Trine - (Teil 12)

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Ich war nun mehr als ein Jahr in Charlys Diensten. Mit Kyra lebte ich, wenn sie denn anwesend war, mehr oder weniger wie in einer Beziehung, an die man, zugegeben, keine Standards einer üblichen anlegen konnte. Denn da gab es ja immer noch die anderen Mädels und Memori natürlich. Auch wenn die nach wie vor ihre Tage und Nächte, sofern Peg anwesend war, mit ihm verbrachte. Selbst wenn er mit einer der Anderen einmal fort war und Memori im Haus, dann verspürte ich noch nicht einmal Lust auf sie. Nur ihr Anblick, ließ mich nach wie vor nicht kalt und so war ich dazu übergegangen, sie hin und wieder zu Kyra und mir, in meine kleine abgeschlossene Wohnung, zu holen. Ich ließ sie dann, während ich mich mit Kyra beschäftigte, eine Weile vor uns so stehen, wie ich sie damals in dem kleinen Gästezimmer auf dem Hof lange Zeit und mit rasant ansteigender Lust betrachtet hatte. Und da ich der Stellvertreter Charlys war, gehorchte sie wortlos und ohne Fragen zu stellen. Auch Kyra verlor kein einziges Wort über diesen Vorstoß, sie zu nehmen und Memori dabei zu betrachten. Kyra war ihrer Freundin noch nicht einmal böse. Zumindest merkte man ihr nichts dergleichen an. Nicht selten hatte ich sogar das Gefühl, das Gegenteil sei der Fall, nämlich, dass es die beiden förmlich zusammenschweißte, dass sie gemeinsam im Haus meine Lieblingsfrauen waren.

 

Nur wenn Memori außer Haus war und Kyra dablieb, fiel mir jedes Mal auf, dass sie einen Vermerk in ihrem Kalender stehen hatte, an welchem Tag ihre Kameradin zurückkehren würde. Das notierte sie sich bei keiner anderen von den Mädels.

 

Auch mein Kontostand konnte sich mittlerweile sehen lassen, denn ich brauchte ja für mich kaum etwas von dem Gehalt, das Charly sogar schon zweimal erhöht hatte. Außer etwas an Kleidung für mich hatte ich sonst nur eine kostbare Kette für Kyra gekauft. Ein in eine Träne aus Gold versunkener Rubin, der ebenfalls tropfenförmig rot leuchtete. Das Schmuckstück sollte eine Anspielung sein und ein kleiner Trost für Kyras Tränen, die sie hin und wieder vergoss und deren Ursache auf Nachfrage sie immer mit einer Handbewegung abtat und sich manchmal mit den Worten über meine Lippen beugte:

 

„Ach lass. Alles ist gut.“

 

So war es auch an einem Abend in Venedig, als ich sie zu dem Conte und der Contessa Malvini, Freunde von Elise und dem Grafen, durch die ganze Republik und einen Teil der italienischen gefahren hatte. Wir waren aufgebrochen, als nötig gewesen wäre, um uns vor der Anlieferung bei den italienischen Adeligen noch drei schöne Tage dort zu genießen. Das war meine Idee gewesen und Charly hatte zugestimmt.

 

Und in einem der wenigen Augenblicke in Venedig ohne sie, als ich morgens, weil sie noch schlief, durch die engen Gassen gelaufen war, hatte ich im Schaufenster eines kleinen Juwelierladens, diesen Anhänger entdeckt und mich am Nachmittag noch einmal mit einer Ausrede davongestohlen, um ihn für sie zu erwerben. Bei der Nennung des Preises, der im Fenster nicht ausgeschildert war und bereits vor der Theke des älteren Italieners stehend, war mir dann doch etwas die Luft weggeblieben. Ich drehte das extravagante Stück zwischen meinen Fingern und ließ es funkeln, dann sagte ich: „prendare“. Peinlich, im Nachhinein, denn erst später fiel mir auf, dass wenn man sich schon im Infinitiv in einem anderen Land durchwurschteln möchte, man wenigstens die richtigen Grundformen parat haben sollte.

