Don't Judge Me 4

~
~

 

Kapitel 4

“Meine Mitbewohnerin weiß wo ich bin. Ich habe Pfefferspray in der Tasche und wenn ich mich nicht jede halbe Stunde bei ihr melde, wird sie wissen dass mir etwas passiert ist und die Polizei rufen. Ich habe ihr die Adresse gesagt und sie hat 110 in der Kurzwahlliste eingespeichert!” Die Worte sprudelten in atemberaubender Geschwindigkeit aus mir heraus.

“Dir auch einen schönen guten Tag.” Vor mir im Türrahmen lehnte Richard, seine eisblauen Augen auf mich gerichtet mit einem überheblichen Grinsen im Gesicht.
Ich atmete tief durch und klammerte mich an den Griff meiner Handtasche, als sei er ein Rettungsring, während ich tapfer zurück starrte. Ja, ich hatte mich entschieden, Christinas so genannte “Einladung” anzunehmen und zu ihnen zu fahren. Als ich morgens aufgewacht war, hatte ich einsehen müssen, dass es eigentlich keine wirkliche Alternative gab. Die beiden hatten mich schon viel zu sehr um ihren Finger gewickelt. Ich war nicht naiv genug um zu glauben, dass es hier tatsächlich nur um einen Job ging, aber ich war einfach viel zu neugierig. Ich konnte nicht leugnen, dass mein Kopfkino den ganzen Tag über höchst erotische Szenarien gesponnen hatte, von denen keins auch nur im Geringsten mit Putzen zu tun hatte.

“Es freut mich, dass du gekommen bist. Komm doch rein.” Er trat zur Seite und machte eine einladende Geste ins Innere des Flures. Ich atmete noch einmal tief durch. Jetzt bloß keinen Rückzieher machen.

“Wenn du mir blöd kommst, bin ich gleich wieder weg!” Er hob eine Augenbraue, ließ das Gesagte aber unkommentiert. Es fühlte sich überraschend natürlich an, sich mit ihm zu duzen. Da er das so selbstverständlich getan hatte, sah ich ebenfalls keinen Grund, weiter an der Förmlichkeit festzuhalten.
Ich konnte meinen Herzschlag praktisch auf der Zunge schmecken als ich an ihm vorbei trat. Unsicher stand ich da und klammerte mich weiterhin an meiner Tasche fest, was ihn zu amüsieren schien.

“Du darfst deine Jacke und deine Schuhe ruhig ausziehen.” Ich hasste diesen Spott in seiner Stimme, verkniff mir aber den Kommentar. Stattdessen stellte ich meine Sachen ab und zog meine Sachen aus. Nervös bemerkte ich, wie sich die feinen Härchen auf meinen Armen aufstellten, weil ich ihn ganz genau in meinem Rücken spürte, so als würde er mich mit seinen Blicken berühren.

“Du siehst gut aus.” Ich trug eine schlichte Jeans und eine weinrote Bluse, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er nicht bloß meine Klamotten meinte. Natürlich wurde ich prompt wieder rot.

“Danke.”

“Lass uns ins Wohnzimmer gehen.” Er trat an mir vorbei und ging den Flur entlang, ich folgte ihm unsicher. Im Wohnzimmer stockte ich kurz. Es sah…anders aus, als ich es erwartet hätte.
Was ich bisher von Richard und Christina erlebt hatte, war immer sehr kalkuliert und berechnend gewesen, was vermutlich auch der Grund war, weshalb ich damit gerechnet hatte, dass auch ihr Haus sehr klinisch und kalt sein würde, aber dem war überhaupt nicht so. Der Raum war in sehr warmen Farben gehalten. Die Tapeten hatten einen warmen Terracotta-Farbton, der perfekt durch die voluminösen gelben Vorhänge ergänzt wurde. Still bewunderte ich ihre Stilsicherheit, denn ich war mir sicher, dass diese Farbkombination auch hätte daneben gehen können. Trotzdem sah der Raum nicht aus wie aus einem Möbelkatalog, sondern als würden hier tatsächliche Menschen leben. Der quadratische Teppich, ebenfalls in Braun- und Beigetönen, war leicht verrutscht, die Kissen waren unordentlich auf einer Seite des grauen Sofas gestapelt, vor dem Fernseher lagen einige offene DVD-Hüllen herum, einige der Topfpflanzen hatten schon braune Blätter und überall standen Bilderrahmen und es lagen Bücher herum. Es war…gemütlich. Man konnte es einfach nicht anders sagen.
Mein Blick fiel auf Christina. Sie saß auf der grauen Couch, die Füße angewinkelt, umringt von einer Unmenge bedruckter DIN A4-Zettel. Sie schien uns gar nicht bemerkt zu haben, sondern war völlig in ihre Arbeit vertieft. Sie trug eine Lesebrille mit elegantem schwarzen Rahmen und hatte die Stirn gerunzelt, während sie gedankenverloren mit der Kappe eines roten Stifts spielte. Sie stieß ein frustriertes Knurren aus.

