Engelhaft 2 - Teil 2/2

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Schwarz. Alles nur schwarz. Wo ist sie, seine geliebte Sklavin? Sie, die ihm gehört und sich so sehr nach seiner Macht sehnt.

Er irrt durch ein Nichts.

Nichts zu sehen.

Seine Augen suchen ihre sanften Hügel, ihre fließenden Linien. Gäbe es nur einen winzigen Orientierungspunkt. Doch da ist nichts.

Nichts zu hören.

Er lauscht nach ihrem Atem, nach ihrem lustvollen Stöhnen. Könnten nicht wenigstens Klavierklänge aus der Ferne ihn leiten? Doch da ist nichts.

Nichts zu riechen.

Mandel, Vanillie, er schnuppert verzweifelt, doch es kommt ihm so vor, als sauge das Nichts ihm mehr der Erinnerung aus der Nase, als er erschnuppern kann. Er will ihren Duft nicht verlieren. Das Nichts soll aufhören, aufhören, ihn zu quälen.

Auch an seinen Fingern und an seinem Bauch saugt es, und raubt all die Erinnerungen an die Berührungen. Ungelenk beim Tischtennis. Anschmiegsam beim Tanzen. Ein weicher Hals, die Rundung eines Pos. Dies alles scheint zu verschwinden. Er will gegen das Nichts kämpfen, doch es ist so übermächtig.

Dann stößt sein großer Zeh gegen Beton. Er hat etwas auf dem Boden übersehen und sich daran gestoßen. Der Schmerz ist heftig. Er zwingt sich, ihn zu ignorieren, und schaut zu seinen Füßen hinunter.

Dort liegt es. Das weiße Seil. Alleine, wie achtlos weggeworfen. Er bückt sich, erwartet, es am Boden festgefroren zu spüren, hart und schwer. Doch als seine Finger es berühren, ist das Seil weich und leicht wie immer. Er hebt es auf, doch es rutscht durch seine Finger. Er versucht, zu greifen, doch er erwischt es nicht. Es windet sich durch seine Finger, wie eine kleine Schlange auf der Flucht. Agil und voller Angst, weil sie nicht versteht, was geschieht. Er will ihr nichts Böses. Er will sie nur festhalten, zärtlich festhalten, als letzte Erinnerung. Schlange, bitte bleib! Immer schneller muss er eine Hand unter die andere führen, um sie wieder und wieder aufzufangen, doch sie windet sich schneller, immer schneller, bis sie seinen Fingern entkommt, zu Boden stürzt, und dort ist - - nichts.

Nur das schwache Echo einer weit entfernten Begierde klingt wie ein knurrender Magen aus einer unendlich erscheinenden Entfernung herüber.

 

Ben hatte sich zu einem kleinen Paket zusammengerollt und hielt die Decke krampfhaft um sich geschlungen. Erst langsam merkte er, dass es im Raum viel wärmer war. Er nur geträumt hatte. Erleichterung durchströmte ihn. Er rollte sich auf den Rücken und starrte an die Decke.
Diesmal fragte er sich nicht, wer das Mädchen in seinem Traum war. Hatte er es schon immer gewusst?
 
*****

Montagmorgen. Ben saß früh auf seinem Platz und wartete. Hoffentlich kam Fiona auch etwas früher. Er musste unbedingt mit ihr sprechen. Immer wieder hörte er seinen letzten Satz, vor seinem geistigen Ohr.

»Wir waren immer so gemein.«

Er konnte nicht glauben, dass er diesen Satz gesagt hatte. Er hatte sie im Arm gehalten, ihren Po gestreichelt und ihren Hals geküsst. Was wollte ein Mädchen in dieser Situation wohl hören? Sicher nichts von gemeinschaftlichem Fehlverhalten.

Warum musste er zurückschrecken? Warum konnte er sich nicht weiter in die Situation fallen lassen? Warum hatte er nicht einfach sagen können, was er in diesem Moment gefühlt hatte?

Das Schlimmste waren ihre Tränen. Dieser verletzte Blick. Was hatte er bloß angerichtet?

Die Minuten verrannen. Der Klassenraum füllte sich, doch jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete, wurde er enttäuscht.

Es klingelte zur Stunde. Noch einmal wurde die Tür geöffnet.
»Na, jetzt aber schnell«, hörte er Frau Leskers Stimme. Einige Momente geschah nichts, dann erschien Fiona. Auch sie schien wenig geschlafen zu haben. Tiefe Ränder lagen unter ihren geröteten Augen.

Ben setzte sich aufrechter und lächelte sie an. Sie würdigte ihn keines Blickes, sondern schritt mit stur geradeaus gerichteten Augen an ihm vorbei zur Lümmelbank.

»Oh, Ehekriese!«, kommentierte Kevin. »Biste ihr etwa...«

»Halt einfach dein dummes Maul, Kevin«, rotzte Ben ihn an.

Kevin spielte Empörung. »Haben Sie das gehört.«

»Ja«, antwortete Frau Lesker, »und ich möchte mich den Worten meines Vorredners anschließen.«

Leider konnte Ben die Freude über die Unterstützung seiner Klassenlehrerin nicht genießen. Ein tiefer Stachel saß in seinem Herzen. Fiona hatte sich weggesetzt. Sie ging ihm auch den Rest des Tages aus dem Weg. Nach Schulschluss wollte er sich das nicht mehr bieten lassen, folgte ihr und rief ihr nach. Sie schaute sich kurz um und beschleunigte ihren Schritt. Ben begann zu laufen.

Sie erreichte ihre Bushaltestelle und zu allem Überfluss kam auch genau in diesem Moment ihr Bus. Die Menge schob sich hinein und Fiona mit ihnen. Ben schaffte es gerade noch rechtzeitig. Trotz der Protestrufe und

Belehrungen anderer Fahrgäste drängelte er sich zu Fiona durch. Als er sie erreichte, drehte sie ihm demonstrativ den Rücken zu.

Er wollte etwas sagen, doch die Lautsprecherstimme des Busfahrers fiel ihm ins Wort: »Bitte Gehen Sie auch nach hinten durch. Es wollen noch weitere Fahrgäste einsteigen.«

Die gesamte Menge wanderte weiter. Fiona hangelte sich von einer Griffschlaufe zur nächsten. Ben folgte ihr und er gab dem Druck der Menge gerne nach, die ihn an Fiona presste. Sie wehrte sich und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Ben antwortete mit einem ›Ich-kann-nichts-dafür‹-Schulterzucken. Im nächsten Moment wusste er, dass es die falsche Geste war. Er hätte etwas sagen sollen. ›Entschuldigung‹. Sie hätte es erst einmal auf die Situation im Bus bezogen und er hätte von da aus auf die Ereignisse am Samstag überleiten können. Nun hatte er sich irgendwie zur Stummheit verdammt.

Er suchte nach Gesprächsanfängen, doch alles erschien ihm jetzt falsch. Und doch; in seinem Bauch machte sich Erleichterung breit. Eigentlich unfassbar, dass ein Traum soweit reichte. Sie an sich zu spüren, war genau das, was er in der Nacht so vermisst hatte. Die Berührung ihres Pos an seinem Schritt öffnete die Tür zu all seinen Sehnsüchten. Er betrachtete ihre linke Hand, mit der sie sich an der Halteschlaufe festhielt.

Ein Bild schoss in seinen Kopf. Es war, als ergreife ihn eine unsichtbare Macht. Sein Hals trocknete aus und sein Herzschlag beschleunigte und irgendetwas zwang ihn.

Seine griff nach ihrer freien Hand. Sie versuchte, sich herauszudrehen. Er packte für einen winzigen Moment fester zu, doch dann besann er sich. Nicht gegen ihren Willen. Seine Finger lockerten den Griff, doch er konnte sie nicht loslassen. Freiraum, ja, aber nicht loslassen.

Diese Art der Berührung zeigte Wirkung. Sie gab ihren Widerstand auf, warf einen schnellen Blick über ihre Schulter, so als befürchte sie, nicht von seiner Kraft, sondern seiner Zärtlichkeit überwältigt zu werden. Ben musste weitermachen. Er führte ihre Hand langsam nach oben. Fiona ließ es geschehen und hielt sich, ganz nach seinen Wünschen mit der zweiten Hand an der Schlaufe fest. Er öffnete seinen Griff und ließ seine Finger ganz langsam ihren Unterarm herunterfahren, strich den Oberarm hinab durch ihre Achsel und dann die Seite herunter.

Fiona schloss die Augen. Ihr Atem beschleunigte. Ob ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf schossen? Ach, wären sie doch nur nicht in diesem Bus.

Das Fahrzeug stoppte. Die Türen öffneten sich. Einige Leute drängelten sich nach draußen. Als wieder Ruhe einkehrte, legte Ben seine Hände sanft an ihre Hüften. Plötzlich schoß Fiona vor, drängelte sich durch die vor ihr stehenden und sprang aus dem Bus. Im nächsten Augenblick schlossen sich die Türen.

Ben schüttelte seinen Kopf, um zu sich zu kommen. Hatte er schon wieder etwas falsch gemacht? Wieso war sie geflüchtet? Er suchte nach dem nächsten Halteknopf und drückte darauf. Das Stopsignal leuchtete auf, aber der Fahrer bezog es routinemäßig auf die nächste Haltestelle. Ben hämmerte auf der roten Taste in der Haltestange herum, als könnte seine Aggressivität die Buchstaben noch roter leuchten lassen, oder sonst wie klar machen, dass er jetzt sofort aussteigen wollte.

Er reckte sich, um zu sehen, welche Richtung Fiona einschlug. Sie ging in eine Seitenstraße, die direkt neben der Bushaltestelle mündete.
Wann kam endlich die nächste Haltestelle? Busse hielten in der Stadt alle hundert Meter, so kam es ihm sonst immer vor, doch offenbar war Fiona an der einzigen Haltestelle herausgesprungen, die Kilometer von der nächsten entfernt lag.

Endlich fuhr der Bus in die nächste Haltebucht und öffnete die Türen. Ben drängelte sich rücksichtslos durch, ignorierte Proteste, sprang auf den Bürgersteig und spurtete zurück.

Die Strecke schien endlos. Er betete, Fiona möge bummeln und sich bloß noch nicht zu weit von der anderen Haltestelle entfernt haben, oder dass die andere Straße keine Abzweigungen hatte und man sie nur geradeaus gehen konnte, und dass Fionas Haus ganz am Ende lag, damit er eine Chance hatte, sie einzuholen. War sie überhaupt an ihrer Haltestelle ausgestiegen, oder an irgendeiner, nur um vor ihm zu flüchten?

Er keuchte und musste sich für einen Moment mit den Händen auf seinen Knien abstützen, um zu Atem zu kommen. Dann schaute er auf. Seine Hoffnungen zerplatzten. Die Straße, in die Fiona eingebogen war, führte in ein wahres Labyrinth aus kleinen Seitenstraßen. Die untere Häuserzeile wurde von Geschäften geprägt. Dönerimbisse, Wäscherein, türkische Obst- und Gemüse Händler, schäbige Eckkneipen und zwielichtige An- und Verkaufläden. Sie konnte in alle Himmelsrichtungen verschwunden sein. Aber Ben wollte nicht auf geben. Als er sich etwas erholt hatte, joggte er weiter.
Er musste sie finden. Jetzt! Der Gedanke, bis morgen warten zu müssen erschien ihm unerträglich. An der ersten Kreuzung warf er im Vorbeilaufen nur einen schnellen Blick nach links und recht, auch an der Zweiten. In der Dritten bog er rechts ab. Aber nur bis zur nächsten Straße, dort wandte er sich nach links, dann noch mal links, rechts, rechts, links, rechts, geradeaus. War er hier nicht schon einmal? Zurück. Nein, lieber links. Bald musste er sich eingestehen, dass er sich hoffnungslos verirrt hatte. Die Chance, Fiona zu finden, ging fast gegen null.

Resignierend raufte er sich die Haare und stieß stumme Flüche aus, als er eine raue, quäkige Frauenstimme hörte: »Fiona! Fiona!«

Hörte er wirklich ihren Namen, oder wollte er ihn einfach nur hören? Er musste der Stimme nachgehen und tatsächlich; an der nächsten Kreuzung sah er knapp fünfzig Meter von sich entfernt eine Frau in einem graubraunen Arbeitskittel und mit Kopftuch, die mit einem Mädchen sprach. Die blaugestreifte Männerstrickjacke, die glatten, langen Haare. Unverkennbar Fiona. Sie hatte sich zu der kleineren Frau heruntergebeugt und hörte ihr offenbar sehr aufmerksam zu. Diese erzählte mit Händen und Füßen und wies immer wieder in eine Richtung. Zum Ende des Gesprächs wandte Fiona ihren Blick zum Himmel und schüttelte ganz leicht ihren Kopf. Ihre Schultern hoben und senkten sich dabei heftig. Dann drehte sie sich um und eite forschen Schrittes davon.

»Fiona«, rief Ben ihr nach. Hörte sie ihn nicht und reagierte sie nur nicht? Sie bog um die nächste Ecke. Ben rannte ihr nach.

