Probezeit einer Sklavin 3: Karrierelunch

 

Der Porsche blieb, wo er war. Sie fuhren in einem VW Beetle Cabriolet in dem für Daniela Katzenberger typischen kräftigen, leicht grellen Rosa. Angelika setzte ihre Sonnenbrille mit Polarisationsfilter auf und es wurde ihr bewusst, dass ihre Haut mangels Tagescreme mit Lichtschutzfaktor ungeschützt der ultravioletten Strahlung der Mittagssonne ausgesetzt war. Sie zählte heimlich wie ein Bergungsarbeiter in dem havarierten japanischen Kernkraftwerk Fukushima die Minuten der Exposition. Damit nicht genug, musste sie auch noch Autoabgase aus Verbrennungsmotoren einatmen, vor allem während sie an Ampeln warteten. Trotzdem lächelte sie pflichtbewusst zurück, wenn Venetia sie wortlos anstrahlte. Ein Gespräch war wegen der lauten Popmusik nicht möglich. Es war Venetias Credo, ständig die aktuelle MTV Hitlist Germany Top 100 zu hören, um musikalisch den Anschluss an die neue Generation nicht zu verlieren und dem Trend auf der Spur zu bleiben, wie sie sich ausdrückte.

Der Italiener war bekannt und teuer. Der Inhaber bot ihnen beiden eine Göttinnen-Begrüßung und einen schönen Tisch mit Aussicht. Oder den besten Tisch, wie Luigi betonte. Vermutlich saßen alle Gäste an dem besten Tisch. Auf Venetias »Was essen wir?« hin trug der Padrone eine Speisenfolge vor, die pesce spada enthielt. Angelika schauderte innerlich. Bei Schwertfisch (Xiphias gladius) und Thunfisch fürchtete sie das im Gewebe enthaltene Quecksilber. Wenn Schwangeren schon von offizieller Seite vom Konsum dieser am Ende der Nahrungskette stehenden großen Raubfische abgeraten wurde, konnten sie auch für sie nicht gut sein. Andererseits hatte sie auch gelesen, dass der menschliche Organismus das in Fischen enthaltene Hg möglicherweise gar nicht aufnahm. Sie war auch so von Venetias Elan verzaubert, dass sie alle ihre normalen Vorsichtsregeln fahren ließ. Vermutlich war das Gemüse gespritzt, aber auch das war jetzt egal. Und Wein gab es weit über den einen Deziliter hinaus, den sie sich manchmal zum Abendessen erlaubte. Sollte ihr Gehirn doch ruhig eine hohe Alkohol-Dosis abbekommen. Sie fühlte sich ganz ruhig, fließend und entspannt. Wenn Venetia das alles auch so machte, musste es gut sein. Angelika nannte das in ihrem inneren Monolog immer den ELLA ENCHANTED (2004) Modus. Das Zusammensein mit Menschen, die selber ganz von ihrem Anliegen überzeugt waren und längere Zeit entschlossen auf sie einredeten, erzeugte in ihrem Kopf das gleiche Gefühl wie ein auf nüchternen Magen getrunkenes Glas Champagner in den ersten Minuten danach. Es ließ sie innerlich zu allem ja sagen wie Anna Hathaway als Ella of Frey, die von der Fee Lucinda bei der Geburt das gift of obedience empfangen hat, was von Lucinda als Begabung zum Gehorsam und Tugend an sich gut gemeint war, sich im Alltag aber als Nachteil erweist.

»Angelika. Es ist Dein Projekt. Das Konzept, dass du mir geschickt hast, ist ganz toll. Wie ich das sehe, hast du Dir die Rolle unbewusst auf den Leib geschrieben wie Ben Afflek und Matt Damon das bei GOOD WILL HUNTING (1997) gemacht haben. Sie ist ideal für Dich. Dafür muss frau auch keine Schauspielschule besucht haben. Finde dich einfach eine stabile masochistische Stimmung hinein, dann wird das sehr gut gehen.« Angelika war das Blut in den Kopf geschossen.

