Probezeit einer Sklavin (2)

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Bewerbungsgespräch

Sie musste zweimal die U-Bahn wechseln und wurde von manchen Fahrgästen mit ihrem improvisierten Gepäck für eine Obdachlose gehalten, wie sie selber aus den Blicken schloss, die sie auf sie warfen. Ihr Ziel lag nicht in einem reinen Gewerbegebiet, aber doch in einem Teil der Stadt, in den sie sonst nie kam. Die leicht depressive Stimmung war schon wieder da, die fast alle Bezirke außerhalb der Innenstadt bei ihr auslösten, sobald sie auch nur kurz hindurchfuhr. Ein Teil davon war Heimweh. Die City war ihr Dorf, das sie so gut wie nie verließ. Natürlich ärgerte sie sich über die höheren Töchter mit ihren Oberschicht-Müttern, die ihnen bis auf die Hautfalten im Gesicht wie Zwillinge glichen. Oder die inzwischen schon mit mehr Stilgefühl ausgestatteten Super-Natascha-Russinnen mit ihren Oligarchen-Gatten. In ihrem Mikroviertel nur wenige hundert Meter entfernt war es aber schön ruhig und einsam. Die Mittagszeit mit den Gruppen von Anzugträgern auf dem Weg zu Business Lunch Restaurants mit Fleisch aus Massentierhaltung mied sie, die professionelle Hektik und den albernen Büro-Humor vertrug sie nicht gut.

Sie war verunsichert, als an der von ihr notierten Adresse eine Werkhalle stand. Sie ging unentschlossen auf und ab, überwand dann aber ihre Zweifel und ihre Schüchternheit und betrat das Grundstück. Direkt neben dem Eingang stand ein 1977er Porsche 911S in Jägergrün auf einem Parkplatz mit dem Schild »Chefin«.

Die Halle wirkte von innen riesig. Ebenerdig war durch Stellwände ein drei Meter hoher Innenraum definiert. Inmitten ihrer Tüten und Koffer wurde sie wieder unsicher, ob sie wirklich am richtigen Ort war. Eine Frau wie direkt von der Venus Erotikmesse in Berlin erschien: Blonde Extensions, Plateauschuhe aus Plexiglas, breiter Stoffgürtel als Rock über dem halben Po, ein bauchfreies Wickel-T-Shirt, das die Brüste hochschob. Angelika war befremdet und wäre am liebsten gleich wieder gegangen, die Frau strahlte sie aber mit Schlauchbootlippen und grellweißen Zähnen an und nahm ihr mit einem amüsierten Lächeln ihre Sachen ab. Ohne dass Angelika etwas hätte sagen können, wies sie ihr den Weg zu dem Büro der Geschäftsführerin am anderen Ende der Halle in Form eines Übergangs auf einer Empore. Während Angelika den Laufsteg mit Geländer an der Fensterfront in vier Metern Höhe entlangging, konnte sie einen Blick in die oben offenen Räume werfen, in denen junge Frauen aller Rassen und Körperformen sich lasziv auf Betten und Sofas rekelten oder auch schon weiter waren in der Interaktion mit ihren Webcam-Zuschauern.

Angelika blieb in der Tür zu Venetias Büro stehen und hoffte, von ihr bemerkt zu werden. Ihr war bewusst, dass das ihre erste echte Machtprobe war, und sie war entschlossen, sie zu verlieren. Venetia schrieb weiter auf ihrer Tastatur, drehte dann aber doch irgendwann ihren LimbIC® Chair um, stand auf und ging mit einem angeknipsten Strahlen auf sie zu.

»Hallo Angelika. Herzlich willkommen. Du kennst das Gebäude noch gar nicht, oder? Hier wurden früher die Lkw der Post gewartet. Die großen Tore zum Innenhof sind geblieben, die gesamte Ostfassade kann nach wie vor geöffnet werden. Die Bausubstanz ist im Wesentlichen unverändert und die Umgestaltung des Raums für unsere Zwecke ist durch behutsame architektonische Ergänzungen eines führenden internationalen Büros erfolgt. Wir haben den alten Putz entfernt und die Wände weiß gestrichen. Der Fußboden besteht jetzt aus poliertem Beton. Die Insel in der großen Halle ist eine gefaltete, allseitig mit Filz bezogene podestartige Fläche, in der sich die Studioräume und Cam-Zimmer befinden. Sie nimmt außerdem den Empfang in ihre Großform auf. In der kleinen Halle hinter uns befindet sich die Cafeteria. Das architektonische Konzept basiert auf dem Nebeneinander des klar erkennbar Neuen und des respektvoll behandelten Alten. Das hört sich jetzt alles an wie Architektengewäsch, oder? Ich kann das schon auswendig. Ich bin aber auch wirklich stolz auf unser Büro. Die Architektur ist ein ganz wichtiger Baustein in unserer Corporate Identity.«

Angelika saß Venetia in einer Sofaecke ihres verglasten Büros gegenüber. Eine blonde Frau, deren Büstenhalter aus Leder ihre absurde Oberweite kaum halten konnte, brachte zwei Latte Macchiato in großen Gläsern herein. Angelika konnte ihren Blick nicht von den Lederchaps abwenden, die den Blick auf das Becken der Frau freigaben. Sie trug darunter nur einen T-String, der in ihren Körperfalten verschwand. Angelikas Blick drückte Ekel und Faszination zugleich aus.

