Sanna - VII

 
Schon wieder diese Schlampe Alyss. Es war schlimm genug gewesen, dass sie ihn heute morgen gewaschen hatte – ohne ihm den Knebel abzunehmen – und jetzt stellte sie gerade einen Teller mit klein geschnittenem Fleisch neben ihm ab. Das konnte nicht ihr ernst sein. Er schloss kurz die Augen, während sie den Knoten des Knebels löste. Er musste freundlich wirken.
„Danke, Alyss.“ Sein Mund fühlte sich viel zu trocken an, und er war tatsächlich dankbar, als sie ihm kurz danach einen Becher an die Lippen hielt. Er schaffte es zwar, sich nicht zu Verschlucken wie beim letzten Mal, aber dass er immer noch in liegender Position gefesselt war sorgte dafür, dass das ungeschickte Weib zu viel Wasser verschüttete. Entweder sie hatte es nicht bemerkt, oder es war ihr egal, aber sie machte keine Anstalten, etwas dagegen zu unternehmen. Oder sie wollte ihn nur weiter erniedrigen.
„Ist es nicht anstrengend, mich füttern zu müssen?“
„Willst du schon wieder das Essen verweigern?“
„Ich denke Lady Vanora will nicht, dass ich hungere. Wenn du meine Hand losbindest, könnte ich selbst essen.“
„Und magische Kreise zeichnen?“
Wie viel wusste sie über Magie?
„Mit einer Gabel und etwas Essen? Kaum.“ Es wäre extrem schwer, eine vernünftige Farbe zu finden, um einen Kreis zu zeichnen, aber wenn er sie ein paar Tage einlullte, würde sich eine Gelegenheit ergeben.
„Du gefällst mir gefesselt besser.“
Als sie begann ihn zu füttern, war er zu sehr mit Kauen beschäftigt, um etwas zu erwidern. Die eine Mahlzeit, die Alyss ihm täglich brachte war schon zu wenig für ihn. Wie hatte Sanna es geschafft, drei Wochen nichts zu essen? Hasste sie ihn so sehr, dass sie so weit ging? Warum hatte er es nicht früher begriffen? Er hätte sie schon in der ersten Woche gehen lassen sollen, stattdessen hatte er sich blind an die Hoffnung geklammert, dass sie ihr Schicksal akzeptieren würde, dass sie ihn lieben könnte. Seit sie gegangen war, hatte er neun neue Mägde geholt und keine davon war auch nur ansatzweise interessant gewesen. Keine hatte sich mit Sanna messen können. Er hätte nie geglaubt, dass eine Frau so wichtig für ihn werden könnte. Und als er sie wieder gefunden hatte, so jung und schön wie damals, hatte er sie nicht mehr gehen lassen können. Sie hatte sich ihm hingegeben, auch wenn sie sich erst geziert hatte. Sie hatte mit ihm gescherzt. Wie hätte er ahnen sollen, dass sie nicht bei ihm bleiben wollte? Er konnte ihr so viel bieten.
Viel zu schnell war der Teller leer. Inzwischen glaubte er, dass Alyss ihm absichtlich nur kleine Portionen gab. Wie gut es tun würde, die Hände um ihren Hals zu schließen und …
Er riss sich aus den Gedanken, als sie zum Knebel griff.
„Warte.“
Direkt nachdem er das Wort ausgesprochen hatte, bemerkte er seinen Fehler. Er biss die Zähne zusammen, als sie ihn ohrfeigte. Ob Sanna die Abdrücke ihrer Finger auf seinem Gesicht sah?
„Bitte, Alyss. Ich muss mit Lady Vanora sprechen.“
Wie er es hasste, dass er freundlich klingen musste, damit sie ihn nicht weiter schlug. Sie hielt tatsächlich kurz inne.
„Sie will nicht mit dir sprechen.“
„Ich nehme alle Befehle zurück. Sag ihr, dass ich alle Befehle zurücknehme, wenn sie mich gehen …“
Der Knebel erstickte seine Worte. Verdammt! Konnte sie ihn nicht aussprechen lassen? Eine Minute mit Sanna würde genügen. Er würde ihr befehlen, ihn freizulassen. Er würde ihr befehlen, nie wieder zu versuchen ihn festzuhalten. Und dann, nach einer Nacht oder zwei, würde er sie gehen lassen. Er würde nicht noch einmal dabei zusehen, wie sie sich selbst aushungerte nur um ihm zu trotzen.
 
