Don't Judge Me 2+3

~
~

 

Kapitel 2

 

Mr. und Mrs. Arrogant gingen mir den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf. Und auch als ich abends im Bett lag und meinen allseits bewährten Vibrator bemühte, konnte ich an nichts anderes denken als an die beiden.
Meine Träume waren unglaublich konfus in der Nacht, aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, konnte ich mich partout nicht mehr erinnern, was genau ich geträumt hatte - vielleicht war das auch besser so.

Auch während der Vorlesung drifteten meine Gedanken immer wieder ungewollt zu den beiden und in meinem Schritt breitete sich eine unangenehme Wärme aus.
Fast bereute ich es, ihm nicht meine Nummer gegeben zu haben. Andererseits war mir abends im Bett noch aufgefallen, dass ich ihm eigentlich den Freifahrtschein für meinen Rausschmiss in die Hand gedrückt hatte. Wenn er mit meinem Spruch unter dem Kassenbeleg zu meinem Chef ging, wär’s das für mich.
Nachdem ich den Gedanken eine Weile in meinem Kopf hin und her gedreht hatte, überkam mich eine eigenartige Sicherheit, dass er garantiert nicht zu meinem Chef gehen würde. Keine Ahnung warum, aber ich wusste es einfach.
Gleichzeitig ärgerte ich mich tierisch über meinen Stolz. Hätte ich ihm nicht einfach meine Nummer geben können? Und seine Freundin? Welche Rolle spielte sie bei dem Ganzen?
Ich hatte ewig keinen Sex mehr und hätte mich auch nicht gerade als Expertin auf dem Gebiet bezeichnet, aber selbst ich lebte nicht unter einem Stein. Ob sie wohl sowas Swinger waren? Partner, die sich gegenseitig mit anderen teilten? Bei dem Gedanken wurde mir ganz anders und ich war plötzlich doch froh, meine Nummer nicht herausgegeben zu haben.

“Ähm, Greta? Hallo?” Erschrocken fuhr ich zusammen. Leises Lachen brach um mich herum aus. Ich wurde natürlich mal wieder knallrot.

“Entschuldige Thorsten, was hast du gesagt?” Ich hatte mich hinreißen lassen und war mitten in meiner Stunde in Tagträume über Mr. und Mrs. Arrogant verfallen.

“Ich wollte nur nochmal wissen, warum das jetzt ein unechtes Unterlassungsdelikt und kein echtes ist. Das habe ich nicht so richtig verstanden.” Ich klickte in der Präsentation zwei Folien zurück und versuchte verzweifelt, den gestrigen Tag aus meinem Kopf zu verdrängen.

“Wir prüfen hier ein Unterlassen in Zusammenhang mit einem Totschlag. Dass das Unterlassen, das den Tod eines anderen Menschen zur Folge hat, sanktioniert wird, steht nicht ausdrücklich so im Gesetz, wir prüfen praktisch kombinierend, während zum Beispiel durch den §323, also der unterlassenen Hilfeleistung, explizit normiert ist, dass das strafbar ist.” Ich atmete tief durch und gab mein Bestes, mich voll und ganz auf die Erstsemester vor mir zu konzentrieren.
Sie waren nur Gäste in einem Restaurant gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Kein Grund, sich so aus der Fassung bringen zu lassen.

Ich musste direkt nach der AG wieder zur Arbeit. Diesmal war ich sogar zwanzig Minuten früher da und lungerte unsicher neben Jannik herum, der meine sprunghafte Laune überhaupt nicht nachvollziehen konnte.

“Was ist denn los mir dir? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.”

“Hm?” Ich hörte ihm gar nicht richtig zu. Wie gebannt ließ ich den Blick durch den Raum schweifen und blieb dabei immer wieder an Tisch sechs hängen, an dem heute zu meinem Bedauern allerdings nur eine Gruppe alter Damen saß.
Ich blieb dort stehen, bis mein Chef vorbei kam und mich wegscheuchte, damit ich mich umziehen ging.

Das gleiche Spiel wiederholte ich den Rest der Woche. Immer war ich viel zu früh da, in der Hoffnung die beiden abpassen zu können, doch sie kamen nicht noch einmal. Vermutlich hatte ich es mit meinem Scherz am Ende doch übertrieben, oder sie hatten nie ernsthaftes Interesse an mir gehabt. Am liebsten hätte ich mich für solche Gedanken geohrfeigt. Interesse. Wie klang denn das? Natürlich hatten sie kein Interesse an mir, genauso wenig wie ich eben an ihnen hatte.
In den nächsten Tagen zweifelte ich oft, ob ich noch ganz bei Verstand war.
Ich spielte hunderte Szenarien in meinem Kopf durch, wie sie mich fragten, ob ich mit ihnen einen heißen Dreier haben würde, die Frau, ich wusste nicht mal ihren Namen,die in der Unitoilette auftauchte und mich stürmisch küssend gegen das Waschbecken presste, der Mann, dessen Namen ist genauso wenig kannte, der neben mir in der Vorlesung saß und es mir mit den Fingern besorgte.
Langsam aber sicher wurde ich besessen. Ich fühlte mich wie eine Nymphomanin, die zu keinem Zeitpunkt des Tages an etwas anderes als an Sex denken konnte. Ich schämte mich. Vor mir selbst.

Genau eine Woche nach meinem Aufeinandertreffen mit Mr. und Mrs. Arrogant, arbeitete ich wieder. Diesmal saßen an Tisch sechs drei Männer. Sie konnten nicht viel älter als ich gewesen sein und sie waren absolut widerlich.

“Na Schnecke, was magst du uns denn heute schönes besorgen?”, fragte der eine, als ich an den Tisch herantrat.
Seine affenartigen Kumpanen grölten und einer klopfte dem anderen auf die Schulter. Innerlich verdrehte ich die Augen. Äußerlich blieb ich gelassen. Damit konnte ich umgehen. Mr. Arrogant hatte mich so aus der Balance geworfen, weil er mich in unbekanntes Terrain befördert hatte. Seine aufmerksame, arrogante und zugleich galante Art war mir unbekannt gewesen. Diese perversen Anmachsprüche kannte ich hingegen zu genüge. Als junge Frau konnte man eigentlich kaum noch irgendwo hingehen, ohne dass einem derartige Sprüche um die Ohren flogen. Wenn ich mal spät abends am Bahnhof auf meinen Bus wartete, war es eher die Regel als die Ausnahme, dass eine Gruppe Kerle auf mich zu kam, obszöne Gesten machten und mir Dinge zuriefen, die ich meist eh nicht verstand.

“Ich hätte gerne die Lasagne und den Blowjob unterm Tisch nehm’ ich noch dazu.” Wieder grölten die anderen, als hätte dieser Prolet den Witz des Jahrtausends gebracht. Ich ließ ihr Verhalten unkommentiert, sondern drehte mich weg um in die Küche zu gehen. In dem Moment landete eine Hand auf meinem Hintern. Ich wirbelte herum und starrte den Kerl, der mir auf den Hintern gehauen hatte, wütend an.
Er war groß und schlaksig,hatte sich einen Ziegenbart stehen lassen, vermutlich in der Absicht, dadurch älter auszusehen, und sah aus, als sei die eine Gesichtshälfte zu schwer für die andere. Der linke Mundwinkel hing tiefer als der Rechte und auch das linke Auge war in einem ganz anderen Winkel gedreht als das rechte. Das strohblonde Haar hing ihm fransig und ungewaschen ins Gesicht.