“Wie ich das hasse, das ist Ironie und kein Sarkasmus!” Als hätte sie soeben jemanden bei einem Kapitalverbrechen ertappt, zückte sie ihren Stift und markierte etwas in dem Text den sie gerade las. Ich konnte nicht anders, als leise zu lachen. Es sah…einfach niedlich aus, wie sie da saß und sich über ihre Arbeit aufregte. Sie blickte auf.
In meinem Bauch flatterten kleine Schmetterlinge umher, als sich ein breites Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Ohne lange zu zögern legte sie die Blätter beiseite und stand auf.
Kurz dachte ich, sie würde mich wieder küssen, doch stattdessen zog sie mich in eine weiche Umarmung. Ich hatte kaum Zeit richtig zur Kenntnis zu nehmen, da löste sie sich schon wieder von mir.

“Wie schön, dass du gekommen bist. Ich gebe zu, dass ich ein bisschen daran gezweifelt habe, ob du tatsächlich auftauchst.” Unsicher zuckte mein Blick zwischen Richard und ihr hin und her. Hatte sie ihm erzählt, was gestern Abend passiert war?

“Ja, ich war mir auch den ganzen Tag sehr unsicher, ob ich auftauchen würde.”, log ich und schenkte ihr ein breites Lächeln, ich konnte einfach nicht anders. Ohne genau benennen zu können, was es war, wusste ich, dass sich etwas in ihrem Blick verändert hatte. Sie lehnte sich an mich und bevor ich wusste wie mir geschah, vergrub sie die Hand in meinen Haaren und zog mich an sich. Unsere Lippen trafen aufeinander und elektrisierten mich, genau wie sie es schon gestern Abend getan hatten. Sie roch unglaublich gut und schmeckte noch viel besser.
Ich zuckte zusammen, als sie mit einem Mal an meinen Lippen quietschte und mit einem Ruck zurückwich. Ich blinzelte hastig und sah, dass Richard seine Hand in ihren Hinterkopf gekrallt und sie anscheinend zurück gerissen hatte.

“Christina.”, brummte er warnend. “Was denkst du eigentlich, was du da machst!?” Für einen kurzen Moment verkrampfte sich mein Magen und ich befürchtete, dass er ernsthaft wütend war und ihr jetzt vorwerfen würde, ihn zu betrügen oder so.

“Wenn du so weiter machst, wirst du entweder mit Pfefferspray angegriffen oder unser Gast rennt uns schreiend davon. Reiß’ dich gefälligst ein bisschen zusammen!” Er schrie sie nicht an, aber das brauchte er auch gar nicht, die Worte verfehlten ihre Wirkung ganz und gar nicht, das konnte ich deutlich in ihrem Gesicht sehen. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und schaute Richard mit in den Nacken gelegtem Kopf an, ihre Lippen waren leicht geöffnet und ihre Wangen gerötet.

