Probezeit einer Sklavin (1)

 

Coffee

In der größten Filiale einer Coffee House Kette in der Stadt entstand ein kleiner Tumult. Eine Frau mittleren Alters hatte die hinter ihr wartenden Gäste durch eine langwierige Bestellung verärgert, konnte jetzt aber nicht bezahlen. Wieder und wieder durchsuchte sie nervös ihr Portemonnaie und kramte mit hektischen Bewegungen in ihrer Handtasche. Hinter ihr wuchs der Unmut. Die unerwünschte Aufmerksamkeit, die die Frau auf sich zog, ließ sie erröten. Widerwillig versuchte der Barista eine Kartenabbuchung, die zweimal fehlschlug. Die Frau versprach, nur schnell zur Bank zu gehen und danach gleich wiederzukommen. Mit hochrotem Kopf und Schweiß auf der Stirn huschte sie an der langen Schlange der Wartenden vorbei. Dabei musste sie ihre missbilligenden Blicke und ihre teilweise nicht nur getuschelten spitzen Bemerkungen über sich ergehen lassen.

In der Bankfiliale zwei Häuser weiter schluckte der Geldautomat sofort, nachdem sie ihre Geheimzahl eingegeben hatte, ihre Maestro-Karte. Die Frau schien darüber erschrocken zu sein, was die anderen Kunden im Automatenbereich belustigte. Sie sah zu Boden und verließ fluchtartig den Raum. Draußen wäre sie fast in ein Paar hineingelaufen, das sich ihr in den Weg stellte. Für Mutter und Sohn wirkten sie zu innig. Die Frau hielt ihr mit einem triumphierenden Grinsen einen Pappbecher mit Logo hin.

»Hier ist dein Kaffee, Angelika. Du bist eingeladen.«

»Danke, Venetia.«

Die Frau und der junge Mann lachten und sie lachte dann auch verschämt ein wenig mit. Sie entfernte den Plastikdeckel und sah ihre Gönner nachdenklich an, während sie einen Schluck trank.

»Ihr seht aus wie ein Ehepaar, Venetia«, sagte sie, und bereute zugleich die Aggression, die darin lag.

Gut gekleidete Menschen machten sie neidisch und sie suchte dann immer nach Stilfehlern, die sie beruhigen würden. Venetia trug zu Sandalen mit zehn Zentimeter hohen Absätzen einen seidig schimmernden hellen Jumpsuit mit einem Kordelzug in Taillenhöhe, Bündchen an Hand- und Fußgelenken und einer Kapuze. Hipster Porn, dachte Angelika. Mehr Streetstyle als Modestrecke in einem Frauenmagazin. Venetia hatte die gute Haltung einer Frau, die Yoga seit Jahren sehr ernst nahm. Trotz des professionell aufgetragenen Make-ups sah man die Sonnenschäden in ihrem gebräunten Gesicht, die ihr das Aussehen einer Cougar-Frau gaben. Der langhaarige Toyboy an ihrer Seite trug die Karikatur eines Anzugs mit Hosen, die so eng wie Leggings saßen, Biker Boots, eine sehr kurze und enge Anzugjacke und darunter nur ein T-Shirt. Offenbar keine Unterwäsche, denn seine Genitalien zeichneten sich gut sichtbar im Schritt ab. In ihrem Bewusstsein leuchtete das Wort »Fleischpenis« auf. Der knabenhafte Mann hielt die Hand vor seinen Hals, aber sie sah doch, dass er einen Metallreif trug. Ihre Augen trafen sich kurz und jeder verstand, was der andere dachte.

»Und du siehst aus wie eine katholische höhere Tochter, deren Eltern vor einigen Jahren die Zahlungen eingestellt haben«, sagte Venetia laut in die Stille hinein.

»Sieht der Mantel wirklich schon so schlimm aus?« Angelika betrachtete nachdenklich die abgeriebenen Ärmelkanten an der Unterseite ihrer Handgelenke.

»Und deine Ballerinas haben auch schon bessere Tage gesehen.« Sie sah auf ihre Schuhe.