“Finger weg.”, zischte ich und eilte davon. Als sie endlich aufgegessen hatten bot Madelaine, eine weitere Kollegin, an, das Abrechnen zu übernehmen, aber ich bestand darauf das selbst zu tun. Ich wusste ja, dass Madelaine eher zart besaitet war und wollte nicht, dass sie sich die Sprüche der Schwachmaten zu Herzen nahm.
Als ich die Rechnung auf den Tisch legte, spürte ich plötzlich wieder eine Hand an meinem Hintern.
“Wenn du Trinkgeld haben willst, solltest du wirklich aufhören dich so zu zieren und dich ein bisschen mehr anstrengen.”, gurrte der blonde Typ und ehe ich es verhindern konnte, schob er seine Hand zwischen meine Beine. Das reichte.
Mein Geduldsfaden zerriss, als hätte ihn jemand voll gespannt und dann mit einer Schere zerschnitten. Ohne groß darüber nachzudenken was ich tat, griff ich sein halbvolles Bierglas und schüttete ihm das klebrige Zeug schwungvoll ins Gesicht. Da ich noch nicht fand, dass das dem Ganzen Rechnung trug, holte ich aus, ballte die Hand zu einer Faust und schlug dem Primaten mit aller Kraft ins Gesicht. Ich ächzte, als ein scharfer Schmerz durch meine Knöchel fuhr. Autsch, in Filmen sah das irgendwie immer einfacher aus. Der Kerl jaulte und fasste sich an die mit Bier beschmierte Wange. Seine Handlanger sprangen auf, unsicher ob sie lachen sollten, oder sich rächen. Sollten sie doch. Aber in dem Moment wurde ich bereits unsanft am Arm herum gewirbelt. Vor mir stand mein Chef. Ich hatte ihn noch nie so wütend gesehen.
Innerlich verabschiedete ich mich schon mal von meinem Job.

 

“Ach komm schon, bitte bitte.” Caro stöhnte und verdrehte die Augen.

“Ach nö. Du weißt genau, dass mich das nicht die Bohne interessiert.” Ich blickte meine Mitbewohnerin flehend an.

“Bitte.”

“Was hätte ich denn davon?” Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und blickte mich herausfordernd an.

“Meine ewige Dankbarkeit.” Sie schnaubte. “Und ich gebe Pizza aus. Bitteeeee.”

“Oha, das ist ein schlagkräftiges Argument. Na schön. Weil du es bist. Wann ist das denn?”

“Freitag um 16 Uhr.” Ich strahlte und wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen.
Ich musste für mein Studium eine gewisse Anzahl an Gastvorträgen besucht haben, aber die waren in der Regel nicht sonderlich zahlreich besucht und es war mir unglaublich unangenehm, da alleine rumzusitzen. Sie studierte eigentlich Lehramt, aber mit ein bisschen Überzeugungskraft war sie in der Regel davon zu überzeugen, sich mit mir in den Vortrag zu setzen.

“Wenn du willst spendiere ich dir sogar einen neuen Kreuzworträtselblock.” Jetzt lachte auch sie wieder.

“Ne, lass stecken. Ich hab noch genug.” Hätte ein Außenstehender gefragt, hätte ich Caro vermutlich als meine Freundin vorgestellt, aber so richtig waren wir an dem Punkt nie angekommen. Wir wohnten zusammen, kochten gelegentlich auch gemeinsam und verstanden uns alles in allem recht gut, aber wir wussten beide, dass wir einander nie irgendwelche Geheimnisse anvertraut hätten.
Es war wie eine Art Zweckfreundschaft.

Wie ich es vorhergesehen hatte, war der Vortrag am Freitag wirklich nur sehr spärlich besucht. Wir waren vielleicht 80 Studenten, in einem Hörsaal in den eigentlich 300 reinpassten.
Und genau wie ich es vorhergesehen hatte, saßen alle in ihren üblichen Grüppchen beieinander, weshalb ich heilfroh war, Caro mitgebracht zu haben. Sie richtete sich sofort häuslich auf ihrem Sitz ein, steckte sich Kopfhörer in die Ohren und fing mit ihren Kreuzworträtseln an. Ich hingegen zog einen Block und einen Stift hervor. Vorne am Pult stand kein Gastredner, sondern einer unserer Zivilrechtsprofessoren.

“Einen schönen guten Abend, ich darf Sie ganz herzlich zu unserer Veranstaltung begrüßen. Wie es aussieht verspätet sich unser Gast etwas, aber ich kann ihn ja trotzdem schon einmal vorstellen. Herr Jones ist vorsitzender Richter der Zivilkammer des örtlichen Landgerichts. Nachdem er in der Vergangenheit bereits öfters Gast der Universität war, hat er sich heute freundlicher Weise bereit erklärt, einen Vortrag über die Entwicklung des Zivilprozessrechts seit der Jahrhundertwende zu erzählen.” In dem Moment ertönte aus der Richtung der Türen am oberen Ende des Hörsaals eine Stimme: “Bitte entschuldigen Sie die Verspätung, auf der Autobahn war Stau.”
Die Welt schien für einen Moment still zu stehen. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen eiskalten Eimer Wasser über den Kopf gegossen. Mein Kopf schnellte herum und fassungslos starrte ich den Mann an, der nun schnellen Schrittes die Treppe herunter eilte. Er hatte kurze schwarze Haare, in denen die Wassertropfen glänzten - anscheinend hatte es draußen angefangen zu regnen. Und diese eisblauen Augen hätte ich überall auf der Welt wiedererkannt.
Es war Mr. Arrogant.
Im Restaurant hatte ich ihn hauptsächlich im Sitzen gesehen, sodass mir jetzt zum ersten Mal richtig bewusst wurde, wie groß und beeindruckend er eigentlich war. Ein Raunen lief durch die Reihen meiner weiblichen Kommilitoninnen und selbst Caro blickte von ihrem Rätsel auf. Starrender Weise zog sie die Stöpsel aus den Ohren und lehnte sich zu mir herüber.

“Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?” Ich antwortete nicht. Ich kam mir überhaupt nicht richtig vor, eher wie im falschen Film. Er hastete nach vorne, tauschte einen Handschlag mit unserem Professor aus und packte seine Sachen aus. Er klappte seinen Laptop auf und steckte das HDMI-Kabel hinein. Sofort wurde eine Powerpoint an die Wand geworfen. Dr. Richard Jones.
Mr. Arrogant hatte also einen Namen. Ich schluckte.
Er zog seinen Mantel aus, unter dem er einen schwarzen Anzug trug, der ihm hervorragend stand. Der dunkle Stoff ließ seine Augen in Kombination mit seinen dunklen Haaren noch markanter erscheinen. Der Bartschatten auf seinen Wangen war wesentlich ausgeprägter als die Woche zuvor. Nachdem er sich das Mikrofon an den Anzugkragen geklemmt hatte, richtete er sich auf und setzte an, zu sprechen.
In dem Moment trafen seine Augen auf meine und er stockte. Verwirrung spiegelte sich in seinem Gesicht wieder, seine Lippen, die ohnehin sehr schmal waren, waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und seine Stirn war gerunzelt. Ich wurde knallrot und rutschte tiefer in meinen Sitz hinein.

“Alles in Ordnung?”, fragte unser Professor und betrachtete ihn besorgt. Mr. Arrogant fing sich überraschend schnell und löste den Blick von mir. Ich hatte den Schock hingegen noch nicht überwunden. Wie viel Pech konnte eine einzelne Person eigentlich haben!?

“Bilde ich mir das nur ein, oder hat der dich gerade richtig gruselig angestarrt?”, flüsterte Caro und beäugte mich misstrauisch.

“Das hast du dir nur eingebildet.”, nuschelte ich. Das größte Arschloch des Universums war Richter am Landgericht. Automatisch stellte ich mir vor, wie ich nach dem 1. Staatsexamen ihm als Ausbilder zugewiesen würde, wie er mir aus Rache eine schlechte Bewertung gab und ich dann danach, weil ich keinen Job bekam unter der Brücke leben musste, bis ich einsam und allein beerdigt würde. Ich schluckte.
Obwohl ich wie gebannt an seinen Lippen hing, bekam ich von dem was er sagte kaum etwas mit. Er hatte eine schöne Stimme, die melodisch und deutlich sprach, aber ich war viel zu aufgewühlt, um von dem Inhalt irgendetwas mitzubekommen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob die 90 Minuten dahin rasten, oder sich in die Länge zogen wie Kaugummi. Immer wieder wanderte sein Blick zu mir, doch er behielt seine Gesichtszüge im Griff, lediglich seine Mundwinkel zuckten manchmal verräterisch, als würde er sich köstlich amüsieren.
Als der Vortrag vorbei war, bekam er laut Beifall. Es wurden noch einige Fragen gestellt, bevor unser Professor sich wieder zu Wort meldete: “Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich bedanke mich ganz herzlich im Namen der Uni bei Ihnen, Herr Jones. Die Viertsemester, die eine Unterschrift brauchen, können jetzt zu mir kommen.” Ich machte Anstalten aufzustehen und blickte Caro auffordernd an.