Als er die Ecke erreichte, hatte sie die Straßenseite gewechselt. Ein Betrunkener torkelte ihr entgegen. Hoffentlich hatte dieser keine Schwachheiten in seinem alkoholschwangeren Schädel, dachte Ben. Andererseits war es vielleicht die Gelegenheit, ihr schützend zur Seite zu stehen. Ben wollte gerade loslaufen, als der Kerl plötzlich nach vorne kippte, als hätte jemand ihn abgeschaltet. Er schlug ohne eine erkennbare Schutzreaktion auf die Platten des Gehwegs.

Fiona stürzte zu ihm und beugte ich zu ihm herunter. Ihre spontane Hilfsbereitschaft für so einen Säufer beeindruckte Ben. Er zögerte einen Moment. Grundsätzlich hielt er sich von solchen Leuten lieber fern. Aber wo der Kerl nun mal gestürzt war. Er beeilte sich nicht, aber er ging zu Fiona herüber, die verzweifelt versuchte, den Mann wieder aufzurichten. Sie sprach ununterbrochen mit ihm, fasste mit den Armen unter seine Achseln und zerrte beharrlich an ihm herum.

»Nun los, komm schon. Wach auf!«

Die Muskeln des Mannes schienen vollkommen erschlafft, sein Mund stand offen und ein Speichelfaden lief heraus.

»Ich glaub, die Mühe ist vergebens.«

Das Entsetzen in Fionas Augen hätte nicht größer sein können.

»Ben?«, schrie sie, als hätte er sie nackt unter der Dusche überrascht. »Was machst du hier?«

»Ich wollte...«

Ben brach den Satz ab, denn Fiona ackerte schon wieder an dem Besoffenen herum. Es wirkte nicht so, als erwartete sie eine Antwort.

»Los, verdammt. Jetzt komm! Wach auf!«

»Fiona, der Typ ist bewusstlos. Wenn du etwas für ihn tun willst, dann ruf den Krankenwagen.«

Sie blickte auf und erstach Ben mit einem hasserfüllten Blick.
Ben schluckte. Aber klar, Sie rackerte sich ab und er gab kluge Ratschläge. Den Krankenwagen konnte schließlich auch er rufen. Er zückte sein Handy.

»Wenn du das machst!«

Ben glaubte, sich verhört zu haben. Fiona hatte den Mann losgelassen und funkelte mit drohendem Blick an. Ben ließ sein Handy sinken. Er konnte sich keinen Reim auf diese Reaktion machen. Eben hatte er noch gedacht, sie sei wütend, weil er den Klugscheißer spielte. Nun wirkte es mehr, als habe sie Angst, er könne ihr in die Parade fahren.

»Okay«, Ben hob die Hände. »Dann ruf du an.«

»Da muss niemand angerufen werden«, erklärte Fiona und begann wieder mit ihren Versuchen, den Mann vom Boden hoch zu zerren.

»Aber du siehst doch. Der Kerl ist weggetreten.«

»Der ist nur betrunken«, spielte Fiona die Situation herunter.

»Ja«, räumte Ben ein. »Aber das war nicht nur ein Glas zu viel, sondern mindestens ein Fass, würde ich sagen. Der hat sich ins Koma gesoffen. Wenn der jetzt kotzt, erstickt der noch daran. Du brauchst einen Krankenwagen.«

Mit der Erklärung wurde Ben die Situation selbst erst richtig bewusst.  Vielleicht schwebte der Mann wirklich in Gefahr. Er nahm sich wieder sein  Handy vor..

»Wir brauchen keinen Krankenwagen.«
Fiona bemühte sich, doch sie konnte ihren Zorn nicht wirklich in Zaum halten.

»Doch.«

»Nein!«

»Hast du neben Mathe jatzt auch noch Medizin studiert?«

»Dafür brauch ich auch kein Studium. Hast du eine Ahnung, wo die ihn hinbringen? Der kommt sofort auf die Psychiatrische.«

Ben zuckte mit den Schultern.

»Wahrscheinlich sind Gestalten wie er da am besten aufgehoben.«

»Du hast ja keine Ahnung.«

»Mag sein«, räumte Ben ein, »aber tu nicht so, als seist du die Fachfrau. Lass ihn uns in die stabile Seitenlage legen und den Krankenwagen rufen.«

»Ich kenn mich sehr wohl damit aus!«

»Fiona...« Ben verstand Fionas Widerstand nicht und so fand er auch keinen neuen Erklärungsansatz, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Doch seine Meinung stand: Der Mann brauchte professionelle Hilfe. Er wählte 112.

»Ja, hallo, hier ist Benjamin Weber.«

Plötzlich sprang Fiona auf und wollte ihm das Handy wegreißen. Er wehrte sie reflexartig ab.

»Bitte, Ben, bitte tu es nicht. Ich krieg das wieder hin.«, wimmerte Fiona.
Ben konnte sich keinen Reim auf Fionas Verhalten machen. Ihr Flehen ging ihm ans Herz. Den Mann kannte er überhaupt nicht. Er ließ das Handy sinken. Die weibliche Stimme am anderen Ende rief ein weiteres: »Hallo, hier ist die Notrufzentrale. Sind sie noch dran?«

Er wollte Fiona nicht schon wieder weh tun, aber dieser Mann brauchte nach seiner Einschätzung dringend richtige Hilfe, das musste sie doch einsehen? Sein Herz blutet, als er schüttelte den Kopf und ihr so zu verstehen gab, dass er ihrem Wunsch nicht nachkommen konnte. Er meldete sich wieder und setzte den Notruf fort, beantwortete die Fragen der Telefonistin, musste dabei ein paar Schritte laufen, um den Straßennamen herauszufinden und beschrieb den Zustand des Betrunkenen. Schließlich erhielt er die Ansage, der Krankenwagen sei in wenigen Minuten dort.

Fiona schenkte Ben noch einen tödlichen Blick, als wolle sie ihn danach nie wieder sehen, dann wandte sie sich wieder dem Bewusstlosen zu und mühte sich ab, ihn in Bewegung zu bekommen.

 Noch nie in seinem Leben war Ben sich nutzloser vorgekommen, als in diesen Minuten. Es erschien ihm nicht sinnvoll, Fiona zu helfen. Er hoffte, sie würde ihre Mühen irgendwann aufgeben. Aber so scheinbar unbeteiligt da zu stehen, kam ihm auch nicht richtig vor. Inzwischen hatte sich eine Menschentraube gebildet. Keiner von diesen Leuten machte die geringsten Anstalten, Fiona zu unterstützen, doch irgendwie waren sie auch fremd und hatten nach Bens Gefühl nicht die Verpflichtung zu helfen, im Gegensatz zu ihm.

Endlich ertönte das Martinshorn. Der Rettungswagen bog in die Straße, hielt und die Sanitäter sprangen aus dem Wagen. Sie sprachen Fiona an, doch diese drehte ihnen demonstrativ den Rücken zu und redete weiter auf den Mann am Boden ein. Schließlich zog einer der beiden Männer sie zur Seite, damit seine Kollegin ihre Arbeit machen konnte.

Sie überprüften die Vitalfunktionen des Mannes, fragten in die Runde, ob jemand wisse, wie viel er getrunken habe. Nach allgemeinem Schulterzucken, holten sie die Trage, hoben den Mann darauf, schnallten ihn fest und verluden ihn in den Krankenwagen. Fiona folgte ihnen. Sie wollte offenbar mitfahren.

Ben verdrehte die Augen. Jetzt übertrieb sie ihre Vorsorge aber etwas.

Der Sanitäter stellte sich ihr in den Weg.

»Gehören Sie zur Familie?«

»Ich bin die Tochter.«

 

                                             *****

 

Fiona kam am nächsten Tag nicht in die Schule und auch nicht am übernächsten. Ben fühlte sich unglaublich schlecht. Nach dem Fauxpas auf Leonies Party hatte er nun auch noch über ihren Vater gesprochen, wie über einen x-beliebigen Säufer. Dabei waren es gar nicht die Worte, sondern vor allem sein abfälliger Ton gewesen. Hätte er gewusst... Aber wie sollte er das ahnen? - Andererseits: Wieso sonst hätte sich Fiona derart auf den Mann stürzen sollen? Irgendwo in der Nähe muste sie wohnen, sie war schließlich auf dem Weg nach Hause. Eigentlich hätte man darauf kommen können - oder sogar müssen?

»Weiß jemand etwas von Fiona?«, fragte Frau Lesker am zweiten Tag in der Klasse und natürlich richteten sich alle Augen auf Ben.

Kevin stieß über seinen eigenen Witz ein paar Lacher aus, bevor er ihn den anderen mitteilen wollte. Gerade als er den Mund öffnete, hob Frau Lesker drohend ihre Hand.

»Du weißt bestimmt nichts, Kevin. Also erspare uns alles andere.«
Dann wandte sie ihre Aufmerksamen wieder auf Ben und sprach ihn auffordernd mit Namen an.

»Ben?«

Ben kaute auf seiner Unterlippe. Fiona wollte bestimmt nicht, dass er ausposaunte, dass ihr Vater ein Säufer war.

»Es gab einen Vorfall in der Familie«, antwortete er ausweichend.

»Vorfall?«, hakte Frau Lesker nach.

»Ihr Vater musste ins Krankenhaus.«

»Oh, etwas Schlimmes?«

Ben zuckte mit den Schultern und sagte sich, dass er damit eigentlich nicht log. Ob die Situation so ernst war, wie er vermutete, oder ob Fiona recht hatte, und ihr Vater nur seinen Rausch ausschlafen musste, wusste er ja nicht. - Und ob die Tatsache, dass sie nicht in der Schule erschien, sich im Gesundheitszustand ihres Vaters gründete, oder ob sie keine Lust hatte, Ben jemals wiederzusehen, wusste er leider auch nicht.

Am Donnerstag kam die Überraschung. Fiona betrat zusammen mit Herrn Niestard den Klassenraum. Die beiden sprachen miteinander und am Ende des Gesprächs tätschelte Herr Niestard Fionas rechte Schulter; aufmunternd, tröstend?

Als sie sich zur Klasse drehte, wandte Ben seinen Blick auf die Tischplatte vor sich. Er traute sich nicht sie anzusehen, fürchtete einen weiteren tödlichen  Blick. Sie ging jedoch nicht wieder zur Lümmelbank, sondern kam mit kleinen Schritten zu ihrem Platz.

Ben spürte, wie ihr Blick auf seinem lastete. Sein Hals verengte sich und er schluckte schwer. Seine Hände schwitzten, als hielte er sie in einen Backofen. Was drohte ihm nun?

»Hi!«

Sie zog ihren Stuhl zurück, ließ ihren Rucksack neben das Tischbein fallen und setzte sich.

Ben versuchte alles, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten, doch die Angst schlug von einer Sekunde auf die andere in Hoffnung um. Sein Herz trommelte wie ein Kannibale auf seiner Buschtrommel kurz vor dem großen Festmal.

»Hi«, grüßte er zurück und nach einer kleinen Pause fragte er die Frage, die er fragen musste: »Und? Wie gehts ihm?«

Ihr Kopf nickte schräg seitlich und ihre Mundwinkel zuckten. Ob das ein Nicken und ein Lächeln, oder doch ein Kopfschütteln und bedrücktes Auseinanderziehen der Lippen war, konnte Ben nicht deuten.

Die Doppelstunde Mathe erschien unendlich. Fiona sagte kein weiteres Wort, würdigte ihn keines weiteren Blickes. Für Ben ein Anzeichen, dass sein hoffnungsvolles Herzklopfen etwas zu voreilig war. Als es endlich zur Pause klingelte, erhob er sich und wollte gehen. Es erschien ihm nicht sinnvoll, sich in dieser Situation aufzudrängen.

Ihre Hand griff seine und drückte sie ganz fest.

»Können wir reden?«

Ihren Gesichtsausdruck konnte er immer noch nicht deuten, aber er setzte sich wieder.

Die restliche Klasse scheuchte Herr Niestard mit ausgebreiteten Armen vor sich her. Als er an Ben und Fionas Tisch vorbei kam, sagte er: »Na kommt, ihr Zwei. Große Pause. Alle müssen nach draußen.«

Plötzlich tauchte Leonie neben Herrn Niestard auf, hakte sich bei ihm unter, strahlte ihn aus ihren grünen Augen an und zwitscherte: »Hab ich Ihnen eigentlich schon einmal gesagt, dass sie dieses graubeige Jackett mindestens zehn Jahre jünger aussehen lässt.« Gleichzeitig zog sie ihn zur Tür. Herr Niestard leistete halbherzigen Widerstand. Lonie ließ sich aber nicht aufhalten und zog ihn, fröhlich, weiter Komplimente über ihn ausschüttend, zur Tür hinaus.

»Es tut mir leid.«

Die absolute Gleichzeitigkeit, mit der die beiden diese Worte sagten, ließen sie gleich wieder verstummen. Ein paar Schweigesekunden später versuchte, jeder den Anfang zu machen, dann dem anderen den Vortritt zu lassen. Fiona setzte sich schließlich durch.

