Trine - (Teil 14)

 

Charly riss mich aus dem Halbschlaf. Wie lange konnte er weg gewesen sein? Ich musste mich erst neu sortieren, während er gleich da weitermachte, wo er aufgehört hatte.

Komm, trink erstmal was“, stand er vor mir mit dem Glas in der Hand und auch ich griff meines und prostete ihm halbherzig zu

„Auf dass Du bald weißt, was Du willst, hm?“

„Danke Charly“, erwiderte ich höflich. Aber eigentlich hatte ich jetzt überhaupt keine Lust mehr auf ein Gespräch mit ihm. Ich war nur noch müde.

„Na komm, sieh das Ganze doch mal positiv. Kyra stört dich jetzt erst einmal nicht mehr. Und Memori ist noch da. Vielleicht kannst du dich jetzt endlich entscheiden, hm?“

„Wenn ich mich doch nicht schon längst entschieden hätte“, gab ich zurück und hörte selbst, wie resigniert das geklungen hatte.

„Aha. Und darf man fragen für wen oder was?“

„Ich brauche Kyra, weißt du? Sie ist …, wie soll ich sagen, sie ist alles …“

„Lass dir Zeit, mein Junge, lass dir Zeit …“, hörte ich Charlys beruhigende Reaktion auf mein Rumgestottere. Er sah gegen sein Glas auf den fast schwarzen Wein, den er jetzt im Glas an den Wänden kreisen ließ, fast wie Öl. „Übrigens ein ausgezeichneter Wein“, sagte er anerkennend und wieder einmal musste ich ihn bewundern dafür, wie besonnen er Situationen angehen konnte, so, dass diese Gelassenheit ein wenig auf einen übersprang.

 „Sie ist einfach alles, was ich mir wünsche. Sieh mal, ich bin in einer unglücklichen Ehe großgeworden. Meine Mutter ist mittlerweile eine Säuferin und Spielerin, seit sie immer weniger Eindruck bei anderen schinden kann. Sie war und ist das Gegenteil von dem, was wir hier an Frauen kennen. Uncharmant, ständig auf ihren Vorteil aus, herrisch, immer unzufrieden, natürlich prüde. Sie hat meinem Vater niemals zugehört. Er interessierte sie einfach nicht die Bohne. Was ihr wichtig war, war lediglich sie selbst und ihre Wirkung auf andere.“ Ich machte eine Pause und nahm einen Schluck.

„Und Kyra ist das genaue Gegenteil deiner Mutter, nicht wahr? Sie interessiert sich nur für dich und fast nichts anderes mehr. Ist es das?“.

„Das mag so sein, aber nein, sie ist auch klug, einfühlsam und sanft. Mitfühlend ist sie und hat trotzdem einen herausragenden Verstand, sie ist tiefsinnig und sie kann Geschichten erzählen, so dass man Tage mit ihr im Bett verbringen kann, ohne das es einen langweilt. Sie ist so diszipliniert und kann die Zähne zusammenbeißen, so dass sie sogar ein Gut Stollberg überlebt und sie nimmt es ohne zu keifen sogar hin, wenn sie mal ungerecht behandelt wird, wie von Caro neulich.“

„Und was noch“, trommelte Charly nun leicht mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte.

„Sie ist eine ausgezeichnete Geliebte. Aber das weißt du schließlich selbst“, sagte ich und konnte einen Tropfen Wehmut in meiner Stimme über diesen Umstand nicht ganz verbergen, darum fuhr ich schnell fort: „ich bin sicher, sie wird mir treu sein. Treuer als irgendeine andere Frau, die nicht ihre Vorgeschichte hat, das weiß ich einfach. Im Grunde habe ich jetzt schon das Gefühl, dass sie mir treu ist. Das hört sich verrückt an, aber so habe ich es von Anfang an empfunden.“

„Du wirst lachen, ich verstehe genau, was du sagst“, grinste Charly jetzt. „Aber komm, weiter, weiter, weiter!“

„Ist das wirklich zu verstehen, Charly?“

„Oh ja, das ist es, mein Lieber.“ Charly ging jetzt einmal wieder ganz in seinem Element als Ratgeber und väterlicher Freund auf, mit mehr Erfahrung, was das Leben anbelangte und was Frauen anbelangte, allemal. „Es gibt eine Treue, die ist jenseits der körperlichen.“ Damit schloss er und lehnte sich wieder zurück.