 

Das Wort „prendare“, gab es nämlich gar nicht, um auszudrücken, dass man etwas kaufen wollte. „Prendere“, hätte es eigentlich heißen müssen, aber der in feines Tuch gekleidete, graumelierte Italiener hatte nur gelächelt. Vermutlich war er an radebrechende Touristen gewöhnt und ihrer sehr wahrscheinlich sogar schon bis ans Zäpfchen überdrüssig. Jedenfalls zog er ein wahrhaft venezianisches Kästchen aus echtem Holz und mit Samtkisschen unter der Theke hervor. Und als ich ihn sah, den roten Rubin in Gold auf schwarzem Samt, und mir ihn in der kleinen, anrührenden Kuhle unter Kyras Kehle vorstellte, da war ich keinen Deut mehr unsicher und wäre bereit gewesen, notfalls mein gesamtes Konto dafür auszuplündern.

 

Am Abend in einem Ristorante dann- kein Besonderes, wenn man davon absah, dass es eigentlich nur besondere Orte in Venedig gab - und einfach dort, wo wir beide plötzlich Hunger bekommen hatten, legte ich das Kästchen vor sie auf den leeren Teller. Ich sah sie erwartungsvoll an in ihrem schwarzen Kleid mit einem Ausschnitt, der ihre Schultern frei gelassen hatte. Wie geschaffen für mein Präsent, dachte ich noch, als ihre schlanke Hand die Holz-Dose vom Porzellan nahm -  die in der Farbe, den Rotton ihrer Haare hatte - sie ein paar Mal noch um die eigene Achse drehte und sie schließlich mit der anderen Hand aufklappte.

 

Sie sah auf den Inhalt, dann blickte sie mich an. Ihre Augen schimmerten vor Rührung im Licht der Laternen, die man gerade angeschaltet hatte und sie sagte nichts, sondern sie legte sich die Kette über einen Finger, zog damit das Gesamtkunstwerk von dem weichen Kissen und hielt es mir wie eine Minilampe über den Tisch. Und ich verstand sogar, stand auf und trat hinter sie, legte die goldene Kette um ihren Hals, während sie sich das Haar aus dem Nacken nach oben hielt. Als ich wieder Platz genommen hatte, erhoffte ich etwas. Kein „Danke“, nein, aber einfach, dass sie etwas sagte, beispielsweise, dass sie sich freut. Stattdessen hielt zwei ihrer Finger auf dem Gold der Träne und auf einmal standen die mit Fettuccine gefüllten und dampfenden Teller vor uns. An ihnen vorbei, griff sie nach meiner Hand, ein kurzer, fester Druck, noch immer der Schimmer in ihren Augen und dann aßen wir.

 

Bis heute hat sie über mein Geschenk kein einziges Wort verloren. Sie dankt es mir aber, indem sie darauf aufpasst, als handele es sich um Kronjuwelen und das ist schließlich mehr als man aussprechen kann. Und noch etwas hat sich durch das Amulett geändert. Jetzt greift sie danach, jedes Mal, wenn ihr aus heiterem Himmel Wasser in die Augen steigt. Ja, ich sage aus heiterem Himmel, denn das passiert nämlich niemals, wenn ich ihr beispielsweise wütend hinterherrufe:

 

„Kyra, verdammt nochmal. Du hast schon wieder deine Sachen in meiner Wohnung verstreut herumliegen lassen. Komm sofort rüber. Aufräumen!“

 

***

 

Ach ja, und Charly hat in der Zwischenzeit geheiratet. Leider durften die Mädels nicht an seiner glanzvollen Hochzeit, bei der Charlys Kinder den Reis über die Eltern warfen, teilnehmen, was Charly sichtbar wehgetan hat. Mich hingegen lud er ein. Aber seine Frau weiß nun einmal nichts von der Einnahmequelle, aus derem Sprudel sie sich ein angenehmes Leben macht. Mittlerweile hat Charly auch noch andere, bürgerliche Einnahmen, welche, mit denen er sich endlich sehen lassen kann. Er hat sich zu 50 % an einem Autohaus beteiligt. Das Büro im Gewerbegebiet ist geschlossen und nun parken Porsche, BMW oder Oldtimer nicht mehr neben Betonmischern, sondern standesgemäß. Die neuen Räume sind edel eingerichtet und liegen, wohltuend klimatisiert hinter einer Glas-Stahl-Fassade. 