»Dollys Brüste habe ich kleiner in Erinnerung. Sie sieht ja bald aus wie Chelsea Charms.«

»Sie werden tatsächlich immer größer, das sind nämlich genau die gleichen String-Brustimplantate mit Polypropylen nach Dr. Gerald W. Johnson wie bei Chelsea. Die Implantate saugen nach und nach immer mehr Körperflüssigkeit auf und lassen die Haut der Brüste durch Dehnung mitwachsen. Das Verfahren ist leider in der EU zurzeit verboten. Wir mussten mit ihr extra ins Ausland fliegen. Zeig mal, Dolly.«

Dolly hakte ihr Oberteil vorne auf und wollte ihre Brüste beim Fall mit den Händen bremsen, war aber zu langsam, sodass sie mit einem schmatzenden Geräusch auf ihren Bauch klatschten. Venetia lud Angelika mit Gesten dazu ein, Dollys Brüste auch selber anzufassen und in Schwingungen zu versetzen.

»Beug Dich mal vor. – Jetzt wieder hoch.«

Angelika sah Dolly nach, die mit dem BH in der Hand ihre schweren und schwabbelnden Brüste in den Armen wieder hinaustrug, nachdem sie mehrfach auf umständliche Weise versucht hatte, ihn wieder anzuziehen.

»Das Webcam-Geschäft ist für mich nur die Basis. Wir wollen in Zukunft als Kollektiv handwerklich gute und ästhetisch anspruchsvolle erotische Filme für Frauen und für Männer machen. Authentische Filme, die aus dem Alltag echter Menschen erzählen. Sozialkritisch, feministisch, mit Freude am Leben und an der Sexualität.«

»Erika Lust schon wieder. Das echte Leben ist aber kein Pornofilm«, erwiderte Angelika.

»Denk Dir einmal hypothetisch Sexualität und Erotik weg, da bleibt doch vom Leben wenig übrig. Boy meets girl and they make love. Andere Geschichten gibt es doch im Grunde gar nicht.«

»Wie ich sehe, hast du meine Doktorarbeit aufgehoben.«

Angelika fühlte sich trotz der offensichtlichen psychologischen Manipulation durch den geschickt ausgelegten Ausdruck ihrer Dissertation geschmeichelt. Sie musste an ihren gescheiterten Versuch denken, als Nachwuchswissenschaftlerin Fuß zu fassen. In ihrer Analyse hatte sie ihre an der Universität Konstanz bei der Amerikanistin Aleida Assmann gelernten kulturwissenschaftlichen Methoden auf die von ihr geschätzten Kurzfilme von Peter Acworth und dem ehemaligen Kunstprofessor an der Carnegie Mellon University (Pittsburgh) Brent Scott angewendet. Ihre den ursprünglich marxistischen Cultural Studies und den Gender und Queer Studies nahestehende Betreuerin an einem soziologischen Lehrstuhl in Hessen hatte sie zunächst ermuntert, sich mit diesen extremen Ausprägungen der populären Alltagskultur auseinanderzusetzen, wie sie sich ausdrückte. In in ihrer schriftlichen Begründung der endgültigen Ablehnung der Arbeit hatte sie aber schon den von Angelika behaupteten Kunstcharakter der aus ihrer Sicht schlicht pornografischen und zutiefst sexistischen und misogynen Filme abgelehnt. Sie warf ihr schwere Grundlagenfehler und fehlende Geschlechtersensibilität vor, was bei einer Frau offenbar noch verwerflicher war als bei einem Mann. Angelika hatte in Seminar-Diskussionen mit ihr und anderen Forscher*innen auch in großen Hörsälen voller Student_innen und Gäste einen Sex- und BDSM-positiven Feminismus vertreten. Sie hatte dafür oft im übertragenen Sinne Prügel einstecken müssen und war mit Gegenständen beworfen und hinausgebuht worden. Sie hätte ihre Betreuerin zumindest nicht zusätzlich durch die Wahl des Filmtitels GRAPHIC SEXUAL HORROR (2009) als Haupttitel der Arbeit provozieren sollen. Der Untertitel »Sadomasochistische Körperinszenierungen auf neuen internetbasierten Filmplattformen in den USA« machte es nicht besser. Das war der endgültige career limiting move für ihre Universitätslaufbahn im Gender-Aufwind gewesen. Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie im akademischen Bereich kein Bein mehr auf die Erde bekommen würde. Inzwischen sah sie sich auch selbst nicht mehr als Wissenschaftlerin. Privatgelehrte vielleicht; Professorinnen waren ja nur glorifizierte Oberstudienrätinnen mit älteren Schülern und hatten unter dem Bologna-Regime kaum noch Zeit für die eigene Lektüre. Ihre intellektuelle Lust war das Entdecken, Erfahren und Kennenlernen, nicht das lästige Sammeln, Filtern und Umformulieren. Und auch das Weitergeben an junge Menschen, die vielleicht müde oder lustlos waren oder die das Thema im Grunde gar nicht interessierte, kam für sie nicht in Frage, allein schon, weil sie nicht gerne im Mittelpunkt stand. Abgesehen von den 27 anonymen Käufern der E-Book-Version ihrer Arbeit auf der Amazon Kindle Direct Publishing Plattform zu je 2,99 Euro war Venetia die einzige begeisterte Leserin ihres Textes gewesen, und so hatten sie sich auch kennengelernt. Es fing mit einer Mail von Venetia an den Lehrstuhl an. Später hatte sie Angelika dann gefragt, ob sie nicht selbst auch so etwas machen wollte wie Scott Brent alias PD.

