K.E.E. Ein bisschen Apokalypse Teil 13

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Liebe Leser, 

bevor ich den Teil 12 dieser Geschichte hier einstelle, einen kleinen Hinweis: 

Diese Geschichte wurde bereits auf Amazon unter meinem Pseudonym Madame Mala veröffentlicht. Da ich mich dem Forum hier sehr verbunden fühle, möchte ich auch hier meine Geschichten in ihrer Gesamtheit veröffentlicht sehen. Einige von Euch haben mich schon unterstützt und sogar die E-Books gekauft, für den Support und die Hilfe bin ich euch sehr dankbar. Natürlich würde ich mich über weitere Unterstützung, vor allem durch Rezensionen eurerseits freuen. 

 

https://www.amazon.de/K-Ein-bisschen-Apokalypse/dp/1521773416

oder

https://www.neobooks.com/ebooks/madame-mala-k-e-e-ein-bisschen-apokalypse-ebook-neobooks-AWa6fLg8akQMFja27SpU

 

Die Teile werden wöchentlich reingestellt, diese Geschichte ist bereits fertiggeschrieben. 

Für Kritiken und Hinweise auf Fehler wäre ich euch sehr dankbar. 

Gruß und Umarmung!

 

Eure Sena

 

 

38    Maximilian und Mira

Auch Maximilian hatte den startenden Hubschrauber beobachtet und ihn für Sekunden nachblicken können, wie dieser nach Westen hin abflog. Dann verdeckte das Seitengebäude die weitere Sicht auf den Helikopter und er blieb mit sich und seiner Sorge um Wanda allein. 

Mira trat aus dem Fahrstuhl heraus, kam zu ihm ans Fenster und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Eine ungewöhnliche Geste von dieser Frau, die ihn bisher doch eher gemieden hatte. 

„Ich spüre die Bindung zwischen euch, das imponiert mir. Ihr liebt euch, oder?“

Maximilian nickte, erwiderte aber nichts. 

„Wanda hasst mich dafür, dass ich Manuel in diese Gefahr gebracht habe. Und das kurz nachdem ich endlich einen Draht zu ihr gefunden hatte. Scheiße, ich habe es wohl endgültig verbockt bei ihr.“

„Hilf den Jungen. Du scheinst sehr gute Beziehungen zu haben. Das wird Wanda reichen.“

Mira blieb nachdenklich. 

„Da gibt es etwas, worüber ich mit dir sprechen wollte.“

Maximilian wandte sich ihr zu und blickte zu ihr auf. 

„Und was? Wenn es um Wanda geht, ich weiß nicht, ob ich sie so einfach umstimmen kann.“

Die Menda lächelte gequält. 

„Nein, das ist es nicht. Du bist Informatiker, richtig? Könntest du dir die Anlage ansehen, die deine Freundin zerstört hat? Vielleicht ist da noch etwas zu retten? Unsere ganze Verwaltung hatte darauf beruht.“

Maximilian machte sich da wenig Hoffnung. Wanda konnte mit ihrem EMP unglaublichen Schaden anrichten, leerte sie doch dafür fast ihren gesamten Energiehaushalt. Unwahrscheinlich, dass die empfindlichen Transistoren solch eine Entladung überlebt haben.

„Könnt ihr nicht eine neue Anlage bauen?“

Die Menda schien sich über seine Naivität zu amüsieren. 

„Die Produktion in den afrikanischen und südamerikanischen Ländern ist sehr gering. Sie decken damit vor allem ihren eigenen Bedarf. Und wir haben noch nicht die Ressourcen geschaffen, um an solch eine Herstellung überhaupt zu denken. Wir haben weder das Personal noch die Mittel, um das Notwendige zu tauschen oder zu produzieren, und improvisieren überall.“ 

„Und ihr kommt nicht ohne aus?“

Die Menda verneinte. Unsere ganze Staatsführung besteht zum größten Teil aus Planwirtschaft. Es gibt zwar auch einen privaten Handel, doch dieser ist eher unbedeutend. Dabei haben wir uns zum großen Teil auf das Computersystem gestützt, welches weder Korruption noch Verschwendung kennt. Das hat bisher sehr gut funktioniert, doch jetzt entgleist alles und die ersten Maßnahmen unserer neuen Verwaltung tragen schon etliche faule Früchte.

Maximilians Gedanken rasten. Er hatte eine Lösung für Miras Problem, doch was würde das für ihn, die Siedler und die Rads bedeuten? Und vor allem für die Männer, die unter der Knute dieser Frauen ihr Dasein fristen mussten? Auch wenn er bisher keine auffälligen Szenen gesehen hatte, das männliche Personal musste Halsbänder tragen, die sie als Sklaven kennzeichneten und empfingen die Anordnungen der Frauen in Befehlsform. 

„Wenn ich dir eine Möglichkeit biete, euren Schaden zu kompensieren, wie kann ich sicher sein, dass du auf meine damit verbundenen Bedingungen eingehst?“

Mira bedrängte ihn sofort. 

„Welche Lösung? Welche Bedingungen?“

„Lasst wieder eine normale Beziehung zu den Männern zu. Beendet das Töten in der Zone und geht einen regulären Handel mit den Bewohnern ein.“

„Und was bietest du dafür?“

„Einen Mainframe! Einen der größten, den es damals in Deutschland gegeben hat. Mitsamt allen wesentlichen Daten der Alten Welt.“

Mira starrte ihn an, als ob sie an seinem Verstand zweifelte. 

„Und er funktioniert noch?“

Maximilian nickte. 

„Ja! Ich habe ihn dreißig Jahre lang gewartet.“

„Wo befindet er sich?“ Fragte die Menda weiter. 

„Halt mich nicht für dumm, Mira. Selbst wenn ihr es wüsstet, ohne Passwort für die Steuereinheit, ist er nur eine große Lichtorgel für euch.“

„Und für dieses Passwort stellst du uns die Bedingungen?“

„Nein.“

„Für was dann?“

„Dafür, dass ich euch die Recheneinheit täglich freischalte.“

Die Menda blickte ihn nachdenklich an. 

„Was wenn dir etwas passiert?“

Maximilian grinste. 

„Mit ein wenig Pflege mache ich vielleicht noch dreißig Jahre. Es sei denn ich bekomme Alzheimer, das wäre wohl unserem Handel abträglich.“

Mira schwieg. Sie schien über das, was er gesagt hatte, nachzudenken.

„Ein gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen Männern und Frauen wird der Rat nicht zustimmen, Max. Das kann ich dir versichern. Aber wir können über eine Lockerung der Behandlungsgrundsätze sprechen und ihnen mehr Rechte zukommen lassen, ohne unsere Dominanz dabei aufzugeben. Nur verlange nicht von uns, etwas abzulegen, was sich als konstruktiv und nachhaltig erwiesen hat.“

„Du gibst nach wie vor unserem Geschlecht die Schuld an allem, was in der Alten Welt passiert ist?“

Die Menda nickte. 

„Und noch passiert. Es gibt in Deutschland neben uns noch drei weitere Staaten, in denen die Frauen die Macht haben. Es sind die einzigen Inseln des Friedens. Die einzigen Räume wo keine Anarchie oder kein Despotismus herrscht. Und unser Beispiel macht Schule. Mit unserer Hilfe haben sich auch schon die ersten Frauenrepubliken in Frankreich, Italien und Spanien gebildet.“

„Eure Errungenschaft hat dafür gesorgt, dass ein durchgeknalltes Weib Justin um den Verstand gefoltert hat.“ Erwiderte Maximilian verbittert. 

„Züchtigungen und die Angst vor Strafen wirken bei Männern nachhaltiger als das Wort des in ihren Augen schwachen Geschlechts. Es kommt nicht von ungefähr. Aber die Verantwortliche wurde bestraft und es werden solche Vorfälle in Zukunft zuverlässig unterbunden werden.“

„Wenn ich euch helfe? Wie ist dann mein Status? Wie der von den Siedlern und Rads?“

„Ihr währt Verbündete der Sauerlandrepublik und damit frei. Ihr könnt euch auch innerhalb unserer Grenzen aufhalten und frei bewegen. Nur müsstet ihr hierfür erst einmal registriert und entsprechend markiert werden.“

„Auch die Rads?“

„Ich glaube nicht, dass sie sich hier sonderlich wohlfühlen würden. Aber wenn sie Hilfe brauchen, werden wir unseren Verpflichtungen nachkommen.“

„Dem genetischen Abfall helfen, den ihr bisher ausrotten wolltet?“

Mira seufzte. 

