Missverständnisse

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Missverständnis I: Taubenfüttern.

Mattgoldenes Licht sickert wie Honig durch das immergrüne Blätterdach jener Gärten, die du Paradies nennst. Du brauchst nur einen Moment die müden Augen zu schließen und dich ein wenig zurückzulehnen, schon vernimmst du das süße Rauschen der Ewigkeit in dem sich alle Last und Sorge wie Schaum in der Brandung auflöst. Leider bedeutet dir das Eden deiner Träume nicht nur Verheißung, sondern auch Qual, denn am Ende aller Zeit gelegen erfüllen seine unerreichbaren Wunder dein vergängliches Herz mit einer unstillbaren Sehnsucht – die Trauer der Menschenkinder. Doch längst nicht alle Sterblichen begnügen sich mit der wagen Hoffnung auf Erlösung, sondern eifern, blind und vermessen, nach immer mehr. Und so ersinnen deine Brüder und Schwestern, deine Freunde und Feinde, ja selbst die gesichtslosen Passanten, die an dir vorbeihasten, eine unsinnige Abkürzung nach der anderen, erfinden Marschflugkörper, Wasserspender und  Thermounterwäsche, entwerfen Organigramme und schmieden Investmentpläne. Allesamt Verlorene in einem Labyrinth aus verworrenen Umwegen, die sich, träge und unglücklich, mit dem Leid der anderen zu trösten suchen. Du aber nicht. Du sitzt im Park.

Dein kleines Stück vom Paradies ist etwas abseits der Hauptstraßen gelegen, versteckt zwischen zwei himmelstürmenden Bürotürmen. Eigentlich kaum mehr als eine unscheinbare, grüne Rasenfläche, eher Vorgarten denn Anlage, doch das wenige Gras und eine Hecke genügen um so etwas wie Frieden in die urbane Hektik einkehren zu lassen. Kinderlachen übertönt den  rauschenden Verkehrslärm und nichts, nicht einmal ein winziges Wattewölkchen, verdeckt dir die Aussicht auf den eisblauen Himmel.

Sichtlich zufrieden mit dir, deiner Stadt und dem Erdball im Ganzen sitzt du auf einer schmalen Holzbank und lässt dein Gesicht vom warmen Sonnenlicht kitzeln während du gedankenverloren die Tauben mit den Resten deines Mittagessens fütterst. Letzteres ist verboten, doch den dicken, bärtigen Mann im Blaumann gegenüber kümmern Grünanlagennutzungsverordnungen und Gemeindebußgeldkataloge scheinbar ebenso wenig wie dich. Verschwörerisch zwinkerst du ihm zu und schenkst deinem zotteligen Komplizen ein freundliches Lächeln. Sogar einen richtigen Eimer hat er zur Tierfütterung mitgebracht, denkst du anerkennend, aus dem er das Korn in rauen Mengen unter das rostgraue Taubenvolk verteilt.

Deine gut gemeinten, aber trockenen Brotkrumen können da leider nicht mithalten. Und so wendet sich der einsame Vogel, der bisher eher gelangweilt an dem Gebäck zu deinen Füßen gepickt hat mit einem vernichtenden Blick aus runden Knopfaugen von dir und deiner Gabe ab. Viel lieber macht er sich gemeinsam mit seinen Artgenossen über die goldene Saat her, die auf der anderen Seite des Rasens leise, aber verlockend auf den Boden regnet. Trotzdem bist du deinem pikierten Gast nicht böse, denn der Versuchung sind seit Adam und Eva schon Unzählige erlegen, auch solche, die es besser wussten und dennoch kein Halten kannten. Was will man also von einem Tier verlangen, das sich mit anderen um das Futter balgt. Eine zuckende Masse gefiederter Leiber, die wild um sich treten, kratzen, hacken, und deren Anblick dich, trotz aller tierischer Unschuld, mit einem Gefühl von leichter Abscheu erfüllt.

Schon willst du dich verlegen abwenden, da entdeckst du es. Ein schwarzer, gemein grinsender Totenkopf prangt auf dem vergnügt bunten Plastikeimer aus dem dein Gegenüber großzügig schöpft. Daneben prangen dicke Lettern, die vor seinem giftigen Inhalt warnen. Vogeltod. Aber die Tauben fressen in blinder Gier, stopfen sich die Mägen mit dem köstlichen, aber mörderischen Korn voll. Wie könnte es auch anders sein, denkst du dir betrübt. Es sind Vögel. Die können nicht lesen, sondern nur fliegen. Wie...

 

Engel.

Die blonde Frau ist hinreißend anzusehen. Jung, mit samtweicher, vornehm blasser Haut und kleinen, aber festen Brüsten, hängt sie an dem faltigen Sack des graumelierten Mannes, den sie, obschon er ihr Vater, ja sogar ihr Großvater sein könnte, mit ihrer Katzenzunge hingebungsvoll leckt. Sie kniet, die Hände auf den mit roten Striemen überzogenen Rücken gebunden und müht sich bereits geraume Zeit redlich mit dem runzeligen Glied ab, das sein Besitzer wohl nur mehr schlecht als recht hoch bekommt. Sie ist dennoch geduldig und zärtlich, zumal ihr eine Peitsche, mit der sie soeben gezüchtigt wurde, als gemeine Mahnung dient. Sein Kugelbauch wölbt sich dabei unansehnlich, doch stört es sie bei der Verrichtung ihres schmutzigen Liebesdienstes scheinbar ebenso wenig, wie der Geruch des stöhnenden Mannes, der schwer in der Luft liegt. Es ist der unverwechselbare Gestank des Alters, modrig, sauer und schal.

