Sanna - V

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Sie starrte die Wand an.
Sie wollte nicht aufstehen. Sie wollte sich nicht bewegen. Sie fand nicht einmal die Motivation zu Blinzeln, obwohl das Grau vor ihren Augen verschwamm. Sie lag einfach nur im Bett und starrte die Steine an, während ihre Gedanken die Vergangenheit durchstreiften.
Sie hätte fliehen sollen. In dem Moment als er in Farrador aufgetaucht war, hätte sie ihre Sachen packen sollen um das Land zu verlassen. Oder besser noch, sie hätte alles zurücklassen sollen, das sie aufhielt.

Stattdessen war sie geblieben, weil sie glaubte, dass sie ihm gewachsen war. Weil sie geglaubt hatte, dass er sein Wort hielt.
Diese verfluchte Nacht!

Sie hörte, wie die Tür sich öffnete und hielt den Blick starr auf die Wand gerichtet.
„Sanna.“

Wenn sie die Unebenheiten der Steine in Gedanken verband, ergaben sich geometrische Muster. Keines davon glich auch nur ansatzweise einem magischen Kreis.

Die Matratze senkte sich leicht, als er sich neben sie setzte. Eine Steinformation bildete fast ein Gesicht.

„Sanna.“ Eine schnelle Bewegung ließ sie blinzeln. Als er ein zweites Mal vor ihren Augen schnipste, sah sie zu ihm auf.

„Du hast nicht gegessen.“

Sie zuckte mit den Schultern. Sie wollte nicht essen. Und sie wollte nicht mit ihm reden. Sie wollte ihn nicht sehen.

„Hast du dich überhaupt angezogen? Oder liegst du den ganzen Tag nur im Bett?“

Wieder ein Schulterzucken. Als wäre es wichtig. Ihm lag doch nur daran, sich nachts an ihr zu vergehen und sie die restliche Zeit hier einzusperren.

„Sanna. Ich kann dir auch befehlen, aufzustehen.“

Sie schnaubte. Der eine Befehl war mehr als genug. ‚Bleib bei mir. Ich befehle dir, jede Nacht mit mir zu verbringen.‘

„Ich gebe dir eine Stunde. Danach bist du angezogen und gewaschen in der Küche. Du wirst lächeln und du wirst dich mit mir unterhalten. Und du wirst etwas essen.“

Bevor die Tür ins Schloss fiel, suchten ihre Augen wieder Muster an der Wand. Ihre Gedanken rasten.
Es waren zwei Tage vergangen, seit er sie hierher gebracht hatte. Seit dieser verfluchten Nacht. Sie hatte die meiste Zeit damit verbracht, nachzudenken. Er hatte sein Versprechen gebrochen. Sein Wort war nichts mehr wert. Und das, während sie seinem Wort hilflos ausgeliefert war. Er hatte ihr nicht verboten, Magie zu wirken, aber was brachte Magie, wenn sie hier fest saß? Sie war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde, sich an einen anderen Ort zu teleportieren. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie nicht genug Kraft übrig hätte, am selben Tag wieder zurück zu kommen. Wenn sie kurz davor war, einen magischen Schwur zu brechen, hielten sie Schmerzen davon ab. Sobald sie aus der folgenden Ohnmacht wieder erwachte hatte sie eine neue Chance, ihr Handeln zu überdenken. Aber was würde passieren, wenn sie nicht in der Lage war, eine Forderung zu erfüllen? Sie könnte feststecken, unfähig einen Befehl zu erfüllen, und ohne Ausweg, während der Schwur sie immer und immer wieder daran erinnerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie bereit war, das Risiko einzugehen. Nicht einmal, wenn sie sich dadurch von ihm befreien könnte.

 

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Er schlug das Buch zu. Es waren fast zwei Stunden vergangen und Sanna hatte sich nicht blicken lassen. Was war in sie gefahren? Glaubte sie, dass er sich alles gefallen ließ?

Er hatte sein Wort gebrochen, und er hasste sich dafür, aber das hieß nicht, dass er ein Monster war. Ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen, dann würde sie verstehen, dass es besser war, wenn sie bei ihm blieb. Er brauchte sie. Vielleicht sollte er ihr einen Ausflug vorschlagen. Oder ihr noch ein Kleid kaufen.

Aber dass er bereit war, zu geben, hieß nicht, dass er alles hinnehmen würde.

Vor ihrer Tür blieb er stehen. Als sie nicht auf sein Klopfen reagierte, öffnete er die Tür. Sie hatte sich nicht bewegt, seit er gegangen war.