»Ich werde auf gar keinen Fall nackt vor einer Kamera stehen. Einmal Porno, immer Porno. Nicht mit mir.« Vor Erregung sprach sie so laut, dass die Nachbartische ihre Gespräche unterbrachen.

»In der Sklavenzentrale hat Dein 2005 angelegtes Profil schon über 100.000 Besucher. Und du warst ja nicht nur dort aktiv.« Venetia zeigte ihr auf ihrem iPad Air 2 Fotos und kurze Video-Filme.

»Die habe ich inzwischen alle gelöscht. Bilder ohne Maske waren auch immer nur für Premium-Mitglieder mit Real-Zeichen sichtbar. Und außerdem gegen Herunterladen gesichert.«

»Darum habe ich sie ja auch hier auf dem Tablet, obwohl ich weiß Gott keine Hackerin bin. Waren das eigentlich Selfies von automasochistischen Aktionen oder war da noch jemand dabei?«

Angelika starrte nur geradeaus.

»Egal. Lass uns ganz offen sprechen. Du bist nicht nur pleite, sondern bei mehreren Banken erstaunlich hoch verschuldet.«

»Woher willst du das wissen?«

»Beziehungen zu Leuten, die einen SCHUFA-Zugang haben. Im Übrigen stehst du ja auch im Schuldnerverzeichnis, das unter Vollstreckungsportal.de jeder einsehen kann.«

»Wie peinlich.«

»Ab heute bist du obdachlos, wenn ich mir dein Gepäck ansehe. Eine Grundsicherung für Arbeitsuchende hättest du gerne, aber dafür müsstest du ja arbeiten und die dir bisher angebotenen Jobs haben dir ja offenbar nicht gefallen.«

»Zur uniformierten arbeitenden Bevölkerung zu gehören ist nicht so mein Ding. Der Zwang zur Arbeit in der Berufswelt. Das Aufgehen im Kollektiv«, sagte Angelika mit einer nur ganz leichten Ironie.

»Zu deinen Eltern hast du seit Jahren keinen Kontakt mehr und zu erben gibt es da leider auch nichts. Ein Sugardaddy gleich welchen Alters ist glaube ich auch nicht in Sicht. Wenn du jetzt Politikerin oder Quoten-Vorständin werden wolltest oder dabei wärst, in eine traditionsreiche Industriellenfamilie einzuheiraten, wäre das etwas anderes. Manchmal wäre ich auch gerne Hausfrau oder Mutter, glaube mir. Das Herzkino am Sonntagabend im ZDF gefällt mir gut. Rosamunde Pilcher, Jahrgang 1924 wie Utta Danella auch…«

»Cornwall«, warf Angelika ein.

»Katie Fforde, Jahrgang 1952.«

»Amerikanische Ostküste, obwohl sie Britin ist«, sagte Angelika schlau.

»Inga Lindström, Jahrgang 1954.«

»Schweden.«

»Falsch. Sie kommt aus Ravensburg und heißt eigentlich Christiane Sadlo«, korrigierte sie Venetia.

»Wen es gar nicht gibt das ist die Lilly Schönauer. Das sind wechselnde Autoren, vermutlich Männer«, sagte Angelika rasch, um die Scharte wieder auszuwetzen. Venetia nickte zustimmend.

»Nur die dazu passenden Männer sind im echten Leben irgendwie nie da, wenn frau sie braucht«, brachte Venetia es auf den Punkt. Ihre Blind Dates mit auf Internetplattformen gefundenen Herren hatten sie sich schon beim letzten Mal erzählt.

