Hestias Verwandlung - Kapitel 4: Inventur

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Inventur

Die Sonne stand hoch am nur leicht bewölkten Himmel und tränkte die grünen Wiesen hinter Charles Haus in ein saftiges Grün. Er wohnte am Rand eines Vorortes von Topeka, so dass er sich zwei Koppeln direkt neben seinem Grundstück hatte leisten können, auf denen er genügend Platz für seine Pferde hatte. Gleichzeitig lag sein Anwesen jedoch nah genug an der Stadt, dass er die wirtschaftlichen wie kulturellen Vorzüge genießen konnte. 

Er löste den obersten Knopf seines rot karierten Hemds, während er hinüber zu den Koppeln ging. Obwohl es noch früh im Jahr war, hatte die Sonne bereits eine beachtliche Kraft. Topeka lag im Süden des Kontinents und brachte neben den ausladenden Stränden an der Küste auch angenehm hohe Temperaturen mit sich. 

Charles ließ kurz den Blick schweifen. Alle vier Pferde, die er sein Eigentum nannte, trainierten auf dem zusammenhängenden Gelände. Reika, die auf dem einfach gehaltenen Dressurplatz stand und dort mit Esprit beschäftigt war, hatte sie bereits vor einer halben Stunde aus dem Stall geholt und das tägliche Training eingeläutet. 
Er selbst hatte sich an diesem Vormittag erst einmal mit dem regelmäßig anfallenden Papierkram beschäftigt. Anmeldungen für die nächsten Events, Terminabsprachen mit der Tierärztin, Prüfung von mehreren Kaufangeboten für seine Stuten. Doch jetzt hatte er die wichtigsten Vorgänge erledigt und hatte den Schreibtisch erst einmal hinter sich lassen können, um die wärmenden Sonnenstrahlen zu genießen. 

Sein Ziel war die große Trainingskoppel, auf der das Gras regelmäßig kurz gemäht wurde. Zwei Stuten trabten im Abstand von ein paar Metern ruhig und offenbar recht entspannt an der Innenseite des Zauns entlang. Sie absolvierten ein leichtes Aufwärmtraining, bei dem sie nicht viel Aufsicht brauchten, so dass Reika sich auf etwas anderes konzentrieren konnte. 
Charles lehnte sich an das Gatter und beobachtete die beiden Pferde für einige Minuten. Die vordere Stute hatte strahlend weiße Haut, auch Mähne und Schweif waren identisch gefärbt. Sie war mit ihren etwa 170cm Körpergröße deutlich kleiner als die ihr folgende Stute, die mit ihrer mattschwarzen Färbung einen starken Kontrast zu ihr bildete. Doch ihr Körperbau sowie jede ihrer Bewegungen zeugten von einer Schönheit und Eleganz, mit der die größer gewachsene Stute schlichtweg nicht konkurrieren konnte. 
Die weiße Stute war der Star in seinem Stall. Sie hieß Du An Nahar und die meisten Beobachter benötigten keinen Blick auf das Rassebranding auf ihrem Hintern, um sie als Araber zu identifizieren. Du An Nahar war aber nicht nur eine Schönheit, sondern verbarg in ihrem athletischen Körper auch eine beeindruckende Energie. Nicht selten hatte sie sich auf der Rennbahn gegen große Hannoveranerstuten durchgesetzt, und zumindest in der Kategorie der Vielseitigkeit konnte es kaum eine andere Stute im Dressurring mit ihr aufnehmen. 
In den letzten drei Jahren hatte sie jeweils um den Titel des Champions gekämpft und ihn im letzten Jahr schließlich auch gewinnen können. Mit ihren inzwischen 28 Jahren verfügte sie über einen guten Erfahrungsschatz, der ihr immer wieder einen entscheidenden Vorteil verschaffte. Doch Charles wusste auch, dass die Araberstute sich auf ihrem Zenit befand. Schon bald würde sie von einer jüngeren Stute von der absoluten Spitze verdrängt werden. Für ihn als Eigentümer galt es, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, an dem er sie langsam aus den Wettkämpfen nahm und an die Zucht dachte. Als Vielseitigkeitschampion und Araberstute hatte sie das Potential, vielversprechende und vor allem sehr begehrte und somit teure Nachfahren zu gebären. 