„Maximilian! Bleib bitte konstruktiv, ja? Wir sind Menschen, die zu Fehlern neigen, aber mit meinen Untersuchungen und dem, was du mir berichtet hast, schaffe ich eine andere Vorstellung von diesen Wesen. Sie sterben schnell, haben aber einen Haufen Nachwuchs. Von ihrer Entwicklung her gesehen, dürften sie sich also den Gegebenheiten in der Zone schneller anpassen, als die Menschen. Auch glaube ich, dass sie schon eine hohe Immunität gegen kontaminierte Nahrung und Wasser aufweisen, muss dieses aber durch eine genaue Studie erst belegen. Mit deiner Hilfe wird mir das gelingen.“

„Und ihr werdet helfen aufzuklären, dass sie keine Kinder stehlen?“

Mira seufzte. 

„Unsere Verhandlungen ufern ziemlich aus. Lass uns nach dem Jungen und den Mädchen sehen, Max. Danach lade ich dich dann bei mir zu Hause zum Essen ein, wenn du möchtest. Dann kannst du mir weitere Bedingungen stellen und ich versuche einzuschätzen, ob sie von unserem Rat angenommen werden könnten oder nicht.“

Maximilian war einverstanden. Mira war sichtlich bemüht, einen Konsens mit ihm zu finden, und schien sich aufrichtig um Manuel, aber auch Wanda zu sorgen. 

„Wie geht es der Mutter und dem Kleinen, die ihr gerettet habt? Vielleicht würde das Manuel trösten, wenn sein Opfer nicht umsonst gewesen war.“

„Sie werden in einem Heim aufgepäppelt und untersucht. Liegt ihr VGS über 80 dürfen sie bei uns bleiben, ansonsten werden wir sie zu euch bringen. Einverstanden?“

„Warum ist dieser Wert für euch so wichtig? Ich verstehe das nicht.“

Mira hielt ihm die Tür zu Manuels Zimmer auf. 

„Je höher der Wert, desto größer die Chance auf ein gesundes und langes Leben. Schau dir meine Ausbildung an. Sie hat fast zehn Jahre gedauert. Was wenn ich mit fünfunddreißig sterben würde? Was wenn ich Kinder bekomme, die missgebildet sind? Kannst du dir vorstellen wie sehr unsere Mittel darunter leiden würden? Wie fragil dieses Konstrukt ist, in dem du dich befindest?“

Sie deutete auf den Stuhl neben dem Bett. 

„Setz dich! Ich nehme den anderen.“

„Ich weiß nicht. Für mich klingt das nach Faschismus.“

Mira hob ihre Schultern. 

„Vielleicht ist es auch einer, aber er hat nun mal seine Notwendigkeit.“

Sie hob die Kladde am Bettende an, klappte sie auf und zeigte Maximilan ein Wert, der sie selbst zu überraschen schien. 

„Manuel hat einen VGS von 96!“

Sie runzelte die Stirn. 

„Das ist doch gut, oder nicht?“ Stellte Maximilian fest. 

Die große Blondine nickte und sah zu dem Jungen rüber, der seine Augen geschlossen hielt. 

„Er ist siebzehn, oder?“

Maximilian schüttelte seinen Kopf. 

„Keine Ahnung so genau weiß das keiner.“

„Er muss Kinder zeugen, unbedingt.“

Maximilan runzelte seine Stirn. 

„Was? Soll er ein Besamer werden, von dem diese irre Milena mir erzählt hat?“

„Beischläfer! Was wäre daran verkehrt? Er könnte mit vielen jungen Frauen intim werden, das ist doch ein Traum für einen jungen Mann.“

Maximilian schüttelte seinen Kopf. 

„Darüber entscheidest nicht du und auch keine andere Frau. Auch wirst du ihm nicht solch ein Angebot unterbreiten, versprich mir das!“

„Warum sträubst du dich so dagegen? Er würde Großes leisten und die Gemeinschaft miteinander versöhnen und ihr dabei helfen Grenzen zu überwinden.“

Maximilian dachte an das Mädchen. 

„Mey mag ihn. Und er scheint auch an ihr interessiert zu sein. Vielleicht entsteht eine Bindung zwischen ihnen trotz seiner Behinderung?“

Mira stöhnte und verdrehte ihre Augen. 

„Oh mein Gott. Der Romantiker.“

Manuel stöhnte. Er schien in einem düsteren Traum gefangen zu sein. Mira stand auf und verließ das Zimmer, während Max nach der Hand des Jungen griff und ihn so zu beruhigen suchte. 

Lange war er mit ihm nicht allein geblieben, schon nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür und die große blonde Ärztin in der schwarzen Uniform betrat wieder das Zimmer. Sie schob einen Ständer auf Rollen nebst Tropf an das Bett heran, verband dessen Schlauch mit dem Venenzugang im rechten Arm und ließ die Medikation laufen. 

„Gegen die Schmerzen. Er wird gleich ruhiger werden.“ Erklärte sie Maximilian.

„Ich möchte auch dir Blut abnehmen, ich bin neugierig, wie es um dich bestellt ist.“

Maximilian verneinte. 

„Danke, aber das wird wohl ein Geheimnis bleiben.“

Die Menda kam um das Bett herum und legte demonstrativ Spritze und Nadel in einem silbernen Schälchen bereit. 

„Unterstütze meine Arbeit, Max, dann unterstütze ich deine.“

„Damit du mich dann auch zum Besamer machen kannst?“ 

Die Menda schüttelte ihren hübschen Kopf. 

„Beischläfer, heißt das. Höre auf, dich über mich lustig zu machen. Bitte unterstütze meine Forschung, um mehr geht es mir nicht.“

Maximilian blickte sie demonstrativ an. 

„Wann bekommt Manuel seine Prothese?“

„Wenn sein Zustand stabil ist und die Psychologin ihr Go gibt.“

Maximilian zögerte noch immer, den Blick auf die Spritze in der Schale gerichtet. 

„Für deine Forschung! Nichts sonst!“ 

Sie versprach es ihm. 

Er streckte seinen Arm aus und drehte ihn so, damit sie eine Vene finden konnte.“

Kurz war Manuel noch einmal zu sich gekommen. Mira hatte ihm ein Beruhigungsmittel verabreicht und sehr einfühlsam mit ihm gesprochen, wie Maximilian ihr zugestehen musste. Sie hatte ihm erklärt, dass er eine moderne Prothese erhält, mit der er sehr gut zurechtkommen wird, auch ohne seinem eigenen Bein. Selbst eine Jagd schien ihr möglich zu sein, wenn er fleißig übte. 

„Wo ist Mey?“ Fragte der Junge.

„Sie ist bei ihrer Mutter und bei ihrer Schwester. Sie wird dich morgen wieder besuchen kommen, das hat sie mir versprochen.“

Manuel lächelte und griff nach Maximilians Hand. 

„Und Wanda?“

„Sie hat einen Einsatz. Die Horde greift wieder unsere Siedlung an.“ Erklärte ihm Max. 

Manuel schien sich keine Sorgen zu machen. 

„Sie wird das schaffen, da bin ich mir sicher.“

Mira erzählte dem Jungen von dem Säugling und das es der Kleine, dank seinem Opfer, geschafft hatte. Er könne stolz sein, auch wenn das vielleicht in diesem Augenblick kein Trost für ihn war. 

Die große Blondine stand auf, beugte sich über den Jungen und küsste ihn auf seine Wange. Maximilian verfolgte es mit Staunen und erwischte sich dabei, wie er den großen Ausbeulungen in ihrer Bluse seine Beachtung schenkte. 

„Danke für alles, Süßer. Du wirst das schaffen, ich verspreche es dir.“

Der Junge schien gefasster zu sein, lag das wirklich nur an den Medikamenten?

„Kann Mey und ihre Familie hierbleiben?“ Fragte er die Ärztin. 

„Vielleicht, das kommt drauf an.“

Der Junge wurde hellhörig. Auf keinen Fall wollte er, dass die drei zurück in die Zone mussten. 

„Worauf?“

Mira warf Maximilian einen unsicheren Blick zu. 

„Ich erkläre dir das, wenn es dir besser geht. Einverstanden? Ich tue,  was ich kann, aber versprechen ...“ 

Sie schien sich hilflos zu fühlen in diesem Moment. So übernahm Maximilan das Reden und suchte den Jungen, mit Witzen und lustigen Episoden aus seiner Kindheit aufzumuntern. Tatsächlich brachte er Manuel zum Lachen und auch Mira fiel mit ein, so sehr, dass sie ein solch rotes Gesicht bekam, dass es die Männer noch zusätzlich amüsierte. 

