Im Unterholz - Teil 7

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Sechs Wochen später bin ich hin und her gerissen. Wenn es mich auch nach wie vor verängstigt, dass ich mich in den Händen eines Erpressers befinde, so warte ich andererseits doch irgendwie auf ein Lebenszeichen von ihm. Aber seit Lilis Besuch, habe ich nichts gehört. Rein gar nichts! 

Auch Herr Klapproth hat keine verwertbaren Fakten aufgetan. Der Lieferwagen hatte das Kennzeichen eines gestohlenen Mercedes. Normal, sagt er, dass die Kennzeichen gestohlener Autos auf Fahrzeuge geschraubt werden, die man nicht erkennen soll. Und diese Glasbaufirma gibt es auch nicht. Die IP-Adresse allerdings hat er zuordnen können. Aber sie gehört zu einem unaussprechlichen Namen in Bolivien. Ein Terrain, so rät Herr Klapproth, von dem man besser die Finger lasse und ich bin in dieser Hinsicht sofort seiner Meinung. Zwei oder drei Telefonanrufe in dem Haus, der von Herrn Klapproth genannten Adresse der Gräfin Maria, Lioba und so weiter und ihres Gatten, also den Eigentümern des Hofes vor den Toren Berlins, beförderten jeweils nur eine Hausangestellte ans Telefon. In solchen Kreisen nimmt man den Hörer anscheinend nicht selbst in die Hand. Es sei denn, die Vorhut befinde einen Anrufer für würdig, weitergereicht zu werden.

Inzwischen bin ich fast überzeugt davon, dass mich von diesem Club der Freunde des Besonderen niemand mehr kontaktieren wird. Vermutlich hat Lili ihren Herrn darüber unterrichtet, dass mit mir weder in Sachen Fotze noch in Sachen Sklavin wirklich etwas anzufangen ist, weil ich versucht habe auszureden, sich so behandeln zu lassen.

Allerdings ist es förmlich zu einem Zwang geworden, mir die Filmmusik von „eyes wide shot“, erst zu besorgen und dann ständig anzuhören. Meinen Film hingegen, den mit den dreckigen, kleinen Szenen habe ich in eine Schublade verbannt. Dafür drücke ich gleich, wenn ich nachhause komme auf den Knopf der Anlage und schon beim Entkleiden hallen die gruseligen Akkorde durch meine Wohnung. Und wenn ich mich frage, warum ich das eigentlich mache, obwohl es mir jedes Mal wieder Schauer über den Rücken jagt, dann finde ich keine Antwort.

Mein soziales Umfeld hat sich auf ein Minimum reduziert. Mir fehlt die Lust zuzuhören, wenn über die ganzen, kleinen Alltagssorgen getratscht wird, von denen ich früher auch dachte, sie seien wichtig. Aber nun sind sie es nicht mehr. Von Bedeutung ist jetzt für mich nur noch dieses Gefühl der zweifachen Abhängigkeit. Der Knechtschaft dieses Schweins und der Sucht auf Lili, die mir das Herz zerrissen hat, als sie ging. Sie hat immer noch meinen Schlüssel und jeden Abend steigt ein Hoffnungsschimmer auf, wenn ich meinen ins Schloss schiebe. Und je mehr Zeit ins Land geht, in der ich nicht weiß, ob ich sie jemals wiedersehen werde, bestimmen umso größere Gefühle der Sehnsucht meine Tage. Sie hat einen Slip bei mir gelassen, ob mit Absicht oder aus Versehen, ich weiß es nicht. Jedenfalls ist er zu meinem Fetisch geworden, wenn ich mich notgedrungen, ganz und gar auf mich alleine gestellt, an die Nacht mit ihr erinnere.

Unerwartet macht mir Dr. Unsöld ein Angebot: ins Büro in Hongkong soll ich wechseln. Und anstatt mich zu freuen, schießt mir eine Art Furcht in die Magengegend bei seiner Eröffnung einer im Grunde einzigartigen Chance. Vermutlich, weil ich Sorge habe, auf der guten alten europäischen Platte eine Gelegenheit mit Lili zu verpassen. Und auch wenn es nur eine einzige wäre, würde ich die niemals einfach aufs Spiel setzen wollen, und ich lehne glatt ab. Über die damit in Verbindung stehende, ebenfalls ausgeschlagene Gehaltserhöhung denke ich keine Sekunde weiter nach. Durch genau diese Wurschtigkeit allerdings fällt mir auf, dass ich mich auf einer schiefen Ebene abwärts befinde. Auch was mein Äußeres betrifft, bin ich in letzter Zeit nachlässig geworden. Kathi hat es schon bemerkt. Zumindest deute ich ihre Frage so:

„Sie waren lange nicht beim Friseur, Frau Solthuis, oder?“

„Ja. Länger nicht, ich weiß“, erwidere ich, drehe mich um und eile mit einem weiteren Funken Hoffnung im Gepäck von der Arbeit sofort nachhause.