Zufrieden mit sich und seinem gemeinen Werk betrachtet der Alte das rhythmische Kopfnicken der jungen Frau, reckt ihr auffordernd und schamlos seinen Unterleib entgegen. Doch dann blickt sie ihn aus grauen, unergründlichen Augen an und es ist, als ob das Schicksal eine Seite im kosmischen Buch des Lebens umgeschlagen habe. Ein himmlisches Strahlen fällt aus dem Herz der Ewigkeit auf ihre ebenmäßigen Gesichtszüge, ein überirdisches Leuchten, das den erschrockenen Greis, das triste Hotelzimmer und die restliche Welt in dunkle Schatten versinken lässt. Jäh weicht das billige Triumphgefühl, dass den Alten wie gepanschten Fusel berauscht hat, und bittere Ernüchterung hält Einzug.

„Warum ist mir der wunderbare Glanz in ihrem Blick bisher nicht aufgefallen“, fragt er sich verstört, „warum habe ich nie ihre Unschuld und Reinheit bemerkt?“. Unsicherheit macht sich in ihm wie ein wucherndes Geschwür breit, lähmt seinen Geist und seinen eingefallenen Körper. Alles scheint ihm mit einem mal fahl und schal und er bereut die Schläge, die Beleidigungen, die Demütigungen. Ein Gefühl von unerträglicher Schuld bemächtigt sich seiner, lässt ihn vor Übelkeit würgen, während sich sein schwarzes Herz verkrampft. Wie hat er es jemals wagen können Hand an einen solchen wunderbaren Menschen, einen solchen Engel zu legen?

Panisch und mit schamgeröteten Wangen zieht er seinen Schwanz aus ihrem herrlichen, jungen Mund, der wenige Augenblick zuvor nicht mehr als ein Fickmaul gewesen ist. Und während die blonde Frau noch verdutzt nach Atem ringt und Rachenschleim auf den weichen Teppichboden speit, sackt er, wie von einer tödlichen Kugel getroffen, auf seine dürren Knie. „Ich liebe Dich, Sandrine, ich liebe Dich so sehr“, presst er mühsam heraus und beginnt die junge Frau, die sich für ihn auf wundersame Weise von bloßem Fotzenfleisch in eine überirdische Schönheit verwandelt hat, mit bebenden, feuchten Lippen zu küssen.

Sandrine, Engel wider willen, starrt indes fassungslos auf das sabbernde Etwas, das bis eben noch ihr Herr, zumindest so etwas in der Art gewesen war, und jetzt, schwammig, aufgedunsen und weich, an ihrem Schwanenhals hängt. „Verdammt“, verflucht sie im Stillen ihr maßloses Pech. Es war schon wieder passiert, das dritte Mal in diesem Jahr. Angeekelt betrachtet sie das Häufchen Elend, dass sich sentimental und gerührt an ihren Fesseln zu schaffen macht. Wahrscheinlich wird er gleich zärtlich Liebe mit ihr machen wollen, denkt Sandrine entsetzt, und ihr dabei, schon der bloße Gedanke schüttelt sie, wirre Liebesbekundungen in das Ohr hauchen.

Aber das wird sie schon zu verhindern wissen, oh ja, schwört die Blondine mit eisiger Mine. Sobald dieser Versager endlich ihre Arme befreit hat, ist sie weg, für immer verschwunden. Entnervt fragt sich Sandrine, die es kaum noch in dem stickigen Hotelzimmer aushält, warum diese Typen immer so schwer von Begriff sind. Gewiss ist da keine Liebe, ja, mag Sandrine solche Arschlöcher nicht mal auf eine unverbindliche Art und Weise. Nein, die junge Frau will benutzt werden, weil es eben das ist, was sie ab und an braucht. Und es geht nun mal besser, fühlt sich geiler an, wenn sie sich von alten Säcken abficken lässt, für die sie eigentlich viel zu gut ist und denen bei ihrem Anblick die trüben Augen ungläubig hervorquellen. Ihr Motiv, der Pakt, die Übereinkunft, nenne es wie du willst, scheint ihr so schreiend offenkundig, dass sie Szenen wie diese stets aufs Neue in ungläubiges Staunen versetzen.  Kann man wirklich so dumm und selbstverliebt sein? Sandrine will es einfach nicht wahr haben.

Aber immerhin ist sie dieses Mal vorsichtiger gewesen, überlegt sie etwas wehmütig, und hat ihre Profile auf den vielen billigen Datingportalen nicht gelöscht. Mit ein bisschen Zuspruch  und Ermunterung wird sich schon jemand finden, und wer weiß, vielleicht hat sie ja beim nächsten Mal ein wenig mehr Glück. Schließlich ist Sandrine, da hat der weise Alte, dieser Mister Miyagi mit Peitsche, natürlich Recht, ein Engel. Und die suhlen sich, wie jeder weiß, nicht nur ab und an im Dreck damit sie unsere schlechte Welt ein klein wenig besser ertragen, sondern sind außerdem unverbesserliche Optimisten, die unerschütterlich an das Gute im Menschen, ja selbst im Mann glauben.