»Jedenfalls danke für den Kaffee.«

»Ruf mich an. Tu es einfach.«

Abtötung

Angelika rannte über den kleinen Kirchplatz, während das Glockenläuten verstummte. Vor dem Eingang hielt sie kurz inne und warf sich einen gestickten Schleier über den Kopf und ihre Schultern und steckte ihn fest; dabei fiel ihr eine Klammer aus den zitternden Händen. Sie zog die schwere Kirchentür mit ihrer ganzen Kraft einen Spalt breit auf und schlüpfte hindurch. Die von ihr bevorzugten hinteren Reihen waren alle besetzt. Mit den Augen suchte sie einen freien Platz, während sie die Aufmerksamkeit der Gläubigen spürte, die sie in ihrer Vorstellung alle anblickten und sie dafür verurteilten, dass sie zu spät gekommen war. Sie beugte im Mittelgang das rechte Knie bis ganz zum Boden und senkte dabei den Kopf und sah dann die drei vor dem einzigen noch freien Platz sitzenden Frauen flehentlich an, die widerwillig wieder aufstanden. Angelika zwängte sich an ihnen vorbei und sah jede schuldbewusst an, nickte und schloss die Augenlider und bewegte ihre Lippen zu einem nur gehauchten »Danke«. Die Frauen und Mädchen in der Kirche trugen eine weiße Mantille wie sie und waren ebenso züchtig gekleidet. Der die heiligen Gewänder tragende Priester und die beiden Messdiener musterten die Szene aus den Augenwinkeln, ließen sich aber nichts anmerken. Angelika öffnete den Reißverschluss des Lederetuis und legte ihr Römisches Messbuch in der Fassung von 1962 vor sich auf die Ablage. Alle knieten nieder und machten mit dem Priester das große Kreuzzeichen.

»In nómine Patris, et Fílii, et Spíritus Sancti. Amen.«

Angelika kniete mit zum Gebet aneinandergelegten Händen und gesenktem Kopf in ihrer Holzbank. Das Lederpolster machte es etwas bequemer, aber sie war als Evangelische das Knien nicht von Kindesbeinen an gewöhnt wie die anderen und litt, was ihr gleichzeitig insgeheim zusagte. Sie kam bei den unveränderlichen und veränderlichen Bestandteilen der Messe durcheinander und legte ihr Messbuch mehrfach frustriert wieder hin. Früher hatten ihre Nachbarinnen ihr noch geholfen, aber offenbar war sie ein hoffnungsloser Fall. Ihr Blick war trotzdem voller Inbrunst, während sie den in lateinischer Sprache vorgetragenen Gebeten des Priesters und der beiden ihm assistierenden Knaben lauschte, die der Gemeinde den Rücken zugekehrt hatten. Es gab zwar auch gemeinschaftliche Gebete und Gesänge, an denen sie sich leise beteiligte, damit ihre Fehler und Lücken nicht auffielen, aber eigentlich wohnte »das Volk« nur einer Messe bei, die der Priester als Auserwählter für Gott selbst zelebrierte. Oft schloss sie die Augen. Ein tranceartiges kribbelndes und schwebendes Gefühl stellte sich ein und sie genoss es.

Wie immer blieb sie bei der Kommunion als Einzige in der Bankreihe sitzen und beneidete die anderen Gläubigen, denen von dem Priester die Hostie auf die ein wenig aus dem Mund herausgestreckte Zunge gelegt wurde, während ein Messdiener eine Patene unter das Kinn des knieenden Kommunikanten hielt, um eventuell herabfallende Partikel aufzufangen. Wie schön die jungen Frauen in ihrer traditionellen Kleidung wirkten. Keine einzige trug Hosen, einen zu kurzen Rock oder hohe Schuhe. Sie wollte so werden wie sie.