“Was ist?”

“Komm mit nach vorne.”

“Warum denn das? Ich brauch keine Unterschrift.” Sie blickte mich verständnislos an. Normalerweise blieb sie immer sitzen, bis ich mir die Unterschrift ergattert hatte.

“Ich will nicht alleine nach vorne gehen, komm schon. Du kriegst auch extra Käse auf deine Pizza.” Sie verdrehte die Augen, stand dann aber auf. Gemeinsam quetschten wir uns durch die Reihe und gingen nach vorne.
Vor dem Professor hatte sich eine lange Schlange gebildet und wir reihten uns geduldig ein. Mr. Arrogant packte in Ruhe seine Sachen ein.
Als ich sah, dass er sich mit einem Studenten unterhielt und seine Fragen zu beantworten schien, sah ich es als sicher an, mich Caro zuzuwenden und mich leise mit ihr zu unterhalten.

“Wie hat Ihnen der Vortrag gefallen?” Ich zuckte zusammen, weil ich nicht erwartet hatte, seine Stimme so dicht hinter mir zu hören. Ich räusperte mich und drehte mich um. Da stand er. Dunkle Haare, blaue Augen, ein Bild für die Götter. Ich schluckte. Bloß nicht schwach werden, vermutlich überlegt er gerade, wie er dich am besten erwürgen soll.

“Mhm, war in Ordnung.”, murmelte ich und studierte seine Schultern, damit ich ihm nicht in die Augen sehen musste. Seine Augenbrauen wanderten nach oben, genauso wie sie es schon im Restaurant die Woche zuvor getan hatten.

“In Ordnung, ja?” Sein Tonfall erinnerte mich sehr an unsere Unterhaltung, im Zuge derer er gefragt hatte, ob ich ihn für spießig halten würde. Ich schluckte. Kurz darauf hatte er seine Freundin unter dem Tisch gefingert, nur um mir das Gegenteil zu beweisen. Unruhig trat ich auf der Stelle herum.
Da war wieder diese Hitze. Diese pochende, kribbelnde Hitze zwischen meinen Beinen.
Mir entgingen die Blicke der Frauen um uns herum nicht. Während sie ihn schmachtend anglotzten, bekam ich vorwurfsvolle Blicke, weil ich mich nicht vor ihm auf die Knie warf und seinen Vortrag umschwärmte. Naja, viel davon mitbekommen hatte ich ohnehin nicht.

“Sie haben aber schon zugehört, oder?” Die anderen Zuhörer kicherten leise, was zur Folge hatte, dass ich prompt wieder knallrot wurde. Was für ein selbstgefälliges Arschloch. Wollte er mich jetzt vor allen bloßstellen oder wie?

“Ja natürlich.”, beteuerte ich, nicht so ganz wahrheitsgemäß.

“Dann verraten Sie mir doch, was Sie denken. Es wird doch bestimmt etwas geben bei dem Sie mir nicht zustimmen, oder?” Zum Beispiel die Art und Weise wie Sie Kellnerinnen behandeln.

“Naja, ich kann Ihren Zuspruch für die elektronische Akte nicht so ganz nachvollziehen.” Er verschränkte die Arme vor der Brust, sodass die schwarze Anzugjacke über seine Schultern spannte. Sein Blick wirkte aber durchaus interessiert.

“Wieso nicht, wenn ich fragen darf?” Ich zuckte mit den Schultern.

“Vermutlich ist es Geschmackssache, aber ich brauche einfach das Papier in meinen Händen, wenn ich mit etwas arbeiten soll. Irgendwelche PDF-Dokumente und ebooks kann man zwar so ganz angenehm lesen, aber wenn ich mich mit etwas wirklich ernsthaft auseinander setzen soll, dann brauchen ich das schwarz auf weiß gedruckt vor mir. Außerdem ruft elektronische Akte bei mir sofort das Bild hervor, dass alle im Gerichtssaal sitzen und bloß noch mit ihrem Bildschirm sprechen, anstatt miteinander.” Seine blauen Augen leuchteten und er fuhr sich über die Lippen.

“Aber denken Sie denn nicht, dass das Papier, das man dadurch einspart und der wesentlich verkürzte Postweg das wieder wett machen?”

“Das Papier ist definitiv ein schwerwiegendes Argument, da stimme ich Ihnen zu. Aber solange es sich um den deutschen Postverkehr handelt, denke ich nicht, dass sich Verfahren durch elektronische Postwege wirklich beschleunigen lassen. Jede Seite behält ja trotzdem ihre Fristen, die weiterhin ausgereizt werden.”

“Da haben Sie natürlich Recht, aber gleichzeitig fallen die Versandkosten, einiges an benötigtem Büroraum und eine Menge an Zeit, die es normalerweise braucht um eine Akte rauszusuchen, weg.” Ich konnte nicht anders und schnaubte.

“Das mag zwar sein, aber die Umstellung ist mit enormen Umständen verbunden und ich finde einfach nicht, dass dieser Aufwand das Resultat wert ist. Außerdem können Sie eine Akte immer aufschlagen und darin lesen, wohingegen elektronische Systeme nicht immer verfügbar sind und meiner Meinung nach auch leichter der Beeinflussung durch Dritte zum Opfer fallen können.”

“Aber denken Sie denn nicht, dass -”

“Greta!” Caro unterbrach ihn, als er gerade zu einem Konter ansetzte. Sie nickte in Richtung des Professors, vor dem mittlerweile keine Schlange von Studenten stand und der drauf und dran war, zu gehen.

“Moment.” Eilig ging ich zu ihm herüber und hielt ihm das Stück Papier unter die Nase. Lächelnd unterschrieb er und wünschte uns noch einen schönen Abend.
Während wir die Treppe hochliefen, warf ich noch einen Blick zurück, doch Mr. Arrogant hatte unseren Professor in ein Gespräch verwickelt.

“Sag mal, kanntest du den?”, fragte Caro sofort, als die Tür hinter uns zufiel. Ertappt fing ich an zu stammeln. War es so offensichtlich gewesen?

“W-Wieso?”

“Du kannst sagen was du willst, aber der hat dich die ganze Zeit richtig komisch angestarrt.”Als ich nicht antwortete, fuhr sie fort: “Also ich habe zwar kein Wort von dem verstanden was er gesagt hat, aber der darf mich jederzeit in Handschellen abführen.” Jetzt musste ich doch lachen.
Das war absolut untypisch für Caro, dass sie so offen war.  

Wie versprochen spendierte ich uns an dem Abend Pizza. Wir aßen gemeinsam in der Küche und gingen dann beide zu Bett. Caro hatte noch einige Male versucht auf den heißen Gastdozenten zu sprechen zu kommen, aber da ich noch immer kein Interesse an dem Thema zeigte, wechselte sie dann doch das Thema.
Nachdem ich mich mehrere Male selbst befriedigt hatte, schlief ich erschöpft ein.

Ich saß an einem Pult in der Mitte des Raumes. In einer U-Form um mich herum standen schwere Eichentische mit Stühlen dahinter. Es war nicht schwer zu erraten wo ich war, es war ein Gerichtssaal und ich saß im Zeugenstand. Mir gegenüber stand ein großer Mann mit schwarzen Haaren und eisblauen Augen. Mr. Arrogant. Wir waren beide ganz alleine in dem Raum, was überhaupt keinen Sinn machte. In dem Moment realisierte mein Unterbewusstsein, dass ich träumte. Meine Handgelenke waren vor meinem Körper mit Handschellen befestigt, das wusste ich, obwohl ich den Kopf nicht senken und nachschauen konnte. Ich war nicht der Regisseur dieses Traums, ich war lediglich Darsteller und Zuschauer gleichzeitig.

“So Frau Hermann, dann verraten Sie mir doch mal, warum Sie mich angelogen haben, hm?” Ich musste wohl etwas geantwortet haben, aber merkwürdiger Weise hörte ich meine eigene Stimme nicht.

“So ein böses Mädchen. Wissen Sie, was man mit bösen Mädchen macht?” Wieder hörte ich meine Antwort nicht.

