Sklavin des Zensors - Teil 5

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SM-Science-Fiction(?)

Deutsche Erstveröffentlichung

 

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Kapitel 6: Quoten

Dennis Tanner kochte.

Typen vom Schlage eines Besch gab es überall. Erst nutzten sie ihre Macht aus, um so richtig die Sau rauszulassen und wenn man ihnen die Grenzen aufzeigen wollte, versteckten sie sich hinter „Befehlen“.

Tanner dachte an Speer, Eichmann, Heß, die ganze Mischpoke der DDR-Politgreise und ihre Stasi-Helfer sowie deren Denunzianten- und Spitzel-Heer. War das eine deutsche Seuche? Wohl kaum. Es hatte pandemische Ausmaße. Gab man Schwachköpfen Einfluss, musste man sich nicht wundern, wenn sie diesen für schwachsinniges Verhalten nutzten.

Zum Glück, dachte Tanner, gab es jetzt die Ethik und damit die Möglichkeit, das Treiben der Idioten einzudämmen. Nach einem unerfreulichen Gespräch mit Besch und dessen unmittelbarem Vorgesetzten Euert, in dem beide sich darauf beriefen, nur eine Weisung befolgt zu haben, nach der „Verdächtige mit äußerstem Nachdruck und unter Anwendung von unmittelbarem Zwang des Sexualterrorismus zu überführen“ waren und „die Maßnahmen auch vor der gerichtlichen Befragung durch den zuständigen Ethiker zulässig“ sein sollten, stellte Tanner entrüstet eine Webphone-Verbindung zu Polizeiermittlungsoberrat Issen her, der diese Weisung erlassen hatte.

Tanner ging gleich in medias res. „Herr Polizeiermittlungsoberrat, haben Sie beim Erlass Ihrer Weisung bedacht, dass mit unmittelbarem Zwang auch Unschuldige zu einem Geständnis veranlasst werden können?“

„Mein lieber Ethiker Tanner“, meinte Issen larmoyant, „ich verstehe nicht, warum die hochnotpeinliche Befragung zulässig ist, aber sich unsere Ermittlungsbeamten darauf beschränken sollen, die Verdächtigen aufzugreifen und deren Personalien festzustellen. Das könnte auch ein Pizzadienst leisten. Mit der HNPB können Sie jede Verdächtige zu einem Geständnis bewegen. Sie wird aber viel zu selten angewendet.“

„Das mag sein. Das liegt im Ermessen des Gerichts, aber nicht der GEZ.“

„Natürlich, Ethiker Tanner. Wir sind ja nur die Helfer der Ethikräte. Deshalb ist meine Weisung auch in Umsetzung einer Direktive der Ethikkongregation an die Bundes-GEZ ergangen.“

Tanner wunderte sich. „Welche Direktive? Ich habe davon keine Kenntnis.“

„Das liegt dann wohl an Ihrer Gehaltsstufe. Die Direktive 293 ist nur Bundes- und Landesethikern sowie Polizeiermittlungspräsidenten und Polizeiermittlungsoberräten zugänglich. Da Sie und ich aber auf der gleichen Seite für Ethik, Recht und Ordnung kämpfen, will ich Ihnen, ohne in unzulässiger Weise Einzelheiten oder gar Wortlaut der Direktive 293 wiederzugeben, sagen, dass die Ethikkongregation eine Steigerung der Aufklärungsquote bei sexualterroristischen Straftaten um 300% verfügt hat. Bundesweit. Ich gehe davon aus, dass Sie schon in Kürze ähnliche Befehle zur Steigerung der Verurteilungsquote erhalten werden. Wir sitzen in einem Boot, Ethiker Tanner. Sie sollten meinen Beamten vor Ort dankbar sein, denn die bereiten schließlich Ihre Urteile vor.“

300 Prozent! Tanners Ärger wich einem ungläubigen Staunen.

„Das … das sind enorme Zahlen, von denen Sie da sprechen, Polizeiermittlungsoberrat Issen.“

