Frau Engel und Herr Kaufmann – 1

Kurzes Vorwort:
 
Bei der folgenden Geschichte handelt es sich um eine fiktive Beziehung zwischen einem Mädchen und ihre r/m Lehrer/in. Wer dies sozial als fiktives Werk nicht tragbar findet, sollte an dieser Stelle bitte aufhören zu lesen.
Für alle anderen:
Viel Spaß!

Euer Füchschen ;)
 
 
Frau Engel und Herr Kaufmann – 1
 
Ich sah Maries winkende Hand, noch bevor ich ihr fröhliches „Guten Morgen!“ hörte. Ich lächelte glücklich. Hach, irgendwie hatte ich das die 1 ½ Monate vermisst. Und jetzt hatte ich nur noch ein Jahr vor mir…der Gedanke stimmte mich traurig und hoffnungsvoll zugleich – das war wohl eine dieser typischen Situationen in denen man beide Emotionen empfinden konnte.
Heute war der erste Tag des neuen Schuljahres und die ganze Oberstufe hatte sich vor den Stellwänden versammelt, um an ihre Stundenpläne zu kommen.
Meine beste und einzige Freundin kämpfte sich durch die Menge wuselnder Schüler und kam hechelnd vor mir zum Stehen. Wir umarmten uns herzlich.
„Meinst du, du kannst mich heute Abend mitnehmen? Ich hab keinen Bock auf Bus fahren.“ Fragte sie hoffnungsvoll und ich lachte laut. Sie war doch unverbesserlich.
„Ich habe immer noch kein Auto. Das hat sich in den letzten 1 ½ Monaten nicht verändert.“ Sie zog einen Schmollmund.
„Och maaaan. Ist das nicht scheiße? Fahren zu dürfen, aber nicht zu können?“
„Deswegen kriege ich trotzdem kein eigenes Auto.“
„Ich sags dir, sobald ich nächstes Jahr 18 bin, mache ich ganz Deutschland unsicher.“
„Das glaube ich dir.“
Diese Diskussion führten wir fast jeden Tag. Sie sah einfach nicht ein, dass ich noch kein Geld für eine eigenes Auto ausgeben wollte. Aber bis jetzt hatte ich noch nie eins gebraucht und wenn ich später mal in einer Großsstadt studieren würde, dann könnte ich da auch hervorragend auf Dauer den Nahverkehr nutzen. Und wenn ich dann wirklich ein Auto brauchen würde, dann könnte ich mir dann ja auch immer noch Gedanken darüber machen.
 