Auf dem Kirchplatz wartete Angelika in geziemendem Abstand darauf, dass der Graf seine Gespräche beendet haben würde. Ein Teil der Gläubigen ging nach der Messe gemeinsam in einem nahegelegenen Gasthof und sie wollte ihrem Mentor auch heute dorthin folgen. Der Graf war einer der Menschen, die kraft ihrer Herkunft und Eleganz einen natürlichen Herrschaftsanspruch verströmten. Angelika fühlte sich von ihm in seiner Nähe nur geduldet, war aber in den zurückliegenden Monaten mehrfach von ihm aufgefordert worden, sich am Sonntagnachmittag an Ausflügen einer kleinen Gruppe von Auserwählten zu beteiligen. Der Graf lud sie auch regelmäßig zu einem privaten Bibelkreis in seine Etagenwohnung ein, der immer mit einem bescheidenen Essen verbunden war. Er versuchte, Angelikas Glaubensfeuer noch mehr anzufachen und ihr ihre – wie er es nannte – satanischen Neigungen auszutreiben. Wobei er nichts gegen Masochismus an sich hatte, aber eben nur als Askese und Abtötung des Leibes. Beim ersten Mal hatte sie das Wort Abtötung als bedrohlich empfunden, gewöhnte sich aber bald daran. Es war an sich nicht körperfeindlich gemeint, denn was bekämpft werden sollte, war nur die Neigung des Menschen zur Sünde und zum Begehren, die der Körper förderte. Die wieder in die Schachtel zurückgelegte Praline war daher bereits eine vollwertige Abtötungshandlung. Alles Sexuelle kam direkt vom Teufel, sofern es nicht durch das Sakrament der Ehe und das unmittelbare Ziel der Fortpflanzung geheiligt war. Und die Aktfotos in automasochistischen und exhibitionistischen Posen im Internet, von denen Angelika dem Grafen in einem Moment völliger geistiger Unterwerfung berichtet hatte, waren ihm natürlich ein Gräuel. Sie hatte sie dann auch wirklich gelöscht, sofern sie das noch beeinflussen konnte, da einige im Netz schon weit verstreut waren und die Korrespondenz mit den über die Google-Bildersuche ermittelten Webseitenbetreibern sich hinzog.

Am Anfang ihrer katholischen Phase war Angelika auch für einige Wochen zu der geheimnisvollen Organisation gegangen, die Dan Brown in The Da Vinci Code (2003) geschildert hatte, in Deutschland hieß das Buch Sakrileg. Die berühmten Bußgürtel – Dornenbänder aus Stahldraht, die sehr eng um die Oberschenkel geschnürt wurden – hatten die Damen des Werks aber nicht getragen, zumindest nicht in ihrer Gegenwart oder nur so, dass sie es nicht bemerkte. Die Wohngemeinschaft alleinstehender berufstätiger Frau in einer Villa mit Garten hatte ihr gut gefallen. Alle waren wirklich ganz reizend und zuvorkommend zu ihr gewesen. In der Hauskapelle im Keller gab es eine echte Reliquie, einen Splitter vom Heiligen Kreuz. Und dem Werk gehörte ein richtiges Schloss an einem oberitalienischen See, in dem sie an mehrtägigen Exerzitien teilnahm. In dem weitläufigen Renaissancegarten ging sie mit den anderen Teilnehmerinnen in einer Schlange im Kreis und betete dabei Rosenkränze. Beim Essen durfte sie wie die anderen aus der Lebensgeschichte eines Heiligen vorlesen und empfand das als besonderes Privileg.

Sie hätte auch gerne bei einem richtigen Priester gebeichtet, so wie sie das aus vielen Filmen kannte, aber dazu musste sie erst in die katholische Kirche übertreten und die Anmeldefrist für den laufenden Konversionskurs der Diözese war schon verstrichen.

Die Gesprächsthemen der Tischrunde im Gasthof waren wie immer die jüngsten Verfehlungen der Amtskirche und einzelner Gläubiger aus der Gemeinde. Angelika bemerkte, dass der Graf sie wohlwollend betrachtete. Obwohl sie hungrig war, hatte sie nur eine klare Suppe bestellt, für die ihr Kleingeld gerade noch ausreichte.

Alle standen auf, als der Distriktobere der Bruderschaft mit dem Ortspriester zu der Runde stieß. Auf Angelika wirkte er mit seiner scharf gescheitelten und geölten Herrenfrisur und seinem militärischen Auftreten wie ein General oder Chefarzt. Der Graf stellte Angelika vor und sie machte einen formvollendeten Knicks, indem sie beide Knie leicht beugte und den Nacken neigte. Der Distriktobere richtete das Wort an sie: »Willkommen in unserer Gemeinschaft, meine Tochter.«

Der Kellner stellte ihr das teure Hauptgericht hin. Angelika wehrte sich dagegen, aber der Graf bedeutete dem Kellner, dass alles seine Richtigkeit habe. Sie errötete vor Dankbarkeit und nahm sich fest vor, den traditionellen vorkonziliaren Glaubenskurs jetzt wieder jede Woche zu besuchen und sich auch sonst ganz den Zielen der Bruderschaft hinzugeben. Zugleich hatte sie das Gefühl, dass ihr zu viel Gutes widerführe und dass sie über das ihr zustehende Maß hinaus erhöht würde. In ihr entstand der Wunsch, dafür zu büßen, um die Übertreibung wieder auszugleichen und das Schicksal zu besänftigen. Wie in einer mathematischen Gleichung musste unter dem Strich ein Wert eingefügt werden, mit dem sich der zu groß gewordene Zähler oben herauskürzen ließ. Und dieser Wunsch nach einem Ausgleich erzeugte ein interessantes Ziehen in ihrem unteren Bauch.

