Hestias Verwandlung - Kapitel 6: Verhandlungen

 

Verhandlungen

Charles löste die Hände vom Lenkrad und lehnte sich kurz im Fahrersitz seines Transporters zurück. Die letzten zwei Stunden hatte er den mittelgroßen Lastwagen durch Topeka und bis nach Litho im Bundesland Delaware gefahren, einem kleinen Vorort der Landeshauptstadt. 
Als Besitzer von Sportpferden war es ihm gestattet, einen motorisierten Wagen zu fahren, was auf Animal Planet alles andere als üblich war. Privater Verkehr fand ausschließlich mit Kutschen statt, ansonsten standen die öffentlichen Verkehrsmittel allen Bewohnern des Planeten zur freien Verfügung. Nur zu wirtschaftlichen Zwecken, insbesondere zum Transport von Lasten oder schweren Waren, durften motorisierte Fahrzeuge eingesetzt werden. Für den Pferdesport gab es jedoch insofern eine Ausnahme, dass die Tiere beispielsweise zu Veranstaltungsorten transportiert werden durften, damit sie dort nicht bereits verausgabt ankamen. Auch Überführungen über lange Distanzen waren erlaubt. 

Charles stieg aus dem Wagen und fand sich auf einem kleinen Hof wieder, der auf der einen Seite von einem Wohnhaus, und auf der anderen Seite an einem kleinen Stall begrenzt wurde. Er schätzte, dass dort etwa sechs bis acht Tiere Platz finden könnten, wenn alle Boxen belegt waren. 
Er ging jedoch zum Wohnhaus hinüber und klingelte an der unauffälligen Eingangstür. Ein paar Augenblicke vergingen, ehe er im Inneren des Gebäudes Schritte hörte und die Tür gleich darauf geöffnet wurde. 
“Schönen guten Tag, Sie müssen Mr. Laudage sein?”, erkundigte sich ein freundlich lächelnder Mann mit strohblonden Haaren und streckte ihm zur Begrüßung die Hand aus. 
“Hallo Mr. Nowak, vielen Dank, dass Sie es einrichten konnten”, erwiderte Charles und schüttelte dem Mann die Hand. Sein Gegenüber war ein paar Zentimeter kleiner und ein paar Jahre jünger als er selbst. Sie hatten sich schon öfters bei verschiedenen Turnieren gesehen, jedoch bisher noch nicht besonders viel direkten Kontakt gehabt. 

Charles folgte Mr. Nowak ins Haus und unterhielt sich mit ihm einige Minuten über belanglose Dinge wie seine Fahrt, das Wetter und die kommenden Veranstaltungen. Er war jedoch nur wenig an diesen Themen interessiert, denn der Grund für seinen Besuch befand sich nicht im Haus, sondern eher im Stall oder auf einer der umliegenden Koppeln. 
Die letzten Tage hatte er damit verbracht, einen sehr genauen Blick auf den Nachwuchs in der Vielseitigkeitsklasse zu werfen. Normalerweise lag sein Fokus eher auf der höchsten Wettbewerbsklasse, doch dort würde er kein weiteres Pferd für seinen Stall finden. Zum einen wäre die direkte Konkurrenz mit Du An Nahar und Esprit nicht unbedingt vorteilhaft, zum anderen waren die Preise für Pferde der Championklasse sehr hoch und bildeten damit eine enorme finanzielle Belastung, wenn sie nicht sofort erfolgreich waren.
Stattdessen hatte Charles die Stuten in Augenschein genommen, die in den letzten ein bis zwei Jahren von der Jugendklasse aus in die Amateurklasse aufgestiegen waren. Hier waren die Preise in der Regel noch ganz akzeptabel und es bestand zugleich bereits eine solide Grundlage, auf der er würde aufbauen können. Anhand der Ergebnislisten hatte er einige vielversprechende Kandidatinnen identifizieren können, um die es sich nun bemühte. 
Bei diesen Recherchen hatte er den Kreis der potentiellen Kandidatinnen schließlich auf zwei Stuten eingeengt. Eine von ihnen gehörte Mr. Nowak, der sich zumindest am Telefon generell interessiert gezeigt hatte, seine Nachwuchsstute zu verkaufen. 

