Hestias Verwandlung - Kapitel 2: Zielgerade

 
Zielgerade
In einer dicht zusammen laufenden Gruppe kamen die ersten Sechs Pferde aus der Kurve. Der Sand der Rennbahn wirbelte hinter ihren Hufen auf, die donnernd über die Strecke galoppierten. Auch in der Kurve hatten die Tiere eine hohe Geschwindigkeit beibehalten, doch jetzt, wo sie auf die Gerade kamen, erhöhten sie das Tempo noch einmal zusätzlich. Der kleine Pulk zog sich ein wenig auseinander, doch noch war nicht absehbar, welche der Stuten das Rennen für sich entscheiden würde. 
Die Arme auf die Begrenzung der Rennbahn gelehnt, verfolgte Charles Laudage das Rennen. Er hatte sich in der Nähe der Zielgeraden postiert um einen möglichst uneingeschränkten Blick auf die sich nähernden Pferde zu haben, die nun mit hohem Tempo auf ihn zugaloppiert kamen. 
Hinter sich hörte er den Jubel und die angespannten Anfeuerungsschreie des Publikums. Es würde höchstens noch ein paar Sekunden dauern, dann würde eine der Stuten das Rennen für sich entschieden haben. Im gleichen Augenblick würden einige Zuschauer viel Geld gewonnen, und andere zugleich viel Geld verloren haben. Er selbst wettete nicht auf die Pferderennen, genau genommen war es ihm als Besitzer eines Teilnehmers sogar offiziell verboten, um mögliche Manipulationen zu unterbinden. Doch auch so spürte er die Anspannung und das Adrenalin, das diese Rennen in praktisch jedem Zuschauer auslösten und wegen dem die Sportart so beliebt war. 
Eine rötlich gefärbte Hannoveranerstute schaffte es, sich für den Augenblick an die Spitze des kleinen Feldes zu setzen. Doch Charles Aufmerksamkeit richtete sich auf eine hochgewachsene Stute mit brauner Haut und dunkler Mähne, die an das Ende der kleinen Gruppe zurückgefallen war. Obwohl sie das Rennen über gut mit den anderen Pferden mitgehalten hatte, schien sie nicht besonders gut aus der Kurve gekommen zu sein und war ein wenig zurückgefallen.
Mit geübtem Blick erkannte Charles, dass sie nicht damit gerechnet hatte, dass ihre Konkurrentinnen das Tempo gleich zu Beginn der Geraden noch einmal so stark anziehen würden. Nun musste kämpfen, um schnell wieder Anschluss zu finden, und vielleicht noch einmal angreifen zu können. 
Der Mann richtete seine Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment auf die Spitze des Feldes. Der Rotfuchs hatte es geschafft, sich mit einigen kraftvollen Schritten einen schmalen Vorsprung zu erkämpfen. Ihr Blick war starr nach vorne gerichtet, auch ohne die Scheuklappen hätte sie den anderen Stuten vermutlich keine weitere Beachtung geschenkt. Aus ihrer gesammelten Erfahrung heraus wusste sie, dass sie das Rennen gewinnen konnte, wenn sie sich nur auf sich selbst konzentrierte. Sie war keine Unbekannte und schon einige Jahre dabei, so dass ihr in dieser aussichtsreichen Position kaum noch ein Fehler unterlaufen würde.
Das Jubeln des Publikums wurde lauter, als die Tiere sich der Ziellinie näherten. Trotzdem domminierte für Charles das Donnern der heran galoppierenden Pferde die Geräuschkulisse. Die schweren Hufschuhe schlugen im wilden Takt auf den sandigen Untergrund der Rennbahn und wirbelten dabei eine beachtliche Menge Staub auf, der an den verschwitzten Körpern der nachfolgenden Pferde haften blieb.
 
Charles richtete seinen Blick wieder auf die Stute, die nach der Kurve zurückgefallen war. Die große Hannoveranerstute hatte gerade wieder Anschluss an die Führungsgruppe gefunden. Sie war auf eine außen liegende Bahn ausgewichen und versuchte nun, mit kraftvollen Schritten an ihren Konkurrentinnen vorbei zu ziehen. 