»Ich habe hier deinen Lebenslauf. So richtig gut warst du schon im Studium nicht. Fünfzehn Semester Kulturwissenschaft und Komparatistik, was immer das sein mag.«

»Da werden Literaturen verglichen.«

»Ich dachte, es gibt nur eine Literatur.«

»Nein, es gibt in jeder Kultur und Sprache eine eigene. Und dann kann man eben schauen, ob es zum Beispiel ähnliche Stoffe und Themen gibt.«

»Also Liebe, Erotik und Sex gibt es sicher überall, oder?«

Angelika nickte verständnisvoll. »Eros. Begehrliche Liebe und erotische Begierde. In den Geschichten aus 1001 Nacht zum Beispiel, die um das Jahr 250 in Indien ihren Ursprung haben. Die so reich an erotischen Details, dass sie in Europa nur stark zensiert verbreitet wurden. Wobei das zur Weltliteratur zählt.«

»Gibt es die gar nicht unzensiert? Ich will die haben«, sagte Venetia.

»Ich recherchiere das gerne für dich.«

»Habe ich dir erzählt, dass ich jetzt auch schreibe, Angelika? Was die Erika kann, kann ich schon längst. Nächte in Barcelona habe ich genau analysiert. Ich werde das dann einfach bei Amazon hochladen wie du deine Doktorarbeit. Du kannst Beta-Leserin sein, aber mäkel nicht zuviel daran herum, das macht mir nur schlechte Laune.«

»Ich freue mich darauf. Hast du schon eine Lektorin?«

»Ja, eine Studentin hat sich auf den Aushang gemeldet. Ich habe ihr die Story erzählt, und sie schreibt das jetzt auf.«

»Also eher eine Ghostwriterin.«

»Was auch immer. Sprechen wir lieber wieder über dich. Psychologie als Nebenfach, das dürfte noch nicht für eine Karriere als Psychotherapeutin reichen. Ein Semester Philosophie.«

»Das war mir zu abstrakt. Psychologie war leider mit zu viel Statistik verbunden. Ich hätte mich lieber mit Psychoanalyse beschäftigt. Was im Studium dran war, habe ich aber alles schon wieder vergessen. So wie du den Schulstoff ja vermutlich auch.«

»Ja, reite nur auf meinem fehlenden Hochschulstudium herum. In der Wirtschaft haben sie dich mehrfach in der frühen Probezeit gefeuert, dann hast du eine Serie von Praktika ohne erkennbaren Bezug zu deinem Studium gemacht. – Einen Moment, das könnte wichtig sein.«

Venetia nahm einen Anruf auf ihrem iPhone 6+ an und überließ Angelika sich selbst. Vor ihrem inneren Auge sah sie wie in einem Film ihre Leidenszeit in der freien Wirtschaft noch einmal ablaufen, während ihre Augen über die anderen Tische zum Horizont schweiften. Stutenbissige Karrierefrauen, die stolz darauf waren, dass sie »Eier hatten« und sich mit perfekter Mimikry nahtlos in die androzentrische neoliberale Leistungsgesellschaft eingliederten. Keine Eizellen in Ovarien, sondern überdurchschnittlich große Gonaden, die prall mit Spermien gefüllt in einem Skrotum baumelten. Unter den Augen der alles mit der Schärfe nazistischer Sicherheitsbeamter beobachtenden Frauen- und Genderbeauftragten bestanden insgeheim die alten Männerbünde weiter. Wenn die Frauen-WCs besetzt waren und Angelika sich in einer Herrenkabine eingeschlossen hatte, war sie manchmal Zeugin davon geworden. Sie konnte nicht sagen, was ihr lieber war, die Eier der Stuten oder die big swinging dicks, die über den Pissoirs abgeschüttelt wurden.

In langweiligen Branchen war das Benehmen immerhin besser als in den »Irgendwas mit Medien« Agenturen, wo diese dümmliche Fraternity- oder von ihr aus auch Sorority-Stimmung herrschte. Das war nicht ihr Humor und sie konnte sich in diesem Punkt auch nicht verstellen.

Es ging offenbar in der Wirtschaft darum, reiche DAX oder MDAX Familiendynastien noch reicher zu machen und an Hunderte von Enkeln und Urenkeln jährlich eine Dividende ausschütten, die ihnen durch ein völlig bedingungsloses Grundeinkommen ein standesgemäßes Leben ermöglichen sollte.

