Sanna - VI

 
Es würde nicht besser werden. Es hatte gedauert, bis er eingeschlafen war. Und noch etwas länger, bis sie es gewagt hatte, sich aus seiner Umarmung zu winden. Er bat um Vergebung, aber er würde nichts ändern. Er weinte, während er sie vergewaltigte.
Vorsichtig strich sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Er regte sich nicht. Gut. Wenn er aufwachte, wäre alles verloren. Sie konnte sich keinen Fehler erlauben. So langsam und leise wie möglich stand sie auf und zog sich die Robe über. Noch immer rührte er sich nicht. Jetzt könnte sie noch aufhören. Sich wieder ins Bett legen und so tun als wäre nie etwas gewesen. Ein wahnsinniges Grinsen schlich auf ihre Lippen. Oder sie konnte etwas wirklich, wirklich Dummes tun.
Sein Buch lag auf dem Tisch. Was für ein Glück, dass er ihr nicht verboten hatte, Magie zu wirken. Es dauerte nicht lange, bis sie die richtige Seite gefunden hatte, dann schlich sie zum Bett zurück. Er wirkte friedlich. Dreckskerl. Sie legte ihre Finger auf den Kreis, den er so oft benutzt hatte und ließ sie die Magie fließen.
Er riss die Augen auf, als sich die kalten Luftströme um ihn wanden.
„Sa ...“ Gerade rechtzeitig hinderte die Magie ihn am Sprechen. Sanna hielt den Atem an, bis sie sich sicher war, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Sie sah die Verwirrung in seinen Augen. Er verstand noch nicht, was sie vorhatte. Aber das würde sich ändern.
Sie konnte ihn nicht töten. Sie konnte ihm keine dauerhaften Verletzungen zufügen. Aber ihr Schwur verbot ihr nicht, ihn einzusperren.
Nachdem sie sich sicher war, dass er aktuell keine Gefahr für sie darstellte, zog sie ein paar Kleider aus dem Schrank und schnitt sie in Streifen.
Seine Verwirrung wich Angst, als sie ihn mit Magie vom Bett hob und dann begann, ihn zu fesseln. Sie wand den Stoff um seine Finger, bis er keinen davon mehr bewegen konnte, dann band sie seine Hände auf dem Rücken zusammen – zur Sicherheit bis hinauf zum Ellbogen. Wenn er irgendeine Möglichkeit fand, Magie zu wirken, hatte sie nicht die geringste Chance.
Sie schenkte ihm ein grimmiges Lächeln, bevor sie seine Augen verband. Als nächstes band sie seine Füße zusammen.
Zu guter Letzt knebelte sie ihn. Sie überprüfte, ob er auch wirklich atmen konnte, dann entließ sie die Magie. Sie bemerkte, wie ihre Hände zitterten. Sie hatte es getan. Es gab kein Zurück mehr. Wenn er sich jemals befreien konnte, würde er sie töten.
Sie überprüfte alle Knoten mehrmals, bis sie sich sicher war, dass er sich nicht bewegen konnte.
Dann machte sie sich auf den Weg zur Küche. Sie war am Verhungern. Trotzdem zwang sie sich, das Brot, das sie fand, langsam zu essen. Als sie sich halbwegs gestärkt fühlte, machte sie sich auf den Rückweg.
Er hatte sich nicht bewegt. Sie hatte fast erwartet, dass er sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht und dem Dolch in der Hand erwarten würde.
Sie zeichnete den richtigen Kreis und griff nach seinem Oberarm. Sie konnte ihn nicht zurücklassen, solange sie jede Nacht bei ihm verbringen musste. Aber wie sie die Tage gestaltete war ihre Sache.
 
Sie atmete aus, als sie in ihren Gemächern in Farrador landete.
„Alyss!“
Mit schnellen Schritten war sie im großen Sitzzimmer und stellte erleichtert fest, dass Alyss nicht hier war. Sie hatte schon fast befürchtet, dass sie die Fesseln nicht losgeworden war.
Ihre Amulette lagen immer noch auf dem Tischchen. Sie griff sich eine Handvoll. Macht.
„Alyss!“
Sie hörte eilige Schritte. Alyss steckte noch in ihrem Nachthemd und blinzelte sich den Schlaf aus den Augen.
„Lady Vanora, Ihr seid …“ Die Magd hielt inne, als sie sie sah. „Ihr seht furchtbar aus.“
„Ich weiß. Komm mit.“
Sie folgte ihr ins Schlafzimmer. Nariyen lag gefesselt auf dem Boden, wo sie ihn zurückgelassen hatte.
„Ist das … der Magier?“
„Hilf mir, ihn aufs Bett zu legen.“
„Er ist nackt.“, stellte Alyss fest.
„Wenn du ihm etwas anziehen willst, nur zu. Aber die Fesseln dürfen nicht gelöst werden.“
Er war schwerer als gedacht und Sanna war am Ende ihrer Kräfte, nachdem sie ihn zur Sicherheit noch ans Bett gefesselt hatte.
„Lass mir ein Bad ein, Alyss.“
 
