Sanna - I

 
Eigentlich eine direkte Fortsetzung hiervon: http://bdsm-bibliothek.com/index.php/daemon-extra
Aber da es wohl ein kurzer Mehrteiler wird, war ein anderer Titel durchaus angebracht.

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Ein Klopfen ließ Sanna mit einem Seufzen aufsehen.
„Ja?“
„Lady Vanora, Lord Tasar Carna ist hier.“
Jetzt schon? Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass weit mehr Zeit vergangen war als gedacht.
„Schick ihn rein, Alyss. Und bring Tee.“
Wenigstens war es eine Ablenkung von dem Papierkram. Durch das Chaos, das Nariyen mit dem Versuch König Thancred umzubringen verursacht hatte, hatte sie die letzten Wochen kaum geschlafen. Was für ein Glück, dass Alyss Talent für Schminke hatte.
Sie stand auf, als der Lord ihr Arbeitszimmer betrat. Sanna musterte den Fremden kurz. Dass er dem Landadel angehörte hatte sie erfahren, als er um die Audienz bat. Ihr Blick strich über seine Kleidung – stilvoll, aber nicht besonders teuer – und blieb für einen Moment an seinen Augen hängen.
„Lady Vanora.“ Er verbeugte sich über ihrer Hand. Sie war fast froh, dass er dadurch den Blickkontakt brach. Sie brauchte wirklich dringend Schlaf.
„Lord Carna. Bitte, setzt Euch.“
Sie zwang sich zu einem Lächeln, während Anyss Tee und Süßigkeiten hereinbrachte. Carna selbst blieb ernst. Warum musste er ausgerechnet lange schwarze Haare haben? Wenigstens waren die Augen blau, nicht schwarz. Trotzdem ähnelte er ihrem ehemaligen Meister zu sehr. Natürlich gab es massenhaft Unterschiede. Aber der durchdringende Blick … Sie hätte niemals zu ihm gehen dürfen, jetzt spielten ihre Gedanken schon völlig verrückt.
„Danke, Alyss. Bedient Euch.“
Während ihre Zofe verschwand, trank sie einen winzigen Schluck. Sie würde sich nicht hinter der Tasse verstecken, ihr Gesicht war auch so eine Maske, aus der er nichts lesen konnte.
„Ich hörte Ihr seid seit einigen Tagen in der Stadt. Wie gefällt Euch Farrador?“
Sie achtete gerade genug auf seine Antworten, um darauf zu reagieren. Aber es wäre alles andere als höflich, ihn direkt zu fragen, was er wollte.
 
„...aber ich werde dennoch nicht lange bleiben. Ich bin nur gekommen, um … nach Unterstützung zu fragen.“
Sie zog eine Augenbraue nach oben. Offensichtlich fiel es ihm alles andere als leicht, um etwas zu bitten.
„Ihr wisst, dass meine Ländereien direkt an der Grenze zu Tierri liegen.“, fuhr er fort. „Leider kam es in letzter Zeit häufiger zu Überfällen.“
„Und Ihr habt keine Audienz beim König bekommen? Ich werde ein Wort für Euch einlegen, damit Truppen gesandt werden.“
„Ich befürchte, dass ich mehr als Soldaten benötigen werde. Die Augenzeugen berichten, dass Magie im Spiel ist.“
„Seid Ihr Euch sicher? Es gibt nicht viele Magier, die es wagen würden, den Zorn Thancreds – und damit auch meinen – auf sich zu ziehen.“
Seine Augenbraue zuckte kurz nach oben. Also hatte er es bemerkt, dass sie den Titel des Königs weggelassen hatte.
„Ich habe es auch nicht glauben wollen, aber die Behauptungen blieben auch nach peinlicher Befragung die selben.“
Sie nickte langsam. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein neuer Magier seine Macht ausüben wollte. Aber es war lange her, dass jemand dumm genug war, dabei in ihr Territorium einzudringen. Oder konnte es sein … Nariyen hatte erwähnt, dass er in Tierri war. Aber das konnte nicht sein. Warum würde er sie jetzt provozieren? Er musste wissen, dass sie sich niemals darauf einlassen würde, ihn wieder zu treffen, wenn er jetzt einen Krieg anzettelte.