Die zweite Stute, die gemütlich hinter Du An Nahar her trabte, war eine Hannoveranerstute mit dem Namen Kolbra. Charles hatte sie nur wenige Wochen vor der Araberstute erworben und über die Jahre hatte sich zwischen den beiden Stuten eine sehr enge Freundschaft entwickelt. 
Im Gegensatz zu Du An Nahar war Kolbra jedoch nicht besonders erfolgreich. Obwohl sie rassetypisch hochgewachsen war und von Reika gut trainiert wurde, hatten ihr immer die letzten paar Prozent gefehlt, um mit der Araberstute mithalten zu können. Charles hatte seine eigene Theorie, was den Unterschied zwischen den beiden Stuten ausmachte, doch Kolbra war bemüht und hatte bisher jedes Jahr zumindest zwei oder drei Mal das Podest in der Amateurklasse erreicht, so dass sie dadurch für ihren Lebensunterhalt aufkam. Ihren vermutlich weitaus größeren Nutzen hatte sie jedoch ohnehin als Begleitpferd für Du An Nahar. Sie lebten Box an Box, verbrachten die Tage zusammen auf der Koppel und kuschelten sich aneinander, wenn der Wind am Abend zu kühl wurde. Für den Stallfrieden und die Leistung der Araberstute war es unabdinglich, dass Kolbra weiter an ihrer Seite blieb. 

Charles vernahm einige etwas lautere Rufe der Trainerin vom Gelände nebenan, löste sich von dem Gatter und ging herüber zu der Dressuranlage. Sie war schlicht aufgebaut, ein großer rechteckiger Platz, der mit feinem Sand ausgelegt war. Am Rand befanden sich weiße Stangen, die den Markierungen der Turnierplätze entsprachen und an der Außenseite des hüfthohen Zauns lehnte eine Harke, mit der Reika von Zeit zu Zeit den Sand wieder ordentlich machen konnte, wenn die schweren Hufe der Stute ihn zu sehr aufgewühlt hatten. 
“Halte den Blick gerade nach oben! Nicht auf deine Hufe schauen!”, rief Reika. Mit einer Reitgerte in der rechten Hand folgte sie der Stute über den Platz und schüttelte dabei leicht den Kopf. “Halte den Kopf gerade.” 
Charles beobachtete, wie die große Hannoveranerstute mit der braunen Haut und der schwarzen Mähne protestierend schnaubte, so als wollte sie sagen, dass sie hinsehen müsse, um nicht umzufallen. Reika trat näher an die Stute heran, griff mit der freien Hand nach dem Zaumzeug und zwang das Pferd dazu, Kopf und Blick gerade zu halten. “Jetzt versuch es noch einmal, ganz ruhig hier auf der Stelle drehen… ja genau…” 
Tänzelnd bewegte sich die große Stute auf der Stelle, drehte sich langsam um die eigene Achse und hatte dabei Mühe, das Gleichgewicht zu halten und keinen Schritt zur Seite machen zu müssen. 
“Na siehst du, es wird doch. Gleich noch einmal, und dieses Mal ziehst du die Knie richtig hoch”, ermahnte die Trainerin. Doch die Stute tat sich auch weiterhin schwer mit dieser Übung, und immer, wenn sie das Gefühl hatte, gleich das Gleichgewicht zu verlieren, hob sie die Beine nicht mehr richtig an. Es gab ein leises Surren, als die Gerte durch die Luft zischte und ihre Spitze von unten den linken Oberschenkel der Stute traf. Auch wenn der Schmerz eher gering gewesen sein dürfte, verfehlte der Einsatz der Gerte seine Wirkung nicht und erinnerte Esprit daran, das Bein anzuheben, bis der Oberschenkel waagerecht war. 