»Ich muss mich entschuldigen, Ben. Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen.«

»Schon vergessen«, entgegnete Ben. »Wenn ich gewusst hätte, dass er dein...«

»Ich werde es dir aber nicht vergessen«, fiel sie ihm ins Wort. Ihre Lippen begannen zu zittern, Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie konnte ihn bei diesem Eingeständnis nicht ansehen.

»Der Arzt hat gesagt, er hätte an der Alkoholvergiftung sterben können. Du hast ihm das Leben gerettet.«

Ben hätte sich gerne einfach nur gefreut, dass er hatte helfen können. Doch doch Fiona war kurz davor, zu weinen. Sie sollte nicht weinen, nicht schon wieder und nicht wieder seinetwegen. Was hatte er schon getan? Ein kleiner Anruf. Nicht der Rede wert. Ein übermächtiges Peinlichkeitsgefühl steig in ihm auf und er versuchte, es durch abwiegeln herunterzuspielen: »Gerettet haben ihn wohl eher die Rettungscrew und die Ärzte.«

»Aber wenn du nicht angerufen hättest. Es war nicht das erste Mal, dass er sich ins Koma gesoffen hat. Aber bisher musste er immer nur seinen Rausch ausschlafen. So schlimm wie diesmal...« Sie brach den Satz ab und wischte sich hastig ein die ersten Tränen von der Wange. »Ich hab das falsch eingeschätzt.« Ihre Stimme erstickte.

Ben hatte keine Ahnung, was er tun konnte. In seiner Verlegenheit drehte er sich etwas weiter zu ihr, öffnete hilflos die Arme, doch das reichte ihr schon. Sie ließ ihren Oberkörper seitlich zu ihm fallen, schlang die Arme um ihn, presste das Gesicht an seine Schulter und fiel in einen heftigen Weinkrampf. Dieser ließ sich kaum aufhalten, erkannte Ben, legte die Arme um sie, wog sie tröstend hin und her und ließ sie weinen.

Erst, als sie sich nach ein paar Minuten, etwas zu beruhigen schien, hauchte er ihr ein sanftes »Sch« ins Ohr und fügte zuversichtlich an: »Jetzt ist ja alles gut. Im Krankenhaus kann ihm nichts mehr passieren.«

Nun kam ein unangenehmer Gedanke auf.

»Ist er denn auf die Psychiatrische gekommen?«

Fiona nickte.

Ein Schuldgefühl fraß sofort ein Loch in Bens Bauch. Er drückte sie für einen Moment fester an sich und sagte: »Tut mir leid. Aber vielleicht können sie ihm dort wirklich am besten helfen.«

Natürlich versuchte er damit mehr sich selbst, als Fiona zu beruhigen.

»Es ist doch nicht das erste Mal, dass er dort gelandet ist«, antwortete sie mit piepsiger, resignierender Stimme, »aber er lehnt jede Therapie ab.«

»Darf ich fragen, wie es...«

Fiona löste sich von ihm, wischte sich die Tränen aus den Augen und berichtete: »Meine Mutter ist an Krebs gestorben, als ich zwölf war. Papa ist nicht drüber weggekommen. So richtig mitbekommen, wie er angefangen hat zu trinken, habe ich nicht. Aber nach einem Jahr hab ich ihn immer häufiger im Wohnzimmer auf oder vor der Couch gefunden, der Tisch voller Flaschen. Zuerst hat er gesagt, er habe Urlaub, aber irgendwann konnte ich das nicht mehr glauben. Sie hatten ihn wegen des Suffs rausgeschmissen. Das Geld wurde knapp. Seit ich dreizehn bin, versuche ich, uns über Wasser zu halten. Hin und wieder kriege ich ihn wenigstens mal zum Amt. Meistens verspricht er mir dann hoch und heilig, dass jetzt alles besser wird und er sich zusammenreißen wird. Meistens hält das Versprechen bis zum Abend. Und wenn er zu betrunken ist, um irgendwo hinzugehen - na ja, seine Schrift beherrsche ich natürlich am besten, wie du dir denken kannst. Dabei habe ich gemerkt, dass ich dafür Talent habe. Vermutlich beherrsche ich die Unterschriften von der Hälfte aller im Sozialamt Beschäftigten.«

»Hast du auch schon von denen...«

Die Art wie Fiona schwieg, gab eine deutliche Antwort.

»Wobei in Zeiten von Computern, wird da noch so viel mit der Hand geschrieben?«

»Unterschrieben wird genug. Der Rest kommt aus dem PC.«

»Und wie bringst du die Leute dazu, dir die entsprechenden Ausdrucke zu machen?«

Sie wandte den Blick wieder ab.

»Hier liegt eine Akte rum. Dort liegt eine rum. Es gibt Scanner und Kopierer.

Dann ist halt mal eine Akte verschwunden, die ein paar Wochen später hinter einem Schrank liegt. Oder ich habe Glück und der Sachbearbeiter wird aus dem Raum gerufen. Wenn’s besonders wichtig oder eilig war, hab ich auch schon vorgegeben, dass ein Kollege nach dem anderen verlangt hat, damit ich alleingelassen wurde. Du hast keine Ahnung, wie erfinderisch einen die Not machen kann.«

So erschütternd Fionas Beichte auch war, in diesem Moment spürte Ben, wie ihm ein warmes Prickeln durch den Bauch zog. Die strebsame Schülerin entpuppte sich gerade als Diebin und handfeste Dokumentenfälscherin. Es schien der völlig unpassende Moment zu sein, aber er konnte sich nicht helfen. Diese dunkle Seite ließ Fiona in einem völlig anderen Licht erstrahlen. Egal welche Klamotten sie heute wieder trug, diese dunkle Seite ließ sie unglaublich attraktiv erscheinen. Bens Augen fuhren noch einmal jede Kurve ihres Körpers nach. Neben ihm saß eine heiße Gangsterbraut.

»Was?«

Fiona bemerkte seinen Blick natürlich. Ben versuchte, sich wieder in den Ernst der Situation einzufinden, doch die Bewunderung blieb.

»Na, in der Schule halten dich alle für eine Streberin. Und du vergisst ja nicht mal die Schularbeiten, bist immer bei der Sachen, schreibst die besten Klausuren. Und dann das.«

»Ich will nicht mein komplettes Leben als Fälscherin führen«, entschuldigte sie sich. »Eines war mir schon sehr früh klar. Wenn ich irgendwie aus der Sache raus will, dann brauche ich gute Noten.«

Ben nickte und nun wurde er wieder ernst.

»Hast du denn nicht mal überlegt über das Jugendamt... Ich meine, eine Wohngruppe oder so. Ist doch besser, als wenn du bei deinem Vater...«

»Dann würde er sich sofort umbringen. Glaube mir, wenn ich nicht wäre, hätte er sich schon lange in den Main gestürzt.«

»Und warum trinkt er dann? Ich meine, entweder er erkennt die Verantwortung für seine Tochter und reißt sich zusammen oder...«

Fiona fiel Ben mit bitterem Lachen ins Wort.

»Du erwartest doch jetzt keine Logik von einem Alkoholiker? Das lässt sich nicht mal eben mit einem stichhaltigen Argument aus der Welt schaffen.«

»Nein, dafür gibt eigentlich Therapien.«

Sie seufzte schwer und zuckte gleichzeitig hilflos mit den Schultern.

»Ich hab tausendmal versucht, es ihm zu erklären. Er will sich nicht helfen lassen und wenn ich ihn nicht überzeugen kann...?«

Plötzlich schwang die Tür des Klassenraums auf und Herr Niestard steckte seinen Kopf in den Raum.

»Entschuldig, ihr zwei. Fiona, das Krankenhaus hat angerufen.«
Fiona erstarrte und sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

»Sie sollen nach der Schule...«

»Nach der Schule?« Sie sprang von ihrem Platz auf.
Ben griff nach ihrer Hand, erwischte sie aber nicht. Herr Niestard war viel zu überrascht von dieser Situation. »Moment. Regen Sie sich nicht auf«, stammelte er.« Es klang nicht...«  

Sie hörte ihm nicht zu, sondern stürmte davon.

Ben sprang von seinem Stuhl, rannte ihr nach. Ihm stellte Herr Niestard sich in den Weg und schaute ihn verdattert an.

»Was hab ich jetzt wieder angerichtet?«, sagte er mehr su sich als zu Ben.

Jetzt denkt sie vielleicht... Verdammt. Sie sollte nur zu einem Gespräch kommen. Klang nicht dramatisch, nur eben - wichtig.«

»Lassen Lie mich durch!«

Herr Niestard tat es nicht, sondern fasste Ben fest bei den Oberarmen und entschied: »Ja, Ben, versuchen Sie, sie einzuholen und erklären Sie es ihr.«

Ben schob den Lehrer kopfschüttelnd zur Seite und spurtete los. In der Verfolgung Fionas hatte er ja nun einige Übung., dachte er. Vor der Schule entdeckte er sie aber nicht mehr. Bei den Bushaltestellen stand sie auch nicht. Erst jetzt fiel Ben ein, dass er überhaupt nicht wusste, in welchem Krankenhaus Fionas Vater lag. Er rannte zurück in die Schule, um sich diese Information zu holen. Dort entschied die Rektorin, im Markus Krankenhaus anzurufen, erklärte die Situation und bat um Rückruf, wenn Fiona eintraf, um

sicher zu gehen, dass ihr nichts passiert war.
Der Rückruf kam eine knappe halbe Stunde später und Frau Lesker brachte sie Ben mit in den Unterricht.

 

                                                         *****

 

Am Freitagmorgen begann die Schule wieder ohne Fiona. Ben befürchtete das Schlimmste. Vielleicht war es doch nicht nur ein Gespräch. Zwanzig Minuten nach Unterrichtsbeginn klopfte es an der Tür. Herr Niestard, der außerplanmäßig eine Vertretungsstunde für die erkrankte Geschichtslehrerin abhielt, bat den Klopfer herein.

Eine junge Frau mit fröhlich wippendem Pferdeschwanz trat ein. Sie trug freche, zu Hotpants abgerissene Jeans und ein enganliegendes Top, das ihre Brüste betonte. Sämtliche Jungen der Klasse erwachten bei diesem Anblick aus dem Unterrichtsschlaf und richteten sich in ihren Stühlen auf.

Auch Herr Niestard konnte ein Aufleuchten seiner Augen, bei diesem attraktiven Anblick, nicht vermeiden.

»Was kann ich für Sie...«

Selbst Ben erkannte sie auch nicht auf Anhieb. Die auffälligste Veränderung war die fehlende Brille und die absolut freie Sicht auf ihr Gesicht; auf ihr wunderhübsches Gesicht.

»Äh, oh, guten Morgen, Fiona«, stammelte Herr Niestard. Er blinzelte noch einige Male ungläubig. »Sie müssen entschuldigen, ich hab Sie nicht gleich...« Er brach die Erklärung ab, versuchte einen andern Ansatz: »Also

Sie sehen heute Morgen...« Wieder stoppte er, weil ihm bei diesem Anblick offenbar kein Wort einfiel, dass einer Lehrer-Schülerbeziehung angemessen wäre.

»Entschuldigung«, eröffnete Fiona, »ich hab heute Morgen den Bus verpasst.«

Glücklich wieder sicheres Terrain erreicht zu haben, lächelte Herr Niestard und antwortete: »Ist ja nicht schlimm. Wie Sie sehen, sehen Sie Frau Baum nicht und müssen mit mir vorliebnehmen. In Geschichte bin ich jetzt nicht so bewandert, deshalb nutzen wir die Stunde gerade, um noch ein paar Mathelücken, die sich bei Ihren Mitschülern aufgetan haben, zu schließen. Sie haben also nichts verpasst.«

Er wies mit der Hand einladend auf ihren Platz.

Bens Herz schlug Purzelbäume. Sein Mund fühlte sich an, wie ein Staudamm nach achtundvierzig Stunden ununterbrochenen Starkregens. Fast fürchtete er am Wasser, das ihm im Munde zusammen lief, zu ertrinken. Auch in tiefer liegenden Regionen seines Körpers staute sich Flüssigkeit und baute einen harten Druck auf.

Sie schien wie eine völlig neue Person. Und er fühlte sich genauso. Sollten die anderen doch sagen, was sie wollten. Er stand auf, zog ihren Stuhl zurück und strahlte sie an.

Plötzlich polterte es. Kevin wischte mit einer wirschen Armbewegung sämtliche Taschen samt Motorradhelm vom Stuhl neben sich und rief: »Was willste denn bei dem. Hier ist auch noch frei.«

Fiona blieb stehen und schenkte ihm - für alle sichtbar - ihr mitleidigstes Lächeln. Dann achtete sie nicht mehr auf ihn, sondern sah nur Ben und sein glückliches Lächeln. Das, was seine Augen ihr sagten, schien ihr zu gefallen, gleichzeitig fehlte ihr jede Erfahrung mit solch bewundernden Blicken. Aus Routine strich sie sich mit den Fingern am Ohr vorbei, obwohl ihre Haare heute ja alle im Pferdezopf gebunden lagen.

»Guten Morgen, Ben«, sagte sie schließlich, und ließ sich von ihm den Stuhl nach schieben, als sie sich setzte.