“Na dann wollen wir mal den Grund Ihres Besuches in Augenschein nehmen”, meinte Mr. Nowak schließlich und bedeutete Charles, ihm zu folgen. “Mirabell steht hinten auf der Koppel, kommen Sie.” 
Gemeinsam verließen sie das Wohnhaus über die Terrasse. Hinter dem Haus befanden sich drei kleine, durch hüfthohe Zäune voneinander abgetrennte Koppeln. Charles konnte insgesamt fünf Pferde erkennen, die sich offenbar ausruhten und entspannt in der wärmenden Sonne standen.

Charles folgte dem etwas jüngeren Mann zu der Koppel, die sich auf der linken Seite des Grundstücks befand und somit am weitesten vom Stall entfernt war. Eine einzelne Stute stand innerhalb der Absperrung und schaute interessiert in ihre Richtung. 
“Da wären wir”, verkündete Mr. Nowak, als sie den Zaun erreichten. Er steckte sich zwei Finger in den Mund und stieß einen lauten Pfiff aus, woraufhin sich die Stute augenblicklich in Bewegung setzte und in einem langsamen Trab auf sie zugelaufen kam. 

Es bestand kein Zweifel, dass es sich bei dem Tier um eine wirklich sehr hübsche Stute handelte. Charles spürte sein Herz aufgeregt schlagen, als das Pferd die Absperrung erreichte und er es aus der Nähe betrachten konnte. 
Die Stute hatte eine strahlend weiße Haut, die in der warmen Frühlingssonne besonders gut zur Geltung kam. Auch Schweif und Mähne waren weiß gefärbt und wehten leicht im Takt ihrer Bewegungen. Ihre Größe schätzte Charles auf knapp über 160cm. Der Körper war vergleichsweise schmächtig gebaut, wirkte jedoch gut trainiert. Auf ihrem Hintern erkannte er das Brandzeichen der Lipizzaner, einer Rasse, die insbesondere in der Dressur gerne eingesetzt wurde. 
“Ein sehr schönes Tier”, gestand Charles. Mit einer ruhigen Bewegung streckte er die Hand aus und streichelte Mirabell über die kurze und zweifelsfrei frisch gewaschene Mähne. Was ihm an dem Tier besonders gut gefiel, waren die strahlend blauen Augen, die einen starken Kontrast zu dem ansonsten vollkommen weißen Körper bildeten und ihn nun neugierig musterten. 
Mr. Nowak lächelte wissend. “Ja, das stimmt allerdings. Die Preisrichter sind auch jedes Mal ganz entzückt”, erwähnte er beiläufig.
Charles nickte nur leicht mit dem Kopf. “Ich würde sie gerne mal in Bewegung sehen.” 
“Kein Problem. Mirabell! Trab ein paar Runden um den Platz!”, forderte der Besitzer des Tieres mit befehlsgewohnter Stimme. 

Die Stute schnaubte leise, drehte ihnen ihre Seite zu und setzte sich gleich darauf in Bewegung. Mit rhythmischen und eleganten Schritten trabte sie an der Innenseite der Absperrung entlang. 
Charles folgte aufmerksam jeder ihrer Bewegungen. Der Gang der Stute war sehr weich und gleichmäßig, es schien ihr mühelos zu gelingen, die Hufe im gleichmäßigen Takt voreinander zu setzen und ihren restlichen Körper, inklusive ihrer sachte wippenden Brüste, diesen Bewegungen anzupassen. 