Wären die Umstände nicht so tragisch, wäre das der erste Abend der Unbeschwertheit für Maximilian gewesen. Zumal sich ihm Mira von einer Seite zeigte, die er so noch nicht zuvor bei ihr bemerkt hatte. 

Zwei Stunden verbrachten sie noch bei den Jungen, dann fuhren sie mit einem Taxi zu der Menda nach Hause. Für Maximilian bot die kleine Stadt einen überwältigenden Anblick. Die Straßen waren sauber und gepflegt, elektrisches Licht schien aus den Fenstern der Häuser und einige Passanten suchten zielstrebig ihren Weg, dabei vom Lichtkegel einer Laterne zu dem der nächsten eilend, in deren Schein sich Myriaden an Insekten tummelten. Das alles zusammen, ließ ihn in seinen Gedanken eine vergangene Epoche seines Lebens wieder aufleben, ähnlich wie bei der Serie, welche Wanda so gefiel.

 Der Wagen hielt schließlich vor einem kleinen Haus mit großem Garten, es schien Miras ganzer Stolz zu sein. Sie breitete ihre Arme aus, nachdem sie die Pforte geöffnet hatte und über den schmalen, gepflasterten Weg auf das weißgetünchte, einstöckige Gebäude zuhielt. 

„Weißt du, wie lange ich um eine Genehmigung habe kämpfen müssen? Endlich raus aus dem Gemeinschaftswohnheim, wo man eine kleine Zelle sein eigen nennen darf? Fünf Jahre lang habe ich mehr als zwölf Stunden täglich gearbeitet, dann bekam ich es endlich als Prämie.“

Sie lachte und öffnete die unverschlossene Haustür. 

„Zieh bitte deine Stiefel aus! Bei mir herrscht Ordnung.“

Maximilian blickte staunend in den Flur hinein. Jacken hingen in der Garderobe, sorgsam aufgehängt an Bügeln, ein schmaler Tisch mit einem alten Bakelittelefon wirkte etwas rustikal auf ihn. Er hätte fast lachen mögen, als er die lange Reihe Damenschuhe in dem Ständer sah. 

Sie führte ihn durch ihr Reich, zeigte ihm Küche und Wohnzimmer, das Arbeitszimmer, in dem sie die Aufgaben erledigte, welche sie tagsüber nicht geschafft hatte, sowie ihr Schlafzimmer im ersten Stock. Eine Tür im Erdgeschoss war verschlossen und auf seine Frage hin, kam nur die kurzangebundene Antwort, dass es sich um den Keller handeln würde. 

„Da befindet sich nur Gerümpel, Max.“

Er gab sich damit zufrieden und ging mit ihr zurück in die Küche. Mira versprach ihm ein gutes Essen, öffnete den Kühlschrank und holte ein paar Zutaten daraus hervor. Maximilian ging inzwischen in das Wohnzimmer und blieb vor einem Bücherregal stehen, das neben alten Klassikern auch vieles bot, dass er nicht kannte. Kurz überflog er die Titel, dann schenkte er den Fotos und Bilder an der Wand seine Aufmerksamkeit. Die meisten zeigten Mira während ihres Militärdienstes und den Jahren an der Universität. 

Vor der gegenüberliegenden Wand jedoch schrak er zurück. An einer Hakenleiste neben der Tür waren Peitschen aufgehängt worden, die nur einem Zweck dienen konnten. An einer von ihnen gab es mehrere Riemen mit Knoten, die in einen Griff zusammengeflochten waren, daneben zwei weitere derbe Riemenpeitschen, die schmal zu ihren Enden ausliefen. 

„Mira! Kommst du mal?“

Er hörte Geklapper und dann das Klackern ihrer Stiefelabsätze. Sie blickte fragend zu ihm rüber, als sie den Raum betrat. 

„Wofür hast du die?“

Mira warf einen Blick auf die Abstrafungswerkzeuge und schien sich nicht weiter darum zu scheren. 

„Bei mir arbeiten Männer, Max. Ich bestrafe sie damit, wenn sie frech werden oder ihre Arbeit nicht sorgsam erledigen wollen.“

Er blickte sie fassungslos an. 

„Ich bin eine Menda, schon vergessen? Ich habe dir gesagt, wie wir zu dieser Art von Erziehung stehen und das sie sehr wirksam ist.“

„Benutzt du sie oft?“

Mira hob ihre Schultern. 

„Ab und an schon. Aber ich weiß wo die Grenzen liegen, sowohl bei dem Personal, als auch bei mir selbst. Ich bin kein Unmensch, ich glaube, das weißt du mittlerweile.“

Maximilian blickte sie seltsam an. Er schien sich dessen immer noch nicht sicher zu sein. Sie nahm es hin. Er würde mit der Zeit schon weich werden. 

„Komm! Ich mache uns was Leckeres zu Essen. Du wirst es mögen, ich bin eine gute Köchin.“

Sie lachte, während sie sich eine pinke Küchenschürze umband, die in einem makaberen Kontrast zu ihrer Uniform stand. 

„Du bist wahrscheinlich der erste Mann in der Republik, der von einer Menda bekocht wird, sei stolz!“

Sie deutete auf einen Stuhl an dem kleinen Küchentisch. 

„Komm! Setz dich zu mir, dann können wir uns weiter unterhalten.“

Mira fragte Maximilian nach seiner Familie aus, interessierte sich auch für Mara seine erste Freundin und wollte schließlich von ihm ganz direkt wissen, ob sich ihr Geschlecht ähnlich für ihn angefühlt hatte, wie das von Wanda.

„Was?“ Er kam in diesen Moment mit ihrer Direktheit nicht sonderlich gut zurecht. 

„Verzeih mir meine Neugierde, aber das interessiert mich einfach. Wanda ist kein richtiger Mensch ich weiß, aber ich finde sie ...“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „... dennoch interessant.“

„Du stehst auf sie, meinst du.“

Mira nickte. 

„Ja, wenn ich ehrlich bin, schon. Sie hat trotz ihrer Kraft und den enormen Fähigkeiten, so etwas Menschliches und Verletzliches an sich.“

Mira stellte ihm eine Tasse Tee hin, setzte sich zu ihm und schälte neben Gemüse auch ein paar Kartoffeln. 

„Und sie missbraucht ihre Macht nicht. Das wäre bei einem Mann undenkbar.“

Maximilian schüttelte seinen Kopf. 

„Und schon fängt es wieder an.“

Mira sah zu ihm rüber. 

„Was? Habe ich nicht recht?“

„Nein, hast du nicht. Es gibt so viele Beispiele, in denen Männer Macht hatten und diese konstruktiv oder gar nicht eingesetzt haben. Du pauschalisierst und rechtfertigst damit eure Art zu Leben. Das ist aus meiner Sicht Schwäche.“

„Lass uns nicht streiten, Max. Bitte! Beantworte mir lieber meine Frage.“

Er hatte sie längst vergessen und musste nachfragen. 

„Na wie sich ihre Scheide für dich anfühlt.“

Er konnte nicht anders, er musste lachen. 

„Fantastisch. Sie kann damit sehr gut umgehen. Sie ist für einen Mann wie ein wahrgewordener Traum. Aber sie vermittelt ihrer Besitzerin auch viel Spaß und Lust an der Sache und scheint ein wichtiger Ausgleich für sie zu sein.“

„Und sie ist nicht zu groß für dich?“

Maximilian verneinte. 

„Nein! Sie ist genau richtig. Einfach toll.“

„Was ist mit ihren Brüsten? Ich stelle mir das störend vor, wenn sie so hart und fest sind.“

Maximilian zeigte sich sichtlich verlegen. Er hatte sich noch nie mit einer Frau über den Sex mit einer Frau unterhalten. Eine seltsame Konstellation wie er fand. Früher hatte er oft mit seinem besten Freund Sven darüber gesprochen, aber diese Gespräche wurden in aller Bierseligkeit geführt und waren dem entsprechend vom Niveau ganz anders gelagert. Mein Gott sie waren ja damals auch dumm und naiv gewesen. 

„Sie werden weich, wenn sie sich erregt. Das ist etwas, was mich auch erstaunt. Mann kann bei ihrem Körper nicht wirklich ausmachen, was noch organisch und was anorganisch ist.“

„Du meinst, sie geben nach, wenn du sie berührst?“

Maximilian nickte. 

„Ja, genau.“

„Wie fühlen sie sich dann an? So wie meine?“

Er lachte. 

„Woher soll ich wissen, wie sich deine Brüste anfühlen?“

Sie gab ihm Recht. 