“Genau, man bestraft sie.” Auf einmal war Mr. Arrogant verschwunden und vor mir stand seine Freundin. Ohne Kontrolle über meine Beine zu haben, stand ich auf und ging um das Pult herum. Ohne weiter d’rum herum zu reden, beugte ich mich mit dem Oberkörper auf das Pult und spürte unvermittelt, wie jemand von hinten in mich eindrang.

Ich schreckte auf. Mein Puls schlug heftig und mein Atem kam stoßweise, ganz so als sei ich eben einen Marathon gelaufen. Dabei hatte ich nur geschlafen. Und geträumt. Mit einem Stöhnen drehte ich mich auf den Bauch und knurrte in das Kissen. Ich hatte von ihnen geträumt.
In dem Moment klopfte es an meiner Zimmertür. Wie spät war es? Ein schneller Blick auf mein Handy verriet mir, dass es bereits 8 Uhr morgens war.

“Ja?”
Caro streckte den Kopf herein.

“Ah du bist wach, gut. Es lag ein Paket für dich vor der Tür.” Etwas unbeholfen, es war ihr eindeutig unangenehm, dass ich noch im Bett lag, kam sie herein und reichte mir am ausgestreckten Arm ein kleines Päckchen.

“Danke.”, brummte ich und versuchte, mir den Schlaf aus den Augen zu reiben. Wer mochte mir denn ein Päckchen vor die Tür legen? Noch dazu um diese Uhrzeit? Da ich unglaublich ungeduldig war, öffnete ich das Päckchen zuerst. Zuerst dachte ich, die Box sei leer und es handle sich bloß um einen schlechten Scherz, doch dann erkannte ich ein Stückchen Stoff. Mit zwei Fingern holte ich es heraus. Es war ein Höschen. Ein schwarzes Spitzenhöschen. Ich spürte förmlich, wie meine Kinnlade nach unten klappte. Ohne es angehabt zu haben, wusste ich, dass es sehr aufreizend aussehen würde und nahezu nichts bedeckte.
Mit einer bösen Vorahnung öffnete ich dann auch den Brief.

Damit Sie das nächste Mal einen zur Hand haben.
Abendessen. 19.00 Uhr im Palais.

RJ

PS: Ich habe die Armbänder gesehen und musste einfach an Sie denken.

Ich drehte das kleine Blatt Papier um, in der Hoffnung noch mehr zu lesen, doch mehr hatte er nicht geschrieben.
Ich war fassungslos, absolut fassungslos. Wie hatte der Kerl meine Adresse rausgefunden!?
Wie zum Teufel kam er auf die Idee, hier früh morgens aufzukreuzen und mir Unterwäsche vor die Wohnungstür zu legen? Inmitten meines Entsetzen konnte ich trotzdem nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel ein kleines Stück nach oben bewegten. Das hier war genau so eine Aktion, die man vom arrogantesten Arschloch der Welt erwarten würde. Auf seine eigene Art und Weise hatte Mr. Arrogant sich als ungewöhnlich berechenbar erwiesen. Auf sehr intrigante und schockierende Weise, aber immerhin.
Neugierig sah ich noch einmal in die längliche Box und entdeckte tatsächlich zwei Armbänder. Sie waren schlicht und schwarz, aus Leder.
Probehalber legte ich eins ums Handgelenk, es schmiegte sich wirklich sehr eng an. Unbewusst nickte ich anerkennend. Ja, der Mann hatte durchaus Geschmack. Aber hätte ich raten müssen, hätte ich gedacht, dass er eher etwas extravaganteres aussuchen würde. Aber gut, wahrscheinlich passte schlichtes Leder besser in diese merkwürdige Freakshow, die er hier abzog.
Ich las mir die Nachricht erneut durch. Selbst zwischen den Zeilen konnte ich seinen kommandierenden Tonfall spüren. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Selbst per Brief musste er noch den Großkotz raushängen lassen. Abendessen. 19 Uhr. Wie sich das schon anhörte. Als bestünde die Möglichkeit, dass ich vielleicht nein sagen könnte gar nicht. Arschloch. Ich war eine selbstständig denkende Frau, die selbst entscheiden konnte, wann, wo und mit wem sie zu Abend aß. Apropos Frau.
Meine Augen wanderten erneut über die Zeilen und ich fragte mich, ob seine Freundin wohl von der ganzen Geschichte wusste. Wenn nicht, konnte er sich aber auf was gefasst machen. Moment, das klang ja, als hätte ich mich schon entschieden, hin zu gehen. Mein Kopf machte sofort von seinem Vetorecht Gebrauch. Kein halbwegs vernünftiger Mensch würde auf diese Einladung, vielmehr diese Forderung, eingehen. Mr. Arrogant und ich hatten uns bisher zweimal getroffen.
Beim ersten Mal waren wir in der einseitigen Annahme auseinander gegangen, ich hätte ihm in sein Glas gespuckt und beim zweiten Mal war er Gastredner an meiner Uni gewesen. Meiner Meinung nach war keins davon ein gutes Omen.
Holy Shit, der Vorsitzende der Zivilkammer im Landgericht will mit dir Abend essen. Schmollend verzog ich den Mund. Einfach nur als Mr. Arrogant hatte er mir deutlich besser gefallen. Dabei sollte ich ihn in Gedanken vermutlich umtaufen, zu Dr. Arrogant.
Es störte mich, dass er Richter war, ich konnte es nicht anders sagen. Jura war meine Passion, meine Leidenschaft, ich wollte nicht, dass Mr. Arrogant ein Teil davon war. Ich wollte, dass er mit seiner arroganten, überheblichen Art schön in seiner Blase blieb und mich in meiner, nach meinem Verständnis, bodenständigen, regelliebenden Blase allein ließ.
Er hatte mir keine Telefonnummer, keine Mail-Adresse, nichts da gelassen, mit dem ich ihm eine Absage zukommen lassen konnte. Er würde so oder so in diesem Restaurant auftauchen.
Kurz stellte ich mir vor, wie er dort ganz alleine saß und irgendwann realisierte, dass ich auf seine Nummer nicht hereinfiel und nicht aufkreuzen würde. Ich musste wieder an seinen erregten Gesichtsausdruck vor dem Fenster des Restaurants denken und grinsen.
Gleichzeitig musste ich aber eingestehen, dass sich ein Teil von mir, und ich wusste nicht, wie groß dieser Teil war, wünschte ihn wiederzusehen. Noch einmal in seine blauen Augen zu sehen, seine tiefe Stimme zu hören. Ich schauderte. Aus meiner Perspektive waren die beiden Begegnungen mit ihm sogar recht anregend gewesen. Er mochte zwar ein arrogantes, hochnäsiges, unhöfliches und direktes Arschloch sein, aber dennoch hatte er mich fasziniert, sogar so sehr, dass ich die ganze letzte Woche an nichts anderes mehr denken konnte.
Also beschloss ich, hinzugehen. Aber mit dem Vorsatz, ihn bereuen zu lassen, dass er mich hergeordert hatte. Es wurde Zeit, dass jemand Mr. Arrogant mal zeigte, dass man mit Frauen nicht umgehen konnte wie mit Spielsachen!