 

Missverständnis II: Elfenficken.

Die schicke Skybar in der 69. Etage des Büroturms ist, obwohl noch früh am Abend bereits gut besucht. Müde Schlipsträger lehnen am Tresen – Arbeitsdrohnen, die ihren Frust mit Martinis betäuben – aber auch Gäste wie du, die sich langsam warm machen für die aufziehende Partynacht.  Du stehst neben einem dunkelhaarigen Mädchen mit Oberlippenpiercing, das verbissen auf ihren Cocktail starrt. Mit ihrer silbernen Haarsträhne und den pinken Tattoosternen auf ihrem linken Arm sticht sie aus dem Einheitsgrau der Barbesucher wie ein fieser Ketchupfleck in der Waschmittelwerbung heraus. Trotzdem ist sie nicht unbedingt – streng genommen nicht einmal ansatzweise – dein Typ. Also verspürst du ebenso wenig Lust wie sie an der Mauer stummer Ablehnung zu kratzen und das eisige Schweigen zu brechen. Warum auch? Schließlich könnt ihr euch die stille gegenseitige Abneigung leisten, denn ihr seid beide nicht freiwillig hier. 

Wütend starrst du zu Tom in seinem viel zu tief aufgeknöpften schwarzen Hemd hinüber, der dir das pink getupfte Malheur eingebrockt hat. Deine Lippen formen lautlos eine derbe Beleidigung, aber dein feiner Kumpel beachtet dich nicht. Dafür ist er viel zu sehr mit der Blondine neben ihm beschäftigt. Sandrine, oder so ist ihr Name, du hast es schon wieder verdrängt, obwohl dir Tom, der ehrgeizige Aufreißer, schon seit Tagen mit ihr in den Ohren liegt. Das könnte dir natürlich alles herzlich egal sein, aber du hast leichtsinnig und fahrlässig versprochen deinen Kumpel bei seinem Date zu begleiten. Ein Ablenkungsmanöver für die missmutige Kreatur an deiner Seite, die als Rückendeckung für das blonde Gift herhalten muss – soweit so kompliziert.

Du seufzt und kippst deinen Drink hinunter. Zeit für Nachschub und du fragst deine Nachbarin, schließlich haben wir Manieren, ob du für sie mitbestellen darfst. Doch Miss Mürrisch schüttelt den Kopf und umklammert krampfhaft ihr schmales Glas, ganz so, als ob du es jeden Moment stehlen könntest. So verkommen bist du nun wirklich nicht, denkst du beleidigt und beschließt den Unsinn endlich zu beenden. Vorsichtig versuchst du so etwas wie Frieden zu stiften oder zumindest eine vorläufige Waffenruhe auszuhandeln.

„Wir sollten die beiden abfüllen, damit wir es schneller hinter uns haben“, raunst du der widerwilligen Anstandsdame verschwörerisch zu, die tatsächlich ihre Mundwinkel ein klein wenig, aber wirklich nur wenige Millimeter, verzieht.  „Keine Chance“, erwidert das Mädchen, jetzt mit einem abgrundtief bösen Lachen auf den Lippen, und streicht sich genüsslich eine Stirnlocke aus dem Gesicht, „Dein Freund ist einfach nicht der Richtige für Sandy, auch wenn er passabel aussieht und ekelhaft viel Schleim absondert. Viel Spaß beim Trösten, Spast.“

Dein Nachschub ist da, immerhin. „Auf die Freundschaft“, prostest du ihr zu und sie nickt fast gnädig. „Und wie sollen wir die Zeit bis zum endgültigen Scheitern der jungen Liebe totschlagen? Smalltalk?“, willst du wissen, denn dein jetziges Tempo beim Saufen wirst du nicht mehr lange durchhalten. „Zum Beispiel“, meint deine Nachbarin unendlich gelangweilt und fragt dich tatsächlich, ein neuer, unterirdischer Tiefpunkt an diesem grauenvollen Abend, nach deinen Hobbies. Du hast keine, also denkst du dir schamlos welche aus. „Kitesurfen und lesen“, stellst du beiläufig in den Raum und genau in diesem Moment nimmt das Ganze eine überraschende, ja geradezu abstruse Wendung.

Zu deinem ehrlichen Erstaunen schluckt deine Nebensitzerin den angebotenen Köder nicht, sondern stürzt sich wider erwarten auf die Literatur. „Nerd“, denkst du dir im Stillen, aber du Unglückseliger hast ja keine Ahnung, wie sehr du damit Recht hast. „Ich auch“, piepst sie zum ersten Mal mit so etwas wie Leidenschaft in der Stimme, „vor allem Fantasy“. Vor Schreck kippst du auch den nächsten Drink in einem Zug hinunter. „Fantasy?“, fragst du schicksalsergeben und winkst verzweifelt nach dem Barkeeper, „Du meinst Elfen, Gnome und so?“.