„Dann teste einfach und vergleiche dann.“

Die Menda schickte sich an ihre Bluse für ihn aufzuknöpfen. 

„Nein! Bitte! Das geht mir zu weit, Mira.“

Die große Frau legte das Schälmesser zur Seite und lehnte sich zurück. 

„Also für einen Kerl stellst du dich ziemlich an. Was ist so schlimm daran, wenn du mich berührst? Es hätte doch gar keinen sexuellen Hintergrund, weder für dich noch für mich.“

Das Telefon im Flur klingelte. 

„Mein Gott nervt mich dieses furchtbare Ding. Tut mir leid, Max, ich muss rangehen.“

Sie eilte aus der Küche heraus in den Flur und meldete sich. Mira sprach sehr deutlich und in einem ziemlich autoritären Ton. 

„Habt ihr eine Kontrollmessung durchgeführt? Ihr wisst, ich verstehe in diesem Punkt keinen Spaß.“

Es wurde still, anscheinend erstattete man ihr einen längeren Bericht. 

„Gut. Schick mir die Ergebnisse per Boten, ich möchte sie heute noch durchsehen.“

Maximilian hörte, wie sie den Hörer zurück auf die Gabel legte und zu ihm zurückkehrte. Sie blieb in der Tür stehen und musterte ihn eingehend. 

„Du hast einen VGS von 99.92, Max. So etwas gibt es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt ein zweites Mal.“

Es schien ihn nicht weiter zu interessieren und ignorierte das Staunen in ihrem Gesicht. 

„Nur schade, dass Wanda keine Kinder bekommen kann.“

Mira hing ihren Gedanken nach, zog ihre feinrasierten Augenbrauen zusammen, verharrte einen Moment, um sich anschließend wieder an das Essen zu machen. 

„Wir haben keine Ausrüstung, um künstlich zu befruchten, ansonsten hättest du uns wenigstens ein bisschen von deinem Samen spenden können.“

„Können wir das Thema lassen? Es macht mich sehr wütend.“

Sie war einverstanden, füllte das geschnittene Gemüse in einer Form und deckte diese mit Käse ab. 

„Ein Auflauf?“ Fragte er interessiert. Er fühlte, wie bei diesem Anblick sein Magen begann unruhig zu werden. 

„Ja, genau.“ Mira blieb nachdenklich, in ihren Kopf schien etwas ganz anderes Thema zu sein. 

„Ich bin kurz im Keller und hole uns einen Wein. Er ist so alt wie du, aber zur Feier des Tages opfere ich gerne etwas davon.“ Sie blickte ihn fragend an. „Du trinkst doch welchen, oder?“

Maximilian zeigte sich begeistert. 

„Ja, na klar. Das wäre super. Zum Essen schmeckt er mir viel besser als Bier. Aber warum Feier des Tages?“

Sie erinnerte ihn an die Tatsache, dass er der erste Mann war, den sie bekochte.“

„Stimmt, da war was. Ich hoffe, dass sich irgendwann das Verhältnis zwischen euch und euren Männern wieder normalisieren wird.“

Sie antwortete ihm nicht, schob die Form in den Ofen und setzte sich wieder zu ihm. 

„Es ist sicher für dich schwer gewesen, das Leben an der Oberfläche.“ Stellte Mira fest. 

„Na ja, Beklemmung und Befreiung zu gleichen Teilen. Wanda hat schon ziemlich viel Leben in meine Bude dort unten eingehaucht und dann die Besucher im letzten Winter? Eigentlich eine ganz schöne Zeit. Oben haben wir uns mit den Gegebenheiten weitestgehend arrangiert. Sicher es fehlt an vielem, aber wir haben auf jeden Fall schon große Fortschritte gemacht und uns weitestgehend auf den nächsten Winter eingestellt.“

„Und mit Wanda hier zu leben wäre keine Option für dich?“

Maximilian verneinte. 

„Wenn Wanda damit beginnt, euer politisches System zu hinterfragen, wird sie es früher oder später als verbrecherisch klassifizieren, dessen bin ich mir sicher.“

„Ich habe mich dir genug erklärt, von daher möchte ich nicht schon wieder eine Debatte führen.“ Erwiderte die Menda im trockenen Tonfall. „Also was würde das für uns bedeuten?“

„Sie würde das Kee aktivieren und dieses tötet die Verantwortlichen.“

„Wir sind nicht wehrlos, Max.“

Er musste lachen bei diesem Gedanken. 

„Doch. Gegen sie schon. Sie ist teurer in der Entwicklung und Fertigung gewesen, als ein atomarer Flugzeugträger.“

„Gut, mag alles sein. Wir kommen euch entgegen und handeln eine Kooperation aus. Auf die ans weibliche Geschlecht angepasste Hierarchie werden wir jedoch keinesfalls verzichten.“

Maximilian schien dieses Dauerthema ähnlich zu ermüden, wie es bei Mira der Fall war. Erleichtert hörte er das Klingen des E-Herdes und hob seine Nase in die Luft. Es roch fantastisch. 

Das Essen war einfach, dafür aber gehaltvoll und lecker zubereitet. Mira hatte ihm nicht zu viel versprochen. Satt und zufrieden wollte er sich dazu aufraffen ihr zu helfen die Küche sauber zu machen und Ordnung zu schaffen, doch sie winkte ab und bat ihn stattdessen ins Wohnzimmer hinein. 

„Es kommt morgen der Putzknecht, der kümmert sich um das alles hier.“

Er sparte sich den Kommentar, folgte ihr in die gemütlich eingerichtete Stube und nahm auf den breiten Ledersofa Platz, nachdem sie ihn dazu aufgefordert hatte. 

„Magst du Jazz?“ 

Maximilian freute sich. Dieser Musikstil würde perfekt zu diesem Abend passen. Er sah ihr dabei zu, wie sie vorsichtig eine Schallplatte aus einer weißen Hülle zog und auf einen alten Plattenspieler legte. Kurz darauf hörte er die harmonischen Klänge und schloss seine Augen. Sein Vater tauchte in seiner Erinnerung auf, er hatte Seoul, Jazz und Blues geliebt. 

Die Menda nahm ohne Scheu direkt neben ihm Platz, schlug ihre Beine übereinander und lauschte ebenfalls. Viel gesagt werden musste nicht, sie beide gaben sich einfach nur ihren Gedanken hin. Erst als auch die zweite Seite der Platte abgespielt war, fragte er sie nach seiner Unterkunft. 

„Ich glaube kaum, dass du ins Männerlager möchtest. Von daher schläfst du die Tage bei mir. Mein Bett ist groß genug.“

Er zeigte sich überrascht. 

„Du lässt einen Mann bei dir im Bett schlafen?“

Mira erklärte sich ihm gerne. 

„Nein, ich lasse DICH in meinem Bett schlafen. Das ist ein Unterschied für mich. Du bist kultiviert und integer, halt ein Vorkriegsmensch.“

Maximilian wusste nicht, ob er sich über dieses seltsame Kompliment freuen wollte. Stimmte aber schließlich zu. Mira war lesbisch, es würde also zwischen ihnen keine unbeabsichtigte Nähe geben. 

„Meinst du nicht, ich sollte hier unten schlafen? Die Couch ist breit genug.“

Mira verneinte. 

„Ich hole später Emma und Tina rein, meine Rottweiler. Sie passen auf das Haus auf, wenn ich nicht da bin. Besser du bleibst dann bei mir oben, sie verstehen sich nicht gut mit Männer.“

Maximilian stöhnte auf. Immer wieder wurde die Kehrseite diese Frau für ihn erkennbar, die jede Sympathie wieder einstampfte, wenn er sie ihr gegenüber entdeckte. 

„Einverstanden, aber ich habe keine Nachtkleidung mit.“

Mira hob ihre Schultern. 

„Dann schlaf halt nackt. Tue ich zu dieser Jahreszeit schließlich auch. Falsche Scham hat etwas sehr Dummes an sich, oder etwa nicht?“

Maximilian unterhielt sich noch lange mit der Menda, durfte sich noch mehr Fotos aus ihrem Leben ansehen, ein paar Zeichnungen begutachten, die sie angefertigt hatte und gemeinsam mit ihr die Plattensammlung durchsehen. Sie war umfassend gebildet, geistreich und charismatisch. Unter anderen Umständen eine Frau, in die sich ein Mann unweigerlich verlieben musste. 