Zuerst musste man sich die Stundenpläne abschreiben und danach noch zu einer anderen Liste, wo die verschiedenen Kursleiter aufgeführt wurden. Das war ein ziemliches Durcheinander, aber das war nun mal meine Schule.
Ich hatte meine Leistungskurse in Deutsch und Geschichte. Es war so gelegt, dass ich Deutsch jeden Tag die Woche und dienstags zweimal hatte und Geschichte einfach jeden Tag einmalig. Umso gespannter war ich, wer meine Kursleiter waren – schließlich musste ich mich ab jetzt mit ihnen jeden Tag herumschlagen. Auf so einen alten Stinker konnte ich dann gut verzichten.
Aber erstmal mussten wir von den Stellwänden wieder weg kommen. Ich kam mir vor wie ein kämpfender Fisch der gegen den Strom schwimmt. Kurz bevor ich es geschafft hatte, verpasste mir auch noch einer der Schüler einen kräftigen Stoß mit seinem Ellenbogen und ich stürzte nach vorne.
Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich an einer der vorbeigehenden Personen abfangen, die dadurch ebenfalls ins Straucheln geriet.
Als ich die besagte Person erkannte, blieb mein Herz gleich fünf Mal stehen. Es war meine ehemalige Deutschlehrerin Frau Engel. Bis zur 11. Klasse war sie, mit Ausnahme der 5. & 6. Klasse meine Lehrerin gewesen. Meine Handinnenflächen wurden schwitzig und das Blut schoss mir in den Kopf. Oh Nein.
„E-Entschuldigung…“ stammelte ich hastig und blickte rasch zu Boden. Ich konnte ihr einfach nicht in die Augen sehen, das konnte ich noch nie.
„Nicht schlimm. Pass‘ das nächste Mal einfach besser auf.“ Der Klang ihrer Stimme ließ mich den Atem anhalten und erst als sie fort war, wagte ich wieder tief Luft zu holen.
Marie stand kopfschüttelnd neben mir. „Was hast du nur immer mit dieser Frau?“ seufzte sie.
„Gar nichts!“ gab ich – zugegebenermaßen – ziemlich grob zurück, obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach.
Frau Engel und ich hatten uns immer gut verstanden und sie hat mein Interesse für Lektüre und produktionsorientierte Arbeit sehr geschätzt. Irgendwas an ihrer Art hatte mich schon immer fasziniert. Sie strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, war weiblich, aber nicht offensichtlich attraktiv – und dennoch unglaublich hübsch.
Irgendwann fing ich an von ihr zu träumen. Das heißt, sie war einfach nur da. Sie stand da, sagte nichts, war einfach nur dabei und ich hatte mir nicht weiter Gedanken darüber gemacht, schließlich verarbeitete das Gedächtnis im Schlaf die Personen, mit denen man am Tag zu tun gehabt hatte.
Ihr Anteil an meinen Träumen stieg jedoch immer weiter an und mit der Zeit wandelten sich auch die Träume selbst. Sie nahmen zunehmend sexuelle Handlungen an, mal mit ihr als Protagonistin, oder einfach einer unbekannten Frau – deren Gesicht ich nicht sehen konnte -, die aber ihre Stimme hatte.
Seitdem verspürte ich immer dieses seltsame Kribbeln wenn ich in ihrer Nähe war, sie auch nur sah, oder sie mich aus ihren hellblauen Augen ansah.
Das war auch einer der Gründe dafür, warum ich mich so sehr verändert hatte. Je mehr diese Gedanken, Tagträume und Nachtträume Besitz von mir ergriffen hatten und je mehr ich daran verzweifelt war, weil ich sie einfach nicht verstanden hatte, desto verunsicherter und selbstzweifelnder wurde ich.
Ich ging geduckter durch die Gänge, bedacht darauf, niemanden direkt anzusehen und ich hatte ständig dieses ätzende Gefühl dass mich jeder anstarrte und in den Kursen die ich ohne Marie hatte fühlte ich mich immer total aufgeschmissen und hilflos. Ständig verfolgte mich diese Angst, die Angst dass ich auch nur eine falsche Bewegung machte und um mich herum plötzlich eiskaltes Gelächter ausbrach. Das war meine größte angst. Alle meine alten Freunde waren fort – weil ich nach der 10. Klasse ein Auslandsjahr gemacht hatte - und nun hatte ich nur noch Marie,  doch sie interessierte sich für ganz andere Dinge und hatte dementsprechend natürlich auch den musisch-künstlerischen Schwerpunkt gewählt. Außer Englisch und Biologie hatten wir also keine Kurse zusammen.
Natürlich kam es wie es kommen musste.
Ich weiß im Endeffekt gar nicht mehr,  ob ich mich davor gefürchtet oder es insgeheim herbeigesehnt hatte, jedenfalls war natürlich Frau Engel meine Deutsch-Kursleiterin.
Und als wäre das noch nicht schlimm genug,  hatte ich auch noch Herrn Kaufmann in Geschichte. Herr Kaufmann War letztes Jahr neu an diese Schule gekommen und war einer der bestaussehendsten Männer, die ich je zu Gesicht bekommen hatte. Dass sich bei so einem Mann hin und wieder die ein oder anderen Tagträume in den unachtsamen Kopf schlichen war ja nur natürlich...das beschäftigte mich auch kein bisschen. in meinen Gedanken war der Platz schon für eine gewisse Person reserviert…
 