Gebannt beobachtete Charles das Tier. Obwohl ihre Arme fest auf ihrem Rücken fixiert waren, schien sie bei ihren weiten Schritten keine Gleichgewichtsprobleme zu haben. Schwungvoll stieß sie sich vom Boden ab, schwebte regelrecht ein Stück über den Boden, und fing sich anschließend souverän mit dem anderen Bein ab. Ihre Füße steckten dabei in den obligatorischen Hufschuhen, die ihre Träger dazu zwangen, permanent auf Zehenspitzen zu laufen. Doch für diese Stute schien das überhaupt keine Herausforderung mehr zu sein. Mit aufrecht gehaltenem Oberkörper wetzte sie über die Rennbahn. Ihre Lauftechnik war dabei so ausgefeilt, dass ihre Brüste im nahezu gleichen Takt auf und nieder hüpften und den Laufrhythmus so eher unterstützten als ihn zu behindern. Einzig ihr Schweif und ihre Mähne pendelten unkontrolliert hinter ihr her. 
Mit jedem Schritt kamen die Tiere der Ziellinie ein großes Stück näher. Der Rotfuchs hatte sich an der Spitze festgesetzt und führte bereits mit einer ganzen Schrittlänge, der Sieg war ihr gewiss. Dicht hinter ihr fochten zwei weitere Stuten um den zweiten Platz. Die restlichen Pferde der kleinen Gruppe hatten sich aufgefächert und galoppierten zu dritt nebeneinander her. 
Wenige Meter vor dem Ziel war die braune Hannoveranerstute mit den anderen beiden Stuten genau auf gleicher Höhe. Ihre Größe und ihr gut trainierter Körper stellten auf der Gerade einen immensen Vorteil dar. Die gewaltige Kraft, die in ihren muskulösen Oberschenkeln ruhte, spielte die Stute nun aus. Alles aus sich herausholend, galoppierte sie über die Rennbahn, der Ziellinie entgegen. Erst zwei Meter vor dem Messpunkt gelang es ihr, an ihren beiden Kontrahentinnen vorbei zu ziehen. Um eine Nasenlänge schob sie sich an ihnen vorbei, ohne sich in diesem Moment darüber gewiss sein zu können. Die Scheuklappen schränkten ihr Blickfeld ein, sorgten dafür, dass ihre Aufmerksamkeit ausschließlich nach vorne auf das Ziel gerichtet blieb und sie von nichts abgelenkt wurde. Doch sie wusste es, spürte es, dass sie nun vor den anderen Stuten lag. Mit dem Vorsprung von nur zwei Zehntelsekunden überquerte sie die Ziellinie und sicherte sich somit den vierten Platz. 
Eine ohrenbetäubende Mischung aus Jubel, Anfeuerungsschreien und lauten Flüchen begleitete die Zieleinkunft der Pferde. Auch Laudage hatte im entscheidenden Moment einen Jubelschrei von sich gegeben, als die Stute den vierten Platz für sich entschieden hatte. Noch immer spürte er, wie sein Herz vor Aufregung kräftig in seiner Brust schlug. Nur langsam fiel die Anspannung wieder von ihm ab. 
Ein breites Lächeln haftete auf seinem Gesicht, als er sich von der Absperrung löste und sein dunkelblaues Hemd glatt strich. Die braune Hannoveranerstute, der er seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hörte auf den Namen Esprit und war sein Eigentum. Er war ihr Besitzer und Trainer, und obwohl sie es nicht auf das Podium geschafft hatte und damit auch kein Preisgeld gewonnen hatte, war er überaus zufrieden mit ihr. 
Das Rennen war der Abschluss einer dreitätigen Veranstaltung gewesen, so wie es in der Vielseitigkeit üblich war. Am Freitag waren sie beim Military gestartet, und bereits hier hatte Esprit einen respektablen fünften Platz für sich verbuchen können. Bei der am Folgetag stattfindenden Dressur hatte sie jedoch etwas an Boden verloren und konnte nur den elften Platz für sich verbuchen. Ihre Kraft und ihre Größe konnten auf der Rennbahn ihre fehlende Erfahrung ausgleichen, doch bei der Dressur fehlte ihr eben diese Souveränität, die man erst mit der Zeit erlangte. Zum Teil würde dieses Problem schon alleine durch die Zeit gelöst werden, doch als Trainer wusste er, wie er diesen Prozess durch ausgefeiltes Training beschleunigen konnte. In den kommenden Wochen würde er den Fokus auf diese Trainingseinheiten lenken.