„Jetzt, wo du es sagst, Charly. Sie fragte mich einmal, ob ich nicht auch von ihr, so, wie von Memori wissen wolle, wie viele Männer sie eigentlich schon hatte. Und ich antwortete ihr, nein, es interessiere mich in ihrem Fall nicht. Vielleicht hat sie das als Desinteresse an ihr ausgelegt, aber genau das Gegenteil war der Fall. Es war einfach nur unbedeutend für mich. Was mich an ihr interessiert ist die Zukunft, nicht die Vergangenheit.“

„So kann man dramatische Missverständnisse produzieren, du Hornochse. In der Tat, wenn ich das so höre, dann war das wie gemacht dazu, es richtig, richtig falsch verstehen zu können.“

„Ich wusste ja damals auch selbst nicht, was ich da sagte. Jetzt, im Grunde in dieser Sekunde kapiere ich erst, warum es mich bei ihr nicht so interessiert hat. Charly, du musst mir sagen, wo ich sie finde.“

„Sagen wo sie ist, vergiss es. Aber ich würde sie für dich zurückholen, mein Junge. Unter einer Bedingung: Du fährst mit Memori nach Venedig. Ins gleiche Hotel. Drei Tage und drei Nächte. Danach hole ich Kyra zurück, wenn du darauf bestehst.“

„Warum Charly. Das wäre unfair, auch Memori gegenüber. Ich weiß, was ich will, glaub mir doch. Ich werde Memori immer auf eine bestimmte Art mögen, das weiß Kyra auch und damit wird sie leben. Wir verschwinden hier aus deinem Haus, ich baue uns mit ihr gemeinsam etwas auf. Und Memori bleibt ja dann sowieso erst einmal hier. Bitte Charly, ich weiß, was ich will.“

„Du tust ja gerade so, als seien drei Tage mit Memori in Venedig eine Strafe!?“

„Genau das wäre es im Moment auch. Später, keine Frage, werde ich Memori …“ Ich dachte, es sei besser, meine Gedanken nicht weiter auszuformulieren und hielt inne, aber Charly konnte Sätze anscheinend zu Ende denken.

 „Oh Mann, oh Mann. Da dachte ich, ich sei ein ziemlich verquerer Typ. Aber du schießt ja wirklich den Vogel ab. Im gleichen Atemzug, mit dem Du mir erzählst, dass Kyra das Wichtigste für Dich ist, bekundest Du auch noch, was Du später einmal vorhast. Und du willst, dass ich dir Kyra zurückhole?“

Mist, ich hatte mich zu weit vorgewagt und musste sehen, wie ich das wieder glattbügeln konnte.

„Genau Charly, Du hast recht. Ich bin echt verquer. Das sehe ich genauso. Aber Kyra wird mir da raushelfen. Ich will sie richtig heiraten, wir werden Kinder haben, Charly, so wie du. Sie werden mir so wichtig sein, wir dir deine sind. Und ich werde diese Frau lieben, das kannst du mir glauben, auch wenn ich vielleicht das eine oder andere Mal …, so, wie mein Großvater …. Und dennoch wird sie mir treu und ergeben bleiben. Sie ist genau wie meine Großmutter, ich spüre das einfach.“

„Dein Großvater, deine Großmutter? Wie kommst du denn jetzt auf die?“

„Ich kann dir das nicht erklären, Charly. Aber die Beziehung meiner Großeltern. Genau die kann ich mit Kyra leben, das weiß ich. Sie wird mich sogar vor ihren eigenen Kindern verteidigen und später werde ich Taschentücher für sie bügeln. Und wir werden so miteinander umgehen, dass die Enkel noch das Knistern zwischen uns beiden zu spüren bekommen.“

„Du bist ja ein komplett Übergeschnappter“, lachte Charly. Jetzt im Moment war er ganz und gar Charly Becker, oder Hans Becker, wie er eigentlich hieß. „Ich habe keine Ahnung, was du da alles faselst von verteidigen vor den Kindern, Taschentüchern und deiner Großmutter, aber Hauptsache du weißt es und Kyra wirst du haarklein von diesen Großeltern erzählen, damit sie weiß, worauf sie sich einlässt, hast Du verstanden?“

Ich hatte ihn soweit. Oh Gott, ich hatte ihn soweit, dachte ich und atmete einmal tief durch.