Morgens laufe ich schon lange als erstes zu meinem Laptop und sehe nach, ob eine Nachricht gekommen ist. Abends, bevor ich ins Bett gehe, das Gleiche. Und an einem Abend ist es endlich soweit.

 In einer für die Verhältnisse von Lilis Besitzer geradezu geschwollenen Diktion schreibt er mir, ich solle mich bereit für einen Arschfick am Wochenende halten. Vorbereitung: ein halbes Mieder, vorne zu öffnen und lediglich bis zur Taille gehend, einen Strumpfgürtel, passende Strümpfe, High-Heels, sonst nichts. Kurz vor 19 Uhr am Samstag habe ich eine Augenbinde, ausreichend fest und blicksicher anzulegen und wenn es an der Wohnungstür läute, sie einfach zu öffnen. Alles Weitere ergebe sich durch den Besucher. Und dass es sinnvoll sei, meine hintere Pforte für den Abend gut vorzubereiten, erscheine ihm als eine Selbstverständlichkeit. Und zweifelsohne halte er wieder eine Belohnung für mich parat. Welche, das lässt er allerdings offen.

Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen. Einmal ziehe ich meine Schublade mit den Dessous auf und suche nach einem Mieder. Obwohl ich im Grunde genau weiß, dass ich so etwas nicht besitze. Aber die Nervosität zwingt mich einfach, irgendetwas zu unternehmen. Ein wenig später bin ich dabei, mir die Haare zwischen den Beinen zu entfernen. Die sichere, aber schmerzhafteste Methode mit dem Epilierer. Ich muss mehrere Pausen machen und nur die Erinnerung an die Schmerzen, die die Striemen auf meinem Rücken verursacht hatten, bringt mich dazu, eine weitere kleine Stelle mit dem Gerät zu bearbeiten, von dem es bei einem Vergleich im Internet hieß, es sei das am wenigsten schmerzhafte. Während ich in den beiden Wochen nach Lilis Besuch, alle zwei Tage diese Pein zugemutet habe, wenn die Rollen anfangen zu kreisen und hungrig auf Beute sind, dann aber gleich gar nicht mehr. Anschließend, noch mit Tränen in den Augen, lackiere ich die Zehennägel und creme eine kleine raue Stelle an meinem Ellbogen ein, damit sie bis Samstag Zeit hat, zart zu werden. Irgendwann geht endlich die Sonne auf und ich gehe zurück ins Bad, nehme das elektrische Foltergerät erneut in die Hand, schalte es ein und lasse es unter meinen Armen seine Arbeit tun.

Als ich übermüdet ins Büro komme, steht eine fremde Frau in Kathis Vorzimmer. Sie stellt sich als Kriminalkommissarin, beschäftigt in der Hauptsache mit Wirtschaftskriminalität und als Irene Mautner vor und bittet mich, mit in mein Zimmer kommen zu dürfen. Sie müsse mit mir alleine sprechen. Als wir beide, ich hinter und sie vor dem Schreibtisch Platz genommen haben, beginnt sie mit ihrer Absicht, mich auszufragen.

„Sie sind die persönliche Assistentin von Herrn“, sie sieht in einen dünnen Stapel von DIN-A-4-Blättern, der von einem Aktendeckel zusammengehalten wird, und fährt fort, „von Herrn Dr. Dr. Unsöld. Richtig?“

„Ganz recht“, sage ich kurz angebunden.

„Dann sind sie über Vorgänge informiert, zu deren Kenntnis nicht jedermann gelangt. Auch richtig?“

„Ja, auch richtig.“

„Um welche Kenntnisse, wenn Sie mal die nehmen, die unter die Geheimhaltung fallen, handelt es sich dabei?“

Ich lehne mich zurück und schlage die Beine übereinander, um auf sie einen entspannten Eindruck zu machen.

„Um besondere geschäftliche Kontakte von Herrn Dr. Unsöld, um Strategien für zukünftige Geschäftsfelder, um Auswertungen von Statistiken, die den Umsatz des Konzerns betreffen …“

Frau Mautner würgt mich ab, anscheinend ist ihr die Aufzählung zu langweilig.

„Geht es dabei auch um private Angelegenheiten von Herrn Dr. Unsöld.“

„Zum Teil, ja“, sage ich wahrheitsgetreu.