Er suchte unter der Dusche wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Seine Gedanken aber kehrten immer wieder zu der blonden Frau zurück, die ihn heute so umfassend bewirtet hatte. Es war eine schöne und leichte Zeit für ihn gewesen, ganz anders, als die melancholischen Momente mit Wanda, die sich darauf verließ, dass er ihr das Positive in ihrem Leben aufzeigte. 

Die Badezimmertür öffnete sich und die große Frau stolzierte völlig nackt herein, setzte sich ungeniert auf die Toilette und erleichterte sich für ihn hörbar. Sie spülte, putzte sich die Zähne und warf dann einen Blick auf den Boiler. 

„Das warme Wasser ist fast alle. Kann ich den Rest mit dir teilen? Ganz so kalt mag ich es nicht.“

Ehe er antworten kann, zog sie schon den Vorhang zur Seite und stieg zu ihm in die Kabine. Der Anblick dieser Frau überwältigte ihn völlig. Ihre tiefblauen Augen, die hohen Wangenknochen, die kleine Nase mit den darunter befindlichen fleischigen Kusslippen, ihre mächtigen und so prallen Brüste, die sich ihm in diesen Augenblick entgegenstreckten. Alles an ihre war verführerisch, vor allem ihr Unterleib mit dem breiten Becken, den muskulösen Schenkeln und dem sorgfältige rasierten Geschlecht. Scheiße! Er begehrte sie und sein Blut floß in eine für ihn mehr als unwillkommene Richtung. 

„Ist nicht schlimm, wenn du einen Steifen bekommst. Bei dir macht mir das nichts. Ich empfinde es sogar als Kompliment, konkurriere ich doch so indirekt mit unserem Powergirl.“

Sie lachte schallend bei dieser Vorstellung.

Maximilian wurde rot, blickte zu ihr erschrocken auf und wollte sich von ihr wegdrehen. 

„Musst du nicht! Max! Entspann dich, alles gut. Du hast einen niedlichen Schwanz, du musst ihn nicht vor mir verstecken.“

Er sah sie erstaunt an. 

„Niedlich?“ 

Die Menda blickte auf seinen Schoß herrunter und schob die Finger ihrer rechten Hand unter seinen Hodensack, um seine Testikel genauer zu betrachten. Leckte sie sich wirklich gerade über die Lippen? Und war da nicht an ihrer Scham ein verräterisches Glitzern? Er bildete es sich wahrscheinlich nur ein und der Wunsch blieb Vater seiner Gedanken. 

Von jetzt auf gleich wurde das Wasser kalt. Maximilian schrak zusammen, aber auch der Menda wurde es zu unangenehm und so stiegen sie eilig aus der engen Kabine heraus. 

„Komm! Gehen wir ins Bett, du bist sicher müde.“

Tatsächlich, sie hatte Recht. Wenn sich sein Pimmel nur bitte endlich wieder beruhigen würde. Doch was sollte er um den heißen Brei herum reden. Er war geil auf sie. WANDA! Rette mich vor dieser Frau!

Die Menda hielt wenigstens im Bett Abstand zu ihm, sodass die Lage zwischen ihnen nicht weiter eskalierte. Irgendwann hörte er neben sich ein leises Schnarchen und so drehte er sich selbst auf die Seite und schloss seine Augen. Wanda! Wanda! Wanda! Immer wieder rief er sich seine Freundin in Erinnerung. 

 

39    Manuels Therapeutin

Am nächsten Morgen wachte Manuel schweißgebadet auf und hatte erst einmal Mühe sich zurechtzufinden. Ihn plagte quälender Durst und in seinem rechten Bein spürte er einen pochenden Schmerz. Er nahm die kleine Glocke von dem Tisch herunter und läutete sie, worauf kurz danach die Tür aufging und ein glatzköpfiger junger Mann an sein Bett herantrat und ihn mit gesenkten Blick fragte, was er wünschte.

„Was zu trinken, bitte. Und habt ihr was gegen Schmerzen?“ Erst jetzt registrierte Manuel das breite Metallband um den Hals des Pflegers und blickte voller Staunen zu ihm auf. 

„Selbstverständlich. Ich bringe es ihnen.“

Der Junge wollte diese Förmlichkeit nicht und hielt den Mann noch einmal mit einem Zuruf zurück. 

„Ich heiße, Manuel.“ 

Der Mann nickte, verließ aber ohne eine Erwiderung das Zimmer. 

Es dauerte ein paar Minuten, dann kam er in Begleitung einer schwarzuniformierten Frau herein. Sie war größer als der Mann, schien sehr sportlich zu sein, hatte schwarze Haare und ein sehr markantes, jedoch auch hart und ernst wirkendes Gesicht. 

„Hallo Manuel. Mira hat mich gebeten, dich von jetzt an zu betreuen. Maximilian wird später zu dir kommen, er hat noch am Morgen einen Termin mit Mira beim Rat.“

Der Junge verstand nur Bahnhof, nahm dem Pfleger das Glas Wasser ab und ließ sich die Tablette reichen.

„Wo ist Mey?“

„Du meinst das Mädchen?“ Die Frau setzte sich zu ihm ans Bett, ließ ihren Blick über seinen Körper wandern und nahm dann seine linke Hand auf, um seinen Puls zu fühlen. 

„Sie ist mit ihrer Mutter nach Isera weitergereist. Sie wird dort zur Schule gehen und in ihr neues Leben eingeführt werden. Sie hat aber versprochen dich zu besuchen, nur wird es wahrscheinlich erst am Wochenende dafür Zeit geben.“

„Wie heißt du?“

Die junge Frau blickte mit ihren grauen klaren Augen auf ihn herunter.

„Entschuldige. Es kommt nicht oft vor, dass ich auf dieser Ebene mit Männern spreche. Sida, heiße ich. Du wirst mich die nächsten Wochen und Monate ständig an deiner Seite wissen. Wenn du etwas brauchst, sagst du mir das und ich werde zusehen, dass es dir an nichts fehlen wird. Ich werde dir auch deine Prothese anpassen und dir zeigen, wie man damit umgeht.“

Sie schlug die Bettdecke zurück, lüftete seinen Kittel und legte ohne Scheu seinen Unterleib frei. Erst untersuchte sie seinen Beinstumpf, löste vorsichtig die Verbände und sah nach der großflächigen Naht.

„Sieht gut aus! Ich werde dir nachher Krücken bringen und dir den Katheter ziehen. Musst du groß? Dann hole ich dir eine Schale.“

Der Junge wurde rot und schüttelte seinen Kopf. Die junge Frau aber lächelte und sah nach seinem Glied, zog seine Vorhaut zurück und betrachtete auch seine Hoden dabei. Sie wirkte routiniert und erfahren, und schien keine weitere Absichten zu haben, als ihn zu untersuchen. 

„Ich wasche dich gleich und dann wollen wir sehen, in wie weit du gebildet bist. Mira hat mich gebeten, dass du von mir in jeder Hinsicht gefördert wirst.“

Sie fragte ihn danach, ob er Lesen und Schreiben könne, ob er eine Vorstellung davon hatte wie es um die Zone, aber auch der Welt an sich stand, wo er schon überall gewesen war und wie sein Leben bisher ablief. Manuel ermüdete schnell und so gönnte ihm Sida eine Pause, nachdem sie ihn gewaschen hatte. Der Junge schlief schon wieder fest, als sie sanft seinen Oberkörper und das linke Bein abtrocknete. 

Sie betrachtete ihn nicht nur mit oberflächlichen Interesse. Sie wollte sich mit ihm auseinandersetzen, so wie es Mira von ihr gefordert hatte. Normalerweise stand ein Mann im Sklavenstand, doch bei diesem Jungen sollte es anders sein, warum auch immer. Würde sie diese Grätsche schaffen? Immerhin war sie ganz anders erzogen worden. Männer waren bisher Mittel zum Zweck gewesen und hatten zu dienen und gehorchen. 

Ihr Blick wanderte über seinen Körper hinweg. Er wirkte so schwach und zerbrechlich, und hatte dennoch Unglaubliches zu leisten vermocht, sonst wäre der Junge in der Zone nicht so alt geworden. Sanft ließ sie ihre Finger über seine Haut gleiten, die sich ähnlich sanft anfühlte wie ihre eigene. Kurz berührte sie auch sein Glied, dass so ganz anders aussah wie die Spielzeuge, mit denen sie und ihre Kameradinnen sich gegenseitig verwöhnt hatten. 

Sie löste sich von ihm, stand auf und bemerkte das fleckige Laken. Es war anscheinend schon seit Tagen nicht mehr gewechselt worden. So trat sie wütend aus dem Zimmer heraus, winkte den glatzköpfigen Mann zu sich heran, packte ihn brutal am Ohr und zog ihn in das Zimmer. Dort zeigte sie ihm das Betttuch und verlangte von ihm eine Erklärung.