 

 

 

 

Kapitel 3

 

Den ganzen Tag über war ich so aufgeregt, wie das letzte Mal vor meinem allerersten Date.
Ich ging viel zu früh duschen und saß dann in meinem Zimmer rum und drehte Däumchen.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen zu lernen, aber daraus wurde aus gegebenem Anlass leider nichts. Mein Versuch, die Kapitel in meinem Lehrbuch durch zu arbeiten wurde relativ schnell von meinen Gedanken vereitelt, die beharrlich zu Mr. Arrogant zurück wanderten.
Seine Art war gleichermaßen unterirdisch respektlos und absolut heiß. Mein Gehirn konnte sich nicht entscheiden, ob es diesen Mann unglaublich anziehend, oder unglaublich abstoßend finden sollte. Seine selbstsichere, dominante Art war faszinierend und sie entfachte immer wieder aufs Neue ein Feuer in meiner Mitte, andererseits war ich immer sehr stolz darauf gewesen, mir von niemandem etwas sagen zu lassen und ich plante nicht, ausgerechnet für ihn eine Ausnahme zu machen.
Jetzt da ich seinen Namen kannte, versuchte ich, im Internet mehr über ihn herauszufinden. Viel gab es da allerdings nicht. Er hatte keinen Wikipedia-Eintrag und keine eigene Website. Zunächst wurde ich auf eine Menge Einladungen zu Vorträgen an meiner Uni aus den letzten Jahren verwiesen, dann auf einen Zeitungsartikel, in dem es von einem seiner Prozesse handelte und schließlich auf seine Promotion - er hatte, wie ich es mir gedacht hatte, im Privatrecht promoviert. Aber davon mal abgesehen blieb der Mann ein absolutes Mysterium. Erst recht erwähnte keine dieser Seiten eine Freundin auf irgendeine Art und Weise. Ob sie wohl von dieser Einladung zum Abendessen wusste? Das setzte ich ganz oben auf die Liste der Dinge, die ich ihn heute Abend auf jeden Fall fragen musste.
Nach dem Duschen stand ich vor meinem Kleiderschrank und rang mit mir selbst. In der einen Hand hielt ich das Höschen, das er mir hatte zukommen lassen und in der anderen Hand eine bequeme weiße Unterhose, mit dem Schriftzug “Speak friend and enter” auf dem Venushügel und einer Zeichnung des Tors nach Moria darunter. Mit einem Seufzen entschied ich mich für die sexy Unterwäsche. Zum einen sprach Vieles dafür, ihm das was er nicht haben konnte unter die Nase zu reiben und auf der anderen Seite würde ich den Verlust einer weiteren Unterhose bestimmt nicht verschmerzen. Mit gemischten Gefühlen schlüpfte ich also in das unbequeme Teil und wenn ich es schon mal trug konnte ich auch gleich etwas Enges anziehen.
Kopfüber tauchte ich in meinen Schrank, bis ich ein dunkelblaues Cocktailkleid fand. Es endete knapp über den Knien und war damit nicht sonderlich konservativ, aber auch noch nicht aufreizend. Ansonsten war es sehr schlicht. Einheitliche Farbe, einheitlicher Stoff. Ich hatte mich bei meiner Recherche im Internet auch über das Restaurant informiert und war zu dem Schluss gekommen, dass ein zwangloses Abendkleid keinesfalls Fehl am Platz wäre.
Dazu zog ich schwarze Pumps an und legte mehr Make-Up auf als ich sonst trug.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich immer noch über eine Stunde Zeit hatte. Von mir und meiner Ungeduld genervt, ließ ich mich aufs Bett fallen und begann, Sekunden zu zählen.      
 

Die Blicke die ich im Bus bekam waren absolut widerlich. Die streng nach Alkohol, Zigaretten und Ungewaschenheit riechenden Männer stierten auf meine Beine, als hätten sie noch nie welche gesehen. Ich bemühte mich, trotzdem in aufrechter Haltung mit Kinn raus und Schultern zurück stehen zu bleiben und die anderen einfach zu ignorieren, aber das war gar nicht so einfach. Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir, ein Auto zu haben.
Leider war ich nur Studentin und hätte mir die Versicherung nie im Leben leisten können. Vor allem jetzt nicht, da ich keinen Job mehr hatte. Mental machte ich eine Notiz, dass ich morgen definitiv online nach Stellenanzeigen suchen musste. Am liebsten hätte ich nicht wieder gekellnert, aber ich wusste nicht, was man sonst noch so machen könnte. Vielleicht irgendwo an der Kasse, oder Regale einräumen oder so?
Von der Bushaltestelle zum Restaurant war es ein ganzes Stückchen zu Fuß und ich ging im Eilschritt, da es aussah, als würde es mal wieder jeden Moment anfangen zu regnen. Ich liebte das deutsche Wetter. Nicht.
Das letzte Mal war ich zu meiner Konfirmation in einem so schicken Restaurant. Kaum war ich durch die Tür getreten, eilte auch schon ein Mann im Anzug auf mich zu und fragte, ob er meine Jacke nehmen dürfe. Ich gab sie ihm gerne, zumal ich auf diese Weise noch mehr Zeit hatte, mich im Restaurant umzuschauen. Der Großteil der Tische war besetzt und ich war erleichtert, dass ich keinesfalls overdressed zu sein schien. Die meisten der anwesenden Frauen trugen Kleider oder Röcke, einige wenige eine Hose mit einer schicken Bluse. Die Männer waren ausnahmslos im Hemd oder sogar im Anzug da.

“Kann ich Ihnen weiterhelfen?”, fragte ein weiterer Mann und trat mit einem reservierten Lächeln auf mich zu.

“Ja, ich…ähm…” ich überlegte fieberhaft. Ich konnte Mr. Arrogant nirgends sehen und ich war ziemlich früh dran, vermutlich war er also noch gar nicht da. Hatte er reserviert? Vermutlich musste man in diesem Laden reservieren und Mr. Arrogant wirkte nicht wie die Art Mann, die irgendetwas dem Zufall überließ.

“Haben Sie reserviert?”, versuchte der Mann mir auf die Sprünge zu helfen.

“Nicht direkt. Ich bin hier verabredet, aber ich denke meine Begleitung hat reserviert.” Er nickte wissend.

“Wie heißt Ihre Begleitung denn, wenn ich fragen darf?” Begleitung. Das Wort hörte sich schrecklich in Verbindung mit dem Mann, den ich hier treffen wollte, an. Aber ich musste dem armen Mann vor mir ja nicht meine gesamte Lebensgeschichte auftischen.

“Richard Jones.” Ich zuckte kaum merklich zusammen. Ich hatte seinen Namen noch gar nicht ausgesprochen, sogar kaum laut gedacht. Er musste Amerikaner sein. Oder Engländer. Eine weitere Sache, die ich ihn fragen musste - einfach aus Neugierde. Mein Gegenüber ging zu einem kleinen Buch, das auf einem schmalen Tresen lag und fuhr mit seinem Finger die Seite entlang.

“Ah ja, hier haben wir Sie. Richard Jones. Ein Tisch für zwei für 19.00 Uhr.” Ein Tisch für zwei? Also kam seine Freundin nicht wieder mit. Ich hatte halb damit gerechnet, dass sie wieder dabei sein würde, schließlich hatte diese kleine “Geschichte” ja auch zu dritt begonnen.
Unsicherheit erfasste mich wieder. Wenn dieser Mistkerl dachte, dass er sich an mich ran machen könnte und seine Freundin mit mir betrügen, hatte er sich geschnitten. Halb stellte ich mir vor, wie ich vor all diesen feinen Pinkeln eine Szene machte und meine Schauspielkünste darbot.
In dem Moment in dem er mir ein unmoralisches Angebot machte, würde ich aufspringen, am besten so, dass der Stuhl umkippte, ihm meinen Wein ins Gesicht schütten, so wie ich das mit dem Schwein auf der Arbeit gemacht hatte, und ihm vor allen Leuten ins Gesicht schreien, was für ein mieser Hurenbock er doch wäre. Die Vorstellung gefiel mir.
Mit einem breiten Lächeln auf den rot geschminkten Lippen folgte ich dem Anzugträger zu einem relativ abgelegenen Tisch. Ungünstiger Weise zog er mir den Stuhl zurück, der mit dem Rücken zum Eingang stand. So konnte ich zwar beobachten, was draußen auf der Straße passierte, aber ich würde es nicht bemerken, wenn Mr. Arrogant den Raum betrat.

Die Zeit vertrieb ich mir damit, die Leute draußen auf der Straße zu beobachten. Es hatte tatsächlich leicht angefangen zu tröpfeln und die meisten wollten einfach schnell an ihr Ziel kommen.
Immer wieder drehte ich mich um und scannte den Eingangsbereich, doch ich war ganze zwanzig Minuten zu früh und es gab kein Zeichen von Mr. Arrogant.
Die Minuten schlichen dahin und mit jeder die dahin strich, wurde ich unsicherer. Wieso war ich eigentlich hier? Ich war eine 22-jährige Studentin, er war der vorsitzende Richter am Landgericht. Ich war durchschnittlich und unscheinbar, er war so unglaublich präsent und attraktiv. Er wusste ganz genau was er wollte, ich war eigentlich nur aus Neugierde gekommen. Je länger ich auf diesem Stuhl saß und wartete, desto überzeugte wurde ich, dass ich ein Spiel mit dem Feuer angefangen hatte, das ich nur verlieren konnte.
Gerade hatte ich den Entschluss gefasst, aufzustehen und zu gehen, als hinter mir eine Stimme ertönte.