„Sanna. Entweder du stehst jetzt auf und entschuldigst dich, oder …“

Quälend langsam bewegten sich ihre Augen, bis sie seinen Blick traf. Sie hielt den Blickkontakt für ein paar Sekunden, dann sah sie wieder auf die Wand. Sie wollte ihn provozieren. Sie wollte sehen, wie weit sie ihn treiben konnte. Und hier war Schluss.

„Steh auf. Das ist ein Befehl.“

Er hatte genug von ihren Mätzchen. Wenn sie nicht wollte, dass er freundlich war, würde er es auch nicht sein.
„Lügner.“ Die Mischung aus Enttäuschung und Wut in ihrer Stimme traf ihn härter als er zugegeben hätte. Diesmal hielt sie seinen Blick länger, aber sie rührte sich nicht.
Etwas in ihren Augen veränderte sich. Im nächsten Moment zerriss ihr Schrei die Stille.

Er stürzte zu ihr. War sie zu langsam gewesen?

„Ich nehme den Befehl zurück!“, schrie er gegen ihre Schmerzenslaute an. Das war so nicht geplant! Warum war sie nicht aufgestanden? War sie verletzt und konnte nicht aufstehen?

Sie verstummte und er zog sie in seine Umarmung.

„Warum hast du nicht gehorcht?“

„Ihr habt es versprochen.“ Ihre Stimme wirkte so tonlos.
„Du hast gesagt, dass du gehen würdest.“
Wieso verstand sie das nicht? Er konnte sie nicht verlieren. Ihre Augen drifteten wieder zu der Wand.

„Sanna. Du musst aufstehen. Hindert dich irgendetwas daran?“

Sie zuckte mit den Schultern. So konnte das nicht weiter gehen.
„Ich kann es dir auch noch einmal befehlen.“ Sie musste wissen, dass er es ernst meinte. Es wäre so viel einfacher, wenn sie einfach gehorchte.
„Nur zu.“

Er starrte sie an. Was war in sie gefahren!?

„Ich befehle dir, aufzustehen.“ Wenn sie gezwungen werden wollte, konnte sie das haben.
„Nein.“

Er hielt sie noch immer im Arm, als sie wieder begann zu schreien. Sie wand sich vor Schmerzen und er hatte Mühe, sie festzuhalten. Stattdessen drückte er sie aufs Bett und hielt ihre Schultern fest.
„Sanna, verdammt! Gehorch einfach!“

Ihr Schrei brach und verstummte irgendwann, während ihr Körper noch immer von Krämpfen geschüttelt wurde. Er wollte warten, bis sie ohnmächtig wurde. Und dann begriff er, dass er es nicht konnte. „Ich nehme es zurück.“

Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Langsam öffnete sie die Augen. Sie röchelte.
„Sanna … warum gehorchst du nicht einfach?“

Das Röcheln wurde lauter und er bemerkte, dass sie lachte. Ein abgehacktes, gequältes Lachen. War sie verrückt geworden?

„Sanna? Geht es dir gut?“

Ihr fiebriger Blick traf Seinen. „Lasst mich gehen.“

Sie konnte noch klar denken. Gut. Auch wenn sie endlich aufhören sollte, diese Forderung zu stellen. Wieso begriff sie es nicht?
„Ich kann dich nicht gehen lassen.“
„Dann macht weiter mit Euren Befehlen. Was glaubt Ihr, wie lange dauert es, bis der Schmerz mich in den Wahnsinn treibt?“

Er starrte sie an. Sie war verrückt geworden.
„Sanna, bitte … steh auf. Iss etwas. Und danach machen wir einen Ausflug.“

Sie antwortete nicht, und er konnte sehen, wie das Fieber in ihren Augen langsam wieder der Leere wich, die er in den letzten Tagen zu oft gesehen hatte.
„Nach Farrador? Dorthin wolltest du doch zurück, oder?“

Sie schloss die Augen und reagierte nicht mehr. Nach ein paar Minuten gab er es auf und ließ sie allein. Was konnte er ihr nur bieten, um sie wieder zur Vernunft zu bringen?

 

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Es würde nicht besser werden. Sein Mundwinkel zuckte, als er die Entscheidung traf. Er würde sie gehen lassen. Eine Nacht noch, eine letzte Nacht, dann würde er sie nie wieder sehen. Jeder Schritt fiel ihm schwer, und als er schließlich an ihrer Tür stand, war er sich nicht sicher, ob er es tatsächlich tun konnte. Er wollte sie nicht verlieren. Er konnte sie nicht verlieren.
Sie reagierte nicht auf sein Klopfen.