 

„Sieh her“, lässt er stolz verlauten, als er mich in seinen eleganten Räumen herumführt und deutet zur Decke. „Eine Kühldecke mit integrierter Beleuchtung.“ Ich sehe nach oben und er fährt fort. „Neueste Technik. Das Grundwasser wird dort oben durch ein Rohrsystem geführt und kühlt die Luft ab, die dann herunterfällt, weil sie schwerer ist als die warme, verstehst du?“ Er sieht mich an, als müsse er erst checken, ob ich im Physikunterricht aufgepasst habe oder ob er mir erst die Grundlagen erklären muss.

 

„Nein, nein. Klar, ich verstehe, Charly“, sage ich und er fährt begeistert fort. „Keine verpestete Luft mehr aus bakterienverseuchten Klima-Anlagen. Reine, tip-top-saubere, heruntergekühlte Raumluft schafft uns die Wärme vom Leib. Ist das nicht Klasse?“

 

„Klasse“, sage ich und er bietet mir einen Kaffee und Platz an. Etwas später unterrichtet er mich darüber, dass er zu den Bankgeschäften, die die vielen Konten der Mädels verursachen und möglicher Geldeintreibung und was da so alles dranhängt, künftig auch nicht mehr selbst kommen wird und ich das übernehmen soll. Gegen eine Gewinnbeteiligung, versteht sich. Auch die Termine als solche, soll ich mehr und mehr eigenständig vereinbaren. Er reicht mir ein SmartPhone über den Schreibtisch.

 

„Hier! Eine Nummer, eigens für Kunden. Damit kannst du dann auch viel besser über deine eigene Zeit verfügen, weißt du“, versucht er mir, ganz Verkäufer, die Mehrarbeit zusätzlich zum Aufstocken des Gehaltes schmackhaft zu machen.

 

Ich nehme das Gerät entgegen und muss gleich daran denken, welche Macht er mir damit übergibt, gerade mit den Bankkonten. Und ich werde mich, so denke ich in diesem Moment, bis auf eine kleine Ausnahme - Kyra wird öfter als bisher zuhause sein – dem Vertrauensvorschub meines Gönners würdig erweisen.

 

„Danke, Charly“, sage ich, noch ganz gerührt von seinem Glauben an mich.

 

„Du wirst in meine Fußstapfen treten, mein Lieber. Und du wirst es gut machen, davon bin ich überzeugt!“

 

Ich stehe auf, weil ich einen Kloß im Hals spüre. „Ich muss jetzt los“, sage ich als Erklärung für mein unangekündigtes Aufbrechen. „Bin mit Minka verabredet. Sie war shoppen in der Stadt. Wir wollen noch gemeinsam ein Eis essen und dann nachhause fahren“, äußere ich und habe schon die Türklinke in der Hand.

 

„Grüß Minka“, brummt er noch bevor ich die Tür schließe und als ich ihn schon gar nicht mehr sehen kann, hebt er seine Stimme: „Grüß sie alle von mir, hörst Du?“ Und ich denke mitfühlend daran, wie sehr er die regelmäßigen Besuche im Haus vermissen wird, weil man ihm jetzt schon ansieht, wie sehr sein bürgerliches Leben an ihm zerrt, Kühldecke hin, Kühldecke her. Und wenn ich damals gewusst hätte, wie maßgeblich Charly noch für mich und mein Leben werden sollte, ich glaube, ich wäre zurückgegangen und hätte ihn umarmt. Das war Kyras mittlerweile wichtigstes Lernprogramm: Gefühle zeigen. Alles andere hatte sie mir schon erfolgreich beigebracht, nur mit diesem Auftrag, so bemerkte sie immer wieder aufs Neue, tat sie sich anscheinend schwer im Vorankommen mit mir.