Mit dem vierten Platz beim heutigen Rennen hatte die Stute sich jedoch insgesamt auf den siebten Platz geschoben, was seine ursprünglichen Erwartungen übertroffen hatte. Ursprünglich hatte er eine andere Stute gemeldet, doch aufgrund einer Erkältung des Pferdes hatte er sie zurückziehen müssen. Den freigewordenen Startplatz hatte er mit Esprit aufgefüllt, die bisher nur wenig Erfahrung in der Championklasse gesammelt hatte. Doch mit ihrer guten Leistung hatte sie ihn in seinem Vorhaben bestärkt, sie in Zukunft hauptsächlich in der höchsten Klasse einzusetzen. 
Charles bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge und verließ die Tribüne. Mit eiligen Schritten folgte er einem Sandweg, der parallel zur Rennbahn verlief und erreichte nach kurzer Zeit den Teil des Geländes, den nur die Teilnehmer betreten durften. 
Rasch zeigte er einem freundlich dreinschauenden Mitarbeiter der Security seinen Teilnehmerausweis, ehe er das abgegrenzte Areal betrat. Hier war es nicht minder hektisch als auf der Tribüne. Eine Vielzahl von Besitzern und Trainern kümmerte sich um die Pferde, die an diesem Tag ein Rennen bestritten hatten oder in Kürze starten würden. 
Geduldig suchte er die Menge ab, schlängelte sich an Menschen und Tieren vorbei und grüßte dabei den einen oder anderen Bekannten. Schließlich entdeckte er den Kopf seiner Stute und steuerte auf sie zu. 
Die hochgewachsene Stute ließ sich mithilfe einer Führleine, die an ihrem Zaumzeug befestigt war, bereitwillig über den Platz navigieren. Das andere Ende der Leine ruhte in der Hand einer deutlich kleineren Frau, die als Pferdetrainerin für Charles arbeitete. Sie trug kniehohe Stiefel, eine dunkle Hose und eine dunkelblaue Weste über der hellen Bluse. Ihre schwarzen Haare waren zu einem strengen Zopf gebunden, doch auf ihrem asiatischen Gesicht war ein zufriedenes Lächeln zu sehen. 
“Ah Reika, da seid ihr ja. Hat Esprit das Rennen gut überstanden?”, erkundigte er sich sogleich, als er die Trainerin und die Stute erreicht hatte. Aufgrund der extremen Belastung während der Wettbewerbe kam es nicht selten vor, dass die Pferde leichte Blessuren davon trugen. Daher galt seine erste Frage nach einem Rennen stets der Gesundheit seiner Pferde. 
Die Frau blieb am Rand des Platzes stehen, dirigierte die Stute mit Hilfe der Führleine neben sich und wandte sich ihrem Arbeitgeber zu. “Alles in Ordnung Charles.” 
Charles trat vor die Stute und musterte ihren Körper mit einem prüfenden Blick. Die Anstrengung des Rennens war dem Tier noch immer deutlich anzusehen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell und heftig, die braun gefärbte Haut war mit einer glitzernden Schicht aus Schweiß und Staub bedeckt. Sowohl die schwarze Trense in ihrem Maul als auch ihr Kinn waren mit Speichel bedeckt. Es war ganz offensichtlich, dass sie wirklich alles aus sich herausgeholt hatte. 
Sanft legte der Mann eine Hand an das Zaumzeug der Stute. “Hey meine Große, das hast du wirklich super gemacht”, lobte er sie mit ruhiger Stimme. “Du hast dich sehr gut geschlagen, ich bin sehr zufrieden mit dir.” 
Die Stute, die nicht zuletzt auch wegen der Hufschuhe sogar noch ein paar Zentimeter größer war als Charles, beruhigte sich ganz langsam wieder. Als sich ihr Atem wieder ein wenig normalisiert hatte, schnaufte sie ein paar Mal tief durch die Nüstern und betrachtete ihren Besitzer mit ihren strahlend blauen Augen. 
Charles war begeistert von dieser Stute, die sich erst seit knapp anderthalb Jahren in seinem Besitz befand. Sie war erst zwanzig Jahre alt und hatte in der Amateurklasse bereits mehrere Siege errungen, so dass sie dadurch das Startrecht für die Championklasse erworben hatte. Ihr muskulöser und zugleich hochgewachsener Körperbau war bemerkenswert und Reikas Trainingsmethoden förderten die Entwicklung des Tieres noch zusätzlich. Schon längst galt Esprit nicht mehr nur als Talent, sondern wurde bei den Buchmachern als Kandidatin für zukünftige Titel gehandelt. 