Reika wiederholte die Übung noch mehrere Male, ehe sie das Zaumzeug der Stute losließ und Esprit eine Runde um den Dressurring traben durfte. Die Trainerin folgte ihr mit den Blicken, während sie ein paar Schritte in Charles Richtung machte. 
“Ich denke wir werden noch ein paar Einheiten brauchen, bis sie die Pirouette wirklich sicher hinbekommt. Sie will immer wieder nach unten schauen, aber das werde ich ihr schon noch austreiben“, informierte sie ihn über den Trainingsstand. 
Charles lächelte ein wenig. “Ja, ich sehe es. Aber im Vergleich zum Samstag sah es schon gleichmäßiger aus.” Die Dressur war nicht einfach zu erlernen und erforderte sowohl von Pferd, als auch von Trainer eine Menge Geduld und Ausdauer. Bei Rennen und Military hatte Esprit aufgrund ihres kräftigen Körperbaus schnelle Erfolge erzielen können, doch umso schwieriger erwies sich für sie die Dressur. Tatsächlich hatte Charles sogar darüber nachgedacht, die Stute nicht in der Vielseitigkeit, sondern ausschließlich für Geländerennen zu melden. Doch die Konkurrenz in dieser Disziplin war stark und mit Reika hatte er eine ausgezeichnete Vielseitigkeitstrainerin, so dass er sich vorerst dagegen entschieden hatte. Die Stute war noch jung, und wenn sie bis zur nächsten Saison tatsächlich keine Fortschritte in der Dressur machen sollte, konnte er diesen Schritt immer noch gehen. 
“Keine große Kunst”, befand die Asiatin. Sie streckte den Arm mit der Gerte aus und signalisierte der Stute damit, eine weitere Runde zu drehen. Mit dumpfen Hufgeräuschen auf dem sandigen Boden trabte sie an den beiden Menschen vorbei. “Eigentlich kann sie es, aber sie traut sich nicht richtig. Sobald sie keine Angst mehr hat, das Gleichgewicht zu verlieren, bekommt sie es hin”, analysierte Reika. 
“Wenn sie es nur oft genug gemacht hat, wird sie es verstehen”, hoffte Charles. “Kommt ihr mit der Traverse voran?” 
Reika nickte. Mit zwei Fingern im Mund stieß sie einen lauten Pfiff aus und zog damit die Aufmerksamkeit der Stute auf sich. “Traverse!”, befahl sie laut. 
Esprit setzte ihren Trab fort, bis sie die Stirnseite des Dressurplatzes hinter sich gelassen hatte. Als sie auf die lange gerade einbog, lief sie nicht weiter an der Innenseite des Zauns entlang, sondern zog das äußere Bein nach jedem Schritt nach innen, kreuzte somit das innen stehende Standbein und bewegte sich diagonal über den Platz. Die Bewegungen wirkten noch nicht perfekt, doch es schien lediglich ein wenig Übung zu fehlen. 
“Sehr gut, ich sehe schon, du hast die Lage im Griff”, sagte Charles und nickte Reika zu.

 Während die Trainerin zurück in die Mitte des Sandplatzes ging, um mit Esprit erneut die Pirouette zu üben, schlenderte Charles zu dem großen Longierzirkel, der sich in der Mitte einer Führanlage befand. 
Eine sandfarbene Stute mit schwarzem Schweif und schwarzer Mähne trabte mit hohem Tempo zwischen den Begrenzungen der Führanlage im Kreis. Der äußere Durchmesser der Anlage betrug 15 Meter und vier vertikale Gitter wurden durch einen Elektromotor mit gleichmäßiger Geschwindigkeit bewegt. Die Metallstangen standen leicht unter Strom, so dass sie jedes sich im Ring befindende Pferd mit absoluter Sicherheit antrieben. 
Charles beobachtete die junge Stute, die mittig zwischen zwei der vertikalen Gitter lief und das Tempo scheinbar mühelos hielt. Ihr Körper war leicht verschwitzt was darauf hindeutete, dass sie bereits seit Trainingsbeginn in der Führanlage trabte. 
Die Anlage hatte für Charles eine recht hohe Investition dargestellt, doch bisher hatte sie sich absolut bezahlt gemacht. Selbst wenn er zusammen mit Reika das Training leitete, war es schwer, allen vier Stuten jederzeit die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der Führanlage konnten im Zweifelsfall aber sogar alle seine Pferde gleichzeitig ein Ausdauertraining absolvieren, ohne dass sie besonders viel Aufmerksamkeit benötigten. 
Tippa, wie die Falbe hieß, war nun seit einigen Monaten bei ihm. Die junge Stute war sehr gehorsam und suchte bei jeder Gelegenheit menschliche Nähe, was Charles als sehr angenehm empfand. Doch mit ihren Leistungen hatte sie ihn bisher nicht überzeugt. Als Trakehnerstute war sie kleiner als die Hannoveranerstuten Esprit und Kolbra, aber im Gegensatz zu Du An Nahar fehlte ihr die natürliche Eleganz. Als Begleitpferd machte sie sich gut, doch inzwischen war Charles sich sicher, dass sie bei Wettbewerben nie über den Durchschnitt hinaus kommen würde. Er selbst sagte sich, dass er wohl kaum mit jedem Pferd so ein Glück haben konnte, wie mit Du An Nahar und Esprit. 

