Sanna - III

 
Was für eine Zeitverschwendung. 
Kaum war sie auf Carnas Burg angekommen, hatte sie erfahren, dass die Überfälle kurz nach Carnas Abreise aufgehört hatten. Ein Brief vom tierrischen Lords Rawen, dessen Ländereien direkt an Carnas grenzten erzählte von einer Räuberbande, die samt eines wilden Magiers für Unruhe gesorgt hatten und dann verschwunden waren, wahrscheinlich um andernorts zu plündern. Rawen selbst hatte sich für den nächsten Tag angekündigt, um mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. 
Großartig. Und dafür saß sie mitten in der Pampa auf einer winzigen Burg fest. Wenn sie diese Räuberbande je zu Gesicht bekam, konnten sie sich auf etwas gefasst machen. Sie schritt im Zimmer auf und ab. Bis morgen musste sie noch bleiben. Aber dann sollte sie genug Kraft haben, um von hier zu verschwinden. Die wenigen Stunden hier hatten genügt, dass sie sich nach dem Luxus der Hauptstadt sehnte.
Und Tasar … nun, auch wenn er angenehme Gesellschaft sein konnte, würde sie trotzdem nicht seinetwegen länger hier bleiben als nötig.
Der nächste Tag gestaltete sich erstaunlich angenehm. Sie hatte nichts zu tun und konnte das erste Mal seit Langem etwas Freizeit genießen. Sie hatte völlig vergessen, wie entspannend es sein konnte, in einem ruhigen Garten zu lesen.
Etwas zu spät kam sie schließlich vor Tasars Arbeitszimmer an. Nach einem kurzen Klopfen trat sie ein. 
„Eure Frau?“, hörte sie eine bekannte Stimme. Nein. Nein, nein, nein! 
„Ich habe keine Frau. Darf ich vorstellen: Lady Vanora, König Thancreds Magierin und Beraterin.“, antwortete Tasar. „Lady Vanora: Lord Rawen.“
„Hocherfreut.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. Als Nariyen aufstand, war es nur der Schock, der sie still dastehen ließ. Sie wollte rennen. Stattdessen ließ sie zu, dass er sich über ihrer Hand verbeugte.
„Mylady. Hätte ich gewusst, dass ich eine so bezaubernde Dame antreffe, hätte ich Euch ein Geschenk mitgebracht.“
Als hätte sie sich je großartig für Geschenke interessiert.
„Sehr aufmerksam von Euch. Bei Eurem nächsten Besuch könnt Ihr mir gerne den Kopf des Magiers bringen, der für diese Unruhen verantwortlich ist.“
Er lachte auf. „Eine Dame mit Temperament. Aber ich befürchte die Bande ist schon über alle Berge.“
„Bedauerlich. Ich würde mir den Verantwortlichen nur zu gern vorknöpfen.“
Das Gespräch hatte sich hingezogen, und war dabei geschickt jedem interessanten Thema ausgewichen. Sanna konnte es nur recht sein. Mit Nariyen und Tasar an einem Tisch zu sitzen war so schon anstrengend genug. Beide Männer hatten sie zu oft mit Blicken bedacht, die mehr als politischer Natur waren. Sie hatte das gesamte Gespräch über befürchtet, dass einer der Beiden herausfand, was der jeweils andere für sie bedeutete. Jetzt war sie froh, endlich allein zu sein.
Sie warf etwas Sand über die kurze Notiz die sie verfasst hatte. 
Lord Carna, 
dringende Angelegenheiten ziehen mich zurück nach Farrador. Schickt einen Boten, falls Ihr Hilfe benötigt.
- Vanora
Knapp und ohne irgendetwas zu verraten. Hauptsache sie konnte so schnell wie möglich …
Es klopfte.
Nachdem sie einige Sekunden gewartet hatte, bemerkte sie, dass Alyss nicht da war um die Tür zu öffnen. Wie ärgerlich.