Sie lehnte sich im heißen Wasser zurück.
„Konntest du dich schnell befreien?“, fragte sie nach einer Weile.
„Nach ein paar Minuten. Die Knoten waren nicht besonders gut, Herrin.“
„Dann hoffen wir, dass ich ihn besser gefesselt habe.“ Sie seufzte. „Alyss, ich habe ein Problem. Wenn er sich befreit, wird er mich töten. Wenn er es schafft zu sprechen, wird er mich töten. Wenn er es schafft, einen magischen Kreis zu zeichnen wird er mich töten. Und wenn er stirbt, werde ich auch sterben. Ich brauche jemanden, der sich um ihn kümmert.“
Alyss wusste von dem Schwur. Sie hatte ihr kurz nach dem Ball davon erzählt.
„Ihr wisst, was ich Euch schulde. Ich werde es tun.“
Sie atmete erleichtert aus. „Danke, Alyss. “
Nicht zum ersten Mal war sie heilfroh, dass sie Alyss gerade rechtzeitig gefunden hatte. Es waren fast zwanzig Jahre vergangen, seit sie das Mädchen auf einem Scheiterhaufen entdeckt hatte, aber die Loyalität ihr gegenüber war mit den Jahren nur gewachsen.
Sie schloss die Augen und entspannte sich, während Alyss ihr Haar kämmte.
 
 
 
Er blinzelte, aber die Dunkelheit ließ sich nicht vertreiben. War es Nacht? Oder war die Augenbinde so dicht? Er wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, seit sie ihn hier her gebracht hatte. Hatte er geschlafen? Oder nicht?
Das Bild, das er gesehen hatte, bevor sie ihm die Augen verbunden hatte, schien sich in sein Gedächtnis gebrannt zu haben. Er hatte die Magie fast sehen können. Er hatte das Gefühl, dass er die Macht schmecken konnte. Er hatte den gerechten Zorn in ihren Augen fast greifen können. Die Szene faszinierte ihn. Er hatte geglaubt, dass sie sich in der Depression verloren hätte. Stattdessen hatte sie geplant, sich selbst zu befreien. Wie hatte sie es nur schon wieder geschafft ihn zu täuschen?
Er würde sie fragen, sobald sie ihm den Knebel abnahm. Sie konnte ihn schließlich nicht ewig hier festhalten.
Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Die Tür öffnete und schloss sich. Er zählte die Schritte, die näher kamen. Elf. Jemand blieb dicht vor ihm stehen. Sanna?
Die Augenbinde wurde weggerissen. Das Licht war viel zu grell und er brauchte etwas, bis er klar sehen konnte. Es war nicht Sanna, sondern ihre Magd. Verdammt. Im nächsten Moment wurde auch der Knebel entfernt. Darauf hatte er viel zu lange gewartet.
„Besser. Jetzt kannst du auch die anderen Fesseln lösen.“
Die Magd besaß die Frechheit, nicht zu antworten. Stattdessen hielt sie ihm kurz darauf einen Becher an die Lippen.
„Du wirst sofort alle Fesseln lösen und danach erwarte ich eine Entschuldigung.“
Als sie den Becher abstellte, atmete er auf. Er hatte viel zu lange gefesselt verbracht. Wenn er Sanna in die Finger bekam …
Sein Kopf wurde zur Seite gerissen. Er war im ersten Moment zu überrascht, um zu reagieren.
„Du stellst keine Forderungen. Du bist ans Bett gefesselt. Ich nicht. Du willst etwas zu essen und zu trinken haben. Das bekommst du nur von mir.“
Was erlaubte sich diese Magd eigentlich? Sie sah nicht einmal gut aus, und wagte es, ihm zu drohen!
„Ich verzichte aufs Essen. Hol Sanna.“ Was die Hexe konnte, konnte er auch. Er war sich nicht sicher, wie lange es dauern würde, bis er so weit ausgehungert war, dass der Schwur sie zwang ihn zu befreien, aber er würde es ausprobieren.
Die Magd holte wieder aus. Diese Schlampe.
„Lady Vanora möchte nicht mit dir sprechen.“ Sie schlug ein drittes Mal zu. „Das war übrigens dafür, dass du sie entführt hast.“
„Was glaubst du, wer du bist?!“ Das ging zu weit. „Sanna! Lass mich sofort gehen! Das ist ein Befehl!“ Sie musste ihn hören. Wahrscheinlich wartete sie direkt vor der Tür. Gleich würde sie hereinkommen, gezwungen dem Befehl zu folgen, und …
Seine Wangen brannten. Er hatte nicht mitgezählt, wie oft sie zugeschlagen hatte, aber es war oft gewesen. Und die verfluchten Fesseln ließen nicht zu, dass er sich auch nur ansatzweise wehrte.
„Also nochmal von vorne. Du wirst dich benehmen.“
Dann hielt sie ihm wieder den Becher an die Lippen. „Trink.“
 