Der Mann begann zu stottern, blickte auf seine Füße herunter, jeden Moment den Orkan erwartend, der über ihn hinwegfegen sollte. Tatsächlich detonierte eine heftige Ohrfeige auf seiner Wange, die seinen Kopf nach rechts herumriss. 

„Du meldest dich bei der für dich zuständigen Erzieherin und bittest sie um Zwanzig! Verstanden?“

Demonstrativ las Sida die Nummer auf dem Halsband des Sklaven. Würde er sie hintergehen, verzehnfachte sich damit seine Strafe. 

„Lass den Jungen schlafen, ist er das nächste Mal wach, wechselst du seine Bettwäsche.“

Sida hörte hinter sich das Knallen von Absätzen. Entweder kam die Visite oder eine Besucherin. Schließlich lag Manuel in einem Frauenkrankenhaus. 

„Hallo Sida. Hast du dir schon einen ersten Eindruck von Manuel verschaffen können?“ 

Sida salutierte vor ihrer Vorgesetztin und machte Meldung. 

„Habe ich, Mira. Er scheint mir annehmbar zu sein.“

Miras Lippen verzogen sich zu einem süffisanten Lächeln. 

„Nett, dass du meine Einschätzung bestätigst. Bist du aber auch bereit dazu, das von mir Gewünschte zu vollziehen?“

Die schwarzhaarige Menda nickte. Ja, das bin ich. Er scheint mir nicht so primitiv wie andere Männer zu sein. Mein Gefühl des Ekels blieb ihm gegenüber aus.

Mira lachte. 

„Nur nicht übertreiben, Kleines! Eine emotionale Bindung wird sich sicher zwischen euch bilden, nur solltest du diese so klein wie möglich halten. Er gehört dir nicht auf ewig, denk daran.“

„Das werde ich, Mira. Danke, dass du mich ausgesucht hast.“

Mira legte der jungen Frau ihre rechte Hand auf die Schulter. 

„Du hast mich nie enttäuscht, Sida. Ich vertraue dir, dass du den Jungen dazu bringst, sich meinen Willen zu beugen. Gehe aber behutsam vor und achte dabei auf Maximilian. Sei distanziert aber höflich zu dem Mann, er wird alles an dir hinterfragen und werten.“

„Und die Wohnung?“ Erinnerte Sida ihre Vorgesetzte. 

„Sie ist fertig, der Rat hat sie dir genehmigt. Sehr früh, wie du weißt. Normalerweise hättest du erst in acht Jahren einen Anspruch darauf. Ich gebe dir die Adresse, sie ist nicht weit von hier.

„Danke, danke, danke!“ Sida konnte nicht anders, sie wollte Mira umarmen, die diese Geste mit gequältem Gesichtsausdruck über sich ergehen ließ.

„Tue einfach weiter das was ich von dir verlange. Dann gehst du deinen Weg, dessen bin ich mir sicher.“

Die große Blonde blickte auf ihre Armbanduhr herunter. 

„So, er wird gleich da sein. Du machst jetzt Pause und kommst in drei Stunden wieder. Bis dahin werden wir hier weg sein.“

Sida salutierte und führte ihre rechte Hand an ihre Schläfe. 

„Geh jetzt! Ich möchte nicht, dass du schon heute auf Maximilian triffst.“

Maximilian war fix und fertig. Er hatte neben der Menda denkbar schlecht geschlafen, die ihn mit ihren sexuellen Reizen schier überflutet hatte. Dabei gab sie sich auch noch auf unbekümmerte Weise distanzlos, so als ob sie sich überhaupt nicht vorstellen könnte, dass sie selbst ein Verlangen ihm gegenüber entwickeln könnte. So war sie auch am Morgen nackt durch ihr Häuschen marschiert, vollzog vor ihm ihr Fitnessprogramm und ging im Bad ein und aus, selbst wenn er duschte oder auf die Toilette ging. Dabei ähnelte ihre Figur auf frapierender Weise der von Wanda, nur dass sie dabei nackt und naturbelassen auf ihn wirkte. Schon die Erinnerung an das Bild von Miras Körper sorgte dafür, dass er eine Erektion bekam. 

Fast war er erleichtert gewesen, als sie wieder in ihrer so brutal und faschistisch wirkenden Uniform vor ihm gestanden hatte. Sie wollte ihn zum Hohen Rat der Mendas bringen, wo er den Zugang zu dem Mainframe verhandeln sollte. In einem fensterlosen Bus wurde er in das Regierungszentrum verbracht, ohne dabei etwas von der Außenwelt mitzubekommen. Man wollte ihn nicht überfordern, erklärte sich ihm seine Gastgeberin.

Maximilian konnte vor Müdigkeit kaum noch seine Augen aufhalten. Mira hatte ihm immer wieder zugeflüstert, als sie gemeinsam darauf warteten, dass Manuel wieder zu sich kam. Wahrscheinlich fühlte sie, dass er jeden Moment wegnicken könnte.

„Wanda hat die Verhältnisse in der Siedlung geklärt. Kaum das sie angekommen war, haben sich die Männer der Horde wieder zurückgezogen. Noch nie wurde mir von solch einer großen Zahl berichtet. Fünf Frauen aus dem Zug sind gefallen, vier weitere verwundet. Ein Desaster.“

Mira blickte betrübt drein. 

„Deine Freundin hat noch ein paar Nachzügler erwischt, das war es dann aber auch. Die Masse hat sich zerstreut und ist ihr entkommen.“

Maximilian suchte seine Müdigkeit zurückzudrängen. Woher hatte die Horde gewusst, dass Wanda zurück war? Das konnte doch unmöglich ein Zufall sein. Er fragte Mira nach ihrer Meinung. Auch sie konnte sich erst keinen Reim darauf machen. 

„Justin war nach dem Gefecht nicht mehr aufzufinden, wie mir die Zugführerin Vea berichtet hatte. Vielleicht hat er uns verraten?“

Maximilian suchte sich an den kleinen Mann zu erinnern. Der hatte zwar traumatisiert und zurückhaltend auf ihn gewirkt, aber Hass? Er hatte mehrere Male mit ihm gesprochen, ihn auch immer wieder um Verzeihung gebeten und tatsächlich schien Justin eingesehen zu haben, dass er letzten Endes selbst die Schuld daran trug, sich dieser Hölle freiwillig ausgesetzt zu haben. Zumal Wanda anfangs misstrauisch ihm gegenüber war und mehr als gründlich hinterfragt hatte. Sie hätte es spüren müssen, wenn er versucht hätte ihr etwas vorzumachen. 

„Ich muss zu ihr. Unbedingt.“

Mira horchte auf. 

„Und was ist mit Manuel? Was mit unseren Verhandlungen? Das heute waren doch nur die ersten Sondierungsgespräche.“

Er zögerte. Fühlte er doch deutlich, dass er von dem Jungen, aber eben auch von Wanda gebraucht wurde. 

„Wie hast du von der Siedlung erfahren?“

„Über Funk. Wir haben einen größeren Apparat zu euch geschafft und einen Posten aufgebaut. Im Moment sind wir dabei ein kleines Lazarett einzurichten und die Wasserversorgung sicher zu stellen. Als kleine Vorleistung für unsere Kooperation, Max.“

Er stutzte. Davon hatten ihm die drei Frauen des Rates nichts gesagt. Ganz im Gegenteil, sie hatten ihm und Wanda die Schuld gegeben, dass ihr Rechenzentrum zerstört worden ist, und wollten sich von der Tatsache nichts annehmen, dass sie es waren, die ihren Angriffstrupp zuerst zum Wissenschaftsinstitut geschickt hatten. Und jetzt dieses Entgegenkommen?

„Ich möchte mit Wanda sprechen, solange ich hier bin. Wenigstens das.“

Die Menda nickte und schien darin kein Problem zu sehen. 

„Na klar. Warum nicht? Dafür ist die Verbindung ja geschaffen worden. Nur bitte ich dich darum abzuwarten, bis die Funkstelle frei geworden ist. Im Moment wird noch einiges an Organisation geschaffen und zwei Hubschrauber mit Verstärkung sind auch unterwegs. 

Maximilian wurde hellhörig. Dass sich die Mendas so gezielt im Komplex ausbreiteten, beunruhigte ihn. 