In ihrer Kindheit und Jugend waren die Investment Banker wie Gordon Gekko (Michael Douglas) aus WALLSTREET (1987) die Helden gewesen. Edward Lewis (Richard Gere) in PRETTY WOMAN (1990) war ja im Grunde als takeover artist auch einer und heiratete dann eine Hure. Patrick Bateman in AMERICAN PSYCHO von Bret Easton Ellis (Buch 1991; 2000 mit Christian Bale verfilmt) war sogar Investmentbanker und Sadist in einer Person. Herrscher des Universums. Ein Frankfurter One-Night-Stand hatte ihr beim Frühstück in seinem Penthouse auseinandergesetzt, dass Investmentbanken immer schon in erster Linie Institute zur Bereicherung der leitenden Angestellten waren und dass die Aktionäre und die Finanzämter mit dem zufrieden sein mussten, was sie ihnen übrig ließen. Sie gaben ihnen immer gerade nur so viel, wie nötig war, um einen Aufstand zu verhüten. Das hatte ihr als Gedanke gut gefallen, weil es so antikapitalistisch war. So sollten es die Angestellten und Arbeiter überall machen.

Erstaunlich an dieser Art von Bankgeschäften und den verwandten der Heuschreckenfonds war, dass eigentlich nur paper shuffling betrieben wurde. In der realen Welt ändert sich gar nichts, während mit hohem juristischen Aufwand auf tausenden von bedruckten Seiten esoterische Details der jeweils betroffenen nationalen Zivilrechts- und Steuerregime optimiert wurden, um den Gewinn bei dem Handel mit verbrieftem Eigentum an Produktionsmitteln zu maximieren.

Die Frauen hatten in den Nuller Jahren ihren Anzugfetisch abgelegt und himmelten jetzt Männer in Sportkleidung an, die scheinbar mühelos und mit viel Tagesfreizeit noch mehr Geld verdienten und auch potenter waren, weil sie nicht 18 oder mehr Stunden am Tag auf einem Bürostuhl herumsitzen mussten, was natürlich nicht gut für die Schwellkörper war. Seit dem Beginn der Weltfinanzkrise 2008 wollte auch niemand mehr die »Bankster« zu sich nach Hause einladen, die die Schuld dafür trugen, dass eine ganze Generation von akademisch ausgebildeten jungen Menschen ihre Zukunftsträume zerstieben sah und in die Unterschicht abrutschte.

Das war für sie echter Masochismus: geheuchelte Begeisterung für ständig wechselnde »strategische« Unternehmensziele, die nicht ihre waren, weil ihr die Firma ja nicht gehörte. Selbst wenn sie eines der Unternehmen geerbt hätte, wäre das kein Grund für sie gewesen, Dinge ernst zu nehmen, die ihr gleichgültig waren oder über die sie insgeheim lachen musste, weil sie sie absurd und irrelevant fand. Eine Jahrzehnte dauernde Knechtschaft in neonbeleuchteten Großraumbüros, Taxis, ICE Abteilen und Flughafenhallen. Zeit mit Menschen zu verbringen, die sie nicht leiden konnte und umgekehrt vermutlich meistens auch nicht. Ein Leben mit dem Blick auf das User-Interface von Microsoft Windows, Outlook und Office. Oder von ihr aus auch Apple, das machte es nicht besser, auch wenn die Verpackung schöner war. Billige Anzüge und Hosenanzüge mit Falten neben dem Schritt, weil die letzte chemische Reinigung schon zu lange zurücklag. Schwarze Herrenschuhe und Pumps aus dem Schuhmarkt. Generationen von Absolventen langweiliger Studiengänge, die für die besten Jahre ihres Lebens als Kanonenfutter an die Globalisierungsfront gefahren wurden. Bis sie ausgebrannt zurückkamen, weil sie nicht mehr konnten. Oder entlassen wurden, weil die dann Fünfundzwangzigjährigen billiger und williger waren.

