunde hat sich bisher daran erfreut, wie anmutig seine Linien verlaufen. Eine Weile verharrte ich in dieser Position. Dann winkelte ich erst das eine, dann das andere Knie an und stütze mich mit beiden Händen auf die Unterlage. Als das geschehen war, herrschte nur noch Stille, bis ich seine beiden Schritte vernahm, wie sie auf das Bett zukamen. Als nächstes fuhr seine Hand über meine Wange. Er strich damit das Haar, das seitlich herunterhing in meinen Nacken.
„Dein Haar ist noch feucht“, hörte ich ihn sagen. Er klang sehr gelassen, fast zärtlich und nicht im Geringsten vorwurfsvoll. Aber seine Reglosigkeit signalisierte mir, dass er auf eine Reaktion von mir wartete.
„Ja, gnädiger Herr“, gab ich zurück. „Die Zeit. Ich hatte nicht genügend Zeit, Herr.“
„Eine Dienerin sollte nie halb fertig vor ihren Herrn treten, nicht wahr?“
„Nein, gnädiger Herr“, konnte ich nur erwidern und hörte, wie er angefangen hatte, im Raum auf und ab zu schreiten.
„Du wolltest mich bitten, dich zu bestrafen. Habe ich das richtig verstanden?“ Seine Stimme klang etwas heiser.
Ich schloss die Augen, brauchte eine Weile. Dann endlich konnte ich aussprechen, worauf er sann:
„Bitte, gnädiger Herr. Bestrafen Sie mich“, hauchte ich und war aufgeregt wie nie zuvor und gleichzeitig erfüllt von einer Rührung, die auf meine Kehle drückte. Das Leder traf mich unvermittelt, hart und unbarmherzig, ohne ein Wort und so, wie er noch niemals ausgeholt hatte. Sofort traten mir Tränen in die Augen.
„Ich warte“, hörte ich ihn nach einer ganzen Weile und wie durch einen Schleier.
„Bitte!“ Ich konnte den Satz nicht beenden, da hatte mich die Haut irgendeines Tieres ein zweites Mal getroffen. Es gab keinen Zweifel. Er setzte weitaus mehr Kraft ein, als ich das von ihm gewohnt war und unter Tränen fragte ich mich, warum ausgerechnet heute. Warum in dieser Nacht, die ich fürchtete und herbeisehnte zugleich. Wieder ertönten seine Schritte. Er wechselte die Seite des Bettes. Ich konnte mich keinen Deut bewegen. Nur das nervöse Auf und Ab meines Brustkorbes zeigte mir an, dass ich überhaupt noch am Leben war. Noch einmal fühlte ich seine Hand, wie sie den Vorhang meiner Haare nach hinten schob.
"Und?"
„Bitte!“ Ich wusste nicht, wie ich diese sechs Buchstaben über die Lippen brachte und war sicher, beim nächsten Mal zusammenzubrechen. Die Gnadenlosigkeit dessen, was dann immer und immer wieder folgte, ließ mich jedes Mal laut aufschreien und ich wunderte mich, dass ich nicht davonrannte. Bis ich seine Hand spürte, die über die wunden Stellen fuhr und mir Hoffnung auf ein Ende machte, und die mich weinend zusammenzucken ließ.
 „Du brauchst noch mehr davon. Habe ich recht“, fragte er. Wieder war es eine Weile still im Raum. So lange, bis ich wusste, ich würde ihm alles geben, wenn er es nur wollte.
„Ja“, presste ich heraus. 
Jedoch, statt eines erneuten Schlages, auf den ich, verkrampft am ganzen Körper, wartete, hörte ich, wie die Schnalle des Gürtels geräuschvoll auf dem Holzboden auftraf. Ich wurde von seinen Armen umgedreht, und auf genau diesem Rücken abgelegt, der die Zeichen meines Hingezogenseins zu diesem Mann enthielt. Dann blickte ich auf sein Haupt. Sah zu, wie es sich zwischen meine Schenkel senkte, nachdem er sie behutsam, wie einem Schmetterling die Flügel, auseinandergebreitet hatte. Es bedurfte nur ein paar weniger Sekunden, bis ich mich unter dem graumelierten Vlies seines Haupthaares aufbäumte. Gleich darauf erkannte ich sein raues und zugleich zartes Gesicht über mir. Sanft und zärtlich nahm er Besitz von mir. Während er anfing, sich sachte zu bewegen, betrachtete er mein Mienenspiel und ich sah mich in seinen Augen wie in einem Spiegel. Keine Sekunde mehr wandte er seinen Blick von mir ab, bis ich noch einmal schrie.“
Kyra sah nach ihrem letzten Satz aus dem Fenster und setzte hinzu: 
„Vergessen waren auf einmal die vielen wortlosen Vormittage bei ihm oder die Begebenheiten, wenn er meine Wange im Stall brutal gegen die Gitterstäbe einer Box presste, weil er mich im Vorbeigehen geschnappt hatte, um anschließend seine Hose wie nach einer Notdurft zu schließen und sich auf den Rücken seines Lieblingspferdes zu schwingen. Er sah sich nicht einmal nach mir um, wenn er davonritt. Zu mir, die ich den Rock glatt streifte und auf den Knien nach der Bürste suchen musste, die irgendwo im Stroh gelandet war. Oder wie ich, sobald ich sie gefunden hatte, seinen Hengst weiterstriegelte, während mir sein Sperma die Beine herunterlief. Vergessen waren auch die vielen Erniedrigungen, wenn er Elise Anweisungen für mich gab. Oder seine demütigenden Fragen an die Herrin bei Tisch: Liebste, wenn Trine nicht ein wirklich guter Ersatz für Minna ist, dann nimm bitte keine falsche Rücksicht. Du musst ganz offen zu mir sein. Wir können sie jederzeit gegen eine andere Trine austauschen. Oder auch: Du solltest dafür sorgen, meine Geliebte, dass Trine eine Zeit im Pranger verbringt. Gestern sind ihr die Röcke vom Rücken geglitten, obwohl sie weiß, dass ich es nicht mag, wenn ich hinter sie trete und nicht gleich ihr nacktes Hinterteil ansehen kann.  