„Tja. Früher waren es häufig die gleichgeschlechtlich orientierten Kollegen, die einen Ministrantenmangel beklagten – heute führen Mündelnormen wie die Sexualdienst-Verordnung zu einem … sagen wir mal … beachtlichen … äh … ‚Bedarf‘. Wie ich hörte, stehen Sie bei dem allseits geschätzten Ethiker Lorenz inzwischen hoch im Kurs.“

„Sie sind ja gut informiert, Polizeiermittlungsoberrat Issen.“

„Natürlich. Das ist schließlich mein Beruf. Nun, Sie werden jedenfalls bald die Vorzüge der Sexualdienst-Verordnung zu schätzen wissen und sich nach einer Terroristin umsehen, um die Sie sich kümmern können. Was machen Sie, wenn es keine gibt, die Ihren Vorstellungen entspricht? Was, wenn ein Vorgesetzter für sich das Mündel aussucht, das Sie selbst gern gehabt hätten? In ihrer unendlichen Weisheit hat die Ethikkongregation daher frühzeitig eine Entscheidung getroffen, die einerseits unsere Straßen und Plätze sauber hält, unseren Menschen größtmögliche Sicherheit verschafft und andererseits einem möglichen Mangel vorbeugt. Sie verstehen?“

Tanner verstand. Einerseits behagte ihm der Gedanke nicht, dass übereifrige GEZ-Beamte durch die Anwendung von unmittelbarem Zwang womöglich falsche Geständnisse herbeiführen könnten, aber andererseits blieb sein Grundvertrauen an die Gerechtigkeit der Ethik unerschütterlich. Wer angeklagt wurde, hatte in einem von ethischen Prinzipien dominierten Staat doch grundsätzlich keine weiße Weste. Es mochte sein, dass hin und wieder das Strafmaß nicht vollkommen dem tatsächlichen Verbrechen entsprach, aber auch eine nicht gar so schuldige Sexualterroristin konnte doch von Glück reden, wenn sie in die Obhut verantwortungsvoller Ethiker kam. Ohne sich dessen in vollem Umfange bewusst zu sein, spielten in Tanners Erwägungen ein sehr hübsches Gesicht, eine schlanke Taille, zartrosa Knospen an ansehnlichen Brüsten und lange, schlanke Beine eine nicht unerhebliche Rolle. Der Wunsch, sich um die hübsche Prostituierte (oder anderweitig mit einem Sexualdelikt straffällig Gewordene – kam es denn darauf wirklich so genau an?) „kümmern“ zu können, war stärker, als es sich Tanner in diesem Moment selbst eingestehen wollte.

Nach dem Gespräch mit Issen dachte Tanner lange nach.

Dann fasste er einen Entschluss.

 

Es war ein kurzer Weg bis zum medizinischen Versorgungstrakt der Sozialagentur. Tanner ließ sich die Befunde bereits übertragen, bevor er selbst im Entlassungsbereich eintraf. Wie immer machten die Ärzte den Vorbehalt geltend, dass sie durch die Vernehmungsgestelle nicht alle Funktionen überprüfen konnten, aber es war bei Sexualterroristinnen natürlich unmöglich, die Gestelle bis zur Hauptverhandlung zu entfernen. Das wäre viel zu gefährlich gewesen.

Schon in der Schule lernte heutzutage jedes Kind, welche Bedrohung von Sexualterroristinnen ausging.

Immerhin hatten Besch und die anderen GEZ-Leute eine gute Ausbildung genossen und wussten, wie sie Verdächtige unmittelbarem Zwang zu unterziehen hatten, ohne dass es zu ernsthaften Verletzungen kam. Seit Einführung der HNPB wurden auch Ethiker darin geschult, innere Widerstände durch richtiges Ansprechen von Schmerzrezeptoren effektiv zu beseitigen. Dies diente der Wahrheitsfindung. Man durfte lediglich nicht übertreiben, aber jeder Ethiker wusste genau, was er tat. Er wäre ja sonst nie zu einem Ethiker geworden.