“Ihre Verabredung ist bereits vor zwanzig Minuten eingetroffen. Sie hat es abgelehnt, sich etwas zu trinken bringen zu lassen.” Ich sprang automatisch auf, wobei der Stuhl unangenehm über den Parkettboden schabte. Ich wirbelte herum, in der Erwartung, Mr. Arrogant gegenüber zu stehen. Doch dem war nicht so.
Hinter dem Kellner von vorhin lief eine brünette Frau, die eine dunkelblaue Satinbluse und einen schwarzen Bleistiftrock trug. Sie hielt sich auffällig aufrecht beim Gehen, wirkte sehr anmutig und graziös, selbst auf den hohen Schuhen. Ihre rosigen Lippen waren zu einem höflichen Lächeln verzogen und ihre grünen Augen glänzten sogar aus der Entfernung.
Dieses ebenmäßige Gesicht hätte ich überall wiedererkannt. Es war die gleiche Frau, die bei unserem ersten Treffen im Restaurant bei Mr. Arrogant saß. Seine Freundin. Von der ich letzte Nacht geträumt hatte. Bei der Erinnerung daran schoss mir das Blut in die Wangen und mein Puls hämmerte mir in den Ohren.
Warum war sie hier? Innerhalb weniger Sekunden spielte mein Gehirn tausend schreckliche Szenarien durch. Hatte sie die Nachricht gefälscht, um mir mitzuteilen, dass ich mich gefälligst von ihrem Freund fern halten sollte? Sollte sie nur eine Nachricht überbringen? Nein, dann hätte sie sich nicht so schick angezogen. Die einzige Erklärung, die halbwegs logisch war, war tatsächlich die, dass sie mich bloßstellen und zur Ordnung rufen wollte.
Nervös hielt ich den Atem an als sie auf mich zu kam.
Doch anstatt mir eine Ohrfeige zu verpassen, mich anzuschreien, mir die Augen auszukratzen oder an den Haaren zu ziehen, zog sie mich in eine flüchtige Umarmung. Meine Arme hingen nutzlos und schlaff an meiner Seite herunter. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Gleichzeitig prickelte meine Haut dort wo ihre ordentlich hoch gesteckten Haare meine Wange berührten. Sie roch fantastisch!

“Wie schön, dass du gekommen bist.”, sagte sie leise an meinem Ohr und ich erschauerte. Ihr Atem hatte mein Ohr nur ganz leicht gestreift und ich hätte mir trotzdem schon wieder alle Kleidung vom Leib reißen können, so unglaublich heiß war mir.
Der einzige Grund warum ich in der Lage war mich wieder zu setzen war, dass mein Körper automatisch nachmachte, was sie tat.

“Darf es denn jetzt etwas zu trinken sein?”, fragte der Kellner höflich, nachdem wir uns beide wieder gesetzt hatten. Noch immer war ich zu keiner Regung fähig.

“Ich hätte gerne eine Weißweinschorle.” Der Kellner blickte mich auffordernd an. Ich schaffte es gerade so, ein “Wasser.” herauszubringen. Als er mit den Bestellungen verschwunden war, legte sich Still über unseren Tisch.

“Richard lässt sich entschuldigen.”, sagte sie nach einer Weile. “Es hat einen Notfall in der Familie gegeben, aber ich hoffe, dass du es uns nicht übel nimmst, dass ich stattdessen gekommen bin.” Mit offenem Mund starrte ich sie an. Meine Ohren nahmen zwar wahr, was sie sagte, aber irgendwie scheiterte mein Gehirn daran das Gesagte zu verarbeiten. Was wurde hier für ein Spiel gespielt!?
Den ganzen Tag hatte ich mir Pläne zu Recht gelegt, was ich alles tun konnte, um Mr. Arrogant zu zeigen, dass er nicht so mit mir umspringen konnte und jetzt so was. Keiner meiner Pläne war auf sie anwendbar, ich wusste ja nicht mal, welchen Part sie in dieser ganzen Geschichte spielte. Dabei fiel mir auf, dass ich ja noch immer nicht wusste, wie sie eigentlich hieß.

“Ähm…ich will ja nicht unhöflich sein, aber wie…wie heißen Sie denn überhaupt?” Sie wirkte bestürzt und lachte. Ich hätte schwören können, dass das das schönste Geräusch war, das ich je gehört hatte.

“Oh entschuldige, ich habe ganz vergessen, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Christina und es gibt wirklich keinen Grund mich zu siezen.” Und wieder herrschte Stille. Christina. Ich ließ mir den Namen auf der Zunge zergehen. Ich fand, dass er zu ihr passte. Er war elegant und schön, genau wie sie.

“Ich kann dir gar nicht sagen, wie überrascht ich war, als Richard gestern nach Hause kam und verkündet hat, er hätte dich in der Uni wiedergesehen.” Nichts an ihr wirkte irgendwie feindselig, im Gegenteil, sie lächelte freundlich und ihr Blick war aufgeweckt und voll ehrlichem Interesse.
Ich wollte etwas erwidern, wusste aber nicht was. Es war merkwürdig. Die beiden Male die ich mich mit Mr. Arrogant unterhalten hatte, hatte ich genau gewusst was ich sagen wollte und ihm ohne zu zögern an den Kopf geworfen was ich dachte, aber als ich nun dieser extrem schönen Frau gegenüber saß, bekam ich kein Wort heraus.

“Richard ist am Montag nach der Arbeit in das Restaurant zurückgefahren, in dem wir dich kennen gelernt haben, aber der Besitzer meinte wohl, du würdest dort nicht mehr arbeiten.” Und wieder ein Schlag in die Magengrube. Mr. Arrogant war zu meiner Arbeit gefahren um herauszufinden wer ich war. Ich schluckte. Wieso hatte ich das Gefühl, dass diese ganze Sache viel größer war als ich ahnte.

“Ich hoffe du hast deinen Job nicht wegen uns verloren.” Sie wirkte ernsthaft bestürzt.
Ich schüttelte den Kopf.

“Gut, ich hab mir wirklich Vorwürfe gemacht, weil ich dachte, du seist wegen uns gefeuert worden. Naja, jedenfalls war Richard wirklich geknickt, als er dich nicht ausfindig machen konnte.”

“Wie ist er dann an meine Adresse gekommen?” Diese Frage hatte mich seit gestern Abend unaufhörlich beschäftigt, sodass sie mir jetzt einfach so herausrutschte.

“Die Uni. Es war wohl nicht besonders schwer. Er ist direkt nach dem Vortrag ins Uni-Büro gegangen und hat nach der Adresse einer Greta aus dem 4. Semester gefragt. Ich glaube er hat gemeint, er wolle dir weiterführendes Material zu dem Vortragsthema zuschicken oder so.” Sie zuckte mit den Schultern und lächelte noch breiter.
Aber woher hatte er meinen Namen und mein Semester gewusst? Natürlich, alle Viertsemester mussten nach vorne gehen um sich die Unterschrift abzuholen und Caro hatte mich bei meinem Namen genannt.
Trotzdem war ich mir ziemlich sicher, dass die Uni nicht einfach so meine Adresse herausgeben durfte!

“Aha.” Mehr brachte ich nicht heraus. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Mr. Arrogant hatte also die ganze Zeit versucht mich zu kontaktieren und ist sogar ins Büro gegangen, um sich meine Adresse zu besorgen.

“Ist alles in Ordnung? Du bist so still.” Glücklicherweise kam in dem Moment der Kellner mit den Getränken, sodass ich etwas Zeit hatte, mir meine Antwort zu überlegen.