Das Schlimmste war die Einsamkeit am Bildschirm. Jeder starrte auf seinen eigenen Monitor, gesprochen wurde wenig. Oft hatte sie keine Ahnung, was ihre Vorgesetzten von ihr wollten oder wie sie das von ihnen gewünschte Resultat erzeugen könnte. Sie waren immer nur kurz greifbar und wurden dann wieder für längere Zeit unsichtbar. In den Sekunden oder Minuten der Gespräche hörten sie ihr dann nicht zu, sondern wiederholten mantraartig Motivationssprüche wie »jetzt die Handbremse lösen und Vollgas geben«. Spätabends und sogar nachts kamen kryptische Telegrammbefehle mit Rechtschreibfehlern und Abkürzungen, die sie nicht verstand, auf ihr Firmen-Smartphone.

Wichtigtun in freudlosen stundenlangen Meetings mit bitter gewordenem Filterkaffee und Milch in kleinen Plastikdöschen mit Aluminiumfoliendeckel und dazu Kekse aus der Fabrik. PowerPoint-Chinesisch. Achselschweiß vorne an der Plastiktafel mit dem nach Lösungsmitteln stinkenden Stift in der Hand. Kampf um Aufmerksamkeit und Erfolgszuordnungen in autoritären Teams, die Kunst der Intrige. Fein ziselierte Hierarchien und Organigramm-Landkarten für winzige Aufgabengebiete, die dann aber bis zum letzten Blutstropfen gegen Eindringliche verteidigt wurden. Schwierige Allianzen und Koalitionen, beleidigte männliche Divas, die Kunst der Intrige. Rat Race – um die Wette rennende Ratten.

Ihre Strebernoten im Abitur hatten sie in die Studienstiftung des Deutschen Volkes gebracht, deren Namen sie immer als ein wenig völkisch empfand. Damit ging dann viel. Ihr Lernmasochismus als Nerdgirl in der gymnasialen Oberstufe hatte sich hier ausgezahlt und Geige spielte sie ja auch. Recht und schlecht. Was in den Sommerfreizeiten dieser Elite-Organisation dann zu nach oben gezogenen Augenbrauen bei ihren Kammermusik-Mitspielern geführt hatte. Als »Studienstiftlerin« war sie sogar einmal in den Semesterferien Quotenfrau bei der legendären Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) gewesen und hatte dort vergeblich Ausschau nach der berühmten Senior-Partnerin und dreifachen Mutter Dr. Antonella Mei-Pochtler gehalten, die laut war story erst bei Fünfminuten-Abständen zwischen den Wehen ihre Meetings unterbrach, um sich zur Entbindung in das nächstgelegene Krankenhaus zu begeben. Erstaunt stellte sie fest, dass die übernächtigten und immer gehetzt wirkenden Projektleiter*innen und Partner_innen im Nebel auf Sicht fuhren und von ihr Antworten erwarteten, die sie selber nicht kannten, weil sie ja angeblich an der Universität so viel Neues gelernt hätte. Ratlose Berater. Ein fast brutaler Ernst, der doch nur ernsthaftes Geld verdienen meinte, für die Klienten und vor allem für sich selbst. Das Bewusstsein, ständig in einer wichtigen Mission unterwegs zu sein. Märtyrer des Kapitalismus.

Der für das Personal zuständige BCG-Partner hatte ihre Einstellung in dem Trennungsgespräch als Missverständnis bezeichnet. Dem hatte sie innerlich zugestimmt, sich nach außen aber zerknirscht gegeben, weil sie seine Erwartung zumindest bei der Liebe zu Beruf und Firma nicht auch noch enttäuschen wollte, wenn ihre »Performance« schon »unterirdisch« war, wie er sich ausdrückte. Der Performance-Review war eine Art Schulzeugnis für Erwachsene, bei dem Verhalten und Betragen am stärksten gewichtet waren.