„Natürlich, Charly“, gab ich erleichtert von mir.

„Also gut, gib mir etwas Zeit. Ich werde Kyra überreden, zurückzukommen. Welche Bedingungen sie allerdings stellen wird, das weiß ich nicht, mein Lieber.“

„Sie wird keine einzige Bedingung stellen, Charly. Da bin ich sicher. Du musst ihr nur sagen, dass ich ihr schwöre, ab sofort ehrlich und - wenn es sein muss - auch gnadenlos offen mit mir und mit ihr zu sein. Nur darauf verspürt sie ein Recht. Weiter wird sie nichts verlangen.“

„Na, wenn du dich da mal nicht irrst“, äußerte mein Chef und Lebensberater, der seine Zigarre, die er sich in der Zwischenzeit angesteckt hatte und die schon kurz genug war, auf den Aschenbecher legte und sie dort pflegte, liegenzulassen, bis sie von alleine ausging. Ich nahm den Stummel und drückte ihm die Luft ab, während Charly aufstand.

„Aber ich muss jetzt schnell ab in die Heia“, sagte er und streckte sich, nachdem er aufgestanden war. So ein nine-to-five-Job, der kann richtig, richtig anstrengend sein. Seht zu, ihr beiden, dass ihr euch was Anständiges sucht, mit dem ihr euren Lebensunterhalt verdienen könnt. Nicht so was Stressiges, wie meinen Job, da bleibt dir nämlich nichts mehr an Kraft um auf dumme Gedanken zu kommen, verstehst du? Apropos, wie soll ich dich ersetzen? Ist dir eigentlich klar, dass ich mir ins eigene Fleisch schneide, wenn ich sozusagen Amtshilfe für dein Unterfangen leiste?“

„Ich denke darüber nach. Auf keinen Fall werde ich dich sang- und klanglos verlassen, Charly. Zum Beispiel im Gefängnis, da hatte ich einen guten Kumpel, ein wirklich feiner Kerl. Er könnte auch etwas Glück gebrauchen und hat draußen niemanden mehr.“

„Weshalb ist er denn gesessen?“

„Er hat bei einer Security-Firma gearbeitet und konnte die Finger nicht von einer prall gefüllten Kassette lassen.“

„Und, wie ist er gebaut?“

„Keine Ahnung, ganz normal, warum fragst du?“

„Die Mädels wollen einen gutaussehenden Mann und keinen Couch-Potato mit Schwabbelfigur.“

„Hast du bei meiner Einstellung auch schon darauf geachtet?“

„Na klar. Was denkst du denn? Die Wünsche meiner Mädels sind mir heilig“, schlug er mir jetzt auf die Schulter und lachte wieder das Lachen, das ich mittlerweile so an ihm mochte. „Du weißt anscheinend wirklich gar nicht, dass du ein total gutaussehendes Exemplar bist und dass man dir ansieht, dass die Jahre höchstens noch verstärkend wirken werden, hm?“

Das wusste ich wirklich nicht. Aber ich dachte an meinen Großvater, wie imposant er mir noch in hohem Alter erschienen war und an meine Mutter, die immer sagte, ich sei ihm so ähnlich. Manchmal klang dieser Satz bewundernd, ein andermal abfällig. Vermutlich hatte sie mit beidem Recht.

„Na ja“, kokettierte ich, „so dolle ist es ja auch wieder nicht. Und schließlich ist das Auftreten, das Wichtigste, oder?“

„Träum weiter“, sagte Charly, als er in seinen Wagen stieg, den Motor aufheulen ließ und davonbrauste.

Das ganz andere Leben

Hier in Italien, in unserem Zuhause, fiel der Umgang, den Kyra und ich miteinander pflegten nicht all´ zu sehr auf. Für meine italienischen, männlichen Freunde, die ich rasch gewonnen hatte, war ich nach all den Jahren noch immer „der typische tedesco“, der die Launen seiner Frau einfach zu lasch nahm.

„Du musst sie härter an die Kandare nehmen“, lästerten die Machos aus dem Dorf morgens in der Bar anfänglich oder wenn sie bei uns zu Besuch waren und mitbekamen, wie Kyra Verabredungen ausmachte, ganz ohne Rücksprache mit mir zu halten.