„Und um welchen Teil handelt es sich da ganz genau, wenn ich fragen darf?“

„Dass Herr Dr. Unsöld zum Beispiel seinen Hochzeitstag nicht vergisst, oder ich den Text für die Einladungen an die Geschäftspartner aufsetze, wenn er ein Fest bei sich zuhause, meist auf seinem Parkgrundstück am See, gibt? Oder dass ich ihn daran erinnere, dass er einer Aufführung seines Sohnes beiwohnen wollte. Der ist nämlich ein junger und vielversprechender Opernsänger, müssen Sie wissen.“

Frau Mautner hielt jetzt die Hand hoch.

„Stop, stop, stop. Das alles, was sie da aufgeführt haben, das kenne ich bereits von ihrer Sekretärin. Auch sie achtet auf die Blumen zum Hochzeitstag und schreibt Einladungen. Was mich interessiert, haben Sie auch mit privaten Bankgeschäften von Ihrem Vorgesetzten zu tun?“

„Nein, nie“, stoße ich förmlich aus, weil ich vorher geahnt habe, aber mir jetzt sicher bin, worum es geht und weil mir der Schreck unter den Rock fährt.

„Sie haben nicht irgendwann einmal eine Überweisung für ihn übernommen. Was weiß ich, irgendetwas Privates, vielleicht ein Hotel am Wochenende mit seiner Frau von seinem Privatkonto bezahlt?“

„Fragen Sie ihn doch selbst. Nicht ein einziges Mal“, erwidere ich im Brustton der Überzeugung. In dem Moment geht die Tür auf und Dr. Unsöld tritt ein. Er sieht mich an. Anscheinend wirke ich immer noch sehr entspannt, denn er fragt gar nicht nach einem Ergebnis der Befragung, sondern wendet sich an Frau Mautner.

„Habe ich es ihnen nicht gesagt? Frau Solthuis hat keinen Zugang zu meinen Bankkonten und hätte sie ihn, dann wäre sie die letzte, die wir verdächtigen müssten.“

Ganz gerührt von seinem Vertrauen blicke ich ihn dankbar an, wo ich doch weiß, dass meine feige Handlungsweise dazu geführt haben muss, dass mit seinem Vermögen irgendetwas schief gegangen zu sein scheint.

„Also, jetzt kommen Sie mit zu mir in mein Büro. Wir sollten keine Zeit mehr mit Frau Solthuis verschwenden, sondern überlegen, welche Spur Sie und ihre Kollegen aussichtsreicher verfolgen können.“

Ich nicke Dr. Unsöld zu, während er Frau Mautner, die bereits aufgestanden ist, leicht eine Hand auf den Rücken legt und sie in sein Zimmer lenkt. Als die beiden verschwunden sind, atme ich einmal kurz durch und gehe zu Kathi. Aber auch sie weiß nicht, warum die Beamten im ganzen Haus herumschwirren. Dr. Unsöld habe ihr gegenüber leider nichts verlautbaren lassen.

Nur ich weiß, dass es etwas mit Lili und ihrem Besitzer zu tun haben muss, was sich da gerade abspielt. Und vielleicht auch mit dem Besucher, den ich am Samstag erwarte und den ich – auch wenn er tief in mich eindringen wird – wahrscheinlich noch nicht einmal zu Gesicht bekommen werde.

Seit diesem denkwürdigen Samstag draußen vor den Toren Berlins komme ich einfach nicht mehr zur Ruhe. Ich bade in einem Meer von Gefühlen, die ich nicht mehr, wie früher, einordnen kann. Aber die schmerzlichste Empfindung ist die, dass ich genau von dieser Abhängigkeit abhängig geworden zu sein scheine, und das macht mich wahnsinnig, wenn ich darüber nachdenke.  

Am Freitag habe ich keine Zeit mehr, über die ominöse Sache mit dem Konto Dr. Unsölds nachzudenken, obwohl die Unruhe noch im gesamten Konzern hängt. Heute gilt es, die Montur zu besorgen, die Lilis Besitzer mir vorgegeben hat. Die Hetze danach, das Anprobieren, Verwerfen, die häufigen Ladenwechsel, immer wieder Anprobieren, dauert bis vor Ladenschluss, bewahrt mich allerdings davor, mir weitere Gedanken darüber zu machen, dass alle Anstrengung und Hektik nur einem Zweck dient, nämlich der sogenannten Fremdbenutzung.