Brennnesseln und Steine

Heute hatte niemand Zeit für sie, und so unternahm sie allein einen Sonntagsausflug zu dem See draußen auf dem Land, an dem sie sonst manchmal mit dem Grafen und seiner Gruppe spazieren ging. Da sie kein Auto hatte, nahm sie die Bahn. Das Schwarzfahren machte die Fahrt für sie zu einem gefährlichen Unternehmen, obwohl am Sonntag selten kontrolliert wurde. Bei jedem Halt musterte Angelika ängstlich die zusteigenden Fahrgäste, um festzustellen, ob nicht Kontrolleure in Zivil darunter sein könnten. Dabei bekam sie Herzklopfen und schwitzte unter den Achseln.

Die meisten jüngeren Fahrgäste im Zug und auf dem Bahnsteig sahen in ihre Smartphones und Tablets. Angelika musste darauf verzichten, seit die Telefongesellschaft ihr wegen Zahlungsrückständen den Vertrag gekündigt hatte. Es hatte sie aber auch vorher kaum jemand angerufen oder ihr Nachrichten geschickt. Jetzt kam es ihr vor, als seien alle bis auf sie von einer außerirdischen Macht hypnotisiert worden. Sie waren dazu gezwungen, ständig in ihre Handflächen zu sehen und die gläsernen Oberflächen der Geräte mit den Fingern zu berühren und wurden auf diese Weise ferngesteuert. Sie beobachtete stattdessen die anderen Fahrgäste und ließ die Landschaft an sich vorüberziehen. Sie malte sich in ihrem Kopfkino das Drehbuch für den Nachmittag in allen Details aus, was sie spürbar erregte. Immer, wenn es ihr zu viel wurde, wandte sie sich wieder der Landschaft zu, denn zum Masturbieren war das Abteil zu voll. Fast hätte sie ihre Zielstation verpasst und es gelang ihr gerade noch, sich durch die mit einem akustischen Signal schließenden Wagentüren zu zwängen, wobei sie Angst um ihren Mantel hatte.

Da es ein trüber Tag war, waren nur wenige Ausflügler unterwegs. Nach einiger Zeit erreichte sie den Wald. Angelika schlich sich tief im Unterholz zu der Stelle, die ihr Ziel war. Eine kleine Lichtung war hüfthoch mit Brennnesselstauden bewachsen. Vorsichtig strich sie mit der Innenseite ihres Handgelenks von oben nach unten über die Brennhaare an den Blattunterseiten und an dem Stängel einer am Rand stehenden Staude. Sie zuckte zusammen, vor Schreck und auch vor Glück über kommende Freuden. Vorsichtig zog sie erst ihren schwarzen einreihigen Wollmantel aus, dann die Schuhe, ihren knielangen Faltenrock, das Twinset und die weiße Wollstrumpfhose, die sie sorgfältig zusammenrollte und in eine Manteltasche steckte, weil es eine ihrer letzten ohne Löcher war. Sie schälte sich aus dem figurformenden Mieder, das außer ihrem Brustkorb und Rumpf und ihrem Becken auch ihre Oberschenkel zusammenpresste. In einem hautfarbenem Nude-Ton, weil das an sich attraktivere Schwarz schädliche Farbpigmente enthalten konnte. Es war so teuer gewesen, dass sie es hatte stehlen müssen wie viele andere Luxusartikel auch.