„Gabriella würde niemals, ohne mich zu fragen, eine Verabredung treffen, capici Tomasio?“ Es war Gianni, unser bester Freund, der das gesagt hatte, obwohl er Kyra fest in sein Herz geschlossen hatte, und zwar keinen Deut weniger als mich.

„Si, Si, ho capito. Ma ogni coppia ha legge propria“, war meist alles, was ich belustigt erwiderte.

Selbst wenn sie mich sahen, wie ich im Haushalt mithalf, der, weil wir aus finanziellen Gründen am Anfang auch noch vermieten mussten, eine zu große Aufgabe für Kyra alleine gewesen wäre, hatten sie sich an das „Weichei“ aus dem hohen Norden gewöhnt. Irgendwann kümmerte sich in dieser Hinsicht niemand mehr um uns und wir tranken lieber den guten Wein, den ich ihnen hinstellte und diskutierten neue Steuergesetze und den Zustand unserer Maschinen, wenn sie zu uns auf den Hügel kamen.

Die ersten Male, immer, wenn Memori zu Besuch war, im Übrigen nur einmal mit Peg in all´der Zeit, dann belagerten uns vorwiegend die Männer wie Fliegen einen Kuhfladen. Meist blieb sie etwa eine Woche und man hatte das Gefühl, sie bringe in der kurzen Zeit das ganze toskanische Dorf in Aufruhr. Morgens in der Bar war sie meist schon Gegenstand der Gespräche und die Frauen warfen ebenso skeptische Blicke auf ihre Männer, wie Kyra auf mich. Die weibliche Dorfbevölkerung machte allerdings auch sie mit dafür verantwortlich, dass sie nicht mehr sicher wussten, wo sich ihre Männer in dieser Zeit aufhielten.

„Müsst ihr sie denn jedes Jahr einladen“, hatte sich Daniella aus der Bäckerei bei Kyra erkundigt und die hatte nur mit den Schultern gezuckt und geantwortet:

„Sie ist eine sehr gute Freundin von uns beiden. Thomas mag es, wenn sie kommt.“

„Aber du? Was ist mit dir? Du könntest Theater machen“, hatte Daniella ohne jedwedes Verständnis über so eine Form von Toleranz zurückgegeben.

„Das geht nicht. Er wäre böse auf mich.“ Und damit hatte sie natürlich ganz recht.

Seit achtzehn Jahren lebten wir nun in diesem Haus hoch oben über den toskanischen Feldern. Unsere beiden Kinder, Dominique, von den Einheimischen „Dominieke“ gerufen, und Lara sprachen beide besser Italienisch, als Deutsch, weil sie hier zur Welt gekommen waren. Sie kannten Deutschland nur von ein paar Besuchen, die im Laufe der Jahre immer weniger geworden waren. Morgens fuhren sie mit dem Bus, der etwa einen Kilometer vom Haus entfernt hielt, in die Schule der nächst größeren Stadt und Kyra und ich hatten eine Weile unsere Ruhe.

Wir hatten hier auch echte Freundschaften geschlossen und das lag vielleicht nicht nur, aber auch daran, dass ich schon ganz zu Anfang, das italienische Steuersystem studiert hatte. Es war mir gelungen, die Steuererklärungen der Wein- und Olivenbauern rund um uns herum schon nach relativ kurzer Zeit zu weitaus moderateren Preisen zu erstellen, als der „consulenti fiscali“ mit seinem edlen, klimatisierten Büro in der Stadt und ich hatte einen Trick entdeckt, der den Bauern vorher nicht bekannt war. Und wenn man einem Italiener vorführt, wie er den Staat zurückmelken kann, dann frisst er einem aus der Hand. So war es einfach gewesen, hier Fuß zu fassen und sich die nötige Unterstützung bei den kleinen Widrigkeiten in einem fremden Land, in einem fremden Metier, nämlich dem eines Olivenbauern, zu sichern.

Unsere Nachbarn waren wirklich immer zur Stelle, wenn es etwas Größeres zu reparieren gab oder wenn unsere Mühle ausgerechnet während der Erntezeit im Herbst einmal wieder ihre Mucken hatte. Auch die Kinder unterzubringen, wenn Kyra und ich einmal eine Auszeit vom Elternsein brauchten, war hier kein Problem. In den meisten Höfen gingen Dominique und Lara ohnehin so gut wie ein und aus, genauso, wie die Kinder der Freunde bei uns.