„Ich werde mich mit Thancred über das Problem unterhalten.“
Was, wenn es wirklich Nariyen war? Was sollte sie dann tun? Und warum sah er ihm so ähnlich? Sie musste es endlich schaffen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
„Und wie lange dauert das? Soll ich es riskieren, dass meine Ländereien eingenommen sind, bis Ihr Euch unterhalten habt?“
Sie musterte ihn einen Moment lang. „Ich könnte Euch ein Angebot machen. Ich verspreche Euch, mich morgen persönlich darum zu kümmern. Mit Hilfe des Königs oder ohne. Aber dafür ...“
Was zur Hölle tat sie da? Sie schluckte die Worte herunter.
„Aber dafür...?“, hakte er nach. Die Augen durchbohrten sie. Warum musste er ihm so ähnlich sehen? Sie stand langsam auf.
„Habt Ihr heute noch viele Termine? Ich möchte Euch nicht aufhalten.“
Er schnaubte. „Ihr seid die Einzige, die mir in der kurzen Zeit eine Audienz gewährt hat.“ Sie hatte das Gefühl, dass er noch etwas sagen wollte. Ein Hinweis darauf, dass sie vielleicht nicht ganz so wichtig war, wenn sie jemandem einfach so eine Audienz gewähren konnte?
„Ich bin eine Frau. Es gibt nicht allzu viele Bittsteller, die denken, dass ich ihre Probleme lösen kann.“ Sie schenkte etwas Wasser in einen noch leeren Kelch, stellte diesen dann in die Tischmitte. Dass er bei der Erwähnung ihres Geschlechts eine Augenbraue hochzog, hatte sie nicht erwartet. Interessant.
„Der Preis, den ich dafür verlange, dass ich mich sofort darum kümmere, ist dieser Kelch.“ Sie war sehr froh, dass sie für alle Fälle immer vorbereitet war und zog ein kleines Stoffsäckchen unter dem Tisch hervor. Sorgfältig schüttete sie die Kräuter daraus in den Kelch.
„Ihr wollt, dass ich einen Tee trinke.“
„Gut erkannt.“
Als er nach dem Kelch griff schlug sie seine Finger weg. „Nicht jetzt. Sagt mir, dass Ihr einverstanden seid, und dann klären wir alles Weitere.“
„Ich will zuerst wissen, was für Kräuter das sind.“
„Keine, die Euch schaden werden.“
Wieder schnaubte er. „Kein Wunder, dass Ihr so wenig Bittsteller habt.“
Sie hielt seinen Blick und wartete. Es war ein Risiko, was sie tat. Aber selbst wenn sie wollte könnte sie es jetzt nicht mehr abbrechen. Nicht ohne zu riskieren, dass er Gerüchte verbreitete.
„Einverstanden.“, knurrte er schließlich. Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Das konnte interessant werden.
„Was ist das für ein Tee? Ein Zaubertrank?“
„Nein, nur einfache Kräuter. Bei der Dosierung werdet Ihr die Erlebnisse der letzten paar Stunden vergessen.“
„Also ist Euer Versprechen nichts wert.“
„Ich werde es einhalten. Aber ich wollte Euch noch ein Angebot machen, das nichts mit Euren Ländereien zu tun hat. Ob Ihr es annehmt oder nicht entscheidet Ihr selbst. Aber egal wie Ihr entscheidet, Ihr werdet danach diesen Trank trinken.“
Er zog eine Augenbraue nach oben.
„Ist es für Euch ausreichend, wenn ich Euch das Versprechen schriftlich gebe? Es vielleicht auf Euer Zimmer bringen lasse?“
„Was geschieht, wenn ich versuche zu gehen?“
Sie lächelte, schnippte dann gegen eines der Amulette, die sie am Gürtel trug und brachte sie dadurch zum Klimpern. „Ihr werdet nicht gehen, bevor Ihr den Kelch nicht geleert habt.“
„Also könntet Ihr auch jedes Dokument wieder zurückholen. Ich bin Euch ausgeliefert.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke ich werde Eure Zeit noch einige Stunden in Anspruch nehmen. Benötigt Ihr noch etwas? Vielleicht etwas zu essen?“
Er schüttelte den Kopf, sah sie mit zusammengepressten Lippen an. Er erwartete offensichtlich das Schlimmste.