Der erste Tag lief gar nicht mal so schlecht. Herr Kaufmann schien wirklich ein netter Lehrer zu sein und ich freute mich jetzt schon auf das kommende Jahr Geschichte, das würde bestimmt toll werden.
Auch Deutsch war gar nicht so schlimm geworden wie erwartet. Wir waren in dem LK nur 11 Schüler, was mich zuerst ziemlich unter Druck gesetzt hat, weil so natürlich jeder einzelne mehr Aufmerksamkeit bekam, doch mehr als ein „Mensch, so sieht man sich wieder.“ Und ein Lächeln hatte ich von Frau Engel nicht mehr mitbekommen. Den Rest der Stunde saß ich auf meinem Platz in der letzten Reihe, hörte mir Amelias Geschmatze an, rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und hier und versuchte so gut es ging, nicht aufzufallen. Amelia war die Jahrgangszicke, aber ich hatte mich nicht getraut mich weg zu setzen, als sie sich neben mich gesetzt hat.
Ich versuchte es wirklich, aber ich schaffte es einfach nicht, diese Bilder und Sätze und Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, also fasste ich einen Entschluss:
Ich würde eine neue Verarbeitungstechnik versuchen. Ich würde das Ganze einfach aufschreiben. Angeblich soll das ja helfen, wird zumindest immer von Spitzenpsychologen empfohlen. Noch in der Stunde begann ich damit, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Um Amelia musste ich mir da keine Sorgen machen, die achtete sowieso nur auf ihre Fingernägel und auf Joschuas Unterhose, die mal wieder zu ¾ rausguckte.
Entgegen meinen Erwartungen schien es mir aber nicht wirklich zu helfen – im Gegenteil – es heizte meine Fantasie nur noch zusätzlich an, doch ich hatte eine Beschäftigung gefunden, die mir wirklich Spaß machte und so beschloss ich, die Therapie zu einer Langzeittherapie zu machen. Schaden konnte es schließlich nicht.
 
 
Am Nachmittag stand mir noch eine schwere Verabschiedung bevor. Meine Freundin und Nachbarin musste ausziehen. Ihr Vater hatte eine neue Stelle in Erfurt und so blieb ihr nichts anderes übrig. Wir hatten beschlossen es so kurz und schnell wie möglich zu machen – am Ende lagen wir uns doch heulend in den Armen. Wir waren eben doch richtige, kleine Memmen – aber wenn man sich schon so lange kannte wie wir, dann war das auch erlaubt.
Am Abend bekam ich dann noch einen „Sieh-Es-Als-Trost-Kakao“ und  vertiefte mich in Vorbereitungen für das nächste Schuljahr.
 