»Hast du gesehen, wie groß der Stand von Clips4Sale auf der Boundcon XI war? Das sind alles Amateure. Jede arbeitslose Hauptschul-Abbrecherin kann heute eine HD-Cam vor ihr Bett stellen und sich bei MyDirtyHobby oder LiveJasmin anmelden. Ich habe zurzeit vierzehn Mädchen, die bei uns vor der Cam arbeiten und stemme mich gegen diesen Trend. Durch das Pornhub Network und die anderen Aggregatoren für Affiliate-Marketing ist die Bereitschaft, für Adult Content zu bezahlen, praktisch auf null gesunken. Die minutenlangen Filmausschnitte in schlechter Bildqualität auf halber Postkartengröße reichen offenbar vielen Zuschauern bereits völlig aus, um zum Orgasmus zu kommen. Vielleicht stellen sie sich den Rest dann einfach nur vor. Wir brauchen jedenfalls neue Ideen. BDSM ist nicht erst seit 50 Shades im Kommen. Wir sagen in der Branche übrigens lieber Fetisch, das klingt nicht so abartig wie Sadomasochismus. Selbst meine Mutter hat die drei EL James Bücher gelesen und mich gefragt, warum wir nicht so etwas machen. Ich bin aber einfach keine Domina und schon gar keine Sklavin.«

»Dein Begleiter hatte aber einen Sklavenhalsring um.«

»Der geht mir auf die Nerven. Den hat er sich selbst gekauft. Ich glaube ich bin mehr Katzenhalterin. Diese devoten Toyboys wissen irgendwie nichts mit sich anzufangen und wollen ständig dominant bespaßt werden. Wenn er sich dann aber ausnahmsweise einmal im Haushalt nützlich machen soll, heißt es dann, er sei Lustsklave und keine Putzfrau. Und wenn ich mit ihm schlafen will, wird er nicht hart, weil ich mich angeblich nicht wie eine richtige Herrin verhalten würde.

Als ich mit achtzehn in die Industrie kam, war Theresa Orlowski (*1953) zwar schon mehr im Hintergrund, aber Dolly Buster (*1969) und Gina Wild – also Michaela Schaffrath – (*1970) waren ganz groß, Michaela mit Venus Award 2000 als Best Actress. Das war so meine Welt. Sklavenmarkt ist mein neues Label für Fetisch-Sachen, und da zähle ich auf dich. Ist doch super, wenn wir ein Uni-Mädchen haben. Wir machen das jetzt richtig intellektuell.«

Angelika erinnerte sich daran, Venetia »Sklavenmarkt« selber als Marke vorgeschlagen zu haben, aber offenbar hatte sie das schon wieder vergessen. Die von dem Familienporträt-Fotografen Johann Schwarzer gegründete Firma Saturn produzierte von 1906 bis 1911 ausschließlich erotische Kurzfilme. Die in ganz Europa erfolgreichen Werke schadeten dem Ruf des Kaiserreichs als Herstellungsland, sodass ein Verbot notwendig wurde. AM SKLAVENMARKT von 1906/07 war vermutlich der allererste BDSM-Film überhaupt. Venetia hatte einen Bildungskomplex und sprach oft über Erika Lusts Bachelor in Politischen Wissenschaften mit den Vertiefungen Gender und Menschenrechte, den sie an der Universität Lund in Schweden erworben hatte. Sie verschenkte dauernd das 2009 bei Heyne auf Deutsch erschienene Werk Porno para Mujeres der seit 2000 in Barcelona lebenden Regisseurin und Produzentin.

 »Ich will mir gerne einmal anschauen, wie Filme handwerklich gemacht werden. Orson Welles soll gesagt haben, die technische Seite könne man an einem Tag lernen.«

»Wenn es wirklich so leicht wäre. Natürlich solltest am Anfang auch mal selber vor der Kamera stehen. Alle hier haben so angefangen. Es funktioniert immer am besten, wenn man alle Seiten kennt.«

Angelika lachte nervös und schüttelte im Geiste ihren Kopf.

»Ganz entspannt. Wir gehen am besten jetzt erst einmal essen.«

ANHANG

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