Sie hob die Stimme. „Alyss!“
Als die Zofe kurz darauf erschien, warf sie ihr einen Beutel Gold zu. „Ich brauche bis morgen früh Traumwurz. Versuch welchen zu finden.“ Alyss sah sie einen Moment verwirrt an – es war eine Weile her, seit sie diese Phrase das letzte Mal verwendet hatte.
„Aber natürlich, Lady Vanora. Benötigt Ihr noch etwas, bevor ich gehe?“
„Nein. Und Lord Carna wird auch bald gehen.“
Nach einem Knicks war Alyss verschwunden, und Sanna ging zur Tür. Niemand würde sie stören. Sie begann mit Kreide einen Kreis auf die Tür zu zeichnen.
„Was habt Ihr mit mir vor?“
„Nichts das Euch schaden wird. Wollt Ihr etwas Wein?“
Ein letztes Zeichen, und der Kreis war vollständig. Sie leitete Magie in das Symbol. Niemand außer ihr würde die Tür öffnen können. Nach kurzer Überlegung fügte sie einen weiteren Kreis hinzu, der Geräusche dämmte.
„Ich habe von Euren Ritualen gehört.“
Jetzt drehte sie sich zu ihm um. „Und Ihr befürchtet, dass Ihr Teil davon werdet? Habt Ihr nicht gehört, dass ich dafür nur verurteilte Verbrecher verwende?“
Sein erstaunter Gesichtsausdruck versicherte ihr, dass er keinen Schimmer hatte, was die Rituale beinhalteten.
Sie ging langsam auf ihn zu und hielt seinen Blick. „Ihr werdet später den Trank trinken. Und ich habe die Tür mit einem Zauber belegt, der dafür sorgt, dass Ihr sie nicht öffnen könnt.“ Es machte Spaß, den Zweifel in seinen Augen zu sehen, den leichten Anflug von Angst. Aber eigentlich wollte sie etwas anderes. „Das heißt, dass alles, was in diesen Gemächern geschieht auch hier bleibt. Aber das heißt auch, dass ich keine Magie benötigen werde.“
Sie öffnete den Gürtel und ließ ihn auf ihren Schreibtisch fallen. Dann ging sie um ihn herum und legte ihre Hände auf seine Schultern.
„Habt Ihr eine Frau, Tasar?“
Bevor sie beginnen konnte, ihn zu massieren, wirbelte er herum. „Das ist nicht Euer Ernst.“
Sie seufzte. „Ich bin nicht sonderlich gut darin, Männer zu verführen. Es ist ein Angebot. Ich werde Euch zu nichts weiter zwingen, wenn Ihr nicht wollt.“
Der Blick mit dem er sie nun musterte war ein anderer. Sie fühlte, wie er sie als Frau betrachtete, nicht als Magierin.
„Ich … halte nicht besonders viel davon, einer Frau die Führung zu überlassen.“
Diesmal lachte sie. Volltreffer.
„Gut.“, hauchte sie ihm zu.
Er starrte sie ungläubig an. „Ihr seid eine Magierin...“
„Ja. Mächtig, Reich. Wichtig. Was glaubt Ihr, warum ich so viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen habe?“ Sie zog sich zwei Ringe vom Finger, legte diese ebenfalls auf den Tisch. „Aber es ist ärgerlich, immer eine Magierin sein zu müssen.“
„Werdet Ihr am Ende auch den Tee trinken?“
„Nein. Aber ich werde nichts von dem, was Ihr hier tut verraten. Ihr solltet Euch trotzdem benehmen.“ Direkt nachdem sie es ausgesprochen hatte, bemerkte sie, wie viel Spaß ihr das nehmen könnte.
„Keine großen Verletzungen. Außerdem möchte ich Spaß dabei haben, es wäre also sehr freundlich, wenn Ihr Euch Mühe gebt, nicht nur auf Eure Bedürfnisse zu achten.“
Er musterte sie lange Augenblicke. War es vielleicht doch zu viel? Egal. Er würde alles vergessen.