In ihrer Fantasie war sie schon oft bei Ladendiebstählen ertappt worden. Sie wurde in Handschellen durch das ganze Kaufhaus und die belebte Fußgängerzone zum Polizeikastenwagen abgeführt, wo sie am Fenster sitzend wie am Pranger zur Polizeidirektion gefahren wurde und dabei in Gesichter sah, die Verachtung und Schadenfreude ausdrückten. Auch die Aussicht auf eine mögliche Inhaftierung in einem Gefängnis regte ihre Einbildungskraft an. In der Realität war es aber nur zu einer einzigen Konfrontation mit einem Detektiv eines Drogeriemarkts gekommen, der ihr nach einer Verfolgungsjagd in der Fußgängerzone eine Packung Advanced Night Repair Serum wieder abgenommen hatte. In seinem winzigen fensterlosen Büro hatte er ihr einen Blow Job als Wiedergutmachung vorgeschlagen. Offenbar bekam er keine Fangprämien oder der Oralsex mit ihr war für ihn wertvoller, was sie ein bisschen stolz machte. Der Mann war irritiert gewesen, als sie ihm dabei in die Augen sah, und ekelte sich fast vor ihr, als sie ihn aussaugte, sein Ejakulat schluckte wie eine liebende Frau. Als sie weiter seinen Penis lutschte, riss er ihn ihr fast aus dem Mund, packte ihn weg und wandte sich rasch von ihr ab.

Vor dem Diebstahl des Mieders hatte sie sich in einem anderen Geschäft als dem geplanten Tatort beraten lassen. Die Verkäuferin fand S viel zu klein für sie, aber sie empfand die kraftvoll formende Kompression als angenehm streng.

Angelika legte ihre Kleidung auf dem Waldboden ab und zog völlig nackt die Lederhandschuhe wieder an. Ganz langsam näherte sie sich dem Rand des Brennnesselfeldes. Respektvoll berührte sie mit den Beinen die ersten Stängel und zog sich leise seufzend wieder zurück. Drang wie in Zeitlupe rückwärts in das Feld ein, ging dabei in die Knie und schwenkte die Hüften und den Po, wie sie es bei Hip-Hop-Tänzerinnen gesehen hatte, stöhnte und zog sich erneut zurück. Dann lief sie mit erhobenen Armen schnell durch das ganze zehn Meter lange Feld, drehte hinten um und lief zurück, kleine Schmerz- und Lustlaute von sich gebend. Am Rand erholte sie sich kurz. Dann watschelte sie langsam im Entengang mit den Pobacken auf den Fersen wieder bis ganz zum Ende, wobei sie ihr Gesicht mit den behandschuhten Händen schützte. Zwischen ihren gespreizten Beinen wurden die Halme zusammengeführt und schleiften dann in einem dicken Bündel über ihr Geschlecht, den Damm und zwischen ihren Pobacken hindurch. Sie machte hinten nicht kehrt, sondern ging rückwärts zurück, wobei sie noch langsamer war. Danach machte sie eine Pause, stützte sich an einem Baum ab und sah sich ihre Beine und ihr Geschlecht mit klinischer Distanz an. Überall wo die nur zwei Millimeter langen Härchen nach dem Abbrechen der Köpfe mit den scharfen Bruchstellen in die Haut ihres Opfers gestochen hatten, hatten sie ihr Gift mit Druck in die Wunde gespritzt. Angelika genoss den brennenden Schmerz. Zufrieden beobachtete sie die in Zeitlupe entstehenden Quaddeln und die zunehmende Rötung der Haut. In dem Wunsch, die Wirkung noch zu verstärken, riss sie Stängel aus und schlug sich dann mit dem Bündel so lange heftig zwischen die Beine und auf den Po, bis sie von dieser Raserei ganz erschöpft war. Es erwies sich wieder einmal als Vorteil, dass sie keine Schamhaare hatte. Durch das jahrelange Ausreißen einzelner Haare mit einer Pinzette zu Hause waren sie erst dünner geworden und irgendwann gar nicht mehr nachgewachsen.

