Tit-for-tat 1

 
1.
Unser Erstes Treffen war eigentlich eine richtige Katastrophe. Eine Bilderbuchkatastrophe die sich eventuell sogar verhindern hätte lassen.
 
Ich lief die dunkle Straße entlang zu meiner Wohnung, es war schon kurz nach Mitternacht und aus diesem Grund war  die spärliche Straßenbeleuchtung unserer kleinen Stadt bereits ausgeschaltet. Wenn es nach mir gegangen wäre, würde ich jetzt schon lang in meinem Bett liegen und tief und fest schlafen aber ich musste mich ja unbedingt von meiner besten Freundin Steffi per SMS überreden lassen noch ins Kino zu gehen und natürlich musste es die Spätvorstellung sein und auch noch ein Liebesfilm. Drei Dinge die ich wirklich hasse. Nur mit meinem Gewissen konnte ich es nicht vereinbaren sie alleine gehen zu lassen und die versprochene extra großen Popcorntüte nur für mich hatte mich schlussendlich doch überzeugt. Der Film war wie erwartet eine Qual. Richtig Kitschig mit einem Hauch an Gleichgültigkeit. Genau so wie jeder Liebesfilm eben abläuft, zwei treffen sich, dürfen aus irgendwelchen Gründen nicht zusammen sein, sind es dann aber doch heimlich und merken nach einiger Zeit das es nicht funktioniert, trennen sich aber finden am Ende dann doch wieder zusammen und heiraten und bekommen Kinder. Alles vorhersehbar. Aber das schlimmste war nicht der Film sonder die zwei einzigen Männer, die einzigen anderen Personen neben uns in dem sonst komplett leeren Saal die sich natürlich direkt die Plätze vor uns ausgesucht haben und natürlich mussten die beiden die ganze Zeit während des Filmes miteinander tuschelten und auch noch anfangen zu lachen während Steffi die Tränen die ihr aus den Augen liefen kaum unterdrücken konnte, da sich die beiden Hauptpersonen endlich ihre Liebe gestanden hatten, und was machte ich?  Gelangweilt mein Popcorn in mich reinstopfen und hoffen das die Qual bald ein Ende findet. Da mich der Film nicht wirklich interessierte versuchte ich wenigstens ein kleines Nickerchen zu machen doch immer in dem Moment indem ich fast wegdöste mussten die zwei Schwulen, ich hatte einfach beschlossen das sie es sind weil wer sonst aus der Männerwelt würde sich freiwillig so einen Film antun, immer lachen oder in sonstiger Art und Weise störten. Die beiden hätten sich ja wirklich jeden Platz hier in diesem riesigem Kinosaal aussuchen können und sich auch wirklich überall hinsetzen können aber wieso genau vor uns und dann noch nicht mal still sein? Karma konnte es eindeutig nicht sein da ich in letzter Zeit immer darauf geachtet hatte besonders nett zu allen Menschen in meiner Umwelt zu sein. Als dann der Abspann anfing und die beiden immer noch weiterredeten reichte es mir dann endgültig und ein bisschen Rache für das ständige Gerede im Film musste schließlich auch sein. Ich stubste Steffi kurz in die Seite und flüsterte ihr "Bis gleich außen an deinem Auto" ins Ohr und dann stand ich auf,  nahm all meinen Mut zusammen und stülpte meinen noch fast halbvollen Popcorneimer samt Inhalt dem rechten der beiden vor uns sitzenden über den Kopf und sprintete los. Ich rief noch während des wegrennens: "Nächstes mal nicht so viel quatschen, Jungs." über die Schulter und flüchtete aus dem Kinosaal in Richtung Damentoilette. Ich war gerade durch die Tür gekommen und hatte mich in einer Kabine eingesperrt als sich schon die Tür öffnete und ich Schritte hörte die genau auf mich zuzukommen schienen, und da bekam ich es richtig mit der Angst zutun. Ich bereute diese Kurzschlussreaktion und hätte es entweder einfach gleich sein lassen oder mich wenigstens danach entschuldigen und nicht einfach wie ein Feigling wegrennen sollen. So viele Gedanken schwirrten mir durch den Kopf aber kein einziger Sinnvoller der mich aus dieser Lage hätte retten können. Mein Herz sackte mir in die Knie als die Schritte genau vor meiner Tür stehen blieben und auf einmal jemand wie wild gegen die sehr zerbrechlich wirkende Holzschicht der Tür zwischen uns hämmerte.
 