Dann stand er langsam auf und kam auf sie zu. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er einen guten Kopf größer war als sie, bedrohlich aussah, wie er mit ernstem Gesicht immer näher kam. Genau so langsam strich er durch ihr Haar und verkrallte seine Finger darin. Sie atmete tief ein. Es fühlte sich gut an. Es war zu lange her, seit ein Mann die Kontrolle über sie hatte. Wie in Zeitlupe zog er ihren Kopf nach hinten, während er sich zu ihr herunter beugte. Nur noch Zentimeter trennten seine Lippen von ihren.
„Lady Vanora. Habt Ihr einen Vornamen?“
Sie atmete aus. Es tat so gut, festgehalten zu werden. Sie streckte sich ihm entgegen, aber noch war sein Griff zu fest.
„Sanna. Nennt mich Sanna, Herr.“
„Wie ein kleines, dreckiges Bauernmädchen.“
Als er ausgesprochen hatte, sah sie das Entsetzen in seinen Augen. Na toll. Wenn er jetzt aufhörte, nur weil er Angst hatte, was danach passieren könnte, würde er nicht wieder anfangen.
„Ja, Herr.“, flüsterte sie. Sie hoffte, dass sie sich nicht die ganze Zeit Mühe geben musste, ihn bei Laune zu halten, ihn in der dominanten Rolle zu halten. Sie wollte sich fallen lassen, verdammt.
„Tut mit mir, was Ihr wollt, Herr.“
Und hoffentlich konnte sie bald aufhören, unterwürfig zu sein. Er war ein Mann. Er war stärker als sie – zumindest jetzt. Er sollte sich einfach nehmen, was er wollte, und ihr geben, was sie schon viel zu lang vermisste.
Ihre Worte schienen den Bann offensichtlich gebrochen zu haben, denn kurz darauf fühlte sie seine Lippen auf Ihren. Es war nur eine flüchtige Berührung, dann entzog er sich ihr wieder. Auch die Hand in ihren Haaren verschwand.
„Hol mir Wein, Magd.“ Sein Tonfall hatte sich verändert, war sehr viel bestimmter geworden.
Sie nickte eilig und öffnete die Tür in ihr Wohnzimmer.
„Wollt Ihr nicht herein kommen, Herr? Hier ist es bequemer.“ Ein Glas Wein oder zwei? Sie entschied sich schließlich für ein Glas, dass sie ihm mit gesenkten Augen überreichte. Er ließ sich gerade auf einem einzelnen großen Sessel nieder. Ihrem Sessel, aber heute spielte das keine Rolle.
Er zeigte auf den Boden neben sich. „Hinknien.“
Etwas verwirrt befolgte sie seinen Befehl. Was sollte das? Er strich einmal durch ihr Haar, aber sonst trank er nur den Wein. Hatte er nichts Besseres zu tun? Als er keine Anstalten machte, sich weiter um sie zu kümmern, stand sie auf.
„Hinknien habe ich gesagt.“
Sie begegnete seinem Blick. „Zwingt mich.“
Als nun auch er aufstand, konnte sie sich das Lächeln nur mit Mühe verkneifen. Langsam, um sicher zu gehen, dass er ihr auch folgte, wich sie in Richtung Schlafzimmer zurück. Nachdem er das Schlafzimmer betreten hatte, lachte er. „Die kleine Magd ist ungeduldig?“ Dann ging er auf ihr Bett zu. „Wenn du etwas von mir willst, komm her. Wenn nicht … bleib wo du bist, und ich werde das Spiel beenden.“
Er hatte tatsächlich ein Druckmittel gefunden. Großartig. Auch wenn sie ihn am liebsten direkt in die Laken gedrückt hätte, ging sie langsam auf ihn zu. Noch wusste sie kaum etwas über ihn. Als sie vor ihm stand, strich er kurz über ihre Wange. „Dreh dich um.“
Was wollte er jetzt? Erst als sie seine Finger an der Schnürung ihres Kleides spürte, wurde es ihr klar. Wollte sie das wirklich? Dann spürte sie Druck an ihrer Schulter und drehte sich wieder zu ihm. Er musterte sie und für einen kurzen Moment sah sie Zweifel in seinen Augen. Dann schob er das Kleid von ihren Schultern. Der Stoff umschmeichelte sie im Fallen und dann stand sie da. Nackt. Beobachtet. Und er regte sich nicht. Mit jedem Augenblick der verstrich fühlte sie sich unbehaglicher. Warum tat er nichts? Sie verschränkte schützende die Arme vor der Brust. Gefiel sie ihm nicht?