 

***

 

Ein Jahr später hatten uns auch zwei der Mädels verlassen. Jessica, weil sich herausstellte, dass sich der Aufwand für ihr Medizinstudium doch nicht mit Charlys Terminen vereinbaren ließ und Milva, nachdem sie sich in einen Dr. Dr. Soundso, seines Zeichens Rechtsanwalt, verliebt hatte und er sie stets in seinem Haus in Kitzbühel verfügbar haben wollte. Jetzt lebte sie dort, ziemlich abgeschieden und wartete auf ihn oder hielt sich des Öfteren offenbar auch mit ihrem Anwalt in der bayerischen Landeshauptstadt auf, wo sie mittlerweile zum Mitglied der Münchener Bussi-Bussi-Gesellschaft aufgestiegen war. Hin und wieder rief sie an, weil sie sich langweilte und bestand darauf, der Reihe nach mit allen zu sprechen, die gerade anwesend waren.

 

Mich fragte sie jedes Mal nach Kyra und Memori, oder nur nach Kyra und wie die mit Memori zurechtkomme. Und ein ums andere Mal gab ich fast die gleiche Antwort: „Gut“. Daraufhin ließ sie ab und zu ein skeptisches „na?“ durch die Leitung, aber dann fing sie an, zu schwärmen von ihrem Rechtverdreher, wie ich ihn spaßhaft nannte. Aber sie schien glücklich zu sein und damit waren Charly und ich zufrieden.

 

Als Ersatz für wenigstens eine von beiden, die uns auf einmal fehlten, hatte sich dann ein wahrer Glücksfall aufgetan: Minna. Die Herrschaften, Elise und der Graf, hatten beschlossen, eine Weltreise per Segelschiff zu unternehmen. Ein halbes Jahr sollte die dauern. Elise hatte bei uns angefragt, ob wir unter Umständen für Minna in der Zwischenzeit Verwendung hätten. Die Herrin wollte zwar Knut unbedingt bei sich haben, aber Minna sei zu wenig elegant, meinte sie. Und die Dienerin der beiden alleine auf dem Gut zu lassen, das wiederum war für den Grafen unvorstellbar.

 

„Zu viel Freiheit, Liebste“, hatte er laut Minna kurz befunden und war hart geblieben und ich hätte wetten können, dass er seiner Geliebten bei diesen Worten die Hand geküsst hatte.

 

„Knut, den armen Tropf, wollten die Machthaber über restlos alles an ihm, während der Zeit kurzerhand in einen Anzug mit Fliege und darunter in Windeln stecken, damit er seiner Besitzerin überall hin folgen konnte. Sie hatten sogar, um ihn auf seine Rolle vorzubereiten, einen zertifizierten, erfahrenen Butler engagiert, der Knut den letzten Schliff beibringen sollte, damit auch er standesgemäß als Lakai fungieren konnte. Denn man wollte sich auf keinen Fall in feiner Gesellschaft, die, die mit Elise und dem Graf gemeinsam die Welt umsegeln würde, mit ihm blamieren.  

 

Der Graf hatte an Charly Bilder eines Fünfmasters geschickt und dazu geschrieben, das Schiff sei so um 1912 erbaut und optisch noch im Originalzustand. Es habe lange gedauert, bis er eines gefunden hätte, das Elises Einverständnis gefunden hatte. Eine Antiquität auf dem Meer, schrieb er begeistert. Man konnte sich vorstellen, dass ein halbes Jahr auf so einem exklusiven Kahn, leicht das Jahresgehalt eines Buchhalters verschlingen würde, wenn das überhaupt reichte.