Ein grundlegendes Missverständnis, wie dir schnell von fachkundiger Stelle dargelegt wird. Elfen sind eigentlich Elben und kein bisschen winzig. Sie können außerdem weder fliegen, noch leben sie in Glockenblumen, sondern im Wald mit allerhand anderem Gekröse, in Bruchsal oder auf irgendwelchen Inseln. Gnome gibt es nicht,  Hobbits und Zwerge dafür schon. Du bereust gerade ein wenig, dass du nur ins Programmkino gehst – von der grauenhaften Episode mit der Videokabine ganz zu schweigen. Egal, das gepiercte Mädchen mit den dunkelbraunen Haaren und der Silbersträhne übernimmt sowieso das Reden. Du dafür das Trinken.  Und ehe du dich versiehst bist du nicht mehr in der Bar, sind Sandy und Tom – jeder für sich und als habe sie ein Flaschengeist weggezaubert – frustriert, deprimiert und wütend verschwunden, aber die Fantasyelfe, ja die ist dir aus irgendeinem dieser verrückten, undurchschaubaren Gründe geblieben.

Allerdings hat sie nichts mehr an und auch du bist, von einer grünen, furchterregenden Maske abgesehen, nackt. Die hat dir das kleine Luder aufgesetzt und dir heftig stöhnend erklärt, was ein Ork ist. Du hast es zwar nicht wirklich in allen, ausgeklügelten Details kapiert, aber offenbar hast du, miese Kreatur der Dunkelheit, gerade ein blondes Spitzohr abgemurkst und machst dich jetzt über seine arme Gefährtin her. Zumindest insoweit sind dir klare Instruktionen erteilt und du klammerst dich, zufrieden grunzend, nicht nur dankbar an ein Paar überraschend stramme, festen Titten, denn Galadriel hält sich mit Kitesurfen fit, sondern auch an den mitgeteilten Plan: Elbenfrau fesseln, foltern, ficken.

 

Meins, Deins.

Samantha weint. Nackt, nass und verzweifelt kauert sie unter der Dusche, den Kopf auf die angewinkelten Beine gelegt. Aus feuchten Augen starrt sie zwischen ihre bloßen Füße, denn dort lauert der traurige Grund für ihren Zusammenbruch. Dabei wirken die kleine Metallschale, dazu ein paar Kettchen und Lederriemen, auf den ersten Blick lächerlich unschuldig und harmlos. Was gibt es da zu heulen, mag sich manch einer verwundert fragen, aber der Wissende erkennt in der merkwürdigen Gerätschaft sofort einen Keuschheitsgürtel und ahnt, dass da keinen Tränen der Trauer oder Schmerzen, sondern solche der Frustration fließen. Und tatsächlich, Samantha hat ein Problem epischen Ausmaßes, bei dem ihr weder du noch ich helfen, vielleicht es nicht einmal verstehen können. Sie kämpft und ringt mit dem gemeinsten, mächtigsten Gegner den man sich überhaupt vorzustellen vermag, sich selbst.

Seit acht Wochen trägt sie bereits den Keuschheitsgürtel, dieses schreckliche Monster, tagein, tagaus, legt ihn nicht einmal auf der Toilette ab. Stattdessen schüttelt sie, begleitet von einem peinlichen Klirren und Klappern, wie ein Kerl ab und reinigt sich anschließend mit Hygienespray aus der Apotheke, den sie durch das kleine Pissloch im Metall versprüht. Am Schlimmsten ist es jedoch, wenn Samantha ihre Tage bekommt, denn dann sickert ihr das Menstruationsblut den Damm und die Schenkel hinunter. Nur notdürftig kann sie sich währenddessen mit Binden behelfen und traut sich daher kaum vor die Haustür. Viel zu sehr fürchtet sie das widerliche Ekelgefühl und den süßlichen Geruch ihres Blutes, die sie auf Schritt und Tritt begleiten.

Ihr einziger Lichtblick sind die Duschtage, drei Stück die Woche, mit genau festgelegten Zeiten. Fünf Minuten, mehr bleibt ihr nicht um sich einen letzten, armseligen Rest an Würde und Anstand zu bewahren. Und selbst hierfür muss sie sich unendlich erniedrigen und demütigen. Ihre feingliedrigen Hände stecken während der gesamten Prozedur in dicken, klobigen Gummifäustlingen und es ist ihr trotz des eiskalten Wasserstrahls verwehrt sich wie eine Frau anzufassen. Einzig und allein eine Wurzelbürste ist ihr bei der Waschung erlaubt, damit sie ja keine Lust empfindet, denn die Fotze, die sie da wäscht und schrubbt, gehört – und hier liegt eben das Dilemma – nicht mehr ihr selbst.