“Mhm. Tut mir Leid, ich bin nur gerade etwas vor den Kopf gestoßen. Wieso hat Mr., ich meine Richard, so dringend versucht mich ausfindig zu machen?” Mit hochrotem Kopf musste ich wieder an die Notiz unter der Rechnung denken. Ging es etwa bei der ganzen Sache nur darum? Aber warum war er dann gestern Abend so förmlich gewesen und seine Freundin jetzt war ja auch sehr höflich. Sie lächelte verliebt.

“Naja, wenn Richard sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er es auch durch.” Als sei damit alles gesagt, griff sie nach den Karten die der Kellner dagelassen hatte und reichte mir eine.  

“Also ich habe gehört, der Coq au Vin soll hier ausgezeichnet sein.” Schweigend gingen wir die Karte durch. Dieses Restaurant war so teuer, dass nicht einmal die Preise am Rand standen.
Ich nutzte die Zeit, um mich ein bisschen abzukühlen. Mr. Arrogant war nicht hier, dafür aber seine Freundin. Die beiden hatten also anscheinend ein Anliegen, dass nicht so persönlich war, dass man es nicht auch durch einen Boten übermitteln konnte.
Vielleicht hatte ich mir die ganzen sexuellen Anspielungen nur eingebildet? Vielleicht war sexuelle Paranoia eine der Nebenwirkungen einer langen Trockenzeit.
Ich überschlug die Beine unter dem Tisch und spürte dabei den Spitzentanga an meinen Schenkeln. Er war definitiv echt, das wusste ich allein schon deshalb, weil ich mir nie von mir aus Reizwäsche kaufen würde.
Meinen ganzen Mut zusammen nehmend, atmete ich tief durch, schaute über den Rand der Karte und sagte: “Ohne euch jetzt zu nahe treten zu wollen, aber weißt du, dass dein Freund mir deine Unterwäsche zugesteckt hat? Und dass er mir heute Morgen Unterwäsche vor die Wohnungstür gelegt hat?” So, jetzt war es raus. Die Schamesröte kroch mir in die Wangen und ich rechnete jeden Moment damit, dass ihr das Lächeln aus dem Gesicht fallen würde. Doch stattdessen lachte sie nur laut.

“Was dachtest du denn? Dass er vor hätte mich mit dir zu betrügen?” Sie lachte noch lauter. Ich sagte nichts, aber das war genau, was ich gedacht hatte. Und um ehrlich zu sein fand ich es ein wenig verletzend, dass sie das anscheinend so amüsant fand, wenn ich dazu bereit gewesen war, für sie einzustehen und ihm meine Meinung zu geigen. Als sie sah, dass ich ihre Heiterkeit absolut nicht teilte, wurde auch sie wieder ernster.

“Natürlich wusste ich davon. Das mit der Wäsche heute morgen war sogar meine Idee. Wo wir gerade dabei sind, hast du sie an?” Der Blick aus ihren grünen Augen wurde noch intensiver und bevor ich es verhindern konnte, war schon ein leises “Ja.”, aus meinem Mund gerutscht.
Ich hätte mich selbst ohrfeigen können. Gleich nachdem ich im Erdboden versunken war.
Sie wirkte äußerst zufrieden und überhaupt nicht peinlich berührt.

“Also, du studierst also auch Jura?” Wieder wechselte sie abrupt das Thema und begann, mich über mein Leben auszufragen. Ich beantwortete die meisten Fragen eher halbherzig, während ich schwer damit zu tun hatte, mein Weltbild wieder gerade zu rücken. Ich erfuhr, dass Christina in der Verlagsbranche tätig war, dass sie und Richard seit knapp fünf Jahren ein Paar waren und dass sie etwas außerhalb der Stadt zusammen in einem Haus lebten.
Mittlerweile hatten wir auch unser Essen. Ich hatte mich für einen spärlichen Salat entschieden, weil ich vermutete, dass das das billigste auf der Karte sein würde, während Christina sich tatsächlich für den Coq au Vin entschieden hatte. Während wir aßen löcherte sie mich weiterhin mit Fragen.

Erst als wir fast beide gleichzeitig unser Besteck neben den Teller legten, wurde ihr Blick wieder ernst und sie sagte: “Okay, ich gebe ja zu dass es gemein ist, dich so lange am ausgestreckten Arm baumeln zu lassen, aber ich dachte es wäre das Beste, wir lernen uns erst ein wenig kennen, bevor ich dir unser Angebot unterbreite.” Sofort schoss mein Puls wieder in die Höhe. Also wollte sie mir nun endlich erklären, was es mit dem Ganzen hier auf sich hatte. Ich war komplett auf sie fokussiert, entschlossen jedes Wort aufzunehmen.

“Wie du ja weißt haben Richard und ich beide sehr aufwändige Jobs und auch unser gemeinsames Hobby ist…sehr zeitaufwändig. Das Haus in dem wir leben ist für zwei Personen ziemlich groß und weitläufig, sodass wir nach der Arbeit immer noch vor einem riesigen Berg Haushaltsarbeit stehen. Wir haben uns entschieden, dass wir diese Last gerne aus unserem Alltag entfernen wollen. Und da kommst du ins Spiel. Du bist uns beiden sehr sympathisch und da du nun keinen Job mehr hast, hatten wir uns gefragt, ob du nicht vielleicht Lust hast, bei uns zu Hause den Haushalt zu erledigen?”
Ich blinzelte.
Ich starrte.
Ich blinzelte.
Ein Jobangebot!? Sie wollten, dass ich bei ihnen zu Hause putzte? Keine unmoralischen Angebote, keine geheimen Swingerparties, keine perversen Schweinereien, sondern ein Putzjob? Der angehaltene Atem entwich mir in Form eines trockenen Lachens. Da ich nicht wusste was ich darauf antworten sollte, sagte ich das erste, was mir einfiel: “Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich deinem Freund besonders sympathisch gewesen wäre.” Sie grinste.

“Ach, das darfst du dir nicht so zu Herzen nehmen. Sag ihm ja nicht, dass ich das gesagt habe, aber er ist ein kleines Spielkind.”

“Und…wie stellt ihr euch das vor?”, fragte ich, um die Stille zu überbrücken, während ich versuchte, mir eine Meinung zu bilden.

“Wir verstehen natürlich dass du Uni hast und das geht natürlich vor, aber wenn du es über die Woche verteilt schaffen würdest, die Grundreinigung zu übernehmen, das wäre echt klasse.” Irgendwie gefiel mir der Gedanke gar nicht. Als ich zu Beginn meines Studiums auf Jobsuche gegangen war, hatte ich mir fest vorgenommen, nicht für andere Leute zu putzen. So tief wollte ich niemals sinken.

“Ich weiß nicht…” Zweifelnd sah ich Christina an. Gedanklich sah ich mich schon in einer hässlichen blauen Schürze über einer Kloschüssel gebeugt.

“Du musst natürlich nichts machen was du nicht willst. Grundsätzlich kann ich dir aber versichern, dass wir beide sehr reinliche Leute sind und keinen Messihaushalt haben. Es geht uns nur darum, dass der Garten einmal die Woche versorgt wird, alle Oberflächen einmal abgewischt, der Boden sauber gemacht und die Bäder einmal gereinigt werden. Das würde uns schon viel von unserem Stress nehmen.” Da mein Blick nicht weniger zweifelnd zu werden schien, fügte sie noch hinzu: “Bevor du ja oder nein sagst, kannst du gerne bei uns vorbeikommen und dir das Haus anschauen, wenn du magst. Wir würden dir jede Woche 80€ zahlen.” Ich starrte sie an. 80€ jede Woche, nur um einmal das Haus grundzureinigen erschien mir ziemlich viel Geld. Also entweder waren die beiden extrem großzügig, oder bei der ganzen Sache war etwas gehörig faul. Ich vermutete Letzteres.

“Also, was meinst du?” Neugierig blickte sie mich an.

“Keine Ahnung. Um ehrlich zu sein habe ich mir noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, ob sowas für mich in Frage kommt. Und euch wäre wirklich wohl bei dem Gedanken, dass ich als Fremde durch euer Haus laufe und euch hinterher putze?” Sie schnalzte unzufrieden mit der Zunge.