„Noch ist unser Handel nicht abgeschlossen. Übertreibt es nicht! Das ist unsere Siedlung, nicht Eure.“

„Krieg dich wieder ein! Wir geben uns Mühe deine, bzw. eure Bedenken zu zerstreuen und anstatt du ein wenig lockerer mir gegenüber wirst, scheint dein Verfolgungswahn immer stärker zu werden. Das ärgert mich, weil ich keinen Grund dafür erkennen kann.“

Der Junge wachte in diesen Moment auf und blickte zu Maximilian rüber, der an der rechten Seite seines Bettes saß, während Mira an der Linken Platz genommen hatte. 

„Streitet ihr?“

Die Menda suchte den Jungen zu beruhigen. 

„Wir diskutieren ein wenig, Manuel. Entschuldige, wenn wir dich geweckt haben sollten. Wie geht es dir? Fühlst du dich besser?“

Der Junge nickte und griff nach Maximilians Hand. 

„Ist mit Wanda und unseren Freunden alles in Ordnung?“

Maximilian blickte zu seiner Begleiterin rüber. 

„Ja, ich denke schon. Ich werde später mit ihr telefonieren.“

Manuel schien sich darüber zu freuen. 

„Fragst du nach Maks und Soks?“

Maximilian versprach es ihm. 

„Wie geht es dir hier? Wirst du gut versorgt?“

Manuel drehte sich um und blickte Mira nachdenklich an. 

„Die Frau vorhin, war das eine Freundin von dir?“

Mira verneinte. 

„Sie ist eine Schülerin. Ich möchte sichergehen, dass du den bestmöglichen Heilungsprozess erfährst und jemanden an deiner Seite weißt, den du nach allem fragen kannst, was du hier erlebst.“

Manuel wurde rot. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wo ihn überall die junge Frau berührt hatte. 

Maximilian wusste nicht, über wen die beiden sprachen und so erklärte es Mira ihm mit einigen wenigen Sätzen. Auch er schien froh zu sein, dass Manuel in dieser, ihm völlig ungewohnten Umgebung nicht ohne Betreuung blieb, wenn er selbst keine Zeit für ihn hatte. 

„Kannst du den Kasten dort oben anstellen?“

Mira blickte zu den Fernseher auf, der an der Wand hing. 

„Ich weiß nicht, Süßer. Das ist Frauenfernsehen. Keine Ahnung ob dich das interessieren wird.“

Sie schaltete dennoch das Gerät mit Hilfe der Fernbedienung ein und reichte sie ihm. Kurz erklärte sie dem Jungen, wie man damit umging und wie die einzelnen Tastensymbole darauf für ihn zu deuten waren. Maximilian folgte ihren Erläuterungen ebenso wie der Junge, interessiert an einem Gerät, dass er seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr verwendet hatte. 

Ein buntes Bild leuchtete auf und eine hübsche rothaarige Sprecherin berichtete von der Steigerung der allgemeinen Wirtschaft und der ruhigen Frontlage. Auch der Auslandshandel wurde thematisiert, vor allem mit Republiken der französischen Zone. 

Maximilian interessiert sich sofort, während Mira nach einer Weile sich gelangweilt zeigte. 

„So. Gleich beginnt Manuels Physiotherapie. Wir möchten verhindern, dass sich seine Muskulatur degeneriert. Von daher lass uns aufbrechen, Max! Wir müssen noch rüber in die Kaserne, wenn du mit Wanda sprechen möchtest.

Maximilian war einverstanden. Hauptsache er konnte Wandas Stimme hören und über sie wieder einen klaren Kopf bekommen. Wenn sie nur wüsste, was dieses blonde Gift bei ihm bewirkte. 

„Frag sie nach den beiden!“ Erinnerte ihn Manuel noch einmal.

„Werde ich machen, hab keine Sorge. Wir sehen uns morgen, einverstanden?“

Manuel verabschiedete sich von beiden mit einer Umarmung, blickte ihnen nach und richtete seinen Blick anschließend wieder auf den Fernseher. Es gab nur drei verschiedene Sender und von denen schien nur der für Kinder für ihn genießbar zu sein. Immerhin wurden dort bunte Filme gezeigt, auffälligerweise nur von Tieren. 

Wenig später klopfte es leise an der Tür und Sida trat ein. Sie kam an sein Bett und warf nur einen beiläufigen Blick zu dem Gerät hinter ihr. 

„Mach ihn aus, ich möchte mit dir das Programm der nächsten Tage durchgehen.“

Der Junge zögerte, griff dann aber zur Fernbedienung. Mira hatte ihm gezeigt, dass es der rote Knopf war, mit dem man es ein und wieder ausschalten konnte.

Die streng dreinblickende Uniformierte zog einen Stuhl heran, nahm neben ihm Platz und fühlte seinen Puls. Sie schien zufrieden, auch mit der Temperatur, die sie mit ihrer Hand an seiner Stirn fühlte. 

„Geht es dir gut?“

Manuel lächelte gezwungen. 

„Wenn man davon absieht, dass mir ein Bein fehlt, ja.“

Sidas Blick wanderte seinen Körper entlang. Sie schien sich in diesen Moment vorzustellen, was dieser Verlust für sie selbst bedeuten würde. 

„Du wirst damit leben lernen, Manuel und ich helfe dir dabei. Vorher möchte ich dich aber besser kennenlernen und du erzählst mir ein wenig über dich, einverstanden?“

Manuel versuchte sich aufzusetzen, musste sich aber dabei von ihr helfen lassen. Für ihn war im Moment nur wichtig, dass es etwas gab, dass ihn ablenken konnte. 

Er hatte ihr schon ein wenig von sich erzählt und ging nun mehr ins Detail. Sida schien wirklich Interesse an seinem Leben in der Zone zu haben und dem, was er ihr aus seiner Vergangenheit berichtete. Dabei zeigte sich die junge Menda beeindruckt vor den vielen Jahren der Entbehrungen und all den Gefahren, denen der Junge standgehalten hatte. Er berichtete ihr von Erlebnissen aus seiner Kindheit, seinem Vater und seine Mutter, die alles getan hatten, um ihn auf dieses Leben vorzubereiten und deren Tod im Kampf mit der Horde. Er durchlebte diese Szenen noch einmal, weinte dabei und ließ die Ärztin neben sich dabei nicht unberührt. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie, eine Geste, die ihm über den emotionalen Schmerz hinweghalf und vor allem wieder beruhigte. 

Er erzählte ihr von seiner Flucht, Jupps Familie, die Jagd nach den Rads, die ständige Gefahr dabei auf Schwarzhemden oder Hordenbanden zu stoßen, aber auch Siedlern, denen man nicht trauen durfte. Schließlich berichtete er ihr auch von dem Zusammentreffen mit Wanda, den Rads und Maximilian. Nachdem er an der Stelle angelangt war, an dem Wanda seinen Freund auf solch furchtbare Weise getötet hatte, hielt sich Sida nicht mehr zurück und musste nachfragen. 

„Und du hasst sie nicht dafür?“ Fragte Sida erstaunt. 

„Nein. Sie hat nur verteidigt, was sie liebt. Ich habe das verstanden.“

„Hältst du viel von ihr?“

Er blickte nachdenklich zu ihr auf. Schließlich nickte er. Dass er Wanda mögen konnte, obwohl sie ihm Jupp genommen hatte, kam ihm oft selbst unwirklich vor.  

„Ist sie wirklich so groß wie ein Haus?“

„Wie ein Kleines bestimmt. Aber sie ist lieb, solange man sie und uns in Ruhe lässt. Du wirst es sehen.“

Sida kam diese Vorstellung absurd vor. Sie sollte auf die Teufelin treffen? So wurde sie zumindest von den Leitoffizieren genannt. 

„Du hast vorhin von den Rads erzählt. Warum hörst du auf sie zu töten? Sie haben dich doch über die Jahre gebracht und deine Freunde auch. Und jetzt vertrauen sie euch und ihr lasst sie ungeschoren? Ihr könntet so viele Köpfe verdienen.“

„Sie sind nicht das, was man sich über sie erzählt. Glaub das nicht. Sie können nicht reden und schauen schrecklich aus, aber wenn man sie näher kennenlernt, dann glaubt man auf einmal, das Leben verstanden zu haben.“

Sida verstand nicht, worauf er hinaus wollte. Das konnte er deutlich in ihren so hart wirkenden Gesichtszügen lesen. 

„Sie sammeln und essen was sie finden, sind sie satt, schlafen sie, legen sich in die Sonne oder spielen mit ihren Kleinen. Dabei gibt es kein mein oder dein, sie teilen alles miteinander.“

„Also vegetieren sie vor sich hin, wie die Tiere? Dann haben wir also doch Recht.“ Lachte Sida. 