„Ja?“ 
Tasar. Das hatte gerade noch gefehlt. Er sah sich im Zimmer um. „Ich dachte Ihr wollt erst morgen abreisen.“
„Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Arbeit in Farrador auf mich wartet. Ich kann es mir nicht leisten, auch nur eine weitere Nacht hier zu verbringen. Aber ich danke Euch für die Gastfreundschaft.“
Er trat einen Schritt näher, beugte sich zu ihr herunter, als wolle er sie küssen. „Und wenn ich dir befehle zu bleiben?“
„Das ist ein ziemlich respektloser Ton gegenüber einer Magierin.“
Während Tasar verwirrt einen Schritt zurücktrat, wirbelte Sanna herum. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Nariyen schloss die Tür hinter sich.
„Hat Euch niemand beigebracht, dass es unhöflich ist, nicht zu klopfen?“
Vielleicht konnte sie noch etwas retten. Wie viel vermutete Nariyen? Und wie konnte sie dafür sorgen, dass Tasar nichts erfuhr? Letzterer schien das kleinere Problem sein – er hielt sich den Kopf und sah sich verwirrt im Zimmer um. 
„Es wäre noch sehr viel unhöflicher, einer Dame nicht zu helfen, die bedroht wird.“
„Hättet Ihr ein paar Sekunden gewartet, hättet Ihr bemerkt, dass ich meine Probleme alleine lösen kann.“
„Verzeiht. Ich wollte Euch keine Unfähigkeit unterstellen.“ Lügner. „Wie kann ich mich bei Euch entschuldigen?“
„Geht.“
Er zog eine Augenbraue nach oben. „Seid Ihr sicher, dass Ihr mit Lord Carna allein sein wollt? In dem Zustand?“
Sie ließ Nariyen nicht aus den Augen, aber es war auffällig, dass Tasar noch nichts gesagt hatte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er sich inzwischen auf den Boden gesetzt hatte.
„Ich denke nicht, dass er eine Gefahr für mich darstellt – was auch immer Ihr zu hören geglaubt habt.“
„Die Frage ist wohl eher, wie lange er braucht um sich zu erholen. Es kommt zu selten vor, dass jemand es schafft, einen magischen Schwur aus Versehen zu brechen.“
Verdammt. War es so offensichtlich? Während sie noch nach einer Antwort suchte, sprach er weiter.
„Es war vielleicht nicht das Klügste von Euch, einen so schwachen Schwur zu benutzen.“ 
Das Gespräch wurde zu gefährlich. Tasar würde … ihr Blick blieb für einen Moment an ihm hängen. Eigentlich war es egal. Sie würde ihm einfach Traumwurz einflößen und später behaupten er habe sich betrunken.
„Wäre es besser gewesen, wenn er schreiend auf dem Boden liegen würde?“
„Das kommt darauf an.“ Als er einen Schritt auf Tasar zu machte, stellte sie sich in den Weg. „Ich hätte dann natürlich mit Sicherheit gewusst, dass er einen magischen Schwur geleistet hat. Aber nicht unbedingt warum.“
Er lächelte sie an. „Lange, schwarze Haare. Bleiche Haut. Die selben Gesichtszüge. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, Ihr vermisst mich.“
„Ihr überschätzt Euch.“ Verdammt, warum war er so gut darin, sie zu lesen?
„Was hatte er noch einmal gesagt, bevor er …?“ Er nickte zu Tasar.
Sie schwieg.
„Was wenn ich dir befehle zu bleiben?“ Seine Stimme war so samtweich, dass ihr ein Schauder über den Rücken lief. „Wie kommt er dazu, Euch etwas zu befehlen?“
„Er ist ein Landadliger, der es gewohnt ist, Frauen Befehle zu geben. Und sich dabei verschätzt hat.“
„Sicher. Nachdem er Euch den ganzen Tag über mit größtem Respekt behandelt hat.“
Wie sollte sie aus dieser Sache wieder herauskommen?
„Ihr müsst Euch nicht mit einem kleinen Adligen abgeben. Ich kann Euch mehr geben.“ Er streckte eine Hand aus. „Eine Nacht. Ich verspreche Euch, dass ich Euch danach unbeschadet gehen lasse.“
Das Angebot war verlockend. Und viel zu gefährlich.
Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, die Geste einladend zu halten. 
Warum zögerte sie? Er konnte ihr alles geben. Mehr als jeder andere Mann. Er würde ihr Königreiche übergeben, wenn sie nur danach fragte. Und alles, was er wollte, war ihre Hand in seiner. Warum konnte sie nicht sehen, dass sie nie jemanden finden würde, der sich mit ihm messen konnte? Alle anderen waren nur ein billiger Ersatz, der sie nie zufriedenstellen würde. 
Und trotzdem zögerte sie.
Er versuchte Antworten in ihrem Gesicht zu finden, aber die Schminke verbarg zu viel. Was musste er ihr bieten, dass sie ihm gehörte? Wenn er nur eine Antwort darauf finden würde.
„Nein.“
Ihre Stimme war leise, aber bestimmt. Dann drehte sie sich zu Carna.
Seine Finger zitterten, als er die Hand sinken ließ. 
„Sanna...“
„Geht.“ 
„Soll ich Euch mit Carna helfen?“ Warum zur Hölle kümmerte er sich um diesen miesen, kleinen Emporkömmling, der nicht wusste, wo sein Platz war? Er sollte ihn umbringen.
„Ihr habt genug angerichtet. Verschwindet endlich und lasst mich in Frieden!“ 
Als sie sich diesmal zu ihm umdrehte, griff er nach ihrem Arm. 
Einen Wimpernschlag später war er in einem Sturm gefangen. War sie wahnsinnig? Er schlug hart auf, und war froh, festzustellen, dass er sie noch immer festhielt. Wie konnte sie es wagen, einfach so fliehen zu wollen?
„Lasst mich los!“
Während sie sich in seinem Griff wand, legte er selbst die Finger auf einen Kreis. Er ließ die Magie fließen und stieß sie im gleichen Moment ein Stück zurück. 
„Wisst Ihr, wie gefährlich das war!?“
Eisige Luftströme folgten seinem Willen und wanden sich um Sanna. 
„Habt Ihr nur die geringste Ahnung, was passiert wäre, wenn ich Euch nicht festgehalten hätte!?“
Die Magie hob sie in die Luft und verfestigte sich dabei um ihren Körper, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. 
„Hättet Ihr mich nicht festgehalten, wäre überhaupt nichts passiert, das wisst Ihr so gut wie ich. Und niemand weiß, was geschehen wäre, wenn Ihr mich losgelassen hättet.“
Wie schaffte sie es, noch arrogant zu wirken, während er sie völlig in der Hand hatte? Sie konnte nichts geplant haben, oder? Sie war eine fähige Magierin, das durfte er nicht vergessen, egal wie sehr er sie nur als Frau sehen wollte. Bevor sie noch etwas Unüberlegtes tun konnte, begann er ihre Amulette einzusammeln. 
„Habt Ihr wirklich so viel Angst vor mir?“
Er begegnete ihrem wütenden Blick für einen Moment und schnaubte. Dann zog er ihr die Ringe von den zierlichen Fingern. Wie viele Kreise trug sie? Wer hatte hier Angst vor wem? Auf dem kleinen Tischchen, das er als Ablage nutzte, türmte sich inzwischen genug Gold, um ein Dorf zu kaufen. 
„Wo sind wir eigentlich? In Euren Gemächern in Farrador?“, versuchte er nach einer Weile ein Gespräch zu starten. Wenn er nichts übersehen hatte, trug sie nur noch ein paar Amulette am Gürtel. Aber das war schnell erledigt.
„Finger weg.“ 
Er lächelte sie an, als er den Knoten des Gürtels löste. „Ich glaube nicht, dass das eine Antwort auf meine Frage war.“ Er betrachtete den Gürtel einen Moment – bei der Hälfte der Kreise hatte er nicht die geringste Ahnung, wofür sie verwendet wurden und hätte wohl Stunden gebraucht, um es herauszufinden – dann warf er ihn ebenfalls auf das Tischchen. Als er dieses Mal wieder zu Sanna sah, schien sie verändert. Es waren nur Kleinigkeiten, aber sie wirkte kleiner. Die Wut in ihren Augen wurde nicht mehr von der Gewissheit wehrhaft zu sein unterstrichen. Und ohne den Gürtel sah das Kleid mehr aus wie ein Nachthemd. Er schloss für einen Moment die Augen, um sich an das hübsche Bild, das sich ihm bot einzuprägen. So jung, so hilflos. 