Man stand füreinander ein, wie überall auf der Welt, wo man nicht zu eng aufeinander hockt, so, wie in einer Großstadt. Hier sehnte man sich noch nach Besuch und zog nicht die Augenbrauen hoch, wenn wenn es an der Tür läutete.

Ganze acht Wochen hatten Kyra und ich damals nach einem eigenen Leben für uns Ausschaue gehalten. Und beide hatten wir uns sofort angesehen, als wir hier in dieses Haus gekommen waren. Es besaß eine Kostbarkeit, die uns bei den vorher besichtigten gefehlt hatte. Einen von der restlichen, oberen Wohnwelt vollkommen abgelegenen Raum, den man im Erdgeschoss durch das zuverlässige Verschließen einer schweren Holztür unzugänglich machen konnte. Und ging man hinter dieser Tür eine Treppe hinunter, befand er sich am Ende eines langen Ganges, etwa dreißig Meter von der südlichen Hauswand entfernt.

Einen kleinen Fehler hatte er nur, wie ich gleich bei der Besichtigung festgestellt hatte. Diese geradezu genial liegende unterirdische kleine Felshöhle, ursprünglich wohl gedacht, um Lebensmittel dort zu lagern, wurde durch einen Schacht, der oben in der Wiese endete, da, wo schon Olivenbäume standen, belüftet. In der Wiese selbst wurde der Zugang mit einem Gitter abgedeckt und war am Rand mit Gras überwachsen. Jemand also, der zufälligerweise durch die Plantage schritt, die fast bis ans Haus reichte, konnte durchaus mitbekommen, was sich da unten abspielte.

Nach der Besichtigung mit dem italienischen Makler, der, wie man es sich vorstellte, in feinstes Tuch gekleidet war und mich ein wenig an Charly erinnert hatte, zogen Kyra und ich uns auf eine warme Mauer am Wegesrand zurück. Von hier hatten wir einen herrlichen Blick über die Hügel, die vielleicht bald unsere Heimat werden würden. Zunächst sprach keiner von uns ein Wort, bis ich Kyra fragte.

„Wie findest Du das Haus?“

Sie sah schnurgerade in die Ferne, als sie sagte.

„Mir scheint, es habe auf uns gewartet, Thomas. Nur der Schacht könnte ein Problem werden.“

Natürlich verstand ich sofort, worauf sie ansprach. Aber ich konnte andererseits auch nicht glauben, dass sie ohne Umschweife auf genau dieses eine Thema gekommen war.

„Du meinst, dieser abgelegene Raum dort unten ist es, der auf uns gewartet hat, oder?“

„Hast du ihn dir nicht richtig angesehen“, fragte sie zurück.

„Selbstverständlich. Er ist ideal. Aber du sagst nichts darüber, dass wir doch Wein anbauen wollten. Zum Haus gehört aber eine Olivenplantage. Wir haben die ganze Zeit von einem Weinberg geträumt.“

„Ja, das stimmt. Aber Oliven sind genauso gut. Wir verstehen weder von dem einen noch von dem anderen etwas. Also müssen wir uns so oder so in die Materie eines Anbaus, von was auch immer, einarbeiten, oder?“

„Oliven sind richtig harte Arbeit, glaube ich. Trauben sind bestimmt einfacher, oder, was meinst du? Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung.“

Kyra sah jetzt zu mir und lächelte.

„Aber das Haus Thomas, wir sollten seinen Wert für uns nicht unterschätzen.“ Sie klang so begeistert, dass ich sie auf die Stirn küsste, „wenn nur dieser Schacht nicht wäre“, sagte sie nachdenklich.

„Vergiss den Schacht. Für den hätte ich sogar schon eine Idee. Aber willst du wirklich mit mir Oliven ernten, putzen, pressen, und was weiß ich, was da noch alles dranhängt?“

„Du wirst sehen, was ich alles aus Oliven zaubern werde. Ich arbeite mich in das Thema ein. Du musst nichts tun außer renovieren und ein oder zwei Wände einreißen und ….“

„Was und …?“

„Den Schacht so schließen, dass wir da unten noch Luft bekommen und wenn möglich, auch noch ein wenig Licht.“

„Geht es dir allen Ernstes bei unserem neuen Zuhause etwa um einen Keller?“

Jetzt blickte sie wieder über die Hügel und hielt sich die Hand zum Schutz vor der Sonne vor die Stirn.