Natürlich überschlugen sich Bens Gedanken, wie er ihr ein Kompliment für ihren neuen Look machen konnte. Ihm fielen nur Plattheiten ein. Er wollte ihr verbal ja nicht gleich an die Wäsche gehen. Außerdem gab es wichtigere Fragen: »Wie geht es deinem Vater?«

Ein Strahlen, das fast nicht von dieser Welt schien, setzte sich in ihr Gesicht.

»Ein Wunder ist geschehen«, seufzte sie im Flüsterton. »Er hat einer Therapie zugestimmt.«

Ben zog überrascht die Augenbrauen hoch.

»Wie? So plötzlich?« Dann fügte er die naheliegendste Vermutung hinzu: »Hat ihm wohl zu denken gegeben, dass er dem Tod nur knapp von der

Schippe gesprungen ist.«

Fiona zuckte mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht. Er hat nichts dazu gesagt. Er hat nur in Plänen geschwelgt.«

»Pläne?«, hakte Ben nach.

»Er hat ein Angebot bekommen. Ein Psychologe war da, der außerhalb von Frankfurt so eine Art Biobauernhof leitet. Alle Leute, die dort arbeiten sind ehemalige Alkoholiker. Irgendwie haben sie derzeit Probleme mit ein paar Maschinen. Mein Vater ist Betriebsschlosser. Und der Psychologe hatte das von irgendjemandem erfahren und meinte, dass sie sich sehr freuen würden, wenn er zu ihnen käme. - Das war so verrückt. Sein ganzer Auftritt wirkte mehr, als mache er meinem Vater ein Jobangebot als zu einer Therapie zu überreden. Und Papa war Feuer und Flamme. Er freut sich darauf, wieder herumschrauben zu dürfen. Pflicht ist natürlich die Entgiftung vorher und er würde dort auf dem Hof leben.«

»Und du?«

Fiona schüttelte den Kopf, als handle es sich bei dieser Frage um eine Belanglosigkeit.

»Weiß ich noch nicht, aber...« Sie nahm ein paar freudige Atemzüge. »... das krieg ich schon hin. Ich weiß auch nicht. Seit gestern... ich bin total aufgekratzt. Ich freu mich so für meinen Vater und....« Sie machte eine Pause. »Ach, es klingt so blöd, aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten, hab ich das Gefühl, es wird wirklich alles gut.«

 »Bestimmt.«

Ben griff ihre Hand und drückte sie zärtlich. Ob es jetzt der richtige Moment war, wusste er nicht, doch die Szene auf Fionas Party lag ihm natürlich immer noch auf der Seele.

»Fiona, wegen Samstag...«

Sie lächelte ihn liebevoll an.

»Sehe ich so aus, als sei ich dir deswegen noch böse?«
Seine Augen sogen ihr Bild noch einmal in sich auf und er konnte nur zustimmend mit dem Kopf schütteln.

»Aber es war trotzdem blö...«
Sie legte ihm ihre Finger auf die Lippen.

»Vielleicht müssen wir erst beide lernen mit dieser Situation umzugehen.«

»Muss man ›verlieb sein‹ lernen?«, flüsterte er und blickte ihr in die Augen. Die blaue Iris wurde zum Rand hin grünlich und erinnerte ihn an die Cenotes in Mexiko, unendlich tiefe Wasserlöcher, die Eingänge zu einem endlosen und unergründlichen Unterwassersystem bildeten. Genau das schienen sie zu sein; und er wollte sich hineinstürzen.

Sie schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, nur zulassen.«

Ihr Kopf bewegte sich ein kleinwenig auf ihn zu. Er reagierte automatisch mit der gleichen Bewegung. Sie stoppte noch einmal, er auch. Ihre Augen sprangen zwischen seinen und seinem Mund hin und her, seine auch. Und dann küssten sie sich.

Ihr Lippen fühlten sich so weich an. Es tat so gut, sie zu umarmen und seinen Gefühlen einfach freien Lauf zu lassen. Zeit schien keine Rolle mehr zu spielen.

Dass sie noch im Unterricht saßen, merkten sie erst, als plötzlich jemand begann zu klatschen. Finn!

Die anderen stimmten ein und Beifall brandete auf.

Die beiden lösten sich von einander und versuchten, sich in der Rötung ihrer Gesichter gegenseitig zu übertreffen. Das machte die Situation nicht weniger peinlich, doch als Herr Niestard die Arme hob wie ein segnender Priester und alle wieder zur Ruhe rief, war es überstanden.

Fiona kramte in ihrem Rucksack herum und Ben hörte Herrn Niestard zu, um herauszufinden, welche Aufgabe sie gerade besprachen.

»Hast du nicht mal erzählt, du segelst?«

»Äh, ja«, räumte Ben ein und schielte Fiona schräg an, da er mit diesem Themenwechsel nicht gerechnet hatte.

»Wo machst du das denn?«

»Am Waldsee.«

»Echt? Kannst du mich vielleicht einmal mitnehmen?«

Ben befiel eine Trockenheit im Hals, die ihn schwer schlucken ließ und sein Magen wurde flau. Schon einmal hatte ein Mädchen ihn gebeten, sie mit zum Segeln zu nehmen. Was dann geschah, erschien ihm im Rückblick noch mehr wie ein Traum, als in dem Moment, da es geschah. Doch so wie damals musste er auch diesmal leider einen Korb verteilen, allerdings aus einem gänzlich anderen Grund.

»Grundsätzlich gerne, aber das ist jetzt echt blödes Timing. Mein Vater hat in den nächsten Wochenenden nicht viel Zeit und deshalb waren wir vorletztes Wochenende schon dort und haben das Boot auf dem Wasser geholt und für den Winter in den Bootsschuppen gebracht.«

»Es gibt da auch einen Bootsschuppen?«

»Gehört zum Verein. Wir haben gerade einen neuen gebaut, auf der anderen Seite des Sees.«

»Gibt es da auch viele Seile?«

Fionas Gesichtsausdruck hatte etwas Verschmitztes. Ihre Augen funkelten und Ben war sich nicht sicher, ob er wirklich wusste, worüber sie gerade sprachen.

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Nur so. Kannst du als Segler eigentlich Seemannsknoten?«

»Nicht alle, so die Gängigsten. Palstek, Lappenknoten, Schotstek.«

»Zeigst du mir mal einen?«

Sie zog ihre Hand aus dem Rucksack und Ben stockte der Atem. Zum Vorschein kam ein weißes Seil. Nein, es war - das - weiße Seil.

»Wo, wie«, stammelte er. »Woher hast du das?«

»Aus dem Krankenhaus.«

»Aus dem Krankenhaus?«

»Ja. Eine Krankenschwester hatte es in ihrer Kitteltasche. Vielleicht benutzen die das als sowas Ähnliches wie diese weichen Knautschbälle oder für Fingerübungen mit älteren Patienten oder Leuten die Handoperationen hatten, keine Ahnung.«

»Und warum hast du es bekommen?«

Fiona zuckte mit den Schultern.

»Weiß nicht. Vermutlich, weil ich so aufgeregt gewirkt habe. Die haben mir zwar sofort erzählt, dass mit meinem Vater nichts Schlimmes sei, aber so richtig beruhigt hat es mich nicht. Na ja, und eigentlich hatten sie mich auch erst am Nachmittag erwartet. Das heißt, ich konnte nicht zu meinem Vater, weil der noch untersucht wurde - diese Routinesachen Lunge röntgen und so - und der Arzt und der Psychologe hatten auch noch keine Zeit für mich. Ich saß da also irgendwo verloren in so einer Sitzgruppe zwischen ein paar Kübelpflanzen. Zurück in die Schule wollte ich auch nicht. Ich war einfach zu aufgewühlt. Und plötzlich kam eine Krankenschwester vorbei. Sie reichte mir diesen Strick.«

»Und was hat sie dazu gesagt?«

»Nichts. Sie hat mir den Strick gegeben und sich einfach eine Weile zu mir gesetzt. - Aber es hat funktioniert. Mit dem Strick in den Händen wurde ich auf einmal ganz ruhig. Meine Gedanken hörten auf zu rotieren und...«
Fiona blickte zur Decke und schien sich die Szene noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

»Ja, ich glaube, da habe ich zum ersten Mal so etwas wie Zuversicht verspürt. Und von da an schien alles wie ein Märchen. Papa sah glücklich aus und der Psychologe meinte, er solle mir mal erzählen, worüber sie gesprochen hätten. Und dann erzählte er von dem Gut und von den kaputten Maschinen, die er sich mal ansehen wolle, dass er dort dann auch eine Therapie machen könne. Es war alles so ... befreiend. Ich weiß auch nicht. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ich dürfe wieder in den Strom des Lebens eintauchen. Weißt du, all die Jahre hab ich eigentlich nur für ein Morgen gelebt, an dem ich das alles hinter mich lassen würde. Ich hab für die Schule gebüffelt, weil ich glaubte, nur mit guten Noten eine Chance zu haben. Ich habe mir die beschissensten Secondhandklamotten gekauft, weil sie die Billigsten waren und ich selbst von dem bisschen Harz IV versuchte, noch etwas Geld zu sparen für irgendeine Zukunft, an die ich eigentlich schon gar nicht mehr geglaubt habe. Und dann, als ich aus dem Krankenhaus ging, stand ich irgendwie mittendrin. Ich freute mich natürlich für meinen Vater, aber ich hatte auch plötzlich dieses unbändige Verlangen endlich einmal etwas für mich zu tun. Ich hatte meine Klamotten satt und die Scheißbrille. Ich musste...«

Sie suchte nach den richtigen Worten, fand aber keine. Ben half ihr mit der schlichten Bestätigung: »Ist dir auf jeden Fall gelungen.«

Sie freute sich über das Kompliment, wandte verlegen den Blick ab, was sie auf ihren Strick zurückbrachte.

»Zeigst du mir jetzt mal einen von den Knoten?«

»Okay! Also das ist ein Palstek.«

Ben knüpfte mit routinierten Fingerbewegungen einen lockeren Knoten und hielt ihn Fiona hin.

»Zieh ihn fest!«, befahl sie.

Er gehorchte und zog ihn stramm. Dabei bemerkte er, dass sie sich nicht eine Spur für den Knoten interessierte. Ihr Blick galt seinen Händen und Armen, und nun, wo keine Brillenspiegelung oder ein Vorhang aus Haaren ihre Augen verdeckten, konnte sie die Lüsternheit, mit der sie sein Muskelspiel betrachtete, kaum verbergen.

»Ist bei dem Bootsschuppen viel los?«

»Je nach Wetterlage«, antwortete Ben.

»Soll nachher Gewitter geben.«

»Dann ist in der Regel nichts los. Bei Gewitter segelt natürlich niemand.«

»Fahren wir hin?«

»Können wir machen«, räumte Ben ein, »aber mein Boot ist wie gesagt...«

Sie nahm ihm das Seil aus der Hand und strich zärtlich mit den Fingern über die Windungen des Knotens. Bens Magen fühlte sich wie ein Fallschirmspringer nach dem Sprung aus dem Flugzeug. Sah er, was er sehen wollte? Hörte er, was er hören wollte? Oder suchte Fiona gerade ein Plätzchen, an dem sie mit ihm ungestört mit Seilen spielen konnte?

Sie hatte sich unbestreitbar von einem hässlichen Entlein in einen wunderschönen Schwan verwandelt, aber ging ihr gemeinsames Märchen so weit, dass auch sein Teil wahr werden konnte?

Ein beklemmendes Gefühl meldete sich plötzlich in ihm und kroch langsam, aber unaufhaltsam in Richtung seines Herzens. Sie hatten sich gerade geküsst, zärtlich und innig. Er liebte sie und sie liebte ihn, doch auf Leonies Party hatte er sie verletzt. Und im Bus, als er ihre zweite Hand über ihren Kopf in die Schlaufe geführt hatte, flüchtete sie sogar vor ihm.
Sie spielte mit dem Seil. Sie warf ihm begehrliche Blicke zu, doch wenn er sich wieder irrte, so wie damals bei Melanie?

Sie hatten Tische aus der Aula in den Keller zurückgetragen. Ben erinnerte sich noch, wie glücklich er an diesem Tag gewesen war.

In den Wochen zuvor hatte er sich einsam gefühlt. Sein bester Freund Timo war frisch verliebt. In Gina. Sie knutschten den ganzen Tag. In der Schule, auf dem Schulhof, zuhause bei Timo, zuhause bei ihr. Timo hatte überhaupt keine Zeit mehr für Ben.

Die Eifersucht, wenn er die beiden sah, fraß Ben förmlich auf. Eifersucht auf Gina, die ihm den Freund wegnahm. Eifersucht auf Timo, der nun ein Mädchen hatte und mit ihr all die Erfahrungen machte, die Ben sich wünschte.

An diesem Tag schien endlich das Leben zu ihm zurückzukehren und dieses Leben hieß Melanie. Braune Augen, dunkelbraunes Haar und zwei wunderschöne Halbkugeln, die den Stoff ihres T-Shirts, sowie seiner Unterhose spannten.