“Entschuldige, Richard.”, hauchte sie und er ließ ihre Haare los.
“Mhm.”, brummte er und trat einen Schritt von ihr weg, so als sei nichts vorgefallen. Ich schluckte.
Als ich mein Gewicht leicht verlagerte, spürte ich ganz deutlich zwischen meinen Beinen, dass diese kurze Szene alleine schon ausgereicht hatte, um mich unglaublich an zu machen. Er wandte sich wieder mir zu.

“Bitte entschuldige die mangelnde Selbstbeherrschung meiner Freundin, ich hoffe natürlich, dass du jetzt nicht schreiend aus dem Haus rennst.” Da ich nicht das Gefühl hatte, meiner Stimme trauen zu können, schüttelte ich einfach nur stumm den Kopf, aber er nickte zufrieden.
Ich hörte, wie Christina die Nase rümpfte, aber als Richard sie mit diesem einen speziellen Blick ansah, den ich auch schon mehrfach von ihm bekommen hatte, wandte sie sich schnell ab.

“Ich setze dann mal den Kaffee auf.”, murmelte sie und huschte aus dem Raum.

“Soll ich dir in der Zwischenzeit das Haus zeigen?” Wieder nickte ich nur. Diesmal runzelte auch er die Stirn.

“Weil das dein erster Tag hier ist, lasse ich dir das durchgehen, aber ich möchte dass du weißt, dass ich es extrem unhöflich finde, wenn mir jemand nicht auf meine Fragen antwortet.” Stumm starrte ich ihn an.

“Was ist? Gar keine dummen Sprüche mehr auf Lager?” Ich schnaubte.

“Dein gigantisches Ego verschlägt mir einfach immer wieder die Sprache.” Ein schmutziges Lächeln breitete sich auf seinen sinnlichen Lippen aus.

“Oh du hast ja keine Ahnung, wie sehr meine Handflächen gerade kribbeln.”

“Wie bitte?”

“Komm, fangen wir oben an.” Die Spannung die sich zwischen uns aufgebaut hatte, brach abrupt, als er mir bedeutete, ihm in den Flur und die Treppe hoch zu folgen. Beim Gehen wurde mir wieder bewusst, wie gespannt ich war.
Kurz grübelte ich darüber nach, wann ich das letzte Mal so feucht gewesen war, dass man es an meinen Oberschenkeln hätte sehen können.
Vom Flur im oberen Stockwerk gingen drei Türen ab.
Richard deutete auf die Tür, die der Treppe gegenüber lag.

“Dort ist das Badezimmer und hier links ist das Schlafzimmer.” Ich wollte gerade fragen, was denn hinter der rechten Tür läge, da hielt er mir auch schon die Schlafzimmertür auf. Ich fand es ein wenig befremdlich, dass er mich einfach so in das Schlafzimmer der beiden ließ, aber wenn ich hier putzen sollte, würde ich vermutlich ohnehin öfter dort sein.
Das Schlafzimmer war schon eher so, wie ich es mir bei den beiden vorgestellt hatte. Hier dominierten die Farben braun-grau in Kombination mit einem kühlen türkis-blau. Der Boden bestand aus dunklem Laminat, doch die meiste Bodenfläche wurde von einem riesigen weißen Flauscheteppich bedeckt. An der Mitte der Wand mir gegenüber stand ein riesiges Bett mit Holzrahmen.
Die schlichte hellblaue Bettwäsche war ordentlich gefaltet und die vielen Kissen waren einladend am Kopf des Bettes drapiert worden.
Mein erster Gedanke war, dass das Bett so groß war, dass selbst drei Personen gemütlich darin Platz finden würden, was dazu führte, dass ich sofort wieder rot wurde. Verglichen mit dem Wohnzimmer war dieser Raum eher schmucklos, mit zwei Nachttischen, einer Kommode und einem großen Spiegel mit breitem Rahmen, die alle zum Holz des Bettes passten. Vermutlich hätte man das Zimmer auch so in einem IKEA-Katalog finden können.
Das einzige was tatsächlich wahllos herum zu liegen schien, war ein unscheinbares Metallobjekt auf dem linken Nachttisch. Obwohl es mich ja wirklich überhaupt nichts anging, konnte ich nicht verhindern, dass Neugierde mich dazu bewegte, einen Schritt näher ans Bett heranzutreten. Ich verengte die Augen zu Schlitzen und versuchte unbemerkt zu erkennen, was es war. Richard hatte meinen Blick natürlich bemerkt.