Eine Sitte der Sado-Masos, die mir bei meinen Recherchen schon oft untergekommen ist. Ich kann mir mittlerweile gut vorstellen, wie das ablaufen wird. Und Lili hatte Recht, wenn sie mir schon langsam beibringen wollte, wie sich eine Sklavin verhält. Ihr Besitzer wird mich dazu formen wollen über kurz oder lang. Die Peitsche war ein Vorgeschmack, der nächste Schritt wird der Samstagabend sein, der allem anderen, das so zu den Gewohnheiten dieser Szene gehört, Tür und Tor öffnen wird. Aber das allerwichtigste, das Leben, 24/7, wie es heißt, unter  Fremdbestimmung, auch das übrigens ein häufig verwendeter Terminus aus der Szene, in der sich meine Sehnsuchtsgöttin bewegt, ist schon lange auf den Weg gebracht.

Jedoch, ich könnte auch einfach meine Wohnung fürs Wochenende verlassen. Am Montag fände ich etwa in den Gesten Dr. Unsölds dieses Kopfschütteln, das ich mir schon oft vorgestellt habe, gemeinsam höchstwahrscheinlich mit einem Kündigungsschreiben. Ich wäre arbeitslos, dabei wäre das bei Weitem nicht das Schlimmste, sondern die Tatsache, dass ich mich höchstens noch als Reinemachefrau bei älteren Leuten bewerben könnte, die kein Internet besitzen. Die schiefe Ebene, auf der ich mich sehe, wird immer steiler und es gibt nichts, woran ich mich festhalten könnte.

Entsprechend all´ dieser Gedanken bin ich am Samstag fast gelassen. Um sieben Uhr, es muss ziemlich pünktlich sein, die Augenbinde sitzt streng um meinen Kopf, öffne ich die Tür und werde kurz darauf ohne ein Wort von zwei Händen umgedreht. Die Tür fällt ins Schloss und jemand gibt nur mit der Berührung eines Fingers die Richtung vor, in die ich mich zu bewegen habe. Bis mich eine Handfläche, die sich zwischen meine Schulterblätter legt, wie Dr. Unsöld es bei Frau Mautner getan hat, und auch genau so sanft, nach unten lenkt. Unten, schießt es mir durch den Kopf. Ich bin unten, denke ich noch, als eine Wange auf meinem Esstisch zu liegen kommt.

Ich gebe jedem kleinsten Druck sofort nach, auch dem, mit dem mein Becken justiert wird. Ich bin bereit, mir die Belohnung, wenn es sein muss auch hart, zu verdienen. Lili ist es wert. Mit den Armen stütze ich mich ab und mein Besucher scheint geradewegs auf den Zweck seines Vorbeischauens bei mir, zuzusteuern. Es geht alles ganz rasch und ich versuche, nicht zu schreien, in dem Moment, als genau der Körperteil, mit dem zu rechnen war, etwa eine halbe Tube Gleitcreme versucht, in mein Inneres zu befördern. Zielstrebig wird nach vorne gearbeitet. Immer wieder muss ich mir den Schmerz der Peitsche in Erinnerung rufen, das, was gerade geschieht mit mir, mit ihm vergleichen. Auch wenn das nicht zu vergleichen ist. Nur zwei- oder dreimal kann ich nicht ander und öffne die zusammengepressten Lippen und kann ihn nicht halten, den Laut, der meine Kehle verlässt, jeweils begleitet von ein paar Bitte-Rufen.

Seine Hände haben jetzt meine Handgelenke fest umspannt und nach hinten befördert. So hat er noch bessere Möglichkeiten, mich in seinem Sinne zu manipulieren. Ihm scheint nichts wehzutun, so ungehemmt, wie er sich bewegt. Nach einer gefühlten Ewigkeit stöhnt er endlich. Ich höre zum ersten Mal seine Stimme und meine, diesen Laut schon einmal gehört zu haben. Und jetzt, da er still in mir verharrt, strömt auch ein Duft in meine Nase, der mir bekannt vorkommt. Aber schon zieht er sich zurück und ich bleibe unbeweglich liegen, bis die Tür ins Schloss fällt. Auch dann nehme ich zunächst nur meine Arme vom Rücken. Eine Weile liege ich noch so da, warte darauf, dass die Feuchtigkeit meine Oberschenkel erreicht, das gehört doch schließlich dazu denke ich, bevor ich meinen Oberkörper von der Platte abstoße und nach dem Verschluss der Augenbinde greife. Als sie achtlos herunterfällt, sehe ich auf dem Tisch, neben der Stelle, wo mein Kopf gelegen haben muss, ein Schein. Fünf Euro. Ich nehme ihn in meine rechte Hand und halte ihn vors Licht der Esszimmerlampe. Dann ziehe ich die Schublade des Tisches auf und lege ihn sorgfältig hinein.        

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