 
Leider hatte ich bei meiner tollen Therapie nicht bedacht, dass auch Amelia mal der Nagellack ausging…
Es war Dienstag und die Geschichtsstunde war fast vorbei. Wir haben begonnen, im Schnelldurchlauf von der Machtergreifung der NSDAP bis zum Mauerfall alles noch einmal aufzufrischen, damit wir später damit arbeiten konnten.
Ich beteiligte mich angeregt und auch Herr Kaufmann gefiel mir immer besser. Er war mindestens genauso nett, wie er gut aussah.
Der Sexgott da vorne an der Tafel sammelte gerade alles, was uns noch zu Hindenburg einfiel, als Amelia plötzlich Kaugummi-schmatzend in die Klasse rief: „Herr Kaufmann? Alexandra passt gar nicht richtig auf! Ich glaube die findet Ihren Unterricht langweilig! Das sage ich Ihnen nur, um Sie zu schützen, wissen Sie? Damit sie gleich sehen was für eine hochnäsige Streberin sie ist!“
Erst herrschte eine Totenstille und dann fingen plötzlich alle an zu lachen.
Ich saß da, völlig geschockt und konnte nichts dagegen machen, dass mir die Tränen in den Augen brannten. Genau das hab ich vorhin gemeint. Ich wurde immer kleiner und kleiner in meinem Stuhl und versuchte verzweifelt die Tränen wegzublinzeln.
Meine Ohren wirkten wie mit Watte zu gestopft und ich begann zu hyperventilieren, während Herr Kaufmann Amelia anscheinend eine Standpauke über Loyalität gegenüber seinen Klassenkameraden hielt, doch vermutlich war das genau das was sie gewollt hatte – seine Aufmerksamkeit.
Ich blickte erst auf, als er direkt vor mir stand.
Ich blickte zu ihm auf, verzweifelt, mit einer bösen Vorahnung. Schnell wollte ich den Zettel unter meinen Block schieben und zuckte zusammen, als seine Hand darauf landete, bevor es sich auch nur einen cm bewegt hatte.
„Dennoch ist das nicht in Ordnung. Ich mache das ja wirklich nur ungern, aber ich werde wohl leider gleich zu Anfang des Schuljahres ein Exempel für Sie alle statuieren müssen.“
Er zog mir das Blatt unter meinen erschlafften Fingern weg. Nein! Nein! Nein!
Ich sprang auf. „D-Das sind nur…Deutschhausaufgaben…“ fiebste ich und sah auf meine ineinander verschlungenen Hände. Die Situation war so unglaublich peinlich und ich sah keinen Weg heraus.
„Na dann werde ich sie am besten direkt deiner Deutschlehrerin übergeben, die wird schon wissen, was damit zu tun ist.“
Ich wurde kreidebleich und vergaß vor lauter Schreck sogar, zu protestieren. Ich hätte ihm sagen sollen, dass es einfach nur belanglose Kritzeleien waren, aber ich tat es nicht. Ich stand einfach nur da und nahm nicht einmal richtig war, wie Herr Kaufmann sich mit meinem Geheimnis von mir entfernte und es zusammengefaltet zwischen seine Mappen steckte.
Erst als er „Sie dürfen sich jetzt auch wieder setzen.“ Sagte, ließ ich mich in den Stuhl zurücksinken. Danach begann ich haltlos zu weinen. Ich hatte – Gott sei Dank – das Talent, leise zu weinen und mir schenkte für die restlichen 10 Minuten der Stunde auch niemand mehr Beachtung. Wieso? Frau Engel würde es lesen und dann…? Ich würde einen Schulverweis bekommen? Würde sie meine Eltern informieren? Müsste ich den Kurs wechseln? Ich wollte mir die Folgen gar nicht ausmalen und mir ging es einfach elend. Ich fühlte mich so schrecklich leer und der Kloß in meinem Hals schwoll immer weiter an, mit jeder Minute die die Deutschstunden näher rückten.
Wieso hatte ich mir alles so einfach kaputt machen lassen…
 
 
 
 
 
 
 