„Ja, Thomas. Ich finde, wir brauchen genau so etwas wie diesen Keller. Dort könnten wir vollkommen ungestört sein. Ein Ort, an dem uns niemand sehen oder hören kann. Ich weiß doch schließlich, dass …“

Sie wandte ihren Blick aus der Ferne auf meine Taille, wo sich das venezianische Souvenir befand, das ich seither ständig trug. Ihr Blick drückte Angst und Bewunderung zugleich aus.

 „Heute scheint der Tag der unvollendeten Sätze zu sein“, stubste ich sie an. „Was weißt du“, drängte ich, dass sie weitersprechen sollte. Ich wollte es von ihr hören, dass sie Bescheid wusste, über das Verlangen, das sich im letzten Jahr in meinen Lenden, aber nicht nur dort entwickelt hatte. Ja, ich würde sie diesen Gürtel spüren lassen. Ob es einen Grund gab oder keinen. Die breiten Male des Leders auf ihrem Rücken zu sehen, das sollte der Preis dafür sein, dass sie mich in Zukunft nicht mehr mit Memori teilen musste. Dafür würde ich Tage danach noch ihre vorsichtigen Bewegungen genießen, wenn sie achtgab darauf, dass der Stoff ihre Haut nicht berühren würde. Und ich hatte ihr gesagt, dass ich Kinder wollte. Und natürlich sagte ihr der Verstand, den sie ohne jeden Zweifel besaß, dass, wenn die erst einmal herumspringen würden, es eine Möglichkeit geben musste, wo ich mit ihr völlig ungestört sein konnte.

„… ich weiß, dass du das Bedürfnis haben wirst, mich spüren zu lassen, dass ich dich mit meinem Davonlaufen genötigt habe, dich zwischen Memori und mir zu entscheiden. Und du bist Gott sei Dank kein Freund von herabsetzenden Worten. Du wirst mir anders zu verstehen geben, was dir eigentlich auch noch als ein ganz angenehmes Leben vorgekommen wäre. Dafür werde ich die Zähne zusammenbeißen, sowohl im Keller, als auch wenn ich erfahre, dass du mir nicht treu gewesen sein wirst.“

Nun sah ich in die Ferne über die sanften Hügel und auf die ockerfarbenen Felder, die unter uns lagen. Ich würde eine sehr kluge Frau an meiner Seite haben, wenn ich Kyra heiraten würde. Sie hatte alle Zusammenhänge durchschaut und vermutlich kannte sie mich sogar besser, als ich mich selbst. Nicht nur der Verlust von Memoris Anwesenheit war ein Opfer gewesen, sondern im Grunde hatte ich das Paradies auf Erden für Kyra aufgegeben. Nun sah sie mich ungeduldig von der Seite an, weil ich noch nicht geantwortet hatte

„Es ist doch so, Thomas, oder“, konnte sie nun doch nicht warten, bis ich bereit war, ihr zu antworten.

„Ja! Dem, was du gesagt hast, habe ich nichts hinzuzufügen“, antwortete ich und bemerkte im Augenwinkel, wie sie sich aufgerichtet hatte, so, als müsse sie Platz für eine extra Portion der lauen Luft schaffen. Und dann fuhr ich fort: Wir werden dieses Haus kaufen. Vielleicht nicht nur, aber vor allem wegen des Kellers. Aber auch du wirst vieles von dem nicht mehr bekommen, an das du gewohnt warst.  Das ist dir hoffentlich klar. Wir werden viel arbeiten und sparsam sein müssen. Luxus wird es für dich erst einmal nicht mehr geben, weißt du das?“

„Luxus“, fragte sie erstaunt zurück. „Was meinst du mit Luxus?“

„Das Leben wie bei Charly. Müßiggang, der Pool, das riesige Haus, Designermöbel, dass für alles gesorgt ist, der Porsche vor der Tür oder der kleine Sportwagen für euch Mädels, den ihr benutzen konntet.“

Jetzt sah mich Kyra eine Weile an, bevor sie fragte.