„Jetzt darfst du dich wieder hinkien.“
Mit zittrigen Knien gab sie dem Befehl nach. Wieso tat er immer noch nichts? Er hatte sie kaum angefasst. Was trieb er für ein Spiel? Oder war sie nicht gut genug? Meine Schöne. Wie oft Nariyen sie mit diesen Worten zur Weißglut getrieben hatte. Und jetzt saß sie nackt neben einem Mann, der sie völlig ignorierte. Es waren doch nicht mal vier Jahre, die sie seither gealtert war. War das schon zu viel?
Als sie gerade versuchte, eine bequemere Position zu finden, fühlte sie etwas an ihrer Schulter.
„Du ungeschicktes Mädchen. Jetzt habe ich deinetwegen Wein verschüttet.“
Sie hatte ihn nicht einmal berührt. Was sollte das?
„Los, komm aufs Bett. Ich will keinen Tropfen verschwenden.“
Etwas unsicher stand sie auf, und setzte sich neben ihn. Der Tropfen Wein bahnte sich inzwischen einen Weg über ihre Brust. Viel zu langsam fanden seine Lippen ihre Haut. Es war so lange her. Sie stöhnte leise auf, als er den Wein von ihrer Haut leckte. Viel zu schnell löste er sich wieder von ihr. Wollte er sie so lange hinhalten? Oder wagte er es nicht, weiter zu gehen? Als sie einen weiteren Tropfen auf ihrer Haut spürte, lehnte sie sich zurück. Dann tauchte sie selbst einen Finger ins Glas, um kurz darauf etwas Wein auf ihren Nippel zu tropfen.
„Ts. Wenn du noch einmal etwas tust, zu dem ich dich nicht auffordere, fessle ich dich.“
Sie begegnete seinem Blick, dann tauchte sie ihren Finger wieder in den Wein, strich diesmal sanft über seine Lippen. Er wollte sie fesseln? Nur zu. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er streckte den Arm mit dem Glas aus, um dieses dann fallen zu lassen. Bevor das Klirren verklang drückte er sie in die Laken. „Sieht so aus, als könnte keiner von uns das Bett verlassen, ohne sich zu verletzen.“
Interessant. „Und Ihr glaubt, Scherben halten mich auf?“
Er hob eine Scherbe auf. „Ich denke schon.“ Er drehte das Glas in der Hand, strich dann damit über ihre Brust. Jetzt wagte sie es nicht mehr, sich zu bewegen. Worauf hatte sie sich eingelassen? Er konnte ihr die Kehle aufschlitzen, wenn er wollte! Als sie sein Handgelenk umklammerte, um ihn daran zu hindern weiter zu machen, lachte er auf. „Angst?“
Er hob die Scherbe von ihrer Haut und begann stattdessen damit, Streifen vom Laken zu schneiden. Als er den ersten davon um ihr Handgelenk wickelte, bekam sie Panik. Sie war schon jetzt hilflos. Aber wenn er sie erst gefesselt hatte, konnte sie nichts mehr bewirken. Sie musste weglaufen. Die Wachen rufen. Aber er würde sie fangen, bevor sie weit kam. Verdammt! Worauf hatte sie sich eingelassen? Bevor sie sich entscheiden konnte, was sie tun sollte, war ihre Linke schon am Bett festgebunden. Ihre Versuche, sich ihm zu entziehen scheiterten spätesten in dem Moment, in dem er ihre rechte Hand ergriff und sanft jeden Finger küsste. Sofort hörte sie auf, sich zu winden. Dass er ihr gleichzeitig ein weiteres Stück Stoff ums Handgelenk gewickelt hatte, bemerkte sie erst, als er auch dieses ans Bett band. Seine Berührung war kaum zu spüren, als er über ihren Arm, hin zur Schulter und weiter über ihre Seite strich und wurden von einem angenehmen Kribbeln begleitet. Mehr. Sie brauchte mehr.