Nackt und barfuß schlich sie durch das Unterholz. Der Waldboden barg unangenehme Überraschungen für ihre nackten Füße. Obwohl sie die Füße vorsichtig wie eine Katze aufsetzte, trat sie immer wieder auf im Humus verborgene spitze Holzstücke und verlagerte dann das Gewicht blitzartig mit schmerzverzerrtem Gesicht auf das andere Bein, wobei sie mehrfach hinfiel. In einer Bodensenke versank sie mit den Füßen im Morast und blieb stecken. Nur mit Mühe erreichte sie auf Knien wieder festen Boden. Bald erreichte sie eine vom Wanderweg aus nicht einsehbare Stelle im Schilf am Ufer des Sees mit Sand und Steinen. Mit der Hand fühlte sie die Wassertemperatur. Es war zum Baden noch viel zu kalt, sie hatte aber das unwiderstehliche Verlangen, ihre brennenden Beine zu kühlen und watete in den See hinein. Die Kälte betäubte ihre Füße und Unterschenkel und raubte ihr den Atem. Trotzdem ging sie langsam immer weiter, bis das Wasser ihr Geschlecht erreichte. Sie tauchte ganz unter und hielt die Luft an, verschloss mit Zeigefinger und Daumen ihre Nasenlöcher und schaute mit offenen Augen unter Wasser um sich, bis ihre Atemnot zu groß wurde und sie nach Luft japsend die Wasseroberfläche durchstieß. Sie wiederholte das zweimal, dann hielt sie es vor Kälte nicht mehr aus und watete zurück ans Ufer.

Sie hockte sich auf den kleinen Strand und sah auf den See hinaus. Ihre Hand glitt sanft über die vom Wasser gerundeten Steine. Sie nahm einen in die Hand, wusch ihn im Wasser, spuckte darauf und rieb ihn mit dem Speichel ein. Vorsichtig führte sie ihn in ihre nicht nur vom Wasser nasse und verschleimte Vagina ein. Ermutigt, sparte sie sich bei den nächsten das Einspeicheln und danach sogar das Abwaschen des Sandes und stopfte einen nach dem anderen in ihre Öffnung, bis auch viel Druck nicht mehr half und der letzte immer wieder herausfiel. Sie richtete sich dann auf und ging zurück in den Wald, wobei sie in gebückter Haltung mit beiden Händen ihre Vulva an den kleinen Schamlippen so fest zuhielt, dass die Steine an ihrem Platz blieben. Es war anstrengend, den Kopf mit gebeugtem Oberkörper so weit aufzurichten, dass sie nach vorne sehen konnte. Auf dem Weg zu ihrem Kleidungsstapel musste sie sich kurz verstecken, weil zwei sich lebhaft in dem lokalen Dialekt unterhaltende Spaziergänger auf dem Wanderpfad vorbeigingen. Sie schienen sie aber nicht zu bemerken.

Zufrieden zog sie auf der Lichtung den Body hoch und überprüfte durch einige Schritte, ob die Steine sicher festgehalten wurden. Sie kleidete sich wieder an und machte sich berauscht und glücklich auf den Heimweg. Die schmerzhaften Bewegungen der Steine tief in ihrem Becken und zwischen ihren Beinen und das Brennen von den Füßen bis zum Hals hielten sich als Empfindungen die Waage.

Sie erinnerte sich aus den Vorjahren an das, was ihr bevorstand. Ihr war kalt, weil ihr Körper so erhitzt war, und sie zitterte leicht und schüttelte sich immer wieder unwillkürlich ein wenig. Das würde sicher noch ein bis zwei Stunden so weitergehen. Einen Tag und eine Nacht lang würde wieder dieses seltsame Gefühl kommen, dass Millionen von kleinen Lebewesen unter ihrer Haut herumkrabbelten. Wie ein Kitzeln, aber härter und feiner und überall zugleich. Das Jucken in der Woche danach war nichts dagegen. Sie würde eine schlaflose Nacht verbringen. Es würden schöne Tage werden.