In der Zwischenzeit hatte Reika damit begonnen, den verschwitzten Körper der Stute mit einem Handtuch abzutrocknen. Charles hatte die Führleine übernommen und wartete gelassen ab, während Reika zuerst den Schweiß und zuletzt auch den Speichel abwischte. Schließlich löste sie für einen kurzen Augenblick die Trense aus dem Zaumzeug, wischte sie trocken und setzte sie der Stute anschließend wieder ins Maul, wofür sie ein dankbares Schnauben erntete.
“Na und ich dachte, wenn Du An Nahar mal aus dem Rennen ist, würde ich auch mal ein paar Titel sammeln können”, tönte eine laute Stimme ganz in der Nähe. 
Charles drehte sich um und erkannte einen ihm wohlvertrauten Pferdebesitzer, der mit ihm in Konkurrenz stand. Obwohl ihre Tiere auf der Rennbahn immer gegeneinander antraten, verband sie ein recht freundschaftliches Verhältnis. “Hallo Felix. Ich dachte ich gebe der Jugend heute mal eine Chance”, erwiderte er. 
Felix stieß ein offenherziges Lachen aus. “Na großartig, da steht uns in den nächsten paar Jahren ja noch einiges bevor. Dann verabschiedet sich deine Starstute also bald in die Zucht?” 
Neugierig musterte Charles sein Gegenüber. Felix war einen Kopf kleiner als er und mindestens zehn Jahre älter. Kopf- und Barthaare waren weiß, doch seine Augen versprühten noch immer jugendliche Energie. Seine Frage nach Du An Nahar, der erfolgreichsten Stute aus Charles Stall, war ganz sicher kein Zufall. “Mal abwarten, ich denke das wäre noch ein wenig zu früh. Esprit braucht noch ein wenig Zeit, um sich an das Niveau in der höchsten Klasse zu gewöhnen.”
Felix grinste breit. “Wenn sie so weiter macht wie dieses Wochenende, kämpfen deine beiden Stuten bald gegeneinander um den Titel. Also denk nicht zu lange darüber nach”, gab er ihm einen ernst gemeinten Ratschlag. 
Charles nickte leicht mit dem Kopf. Tatsächlich war das ein Szenario, das es zu vermeiden galt. Zwar wäre es für ihn ein schöner Erfolg, gleich mehrere Pferde auf dem Podest zu haben, doch der Karriere seiner beiden Stuten würde das nicht besonders gut tun. Bisher hatte er das Thema Zucht immer vor sich hergeschoben, doch wenn Esprit weiter so große Fortschritte machen würde, musste er sich bald damit auseinandersetzen. “Ich werde es im Hinterkopf behalten”, versicherte er Felix und erwiderte das Lächeln. 
“Gut gut. Denk an mich, wenn es so weit ist. Mein Rakkat würde sicher gut zu deiner Stute passen. Wir können uns ja mal unterhalten, wenn es so weit ist”, meinte er mit einem Augenzwinkern. “So, genug geplaudert, das Finale der Hengste geht jeden Moment los. Ich muss zur Rennbahn.” 
“Viel Erfolg”, wünschten Charles und Reika ihm und sahen dem Mann kurz nach, der sich eilig durch die Menge in Richtung der Rennbahn kämpfte. 
Zehn Minuten später, nachdem Esprit sich auf der Trainingsbahn ausgelaufen hatte,  befanden sie sich in dem halb offenem Stallgebäude, in dem die Teilnehmer ihre Tiere vor und nach den Rennen unterbringen konnten. Esprit stand entspannt in ihrer Box, während ihre Trainerin eine dunkelbraune Creme auf den muskulösen Oberschenkeln der Stute verteilte. “Ruhig, halt still!”, mahnte die Frau, während sie die Muskeln der Stute massierte. Die Creme war mit einem leichten Schmerzmittel versehen und würde zudem Muskelkater und Verspannungen vorbeugen. 
Charles fuhr in der Zwischenzeit mit einem groben Kamm durch die schwarze Mähne der Stute und brachte sie wieder einigermaßen in Ordnung. Richtig hübsch würde die Hannoveranerstute erst wieder nach einer Dusche aussehen, doch für den Augenblick spielte das keine besondere Rolle. An der Siegerehrung würde Esprit nicht teilnehmen, sondern sich stattdessen ein paar Stunden von den Strapazen erholen können, bevor es am Abend wieder nach Hause ging. 
 

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