Und schon wieder entzog er sich ihr, hob weitere Scherben auf. Was hatte er vor? Als er ihr in jede Hand eine Scherbe legte, war sie kurz davor, ihn zu fragen. Aber das hätte die Stimmung zu sehr gestört. Jetzt beugte er sich über sie.
„An deiner Stelle würde ich jetzt ganz still liegen bleiben.“, flüsterte er in ihr Ohr. Als sie kurz darauf seine Lippen an ihrem Hals fühlte, schloss sie die Augen. Endlich. Und hoffentlich würde er nicht gleich wieder aufhören. Seine Hand wanderte ziellos über ihren Körper, während seine Lippen sich langsam vom Hals über die Schulter zu ihrer Brust vortasteten. Wenn es nur niemals aufhören würde. Wenn er sich endlich beeilen würde, ihr mehr zu geben! Als er begann leicht zuzubeißen, quittierte sie das mit leisem Stöhnen. Es tat so gut, endlich wieder berührt zu werden.
Ihr Stöhnen wurde lauter, als er begann an ihren Nippeln zu saugen. Gleichzeitig spürte sie, wie seine andere Hand in ihren Schoß gewandert war. Mehr. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, wusste nur, dass sie mehr wollte. Jetzt. Gleich.
Kurz bevor sie Erlösung fand, spürte sie einen scharfen Schmerz. Sie sog scharf Luft ein und im nächsten Moment wurde sie von seinen Berührungen wieder in Richtung Extase getrieben. Mehr. Nicht aufhören. Es war so gut. Gleich. Gleich …
Mit einem Schlag entzog er sich ihr. Nicht jetzt. Nicht aufhören...
„Du blutest.“
„Mhmmmm.“ Sie wusste nicht, ob sie einen klaren Satz formulieren könnte, wenn sie wollte. Warum machte er nicht weiter?
„Lady Vanora, Ihr blutet!“
„Nicht aufh ...“
Endlich berührte er sie wieder. Aber warum am Arm? Es gab so viele schönere Stellen dafür. Außerdem schmerzten ihre Hände. Warum konnte er den Schmerz nicht durch Lust betäuben?
„Lady Vanora!“ Er tätschelte ihre Wange, bis sie widerwillig die Augen öffnete. Es war so schön gewesen. Sie blickte in seine entsetzt geweiteten Augen.
„Das wollte ich nicht.“
„Warum habt Ihr dann aufgehört?“
„Eure Hände ...“
Er hatte die Fesseln zerschnitten und erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Hände blutüberströmt waren – und noch immer zur Faust geballt.
Sie hatte es während dem Spiel nicht einmal bemerkt. Und bei der Menge an Blut würde sie die Wunden vermutlich heilen müssen. Dabei hasste sie das Jucken, das mit der Heilung einher kam.
Obwohl er vorsichtig war, schmerzte jede Berührung, als er ihre Finger nacheinander streckte, bis er die Scherbe aus ihrer Handfläche ziehen konnte. Seine Finger zitterten dabei mindestens genauso sehr wie ihre. Als sie versuchte die andere Hand selbstständig zu öffnen bemerkte sie, dass ihre Finger zu verkrampft waren, um ihr zu gehorchen. Das konnte nicht sein.
Dann schlich sich ein anderer Gedanke in ihr Bewusstsein, der sie erschaudern ließ. Wie sollte sie so eine Feder halten können? Wie sollte sie mit diesen Händen einen Kreis zeichnen? Sie starrte ihn an. Sie war hilflos. Er könnte mit ihr tun was er wollte und sie könnte sich nicht wehren. Worauf hatte sie sich nur eingelassen? Wie konnte er ihr auch noch die Scherben aus der zerstörten Haut ziehen, ihr zeigen, dass er die Macht hatte?
Tief einatmen. Ruhe bewahren. Sie zwang sich die Panik zurück zu drängen. Er wusste nicht, wie wehrlos sie war. Er wusste nicht, was sie brauchte um Magie zu wirken. Und er durfte nicht erfahren, wie schutzlos sie gerade war. Langsam atmen.