Im Warteraum befand sich noch eine weitere Untersuchungsgefangene, die ebenfalls nach der Anwendung unmittelbaren Zwangs behandelt werden musste. Tanner sah sich kurz deren Strafakte mit einem Handscanner an. Aha, dachte er. Promiskuitive Aktivitäten außerhalb der BAZ. Ob diese Terroristinnen wohl mal eine Sekunde daran dachten, was sie in den Seelen Minderjähriger anrichten konnten, wenn die durch einen dummen Zufall in eine solche Aktion hineingerieten? Unsummen, massenhaft Personal, gewaltige Ressourcen verschlang das Reinigen von Büchern, Filmen und Internet und dann geschah dieses unethische Verhalten einfach so, real, an irgendeiner Straßenecke, wo sich lauter unbescholtene, nichtsahnende, friedfertige Bürger aufhielten. Naja. Tanner schaltete den Handscanner aus. Das war nicht sein Zuständigkeitsbereich. Er drehte sich zu „seinem“ Untersuchungshäftling um, packte den Griff des Vernehmungsgestells und rollte den Wagen mit der unschädlich gemachten Terroristin über den Flur. Er wollte sie direkt in ein Vernehmungszimmer bringen.

Zu dieser Zeit waren sowohl Gericht als auch Sozialagentur von einem geschäftigen Treiben erfüllt. Obwohl es nicht ungewöhnlich war, dass nackte Untersuchungshäftlinge in ihren Vernehmungsgestellen über die Gänge gerollt wurden, registrierte Tanner unüblich viele Blicke der überwiegend männlichen Passanten und Angestellten, die auffallend lange auf dem Körper dieser speziellen Sexualterroristin verweilten. Tanner empfand dabei ein unbekanntes, seltsames, nicht angenehmes Gefühl. Er konnte sich dieses Gefühl nicht erklären.

Bei den ersten Blicken, die etwas länger, etwas genauer, etwas … teilnahmsvoller waren als üblich, hatte Tanner noch gedacht, es könnte womöglich daran liegen, dass noch nicht verurteilte Untersuchungshäftlinge bislang eher selten im Vernehmungsgestell durch das Gebäude transportiert wurden. Wer sich ein wenig mit der neuen StPO auskannte, wusste, dass vor der Verhandlung den Angeklagten weder Anal- noch Vaginalstimulatoren eingeführt wurden. Es bestand schließlich die theoretische Möglichkeit eines Freispruches und Unschuldige mussten ja nicht für den Sexualdienst trainiert werden.

Je länger der Weg über die Flure dauerte, desto klarer wurde Tanner, dass das auffällige Interesse an seiner Untersuchungsgefangenen wohl nicht an den ungefüllten Körperöffnungen lag. Das unbekannte, mulmige Gefühl wurde stärker.

Tanner rollte die Gefesselte nicht bis zum Zellentrakt, sondern suchte sich einen der allgemeinen Vernehmungsräume. Er wollte möglichst schnell mit der Arbeit beginnen. Das Risiko, dass die Gefangene sich in einem Raum ohne Bodenablauf entleerte, ging Tanner ein. Schließlich war auch in den allgemeinen Vernehmungsräumen der Boden gefliest und es gab ausreichend Reinigungspersonal (vornehmlich Umweltstraftäterinnen).

Er legte der Gefangenen den Vernehmungskragen an und befestigte ihn am Gestell.