“Oh, ups, die müssen wir heute Morgen vergessen haben.” Er machte einen schnellen Schritt an mir vorbei und ließ, was ich mittlerweile ganz klar als Nippelklemmen identifiziert hatte, in seine Hosentasche gleiten - mit einer Geschmeidigkeit, die andeutete, dass es für ihn durchaus alltäglich war, Nippelklemmen in der Tasche verschwinden zu lassen. Ich schluckte. Mein Mund war ganz trocken geworden und irgendetwas sagte mir, dass er die dort keineswegs “vergessen” hatte, sondern dass er meine Reaktion testen wollte. Folglich bemühte ich mich, überhaupt keine Reaktion zu zeigen, was gar nicht so einfach war.
Er beobachtete mich eine Weile schweigend, bis er anscheinend gesehen hatte, was er sehen wollte.
Mit einem zufriedenen Nicken bedeutete er mir, ihm zu folgen.
Das Badezimmer war überraschend geräumig und nicht so kalt-weiß, wie ich es von Badezimmern gewohnt war, sondern in warmen Beigetönen gehalten. Das Holz der Schränke hatte ein tiefes warmes Braun und die Oberflächen hatten Marmoroptik, sodass das Ganze sehr edel wirkte. Richard zuckte mit den Schultern.

“Nichts Besonderes. Ein Badezimmer eben.” Ich begann, ein bisschen besser zu verstehen, warum sie jemanden suchten, der hier putzen konnte. Bei den ganzen scheinenden Oberflächen sah man Fingerabdrücke und Staub vermutlich unglaublich schnell.
Erstaunlicherweise musste ich feststellen, dass ich den Gedanken, hier sauber zu machen gar nicht mehr so abstoßend fand, jetzt da ich gesehen hatte, dass die beiden tatsächlich sehr ordentliche Menschen waren und ich nicht irgendwie angeekelt war von der Art und Weise wie sie lebten.
Wir gingen wieder auf den Flur hinaus und auf die Treppe zu. Bevor ich es verhindern konnte, fragte ich: “Und was ist hier drin?” Ich deutete auf die Tür zu meiner Linken.
Richard blieb stehen und warf mir einen kalkulierenden Blick zu, so als müsse er sich erst gut überlegen wie er am besten antworten sollte. Schließlich zuckte er mit den Schultern und ging zu der Kommode, die neben der Tür stand. Zu meiner Überraschung hob er den kleinen Blumentopf an, der dort stand und holte einen kleinen Schlüssel darunter hervor. Er grinste als er meinen verwirrten Gesichtsausdruck sah.

“Dieses Zimmer”, erklärte er. “Hat immer abgeschlossen zu bleiben. Du würdest uns einiges an Arbeit abnehmen, wenn du dich bereit erklären würdest, hier drinnen auch zu putzen, aber wenn du das nicht möchtest, würden wir das natürlich auch verstehen.” Den letzten Teil sagte er todernst, doch ich erwiderte nichts. Ich war unglaublich gespannt, während mich eine düstere Vorahnung erfüllte.
Er steckte den Schlüssel ins Schloss und mit einem unheilvollen Klicken entsperrte er die Tür. Meine Befürchtungen wurden nicht enttäuscht.