Sein Magen tanzte vor Glück, als sie die andere Seite des Tisches übernahm, nachdem ihr Klassenlehrer erklärt hatte, wie sie dem Hausmeister helfen konnten. Nun trugen sie schon den dritten Tisch herunter; der letzte. Niemand würde mehr kommen; erst irgendwann in der großen Pause, wollte der Hausmeister den Raum im Keller abschließen, aber bis dahin war noch lange Zeit.

Auf dem ersten Weg hinunter hatte Ben ein bisschen geflachst und sie hatte gelacht. Auf dem Zweiten hatte er ihr Komplimente gemacht, dass sie stärker sei, als er gedacht habe; dass er es toll fände, dass sie so ein locker Typ sei und nicht so ein Püppchen; und das sie eine süße Nase hatte, auch wenn er dabei an andere Erhebungen ihres Körpers dachte.

Sie freute sich und wurde auch ein bisschen rot, aber mit einem zauberhaften Lächeln auf den Lippen.

Dann gingen sie zum dritten Mal, seine letzte Chance. Sie legten den Tisch verkehrt herum auf einen anderen. Melanie klatschte sich den Staub von den Händen und meinte: »Das wär’s.«

»Aber wir gehen noch nicht gleich wieder nach oben, oder?«, fragte Ben.

»Wieso nicht? Hier ist’s ja auch nicht gerade spannend.«

Sie wollte gehen und das hätte das Ende dieser Chance bedeutet und den Rückfall in seine Einsamkeit. Er konnte sie einfach nicht gehen lassen. Er dachte an die alten Filme, die er immer bei seiner Oma gesehen hatte, in der Männer widerspenstige Frauen einfach griffen und sie küssten. Diese trommelten zwar immer noch eine Weile mit ihren Fäusten auf seine Schultern ein, doch je länger der Kuss anhielt, desto mehr schmolz ihre Gegenwehr dahin, bis auch sie ihn leidenschaftlich umarmte.

Vom Küssen hatte Ben natürlich noch nicht wirklich eine Ahnung, wie auch von allem anderen, aber wann und wo sollte er es lernen?

Er verstellte ihr den Weg zur Tür.

»Was soll das?«, fragte sie, aber sie sah ihn nicht böse an, sondern mit dieser schmunzelnden Ahnung im Gesicht, dass er etwas ausheckte. Das ermutigte ihn. In einer blitzartigen Bewegung schnellte er vor und zwickte sie in die Seite. Sie zuckte zusammen, doch sie grinste dabei. Also tat er es noch einmal. Links, rechts, links. Sie wehrte sich und rief »hör auf«, aber sie gackerte dabei. Sie war wunderbar kitzlig und Ben nutzte das aus. Bald kabbelten sie herum. Er kitzelte sie ordentlich durch. Sie presste ihre Arme an die Seiten, um diesem zu entgehen, krümmte sich, machte sich schwer und so sanken sie auf den Boden. Dort schaffte er es, neben ihr liegend einen iher Arm mit seinem Körper so fest  zu pressen, dass sie ihn nicht befreien konnte. Den anderen hielt er am Handgelenk und zog ihn über ihren Kopf. So hatte er eine Hand frei, um sie zu kitzeln. Er hatte die Lachtränen gesehen, die aus ihren Augen flossen. Sie schien so glücklich zu sein. Und er war es auch, denn sie lag bei ihm und seine Hände kitzelten weniger und streichelten mehr und kitzelten noch weniger und streichelten noch mehr... und dann musste man ja einmal Farbe bekennen und so streichelte er ihre Seite hinauf, bis seine Hand ihre Brust erreichte.

Dass Gefühl, sie zu berühren, sie voller Ehrfurcht zu ertasten, ließ sich nicht beschreiben. Ja, sie wandt sich dabei, aber das war ja normal. Das konnte bei Frauen vorkommen. So streichelte er sie begehrlicher, massierte die Brust lustvoll, um ihr sein Verlangen zu zeigen. Und dann gab sie ihren Widerstand auf.

Am Ziel, dachte Ben, ließ ihre Hand los und übersäte ihren Hals mit wilden Küssen. Es war so schön, so aufregend, bis er merkte, dass sie nicht so recht in Phase drei starten wollte. Ihre Hand wollte nichts erkunden. Sie lag noch dort, wo er sie liegen gelassen hatte.

Das brachte ihn aus dem Konzept und so stoppte er und fragte: »Alles okay.«

Plötzlich stieß sie ihn zurück, sprang auf und flüchtete aus dem Raum, als sei er ein Monster.

Später beim Rektor gab sie an, sich nicht gewehrt zu haben, weil sie Angst hatte, Ben würde ihr dann weh tun. Wie konnte sie so etwas glauben? Sie sagte, weil sie nicht gewusst habe, was er mit ihr vor hatte. Aber was hätte sie denn getan, wenn er gesagt hätte: »Ich möchte dich in den Armnehmen und streicheln.«? Er hatte noch nie gehört, dass jemand so etwas zu einem Mädchen gesagt hatte.

Seine Mutter wurde angerufen und auch die Eltern von Melanie, deren Mutter fast hysterisch wurde, von versuchter Vergewaltigung schrie und dass Ben sofort von der Schule fliegen müsse. Es verging kein Tag, da wusste es das ganze Dorf und egal wo Ben darauf hin erschien, beim Bäcker, an der Kasse beim Supermarkt, die Leute behielten ihn im Auge, als sei er ein lauerndes Raubtier, traten lieber einen Schritt zur Seite, wenn er vorbeiging, aber hinter seinem Rücken steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten.

Bei Melanie hatte er nicht eine Sekunde an gefesselte Frauen gedacht. Mit ihr wollte er einfach nur knutschen und ein bisschen ›rummachen‹, so wie Timo es in dieser Zeit sicher den ganzen Tag tat.

Je mehr man ihm in der Folgezeit erklärte, wie er Mädchen zu respektieren hatte - was er verstand und schon immer verstanden hatte, sich nur fragte, wie die Leute wegen so einer kurzen Schwachheit, gleich daran zweifeln konnten - hatten sich mehr und mehr Bilder in seinen Kopf geschlichen, von Frauen, die im gefesselt ausgeliefert waren.

Er wollte sie nicht fangen, oder überwältigen. Er hatte immer von dem Mädchen geträumt, dass sich freiwillig auslieferte. Fesseln als sichtbares Einverständnis, mit ihr tun zu dürfen, was er wollte.

Seine Gedanken schweiften über die Ozeane. Bei IHR hatte er auch die Kontrolle verloren, doch SIE hatte keine Angst gehabt. SIE hatte ihm die Möglichkeit gegeben, seinen Fehler einzusehen und ihm dann IHR Vertrauen geschenkt.

»Erfüllst du mir einen Traum, erfüll ich dir auch einen«, hatte SIE zu Beginn ihres Segeltörns auf ihr Tablet geschrieben. Das hatte sie wirklich getan. - Und vielleicht waren es auch zwei.

Er schielte zu Fiona.

SIE hatte mit dem Finger auf Fiona gezeigt. Doch was sollte es bedeuten? Dass der Weg zu Leonies Herzen, die ja auch auf dem Foto zu sehen gewesen war, über Fiona führte, hatte sich als Irrtum herausgestellt. Ben bedauerte diesen Aspekt keine Sekunde. Das Mädchen, das er in den letzten Wochen kennen lernen durfte, entpuppte sich als so viel spannender und tiefgründiger, als er je gedacht hätte. Aber eine Vermutung, über IHREN Fingerzeig hatte sich halt als falsch erwiesen. Was, wenn seine große Hoffnung, die nun in ihm pochte, sich als genauso falsch entpuppen würde?
Fiona wirkte so verletzlich. Sie hatte viel durchmachen müssen. Konnte er sie der Gefahr, ihn wirklich kennen zu lernen, aussetzen?

»Fahren wir also?«, fragte sie noch einmal.

Bens Herz - und andere Körperteile - wollten, doch sein Verstand riet ihm ab. Er spielte nervös mit seinen Fingern. Ging man Liebe mit dem Verstand an?
Er nickte, doch nun fühlte er sich, wie ein Fallschirmspringer, der ohne Fallschirm aus dem Flugzeug sprang und nur eine Chance hatte: Fliegen lernen.

 

                                                    *****

 

Bens Magen krümmte und wandt sich, wie ein Regenwurm auf dem Angelhaken. Er fühlte sich wie ein dreckiger Doppelagent, während er mit Fiona Hand in Hand den Weg am Seeufer entlang ging. Passend dazu hatte sich der Himmel seit dem Mittag zugezogen. Gewitterwolken türmten sich in den Himmel und schluckten immer mehr Sonnenlicht. Nur die schwüle Hitze hing schwer über dem Wasser. Kein Lüftchen regte sich. Die Ruhe vor dem Sturm.

Bens gehetzter Blick folgte den Schwalben, die nur eine Handbreit über dem Wasser tollkühne Wendemanöver bei ihrer Insektenjagd flogen. Er fühlte mit den Insekten, wollte auch am liebsten entkommen, doch sein Verfolger wohnte in ihm. Die Angst, gefressen zu werden, machte sich breit.

Fiona straffte ihren Arm und damit auch seinen und zog sich so näher an ihn heran. Sie legte den Kopf verträumt auf seine Schulter, schmiegte sich an ihn. Sie schien ihm voll zu vertrauen.

Der Himmel grollte zum ersten Mal.

Dass der neue Bootschuppen, so finster aussah, war Ben bisher noch nicht aufgefallen. Und wie einsam er lag. Die eigentlichen Vereinsanlagen standen auf der anderen Seite des Sees. Sie reichten für die Menge an Mitgliedern, bzw. ihrer Boote nicht mehr aus. So hatte man hier einen weiteren Schuppen gebaut. Ein dazugehöriges Clubhaus gab es allerdings noch nicht. Graue Fertigbauelemente überspannte ein rundes Wellblechdach. Der Außenanstrich mit Wassermotiven und dem Vereinsnamen, entstand gerade. Doch im Moment wirkte alles, wie die Kulisse eines Horrorfilms. Der Ort, an dem man selbst beim schlimmsten Gewittersturm, keinen Schutz suchen sollte.

Seine Schritte wurden immer kleiner, immer langsamer.

»Was ist?«

Was sollte er antworten? Ihm fiel nichts ein. Sie beschleunigte und zog ihn mit sich. Gehorsam folgte er ihr und dem Drängen in seiner Hose.

Die ganze Busfahrt über wuchsen nicht nur die Sorgen, sondern auch seine Erektion. Ging das überhaupt zusammen? Konnte er gleichzeitig begehren, was er fürchtete? Er dachte an das Bild des Mädchens am Klavier, erinnerte sich an die Bewegungen ihres Körpers, als er sich beim Tischtennis an sie schmiegte, beim Tanzen, ja, sogar an den Moment, als die Menge ihn im vollen Bus gegen sie drängte. - Nein, sein Gedanke stimmte nicht ganz. Fiona begehrte er. Fürchten tat er sich selbst.

Sie erreichten den Bootsschuppen. Es war niemand dort. Kein Wunder bei diesem Wetter. Die Boote dümpelten an den Anlegestellen.

Ihre Augen leuchteten ihn an, als sie vor dem großen Schiebetor standen. Er holte seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche, nahm das Vorhängeschloss und schob den Schlüssel hinein. Es sprang auf.
Der nächste Donner grollte aus den Wolken herunter; lauter, bedrohlicher. Warnender?

Ben zog das Schloss aus dem Riegel, hob ihn an und schob das Rolltor auf. Es lag immer noch eine leichte Note von frischer Farbe in der Luft, so wie kitzliger Staub, der bewies, dass der Schuppen immer hin die erste Segelsaison fast hinter sich hatte. Noch wärmere, aber nicht so schwüle Luft strömte ihnen entgegen. Unter normalen Umständen hatte man sie mit einem missbilligenden Stöhnen kommentiert. Doch sie waren nicht wegen der Luft dort. Keiner sprach ein Wort.

Sie schlüpften hinein. Er zog das Tor wieder zu. Das metallene Rattern und Klicken verklang schnell. Die Stille danach schien wie ein Vakuum am Ohr zu saugen. Die dunklen Wolken enthoben das Oberlicht fast jeder Funktion. Nur dunkelgraues Licht erfüllt den Innenraum vor dem sich der Kran und die Stellplätze für die Boote in noch dunklerem Grau abzeichneten.

Bens Herz pochte. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich an, als sei er aus Wackelpudding. Nun waren sie hier. Konnte er noch ein paar Minuten Zeit schinden?

»Dahinten, das ist mein Boot.«

Es interessierte sie nicht die Bohne. Sie stand direkt hinter dem Tor, als wolle sie ihm jede Möglichkeit zur Flucht nehmen. Ihre Beine waren gespreizt und in ihrer rechten Faust lag das weiße Seil.

Draußen zuckte der erste grelle Blitz. Eine Sekunde später krachte es, als stürzten die Wolken auf die Erde. Stattdessen brach die Erkenntnis über Ben herein: Wieso sollte eine junge Frau, die von ihren Klassenkameraden täglich gedemütigt wurde, deren Vater sie in eine scheinbar ausweglose Situation eingesperrt hatte, daran interessiert sein, beim Sex auch noch in die devote Rolle zu schlüpfen? Ihm schoss das Bild vor Augen, wie Fiona ihm im Klassenraum, als er ihr anbot, für ihre Hilfe in der Mathearbeit die Füße zu küssen, mit diesem kecken Hüftschwung kurz ihren knackigen Po zu drehte und damit androhte, auch diesen küssen zu müssen.