Corinnas POV
 
Seufzend rieb ich mir über die Schläfen. Diese 7. Klassen waren immer wieder die reinste Tortur, wie sie alle durcheinander schrien und sich allesamt dümmer anstellten, als sie eigentlich waren – mit einigen Ausnahmen, die waren es wirklich.
Jetzt war ich echt froh, dass nun erstmal zwei Stunden zivilisiertes Diskutieren an der Reihe war. Es tat immer wieder gut, von der Mittelstufe zurück in die Oberstufe zu kommen.
Sofort musste ich wieder an Alexandra denken und seufzte. Irgendwie hatte es mir das Mädchen angetan, vor Jahren schon. Sie war irgendwie so unscheinbar, aber gleichzeitig wusste ich wie schlagfertig und frech sie sein konnte, was mir wesentlich besser gefiel als dieses ständige Herumgestammel sobald ich in der Nähe war. Ja, sie hatte sich sichtlich verändert. Nachdem sie aus den USA wiedergekommen war, dachte ich ja fast, dass sie nun stärker geworden wäre und vorallem selbstbewusster, doch da hatte ich mich wohl geirrt. Ihre Freunde hatten nun auch die Schule verlassen, weil ja dann alle einen Jahrgang über ihr waren, und nun blieb ihr nur noch Marie – ein wirklich nettes Mädchen, auch wenn ich nicht mehr viel mit ihr zutun hatte.
Außerdem hatte mich schon im letzten Jahr die Ahnung beschlichen, dass sie sich nur mir gegenüber so verhielt. Der Vorfall heute Morgen war ein glasklarer Beweis dafür gewesen. Anstatt einfach weiter zu gehen, oder sich einfach klipp und klar zu entschuldigen, stand sie wie zur Salzsäule erstarrte da und hat verlegen auf den Boden geschaut. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie in dem Moment bei mir ausgelöst hat… Sie so vor mir zu sehen und das ganze per Fantasie noch in einen anderen Kontext einzuordnen, hatte mir wieder dieses allseits bekannte Kribbeln verschafft.
Sie war wirklich hübsch. Ihre Haare waren schulterblätterlang und dunkelbraun, ihre Augen ebenso. Sie sah aus wie ein junges Reh, so unberührt und schön. Leider versteckte sie ihre offensichtliche Attraktivität sehr hinter ihrer Schüchternheit und ich würde alles tun, um ihr wieder da raus zu helfen. Ich musste wirklich Tag und Nacht nur noch an dieses Mädchen denken.
In Gedanken versunken bog ich in den nächsten Gang ein und stieß natürlich prompt mit jemandem zusammen. Schon das zweite Mal heute! Noch bevor ich aufsah erkannte ich an dem Geruch wer es war und stammelte mir schnell eine Entschuldigung zurecht. Das erinnerte mich dann doch sehr an Alexandra heute Morgen und ich musste grinsen.
„Darüber reden wir heute Abend.“ Knurrte die dunkle Stimme meines Herrn und ein angenehmer Schauer durchzuckte mich. Zum Glück waren die Gänge zu dieser Zeit so belebt, dass niemand uns beachtete. Automatisch schnappte ich nach Luft und ich bereute es, nicht aufmerksamer gewesen zu sein. Doch bevor ich mich noch einmal entschuldigen konnte, fuhr er schon fort.
„Du kannst erstmal froh sein, dass ich dir wichtigeres zu zeigen habe.“ Sagte er und ich blickte neugierig auf. Er kramte eine Weile in seiner Tasche umher und zog dann zwei zusammengefaltete Blätter, beschriebenen Papiers hervor.
Fragend sah ich ihn an. Sollte ich jetzt seinen Aufsatz korrigieren, oder was? Ich wollte ihm gerade an den Kopf werfen dass er das auch schön selber machen könne, doch er kam mir zuvor: „Du hattest recht.“
„Wie? Was? Wobei?“ Verdutzt starrte ich ihn an.
„Was Alexandra betrifft.“ Augenblicklich wurde ich hellhörig. Christian war der einzige, dem ich davon erzählt hatte und wir beide hatten uns einen ganzen Abend letzte Woche darüber amüsiert, dass wir beide sie im LK hatten. Nun war ich mehr als gespannt und dass er das wusste, sah ich an seinem Grinsen.
„Für deinen gewalttätigen Übergriff eben sollte ich dir das ja eigentlich erst morgen geben, oder? Was sagst du dazu?“ fragte er gemein grinsend und legte den Kopf schief. Erzähl du mir was von Gewalt…
Ich sah ihn flehend an. „Nein, bitte nicht…“ „Ja ja, schon gut. Ausnahmsweise. Aber auch nur weil ich weiß, dass das hier oberste Priorität für dich hat.“ Nun war ich aber wirklich gespannt.
Er gab mir das Papier und sagte dann:“ Ich muss dann jetzt los.“
„Tschüss. Und danke nochmal. Achja, heute Abend kann ich nicht. Ich bin zum Essen bei Meyers eingeladen.“
Er lachte einmal laut und die vorbei eilenden Schüler schauten ihn verwirrt an. „Na das trifft sich gut. Aber morgen Abend kommst du mir so leicht nicht davon. Und du willst ja schließlich nicht riskieren dass ich ungeduldig werde, nicht wahr?“ Er schien keine Antwort zu erwarten, denn er drehte sich einfach um und folgte dem Schwarm der Schüler, die zu ihrem Klassenraum eilten.
Meyers waren meine zukünftigen Nachbarn. Ich würde morgen umziehen und sie meinten, dass es nett wäre sich erstmal kennenzulernen und mir danach beim Umzug zu helfen. Das fand ich sehr nett von ihnen.
Wie es der Zufall so wollte, war Alexandra natürlich die Tochter von Sabine und Gert. Nun war ich aber wirklich gespannt, was Chris mir da gegeben hatte und vorallem würde ich ihn später fragen müssen, wie er daran gekommen war.
 