Natürlich ist es immer noch ihr Fleisch, ihr Schmerz und ihre unbefriedigte Lust, aber zugleich hat sich Samantha mit Haut und Haaren, zumindest für eine kleine Weile, in die Hände eines Herrn begeben. Er spielt auf ihr, wie auf einem Instrument, entlockt ihrem schlanken, drahtigen Körper, den sie bisher immer als ungelenk und wenig weiblich empfand, die unglaublichsten Melodien. Die Leichtigkeit mit der er sie und ihre devote Seele  durchschaut, in ihr, der erfolgreichen, ehrgeizigen Geschäftsfrau, liest wie in einem offenen Buch, quält sie dabei mehr, als alle dumpfe Folter es jemals vermocht hätte. Aber sie hat ihm und seiner unheimlichen Gabe nichts entgegenzusetzen, kann und will sich gegen diesen Seelenfick nicht wehren, obwohl – oder weil? – er ihr alles, wirklich alles nimmt.

Samantha fühlt, dass sie immer tiefer in diesen Strudel ihrer zunehmend unbeherrschbaren Gefühle eintaucht, und sie wird nicht müde es ihrem Herrn zu gestehen. Doch ihr Winseln, ihr unterwürfiges Anbiedern reichen ihm längst nicht aus. Der gierige Bastard will mehr. Mehr als er sich ohnehin jederzeit von ihr nehmen kann und darf, verlangt, kalt und sachlich, auch den letzten, kostbaren Rest, eben jenen winzigen Teil den jeder Mensch nur freiwillig herzugeben vermag.

Wie er das macht, willst du wissen? Er stellt Samantha immer und immer wieder auf die Probe, überlässt sie, scheinbar gleichgültig, dreimal die Woche jenem aussichtslosen Kampf gegen sich selbst, der ihr auch heute wieder die Tränen in die Augen treibt. Kein einziges Mal hat er sie in der ganzen Zeit beaufsichtigt oder kontrolliert, nicht einmal in ihrer Nähe hält er sich auf, sondern treibt sich währenddessen irgendwo mit Freunden oder auf der Arbeit rum. Ganz allein in der großen, luxuriös eingerichteten Wohnung und dem Schlüssel für ihr kleines, verhasstes Gefängnis in der Hand kann sie sich also sicher fühlen, dass niemand, wirklich niemand etwas von dem erfährt, was sie dort im Bad hinter verschlossenen Türen tut oder lässt.

Eine einzige riesige Versuchung, die mit jeder Woche wächst und wächst. Niemand würde es erfahren, wenn sie dort endlich Hand an sich legt und ihrem brennenden Verlangen nachgibt und seinen BEFEHL missachtet. Er weiß es genauso gut wie Samantha, hat es ihr direkt ins hohlwangige Gesicht geschleudert und mit einem fast schon beleidigenden Unterton hinzugefügt, dass sie trotzdem treu seine unverrückbare Order befolgen werde.

Und er hat Recht. So sehr es Samantha auch danach dürsten mag sich endlich von der drückenden Last ihrer Geilheit zu befreien, gelingt es ihr doch ein um das andere Mal nicht. Stattdessen achtet sie stets peinlich genau darauf, die fünf Minuten nicht zu überschreiten, sich brav zu schrubben, wie von ihr verlangt und keine Hand an sich zu legen. Und auch heute wischt sich Samantha, die Gehorsame, die Tränen von den Wangen und greift, ungeachtet ihrer pochenden, gierenden und triefenden Spalte, resigniert und aller Hoffnung auf Erleichterung beraubt nach ihrem grausamen Begleiter.

Aber bereits als sie den ersten Lederriemen mit fahrigen Fingern gewissenhaft um ihre Hüfte schlingt ist alle Frustration wie weggeblasen. Ein unbeschreibliches Gefühl bemächtigt sich ihrer, gewaltiger als es jeder Orgasmus sein könnte. Ach, was gäbe sie darum, wenn sie sich und den anderen davon berichten könnte. Aber dieses schwarze Loch, ehrfurchtgebietend und prächtig, weiß sein Geheimnis allzu gut zu bewahren. Ein kaum vernehmbares, doch unendlich sehnsuchtsvolles Seufzen ist alles, was Samanthas bebenden Lippen entweicht, während sie sich aufs Neue verschließt und versiegelt. Liebevoll fährt sie dabei über den kühlen Stahl, streicht über die Kettenglieder, die ihr, einer liederlichen Sub, mehr als aller Schmuck und Liebesbeteuerungen bedeuten. Endlich sein zu dürfen, wie man wirklich ist, denkt Samantha versonnen und versöhnt, kommt einer seltenen Gnade gleich, einem Glück, das uns nur allzu selten vergönnt ist.

 

Missverständnis III: Du bist geil.

Oben, auf dem Dach des gewaltigen Hochhauses, weht selbst im Sommer immer eine kühle Brise. Allerdings weiß kaum jemand davon, denn das Betreten ist ausdrücklich untersagt. Eigentlich. Aber keine Regel ohne Ausnahme und du nimmst gleich zwei davon für dich in Anspruch. Zum einen bist du der Hausmeister, ein besonders strenger noch dazu, zum anderen brennt das Bürogebäude lichterloh.

Du bist also entschuldigt, immerhin, auch wenn dein Fluchtort suboptimal gewählt sein dürfte. Egal, noch bist du ja am Leben, obwohl dein Bart und dein Blaumann bereits etwas angesengt wirken. Hustend stolperst du aus dem dicken, schwarzen Qualm ins Abendlicht, taumelst ein paar Schritte vorwärts und sackst schließlich auf die Knie. Gierig pumpst du frische Luft in deine schmerzenden Lungen, während vor deinen Augen Sterne tanzen. Der Weg hinauf muss anstrengend gewesen sein, immer auf der Flucht vor der flimmernden Hitze, der unter dir brodelnden Höllenglut.