 
 
„Er lügt.“
Sanna zeichnete eine letzte Rune in den neuen Kreis, bevor sie antwortete. „Vielleicht. Vielleicht ist er aber auch wirklich verzweifelt.“
„Bringt ihn in den Keller und lasst mich mit ihm allein. Nach zwei Wochen wird er alles sagen das Ihr wollt.“
Sie betrachtete den Kreis, und überprüfte, ob alle Linien richtig gezogen waren.
„Nein.“
„Vertraut mir, Lady Vanora. Ich bin in der Lage ihn am Leben zu halten, bis er bricht. Ihr müsst nicht zusehen, wenn Ihr nicht wollt.“
Sanna sah auf. „Du wirst ihn nicht foltern. Ich verstehe, dass du ihn hasst, und dass du mich verteidigen willst, aber in dieser Sache erwarte ich absoluten Gehorsam. Es muss ihm gut gehen. Er darf keine dauerhaften Verletzungen davontragen. Das ist wichtig, Alyss. Hast du verstanden?“
Sie hielt Alyss‘ Blick, bis diese nickte.
„Was genau hat er gesagt?“
Ich nehme alle Befehle zurück. Sag ihr, dass ich alle Befehle zurücknehme.“
„Hm...“ Sie wusste nicht, ob das genügen würde. Was, wenn Alyss sich falsch an seine Aussage erinnerte? Es gab zu wenig Wissen über magische Schwüre um die genauen Hintergründe zu kennen. Genügte es, wenn er es aussprach? Musste sie davon wissen? Oder musste sie es direkt von ihm hören? War sie vielleicht jetzt schon frei? Sie würde es herausfinden müssen, selbst wenn es unangenehm sein könnte.
„Hol noch etwas Wein und Süßigkeiten, Alyss. Es wird eine lange Nacht werden.“
 
 
 
Das wenige Licht, das von draußen ins Zimmer drang, genügte gerade um Umrisse wahrzunehmen. Alyss hatte vergessen, ihm die Augen wieder zu verbinden, was das Warten ein wenig angenehmer machte. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis Sanna kam, und wenn die Magd ihr gesagt hatte, dass er bereit war, den Befehl zurückzunehmen, dann würde das seine letzte Nacht in diesen verfluchten Fesseln sein.
Wie er den Moment herbei sehnte, in dem er ihr befehlen konnte, sich nicht zu bewegen. Er würde ihr zeigen, dass er trotz allem mehr Macht über sie hatte als sie über ihn. Er wollte ihren Gesichtsausdruck sehen, wenn sie begriff, dass er sie in seiner Gewalt hatte. Er wollte ihre Angst spüren. Er wollte ihre Verzweiflung schmecken, in einer letzten Nacht, bevor er sie gehen ließ.
 
