Im Unterholz - Teil 6

 

Am Montag übermittele ich Herrn Klapproth das Kennzeichen des Lieferwagens, auch wenn ich keine all´ zu große Hoffnung hege, damit das herauszufinden, was mir weiterhelfen kann.

 „Hören Sie Herr Klapproth. Können Sie den Halter eines Kennzeichens ausfindig machen?“

„Hm, normal nicht. Aber ich habe einen Kontakt, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Ja, ich verstehe. Lassen Sie mich raten. Das kostet sicher einiges, wenn ich Ihre Preisliste richtig einschätze. Wieviel?“

„Fünfhundert.“

„Ich zahle dreihundert. Vergessen Sie nicht, für Sie bedeutet das lediglich einen Telefonanruf. Und Ihre „Quelle“ muss ein paar Buchstaben in eine Tastatur eintippen. Da dürften dreihundert genug sein. Sind Sie damit einverstanden?“

„Gut“, kam es von Herrn Klapproth. „Aber Lady, den Rabatt gebe ich nur, weil Sie mir sympathisch sind. Ansonsten würde ich mir meine Preise echt nicht von Ihnen aufoktroyieren lassen.“

„Schon gut Herr Klapproth. Betrachten sie die Sache doch lieber positiv. Statt Ihnen etwas aufzuzwingen, wie sie mich bezichtigen, sehen Sie das Ganze als Mengenrabatt. Ich hätte da nämlich eine weitere Herausforderung. Für beide zusammen zahle ich Ihnen sechshundert. Sie sind der einzige, der das für mich herausbringen kann.“

„Sie sind eine psychologisch geschickte Verhandlerin. Dem Gegner erst Honig ums Maul schmieren, ist raffiniert, wenn man Geld sparen möchte. Was machen Sie eigentlich beruflich?“

„Lieber Herr Klapproth, wenn Sie das nicht wissen, dann sind Sie entweder ein schlechter Detektiv oder ein Lügner. Ich bin sicher, in dem Fall sind sie höchstens ein charmanter Schwindler. Sicher haben Sie mich durchleuchtet bis in den kleinen Fußzeh“, lachte ich, um ihn gefügig zu machen.

„Also, darf ich Ihnen jetzt das Kennzeichen geben?“

„Her damit“, kam es gut gelaunt von ihm.

„Berlin – CDX – 53471“.

„Notiert! Und? Was noch?“

„Und dann wäre da noch eine Mailadresse, gouchoxxl@yahol.com.“

„Hören Sie Lady. IP-Adressen über Mailadressen herauszukriegen, das ist mit das Schwierigste überhaupt.“

„Ich weiß, Herr Klapproth. Aber wenn das einer schafft, dann Sie.“

„Tausendfünfhundert für Kennzeichen und IP-Adresse“, kam es von ihm, womit ich nicht im Mindesten gerechnet hatte. „Beides zusammen tausendfünfhundert“, wiederholte er streng.

„Hören Sie, ich bin knapp bei Kasse im Moment. Sagen wir tausend, hm?“

„Tausendfünfhundert, Lady. Mein letztes Wort. Dreihundert das Kennzeichen, das ist O.K. Überlegen Sie es sich.“

Wie es aussah, hatte selbst Herr Klapproth mich in der Hand. Bei Verhandlungen im Konzern holte ich immer das Maximum heraus, darin war ich sozusagen Spitze. Aber privat musste ich seit Neuestem ständig Männchen machen.

„Gut, Herr Klapproth, tausendfünfhundert. Nur machen Sie schnell, ja?“

Leider bleibt das fast ergebnislose Verhandlungsergebnis nicht der einzige Frust an diesem Tag. Zwei Stunden später, ich will mir eine kleine Pause gönnen und bin auf dem Weg zu einem kleinen Café, wo man in der Sonne draußen sitzen und eine Kleinigkeit essen kann, höre ich auf einmal eine Stimme, die direkt hinter mir auftaucht. Die Schritte, die ich vorher zwar wahrgenommen habe, aber, weil es normal ist, dass hinter einem jemand läuft, nicht beachtet habe, verwandelten sich auf einmal in einen Menschen, der offenbar etwas von mir will.

„Nicht umdrehen! Langsam weitergehen!“ So kommt  es von ganz nah hinter mir von einer sonoren, dunklen, männlichen Stimme, in der Lage, einem Schauer über den Rücken zu jagen.