„Frau Stetten, Sie wollen Ihr Geständnis widerrufen?“

Zunächst kaum vernehmlich, aber nach kurzer Zeit deutlicher artikulierend, antwortete die Untersuchungsgefangene: „Werde ich dann wieder gefoltert?“

„Das war keine Folter. Die ermittelnden Beamten haben unmittelbaren Zwang anwenden müssen.“

„Oh. Werde ich wieder … ‚gezwungen‘, wenn ich mein ‚Geständnis‘ widerrufe?“

„Nein. Sie befinden sich jetzt in der gerichtlichen Voruntersuchung. Wenn wir den Sachverhalt nicht aufklären können, besteht die Möglichkeit, Sie einer hochnotpeinlichen Befragung zu unterziehen. Es liegt an Ihnen. Wenn Sie dem Gericht die Wahrheit sagen, wird es ein schnelles, unproblematisches Verfahren. Auch für Sie.“

„Wie viele Begriffe für ‚Folter‘ haben Sie denn? Mir würde es reichen, wenn Sie mir sagen, was ich tun muss, um nicht noch einmal zusammengeschlagen zu werden.“

„Das habe ich soeben. Die Wahrheit, Frau Stetten. Sagen Sie die Wahrheit und wir können Ihren Fall schnell abschließen.“

„Ich … ich habe Besuche meines Freundes nicht ins Wohnungsbuch eingetragen, weil ich mich noch nicht für eine Lebenspartnerschaft oder eine Ehe bereit fühle. Ich hielt das nicht für eine große Sache.“

„Urkundenfälschung ist keine Kleinigkeit, Frau Stetten. Warum haben Sie den ermittelnden Beamten denn gesagt, Sie seien der Prostitution nachgegangen, ohne hierfür eine behördliche Autorisierung zu besitzen?“

„Das haben die mir gesagt. Und dann haben sie … haben sie mich …“ Sylvia Stetten unterdrückte ein Schluchzen. Es ging ihr nicht darum, tapfer zu erscheinen – sie fürchtete die Erschütterungen ihrer geprellten Rippen.

Tanner dachte nach. Dann meinte er: „Das Problem, Frau Stetten, ist, dass Ihr Geständnis bereits zu den Akten genommen wurde. Das bedeutet, dass ein Widerruf automatisch zu einer erneuten Untersuchung der Tat führt, die Gegenstand des Geständnisses war. Ich werde Sie zu einer sexualterroristischen Straftat befragen müssen. Das wird weder für Sie noch für mich besonders angenehm.“ Das Empfinden von Unannehmlichkeit in Tanners Stimme war echt. Er ging davon aus, die HNPB anwenden zu müssen und der Gedanke, diesen hübschen Körper zu beschädigen, gefiel ihm nicht ... gefiel ihm ganz und gar nicht!

„Bitte … Sie … bitte sagen Sie mir einfach, was ich tun soll, um das, was Sie nicht Folter nennen, zu vermeiden. Bitte!“

Das war so ziemlich genau das, was Tanner zu hören gehofft hatte. Er bemühte sich, seine Erleichterung zu verbergen. „Ich glaube Ihnen, Frau Stetten, aber das nützt jetzt leider gar nichts. Wenn Sie Ihr Geständnis widerrufen, werden sie wegen Prostitution angeklagt und da ein Sachverhalt, der nicht stattgefunden hat, nicht aufgeklärt werden kann, kommt es unweigerlich zur hochnotpeinlichen Befragung … es sei denn …“

„Ja?“ Ein Hauch von Hoffnung huschte über Sylvias geschundenes Gesicht, dessen Schwellung durch die medizinische Versorgung etwas zurückgegangen war.

„Es sei denn, Sie bleiben bei dem Geständnis. Dann werden Sie ohne weitere Befragung im Schnellverfahren zu drei Jahren Sozialerziehung verurteilt und kommen anschließend in die Obhut eines Ethikers, der sich um Sie kümmern wird. Ich … äh … ich könnte mir vorstellen … also … ich könnte Ihnen zusichern, dass ich mich höchstpersönlich um diese Aufgabe bewerben werde. Die Strafen für Urkundenfälschung hingegen können erheblich … äh … unangenehmer sein. In Mecklenburg-Vorpommern wurde kürzlich erstmals die reformierte, ökumenische Scharia bei Fälschungsdelikten angewandt. Sie wollen doch bestimmt lieber alle Finger Ihrer rechten Hand behalten, oder?“

„Drei Jahre?“

„Drei Jahre. Die sind schnell vorbei und in der Zeit danach wird es Ihnen an nichts mangeln.“

Tanner wusste, dass die Gefangene seinem Plan folgen würde, noch bevor er das Vernehmungszimmer verließ, um ihr ein Glas Wasser zu holen.