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Irgendwann war er kurz eingedöst, aber Sanna war nicht aufgetaucht. Ein schrecklicher Verdacht begann an ihm zu nagen. Was, wenn seine Worte zu Alyss genügt hatten? Was, wenn Sanna damit frei war? Warum hatte sie ihn dann noch nicht befreit? Hatte sie vor, ihn hier gefangen zu halten? Oder schätzte er die Zeit nur völlig falsch ein? Nein, das konnte nicht sein. Er hatte das Gefühl, dass es etwas heller im Zimmer geworden war. Ging es auf Morgen zu? Wo blieb sie? Sie konnte ihn nicht hier zurück lassen! Was sollte er tun, wenn sie einfach verschwunden war? Sollte ihr Schwur, ihm keinen Schaden zuzufügen das nicht verhindern? Er konnte hier verdursten, wenn sie verschwand. Oder schlimmer, sie konnte jemanden zurücklassen, der sich um ihn kümmerte, während er alterte, an ein Bett gefesselt, unfähig irgendetwas zu tun.
Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür wurde aufgestoßen und ein Schrei zerriss die Stille. Sanna!
Er wand sich in den Fesseln. Wenn er nur den Knebel los wurde könnte er alle Befehle zurücknehmen. Die Seile gaben nicht nach und so konnte er nur untätig beobachten, wie Alyss Sanna hinter sich herschleifte, auf ihn zu. Konnte sie nicht vorsichtiger sein? Sollte sie Sanna nicht tragen?
Auf halbem Weg zum Bett brach der Schrei ab und Sanna sackte in sich zusammen. Es dauerte noch etwas, bis Alyss sie aufs Bett gehievt hatte – und das auch noch viel zu weit weg von ihm. Wenn er diese Schlampe einmal allein in die Finger bekam … wie konnte sie es wagen, Sanna so grob zu behandeln? Selbst wenn sie bewusstlos war, er hätte sie getragen. Die Magd tupfte Schweiß von Sannas Stirn, bevor sie sie zudeckte. Dann wanderte ihr Blick zu ihm.
Er hielt ihren Blick bevor er zu dem Knebel schielte. Sie musste ihn sprechen lassen. Er konnte Sanna helfen. Als sie mit schnellen Schritten auf sie zukam, schöpfte er Hoffnung. Das Miststück zeigte vielleicht doch noch Vernunft.
„Du Bastard.“
Die Worte ließen ihn zusammen zucken. Es war Jahrhunderte her, seit jemand es gewagt hatte, ihn einen Bastard zu nennen. Und gerade fühlte er sich so hilflos wie damals.
Als sie ihren Gürtel löste, keimte Angst in ihm auf. Im nächsten Moment schlug sie damit zu, ohne darauf zu achten, wo sie ihn traf. Alles in ihm wollte sich zusammen kauern, aber er hatte gerade genug Bewegungsfreiheit, um den Kopf wegzudrehen. Der Knebel erstickte seine Schreie. War sie verrückt geworden? Er hätte nicht gedacht, dass er sich wünschen würde, dass sie ihn ohrfeigte. Stattdessen schien es sie nicht einmal zu kümmern, dass das Gürtelende mit der Metallschnalle ihn traf. Wenn er sie jemals in die Finger bekam …
„Alyss! Es reicht.“ Ihre Stimme klang heiser aber bestimmt.
Augenblicklich trat die Magd einen Schritt zurück. „Er ist ein Lügner, Lady Vanora.“
„Wir sprechen morgen, Alyss. Du darfst schlafen gehen.“
Als die Magd knickste war der Hass in ihren Augen verschwunden. Er musterte Sanna. Sie sah erschöpft aus – aber besser als auf seiner Burg. Sie erwiderte seinen Blick.
„Hast du Alyss gesagt, dass du die Befehle zurücknimmst?“
Er nickte.
„Ich glaube dir. Das heißt wohl, dass ich es aus deinem Mund hören muss.“ Sie seufzte, dann rutschte sie näher zu ihm.
Mit fahrigen Fingern öffnete sie seine Robe. Dass die Nacht noch so angenehm werden würde hatte er nicht mehr erhofft. Er schloss die Augen, als sie über seine Brust strich. Wie sehr er diese Frau wollte. Selbst jetzt, während jede ihrer Berührungen schmerzte. Selbst wenn sie ihn gefesselt ließ, während sie ihn ritt.
„Ich nehme das als Zeichen, dass die Schmerzen erträglich sind.“
Er sah sie verwirrt an, woraufhin sie mit einem Lächeln zwischen seine Beine schielte. Langsam begriff er, was sie getan hatte. Natürlich würde sie sicher gehen, dass er keine gefährlichen Verletzungen davontrug. Und er hatte gehofft …

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Kommentare

Bild des Benutzers triple_mBB

5 Sterne von mir.
M.M.M.

Bild des Benutzers Cassilda

Interessante Entwicklung in den beiden letzten Kapiteln. Und du lässt uns wieder mal hängen, an einem Punkt wo es so richtig spannend ist. Hoffentlich nicht zu lange

Bild des Benutzers Realitätsfremd

hören, dass die plötzliche Wendung euch nicht abschreckt.
Ich schreibe natürlich fleißig weiter, aber das nächste Kapitel ist noch nicht fertig. Und natürlich breche ich immer an spannenden Punkten ab - ohne Cliffhanger macht es doch gar keinen Spaß ;)

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