“Oh wow.”, rutschte es mir heraus als ich den Raum betrat. Dieses Zimmer würde man garantiert in keinem Möbelkatalog finden! Der helle Laminatboden und die dunkelrot gestrichenen Wände stellten den stärksten farblichen Kontrast da, den ich bisher in diesem Haus gesehen hatte.
Der Raum wurde mit von einer gedimmten Deckenlampe warm ausgeleuchtet und vor dem Fenster hingen schwarze durchscheinende Vorhänge. Was allerdings wirklich spektakulär war, war die Einrichtung. An der Wand rechts von uns stand eine schwarze Ledercouch, neben der ein hoher Stapel roter Kissen lag. In der Mitte des Raumes stand etwas, was für mich aussah wie eine Apparatur aus dem Sportunterricht. Es war wie ein Bock, mit einer Art unteren Stufe auf einer Seite. Damit man sich darüber beugen kann, schoss es mir durch den Kopf. Hinten links stand ein großes hölzernes X mit jeweils vier breiten Ösen an jedem Balken. Ein Andreaskreuz. An den Wänden waren reichlich Haken angebracht, an denen verschiedene Dinge hingen, ich erkannte verschieden Peitschen, Ballknebel und Anderes was ich sonst nur aus Filmchen kannte. In der Ecke links neben mir stand etwas was aussah wie ein schmaler Schirmständer mit einer Vielzahl dünner Stöcke darin. Ich erschauerte. Daneben stand eine Box, die anscheinend bis zum Rand mit Seilen gefüllt war. Was sich in der Kommode neben dem Kissenstapel befand, konnte ich nur erraten.  

“Hm.” Ich blinzelte. Ich war so in meine Beobachtungen vertieft gewesen, dass ich ganz vergessen hatte, dass Richard auch noch mit im Raum war. Er wirkte besorgt. “Ich hätte schwören können, dass du schon Veteranin auf dem Gebiet bist, aber wenn ich mir deinen Gesichtsausdruck so anschaue…” Er schien sich ernsthaft Sorgen zu machen, mir einen lebensgefährlichen Schock verpasst zu haben, was irgendwo niedlich war.

“Was ist denn das?”, fragte er mit einem Mal und deutete auf einen der Gegenstände, die an der Wand hingen.

“Ein Paddel.”, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte. Ich biss mir auf die Zunge. Wieso musste ich mich immer und überall beweisen wollen! Erleichterung zuckte durch sein Gesicht, bevor er triumphierend grinste.

“Wusste ich es doch!” Dann wurde er wieder ernst. “Aber mal ehrlich, dir war doch schon klar, was für eine Art von Beziehung Christina und ich führen, oder nicht?” Ich blickte ihn überlegend an. War mir das klar gewesen? Ich ließ unsere vorherigen Begegnungen Revue passieren. Ich dachte darüber nach, wie sie auf ihn im Restaurant reagiert hatte, wie er sie unter dem Tisch gefingert hatte, wie sie ihn gestern als Spielkind bezeichnet hatte. Ich dachte an die sexuelle Spannung die sich sofort zwischen uns aufbaute, sobald ich ihm widersprach. Ja, ich musste zugeben, dass mir irgendwo schon klar gewesen war, dass die beiden speziellere Vorlieben hatten, auch wenn mir nicht klar gewesen war, wie speziell.
Ich nickte.

“Antworte mir bitte.” Er sprach sogar noch leiser, als zuvor, aber seine Worte gingen mir direkt unter die Haut.

“Ja.”, krächzte ich. “Also ganz blind bin ich ja auch nicht.” Er lächelte.

“Und trotzdem bist du heute hergekommen?” Vielleicht genau deswegen!
Ich nickte, sagte dann aber schnell: “Ich gebe zu, dass ihr mich neugierig gemacht habe. Ihr seid nicht monogam, richtig?” So, ich hatte sie gestellt. Die Frage, die mich schon beschäftigt hatte, seit wir uns das erste Mal gesehen hatten.  Er grinste dreckig.

“Wie kommst du bloß darauf?” Auch ich musste grinsen. Er kam auf mich zu und es kostete mich Einiges, nicht zurück zu weichen. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie viel größer er war als ich. Doch er küsste mich nicht und fasste mich auch sonst auf keine Weise an, schaute nur auf mich hinab.

“Kaffee ist fertig!” Christinas Stimme durchbrach den Moment und wir wandten den Blick voneinander ab. Ich räusperte mich und trat nun doch einen Schritt zurück, nur um mich dann herum zu drehen und das Zimmer zu verlassen.