 

Kapitel 7: Geisel

 

Alles hatte blitzschnell gehen müssen.

Mit einer Hand hatte Lara Straus den Bundesethiker in Schach gehalten und mit der anderen das abgeschirmte Hacker-Handy benutzt, um Manuel und die anderen Mitglieder der kleinen Widerstandsgruppe zu informieren.

Manuel und drei Freunde, die sich als Gastronomiepersonal in den Club eingeschlichen hatten, waren sogleich zur Stelle, fesselten und knebelten den Ethiker und verfrachteten ihn unsanft in einen Küchenwagen, der gerade groß genug war, um den wirklich nicht schmächtigen MdB darin unterzubringen. Unbemerkt verließen sie dank gut gefälschter Papiere den Sicherheitsbezirk und fuhren in das neue Versteck, in dem sie ihre Geisel unterbringen wollten. Dort fesselten sie Frömmel an ein Bett und nahmen ihm Anzug und Knebel ab.

„Und? Glaubt Ihr Idioten wirklich, dass sich der Staat von Terroristen erpressen lässt? Wir können die Sache doch regeln! Noch muss niemand davon erfahren.“

„Erklärt Ihr mal diesem Dreckschwein die Lage! Ich gehe mich umziehen.“ Lara wandte sich kopfschüttelnd zu der massiven Stahltür, mit der das für Frömmel hergerichtete Kellerverlies verschlossen worden war.

Manuel trat an ihrer Stelle vor den Ethiker. „Wir sind uns noch nicht einig. Ein paar von uns würden Sie gern auf der Stelle exekutieren.“

„Ach. Mörder seid Ihr? So seht Ihr gar nicht aus. Na, dann los! Verschwendet nicht meine Zeit!“

Manuel sah zu Manja herüber. Die zuckte mit den Schultern und meinte lapidar: „Diese Typen halten sich für allmächtig. Wir sollten ihn erst einmal eine Weile schmoren lassen. Wenn er im eigenen Saft vor sich hin köchelt, wird er sich die Arroganz irgendwann verkneifen.“

„So viel Zeit haben wir nicht.“ Manuel dachte an Caro.

Manja blieb hart. „Wir können sowieso nichts daran ändern, was diese Faschisten Caro bisher angetan haben. Wir sollten diesem Kerl hier ein paar Tage Zeit geben, um sich zu besinnen. Klappt das nicht, legen wir ihn um und befreien Caro mit einer Kommandoaktion.“

Manuel wusste, dass alle Pläne für ein Kommandounternehmen bisher mangels Erfolgsaussichten verworfen worden waren, aber Frömmel wusste das nicht. „Ich werde über Deinen Vorschlag nachdenken. Vielleicht ist es ja besser, ihn nicht am Leben zu lassen.“

„Warten Sie!“ Ohne Handschellen wäre Frömmel vermutlich aufgesprungen. „Es gibt bestimmt eine Möglichkeit der Verständigung.“

Manuel war von Frömmels Einlenken überrascht. Noch mehr überraschte ihn aber, wie schnell der Ethiker seine Arroganz gegen das nackte Überleben einzutauschen bereit war. Tatsächlich schien es keinen großen Unterschied zu machen, ob es sich um eine Horde erbsenhirniger Skinheads, ein Rudel spießig-tumber Fremdenfeinde oder eine Ansammlung politischer und/oder religiöser Clowns handelte – warf man die Anhänger kollektivistischer Ideologien auf ihre Vereinzelung zurück, zeigten sie ihr wahres Gesicht: Die mitleiderregende Fratze eines von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen Wichtigtuers, der ohne seine Rotte weder Charakter, noch Format, noch Willensstärke besaß.