“Sie gefällt mir”, entschied Charles, nachdem die Stute zwei volle Runden gedreht hatte. Der einzige Kritikpunkt an der Stute war ihr Alter, sie war nicht viel jünger als Esprit. Eine noch etwas jüngere Stute wäre ihm lieber gewesen, doch Mirabell hatte ihn überzeugt. In der Dressur würde sie kaum Probleme haben, und er war sicher, dass sie auch im Geländerennen überzeugen konnte. Bei den Kurzstreckenrennen würde ihre geringe Körpergröße einen Nachteil bedeuten, doch mit guter Technik - und er war davon überzeugt, dass Mirabell eine Technikerin war - sollte es dennoch zu guten Ergebnissen reichen. 
“Das freut mich”, erklärte Mr. Nowak ehrlich und gab der Stute ein Zeichen, dass sie nicht mehr weiter laufen musste. “Was halten Sie von einer kleinen Erfrischung, während wir uns über das Geschäftliche unterhalten?” 
Charles, der den Blick noch immer auf das Tier gerichtet hielt, stimmte zu. “Gerne.” 

Gemeinsam kehrten die beiden Männer zu der Terrasse zurück. Charles machte es sich auf einem der Stühle bequem. Immer wieder glitt seine Blick hinüber zu der weißen Stute, die nun wieder ruhig und entspannt auf der Koppel stand und in der Sonne badete. 
“Bitte sehr.” Mr. Nowak war aus dem Haus zurückgekehrt und hatte zwei Gläser auf den kleinen Terrassentisch gestellt. Nun nahm er Charles gegenüber Platz und folgte dessen Blick. “Es ist wirklich ein rassiges Tier. Vielleicht mache ich einen Fehler, wenn ich sie verkaufe.” 
Charles lächelte und richtete seine Aufmerksamkeit nun auf sein Gegenüber. Auch Mr. Nowak war schon ein paar Jahre im Geschäft und wusste ganz genau, was er tat. Die letzte Äußerung war also ein geplantes Kalkül, um den Preis in die Höhe zu treiben. Doch auch er selbst kannte dieses Spiel, das er schon einige Male gespielt hatte. “Sie ist sehr schön, aber ein wenig wie ein ungeschliffener Diamant. Sie könnte eine große Zukunft vor sich haben, aber es benötigt noch einiges an Arbeit, um ihr volles Potential zu Tage zu fördern.” 

Mr. Nowak lachte bei dieser Metapher. “Nun, auch ungeschliffene Diamanten haben ihren Preis, Mr. Laudage.” 
“Selbstverständlich”, stimmte Charles zu. “Ich bin aber auf jeden Fall daran interessiert, Mirabelle zu kaufen. Welchen… Preis haben Sie sich denn vorgestellt?” Es war sein übliches Vorgehen, dem Besitzer eines Tieres das erste Gebot zu überlassen. Das erste Angebot war lediglich richtungsweisend und wurde nie akzeptiert. Er hielt es jedoch für klüger, nicht selbst mit einem niedrig kalkulierten Preis zu beginnen, und somit eine Abwehrhaltung des Verkäufers zu provozieren. Bisher war er mit dieser Taktik immer recht gut gefahren. 
Mr. Nowak warf ihm einen taxierenden Blick zu. “Wie gesagt, gehe ich davon aus, dass Mirabelle eine strahlende Zukunft vor sich hat. Sie hat es in der Jugendklasse mehrfach aufs Podium geschafft und konnte auch in ihren ersten Wettkämpfen in der Amateurklasse überzeugen. Daher halte ich einen Preis von 50.000 Credits für angemessen.” 
Charles stieß einen leisen Pfiff aus. Zwar hatte er mit einer nicht gerade mit einem Schnäppchen gerechnet, doch die Zahl, die sein Verhandlungspartner gerade aufgerufen hatte, lag deutlich über seinen Vorstellungen. Der Preis einer frisch verwandelten Lipizzanerstute wurde durch das MPHZ mit etwa 10.000 Credits angesetzt. Bedingt durch die bisherigen Erfolge der Stute war der Preis natürlich angestiegen. Dennoch lagen 50.000 Credits sogar über dem Preis, den er für Esprit gezahlt hatte. “Ich fürchte, das ist ein wenig zu hoch angesetzt”, entgegnete er vorsichtig. “Sie dürfen nicht vergessen, dass es noch viele Stunden Arbeit kosten wird, um ihre Leistungen entsprechend zu formen.”
Mr. Nowak lächelte sachte. “Nun, Mr. Laudage, Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass ich bereits viel Arbeit in diese Stute investiert habe.” 
“Selbstverständlich”, beschwichtigte Charles und nippte kurz an seinem Getränk, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Nach kurzem Abwägen fuhr er fort: “Ich würde Ihnen 35.000 Credits bieten. Für eine derart junge Stute ist das ein sehr stolzer Preis.” 

Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille. Nun war es Mr. Nowak, der das Angebot bewerten musste. Doch schon nach recht kurzer Zeit schüttelte er mit dem Kopf. “Tut mir leid, das ist ausgeschlossen. Ich würde Ihnen ein Stück weit entgegen kommen, aber 35.000 Credits sind zu wenig.” 
Charles fluchte innerlich. Er wollte diese Stute wirklich haben. Sie war atemberaubend schön und würde seine Herde wunderbar ergänzen. Gerade im Vergleich zu Esprit mit ihrem kräftigen Hannoveranerkörper stellte sie eine ganz wunderbare Abwechslung dar. Zugleich würde sie der kräftigeren Stute im Bereich der Dressur als gleichaltriges Vorbild dienen können. “Ihnen kann man wohl nichts vormachen”, meinte er mit einem gespielten Lachen. Nun gut, dann werde ich wohl noch einmal nachbessern müssen. Ich biete 38.000 Credits und weitere 2.000 Credits, falls Mirabell es innerhalb von 12 Monaten nach Vertragsabschluss auf das Podium in der Amateurklasse schafft. 
Erneut trat ein kurzes Schweigen ein, ehe Mr. Nowak abermals den Kopf schüttelte. “42.000 Credits und weitere 5.000 Credits im Falle eines Podiums”, entgegnete er stur. 

Charles drehte den Kopf und warf einen Blick auf die Lipizzanerstute. Er hatte sich selbst ein Budget von maximal 40.000 Credits für die Verstärkung der Herde eingeräumt. Falls Mirabelle es in ihrem ersten Jahr tatsächlich auf das Podium schaffen sollte, was zu hoffen war, hätte er es sehr deutlich überschnitten. Und falls sie in ihrem ersten Jahr keine Erfolge würde verbuchen können, hätte er immer noch einen stolzen Preis für die Stute gezahlt, ohne in den ersten Monaten irgendwelche Einnahmen mit ihr zu machen.  Gleichzeitig faszinierte ihn diese Stute jedoch so sehr, dass er es dennoch in Betracht zog. “Ich würde gerne in Ruhe über dieses Angebot nachdenken”, gab er zu und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Besitzer der Stute. “Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich mir 2 Tage Bedenkzeit herausnehme?” 
Mr. Nowak nickte zustimmend. “Ja, natürlich. Eine derartige Investition möchte ja schließlich wohl überlegt sein.”
“Vielen Dank”, entgegnete Charles. Er blieb noch einige Minuten sitzen, leerte sein Glas und unterhielt sich mit seinem Gegenüber über die kommenden Veranstaltungen. Die Entscheidung, ob er das Angebot annehmen sollte oder nicht, hatte er erst einmal aus seinem Kopf vertrieben. Darüber würde er nachdenken, wenn er wieder zu Hause war und Zeit hatte, die Vor- und Nachteile abzuwägen. Möglicherweise würde er sich aber auch noch die andere Stute, die ähnlich gute Ergebnisse erzielt hatte ihn ebenso interessierte, ansehen.

Bewertung gesamt: 
Average: 3 (2 votes)
Mit einem Klick den Gesamteindruck dieser Geschichte beurteilen.

Hier kannst du einzelne Gesichtspunkte der Story bewerten.
Bewerte die Handlung, die Idee der Geschichte.
Wie findest du den Schreibstil
Beurteile die Rechtschreibung und die Form
Wird das Thema BDSM gut beschrieben und wie erotisch findest du die Geschichte