Bens Kehle schnürte sich zusammen. Er dachte an all seine Träume, von dem nackten, gefesselten Mädchen. Aber das waren seine Träume. Es mussten nicht ihre sein. - Nein, es konnten gar nicht ihre sein. Sie suchte bestimmt für alles, was sie im Leben ertragen musste, ein Ventil. Und dieses Ventil war: Er.

Das war es! Die Angst, was auf ihn zukam, kochte und jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken. Er spürte, wie seine Knie anfingen zu zittern. Sein Herz schlug donnernd, wie die Orchesterschläge am Ende einer Symphonie und jeder Schlag konnte der Letzte sein. Doch eines gab es in diesem Moment nicht: Zweifel!

Trotz aller Panik, die ihn erfasste, fühlte er eines ganz genau: Er liebte Fiona. Und wenn sie endlich auch einmal das Gefühl von Dominanz spüren wollte, wissen wollte, wie es ist, einen Menschen in seiner Hand zu haben, so würde er ihr diese Erfahrung schenken. Was auch immer er ertragen müsse, für sie war er bereit, es zu tun.

Er versuchte, mit einem tiefen Atemzug die Luft zu schöpfen, die seine Aufregung vielleicht ein bisschen besänftigen konnte. Es gelang nicht wirklich. Trotzdem legte er die Handgelenke aneinander und streckte ihr seine Arme entgegen.

Fiona reagierte nicht sofort. Sie stand einfach hinter dem Tor, das Seil, Zeichen seiner Unterwerfung, in ihrer Hand und schaute ihn an. War das schon der Beginn ihrer Folter, in dem sie ihn einfach in seiner Angst schmoren ließ? Dann aber setzte sie sich in Bewegung. Ihre Füße überkreuzten sich beim Voranschreiten. Ihre Augen fixierten seine und ihr Oberkörper wog geschmeidig hin und her. Eine tödliche Raubkatze schlich auf ihn zu. Wenn sie nur einmal an der Tischtennisplatte zwei solcher Schritte machen würde, würden Kevin, Birger, Justin und wie sie alle hießen mit Sicherheit meilenweit am Ball vorbeischlagen.

Ben zuckte zusammen, als ihre Hand seine berührte, doch er zog seine nicht weg. Er ließ es zu, dass ihre Finger sein Handgelenk umschlossen. Dann setzte sie ihren Weg fort. Sie ging um ihn herum und führte seinen Arm auf den Rücken.

Das Schlucken fiel so unglaublich schwer. Sein ganzer Körper kribbelte vor Angst, doch er zwang sich, auch den anderen Arm folgsam auf den Rücken zu führen. Sie drückte seine Handgelenke zusammen als Zeichen, dass er sie in dieser Stellung halten sollte. Dann spürte er das Seil auf der Haut.
Die Weichheit schmeichelte, doch er wusste, wie fest die Fasern waren. Zerreißen konnte er es nicht. Ein Umstand, der ihm mit jeder Wicklung, die sie um ihn schlang, bewusster wurde. Schließlich zog sie den Knoten fest. Einen, zwei und auch noch einen Dritten. Sie schien ganz sicher gehen zu wollen, dass er ihr nicht entkommen konnte.

Wieder zuckte ein Blitz vom Himmel. Donner ließ die Luft erzittern und ein eiskalter Wind blies in seinen Nacken. Erst als die anderen Geräusche verhallten, bemerkte er, dass Fiona ihm über die Schulter pustete. Wenn er schon darauf so heftig reagiert, wie sollte es erst werden, wenn sie ihn berührte.

Sie stolzierte um Ben herum und trat dicht an ihn heran. Ihre Finger zwickten ihn leicht, als sie sein T-Shirt aus seiner Hose zupfte. Er musste es geschehen lassen. Wenn die Hände vor seinem Körper gefesselt wären, könnte er sie wenigstens von sich stoßen, doch so. Seine Vorderseite fühlte sich so schutzlos an und sie nutzte es aus.

Langsam und genüsslich schob sie sein Shirt hoch. Ihre feingliedrigen Finger streichelten zärtlich über seine Haut. Ihre Begierde zu spüren, tat gut und ließ ihn Vertrauen schöpfen. Sie konnte zwar mit ihm machen, was sie wollte, doch sie wollte das Richtige. Eine erste kleine Lustwelle schwappte durch seinen Körper, als ihre Finger seine Brustwarzen erreichten. Sie drückte sich an ihn und ihre Lippen nährten sich seinen für einen Kuss. Als er ihnen entgegenkommen wollte, schubste sie ihn zurück und ein kurzes missbilligendes Knurren erklang. Er stellte seine Bemühungen enttäuscht, aber gehorsam ein, was ihr ein kurzes Lächeln entlockte.  

Ihre Hände fuhren seinen Oberkörper wieder langsam hinab, glitten über den Bauch, immer tiefer. Ben ahnte, wo es hingehen sollte und sofort begann sein harter Penis an zu kribbeln. Sein Magen zog sich zusammen, als hätte jemand saure Brausestäbchen hineingeworfen und in seinen Beinen zuckte das Drängen wegzulaufen, doch er zwang sich, stehenzubleiben.

Fiona öffnete seine Gürtelschnalle, drückte den Knopf durch das Knopfloch und zog den Reißverschluss herunter. Dann stellte sie sich ganz dicht vor ihn. Er spürte ihre Wärme. Ihre Augen suchten seine und konnten sie einfangen. Ihr Blick forschte tief in ihn hinein. Dabei glitten ihre Hände seine Hüften hinab in seine Hosen.

»Na, dann wollen wir doch mal sehen«, hauchte sie und er spürte den Luftzug jedes Wortes auf seinem Gesicht, bevor sie seine Hosen entschlossen bis zu den Kniekehlen herunterschob. Sein Penis federte voller Spannkraft aus seinem Gefängnis. Sie aber schaute ihm weiter in die Augen, während sie in die Hocke ging. Erst im letzten Moment, als ihr Gesicht schon fast gegen sein bestes Stück stieß, senkte sie ihren Blick und nahm seine Männlichkeit in Augenschein. Beeindruckte sie, was sie sah?

In diesem Moment konnte er ihr Gesicht nicht sehen. Plötzlich erklang jedoch ein kehliges Knurren, fast wie das Schnurren einer Katze. Endorphine schossen in sein Blut. Kein Wort hätte mehr Wirkung zeigen können. Sie legte ihre Hand um seinen Schaft und massierte ihn leicht vor und zurück. Ben meinte, in einem wackligen Segeboot zu stehen.

Fiona erhob sich wieder, entließ seinen Penis aus ihrem Griff, ließ den Zeigefinger aber auf seiner Haut und malte wie mit einem Stift eine Linie voller Kitzel auf und vor allem unter seine Haut, während sie wieder um ihn herumschlich. Dann klapste sie, wie eine Reiterin ihrem Hengst, auf seinen Po. Und genauso fühlte Ben sich: ausgeliefert wie ein Haustier seinem Besitzer. Er wollte nicht, doch er musste etwas an den Fesseln zerren. Sie klapste etwas kräftiger. Er hielt die Hände still.

Scheinbar lobend massierte sie seine linke Pobacke. Bald schien es Ben jedoch mehr, als prüfe sie den Knackigkeitsfaktor. Sie schien zufrieden und setzte ihren Weg um ihn herum fort, mit dem Zeigefinger wieder über seine Haut fahrend.

Bens Herz hämmerte zwar immer noch, doch so allmählich stellte sich das Gefühl ein, sie wisse so recht nichts mit ihm anzufangen. Erwartete sie etwas von ihm?

Er kam nicht dazu, sich weitere Gedanken zu machen, denn ihr Zeigefinger wanderte wieder zu seinem Penis, doch diesmal tiefer. Sie drehte ihre Hand und ihre Finger legten sich wie die Fangarme eines Kraken um seinen Sack. Das anfänglich so angenehme Kraulen stellte sich nur als Suche nach dem besten Griff heraus. Dann hatte sie seine Hoden in der Hand. Sie hatte ihn in der Hand und sie ließ es ihn spüren. Wie der Würgegriff einer Tigerpython schlossen sich ihre Finger immer fester. Es tat noch nicht weh, doch schon die Ahnung, welche Schmerzen sie ihm so zufügen konnte, ließen sein Herz in die Hose rutschen; und die hing in seiner Kniekehle.

Der Druck wurde langsam unangenehm. Er hechelte ängstlich, während sie ihm wieder tief in die Augen sah. Wollte sie sich daran weiden, wie sich der Ausdruck des Schmerzes in seinem Gesicht ausbreitete.

Sie stoppte, verstärkte den Druck nicht mehr, ließ aber auch nicht nach. Er spürte ein unangenehmes Ziehen im Unterbauch.

»Ist es das, was du willst?«

Er schluckte, denn er wusste, was das bedeutete. Sie wollte ihn ihre Macht spüren lassen. Er hatte Angst, doch er war entschlossen, sie diese Erfahrung machen zu lassen, hob den Kopf für ein gehorsames Nicken.
Plötzlich stoppte er in der Bewegung. Er hörte SIE in sich.

»Erfüllst du mir einen Wunsch, erfülle ich dir auch einen.«

Sie hatte diese Frage auf ihr Tablet geschrieben, mit dieser wunderschön geschwungenen Mädchenschrift. Etwas später kam hinzu: »Was ist nun dein Wunsch?«

SIE hatte offen gefragt, und er hatte SIE belogen. - Nein, schlimmer noch. Er hatte sich belogen. Er hatte feige vor der Wahrheit gekniffen; und dann hatte er wieder die Kontrolle verloren.

War es bei Melanie nicht genauso gewesen? »Was soll das?«, hatte sie gefragt. Sicher nicht so eine Steilvorlage, wie IHRE Frage. Trotzdem hätte er antworten können, oder sogar müssen?

»Ich mag dich und würde dich gerne küssen.«

Ja, das klang nicht toll, aber es wäre ehrlich gewesen. Vermutlich hätte sie nein gesagt, aber dann wäre er auch nicht mehr zudringlich geworden.

Sollte es so einfach sein?

Er musterte Fionas Gesicht. Ihre blauen Augen wirkten irgendwie unergründlich. Aber sie hatte auch nicht nach dem gefragt, was sie wollte. So sehr er sie liebte. Jetzt galt es, zu sich selbst zu stehen.  

Er wandelte sein begonnenes Nicken in ein Kopfschütteln um.

»Nein, eigentlich würde ich lieber dich...« Das entscheidende Wort brachte er nicht heraus. »... mit dem Seil«, schob er nach.

Sein banger Blick richtete sich auf ihr Gesicht. Sie hatte ihn verstanden - und sie atmete auf. Ihre Hand löste sich von seinen Hoden, packte seine Schulter und schleuderte ihn fast herum. Er stand kaum mit dem Rücken zu ihr, als sie sich schon auf ihre Knoten stürzte. Ihre Handgriffe wurden immer ungeduldiger. Endlich hatte sie das Seil gelöst. Sie drehte ihn wieder energisch um und streckte ihm das Fesselutensil entgegen.

Auch Ben fühlte sich erleichtert, doch er wunderte sich. Er hatte seine Schlussfolgerungen, warum Fiona den dominanten Part spielen wollte, für stimmig gehalten. So sehr sein Irrtum auch seinen Wünschen entsprach, so musste er doch einräumen: »Das hätte ich nicht gedacht.«

»Wieso nicht?«

»Also glaub jetzt bitte nicht wieder an sowas, wie eine Mitleidnummer, aber jemand der so oft oder so lange gedemütigt wurde, wie du...«
Ein bitteres Lächeln huschte über Fionas Gesicht und ihr Blick entwich ins Leere.

»Scheint auf den ersten Blick naheliegend. Ich weiß auch nicht, warum ich so ticke. Vielleicht ist es der Wunsch das Unterschwellige einmal direkt zu spüren. Witze hinter deinem Rücken, Ignoranz, all das ist nicht greifbar. Eine schallende Ohrfeige erscheint mir so viel direkter. Vielleicht habe ich auch keine Lust mehr, die Starke zu spielen?«

»Die Starke?«

»Ja. Vielleicht wirkt Kevin wie der große Macker, aber wie viel Mut und Kraft kann es kosten, dumme Witze über jemanden zu reißen, wenn du zwanzig Leute hinter dir hast. Es hinzunehmen, Fassung bewahren, am nächsten Tag wieder den Mut und die Kraft finden, trotzdem zur Schule zu gehen. Weißt du,  wie schwer das ist? Und weißt du, wie viel Kraft es kostet, sich um einen Alkoholiker zu kümmern? All die Lügerei und Betrügerei auf dem Amt. Vollgekotzte und -gepisste Wäsche waschen. Vielleicht will ich einfach einmal die Verantwortung für mich ablegen und schwach sein dürfen, mich in die Qual fallen lassen.«

Sie schaute Ben wieder ins Gesicht.