 

Minna kam also zu uns, als Milva und Jessica uns verließen. Die Mädels hatten versucht, sie etwas zurecht zu machen, aber das war nur zum Teil gelungen. Immerhin hatten sie eine Frisur für sie gefunden, die ihre Segelohren etwas kaschierte. Aber sie war und blieb einfach am besten geeignet für eine Dienstmagd. Schminkte man sie, sah sie nuttig aus, und so, als sträube sich etwas in Minna, selbst gegen die zart aufgetragenen Farbschichten. Also entschieden wir, sie einfach so zu lassen, wie Gott sie erschaffen hatte und sie besser wieder in Leinen und Schürze zu stecken, als in Brüsseler Spitze.

 

Charly hatte dann – es war noch die Zeit vor dem Autohaus - einen Rundruf bei seinen Kunden gestartet. Er habe da etwas ganz Besonderes, hatte ich ihn sagen hören. Und siehe da, da gab es tatsächlich Herren, die sich zwar zunächst nicht unbedingt eine Magd gewünscht hatten, als sie aber hörten, was Minna ihnen alles an alltäglichen Sorgen abnehmen konnte, waren sie durchaus bereit, einmal etwas ganz Neues auszuprobieren. Ich hatte Charly zugehört, wie er einem der Interessenten am Telefon das Angebot machte:

 

„Probieren Sie sie aus. Sagen wir, drei Tage. Wenn sie nicht zufrieden sind, schicken sie sie zurück und zahlen keinen Cent. Andernfalls wird der volle Preis, wie für jede andere fällig. Einverstanden?“

 

Minna war in sechs Monaten von nirgendwoher vorzeitig zurückgekommen. Im Gegenteil, einmal hatte man uns direkt in Kalamitäten gebracht, weil man ihre Anwesenheit in einer Vorortvilla mit Parkgrundstück kurz vor Ende des geplanten Zeitraumes, unbedingt um weitere zwei Wochen verlängern wollte. Dabei wartete schon der nächste mit Spannung auf eine richtige Magd, so, wie angepriesen. Es blieb uns also damals nichts anderes übrig, als Kyras ursprünglich geplanten Aufenthalt bei einem vornehmen Herrn in Worpswede mit Minka zu besetzen, damit wir die einzige, die außer Minna noch in der Lage war, eine richtige Dienerin zu spielen, nach Sylt schicken konnten.

 

 „Das nennt man Bedürfnisse wecken, wo zunächst gar keine sind“, winkte Charly eines Tages stolz mit einer Einladung für Minna. Sie war von dem, der sich zuallererst von Charly hatte überreden lassen.

 

***

 

Und dann war da noch mein Verhältnis zu Memori, die sich offenbar nicht damit abfinden wollte, immer nur die zweite Geige bei mir zu spielen. Es war eigentlich klar, dass wir deswegen irgendwann aneinandergeraten würden. Die Frage war nur, wann.

 

„Wohin hat mich Charly denn jetzt wieder hin verschachert“, fragte sie eines Tages schnippisch am Frühstückstisch und ich wusste sofort, dass es nun soweit war. Aber noch überhörte ich ihren widerspenstig in Szene gesetzten Tonfall.

 

„An den Herrn, Du weißt schon, der, der immer ein ganzes Jahr für dich sparen muss.“

 

„Ach du meine Güte. Ja, der. Na ja, wenigstens ist er keiner, der die Peitsche liebt. Aber dieses Spießerleben in seinem Reihenhäuschen, das geht mir schon gewaltig auf die Nerven“, äußerte sie ganz entgegen ihrer sonstigen Sanftheit. Ein Zug an ihr, der mir vollkommen fremd vorkam.

 

„Kennst du die zwanzig Grundsätze einer Sklavin“, fragte ich, noch immer insgeheim erstaunt über ihr renitentes Verhalten, obwohl ich irgendwann erwartet hatte, aber anders.