"Los kleine, mach sofort diese verdammte Tür auf oder du kannst was erleben.", ertönte eine aufgebrachte Männerstimme. "Und ich weiß das du da drinnen bist also versuch gar nicht erst so zu tun als wärst du es nicht!"
 
Wenn mein Herz noch tiefer hätte rutschen können dann wäre es jetzt tief unter der Erde. Mit zitternden Händen und weichen Knien ging ich langsam auf die Kabinentür zu und drehte den Schlüssel. Ich wusste auch nicht wieso genau ich das in dem Moment machte oder was in mich gefahren war aber die Stimme sprach nicht zu meinem Gehirn sondern brachte gleich meinen Körper dazu sich zu bewegen und dem Befehl nachzukommen. Ich hatte keine Wahl. Es war offen. In dem Moment als ich das leise Klick des Schlosses hörte wurde die Tür bereits aufgerissen und vor mir stand der Kerl dem ich das Popcorn über den Kopf geschüttet hatte, man erkannte noch einige Stücke in seinen dunklen Haaren und auf der Kleidung. Mir stand die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben und ich wollte zurückweichen nur war in dem kleinen Raum kaum Platz zum Bewegen oder Ausweichen also presste ich mich mit dem Rücken an die Wand um den Abstand zwischen uns zu vergrößern doch er kam einfach noch einen Schritt auf mich zu sodass uns kaum mehr als 20cm voneinander trennten. Ich konnte seinen Atem riechen und spürte seine Körperwärme. Er blickte mir tief in die Augen und hielt mich in seinem Blick gefangen. Seine Augen waren so unergründlich tief und ich konnte keine einzige Gefühlsregung in ihnen Entdecken. Mit einem Mal schnellte seine linke Hand nach vorne und schloss sich fest um meine Kehle. Er drückte mich an der Wand nach oben so das ich nur noch auf Zehenspitzen stand und fast auf Augenhöhe mit ihm war. Ich bekam kaum noch Luft und zappelte unter seinem stählernen Griff ohne eine Aussicht auf entkommen, denn egal wie sehr ich versuchte mit meinen Händen seinen Griff zu lösen ich schaffte es nicht. Mir ging langsam die Kraft aus, mein Körper wurde schlaff unter ihm und vor meinen Augen fingen schwarze Flecken an zu tanzen. In Filmen stellten sich manche Personen bewusstlos um ihren Angreifer zu signalisieren das er gewonnen hat. Ich probierte es aus und lies die komplette Spannung aus meinem Körper entweichen und hing regungslos in seinem Griff.
 
Auf einmal ließ er mich los, wahrscheinlich hatte er sich über meinen plötzlichen Zustand der Bewusstlosigkeit erschreckt und ich somit sackte ich in  mich zusammen und öffnete aus Schreck meine Augen. Kraftlos blickte ich nach oben und sah gerade noch wie er etwas auf einen kleinen Zettel kritzelte, sich dann zu mir nach unten beugte und mir diesen in die Hand, und noch einen Kuss auf die Stirn drückte und dann drehte er sich um und war mit dem nächsten Wimpernschlag verschwunden. Es wurde um mich herum dunkel.
 