»Du bist der Erste seit langem, der wieder für mich da ist. Du hast nicht gelacht, weil ich keinen Tischtennisball treffe. Du hast dir Zeit genommen und mir gezeigt, wie ich es machen muss. Du hast dich nicht auf Kevins Seite geschlagen, sondern hast mir den Rücken gestärkt.«

»Na ja, zu anfang...«, entgegnete Ben schuldbewusst. Fiona achtete nicht darauf, sondern fuhr fort: »Deshalb hat es auf Leonies Party auch so wehgetan.«

»Ja, es war dumm. Ich hab mit der Frage einfach nicht gerechnet. Danach war mir natürlich auch klar, wie blöd ich war. Ich wollte am nächsten Tag ja auch alles aufklären, aber dann flüchtest du sogar aus dem Bus vor mir.«

Fiona schüttelte entschieden den Kopf.

»Im Bus bin ich wohl eher vor mir geflüchtet.«
Bens Augen weiteten sich überrascht.

»Ich war schon den ganzen Tag hin und hergerissen«, erklärte Fiona. »Ich hatte mich dir geöffnet und du hast mich verletzt. Ich hab natürlich gemerkt, dass du den Kontakt zu mir gesucht hast, aber ich wusste selbst nicht, wie ich reagieren sollte. Also bin ich dir, so lange ich konnte, aus dem Weg gegangen. Aber im Bus ging das nicht mehr.  - Und als die Menge dich an mich gedrückt hat. Ich wollte nicht, dass du mich so weich kriegst, aber es hat sich so verdammt gut angefühlt, dich zu spüren. Weißt du, was ich mir in diesem Moment vorgestellt habe?«

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern fuhr fort: »Ich stellte mir vor, ich sei mit beiden Händen an die Halteschlaufe gefesselt und du würdest mich vor den Augen aller Fahrgäste gnadenlos durchficken. - Und dann nimmst du meine Hand. Erst hab ich ja gedacht, du wolltest nur Händchen halten und einen auf Liebkind machen. Das wollte ich nicht. Aber als du dann meine Hand zur anderen hoch an die Schlaufe geführt hast, und an meiner Seite wieder herunter gestreichelt hast...«

Sie machte eine Pause und schauderte nachträglich noch einmal vor Lust.

»Er liest deine Gedanken, hab ich gedacht. Vor allen Leuten nackt dazustehen, wäre nicht halb so entblößend gewesen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe, und da hab ich Panik bekommen. Ich musste mir über Jahre einen dicken Panzer aufbauen und war gerade dabei, dem ersten Menschen wieder mehr Zugang zu mir zu gewären und plötzlich schien dieser Typ mitten in meinem Kopf zu stehen. Das war zu viel. Ich musste einfach weg, raus aus der Situation.«

Ben schaute auf das weiße Seil.

»Und wie denkst du jetzt darüber?«

»Ob ich dich ganz in meinem Kopf haben will, weiß ich noch nicht.« Sie schielte auffällig zu seinem in der Zwischenzeit wieder erschlafftes Glied.

»Aber gewisse Teile wäre ich wohl bereit, in mich aufzunehmen.«
Bens Penis erwachte mit einem Zucken wieder zum Leben. Fiona sah zufrieden grinsend auf und vielleicht auch etwas stolz, dass sie eine solch unwillkürliche Reaktion provozieren konnte.

Ben nahm ihr das Seil ab, und sie streckte ihm, wie er zuvor, die Arme mit aneinandergelegten Handgelenken vor. Er grinste sie kopfschüttelnd an. So nett war sie zu ihm ja auch nicht. Außerdem wusste er nur zu gut, wie er sie mit dem weißen Seil fesseln wollte.

Er streichelte einen ihrer Arme hinauf, packte dann ihren Oberarm und riss sie mit einem Ruck herum. Dabei kam er allerdings selber ins Straucheln. Er murmelte einen Fluch und überlegte, ob er sich lieber aus- oder anziehen sollte. Zumindest mussten die Hosen aus der Kniekehle, sonst legte er sich noch auf die Fresse und das wäre irgendwie extrem uncool.

In seinen Fantasien verloren eher die Frauen die Klamotten, als er, doch der Gedanke, sich wieder anzuziehen erschien ihm irgendwie, als würde er Fionas Arbeit untergraben. Also streifte er sich die Schuhe ab und zog Hosen und T-Shirt aus.

Fiona sah ihm interessiert zu. Ein guter Vorwand, dachte Ben.

Er ging zu ihr und drehte wieder ihren Rücken mit einem energischen Ruck  zu sich. Mit der anderen Hand packte er ihren Pferdeschwanz und riss ihren Kopf in den Nacken.

»Seit wann darf eine Sklavin so schamlos glotzen?«

»Verzeiht, Herr«, hauchte sie.

Ben hatte eher mit einem belustigten Lachen gerechnet. Die Art, wie sie sein Spiel mit diesen zwei Worten aufnahm, schoss ein warmes Kribbeln in seinen Bauch und ermutigte ihn. Er nahm das Seil, maß die Mitte ab, legte es unter ihre Ellenbogen und bildete eine Schlaufe, die er festzog, bis ihre Ellenbogen sich berührten. Fiona stöhnte leicht auf. Mit so einer Fesselung hatte sie nicht gerechnet, doch es missfiel ihr offenbar nicht. Ben führte das Seil nun zu ihren Handgelenken und verknotete es dort. Dann schob er Fiona einen Schritt von sich und betrachtete sein Werk wie der Künstler die Leinwand.
Wenn Träume wahr werden, dachte er, doch er fühlte sich nicht wie im Traum. Er spürte seine Nacktheit und Fiona, vor ihm, war keine Wunschvorstellung, sondern das echte Leben. Es gab den Geruch des Seewassers und der Farbe. Draußen brach das Gewitter nun mit voller Stärke aus. Sturmböen rüttelten am Dach, Regen prasselte darauf und Blitz und Donner jagten sich, unmöglich zu sagen, welcher Blitz zu welchem Donner gehörte, es war eine tosende Symphonie der Naturgewalten. Und genauso viel Natur stand vor ihm.

Erst jetzt fiel Ben auf, dass er so begierig darauf war, Fiona zu fesseln, dass er nicht daran gedacht hatte, sie vorher auszuziehen. Für einen Moment ärgerte er sich, doch nur eine Sekunde. Dann wurde ihm klar, dass etwas viel schöneres vor ihm lag: Auspacken.

Er schob seine Hände auf Fionas Vorderseite und schaute über ihre rechte Schulter auf die Wölbungen des Tops. Das Verlangen zu erfahren, wie der Inhalt aussah, ließ seine Erektion wieder vollends erstarken. Aber er hatte ja Zeit. Sie würde sein Vorhaben nicht verhindern können. Er hatte alle Zeit der Welt. Vorsichtig schob er die Spitzen seiner Mittelfinger unter den Stoff, bis er den Ansatz ihrer Brüste erreichte. Diese Kontur fuhr er genüsslich mehrere Male ab; hin und her.

Eigentlich war es nicht mehr als eine Rundung, die er fühlte. Fiona konnte den Krümmungsgrad sicher im Kopf berechnen; und doch fühlte es sich nach so viel mehr an.

Ben schob seine Finger tiefer unter das Top. Fiona seufzte. Ihr Lust zu bereiten, löste ein besonderes Glücksgefühl aus. Nein, ihr Seufzen sagte noch mehr. Sie wollte es. Sie wollte, dass er sie so berührte, während sie ihm willenlos ausgeliefert war.

Er spürte ihre gefesselten Arme vor seinem Bauch. Konnte jemand ermessen, was das für ihn bedeutete? Konnte er es selber fassen? Nein, das Glücksgefühl schien einfach unendlich. Aber jetzt war nicht der Moment für ›erfassen‹, jetzt wollte er sich einfach nur fallen lassen und dafür richtig zufassen.

Er gab seiner innerern Geilheit nach. Seine Hände griffen beherzt unter ihr Top. Der Stoff flutschte herauf und er hielt ihre nackten Brüste in den Händen. Er konnte sie fast mit den Händen umschließen und er presste und knetete, bei dem Versuch, es ganz zu schaffen. Dabei küsste er sie leidenschaftlich wie ein Vampir kurz vor dem Morgengrauen.

Sie so ungehemmt zu berühren, war wie eine Droge. Er brauchte mehr. Fionas Keuchen heizte ihn zusätzlich an. Konnte sie auch nicht genug bekommen? Ihm reichte es bald jedoch nicht mehr aus. Er wollte noch mehr von ihr und er wusste, wo er mehr bekam.

Seine Rechte fuhr ihren Bauch herab und ließ sich weder von Hotpants noch Slip aufhalten. Völlig ungeniert schob er sie bis zu ihrer Lustpforte. Kein Härchen, doch jede Menge nasse Geilheit. Als kleiner Test reichte es, ihr den Mittelfinger zwischen die Schmalippen zu schieben.

Fiona stöhnte voller Lust: »Oh, Gott!«

Ihre gefesselten Hände suchten seinen harten Penis und wichsten ihn dankbar. - Das hätte sie nicht tun sollen. Natürlich fühlte es sich geil an, doch in dem sie Initiative ergriff, wurde Ben wieder an das eigentliche Spiel erinnert.

Sofort griff er ihren Zopf, riss ihren Kopf maßregelnd nach hinten und versetzte einer ihrer Brüste einen Klaps von unten.

»Wer hat dir das erlaubt?«

Ihr überraschter Schmerzenslaut ging in ein wohliges Lachen über, der Ben ermutigte. Er schlug die andere Brust auf die gleiche Weise. Fiona presste die Lippen zusammen. Ein langgezogenes »Mmh« erklang, dass sowohl Schmerzbeherrschung wie Genuss ausdrückte. Er schlug noch mehrmals zu, bevor er die Brüste wieder zärtlich massierte. - Und was tat sie? Ihre Hände provozierten ihn mit einer lobenden Penismassage.

»Das reicht dann ja wohl«, entschied Ben.

Er drehte Fiona herum, öffnete mit ruckartigen, groben Griffen ihre Hose und zog sie ihr samt Slip herunter.

»Aussteigen!«

Sie stieg aus den Klamotten, verhedderte sich mit einem Fuß etwas im Slip. Ben half, damit sie nicht stürzte. Dann fasste er sie am Arm und riss sie mit sich, zu einigen Kisten, die von einer Plane verdeckt wurden, die jedoch eine perfekte Sitzhöhe boten. Er ließ sich darauf nieder, legte Fiona buchstäblich übers Knie, und versohlte ihr mit einer Salve schneller Schläge den Hintern. Fiona quietschte halb empört, halb vergnügt. Ihre Beine zappelten in der Luft, als könne sie so flüchten.

Ben beendete die Serie, in dem er die leicht geröteten Pobacken zärtlich streichelte und schließlich tauchte seine Hand wieder zwischen ihre Beine, ja, ›tauchte‹ ist das richtige Wort. Sie stöhnte lustvoll auf.

Eigentlich wollte er noch so viele andere Dinge ausprobieren, doch die Geilheit, die ihr Stöhnen in ihm auslöste, ließ sein Verlangen einfach übermächtig werden.

Er schob Fiona von seinen Beinen und ließ sie auf dem Boden knien. Dann sprang er auf, rannte er zu seiner Jeans, zupfte seine Brieftasche heraus und fischte ein Kondom aus dem Scheinfach, dass er seit seinem Urlaub bei sich trug. Es stammte noch aus IHRER Familienpackung. Sein Daumen strich kurz über die rotweiße Verpackung. Doch jetzt war nicht die Zeit für Erinnerungen. Er riss die Verpackung auf und rollte das Kondom über seinen Penis, während er zu Fiona zurückging.

»Gnadenlos, hast du gesagt?«, wiederholte er.

Sie nickte und er packte sie am Oberarm und warf ihren Oberkörper auf die Fläche, auf der er gerade noch gesessen hatte, positionierte sich hinter ihr, legte seinen Penis in ihre Poritze und rieb ihn einige Male auf und ab.
Der Gedanke, was in Zukunft vielleicht alles möglichsein könnte, erregte ihn noch weiter; wenn das überhaupt ging. Doch jetzt gab es nur noch eins. Er drückte seinen Penis mit zwei Fingern herunter, damit er gerade abstand, suchte ihren feuchten Eingang, setzte an, packte beherzt ihre Hüften und stieß zu.

Das Gefühl von unendlicher Freiheit durchströmte Ben. So musste sich ein Adler fühlen, wenn er sich zum ersten Mal von seinem Horst abdrückte und die Luft unter seinen Schwingen spürte. Er hatte fliegen gelernt.

Er hörte das Pfeifen des Sturmes an den Ecken des Schuppens, den tosenden, nicht endenwollenden Trommelwirbel des Regens auf dem Dach, doch all das machte ihm keine Angst mehr. Endlich hatte er das Gefühl sicher auf seinen Gefühlen davon schweben zu können. - Bis zu dem Punkt, den er im Sommerurlaub sehr gründlich gelernt hatte: sich zu beherrschen.