Es kostete Manuel ein gutes Maß an Überwindung, aber er drehte sich einfach um und verließ mit Manja den Keller. Nachdem die einzige Tür zu Frömmels Gefängnis sorgfältig verschlossen worden war, fand Manja: „Der gehört nicht zu den wahren Entscheidern. Der tut nur so.“

„Was machen wir, wenn er nicht tut, was wir wollen?“ Lara erwartete ihre Mitstreiter am oberen Ende der Kellertreppe.

„Wir haben Euch gesagt, dass dieser Plan nicht funktionieren wird.“ Manja schien dem ganzen Vorhaben gegenüber sehr skeptisch zu sein.

„Manja, wir sind Euch für Eure Unterstützung wirklich dankbar, aber wir sind nicht die … ‚Freiheitskämpfer‘, die Du und Deine Landsleute gern in uns sehen würdet. Wir wollten nur ein interessantes Leben führen und schöne, spannende Dinge erleben“, meinte Manuel ehrlich. „Wir haben uns nicht freiwillig dafür entschieden, das System zu bekämpfen.“

„Natürlich nicht“, lenkte Manja ein. „Glaubst Du denn, Anne Frank wollte zur Heldin werden? Meinst Du, die Geschwister Scholl hatten sich vorgenommen, Märtyrer zu sein? Einen solchen Vorsatz fassen nur Schwachköpfe und Wichtigtuer. Die werden dann Selbstmordattentäter oder rennen irgendwelchen Fähnchen in Maschinengewehrfeuer oder Giftgas hinterher. Wir wissen das, Manuel. Es sind Menschlichkeit, Anstand und Zivilcourage, die aus ganz einfachen Menschen, die nur ein spannendes Leben wollten, Kämpfer und Helden machen. Es ist die Unfähigkeit, Terror und Bevormundung einfach hinzunehmen, es ist der Ekel gegen ein Dahinvegetieren als Duckmäuser und angepasste Nullen, der dazu führt, dass Menschen, die sich selbst nicht für etwas Besonderes halten, auf die Straße, die Barrikaden, in den Widerstand gehen. Wir finden lediglich, dass es noch zu früh für eine Aktion wie diese ist. Noch glauben zu viele Deutsche, dass es sich in einem Spitzel- und Denunziantenstaat ganz ordentlich leben lässt. Vor nicht allzu langer Zeit haben das mal viele Eurer Landsleute vierzig Jahre lang ertragen. In den meisten Ländern der Erde lassen sich Menschen seit zweitausend Jahren von Priestern und Imamen vorgaukeln, wie sie angeblich zu leben haben. Noch hat diese Ethikerbande die Fratze des Terrors nicht klar genug gezeigt.“

„Manja, wir … also … Manuel und ich … wir wollten eigentlich gar keine große Geiselnahme daraus machen.“ Lara war leicht errötet.

„Ich weiß. Ihr wollt nur Caro aus der Sklaverei befreien. Jetzt habt Ihr aber einen Bundesethiker da unten im Keller. Jetzt ist es eine Geiselnahme. Ich schlage vor, wir beenden das und verscharren den Kerl irgendwo.“

Manuel ging dazwischen. „Auf keinen Fall! Dann sind wir nicht besser als die.“

Manja schüttelte ihren Kopf. „Habt Ihr denn noch nicht begriffen, dass es mit Typen wie denen keine Verständigung geben kann? Würdet Ihr mit Hitler, Stalin, Bin Laden und wie diese Schlächter alle noch so heißen, lieber ein Gespräch führen, um sie von der Falschheit ihres Tuns zu überzeugen? Habt Ihr noch nicht gemerkt, dass Ihr Partei in einem Bürgerkrieg seid?“

„Partei oder nicht Partei. Es muss einen Unterschied zwischen denen und uns geben.“ Manuel wirkte gleichzeitig ratlos und entschlossen.

Es musste einen Weg geben, Caro zu befreien, ohne die eigene Menschlichkeit zu opfern. Es musste!