 

„Ja, die kenne ich. Aber du! Du kennst sie gar noch nicht lange. Von diesen Regeln profitierst du. Für dich muss das doch sein, wie für einen Bären in Alaska, wenn er über einen vollen Honigtopf stolpert, oder?“

 

Ihre gewohnte, respektvolle Haltung mir gegenüber war anscheinend dahingeschmolzen. Die Stimme angeschwollen, das Gegenteil ihres gehauchten „Ja“, das mich so mitgerissen hatte und das, wäre Peg nicht gewesen wahrscheinlich zu etwas anderem geführt hätte, als das, was ihr nun beschieden war. Aber der Hund war nun einmal da und saß gerade neben mir und hechelte mich an.

 

„Charly gab mir den guten Rat, nicht die kleinste Ausfälligkeit zu dulden. Ich werde dich für deinen unverschämten Ton bestrafen, Memori.“

 

„Mag sein“, kam es schamlos aus ihr herausgebrochen, „das ist mir egal. Mach doch, was du willst.“ Sie hatte die Arme vor der Brust übereinandergeschlagen und wartete.

 

Keine Ahnung, warum, aber ich war mir sicher, sie provozierte, von mir mit der Gerte traktiert zu werden, wozu ich mich bei Kyra und anderen hin und wieder hinreißen ließ. Memori hatte sie noch nie von mir gespürt. Sie hatte mir auch nie Anlass dazu gegeben und ich wusste, sie mochte sie auch nicht so, wie Kyra oder Caro beispielsweise. Sie wollte, dass ich mich vergaß, aber den Gefallen würde ich ihr nicht tun.

 

„Bis zu deiner Abreise in vier Tagen, wirst du in der Kleiderkammer verbringen. Jetzt gleich, zwei Tage länger als sonst vor einem Einsatz.“ Damit war ich aufgestanden und jetzt folgte sogar Peg mir. Ich drehte mich noch einmal um und schob dabei Peg zwei Finger unters Halsband.

 

„Peg kommt mit mir. Du wirst ihn vor deiner Rückkehr in fünf Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen.“

 

Memori ließ den Kopf sinken und sah zu Boden. Ich wartete ihre Reaktion nicht weiter ab. Ein paar Minuten später hörte ich Jessi, wie sie die Vorkehrungen für Memori in der Kleiderkammer traf, aber erst als ich hörte, wie die Tür des Käfigs ins Schloß fiel, schlich ich mich mit Peg hinaus. Wir wollten in den Wald. Das heißt, ich wollte in den Wald und später auch er, als seine Nase all die feinen Gerüche aufnahm.

 

Kyra war zu dem Zeitpunkt leider nicht da. In einem solchen Moment, hätte ich sie am allermeisten gebraucht, so, wie damals bei der Auseinandersetzung mit Leonore. Aber sie ließ nach diesem Vorfall nicht mehr lange auf sich warten und ich konnte ihr von dem Zwischenfall mit Memori erzählen.

 

„War ihr Verhalten nicht ganz und gar in deinem Sinne“, fragte sie, als ich geendet hatte und ich sah sie erstaunt an.“

 

„Wie kommst du nur darauf“, fragte ich zurück. „Sie war ungehorsam, was sollte da in meinem Sinne sein?“

 

„Es gefällt dir doch, sie zu demütigen. Sie mit mir, und mich demütigst du mit ihr.“ Ich dachte eine Weile nach. Wieder einmal hatte Kyra eigentlich den Nagel auf den Kopf getroffen.

 

Ich nahm ihre Hand, wie es der Graf bei seiner Geliebten getan hatte, nur dass ich sie nicht zu meinem Mund führte, sondern jetzt ihre Hand in meiner, zwischen den beiden Sonnenliegen herunterbaumelten.

 

„Ja, vielleicht hast du Recht. Ich fühle mich irgendwie seltsam mit diesem Wunsch und wollte eigentlich schon lange mit dir darüber sprechen, aber du warst nicht da.“

 

„Denk nach Thomas, warum willst du sie demütigen. Denk einfach nach.“

 

„Das habe ich, aber ich komme nicht drauf.“

 

„Wann hast du sie das erste Mal so schlecht behandelt und es genossen?“

 

„Draußen im Wald, damals auf dem Hof, als sie die Frage nicht beantworten konnte, wie viele Schwänze sie schon kennengelernt hat.“

 

„Weil sie das nicht wusste? Im Ernst?“, kam es nun entsetzt aus Kyras Mund. Sie hatte ihren Oberkörper etwas angehoben und sah mich an.