 
 
 
Alexandras POV
 
Nach Geschichte war ich schnurstracks nach Hause gefahren. Im Bus hatte ich mir wieder die Augen aus dem Kopf geheult, aber ich hätte das einfach nicht ausgehalten in Deutsch. Bestimmt saß Frau Engel gerade vor meinem „Werk“ und ihr fielen wirklich die Augen aus dem Kopf.
Scheiße!Und wenn Herr Kaufmann das doch gelesen hatte? Was dann? Ich würde zum Gespött der ganzen Schule werden! Und dann würde es sich auch nicht mehr vermeiden lassen, dass meine Eltern davon erfuhren.
 
Meine Mutter war völlig bestürzt als ich auf einmal vor der Tür stand und fragte mich, ob ich denn in meinem Zustand überhaupt an dem Abendessen mit unserer zukünftigen Nachbarin teilnehmen könnte.
Natürlich bejahte ich. Ich war zwar nicht unbedingt erpicht darauf, eine weitere alte Schachtel kennenzulernen die sich und ihre zwanzig Köter hier in der Nachbarschaft einnistete, aber ich wollte nicht allzu unhöflich sein und außerdem war ein ausführliches Abendessen immer gut.
Den Rest des Tages verschanzte ich mich also mit lauter Musik in meinem Zimmer, heulte noch viel, trank Tee und zockte Assassines Creed III.
 
 
Als es abends an der Tür klingelte, war ich tip top fertig. Meine Eltern waren teilweise ziemlich konservativ und bestanden darauf, dass meine Geschwister und ich uns extra feine Kleidung anzogen, wenn Besuch kam.
Ich lief gerade zur Treppe, als ich zwei vertraute Stimmen hörte.
„Ach, wie schön dass du da bist. Ich hoffe du hast auch ordentlich Hunger mitgebracht?“
„Hallo Sabine. Vielen Dank für die Einladung. Hier, die Blumen sind für dich. Und ja, ich habe einen Bärenhunger.“ Beide Frauen lachten, nur mir war alles andere als zum Lachen zu Mute. Was!? Sie ist unsere neue Nachbarin? Entgeistert blieb ich am Treppenabsatz stehen. Das durfte ja wohl nicht wahr sein!
Wer wollte mir eigentlich eins auswischen!?
Ich wollte gerade kehrt machen und mich dann doch mit meinem angeblichen Bauchweh herausreden, doch meine Mutter hatte mich schon erspäht.
„Ah und da haben wir ja auch unsere Älteste. Alexandra. Magst du nicht runter kommen?“ Ich kniff die Augen fest zusammen und biss mir auf die Unterlippe. Okay, bleib stark! Vielleicht hat sie es noch gar nicht gelesen. Mit einem weiteren, tiefen Atemzug setzte ich einen Fuß vor den anderen und ging mit zittrigen Knien die Treppe hinunter.
„Alexandra, das ist Corinna. Sie wird ab morgen unsere Nachbarin sein.“
Tatsächlich streckte mir Frau Engel ihre Hand hin, mit den Worten:“Wir kennen uns ja bereits.“ Wäre meine Mutter nicht noch im Raum gewesen, hätte ich es bestimmt nicht gemacht, aber so blieb mir nichts anderes übrig, als ihr tatsächlich die Hand zu schütteln. Ein kleiner Blitz durchzuckte mich und ich zog einmal mehr den Atem ein, als es eigentlich nötig gewesen wäre. Und ich hatte das Gefühl, dass auch meine Lehrerin meine Hand eine Spur fester drückte, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Ich war wirklich froh als sich alle Körperteile wieder an meinem Körper befanden und ich normal atmen konnte. Doch mein Herz schlug immer noch mit dreifacher Geschwindigkeit. Ich war definitiv geisteskrank…
„Achja?“ fragte meine Mutter neugierig. „Woher denn?“
„Sie ist meine Deutschlehrerin, Mama.“ Murmelte ich und sah Frau Engel nicht mehr an. Ich hatte Angst die Antwort auf die Frage, ob sie den Text schon gelesen hatte, in ihrem Gesicht zu sehen. Und wenn sie heute Abend etwas dazu sagt? Zu meinen Eltern? Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Oh Gott.
„Ach Mensch, das ist ja schön. Dann lerne ich die mysteriöse Deutschlehrerin also auch nochmal kennen. Alexandra hat ja schon so viel von dir erzählt musst du wissen.“
„Achja?“ fragte sie lachend, doch ich spürte ihren bohrenden Blick dabei auf mir. Ging es noch peinlicher…?
Meine Mutter führte sie fröhlich schnabbelnd in die Küche, während ich mich schnell in den am weit entferntesten Raum im Erdgeschoss zurückzog – das Arbeitszimmer meines Vaters.
 
Trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, dass meine Mutter bald zum Abendessen rief. Und natürlich saß ich meiner Lehrerin auch noch genau gegenüber. Ja, da wollte mich definitiv einer verarschen!
Jetzt würde ich also eine Stunde lang meinen Tellerrand anstarren dürfen.
 
Als Vorspeise gab es einen herrlich knackigen Salat und zum Glück hielt meine Mutter Frau Engel fest in alle möglichen Gesprächsthemen eingebunden, doch als dann die Gemüselasagne serviert wurde, legte sich die gefräßige Stille über den Tisch. Nils und Benthe unterhielten sich währenddessen munter über alles Mögliche, was nicht unbedingt an den Essenstisch gehörte.
Nils war mein 12-jähriger Bruder und Benthe war gerade mal 9 Jahre alt.
Ich wollte noch grüne Sauce, doch die stand bei Frau Engel. Was sollte ich machen? Ich konnte ja nicht einfach rüberlangen – da würde ich ja Gefahr laufen sie ausversehen noch einmal zu berühren – aber fragen mochte ich sie auch nicht, ich hatte Angst dass sie dann ein Gespräch mit mir anfangen würde.
Meine Mutter kicherte vergnügt.
„Corinna, ich glaube meine Tochter versucht gerade, dich per Gedankenübertragung zu bitten, ihr mal die Grüne Sauce zu reichen.“ Danke Mama! Ich lächelte scheu. Frau Engel erwiderte das Lächeln und wie immer musste ich schwer schlucken und die Muskeln in meinem Unterlaib spannten sich verräterisch an.
Sie war wirklich hübsch. Ihr Haar war rot-braun und reichte ihr bis knapp über die Schulter. Ihr Gesicht war recht schmal, die Lippen perfekt geformt und die Augen von einem stechenden blau. Sie trug eine rechteckige, schicke Brille, die ihren Schneid noch betonte. Normalerweise war ich ja nicht so der Brillentyp, aber ihr stand das wirklich.
„Ja klar. An der Gedankenübertragung müssen wir aber noch arbeiten. Haben ja jede Menge Zeit in Zukunft.“ Lachte sie.
Ich nickte einfach nur, doch bevor ich die Sauce annehmen konnte, sagte meine Mutter:“ Kommst du bitte mit in die Küche, die Nachspeise auftragen?“ Ich nickte, denn ihrem Tonfall war deutlich zu entnehmen, dass sie auf ein Gespräch aus war.
 
Während ich die kleinen Glasschälchen aus dem Regal fischte, meinte meine Mutter vorwurfsvoll:“ Also wirklich. Du bist mittlerweile schon 18 Jahre alt, ich dachte eigentlich dass du da schon weißt dass auch Lehrer ein Privatleben haben. Du kannst dich ruhig zivilisiert mit Corinna unterhalten, sie beißt nicht. Sie ist jetzt unsere Nachbarin und ich möchte, dass du sie auch so behandelst.“
Ich nickte einfach. Was sollte ich darauf auch groß antworten?
 