Sie war hübsch genug, um sich nach den chronisch werdenden Fehlschlägen klein zu machen und für deutlich weniger Geld den ganzen Tag hinter Rezeptionstischen neben Blumensträußen zu sitzen und die Grüßtante zu spielen. Ihre nicht zu hohe Stimme und ihr gutes Hochdeutsch befähigten sie dazu, ans Telefon zu gehen, wenn jemand die Nummer des jeweiligen Unternehmens wählte. Es machte ihr nichts aus, Schriftstücke auf Befehl sofort zu fotokopieren oder an teuren halb automatischen Maschinen Heißgetränke zuzubereiten, Tabletts in Sitzungen hineinzutragen und Mäntel aufzuhängen und später wieder anzureichen. Und sich für alle kleinen Fehler und Missgeschicke, die dabei regelmäßig auftraten, tadeln und ausschimpfen zu lassen und sich demütig dafür zu entschuldigen und sofortige und nachhaltige Besserung zu geloben. Widerworte und Ausreden waren nicht erwünscht. Diese devoten Frauenstellen machten ihr heimlich Freude und sie steigerte sich in ihre Rollen bis an die Grenze der wahrnehmbaren Ironie hinein. Von allen akademischen Mitarbeiter*innen mit richtigen Stellen wurde sie verachtet und für dumm gehalten und sie enthielten ihr jede noch so kleine Verantwortung vor. Nur beim Reinigen der Espressomaschinen mit Chemikalien und dem Tonerwechsel bei Laserdruckern hatte Angelika Angst vor Vergiftung und Lungenschäden durch Toxine. Bei Druckerproblemen wurde sie sofort in einem panischen und vorwurfsvollen Ton herbeigerufen. Hatte sie etwa nicht rechtzeitig für einen Wechsel der Patrone oder des Papierstapels gesorgt? Auch Fehleinzüge und Papierstaus wurden ihr als persönliche Schuld angekreidet. Sie unterdrückte tapfer den Impuls zu patziger Mimik oder Gestik, mit der echte Assistentinnen (Sekretärinnen waren ja ausgestorben) ihr Missfallen darüber zum Ausdruck brachten, dass ein Akademiker oder – was noch schlimmer war – eine akademisch ausgebildete Geschlechtsgenossin zu dumm war, um eine Schublade aufzuziehen und das neue Papier in ein Fach zu legen und sich statt dessen quer durch das ganze Stockwerk zu einer Untergebenen begab und ihr das auftrug, wozu die Person sich selber zu fein war.

Angelika hatte sich dann auch bei H&M und Zara Sachen gekauft, die weibliche Support-Staff-Mitarbeiterinnen typischerweise trugen. Ging mit ihnen kichernd mit der für Akten oder Laptops viel zu kleinen Handtasche in der Hand zum Lunch und abends zu Frauenrunden in Bars. Traf die manchmal schon über vierzigjährigen »Mädchen« zum Sonntagsbrunch. Sah sich chick flicks an und las die an Adjektiven und Adverbien reichen Bücher, die die romantische Liebe und das Lebensgefühl der jungen Frauen im 21. Jahrhundert so schön zusammenbrachten.

Angelika flirtete nicht und kam doch schnell den Ruf einer Büroschlampe, weil sie andererseits nicht Nein sagte, sofern eine in der Hierarchie über ihr stehende Person – ganz gleich, ob Mann oder Frau – genug Rücksichtslosigkeit besaß und genau wusste, was sie wollte. Schauplätze waren hinter ihr von innen abgeschlossene Büros und Privatwohnungen, in die sie bestellt wurde. Ohne Anweisungen und führende Hände blieb sie jedoch bei solchen kastenübergreifenden Inbesitznahmen völlig untätig und bewegungslos und ließ sich lieber als frigide und asexuell beschimpfen, als sich zu verstellen.