 

„Na ja, damals auf dem Bauernhof bei den Pornofritzen, da sollte ich sie doch ausprobieren. Das habe ich getan und es war einzigartig. Am nächsten Tag bin ich mit ihr in den Wald gegangen, weil noch Zeit war bis die Typen Weiteres mit ihr anstellen wollten. Dort im Wald konnte ich mich nicht beherrschen und habe sie noch einmal gefickt, hart und schnell und als ich kurz vorm Kommen war, ich weiß auch nicht, warum, stellte ich ihr diese Frage und sie sagte, sie wisse es nicht. Ich war so wütend, dass ich sie dort, gebückt auf einem Baumstamm stehen ließ, ihr befahl sich nicht von der Stelle zu rühren. Fast eine Stunde bin ich umhergeirrt und als ich zurückkam, stand sie immer noch da, genauso, wie ich sie verlassen hatte. Da war es glaube ich, dass ich dachte, es gäbe nichts Schöneres, als sie zu demütigen.“

 

„Du hast ihr also allen Ernstes diese Frage gestellt? Und bist erzürnt darüber, dass sie sie nicht beantworten konnte.“ Kyra sah in den Garten und schüttelte leicht den Kopf.

 

„Ja, ich musste es einfach wissen. Ich hätte dann wenigstens denken können, was weiß ich, ich bin die Nummer einhundertvierundachtzig oder so. Aber so hatte ich das Gefühl, für mich gibt es noch nicht einmal eine Nummer, verstehst du das? Sie hätte für mich noch nicht einmal eine Nummer gehabt, wenn sie nicht wusste, wieviel es vor mir waren.“

 

Kyra nickte und ich war sicher, wenn jemand verstand, was da alles aus mir heraussprudelte, dann war sie es.

 

„Sie hätte ja verdammt nochmal irgendeine Zahl sagen können“, fuhr ich fort, weil die Frau neben mir keine Anstalten machte, mir endlich zu erklären, was mit mir los war. „In dem Moment damals, ich hätte ihr doch alles glauben wollen.  Aber als sie nur antwortete, sie habe keine Ahnung, da war ich so wütend, dass ich noch mein Sperma daließ und verschwand. Und dann hatte ich einfach das Bedürfnis, sie zu erniedrigen und das ist bis heute so geblieben.“

 

„Jetzt verstehe ich“, sagte Kyra. „Du bestrafst gar nicht mich, sondern Sie, wenn du sie zu uns holst. Wem von uns Anderen würdest du eine solche Frage denn sonst noch gerne stellen? Mir zum Beispiel?“

 

Ich dachte nach. Eigentlich hatte ich bei Kyra einen Vorhang runter gelassen, was das betraf.

 

„Eigentlich nicht“, antwortete ich getreu Charlys Ratschlag, die Dinge nicht zu verkomplizieren, indem man schwindelt, „und von ihr interessiert es mich auch schon längst nicht mehr. Aber dieses blöde Gefühl, weißt Du, sie verletzen zu wollen, das scheint sich in mir festgesetzt zu haben. Ich dachte, du könntest mir vielleicht erklären, warum?“

 

Ich sah auf den rot-goldenen Tropfen an ihrem Hals und ich ahnte auf einmal, dass, würde ich jetzt zu ihr aufsehen, ich dort ihre Augenwinkel ansehen müsste und deswegen blieb mein Blick auf dem Souvenir aus Venedig liegen.

 

„Was ist“, fragte ich und drückte ihre Hand.

 

„Nichts“, sagte sie, „es ist gar nichts.“

 

„Du kannst mir also da auch nicht weiterhelfen, oder“, fragte ich und lehnte mich zurück, aber ich hätte gerne ihre Gedanken erraten. Wer weiß, vielleicht dachte sie ja an eine uralte enttäuschte Geschichte, etwas wie den Grafen, so still wie sie auf einmal war?