Irgendwann beruhigt sich dein flatternder Herzschlag und auch dein rasselnder Atem verflacht sich. Immer noch ängstlich, aber befreit von der lähmenden Panik, die dich unerbittlich ergriffen hatte, setzt dein Verstand wieder ein. Unruhig musterst du deine Umgebung, versuchst dir einen Überblick zu verschaffen und deine Optionen auszuloten. Vorsichtig schleppst du dich also zu der flachen Brüstung und riskierst einen Blick in den Abgrund. Entsetzt wird dir klar, dass du hier oben gefangen bist und die winzigen Feuerwehrautos dort unten, unendlich fern und klein wie Spielzeugminiaturen, deine einzige Aussicht auf Rettung darstellen.

Schwindel ergreift dich und du lässt dich verzweifelt gegen einen Sicherungskasten sacken. Könnte das wirklich dein Ende sein? Ungläubig, deprimiert und zitternd schüttelst du dein bärtiges Haupt. Eine lähmende Starre überfällt dich und du richtest deinen hoffnungslosen Blick auf deinen vielleicht letzten Sonnenuntergang.

Feuerrot versinkt die Sonne hinter dem Horizont, während über dir die Dunkelheit hereinbricht und mit einem Mal wird dir, trotz aller Furcht und Sorge, etwas durch und durch Großartiges bewusst. Alles Gute, alles Böse dieser Welt, das Schöne und Hässliche, wird mit dir Erlöschen. Die Zeit mag dich vom Thron stoßen, aber noch bist du der Herrscher aller Dinge, denn du gibst ihnen Sinn. „Ich bin euer Zeuge, der Garant euer Existenz“, schreist du mit einem wahnsinnigen Lachen in den Wind, während ein unglaubliches Gefühl von Allmacht deinen Hausmeisterkörper durchströmt.

Da passiert es. Eine graue Taube landet neben dir, eines jener unglückseligen Tiere, die du heute Mittag mit deinem Gift gelockt, verspottet und gequält hast. Argwöhnisch beäugst du deinen Besucher, der wenige Schritte von dir entfernt die Brüstung auf und ab marschiert. Vielleicht bist du jetzt endgültig dem Irrsinn verfallen, denn es scheint dir, als wolle dir der Vogel etwas mitteilen. Aber nein, du bist nicht verrückt, es gilt nur noch eine Rechnung zu begleichen und dir eine letzte Lektion zu erteilen. Sie ist auch ganz einfach – manchmal, Hausmeister, kommt es nur darauf an fliegen zu können.

 

Zeit, Reisen.

Vielleicht mochten Bahnsteige einst romantische Orte gewesen sein, an denen sich Liebende, in Dampfschwaden gehüllt, ergriffen seufzend in den Armen lagen. Möglicherweise waren es aber auch schon immer nur ziemlich lange Streifen aus grauem Stahlbeton, deren funktionales, industriegenormtes Design darauf ausgerichtet ist leidenschaftliche Anwandlungen und ähnlich grauenvolle Verkehrshindernisse mit allen bauplanerischen Mitteln zu verhindern.

Deshalb scheint es, man beachte beispielsweise die strategisch grausam platzierten farbcodierten Abfallcontainer, ziemlich abwegig, ja geradezu ausgeschlossen, dass Arthur beim Verlassen seines Schnellzuges etwas anderes als den unwiderstehlichen Drang zur Flucht verspürt. Und erst Recht dürfte ihm auf einem anständigen Bahnsteig der Deutschen Bahn AG nicht warm ums Herz sein. Aber ungeachtet aller baulichen Anfeindungen empfindet er genau so, wofür es allerdings eine ebenso einfache, wie einleuchtende Erklärung gibt – Arthur ist ein Idiot.

Natürlich weiß der arme Arthur nichts von seinem chronischen Leiden, auch wenn ihn manchmal das ungute Gefühl beschleicht, dass für ihn nicht immer alles zum Besten läuft.  Stattdessen schaut er versonnen, ja fast ein wenig verliebt, Maria hinterher, die ihm von der vorbeihastenden Masse entrissen wird. Viel zu schnell verliert er sie, seine lockige Jugendliebe, aus den Augen und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als ungeniert Bahnreisende zu behindern und leise seufzend die letzten Stunden Revue passieren zu lassen.

Ihre Begegnung im Zugabteil war ein fantastischer Zufall, befindet Arthur, während ihn ein dicker Mann wütend anrempelt, einer jener seltenen Augenblicke, die er gerne, denn er neigt zu Übertreibungen und Selbstüberschätzung, als Schicksalsmomente bezeichnet. Dabei war ihr plötzliches Aufeinandertreffen alles andere als unwahrscheinlich, denn obwohl sich Maria und er beinahe zwanzig Jahre aus den Augen verloren haben, lebten sie, ohne es zu ahnen, nur wenige Straßenecken voneinander entfernt.