„Also, du leitest den Leistungskurs meiner Tochter?“ Als wäre das Thema noch nicht breit genug getreten… Missmutig stocherte ich in meinem giftgrünen Wackelpudding herum.
„Ja, allerdings. Alexandra ist wirklich eine begabte Schülerin. Ich habe sogar manchmal das Gefühl, dass sie mir noch was beibringen könnte. Ihre Beiträte sind wirklich immer sehr differenziert und geschickt begründet. Und ihre selbst verfassten Werke solltest du mal lesen, wirklich immer wieder faszinierend. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass bei ihr eigentlich immer das Beste rauskommt, wenn sie nicht wirklich darauf achtet, was sie eigentlich schreibt. Weißt du wie ich das meine? Wenn sie zum Beispiel einfach im Unterricht da sitzt und einfach nur vor sich hin schreibt – das werden am Ende die besten Texte.“ Meine Mutter lachte laut, stockte aber als ich mich lautstark an meinem Wein verschluckte.
Mein Vater klopfte mir auf den Rücken und nach einer mittelschweren Hustenattacke ging es dann auch wieder. „Danke.“ Prustete ich.
„Alles in Ordnung?“ fragte meine Mutter besorgt. „Wieder die Bauchschmerzen?“
„Nein. Sich zu verschlucken hat nichts mit Bauchschmerzen zu tun, Mama.“
„Stimmt, ich habe dich ja heute vermisst. Du warst plötzlich verschwunden. Herr Kaufmann sagte mir, dass du nach Hause gefahren wärst.“ Augenblicklich wurde ich wieder einmal kreidebleich und sah sogar auf. Wie ich es vermutet hatte – in ihrem Gesicht konnte ich genau erkennen, was sie wusste. Mir wurde von einem Moment auf den anderen speiübel und ich wollte nur noch weg und diese Frau nie wieder sehen.
„So?“ krächzte ich und räusperte mich einmal. Jetzt war es eh schon zu spät. Ganz oder gar nicht. Aber warum hat sie noch nichts gesagt? „Ja, Herr Kaufmann scheint ganz nett zu sein, er scheint sich auch sehr für das Private seiner Schüler zu interessieren.“ Frau Engel hob überrascht eine Augenbraue. Obwohl sie schon 34 war, sah sie immer noch aus wie Anfang 20.
„Ja, er ist wirklich sehr nett. Und ich bin der Meinung, dass man was Privates angeht ruhig auch ehrlich zu seinen Lehrern sein kann, schließlich verbringt man sehr viel Zeit mit ihnen. Wir sind ja auch ehrlich zu den Schülern.“
„Definitiv. Vor allem wenn es darum geht, Vergehen zu melden. Wenn es darum geht, in welcher Form die Eltern benachrichtigt werden weil man zweimal seine Hausarbeiten nicht erledigt hat, da können Sie wirklich ehrlich sein.“
„In der Tat, da gebe ich dir vollkommen Recht. Aber wir Lehrer sehen auch mehr Vergehen als wir schlussendlich melden. Schließlich sind wir auch keine Unmenschen und können gewisse Dinge auch verstehen. Aber darüber reden sollte man dann schon, findest du nicht?“
Ich hatte es tatsächlich geschafft, ihr die ganze Zeit in die durchdringenden Augen zu schauen, auch wenn ich mittlerweile vor einem inneren Kollops stand.
„Kommt ganz auf das Vergehen an.“ Murmelte ich und wendete mich schnell wieder meiner Lasagne zu. Meine Wangen glühten. Meine Mutter begann sofort irgendwas über Schulrechte zu faseln, doch uns beiden war klar, dass das Gespräch gerade nicht vom Kaugummi Kauen oder vergessenen Hausarbeiten handelte.
Obwohl ich mich in dem Moment in Grund und Boden schämte, war ein kleiner Hoffnungsfunken in mir erwacht – sie würde mit niemandem darüber sprechen. Nur mit mir.
 
 
 

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Kommentare

Bild des Benutzers StormAn1mal

bin gespannt wie es weiter geht.

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