Leider war sie seit einiger Zeit plötzlich zu alt für das Büro. Junge Frauen Anfang zwanzig verlangten nicht einmal mehr die üblichen vierhundertfünfzig Euro, sondern machten gleich ganz unbezahlte Praktika, um ihre Lebensläufe aufzuhübschen. Private Lehranstalten für Medienmanagement, die windige Bologna-Bachelor-Grade verliehen, stellten ihnen offenbar glänzende Karrieren in Aussicht, sofern sie die Gebühren rechtzeitig überwiesen. Angelika amüsierte es, dass auch an richtigen Universitäten der Großteil eines Studienjahrgangs jetzt schon nach dem Grundstudium ausschied. Alles unterhalb des Masters oder noch besser Doktors an einer renommierten Universität hielt sie für reine Bauernfängerei. Lieber ein ehrliches Friseur-Handwerk gelernt als eine Hochschule für Haareschneiden besucht.

Ihre kindlich-mädchenhafte Freude an der sie zuverlässig zu Tränen rührenden Fernsehsendung Heidi Klums Germany’s Next Top Model (GNTM) auf Pro7 war ihr vergangen, seid sie die Publikation Geiles Leben, falscher Glamour von Ulrike Prokop darüber gelesen hatte. Die Kandidatinnen wurden als weibliche Berufstätige im flexiblen Kapitalismus bezeichnet, die eine Karriere in einem autoritären Team anstrebten und dafür ihren Körper optimierten und konditionierten. Nachdem die Top 3 Finalistinnen sich im Mai 2014 auf Nachfrage eines Journalisten auch nicht an den Namen und das Geschlecht des Bundespräsident*en erinnern konnten, war Angelika aber andererseits klar, dass es hier nur um eine Karriere mit dem Instrument Körper gehen konnte.

So verlor sie sich in einem von Flashbacks durchzogenen Bewusstseinsstrom, bis Venetia sie sanft unter dem Tisch trat, weil ihr Telefonat beendet war.

»Und zuletzt dieser christliche Fundamentalismus. Das bist doch nicht du.«

»Ich bin eben eine Suchende.«

»Du bist für mich eine echte Masochistin, wie sie im Buche steht, und ich biete dir eine Tätigkeit an, die dazu passt. Ein bisschen devot und exhibitionistisch war ich auch immer. Ich fand es von Anfang an sehr geil, mich nackt zeigen zu müssen. Das Ganze wird doch ein fantastischer Trip für dich.«

Es trat eine längere Stille ein.

»Charlotte Roche sagt ja auch, dass weiblicher Masochismus in Ordnung ist. Und Feuchtgebiete war ein Million Seller«, sagte Venetia ermutigend.

Angelika nickte langsam, wie um sich selber zu überzeugen. Sie sah Venetia in die Augen und blätterte dann den vor ihr liegenden mehrseitigen Praktikantinnen-Vertrag durch. Zufällig sah sie die Wortgruppe »Schadenersatz bei Abbruch«. Das war ihr alles egal und sie weigerte sich, sich mit solchen Details zu befassen.

 »Zahlt Ihr Gehälter?«

»Kost und Logis, bis du eingearbeitet bist. Die Kantine ist wegen der Cam-Mädchen sowieso 24 Stunden am Tag offen.«

»Könntest du mir nicht bitte wenigstens von den Gewinnen aus dem Projekt etwas abgeben? Das ist in Hollywood ein ganz üblicher Deal.«

Venetia bekam einen Lachanfall und hätte sich fast an dem Champagner verschluckt, den sie aber doch über den Tisch prustete.

»Angelina Jolie.«

»Übrigens auch mit BDSM-Vergangenheit.«

»Das war doch deine Theorie, Angelika: Sexueller Masochismus verdrängt den nichtsexuellen und weckt den Sinn der Masochistin für ihre echten Lebensinteressen. Scheinbar wirkt es schon.« Beide lachten.

»Schauen wir mal, wie du dich machst und wie sich das Projekt entwickelt. – Dolly wird dir alles zeigen. Sie dreht gerade nicht und für ihre Cam-Kunden ist es noch zu früh. Irgendwie geht die Nachfrage nach Mega-Boobs gerade allgemein zurück. Oder Dolly wird zu alt.«

»Vielleicht sollte sie einen Busenfreund heiraten.«

ANHANG

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