Als er die zweite Scherbe auf den Boden fallen ließ, versuchte sie die Finger zu bewegen und ihre schlimmsten Befürchtungen erfüllten sich. Sie konnte ihre Finger nicht richtig kontrollieren. Verdammt. Wie war sie nur auf diese bescheuerte Idee gekommen?
„Verzeiht mir. Wenn ich irgendetwas für Euch tun kann ...“
Sein Blick huschte über sie und einen Moment später hatte er eine Decke um ihre Schultern gelegt. Sie versuchte den Stoff festzuhalten, als sie aufstand und fluchte innerlich, als er durch ihre pochenden Finger glitt. Musste er ihr auch noch zeigen, dass sie sich nicht einmal alleine anziehen konnte?
Mit vorsichtigen Schritten um nicht auch noch in weitere Scherben zu treten suchte sie sich ihren Weg aus dem Schlafzimmer. Als sie durch die Tür trat, fühlte sie sich sicher genug, um zu sprechen, ohne klein und schwach zu klingen.
„Kommt mit.“
Es fühlte sich so falsch an, nackt in ihrem Arbeitszimmer zu stehen. Kurz darauf betrat auch er den Raum. Er war natürlich immer noch vollständig bekleidet.
„In der untersten Schublade ist ein kleines Buch. Seid so gut und holt es mir.“
Sie zwang sich dazu, weiter ruhig zu atmen, während er sich beeilte ihren Wunsch zu erfüllen. Das war ihre einzige Chance. Ein Kreis, den sie vor etlichen Jahren gezeichnet hatte, um den gelegentlichen Schnitt durch den Ritualdolch zu heilen. Als er ihr das Buch hinhielt, nickte sie auf den Schreibtisch. Dann hielt sie ihm ihre Linke hin. Am Handgelenk hingen noch die Reste der Fesseln.
„Ich möchte das Buch nicht ruinieren. Würdet Ihr bitte....?“
Hätte sie nicht gewusst, wie sehr er es auskostete, sie hilflos zu sehen, hätte sie geglaubt, dass seine Berührung sanft und vorsichtig waren. Er wollte sie wohl verspotten. Glaubte er, sie konnte ein paar Schnitte nicht wegstecken?
„Bitte verzeiht mir. Das war so nicht geplant.“
Und er wagte es auch noch, sie zu verhöhnen.
„Wenn ich Euch verzeihen soll, dann sucht die richtige Seite heraus. Irgendwo im letzten Drittel sollte es sein.“
Hatte sie vorhin geglaubt er sei langsam? Er blätterte die Seiten um, als hätte er Angst, dass das Buch in seinen Händen Feuer fing. Oder wollte er sie nur quälen? Zusehen, wie sie bei jeder Bewegung ihrer Finger Schmerz erfüllt das Gesicht verzog?
„Halt. Das ist sie.“
Der Kreis, keinen halben Meter entfernt. Ihre Finger zitterten, als sie sich dem Kreis näherten. Ein Tropfen Blut, der auf den Kreis fiel würde ihn unbrauchbar machen. Sie zwang sich, nichts zu überstürzen. Langsam. Sie musste nur die äußere Linie berühren. Als sie es endlich schaffte und die Magie durch ihren Körper floss, konnte sie wieder aufatmen.
Vorsichtig öffnete und schloss sie die Hände. Die Schmerzen waren dem unangenehmen Jucken der Heilung gewichen. Warum ihre Finger trotzdem noch zitterten, als sie den improvisierten Verband entfernte, wusste sie nicht.
„Ich bin gleich zurück. Wartet hier.“
 
Die Waschschüssel färbte sich rosa. Egal. Es war nur ein Schreck gewesen. Ein Moment in dem sie glaubte schwach zu sein, während dieser … Mann daneben stand und offensichtlich nicht wusste, was er tun sollte. Sie spritzte sich frisches Wasser ins Gesicht. Das hätte nicht passieren dürfen. Sie hätte diesen Vorschlag nicht machen sollen. Und trotzdem wünschte sich ein kleiner Teil in ihr, dass er nicht aufgehört hätte.
 
Verdammt!
 

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