"Hallo! Erde an Melli, aufwachen!", die Stimme meiner Freundin dröhnte mir in den Ohren und ich öffnete ruckartig meine Augen. Ich lag immer noch auf dem Toilettenboden und hatte gar nicht mitbekommen das ich anscheinend etwas eingedöst war. Was Sauerstoffmangel alles mit einem anrichten kann. Mein Kopf dröhnte und Steffi's laut quietschende Stimmt trug nicht gerade zu einer Besserung bei. "Ich hab dich gesucht.", vorwurfsvoll blickte sie mir in die Augen. "Weißt du was für Sorgen ich mir gemacht hab als ich dich aus dem Kino hab stürzen sehen und den großen Typen hinterher? Kannst du dir vorstellen das ich tausend Tode gestorben bin als du nicht an meinem Auto warst? Verdammt ich war kurz davor die Polizei zu rufen wenn nicht der Freund von dem Kerl nochmal zu mir gekommen wäre als er mich draußen verzweifelt am Auto stehen hat sehen und mir gesagt hätte das du auf dem Klo bist? Wieso musst du mir immer so einen Scheiß antun?" Vollkommen außer Atem stockte sie plötzlich als sie meine Tränen sah die mir ungebremst über die Wangen liefen. Sie setzte sich zu mir auf den Boden und nahm mich in den Arm, versuchte mich zu trösten und zu beruhigen. Nach einer Weile ging mein Tränenfluss in leises Schluchzen über und ich beruhigte mich wieder. Mit ganz geschwollenen Augen blickte ich sie an und brachte mit nur ein Krächzen heraus "Sorry.. für alles. Ich.. Ich dachte nicht, dass er mir folgt.. Und auch nicht das er.. das er mich halb er..erwürgt und mich dann hier einfach liegen lässt.."  Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie mich an. "Was?! Was hat dieser Dreckskerl getan?!", ihr entsetzen in der Stimme war fast noch schlimmer als ihr eh schon überrumpelter Gesichtsausdruck. Sie hob mein Kinn an und wir beide zuckten leicht zusammen,  sie als sie meinen Hals sah und ich weil es wehtat. Anscheinend musste er ganz schön kräftige Abdrücke hinterlassen haben.
 
"Beruhig dich, ich bin ja noch am Leben und ich hatte nicht das Gefühl das er wirklich vorhatte mich umzubringen sonst hätte er es locker geschafft.. Können wir jetzt bitte hier rausgehen? Ich will hier weg und in mein Bett." Ohne ein weiteres Wort zu sagen half sie mir auf die Beine und legte einen Arm um meine Taille um mich zu stützen da ich noch etwas wackelig auf den Beinen war. Sie führte mich schweigend hinaus auf die Straße bis zu ihrem Auto und ich lehnte mich gegen die Motorhaube des kleinen VW Golfs. "Weist du was? Ich glaub ich lauf nach Hause. Es ist ja nicht so weit und vielleicht hilft mir das meinen Kopf wieder frei zu bekommen. Kannst du mir noch schnell meine Sachen aus dem Auto geben?" Es kamen nicht einmal Widerworte von ihr sondern ohne einen Ton öffnete sie die Beifahrertür, nahm meine Tasche und die Jacke die sie mir einfach in die Hand drückte und schlug die Tür mit einem lautem Knall zu. "Wenn du wirklich scharf drauf bist nochmal diesem Irren da zu begegnen dann viel Spaß dabei oder du steigst ein und ich fahr dich verdammt nochmal bis vor deine Haustür und schau das du sicher ankommst!"
 
Ohne etwas zu erwidern oder mit der Wimper zu zucken drehte ich mich von ihr weg und ließ sie einfach stehen, lief in die Dunkelheit hinein. Hinter mir fing sie an zu schreien doch ich blendete es aus und lief einfach immer weiter die dunkle Straße entlang und dachte darüber nach was vorhin passiert war. Ich lies alles nochmal Revue passieren und als ich vor meiner Haustür stand war ich genau bei dem Moment als er mir den Zettel in die Hand drückte. Fuck, den hatte ich voll vergessen. Meine Hand hatte ich unterbewusst die ganze Zeit fest zu einer Faust geballt und als ich sie langsam öffnete lag der kleine zusammengeknüllte Fetzen Papier noch in ihr. Schnell suchte ich in meiner Tasche den Haustürschlüssel , sperrte sie auf und ging rein in mein warmes und geborgenes Zuhause. Meine Sachen warf ich alle achtlos in die Ecke und schaltete das Licht ein um endlich lesen zu können was da auf dem Zettel stand.
 
   Morgen 19:00 Uhr
   Hauptstraße 72
   P.S. ich erwarte eine 
   Angemessene                  
   Entschuldigung oder du wirst
   Leiden! Und wenn du nicht kommst  
   dann finde ich dich!
 
 
Fortsetzung folgt...

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