Sie hatte gelesen, dass der Schmerz eine körperliche Stressreaktion auslöste, die eine Ausschüttung vom Körper selbst produzierter Opioide hervorrief und dass die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin in den synaptischen Spalt dadurch verstärkt wurde. Sie hätte nicht sagen können, warum es überhaupt Unterbrechungen in den Nervenbahnen gab und bei Opioiden musste sie an Opiumhöhlen denken und an Johnny Depp in FROM HELL (2001), der dort den Tod seiner Frau und seines Kindes vergessen wollte. Beim Lesen solcher Texte hatte sie nur eine Ahnung von dem Gemeinten und die Details blieben ihr ein Rätsel. Eigentlich war sie aus ihrer eigenen Sicht zu dumm für Naturwissenschaften. Chemische Formeln waren für sie im Schulunterricht Hieroglyphen geblieben. Offenbar war in der Gehirnforschung aber auch vieles noch umstritten, was sie mit ihrer Unfähigkeit ein wenig versöhnte. Es waren auch noch andere Neuromodulatoren, Neuropeptide und Neurohormone im Gespräch und es gab Streit über deren relative Rolle und Bedeutung. Alles spielte sich auf einer molekularen Ebene weit jenseits der menschlichen Wahrnehmung ab. Der biologisch-medizinische Grundgedanke des Rausches war für sie aber zuverlässig abrufbar und wie ein Mantra trat er auch jetzt wieder in ihr Bewusstsein. Wie immer hatte sie in ihrem masochistischen Delirium alle ihre großen und kleinen Sorgen vergessen und war ganz bei sich und lebte mit allen Sinnen ganz im Moment auf niedrigster Bewusstseinsstufe reinen Lustschmerzes. Vorher und nachher war ihr immer bewusst, dass ihr Verhalten exzentrisch war und von vielen Beobachtern missbilligt werden würde, wenn sie sie gesehen hätten oder wenn sie davon erführen. Andererseits entschied sie sich bewusst für diese für sie ebenso lustvollen wie schmerzhaften und unangenehmen Behandlungen ihres eigenen Körpers und empfand es als Freiheit zum Leiden, die sie für sich in Anspruch nahm. Es waren ihr Leben und ihr Körper, und sie konnte damit tun, was immer ihr in den Sinn kam.

Obdachlos

Angelika wachte auf und hörte Lärm im Hausflur. Zorn über die Verursacher stieg in ihr auf, denn es war noch nicht einmal acht Uhr. Sie erschrak, weil die Wohnungstür offenstand. Ein Handwerker sah sich das Schloss an. Draußen im Gang standen eine Gerichtsvollzieherin, zwei Polizeibeamte und der Sohn ihres Vermieters und unterhielten sich.

»Warum sind Sie denn immer noch da, Frau Berger? Bitte übergeben Sie mir jetzt sofort alle Schlüssel und verlassen sie die Wohnung. Der Vermieter macht ein Vermieterpfandrecht an allen ihren beweglichen Sachen geltend. Dagegen können sie nur gerichtlich vorgehen.«

Hastig zog sie sich an und packte einige Sachen im Bad zusammen. Die Gruppe hatte die Wohnung betreten und beobachtete sie dabei misstrauisch. »Was sind denn das für Steine hier auf dem Boden? Und wo sind die anderen Sachen, die neulich noch hier waren?«

 »Die habe ich verkauft.«

»Die Kleidung können Sie mitnehmen, mein Vater und ich sind keine Unmenschen. Wir haben mit Ihnen eine Engelsgeduld bewiesen, aber irgendwann ist einfach Schluss.«

Kurze Zeit später stand Angelika mit einem Rollkoffer, einer Reisetasche und mehreren großen Plastiktüten vor dem Haus und wurde von den Passanten auch wegen ihrer wilden Frisur und der großen Laufmasche in ihrer nicht ganz sauberen weißen Strumpfhose neugierig beäugt. Sie floh fast vor ihnen, kam dabei aber nur langsam voran, weil ihr immer wieder etwas aus den Händen fiel oder der Koffer umstürzte.

 

ANHANG
 

https://demselbstentkommen.tumblr.com/post/157786725874/a1coffee

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Kommentare

Bild des Benutzers Fickbock

wenn man einmal drin ist kommt ein Rücksprung. Man weis gar nicht was der titel eigentlich soll. Man könnte auch tituliern ein totales durcheinander des Lebens

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und versuchst den Weg für die eigentliche Geschichte zu bereiten. 

Auch Mosaike können Geschichten erzählen. Dies gelingt hier nicht! Keinerlei Verbindung zwischen den Fragmenten. Der Leser wird von einer Episode in die nächste gestossen. Nebensächliche Details sind wichtiger als die Emotionen der Figuren: Kaffebecher MIT Logo, Römisches Messbuch in der Fassung 1962, Da Vinci Code aus dem Jahre 2003 und dass Johnny Depp in FROM Hell (2001) gespielt hat - da erfahre ich über Angelika weniger.

Dabei könntest du gut schreiben, wenn du nur ein richtiges Konzept und eine Struktur für den Plot hättest. So kommt das Ganze eher daher wie ein deutscher Beitrag für den Eurovision Song Contest: bemüht, aber erfolglos.

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Bild des Benutzers r.desade

Mir ist nicht ganz klar, was das ganze soll. 

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