Ich halt nur den Atem an. Mittlerweile schon fast gewohnt im Umgang mit solchen Situationen, ohne dass man mir anmerkt, wobei mir nach wie vor auf der Stelle der Schweiß ausbricht.“

„Heute Abend um sieben, bei dir zuhause, erhältst Du einen Anruf. Zu diesem Zeitpunkt wird neben Deinem Telefon auf einem Zettel die Schweizer Kontonummer von Dr. Unsöld notiert sein. Die ganz spezielle, Du verstehst, oder?“

Ich nicke und gleich darauf wieder die Stimme.

„Und jetzt bleib stehen. Nicht umdrehen!“

Wieder bestätige ich, dass ich kapiert habe, lediglich mit meinem Kopf. Erst nach zehn, fünfzehn Sekunden und als keine Anweisung mehr kommt, drehte ich mich langsam und unsicher um. Außer den normalen Passanten ist niemand zu sehen. Ich entscheide, zurück zu meinem Arbeitsplatz zu gehen und bin so konsterniert über das, was da von mir verlangt wird, dass ich auf ihm fast zusammenbreche.

Niemand, außer Dr. Unsöld selbst, kennt diese Kontonummer, die übrigens nicht in der Schweiz, sondern in Liechtenstein existieren muss. Aber ich habe mich bezüglich dieser Tatsache nicht auf Diskussionen einlassen können zu dem Zeitpunkt am Mittag.

Niemals hätte ich von diesem Konto erfahren, wenn Dr. Unsöld nicht einmal ein Schreiben aus seinem meist verschlossenen Aktenkoffer gefallen sein musste, was ich dann unter seinem Schreibtisch fand und es für eine alltägliche Unterlage hielt. Um das Papier zuordnen zu können, musste ich es lesen und stellte ich fest, dass es sich nicht um ein Schreiben, sondern um einen Kontoauszug handelte. Kein Konto, das mir bekannt erschien und mit dem ich schon gearbeitet hatte. Anscheinend bekommt man, dachte ich, ab einer bestimmten Größenordnung nicht mehr die Drittel-Papiere, die ich kannte, sondern gleich ganze DIN-A-4-Bögen zugesandt. Das Guthaben selbst war kleiner gedruckt als der Rest, auch wenn ich mir der Höhe wegen, die Hand vor den Mund halten musste.

Warum, weiß ich nicht mehr. Aber ich machte mir eine Kopie für alle Fälle, legte das Schreiben wieder an die Stelle unter den Schreibtisch, wo ich es gefunden hatte und schloss Dr. Unsölds Tür vorsichtshalber ab, damit niemand zu ihm hineinrauschen konnte, bevor er nicht selbst wieder zurück war, und ich schob die Kopie in meine Handtasche, um sie später zuhause in meinen kleinen Schreibtisch zu legen. Aber …, davon wussten nur ich und Tobias.

Tobias!?, denke ich. Nein, auf keinen Fall konnte eine Verbindung zwischen Tobias und meinem Entführer bestehen. Diesen Gedanken verwerfe ich auf der Stelle. Jetzt muss ich erst einmal warten, bis ich gehen darf, und ich muss mich zusammenreißen, den restlichen Arbeitstag bis sechs zu überstehen, ohne auf mich aufmerksam zu machen.

Als ich am Abend meine Tür zuhause aufschließe, merke ich sofort, dass jemand in der Wohnung ist. Im Wohnzimmer läuft leise Musik. Ich schleiche auf die Tür mit Glasausschnitt zu, die das Wohnzimmer vom Flur trennt und schiebe sie ganz sachte und vorsichtig beiseite. Dann traue ich meinen Augen nicht. Lili räkelt sich auf meiner Couchlandschaft. Sie streckt einen Arm nach mir aus, auf den ich wie hypnotisiert zugehe und ihre Hand ergreife.

„Komm“, lockt sie und verleiht ihrem Wunsch durch einen leichten Zug an meinem Handgelenk Nachdruck.

„Was, wie …“, stottere ich und sie lächelt.

Dann nimmt sie etwas von dem Beistelltisch und hält es mir, die ich mittlerweile vor ihr stehe, in die Höhe. Einen Schlüssel.

„Meiner“, frage ich leise und sie nickt nur und zieht mich zu sich hinunter, bis ich vor ihr auf die Knie sinke. Gleich darauf schieben sich unsere Zungen gegeneinander, so dass wir kaum noch Luft bekommen. Dabei streift sie mir mein Oberteil von den Schultern, das sie geschickt geöffnet hat. Sie selbst war bereits vorhin, als ich sie erblickt hatte, nur mit einem Mieder bekleidet gewesen, was mir allerdings erst so richtig auffällt, als sie jetzt meinen Mund zu ihrer linken Brust führt, gleichzeitig meine Hand dorthin schiebt, wo sie bei Lili noch nie gewesen ist.