“Du sollst uns nicht hinterher putzen.”, verbesserte sie mich. “Du würdest uns lediglich im Haushalt ein wenig unter die Arme greifen. Und wie gesagt, Richard und ich finden dich beide sehr nett und wir haben vollstes Vertrauen, dass du deine Sache gewissenhaft machen würdest.” Das fand ich ziemlich naiv. Einfach so eine fremde, nicht ausgebildete Person einladen, in ihr Haus zu kommen und dort in ihren Privatsachen herumzuwühlen.
Das Ganze klang unglaublich verlockend wenn sie das so formulierte, aber in meinem Kopf stellte sich etwas quer. Ich fand den Gedanken für jemanden anders die Putzfrau zu spielen einfach unglaublich erniedrigend. An sich war ja nichts Schlimmes dabei, aber ich schämte mich irgendwie schon nur bei dem Gedanken daran.
Christina studierte mein Gesicht aufmerksam und seufzte.

“Ich seh’ schon, ich kriege dich heute Abend nicht mehr überzeugt. Wie wäre es also, wenn du morgen Nachmittag bei uns zum Kaffee trinken vorbeikommst und dir zeigen lässt, was du alles zu tun hättest?” Mein Herz klopfte schneller bei dem Gedanken zu Christina und Mr. Arrogant nach Hause zu fahren. Ich schluckte. Wenn ich vor dem heutigen Abend gedacht hatte, die Situation könnte nicht mehr viel verkorkster werden, hatte ich mich definitiv geirrt.
Da ich Christina mochte und nicht unhöflich sein wollte, nickte ich verhalten. Sie strahlte.

“Wunderbar, Richard wird sich freuen das zu hören. Und ich freue mich auch.” Bei diesen Worten griff sie über den Tisch und legte ihre Hand auf meine. Ich zuckte zusammen als ein elektrischer Stoß durch meinen Körper fuhr. Ihre Hand war angenehm weich und warm, mein gesamter Handrücken begann zu kribbeln und mein Mund wurde ganz trocken.
Was hatte ich mir da bloß eingebrockt? Irgendwas stimmte hier vorne und hinten nicht. Erst steckte er mir die Unterwäsche seiner Freundin zu und fingerte besagte Freundin vor meinen Augen, schickte mir Reizwäsche und lud mich zum Abendessen in ein schickes Restaurant ein, nur um mich dann zu fragen, ob ich für ihn putzen wollte!?
Ich kam mir unglaublich verarscht vor und gleichzeitig hatte ich das Gefühl etwas zu verpassen, was für jeden anderen total offensichtlich gewesen wäre. Ich kam nur bloß nicht drauf, was das sein könnte. Und ich schätzte die einzige Möglichkeit das herauszufinden war, morgen zu ihnen nach Hause zu fahren. Ob mir das nun gefiel oder nicht.

Der Kellner brachte die Rechnung und obwohl ich lautstark protestierte, bestand Christina darauf, den Betrag für uns beide zu begleichen. Mit einem Zwinkern meinte sie, dass ich mich ja bei Gelegenheit revanchieren könne. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen und wir gingen gemeinsam bis vor die Tür.

“Bist du mit dem Auto hier?” Ich schüttelte den Kopf.

“Mit dem Bus.”

“Aber die nächste Haltestelle ist doch ewig entfernt.” Sie wirkte bestürzt. Mittlerweile war es dunkel und die Straßen waren nahezu verlassen. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich würde mir bestimmt kein Taxi nehmen, dafür war mir mein Geld zu schade.

“Ich bin mit dem Auto hier, ich fahr’ dich eben.”

“Kommt gar nicht in Frage!”, platzte es aus mir heraus, bevor ich es aufhalten konnte. Erst bezahlte sie mein sauteures Essen, der Salat hatte fast 20€ gekostet und dann wollte sie mich auch noch nach Hause chauffieren. Sie sah nicht aus, als sei sie bereit, sich auf eine Diskussion einzulassen, sondern hakte sich kurzerhand bei mir unter. Nicht gewaltsam, aber doch sehr entschieden führte sie mich ein Stück den Gehweg entlang bis zu einem grauen Audi. Ich pfiff durch die Zähne.

“Wow, ist das ein Q5?” Sie nickte und sah mich überrascht von der Seite an.

“Du verstehst was von Autos?”

“Was heißt verstehen? Ich liebe Auto fahren, also kenne ich mich auch ganz gut mit den Modellen aus.” Mehr oder weniger bereitwillig ließ ich mich auf den Beifahrersitz schieben und schaute Christina dabei zu, wie sie zur Fahrertür herüber ging.

“Das musst du aber wirklich nicht machen.”, murmelte ich peinlich berührt, während sie sich anschnallte.

“Ach Blödsinn, ich lass dich doch jetzt im Dunkeln nicht mehr alleine durch die Straßen laufen. In dem heißen Outfit, wer weiß was dir da alles passieren könnte.” Und wieder einmal wurde ich knallrot.  

Die Autofahrt verlief weitesgehend schweigend. Christina war aufs Fahren konzentriert und im Radio dudelte irgendein Popsong vor sich hin, den ich nicht kannte.
Während ich da so saß, wurde mir bewusst, dass ich unglaublich feucht war. Den ganzen Abend hatte mich die Anwesenheit dieser atemberaubenden Frau neben mir raschig gemacht. Meine Nervosität und Anspannung hatten meine körperlichen Reaktionen ziemlich in den Schatten gestellt, aber jetzt wurde mir mit einem Schlag wieder bewusst, wie stark ich körperlich auf sie reagierte.
Am liebsten wäre ich auf dem Sitz eingeschlafen. Die Sitzheizung entspannte mich merklich, ihr unglaublicher Duft hüllte mich ein und das Lied im Radio war langsam und melodisch. Wenn ich meine Augen geschlossen hätte, wäre ich vermutlich weggedämmert.
Für meinen Geschmack kamen wir viel zu früh vor meinem Wohnhaus zum Stehen. Schläfrig schnallte ich mich ab, aber bevor ich nach dem Türgriff greifen konnte, hörte ich meinen Namen von links: “Greta.” Ihre Stimme war anders. Nicht mehr so offen und freundlich wie im Restaurant, sondern tiefer und merkwürdig belegt. Plötzlich wieder hellwach drehte ich mich zu ihr. Sie hatte sich über die Mittelkonsole gebeugt, sodass ihr Gesicht meinem ganz nahe war. Bevor ich richtig wusste was los war, spürte ich, wie sich ihre Hand in meinen Haaren vergrub und sie mich zu sich zog.
Ihre Lippen waren warm und weich und sie schmeckte leicht nach Wein. Erst war ich zu perplex, doch nach einer Weile erwiderte ich die Bewegungen ihrer Lippen. Ein Kribbeln wie ich es noch nie zuvor gespürt hatte, breitete sich in meinem Körper aus und ich hoffte inständig, dass ich keinen Fleck auf dem Sitz hinterlassen würde. Als wir beide keine Luft mehr bekamen, löste sie sich von mir, hielt die Hand aber in meinen Haaren vergraben. Sie presste ihre Stirn gegen meine und seufzte leise.

“Ich hoffe wirklich, dass wir uns morgen sehen.”

 

 

 

Hallo ihr Lieben,

zu meiner Verteidigung: ich habe keeeeeine Ahnung, was der richtige Artikel für Coq au Vin ist, aber da es "der Hahn" ist....naja, wird schon passen.
Mir ist bewusst, dass der Sex an dieser Stelle einen sehr subsidiären Stellenwert hat, aber mir ist es wichtig, etwaige sexuelle Handlungen mit "einer schönen Geschichte" einzuleiten.
An dieser Stelle vielen lieben Dank an alle, die mir so schöne Kommentare dagelassen haben! Sowohl das Lob als auch die Kritik nehme ich mir zu Herzen und verusche, so vieles wie möglich umzusetzen! Danke für die Unterstützung!

Alles Liebe

Euer Füchschen

Bewertung gesamt: 
Average: 5.5 (2 votes)
Mit einem Klick den Gesamteindruck dieser Geschichte beurteilen.

Hier kannst du einzelne Gesichtspunkte der Story bewerten.
Bewerte die Handlung, die Idee der Geschichte.
Wie findest du den Schreibstil
Beurteile die Rechtschreibung und die Form
Wird das Thema BDSM gut beschrieben und wie erotisch findest du die Geschichte