Der Junge zeigte ihr deutlich seinen Unmut. 

„Wenn Tier sein bedeutet, dass man sich vor der eigenen Art nicht zur fürchten braucht, von allen Seiten mit Liebe bedacht wird und man keine Angst vor dem Tod haben muss, wäre ich auch gerne eins.“ 

Manuel erinnerte sich an Soks und Maks. Wie gerne wäre er jetzt bei ihnen und hätte mit ihnen zusammen seine Zeit verbracht, als mit dieser arroganten Ziege. 

Es klopft an die Tür und der glatzköpfige Krankenpfleger kam herein und stellte mit zittrigen Händen das Tablett auf den Beistelltisch. Der Junge wunderte sich darüber, er hatte vorher keine Unsicherheit bei den Mann bemerkt. Als er den Raum verlassen hatte, wandte er sich deshalb an Sida. 

„Warum hat er Angst vor dir?“

Sidas graue Augen schienen ihn in diesem Moment zu durchbohren. Ihr Gesicht wirkte böse und angespannt und sie zeigte deutlich ihren Unwillen über seine Frage. 

„Ich habe ihn heute Mittag bestrafen müssen. Deshalb.“

„Und wie?“

Sida drückte ihren Rücken durch, wodurch ihr Dekollettee sich umso prägnanter unter ihrer Bluse abzeichnete und wirkte auf einmal angespannt und steif auf den Jungen. 

Sie erinnerte sich indessen an die Worte Miras und ermahnte sich selbst dazu, Haltung zu bewahren. 

„Ich habe ihn geschlagen.“

Manuel erinnerte sich wieder daran, wo er war und was man sich über diese Frauen erzählte. Es war also doch eine Illusion und Mira eine Lügnerin. 

„Und wann schlägst du mich?“

Sida versuchte ihn zu beschwichtigen. Dass er sich so direkt gab, überraschte sie, imponierte ihr aber auch. 

„Ich werde dich nicht schlagen, weil du anders bist als er.“

„Du kennst mich nicht. Woher willst du das also wissen?“

Sida dachte an die Kontrollposten, wo sich Männer und Frauen aus der Zone sammelten, um sich an die Mendas zu verkaufen. 

„Er ist vor dem Leben in der Zone hierher geflohen, wohl wissend, was ihn hier erwartet. Du aber hast dich durch dieses Leben gekämpft und warst stark genug, trotz deiner Jugend, um allen Gefahren zu trotzen. Aus meiner Sicht bist du damit wesentlich mehr wert, als dieser Mann.“

„Und die Tatsache, dass Wanda über mich wacht, spielt keine Rolle?“

„Für mich nicht. Und bevor du mich verachtest, Manuel, frage dich, wie viele Männer dich oder das, was du geliebt hast, töten wollten und danach wie viele Frauen darunter waren. Das allein sollte dir schon reichen.“

„Und wie viele wären es gewesen, wenn sie von euch nichts für die abgeschnittenen Köpfe bekommen hätten? Im Grunde genommen seid ihr doch Schuld an all dem Morden in der Zone und ihr seid Frauen.“

Sida hatte sich den Umgang mit dem Jungen einfacher vorgestellt. Zumal sie sich vom Ziel ihrer Aufgabe eher zu entfernen schien, als sich ihm anzunähern. 

„Es gibt das Recht des Starken über das Schicksal der Schwachen zu bestimmen. Und wir nutzen es, um die Welt zu etwas besseren zu machen.“

Manuel lachte heiser auf. 

„Besser? Ihr rottet Leben aus, quält eure Brüder und Väter und glaubt an eine bessere Welt?“

„Männer tragen die Schuld an all dem Leid, das wir auf der Welt kennen.“ Wurde Sida jetzt deutlich lauter. 

„Und Frauen sind Schuld an dem Leid in der Zone, das ich kenne. Mein Vater wäre noch am Leben und meine Mutter wahrscheinlich auch, wenn sie eine Chance bekommen hätte, in ein Krankenhaus zu kommen, wie dieses hier.“ Schrie Manuel. 

Schritte wurden auf dem Flur laut und zwei Frauen traten ein, mit schussbereiten Pistolen in ihren Händen. 

„Was ist los? Brauchst du Hilfe?“ Fragten sie Sida. 

„Nein! Geht wieder. Lasst mich mit ihm allein.“

Die beiden Bewaffneten warfen einen kritischen Blick auf den Jungen, sich sichtlich darüber wundernd, dass so nachsichtig mit ihm widerfahren wurde. 

„Geht, habe ich befohlen!“ Wurde Sida schließlich lauter.

Die Tür schloss sich wieder und sie blieben beide mit ihrer Wut aufeinander allein.

„Kann ich dich was fragen?“ 

Sida blickte Manuel aufmerksam an. War das ein Versuch sicht mit ihr zu versöhnen?

„Was?“

„Warum seid ihr alle so groß und so hübsch? Wie kann das sein?“

Wollte sie auf diese Frage antworten? Sie würde doch damit nur eine weitere Diskussion lostreten. Auch ärgerte es sie in diesem Moment, dass sie sich über sein indirektes Kompliment nicht freuen konnte. 

„Die ungeborenen Kinder im Mutterleib werden geprüft. Erfüllen sie nicht die Normen, werden sie abgetrieben.“

„Was sind Normen?“

„Richtwerte. In diesem Fall Genetische. Mira könnte dir mehr darüber erzählen, als ich, es ist ihr Fachgebiet.“

„Und was ist dein Gebiet?“

„Ich werde Ärztin für Allgemeinmedizin.“

„Was machst du da?“

Sida fühlt das erste Mal so etwas wie Lockerheit zwischen sich und den Jungen. Würde das Gespräch zwischen ihnen beiden endlich die ersehnte Wendung nehmen?

„Sie erzählte ihm von ihrer Ausbildung, ihren Erfahrungen im Krankenhaus und den Menschen, denen sie bereits hatte helfen können.“

„Männer auch?“ Fragte er sie schließlich in einem aggressiven Ton. 

Ihr platze jetzt der Kragen. 

„Manuel! Ich bin hier, um dir zu helfen, richtig? Und wenn ich das heute Mittag richtig beobachtet habe, dann bist du kein Mädchen.“

Er schwieg und blickte sie erschrocken an. Sie hatte Recht. 

„Es tut mir leid.“ Entschuldigte er sich schließlich bei ihr. 

Sida antwortete ihm nicht. Stattdessen wollte sie aufstehen und gehen. 

„Warte!“ Bat sie der Junge.

Die junge Frau drehte sich noch einmal widerwillig zu ihm um. Den ersten Tag mit ihm hatte sie als sehr anstrengend empfunden. 

„Was willst du noch? Wir sehen uns morgen, für heute langt es mir.“

Manuel hob seinen Arm und hielt ihr seine Hand hin. 

„Wir geben uns die Hände und verabschieden uns mit einer Umarmung.“

Ihre Augen weiteten sich. Sollte sie sich wirklich so weit zu ihm herablassen? Sie überlegte und zögerte, während Manuel geduldig auf die Erwiderung seiner Geste wartete. Schließlich dachte sie an die Wohnung, die ihr Mira versprochen hatte und trat an das Bett heran. 

Sie nahm seine Hand und fühlte ihren festen Druck. Der Junge ließ sie aber nicht wieder los, sondern zog sich mit ihrer Hilfe zu ihr rauf und umarmte sie. Er fühlte dabei den Druck ihres Busen und roch ihr Parfüm. 

„Vielleicht lassen wir diese Themen lieber. Tut mir leid, ich werde mich morgen zusammenreißen.“

Die Frau blickte ihn seltsam an. 

„Gut. Ich hoffe es. Letzten Endes geht es um dich, nicht um mich.“ 

Diese Lüge reute sie nicht. Sie verstand sie als Notwehr gegenüber der Aggressivität dieses Jungen. Unter anderen Umständen hätte sie ihn wohl bewusstlos geprügelt, für all seine Frechheiten.

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Kommentare

Bild des Benutzers sena

Hab ausversehen die Teile aus dem vorletzten Kapitel noch einmal veröffentlicht. Mea Culpa! Entschuldigt bitte. 

Eure doofe Sena

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Ein kluger Mann ist der, der seiner Frau artig folgt.

Auf Amazon und Neobooks unter dem Pseudonym Madame Mala unterwegs. Für euren Support und Unterstützung wäre ich euch dankbar.  

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Du bist ganz bestimmt nicht doof! Wir sind alles nur Menschen und ich liebe Deine Geschichten!

 

BCslave

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