Entsprechend groß fiel sein Erstaunen aus, als sie sich während der Zugfahrt, nach einem Moment des überraschten Wiedererkennens und vorsichtigen Vortastens, kopfschüttelnd all die Orte abfragten, Supermärkte, Parks und Friseure, an denen sie sich in all der langen Zeit über den Weg hätten laufen können und müssen. Aber so war es nun mal mit dem Stadtleben, das nicht umsonst als eines der Einsamsten galt.

„Stell Dir vor“, seufzte Maria, die inzwischen als Anästhesistin und Notärztin arbeitete, „erst letzte Woche wurden wir von einer dieser unverbesserlichen Optimistinnen zu einem Notfall gerufen, obwohl es bei einer vier Monaten alten Leiche sicherlich nichts mehr zu retten und nur noch wenig mitzunehmen gibt. Solche Sachen erleben wir trotzdem leider viel zu oft, vielleicht das schlechte Gewissen, vielleicht weil es niemand gibt, der sich verantwortlich fühlt. Ist ja auch schrecklich, einfach so vor dem Fernseher, im Bett oder im Bad gestorben und niemanden ist es über Wochen aufgefallen.“

Die makabre Anekdote verfehlte ihre Wirkung nicht, denn verlegenes Schweigen machte sich neben Maria breit. Sichtlich amüsiert bemerkte sie, wie Arthur, geschieden und kinderlos,  schwer schluckte. „Pass auf, dass es dir mal nicht ähnlich ergeht“, lachte sie gutmütig und stieß ihrem erschrockenen Exfreund freundschaftlichen ihren spitzen Ellenbogen in die Seite. „Warum hast du dich eigentlich niemals wieder bei mir gemeldet?“, setzte sie nach, aber Arthur wusste natürlich keine passende Antwort auf ihren leisen Vorwurf, sondern verspürte nur so etwas wie Bedauern angesichts all der Jahre, die wie die dahinziehende Landschaft an ihm vorbeigerast waren. Traurig schaute er Maria in die dunklen Augen, die trotzdem die Gleichen geblieben waren, musterte ihre inzwischen harten, aber ebenmäßigen Gesichtszüge.

„Vielleicht war es besser so“, murmelte Arthur schließlich verlegen und sank mit rot glühenden Wangen in sein Sitzpolster zurück. Er fühlte sich ertappt. Seine Gedanken rasten und fast war es ihm, als wäre es wie früher. Schwitzend dachte er an die kurze, aber aufregende Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten. Maria war ihm, obwohl gleichalt, bei ihrer Affäre immer einen Schritt voraus gewesen, hatte im Gegensatz zu ihm stets ganz genau gewusst, was sie wollte und brauchte. Schon bei ihrem ersten, vorsichtigen Date hatte sie auf die Auswahl des Films bestanden und auch den ersten Kuss hatte sie nach einer wilden Partynacht unendlich süß, aber bestimmt von ihm eingefordert. Es war auch allein Marias Idee gewesen ihr den Gürtel beim Ficken um den Hals zu legen und nicht anders verhielt es an jenem Abend am See, als sie unaufgefordert seinen Schwanz zu lecken begann.

Fassungslos und ein wenig verlegen hatte er sich auf der kleinen Anlegestelle zurücklehnen wollen, aber Maria hatte anderes geplant. Mit einem listigen Funkel hatte sie zu ihm aufgeschaut und ihn langsam gewichst. „Schlag mich und ich mach weiter“, hatte sie ihn lächelnd herausgefordert und dabei ihre Zunge über seinen nervös pochenden Schaft gleiten lassen. Arthur war ehrlich verwirrt gewesen, hatte inständig gehofft sich verhört zu haben. Aber nein, Maria hatte darauf bestanden und so hatte er ihr einen verlegenen Klaps auf den Po versetzt. Doch damit, „Kindergarten!“, war sie gar nicht zufrieden gewesen, also hatte er ihr zögerlich eine sanfte Ohrfeige verpasst. „Fester“, war alles, was seine Freundin dazu zu sagen hatte, und so langte er schließlich nochmal, nur wesentlich kräftiger zu. Sofort war ihre Backe rot angeschwollen, aber obwohl er sich dafür schämte, hatte Maria sich deswegen nicht im Geringsten beschwert sondern eifrig Wort gehalten und gierig an seinem Schwanz gesaugt.

Das alles war unendlich lange her, inzwischen kaum mehr als ein feuchter, ferner Sommernachtstraum. Aber trotzdem bedeutete die frühere Leichtigkeit und Sorglosigkeit Arthur, trotz all der verblassenden Erinnerung, noch immer ungemein viel und so kam es, dass er unwillkürlich nach Marias Hand griff. Erschrocken über sich selbst und seine Chupze, wollte er schon loslassen, als sich, zu seiner großen Überraschung, ihre Finger um die seinen schlangen.