 
 
 
Sanna zögerte es so lange wie möglich hinaus, bevor sie den unausweichlichen Weg ins Schlafzimmer antrat. Wie sie es hasste, dass er sie immer noch zwingen konnte, die Nächte bei ihm zu verbringen. Sie blickte auf den Mann herab, den sie so viele Jahre gefürchtet hatte. Er wirkte erbärmlich, wie er jetzt gefesselt in ihrem Bett lag.
Bis auf den Bart sah er so aus wie immer. Sie strich über die Stoppeln und konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Wenn sie schon nicht aus der Sache herauskam, konnte sie wenigstens das Beste daraus machen. Die letzten zwei Tage hatte sie sich nur für ein paar Stunden neben ihn gelegt, um den Schwur zu erfüllen, aber sie konnte ihn nicht ewig ignorieren.
„Ich habe dich noch nie mit Bart gesehen. Hübsch.“
Als sie sprach riss er den Kopf zur Seite. Als würde es etwas bringen. Sie kraulte sein Kinn.
„Niedlich, wie du dich wehrst.“
Sofort erstarrte er. Sie erlaubte sich ein Lächeln, als sie den Knoten der Augenbinde löste.
„Alyss meinte, du hättest dich nicht benommen.“
Er funkelte sie wütend an.
„Oh bitte, spar dir den Blick, sonst muss ich dir die Augen wieder verbinden.“
Sie ließ sich mit einem Seufzen neben ihm aufs Bett fallen und drehte den Kopf, bis sie ihn anlächeln konnte. Er sah immer noch wütend aus.
„Gefällt es dir etwa nicht, dass ich jede Nacht neben bei dir schlafe?“
Sie kicherte, als er den Kopf schüttelte.
 
 
 
„Ich wollte nie, dass es so weit kommt.“, fing sie nach einer Weile wieder an. „Ich habe dir mehrfach angeboten, es langsam anzugehen. Wer weiß, vielleicht wäre etwas daraus geworden. Aber stattdessen musstest du mich dazu zwingen, bei dir zu bleiben.“
Als sie sich zu ihm drehte, schüttelte er langsam den Kopf. Sie musste verstehen, dass er das nicht gewollt hatte. Er hätte sie gehen lassen.
„Nein? Willst du behaupten, dass es genug Freiheit ist, dass ich tagsüber in deiner Burg sitzen durfte?“
Wieder schüttelte er den Kopf, dann schielte er zu dem Knebel. Wenn er es ihr nur erklären könnte! Sie seufzte. „Du willst auf deine ach so tolle Idee mit den Ausflügen hinaus, oder? Dass du mir in deiner unendlichen Güte erlaubt hättest, mit dir zusammen kurz eine Stadt zu besuchen.“
Sie hatte den Kopf weggedreht und starrte zur Decke. „Damit es wieder so wird wie früher? Der mächtige Magier, der seine Magd mit in die Stadt nimmt, damit er sich um nichts kümmern muss und ihr dabei auch noch einen Gefallen tut. Wie kann man nur so dumm sein?“
Er hasste die Bitterkeit in ihrer Stimme. Er hatte die Ausflüge vorgeschlagen, um sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Wieso konnte sie nicht verstehen, dass er nur ihr Lächeln wieder sehen wollte? Und jetzt, da sie endlich wieder die Frau war, die er wollte, hatte sie ihn gefesselt. Diese Hexe. Er wusste nicht genau, was er tun würde, wenn er wieder frei war, aber er würde sie dafür bezahlen lassen.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“
Sie stützte sich in eine halb sitzende Position und sah ihn einen Moment an als erwartete sie eine Antwort. Dann zog sie den Mundwinkel leicht nach oben. Er zog eine Augenbraue nach oben. Er hätte einige Antworten, aber er konnte keine geben.
„Ich will dich nicht gefangen halten. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich dich wieder befreien kann, ohne dass du mich umbringst.“
War das Verzweiflung in ihren Augen? Warum dachte sie, er würde sie umbringen? Was würde er dabei gewinnen? Dann lächelte sie plötzlich.
„Bis ich eine Lösung dafür finde, bleibe ich neugierig, wie gut dir der Bart weiterhin steht.“
Diesmal drehte er den Kopf nicht weg, als sie ihn am Kinn kraulte. Wenigstens juckten die verfluchten Stoppeln weniger, wenn sie ihn berührte. Trotzdem wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie andere Gründe hätte, ihn anzufassen.

Bewertung: 
0
No votes yet

Kommentare

Bild des Benutzers triple_mBB

Das muss ich sagen. Da entwickelt sich ein sehr interessantes Verhältnis auf Augenhöhe und ich bin sehr gespannt wer von den beiden am Ende die Oberhand haben wird.

Seiten