Ich versuche, ihrem Wunsch nachzukommen, bis ich merke, dass sie auf einmal meine Hand lenkt, als müsse die erst unterrichtet werden, während ihr Nippel zwischen meinen Lippen immer weiter anzuwachsen scheint. Kurz darauf richtet sie meinen Kopf neu aus: auf die andere Seite. Wie selbstverständlich folge ich dem sanften Druck, den sie ausübt, sowohl mit dem Kopf, als auch mit meiner Hand. Eine ganze Weile später schiebt sich ihr Unterkörper unseren beiden Händen entgegen. Meiner, die sich direkt in ihrer Mitte bewegt und ihrer, die meine führt. Ich will sie ansehen, erhasche aber nur einen Blick auf ihren schlanken Hals und ihr Kinn und wende mich wieder der Aufgabe meiner Lippen und meiner Zunge zu, bis sie meinen Kopf zu ihrem Gesicht zieht und unsere Zungen erneut aufeinandertreffen.

„Das hast du gut gemacht“, lächelt sie, als sie mich, ihre beiden Hände halten meine Wangen, von sich wegschiebt, so dass wir uns in die Augen sehen können.

„Lili“, sage ich voller Dankbarkeit und so, wie ich es schon tausend Mal stimmlos in mich hineingestoßen habe. Nur, dass sie in diesen Momenten nicht bei mir war. Jetzt aber liegt mein Kopf auf ihrem Brustkorb, der immer noch auf und ab geht, während sie sich allmählich beruhigt. Jetzt habe ich die Gelegenheit, in Ruhe auf ihren Schamhügel zu sehen, der haarlos ist. Dafür prangt auf ihm eine Tätowierung in schwarz, oder anthrazit. Ich weiß nicht, wie man diese Farbe nennt, die so typisch für Tätowierungen ist. Auf jeden Fall gibt es keine modernen Farbakzente, wie ich sie bei anderen schon gesehen habe. Eine Kette, von zwei Seiten auf das Zentrum zulaufend aus verhältnismäßig massiven Gliedern, am Ende ein Karabinerhaken, ebenfalls imposant. Er hat sich auf ihre beiden großen Schamlippen gelegt und sein Ende ist nicht sichtbar für mich.

Sanft fahre ich mit einem Finger an den Gliedern entlang.

„Was ist das nur. Wer hat dir diese Kette verpasst“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne. Sie streichelt meinen Hinterkopf, während ich nicht von den wuchtigen, gezeichneten Gliedern lassen kann und auch nicht dem Haken.

„Du kennst die Antwort“, gibt sie zurück und ich kann ihr Lächeln aus den paar Worten heraushören.

„Ja, ich kenne die Antwort. Aber warum nur? Er ist doch ein Schwein.“

„Ich gehöre ihm und er ist kein Schwein“, streichelt sie weiter über meine Haare und das tut gut.

„Wie kann man überhaupt jemandem gehören? Und warum ausgerechnet so einem“, gebe ich empört von mir und in dem Moment fällt mir sein Anruf ein, und ich fahre hoch, sehe auf meine Uhr.

„Sei beruhigt“, sagt Lili und schiebt mein Haupt zurück auf ihren Körper. „Er wird nicht anrufen. Du gibst mir die Daten. Ich nehme sie für ihn mit. Aber erst morgen früh. Jetzt lass uns etwas ausgehen. Nur wir beide. Wir gehen was essen und dann sehen wir weiter, hm?“

Ich fasse noch nicht, was ich da höre und richte mich erneut auf, sehe in ihre gütigen Gesichtszüge, die auf dem weichen Kissen liegen, die satten, dunklen Haare, die seitlich über die Kante der Couch fallen und ihren Blick, der mich zärtlich streichelt. Eine Weile bleibe ich wie erstarrt. Auf den Knien, vor Lili, in meinem eigenen Wohnzimmer, auf dem Boden vor der Couch. Dann erst begreife ich wirklich und meine Lippen fallen noch einmal auf ihren halb geöffneten Mund.

Später versuche ich noch etwas aus ihr herauszubekommen. Ob sie die Gräfin ist beispielsweise oder ob sie mit ihm verheiratet ist, doch Lili ist verschwiegen wie ein Grab. Aber sie ist bei mir und nur das soll  zählen in dieser Nacht, die vor uns beiden steht und in der wir kein Auge zu bekommen. Ich will nicht mehr daran denken, wer sie eigentlich ist und dass sie in ein paar Stunden einen Briefbogen von mir erhalten wird und wem sie aus ihrer Sicht gehört. Nur so kann es die schönste Nacht meines relativ jungen Lebens werden.