Alles gut könnte man also meinen. Aber wir wollen nicht vergessen, dass da ein ausgemachter Idiot auf dem Bahnsteig steht und der wundervollen Maria hinterherwinkt. Ein Esel sondergleichen, der nie verstanden hat, dass man sich immer, wirklich immer, wenigstens ein klein wenig bemühen muss. Dass man das Glück festhalten soll, wenn es einem zuflattert, erst Recht, wenn man wider erwarten eine zweite Chance vom Schicksal geschenkt bekommt. Arthur wird es deshalb vermasseln, das ist sicher wie das Amen in der Kirche. Ihr glaubt mir nicht? Dann will ich euch nur eine einzige, eine klitzekleine Gegenfrage stellen. Was glaubt ihr, wo Arthur, der soeben zwei Stunden lang schwitzend Händchen gehalten hat, hastig, aufgeregt, aber nichts destotrotz unendlich fahrlässig und dumm, Marias Handynummer notiert hat, hm? Ganz gewiss wird sie ihm verzeihen, wenn er sich noch einmal nicht bei ihr meldet. Bestimmt wird sie geduldig darauf warten, dass man sich in der großen Stadt zufällig über den Weg läuft. You wish, Arthur.

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Kommentare

Bild des Benutzers Chris Dell

Missverständnisse literarisch brillant aufbereitet. Eine Kurzgeschichte wie eine Matrioschka - es ist immer noch mehr drin. Für mich zweifelsohne eine der seltenen Lektüren, die ich gern viel mehr würdigen möchte als mit 6 pupsigen Sternchen. Vielleicht mit einem Aufruf: Leute, nehmt Euch die Zeit zum Lesen! Sie wird nicht vergeudet sein.

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Bild des Benutzers George Shield

Danke für den netten Kommentar und die Leseempfehlung. LG George

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Bild des Benutzers Jo Phantasie

Die Worte, Sätze, sie bilden einen hohen Flor, in dem meine Füße bis über die Knöchel versinken. Die Vorstellung, darin laufen zu müssen, fällt umso schwerer, weil erdrückende Muster auf der Oberfläche zu erkennen sind: Vexierbild, Maurits Escher, ineinander verschachtelter Treppen, deren einzelnen Stufen ich mühsam erklimmen muss, nur um festzustellen, dass ich wieder am Anfang stehe, in der Mitte des Raumes.

Möchte ich diese Podeste menschlichen Lebens überhaupt betreten oder reicht es, wenn ich die Handflächen darüber gleiten lasse. So wie der Gladiator im Film über die Ähren des endlosen Kornfeldes, ein Bild, das sich eingebrannt hat. Trotzdem vergebens, weil es bereits geschehen ist.

Eigentlich kann ich nicht weitergehen, nur erahnen, wohin dieses Menschenschicksal führt. Die Angst vor dem nächsten Raum ist groß, gerade weil sich durch die halbtransparente Wand aus mikrometerdünnem Reispapier Hände entgegenstrecken, die mich ziehen. Der Übergang findet ohne Verlust des Gedächtnisses statt, alle Erinnerungen aus dem vorherigen Leben sind noch vorhanden. Leider!

Vexierleben.

Die Schicksale sind kongruent ergänzend. Transportation in einen neuen Körper gibt den Blick frei auf eigene Fehler, unvermeidbar, weil der unendlich dichte Flor jede Intervention unterbindet. Die Erkenntnis reift, dass es doch die eigene Existenz sein muss, in der ich gelandet bin.

Wieder einmal!

Parallelwelten, durch Wurmlöcher verbunden.

Trennlinien dünn wie Reispapier.

Das alles bin ich, beeinflusse Fügungen von unendlich vielen Seiten und kann sie doch nicht ändern.

 

Du hinterlässt einen höchst beeindruckten und nachdenklichen

Jo

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Bild des Benutzers George Shield

... Von denen und Kaugummizigaretten konnten wir als Kinder nie genug bekommen. Sind aber, meine ich, nicht das Gleiche wie Vexierbilder... Gladiator fand ich auch super, schon weil Russell Crowe mal mein Nachbar war. Klingt super, war es aber nicht. Manchmal trennen Luxuslotterleben und Drecksloch halt nur wenige Meter. Danke für Deine Gedanken. LG George

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Bild des Benutzers Casandra10

einfach genial. viel mehr gibt es nicht zu sagen.

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Bild des Benutzers George Shield

Danke für Deinen Kommentar. Das Lob darf ich gerne für spannende neun Jahre und acht Monate erwidern. LG George

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Bild des Benutzers julie01

.....wie ich sie nicht fertigbringe. trifft viel meiner phantasien. coh mich zieht es nicht in hochhaeuser. mehr in die wildnis.LG

Juliet

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Bild des Benutzers Total

Das Erste, eine Geschichte die Chris Dell als gut befunden hat, trieb mich nicht ins Koma der Belanglosigkeit und Langeweile.
Das Zweite, deine Geschichte. Nicht nur auf das Fliegen kommt es an, auch auf das Können, und das ist Können. Herzlichen Dank dafür, es gibt nur wenig Texte, die einen mitreißen oder berühren können.

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Bild des Benutzers fantasy69

Lieber George,

dieses Kleinod an Lesevergnügen habe ich ganz zufällig erst jetzt entdeckt und bin begeistert.

Absolut hinreißend geschrieben, intelligent aufgebaut, im Ganzen spitzfindig, die richtige Portion makaber.

Und richtig "scharf" macht es für mich der distanzierte Blickwinkel. Herzlichen Glückwunsch !

fantasy

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