Eine Weile beobachtete er die Stute dabei, wie sie mit gleichmäßigem Tempo im Kreis trabte. Der dunkle Schweif schwang im Takt ihrer Schritte hin und her, und auch ihre Mähne, die er ein wenig länger geschnitten ließ, als bei den anderen Pferden, bewegte sich im Rhythmus ihrer Bewegungen. Tippa war zweifelsfrei eine hübsche Stute. Das einzige, was ihr fehlte, war das innere Feuer, der absolute Wille, alles zu geben. Auch das beste Training konnte dieses Manko nicht ersetzen.

In Gedanken versunken sinnierte Charles über die vier Stuten. Kolbra und Tippa waren keine Wettkampftiere, zumindest würden sie keine bedeutenden Titel gewinnen. Du An Nahar war am Zenit ihrer Karriere und auch wenn er es gerne noch ein wenig aufschieben würde, in spätestens zwei Jahren stellte die Zucht die beste Alternative für die Stute dar. Ganz im Gegensatz dazu stand Esprit vor ihren besten Jahren. Noch ein Jahr mit intensivem Training, dann würde sie die Spitze der Vielseitigkeit angreifen können. Wenn es so weit war, musste er Du An Nahar zurück nehmen, damit die beiden Stuten nicht zu stark miteinander konkurrierten. 
Sein Blick ruhte auf dem hellgrauen Hintern der Trakehnerstute, als er überlegte, welche Konsequenzen sich aus diesen Entwicklungen ergeben würden. Langfristig brauchte er eine weitere Stute, die er an die Wettkämpfe heran führen konnte. Ansonsten riskierte er eine zu hohe wirtschaftliche Abhängigkeit von Esprit und ihren Erfolgen und Prämien. Und schließlich, in einigen Jahren, musste er auch für Esprit eine Nachfolgerin in der Hinterhand haben, die er bis dahin zumindest an die höchste Klasse herangeführt hatte. Das Beste wäre wohl sich nach einem weiteren Hoffnungsträger umzuschauen, einer vielversprechende Jungstute, die er langsam aufbauen konnte. Wenn sie talentiert wäre, würde sie zudem positiven Druck auf Esprit ausüben und sie zu noch besseren Leistungen antreiben. 

Charles betätigte den Regler für die Führanlage und verringerte das Tempo der vertikalen Gitter um eine Stufe. Tippa bedankte sich mit einem leisen Schnauben, als sie erneut an ihrem Besitzer vorbei trabte. Ihr Körper war schweiß übertrömt und Speichel tropfte von ihrer ledernen Trense auf ihren Oberkörper. Das Ausdauertraining war noch nicht vorbei, doch Charles wollte ihr zumindest eine kleine Pause gönnen. 

“Also dann”, meinte er zu sich selbst und löste den Blick von der Falbe, “ich denke ich sollte mir mal ansehen, was der Markt so zu bieten hat.” Für ihn selbst war die Entscheidung gefallen. Bevor er den Schritt gehen konnte, Du An Nahar decken zu lassen, musste er eine weitere junge Stute finden, die seinen Lebensunterhalt in den kommenden Jahren sicherte. So sehr er Tippa auch mochte, auf ihre Leistungen alleine wollte er seine Zukunft nicht stützen. 

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