So schön es war, ungehemmt in seine sich lustvoll windende Sexsklavin zu stoßen, er kannte die Wellenkämme seiner Lust nun gut genug, um lange auf ihnen surfen zu können. Immer wieder wenn eine Welle drohte, über ihn hereinzustürzen, ließ er sie ein kleinwenig abebben. Dann kümmerte er sich um so mehr um Fiona. Mal riss er sie an ihren Haaren hoch, um gleich darauf gierig ihre Brüste zu massieren. Mal fuhr er mit seiner Hand auf ihrer Vorderseite zwischen ihre Beine und verschaffte ihr, während er sich mit kleineren Bewegungen Zurückhaltung auferlegte, eine kleine

Sonderbehandlung, aber auch nur so lange er das Gefühl hatte, ihre Lust noch steigern zu können. Wenn er meinte, sie sei kurz vor dem kommen, drückte er sie wieder auf die Kiste und hofftte, dass ihre Lustwelle auch erst einmal wieder ins Leere lief.

Wie lange er dieses Spiel trieb, konnte er nicht sagen, was bedeutete schon Zeit in diesem Moment, doch irgendwann spürte er, dass er seine Lust nicht mehr aufhalten konnte. Er hatte seine Bewegungen gerade noch einmal verlangsamt und Fionas Oberkörper an den Fesseln von der Kiste hochgerissen, doch diesem ließ sich die Welle nicht mehr zurückhalten.
Er ließ Fiona wieder fallen, packte ihre Hüften und stieß gnadenlos in sie. Der Orgasmus erfasste ihn, wie ein Orkan. Irgendwie bekam er noch mit, dass auch Fiona lustvoll aufschrie. Er versuchte so lange es ging die Kontrolle zu behalten und in sie zu stoßen, bis bei nur noch unkontrolliert zucken.
Wie laut sie geschrien hatten, bemerkte Ben erst, als er wieder zu sich kam, denn noch immer hallten leise Echos ihrer beider Stimmen zwischen den Metallwänden wider.

»Oh, Gott«, seufzte er, »war das geil.«

Er legte sich erschöpft mit seinem Oberkörper auf ihren Rücken und lauschte nach ihren Herzschlägen, die zunächst noch wild tanzten, doch je länger sie so lagen, begannen sie wirklich im gemeinsamen Takt zu schlagen. Er genoss diesen Moment synchronisierte willentlich seinen Atem mit ihrem und fühlte sich in diesem Moment, wie eins mit ihr.

Dann wollte er sie aber nicht mehr länger belasten. Er richtete sich auf. Sein erschlaffter Penis, an dem das gefüllte Kondom baumelte, rutschte aus ihrer immer noch nassen Grotte, und er machte sich daran das weiße Seil zu lösen.

Fiona riss ihre Arme zur Seite und sagte: »Nein, lass! Es fühlt sich so gut an, deine Gefangene zu sein.«

Ben entsprach ihrem Wunsch, stand auf und nahm sie auf die Arme. Die Reihe der abgedeckten Kisten war lang und breit genug, um sich eng aneinandergeschmiegt, darauf legen zu können. So legte Ben Fiona behutsam ab und schmiegte sich in der Löffelchenstellung an sie, griff hinter sich nach der herabhängenden Plane und warf sie über.

Es war alles andere als kalt und die Plane nur grobes Plastik und doch gab es ein wunderschönes Gefühl der Geborgenheit, sich in sei einzukuscheln. So lagen sie eine ganze Weile, bis in Ben eine Frage erwachte.

»Wenn du lieber die Gefangene bist, warum wolltest du dann eigentlich erst mich fesseln?«

»Wollte ich nicht«, antwortete Fiona. »Aber als du mir deine Hände entgegen gestreckt hast. - Na ja, ist schon ein Vertrauensbeweis, sich so auszuliefern, oder? Und wenn du dich traust, dich mir auszuliefern, wächst natürlich auch mein Vertrauen in dich.«

»Hättest du das nicht gleich sagen können?«, warf Ben ihr mit erleichtertem

Lachen vor.

»Wieso?«

»Weil ich die Hosen gestrichen voll hatte.«

Sie reckte den Kopf zu ihren Sachen und scherzte: »Nein, das wäre mir aufgefallen.«

Sie schmiegten sich wieder an einander und er spürte, dass ihre Hände wieder nach seinem Penis suchten.

»Wie lange dauert es eigentlich bis du...?« Sie beendete die Frage mit einem sanften Griff um sein bestes Stück.

»Hab nie auf die Uhr geschaut«, entschuldigte sich Ben. »Wieso?«

»Weil ich eigentlich ein ganz bisschen enttäuscht bin.«

Bens Herz blieb stehen. Was hatte er jetzt falsch gemacht?!?

Sie drehte sich, soweit es ihre gefesselten Arme zuließen, zu ihm und schaute ihm ins Gesicht.

»Eigentlich hatte ich ja gedacht, zu einem wirklichen Skavinnendienst herangezogen zu werden?«

»Wirklicher Sklavinnendienst?«, wiederholte Ben.

Ihre Zungenspitze schob sich keck zwischen ihre Lippen und leckte lasziv über ihre Oberlippe.

Das verkürzte die Wartezeit auf die nächste Runde auf Sekunden.

 

                                                    *****

 

»Dann entschuldigen Sie bitte die Störung«, sagte Ben und drückte resignierend auf die Taste mit dem roten Hörersymbol.

»Wolltet ihr nicht langsam losfahren?«, rief seine Mutter die Treppe hinauf.
Ben schaute auf die Uhr. Eigentlich hatte er Fiona versprochen, in diesem Moment vom Hof zu fahren. Er hatte sein Sparbuch ein bisschen geplündert und für Fiona und sich für die Herbstferien ein Haus in Dänemark gemietet. Zwei Wochen nur mit ihr zwischen einem Wohnzimmer voller Balken und einem Schlafzimmer mit den geeignetsten Bettpfosten. Er hatte den heutigen Tag kaum abwarten können. Eigentlich konnte er es auch jetzt kaum erwarten, endlich ins Auto zu steigen, Fiona aus ihrer Wohngruppe abzuholen und endlich gen Norden zu brausen. Doch heute Nacht, als er vor Glück kaum schlafen konnte, hatte ihn der Gedanke ereilt, dass sie, die all das möglich gemacht hatte, nichts von seinem Glück wusste.

Sicher gab es nicht viele Männer, die ihre Exgespielinnen anriefen, um ihnen zu sagen, wie glücklich sie mit ihrer neuen Freundin waren; und wenn es jemand tat, dann sicher aus Hass und Rachegefühlen.

Doch SIE war so anders. Irgendwie hatt Ben das Gefühl, SIE habe ein Recht darauf, es zu erfahren - und er war sich sicher, SIE würde sich für ihn freuen.
Zu dumm, dass er keinerlei Kontaktdaten von IHR besaß. Ben konnte es selber kaum fassen. Sie hatten die unglaublichsten - und unanständigsten Sachen miteinander getrieben. Aber es hatte nur wenig Worte gegeben. Das tat auch nicht nötig. Sie hatten quasi körperlich kommuniziert. Liebe zu machen, war ihnen wichtiger gewesen, als darüber zu sprechen. Selbst beim Abschied, an den Ben sich nur voller Dankbarkeit erinnerte, hatte niemand daran gedacht, eine E-Mailadresse oder Skypekontakt oder was es sonst noch alles gab, auszutauschen. Bei Facebook oder Instagram hatte er SIE nicht gefunden. Unter ihrem richtigen Namen war sie dort zumindest nicht angemeldet. Seine Eltern hatten mit ihren auch keine Adressen getauscht. So hatte er nur den Namen und die Information, dass sie aus der Nähe von Hamburg kam, und die Metropolregion Hamburg war groß. Degenhard war zwar kein Allerweltsname, aber so selten gab es ihn auch nicht. Also blieb Ben nichts anderes übrig, als sich auf der Karte mögliche Orte herauszusuchen und alle Telefonnummern, die die Internettelefonauskunft ausspuckte, aufzuschreiben und abzutelefonieren. Er schaute auf seine Liste. Eine Nummer noch. Lohnte es sich? Seine Hoffnungen waren gering. Vor allem weil er ja nicht einmal sicher sein konnte, dass die Familie Degenhard, die er suchte, überhaupt im Telefonbuch stand.

Er seufzte. Würde er diese Nummer aber auslassen würde er sich den ganzen Urlaub fragen, ob es nicht vielleicht doch die richtige sein könnte.

»Einen Anruf noch«, antwortete er seiner Mutter.

»Du telefonierst schon den ganzen Vormittag. Was gibt es denn soo Wichtiges?«

»Nichts, Mama, ich fahr gleich los.«

»Nicht, dass Fiona noch warten muss. Sie ist so ein hübsches Mädchen.«

»Ja, Mama.«

»Du hättest sie doch überreden sollen, hier zu wohnen, so lange ihr Vater in der Therapie ist.«

Ben verdrehte die Augen. Ein Schreigespräch von ersten Stock durch eine geschlossene Tür ins Erdgeschoss kam ihm anstrengend und lästig vor. Er kam ja gleich nach unten.

»Sie wollte nicht«, rief er, »das hat sie dir selber erklärt.«

Endlich gab seine Mutter Ruhe. Er tippte die letzte Nummer ein. Das Rufzeichen erklang.

»Degenhard.«

Ben erkannte die Stimme sofort.

»Frau Degenhard?«

Die Gesprächspartnerin erschrak über diesen heftigen Ausruf und wusste offenbar nicht genau, wie sie darauf reagieren sollte.

»Ähm, ja.«

»Entschuldigung«, besann Ben sich. »Hier ist Ben, Benjamin Weber, vielleicht erinnern Sie sich noch an mich, aus dem Urlaub.«

»Ja, natürlich, Ben. Ist etwas passiert?«

Eine Frage nach seinem Befinden hätte er verstanden, aber ob etwas passiert sei? Damit konnte er nichts anfangen. Andererseits war es natürlich merkwürdig, wenn ein Junge, der mit der eigenen Tochter eine wilde Urlaubsromanze hatte, erst gut zwei Monate nichts von sich hören lässt und dann aus heiterem Himmel anruft. Ben räusperte sein Unbehagen über diesen Gedanken weg und räumte ein: »Ja, Sie sind sicher überrascht von mir zu hören; also, jetzt erst, meine ich. Es ist mir auch total peinlich, aber Sabrina und ich haben irgendwie  vergessen, irgendwelche Kontaktdaten auszutauschen.«

»Ach«, rief Frau Degenhard, »das wusste ich nicht. Und ja, ich bin überrascht von dir zu hören, denn ich hätte gedacht, Sabrina hat schon Kontakt zu dir aufgebaut, jetzt wo sie in Frankfurt ist.«

»Sabrina ist in Frankfurt?«

»Ja, schon fast sechs Wochen. Wir waren genau zwei Tage von den Philippinen zurück, da verkündete sie,. dass sie vor dem Studium noch ein soziales Jahr machen wolle. - Also, sie ist ja fertig mit der Schule, wegen dieses Turboabis. - Na ja, und dieses soziale Jahr wollte sie unbedingt in Frankfurt machen. Ich hab gedacht, das hätte etwas mit dir zu tun.«
Ben war völlig perplex. Sabrina in Frankfurt; seit zwei Monaten.
»»Äh, ja, na ja«, stammelte er und bemühte sich seine Gedanken zu sortieren. »Wo wohnt sie denn. Dann kann ich sie hier ja anrufen. Ach nein, anrufen ist ja schlecht. Aber vielleicht kann ich sie besuchen.«

»Klar, Moment, die Adresse ist etwas komplizierter.« Ben hörte Frau Degenhard kramen. Sie sprach, während sie suchte. »Also, sie wohnt da in dem Schwesternheim natürlich.«

»Schwesternheim?«

»Ja, sie macht ihr soziales Jahr als Krankenpflegerin.«

Ben stutzte.

»Doch nicht etwa im Markus Krankenhaus?«

Frau Degenhard hörte auf zu suchen.

»Doch. Ist das so berüchtigt dafür?«

»Nein, nein, das nicht, aber sagen Sie: Sie macht diesen Dienst nicht etwa auf der psychiatrischen Station?«

»Woher weißt du jetzt das?«

Ben ließ sich in die Lehne seines Drehstuhls sacken. Nun wurde ihm alles klar und er fragte sich, warum er nicht gleich darauf gekommen war.
Welche Krankenschwester brachte es schon fertig, sich stumm neben einen zu setzen und nur dadurch eine nahezu uneingeschränkte Zuversicht zu wecken? Und mit Sicherheit hatte auch kein Psychologe dafür gesorgt, dass ein chronisch therapieunwilliger Alkoholiker über Nacht seine Meinung änderte. Und wer, wenn nicht SIE, konnte ein Seil aus seinen Träumen aus der Kitteltasche ziehen.

Ben musste über sich selbst lachen.

»Benjamin?«

»Alles in Ordnung, Frau Degenhard. Sie hat Kontakt aufgenommen.«

»Jetzt doch?«

»Auf ihre Weise. - Sie wissen schon...«

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