„Meine Schöne.“ Ihre Haut fühlte sich so weich und warm an, als er über ihre Wange strich. 
„Ich gehöre nicht Euch. Ihr habt es versprochen.“, zischte sie ihn an.
„Ich habe Euch versprochen, dass ich Euch keine Befehle mehr erteile.“
Sie fühlte sich so zerbrechlich an, als er die Arme um sie schloss. „Bleibt bei mir, und ich lege Euch die Welt zu Füßen.“
„Und bist du nicht willig ...“ Noch immer brannte Zorn in ihren Augen. Gut. Er krallte die Finger in ihre Haare. Wie lange hatte er gewartet? Wie lange hatte er geglaubt, sie nie wieder zu sehen? Dass sie gestorben war, während er nicht auf sie aufgepasst hatte? Wie gut es tat, sie endlich wieder zu küssen. Sie würde ihm gehören. Scharfer Schmerz ließ ihn zusammen fahren, dann zog er ihren Kopf nach hinten. Er fuhr sich über die Lippe und betrachtete das Blut an seinem Daumen. Offensichtlich hatte sie sich kein bisschen geändert. Es würde eine interessante Nacht werden. 
„Wenn Ihr Euch jetzt entschuldigt und geht, werde ich vergessen, was geschehen ist. Vielleicht können wir uns in ein paar Monaten noch einmal treffen und von vorne anfangen. Aber wenn Ihr weiter macht, werde ich morgen früh verschwunden sein. Und Ihr werdet mich nie wieder finden.“
„Und warum sollte ich ...“
Was war das? Er fuhr herum und sah gerade noch eine Bewegung im anderen Zimmer. Die Magie würde Sanna noch eine Weile halten. Er stürmte in das angrenzende Zimmer und bekam gerade noch eine Magd zu fassen, bevor sie durch die nächste Tür schlüpfen konnte. 
„Wehr dich nicht, oder es wird weh tun.“, zischte er sie an. Enttäuschenderweise ließ sie sich tatsächlich von ihm in das – es musste wohl ein Sitzzimmer sein – zurückzerren in dem Sanna auf ihn wartete.
Er lächelte Sanna kalt an. „Für einen Moment dachte ich, Euer Angebot wäre ernst gemeint. Wer ist sie?“
„Meine Magd.“
„Wie viel hast du gehört, Magd?“
„Den … letzten Satz.“ 
Sie log. Aber eigentlich war es egal. Egal wie lange sie gelauscht hatte, sie hatte mitbekommen, dass er ihre Herrin bedrohte. 
„Nariyen, bitte tut ihr nichts. Ihr wisst wie schwer es ist, gutes Personal zu finden.“
Sanna lag also etwas an der Magd. Und er war kein Unmensch. 
„Was bekomme ich für ihr Leben?“
Er griff nach Sannas Gürtel, um die Magd zu fesseln. Sie war sowieso nicht hübsch genug, um ihm lange Freude zu bereiten. 
„Was wollt Ihr?“
Dich. 
Er überlegte einen Moment, und entließ er die Magie, die sie in der Luft gehalten hatte. 
Dann streckte er seine Hand aus. Diesmal machte er sich keine Mühe, freundlich oder einladend zu wirken. Er wusste, dass sie das Angebot annehmen würde. Selbst ohne das Versprechen, sie unbeschadet wieder gehen zu lassen.
„Eine Nacht.“ 
---
Ich schreibe schon viel zu lange an dieser einen Nacht, und hab mich entschlossen, den Teil einfach schonmal hochzuladen, um die Wartezeit zu verkürzen (außerdem muss ich gestehen, dass es hauptsächlich das Feedback ist, das mich dazu bringt, schnell zu schreiben >.>).
 

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