 

“Richard!” Ich zuckte angesichts der Schärfe in Christinas Stimme zusammen, als Richard und ich den Esszimmerbereich betraten. Die Farbgebung war hier ähnlich wie im Wohnzimmer und ich konnte einfach nicht anders, als mich auf Anhieb wieder wohl zu fühlen.
Als müsste er sich vor ihr verteidigen, verschränkte er die Arme vor der Brust, aber Christina funkelte ihn weiterhin bitterböse an. Ich hatte definitiv das Gefühl, etwas zu verpassen.

“Was ist denn?”, fragte ich also etwas ungeduldig. Mit mehr Kraft als vermutlich notwendig gewesen wäre, stellte Christina die volle Kaffeekanne auf dem Tisch ab.

“Ich seh’ doch an deinem Gesichtsausdruck, dass er dir unser Hobbyzimmer gezeigt hat!”

Hobbyzimmer?” Ich schnaubte. Wohl eher Folterkammer!

“Wir hatten gesagt, dass wir dir das erst zeigen, wenn du dich hier eingewöhnt hast.”, zischte sie und funkelte ihren Freund weiterhin an. Das war das erste Mal, dass ich erlebte, wie auch sie mal ihm gegenüber die Krallen ausfuhr.

“Vorsicht meine Liebe, ich weiß, dass wir etwas anderes abgemacht haben, aber vergreife dich nicht im Ton.” Aus dem Augenwinkel sah ich, wie seine Hand unbewusst in seine Hosentasche wanderte. Die Drohung in seiner Stimme hätte mich wahrscheinlich nur noch mehr angestachelt, doch Christinas Gesicht wurde sofort weicher und sie blickte zu Boden.

“Entschuldige, ich wollte nicht respektlos sein. Ich mache mir bloß Sorgen.”

“Entschuldigung angenommen. Setzt euch.” Zum zweiten Mal heute wurde ich Zeugin eines unglaublich intensiven Austausches zwischen den beiden, den Richard dann aber beendete, indem er auf die hölzernen Esszimmerstühle deutete und sich ebenfalls setzte.

 

Schweigend goss er uns beiden Kaffee ein. Ich war stumm überrascht, dass er uns bediente, das hätte ich seinem übergroßen Ego gar nicht zugetraut. Er tat auch jedem von uns ein Stück Kuchen auf und eine Weile aßen wir schweigend.

“Du hast keine Ahnung wie überrascht ich war, dich in der Uni zu sehen.”, sagte Richard nach einer Weile und lächelte mir zu. Nicht überheblich, nicht schmutzig und nicht verschlagen, sondern ganz ehrlich und offen.

“Das beruht auf Gegenseitigkeit.”, erwiderte ich und dachte mit einem Lächeln an seinen geschockten Gesichtsausdruck, als sich unsere Blicke getroffen hatten.

“Ich weiß nicht ob Christina dir das erzählt hat, aber ich habe versucht, in dem Restaurant beim Bahnhof deine Kontaktdaten zu erfragen, aber mir wurde gesagt, du würdest dort nicht mehr arbeiten. Damit hatte ich die Hoffnung dann praktisch aufgegeben, dich wiederzusehen.”
Ich nickte.

“Ja, ich bin noch in der gleichen Woche gefeuert worden.” Und so erzählte ich die Geschichte wie ich meinen Job verloren hatte. Als ich geendet hatte, schaute Richard mich ernst an.

“Dieses Schwein hat dich begrapscht und dein Chef feuert dich dafür!?” Ich zuckte mit den Schultern.

“Ganz ehrlich, wenn er mich deswegen nicht rausgeschmissen hätte, hätte er zwei Wochen später einen anderen Grund gefunden.”

“Das mag sein, aber es ist trotzdem nicht in Ordnung, derart respektlos mit jemandem umzugehen!” Ich hätte gerne etwas Spöttisches erwidert, ihn daran erinnert, dass er an genau demselben Tisch gesessen und mir das Höschen seiner Freundin zugesteckt hatte, aber etwas sagte mir, dass er im Moment überhaupt nicht zu Scherzen aufgelegt war. Wieder machte ich nur eine undefinierbare Geste.