Am Morgen fange ich deshalb auch erst gar keine Diskussion über den eigentlichen Zweck ihres Besuches mit ihr an. Sollte ich noch einmal ein Geschenk erhalten, wie die letzten zwölf oder dreizehn Stunden, dann niemals ohne den guten Willen meines Entführers. Also soll er haben, was er verlangt hat. Wortlos überreiche ich Lili, die mittlerweile in einem Kostüm vor mir steht und während sie noch den Espresso in der Hand hält, den ich ihr zubereitet habe, die Kopie, die ich in meinem Schreibtisch aufbewahrt hatte. Nur eine Frage habe ich noch:

„Was will er damit?“

Sie nimmt mich in den Arm und flüstert an meinem Ohr.

„Du solltest nie etwas hinterfragen. Die erste Lektion einer Sklavin. Der Herr ist der Herr, ist der Herr, ist der Herr, verstehst du?“ Ich befreie mich aus ihrer Umarmung.

„Ich bin keine Sklavin, das weißt du doch nur zu gut. Ich bin nur eine Fotze. Du hast die Reste der Unterschrift auf meinem Rücken, die mich dazu abgestempelt haben heute Nacht selbst gesehen. Ein Teil sogar von dir. Wenn er dir befehlen würde, mich umzubringen, würdest du das eigentlich auch für ihn tun?“

Jetzt habe ich mich, obwohl ich das nicht wollte, doch mitreißen lassen von dem Widerstand, der über die ganze Situation in mir brütet. Über Lilis Besitzer, und letztendlich auch meinen und seine Macht über unsere Zeit. Er wird sie uns, wenn wir Glück haben, vielleicht bröckchenweise zuteilen. Ja, wir müssen künftig dankbar sein, wenn wir ihm zu Diensten sein dürfen, dann wird er uns womöglich einmal wieder ein paar Stunden zugestehen.

„Ich wusste, Du würdest mir den Hieb übelnehmen, irgendwann“, blickte Lili jetzt unter sich. Und ich ging auf sie zu, riss sie an mich und hielt sie fest.

„Nein“, sagte ich. „Glaub mir, ich nehme dir nicht übel, dass du getan hast, was du nur unter Strafe hättest verweigern können. Aber ich verstehe nicht, warum du dich diesem Schwein überhaupt so unterordnest. Jetzt bist du hier bei mir. Du musst doch nicht zurück zu ihm.  Wir setzen uns in mein Auto und fahren irgendwohin. Er wird uns nicht finden, oder handelt es sich bei diesem ominösen Club etwa um sowas wie die Mafia?“ Lili befreite sich gerade aus meiner Umarmung, als ich noch sagte: „Meinen Job schmeiße ich einfach hin. Dann wäre ich ohnehin eigentlich weitestgehend frei von ihm.“

„Natürlich hat das alles mit Mafia nichts zu tun“, erwidert die Frau, die ich jetzt voller Schmerz ansehe. „Außerdem ließe er mich jederzeit gehen, wenn ich wollte.“

Sie kriecht also lieber auf allen Vieren zwischen Hühnern, denke ich, lässt sich zum Teil wüst beschimpfen, schlägt die Peitsche über den Rücken einer Frau, die sie – wie ich die vergangenen Stunden gemerkt habe – genauso begehrt, wie diese Frau sie und behauptet, sie könne jederzeit gehen, sofern sie nur wollte.

„Ich muss jetzt los“, sagt sie scheinbar ungerührt, scheinbar umgewandelt in ihrer Haltung mit gegenüber, greift zu ihrer Handtasche, legt die Kopie des Schreibens der Liechtensteiner Bank hinein und wendet sich Richtung Flur. Als sie schon ein paar Schritte gegangen ist, laufe ich ihr hinterher und greife nach ihr, schlinge meine Arme um sie. Die Lippen an ihrer Ohrmuschel, flüstere ich heiser.

„Bitte, lass uns verschwinden. Ich will nicht, dass du zu ihm gehst. Ich habe ein paar Ersparnisse für Notfälle. Das ist jetzt so ein Notfall.“

 Aber Lili unfasst nur meine Unterarme, die ihren Brustkorb gehalten haben und lässt keinen Zweifel daran, was sie beabsichtigt, als sie meine Hände beiseiteschiebt und auf die Tür zuschreitet.  Sie sieht sich noch nicht einmal mehr nach mir um, bevor die Tür ins Schloss fällt.

 

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