Als er sie auf dem Bett liegen sah, wusste er, dass der Entschluss der einzig Richtige war. Ihr Gesicht wirkte eingefallen. Er hatte sie geheilt so oft er es wagte, aber auch wenn er sie damit halbwegs bei Kräften hielt, war der Hungerstreik nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Er ging vor ihr in die Knie. Die dunklen Augenringe konnte er ignorieren, die Gleichgültigkeit in ihren Augen nicht.

„Sanna?“

Er legte eine Hand an ihre Wange. Die Haut fühlte sich viel zu trocken an. Vorsichtig legte er die Arme um sie. Alles an ihr wirkte so zerbrechlich. Er strich durch ihr Haar – sie hatte sich nicht gewehrt, als er es heute morgen gekämmt hatte. Aber es war Tage her, seit sie überhaupt gesprochen hatte.
„Ich ...“ Er konnte es nicht aussprechen. Wenn er ihr versprach, dass er sie gehen ließ, dann konnte er es nicht mehr zurücknehmen. Nicht diesmal. Wenn sie ihm überhaupt noch glaubte. Er hätte sein Wort niemals brechen sollen, aber die Aussicht auf sie, auf die Frau, die sie gewesen war, war zu verlockend gewesen.

„Es wird alles gut werden.“, versuchte er es stattdessen. Sie musste wissen, dass er ihr nicht schaden wollte. Er würde alles für sie geben.

„Es wird alles gut werden.“, wiederholte er flüsternd. Dann schloss er die Augen. Er ertrug diesen leeren Blick nicht mehr. Die Anklage, das letzte Wort, das sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Lügner.

Solange er nichts sah, konnte er all die Veränderungen der letzten drei Wochen ignorieren. Er konnte sich vorstellen, dass es so sei wie früher. Er hatte sie gefesselt, deshalb erwiderte sie keine seiner Berührungen. Er hatte sie geknebelt, um ihr das freche Mundwerk zu stopfen. Er strich ihr die leichte Robe, die er ihr heute morgen angezogen hatte von den Schultern. Er hauchte Küsse auf ihren Hals, ihre Schulter, wanderte dabei langsam bis zu ihrer Brust. Seine Hände ließ er dabei ziellos über ihre Haut wandern. Hin und wieder erschauderte sie unter seinen Berührungen. Ein Vorteil des Weines, den er ihr täglich einflößte. Viel zu schnell wanderte seine Hand in ihren Schoß. Egal, was er sich vorstellte, er ertrug ihre Passivität nicht lang – und er bezweifelte, dass sie es ihm übel nehmen würde, wenn er sich weniger Zeit ließ, sie zu verwöhnen.

Er umklammerte ihren schlaffen Körper. Sie atmete im Rhythmus seiner Stöße, aber sonst bewegte sie sich nicht. Wenn es nur so sein könnte wie früher.

Ohne es zu wollen, öffnete er die Augen. Sie sah an ihm vorbei an die Decke. Vorsichtig wischte er eine Träne von ihrer Wange. Sie hatte seit Tagen nicht geweint. War das ein gutes Zeichen oder …? Eine weitere Träne tropfte auf ihr Gesicht. Er blinzelte mehrmals, dann zog er sie enger an sich. Er hasste es, sie zu verlieren.

„Sanna …“ Seine Stimme brach. „Bitte… Vergib mir.“

Was hatte er getan? Nur noch diese eine Nacht. Bis zum Morgengrauen. Dann würde er sie gehen lassen. Er schloss die Augen und lauschte ihrem Herzschlag, bis er einschlief.

 

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Etwas war anders. Er schlug die Augen auf und sah eine Göttin.

„Sa …“ Kälte erstickte seine Worte. Er konnte seinen Blick nicht von ihr losreißen. Die Magie um sie herum war fast sichtbar. Dann bemerkte er, dass er sich nicht bewegen konnte. Gerechter Zorn brannte in ihren Augen, als sie langsam näher kam.

 

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Erstmal so weit. Ich bin ziemlich neugierig, wie die Reaktionen hierauf ausfallen.

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Cassilda

Das ist wirklich eine sehr witzige Geschichte! Hab sie wieder mit Genuß gelesen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Wirklich sehr unterhaltsam und sehr gut geschrieben!! Gratulation!!

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