“Das brauchst du mir nicht zu erzählen, aber ich hatte ganz ehrlich keine Lust einen Aufstand zu proben und dabei genau zu wissen, dass das eh langfristig nichts bringt.”

“Immerhin hast du ihm ordentlich eine verpasst.”, meinte Christina, die mir gegenüber saß, und zwinkerte mir zu. Ich grinste zurück.

“Das stimmt.”

Wie unterhielten uns noch eine Weile über Gott und die Welt und ich begann, mich langsam aber sicher an die Gegenwart der beiden zu gewöhnen und meine Nervosität ebbte langsam ab.
Als die Kaffeekanne geleert und der Kuchen fast komplett aufgegessen war, fragte Christina: “Also, wie sieht es aus? Hast du dir überlegt, ob du unser Angebot annehmen willst?”

“Wie, das war ernst gemeint?” Verständnislos blickte ich zwischen den beiden hin und her, die prompt schallend anfingen zu lachen. Ich hatte mich eigentlich mit dem Gedanken abgefunden, dass diese ganze Job-Sache nur ein Vorwand gewesen war, um mich “hier her zu locken” und mir ein wesentlich unmoralischeres Angebot zu machen. Spätestens als Richard mir ihr so genanntes Hobbyzimmer gezeigt hatte, hatte ich meinen Verdacht bestätigt gesehen.

“Was dachtest du denn? Dass wir dich unter falschen Vorwänden hierher locken…um dann was zu tun?”

“Naja…” Meine Wangen glühten vor Scham und ich machte eine vage Geste in Richtung der Zimmerdecke. Gleichzeitig wurde ich auch ein bisschen wütend. Die beiden taten ja gerade so, als sei das so extrem abwegig!

“Du bist verdammt niedlich, hat dir das schon mal jemand gesagt?” Richards Augen blitzten amüsiert. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Niedlich!?

“Pft.”, machte ich nur und beobachtete die beiden schweigend, während sie sich wieder fingen und aufhörten zu lachen.

“Nein Greta”, ich erschauerte, als er meinen Namen sagte. “Unser Angebot ist durchaus ernst gemeint. Wir haben beide sehr zeitaufwendige Berufe und wie du ja jetzt gesehen hast, gestalten wir unsere Freizeit auch gerne sehr zeitintensiv und sich da vorher noch immer um den Haushalt kümmern zu müssen, ist auf Dauer eher lästig. Außerdem bin ich mir sicher, dass dir das Geld auch nicht wehtun würde, oder?” Er hatte einen wunden Punkt getroffen. Ja, das Geld würde ganz und gar nicht weh tun.

“Also alles komplett ohne Hintergedanken?”, hakte ich noch einmal nach, nur um sicher zu gehen. Ich spürte, wie sich unwillkommene Enttäuschung in meinem Bauch breit machte.

“Oh nein Süße, alles mit Hintergedanken, aber alles ohne Zwang. Wir haben alle Zeit der Welt. Lass uns mal erst einmal abwarten wie wir drei zusammen harmonieren, bevor wie den nächsten Schritt wagen, hm?” Die Schmetterlinge in meinem Bauch machten einen Satz. Also wollten sie doch…der Gedanke erregte mich extrem und ich spürte die bekannte Hitze zwischen meinen Beinen.
Ich nickte.

“Heißt das, du möchtest für uns arbeiten?”, fragte Christina und ihre Augen strahlten ehrliche Freude aus.

“Ja, ich denke das möchte ich.”, erwiderte ich und hatte gleichzeitig das Gefühl, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben.  

Bewertung gesamt: 
Average: 6 (1 vote)
Mit einem Klick den Gesamteindruck dieser Geschichte beurteilen.

Hier kannst du einzelne Gesichtspunkte der Story bewerten.
Bewerte die Handlung, die Idee der Geschichte.
Wie findest du den Schreibstil
Beurteile die Rechtschreibung und die Form
Wird das Thema BDSM gut beschrieben und wie erotisch findest du die Geschichte