 

„Du musst es selbst herausfinden“, kam es nach einer Weile und dabei lehnte sie sich wieder zurück, aber noch immer hielt sie meine Hand, die ich jetzt zu meinem Mund führte, sie küsste, so, wie es der Graf mit Elise zelebriert hatte. Eine Geste, die mich von Anfang an gefangen genommen hatte und nirgendwo, fand ich, war sie besser angebracht, als bei dieser wundervollen Frau.

 

Und kurz nach diesem Nachmittag geschah das für mich Unfassbare.

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Sagira

Auch dieser Teil ist wieder sehr gut geworden. Auch wenn er etwas wie eine Zusammenfassung aufgebaut ist kann man doch sehr gut sie Gefühle lesen und spüren die er hat und mit denen er sich auseinander setzt. Mir gefällt es das es nicht einfach nur glatt geht und alle sich und ihre große Liebe finden. So spielt das Leben nicht immer.
Auch das Ende lässt wieder vieles offen und ich hoffe das es bald weiter geht den solch ein Ende... da kann man ja kaum warten. Leider liest es sich auch so als würden wir auf das Ende zusteuern was natürlich nicht sooo schön ist. Trotzdem freue ich mich und bin sehr froh das du nicht aufgehört hast und uns weiter mit deiner Story erfreust. Danke dafür.
LG
Sagira

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Bild des Benutzers Alexander

Danke Sagira,

für Deinen Kommentar, der mich immer wieder anregt, weiterzumachen. Und ich habe gerade noch etwas Zeit.

 

Du hast Recht, ich versuche, den Schluss zusammenzufassen. Das Ganze hätte circa 350 Buchseiten und wir sind vom Inhalt her im Moment etwa bei Seite 180. Aber ich habe von Anfang an gekürzt und nur genommen, was zum Verständnis unabdingbar war. Daher könnte es auch vorgekommen sein, dass manchmal Zeiten oder Namen der Mädels durcheinandergerutscht sind. Aus einem Ganzen ist sozusagen ein kleiner Flickenteppich entstanden.

 

Viel Spaß erstmal weiterhin mit Kyra, Memori, Charly, Thomas und den Anderen.

 

LG

Alexander

 

 

 

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Bild des Benutzers fantasy69

Auch ich mag Deine Geschichte. Trotz oder vielleicht gerade wegen(?) der kleinen abstrusen Schlaglichter, wie denen mit Peg oder Knut. Ansonsten eine ganz alltägliche, wenn auch nicht unkomplizierte Lovestory, gewürzt sogar noch mit den Großeltern in der Erinnerung des Hauptdarstellers. So entsteht ein nicht alltäglicher Mix und zumindest für mich, immer wieder Unerwartetes.

Eine kleine Anregung würde ich gerne noch geben: Wenn Du schon gerade Sexszenen lediglich andeutest, was ich sehr mag, dann finde ich aber auch, solltest Du konsequenterweise auch auf das Wort "Schwanz" zum Beispiel verzichten. Du hast es nicht häufig verwandt, aber ich erinnere mich an mindestens einmal. Ich weiß, das ist schwer, aber vielleicht fällt dir etwas ein? Ich bin ganz gespannt.

Aber ansonsten einfach schön.

Liebe Grüße

fan-(tasy) 

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Bild des Benutzers Alexander

ein sehr starkes Wort, finde ich, das so viel mehr ausdrückt, als einen Körperteil. Nur war es von vornherein meine Absicht, es wirklich in sehr geringen Dosen zu verwenden, damit es so STARK BLEIBT.

Aber zunächst danke für Deinen Kommentar. Und ich werde mich auf jeden Fall bemühen, ganz bestimmt. Auch wenn es eine riesige Herausforderung ist, die Du mir da auferlegst. Aber mal sehen.

LG

Alexander 

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