„Glaubst du denn wirklich, ich sei an irgendetwas von dem, das Du da aufgezählt hast, gehangen?“

„Na ja, man gewöhnt sich schon an eine bequeme Lebensweise, oder?“

„Ja, es ist leicht, sich an diese Art Luxus zu gewöhnen und zu glauben, das sei es, was einen satt mache. Aber was ist, wenn der Hunger bleibt?“ Ich streichelte über ihre Wange und lächelte sie an.

„Du meinst also, wir könnten uns vielleicht gegenseitig unseren Lebenshunger stillen und anderweitig dafür ruhig darben?“ Jetzt hatte sie ihren Kopf auf meine Schulter gelegt.

„Ja, das glaube ich. Wenn wir so bleiben, wie wir jetzt sind und wenn wir weiterhin so fühlen. Wenn wir es schaffen, uns so wenig wie möglich gegenseitig zu verbiegen und wenn der gegenseitige Respekt sich nicht eines Tages davonstiehlt?“

Während ich Kyra mit den Augen küsste, musste ich an meine Großeltern denken. Genau diesen Respekt voreinander schienen sie sich ein Leben lang bewahrt zu haben. Auch wenn Außenstehende das ständige Fremdgehen meines Opas mit fehlendem Respekt verwechselt hatten. Er hatte seine Frau verehrt. Sie war es, die ihm ein Leben nach seinen ganz eigenen Regeln erlaubt hatte. Und sie hatte ihm, wenn ich das Verhältnis des Paares richtig verstand, liebend gern, dafür hin und wieder mit etwas Wehmut „den Herd“ warmgehalten.

„Du willst also trotz allem, was ich dir über meine Großeltern erzählt habe, trotz der Aussicht auf eine materiell sehr entbehrungsreiche und eine arbeitsreiche Zeit, die vor uns liegt, meine Frau werden?“

„Wenn du das auch wirklich möchtest, dann brauchst du mir die Frage nicht zu stellen,“ war ihre Antwort und ich entgegnete nichts mehr, legte nur meinen Arm um ihre Schultern und wir sahen über die Landschaft, die unser neues Zuhause werden sollte. Vielleicht hatte es nie in der Geschichte von Verliebten einen unromantischeren Heiratsantrag gegeben. Kein Ring, kein gebeugtes Knie, keine knallenden Korken oder Rosen, unter uns die fast durch einen ganzen Sommer verbrannte Erde, höchstens das Konzert der Zikaden gab dem Augenblick ein klein wenig Feierliches. Doch etwas Magischeres als diesen Moment, das ahnte ich damals, sollte aber eines Besseren belehrt werden - konnte es - wenn überhaupt – nur selten gegeben haben.

Bewertung gesamt: 
5.505
Average: 5.5 (4 votes)
4.666665
4.75
4.75
4.5

Kommentare

Bild des Benutzers Wuffff

Ich weiß noch gar nicht, ob mir das plötzliche (erfüllte) Happy-End nicht viel zu früh kommt, jedenfalls endet die Geschichte ausführlich und nachvollziehbar. Und so, wie man es sich wünschen würde.

nach oben
0 Mitglieder stimmen zu
Bild des Benutzers Alexander

liebe(r) Wuffff, dass das das Ende ist? 

LG

Alexander, und danke, dass Du der Geschichte bisher treu geblieben bist.

nach oben
0 Mitglieder stimmen zu
Bild des Benutzers Wuffff

...wenn die Geschichte doch noch irgendwie weiter geht. Ich fand die Geschichte faszinierend, auch weil sie so ganz anders ist, als manche im Stadium einer aktuellen Geilheit dahingerotzten Storys ohne Hand und  Fuß, sondern einen roten Faden hat....

nach oben
0 Mitglieder stimmen zu
Bild des Benutzers Marite

Schön, weil mich deine Geschichte in ihren Bann gezogen hat und du es verstehst, mit Worten Bilder zu malen, Sehnsüchte fühlbar zu machen...</p><p>schade, weil es jetzt endet. Und noch mehr schade, weil ich jetzt wirklich dringend lernen sollte

nach oben
0 Mitglieder stimmen zu
Bild des Benutzers Marite

kein Ende? Auch ok ;-)

nach oben
0 Mitglieder stimmen zu

Seiten