Später in dieser einen Nacht lagen wir nebeneinander wie ein Liebespaar. Er streichelte meinen Nacken und hörte mit seinen Berührungen genau dort auf, wo die Male begannen, um die ich ihn gebeten hatte. Irgendwann aber war er aufgestanden und hatte sich aus seinem Schlafzimmer nebenan ein Zigarillo geholt und einen Morgenmantel übergezogen. Er stand am Kamin und rauchte, einen Arm auf den Sims gestützt und während wir uns unterhielten. Endlich wusste ich, woher der Tabakgeruch in Elises Schlafzimmer kam, obwohl ich noch nie jemand im Haus rauchen gesehen hatte.
Und schließlich bekam ich absolut nichts mit von den Nächten der beiden. Denn ab acht Uhr abends war es dem Personal verboten, auch nur einen Fuß in das Haupthaus zu setzen. Knut war zu diesem Zeitpunkt ohnehin bereits von der Herrin an seine Pritsche im Keller gekettet worden und ich, die ich womöglich noch Arbeit zu erledigen hatte, durfte nur noch zwischen Keller, Küche und meinem Dachboden hin und her wechseln. Ein Trakt, der vom Haupthaus vollständig separat liegt. Und selbst wenn ich ab und zu gerne gelauscht hätte, wäre das nicht mehr möglich gewesen, denn der Zugang wurde nachts abgeschlossen. Von nun an also, würde ich wissen, dass sich zwischen dem Grafen und der Herrin etwas abgespielt haben musste, wenn es nach Rauch roch.
Als er da so am Kamin stand, fasste ich mir sogar ein Herz, und stellte ihm eine Frage, die ich schon lange gerne aus dem Mund von einem der beiden gehört hätte.
„Wie ist es dazu gekommen, dass ihr alle so lebt, wie ihr jetzt lebt?“
Kyra hatte auf einmal aufgehört mit ihren Schilderungen. Sie rieb sich die Augen und war etwas nach unten gerutscht. Auf einmal sah sie, wie versonnen aus dem Fenster in den weitläufigen Garten, der fast einem Park glich.
„Und? Erzähl doch weiter, Kyra“, drängte ich sie.
„Ich bin so müde, Thomas“, kam es etwas gequält von ihr.
„Ich mache dir einen Kaffee. Warte! Ich bin gleich wieder da!“
Aber als ich aus der Küche zurückkam, war sie eingeschlafen. Ich stürzte den Espresso selbst herunter und machte mich auf zu den anderen in die Küche. Obwohl dieses Haus viele stilvoll und gemütlich eingerichtete Räume besaß, war es doch die Küche, wo immer alles zusammenlief. Die Mädels waren gerade dabei, ein Kleid für Leonore auf Charlys Spende, der elektrischen Nähmaschine, zu fabrizieren. Überall lagen Scheren, Nadeln, Maßbänder und Stoffstücke herum und das Geschnatter war mir auch einfach zu viel. Darum entschied ich, mich in meine beiden Zimmer zurückzuziehen, die ich mittlerweile hier im Haus in Besitz genommen hatte.
In diesem neuen Zuhause, in dem ich im Gegensatz zu den Bewohnerinnen sogar meine Tür abschließen durfte, schaltete ich den Fernseher ein, konnte mich aber nicht konzentrieren. Immer wieder waren meine Gedanken bei Kyra und „ihrem“ Grafen. Er war mehr als ein stinknormaler Kunde für sie. Wahrscheinlich sogar bereits vor dieser „Liebesnacht“. Es war zwar keine Frage, dass Kyra Elise respektierte. Was sonst wäre ihr auch übriggeblieben? Aber die kleine Prise Eifersucht, jedes Mal, wenn sie über Elise sprach, war nie zu überhören. Dabei standen ihre Chancen schlecht. Denn wenn ich eines meinte, aus all den Erzählungen Kyras herausgehört zu haben, dann war das die Tatsache, dass Elise die wichtigste Person im Leben des Grafen war.
Hätte ich nur damals schon geahnt, dass ausgerechnet dieser Graf es sein würde, der mir Galle in meinen triumphvollsten Tag kippen sollte, ich hätte … Ja, was hätte ich eigentlich? Damals war mir ja noch nicht einmal klar, dass ich im Begriff war, mich in Kyra und ihr offenes Wesen, ihr liebenswert verwuscheltes Temperament, das ihren zerzausten Haaren glich und in ihre Klugheit zu verlieben.
Stattdessen sah ich erregt und aufgeregt beim Einschlafen Memori vor meinen Augen. Meist so, wie sie dagestanden und auf mich gewartet hatte. Die Hände auf die Matratze gestützt. Und das zu wiederholen, eine solche Gelegenheit, das war es doch, wonach ich im Moment trachtete. Auch wenn ich nicht so recht wusste, ob ich sie mir überhaupt noch einmal richtig nehmen wollte, nachdem sie offenbar ihre vorgesehene Rolle auf dem sogenannten „Forschungshof“ zur Freude aller voll und ganz ausfüllte, wie Charly stolz und mit einer gewissen Genugtuung verkündet hatte. Und was das hieß, das konnte man sich ja schließlich lebhaft vorstellen.
 

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