 

Fortsetzung in Teil 6 

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Kommentare

Bild des Benutzers dominus00

Dass deine schreiberische Leistung fantastisch ist, brauche ich dir nicht zu sagen. Das siehst du schon allein aufgrund des Ansturms an Leserschaft für deine Geschichtsplattform.

Einen Kritikpunkt habe ich aber dennoch: Du verwendest geschichtseigene Abkürzungen und Begriffe so selbstverständlich, als gehörten sie zum normalen Schreibstandard. Tatsächlich musste ich aber "HNPB" oder "MdB" noch einmal in den früheren Teilen nachschlagen, ja regelrecht suchen, was den Lesefluss natürlich absolut ruiniert. Du wirst einsehen müssen, dass derartige Begriffe, wenn zwischen dem Erscheinen der einzelnen Teile Wochen vergehen, schlichtweg vergessen werden. Es wäre deshalb meines Erachtens nach besser, du würdest solche Begrifflichkeiten am Anfang eines jeden Kapitels, vielleicht im Rahmen einer Legende, noch einmal klären.

Trotzdem verteile ich gerne sechs Sterne, weil sich die Geschichte ganz eindeutig und deutlich nach oben von anderen abhebt.

Etwas stören mich aber die Bilder. In eine grübelnde Männerfratze zu gucken, wenn ich eine erotische Geschichte erwarte, ist für mich etwas befremdlich...

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Bild des Benutzers Chris Dell

Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ich schreibe, um auf meiner eigenen Seite zu veröffentlichen und dann nur ab und zu mal etwas hier zu posten oder ob ich "exklusiv für bdsm-geschichten.net" schreibe. Ich werde mir in der Frage "Legende" etwas einfallen lassen - vielleicht noch nicht gleich in den nächsten, frühen Teilen, sondern dann, wenn noch ein paar mehr Interna aus der nahen Zukunft vorliegen. Für die "grübelnde Männerfratze" habe ich hingegen auch schon Verzückungsschreie geerntet ("Endlich auch mal ein attraktiver Mann in Deinen Geschichten!"). Es kommt eben auf den Standpunkt an *grins*. Dass ich Dein Lob immer wieder gern lese, brauche ich Dir, glaube ich, auch nicht zu sagen. Danke schön.

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Bild des Benutzers Raale

Da wollte ich doch jetzt einen ernsthaften Kommentar verfassen und dann diese Debatte. Die Bilder werden von der Stimmigkeit her wirklich immer besser. Vor allem auch die Gesichter entwickeln mehr und mehr Persönlichkeit. Also nicht abhalten lassen auch was für den weiblichen Teil der Bevölkerung zu tun.

Wichiger scheint mir aber der Inhalt. Deine Wut auf wichtigtuerische Schleimspritzen, die sofort einknicken, wenn der Wind von vorn kommt, kann ich fast körperlich spüren. Ich habe aber das Gefühl es ist manchmal etwas zu viel des Guten. Ich könnte es allerdings nicht an Einzelheiten festmachen.

Gespannt bin in auf den weiteren Dialog zwischen den Beiden. Ein bisschen Sarkassmus kann nicht schaden. Ansätze dazu lässt sie ja durchblicken. Und das könnte auch einem Ethiker zu denken geben.

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Bild des Benutzers Chris Dell

Zunächst: Vielen Dank, Raale. Ja, mag auch männliche Sexualität mitunter auf Äußerlichkeiten verkürzt daherkommen, muss deshalb der weibliche Teil der Bevölkerung nicht gleich vernachlässigt werden.

"Wut" trifft es nicht ganz. Mir geht es darum, zu entlarven, dass nicht nur "offensichtliche Bösewichter" für Zensur, Bevormundung und Terror verantwortlich sind. Das wird gern unter den Teppich gekehrt. Dabei passiert es sogar hier, wie kürzlich erst gesehen/gelesen. Mag sein, dass es dann ab und zu überzogen klingt. Ich werde mir Mühe geben, die Spitzen stimmiger zu setzen. Ob es mir gelingt ...?

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Bild des Benutzers Chris Dell

Dann ist Tanner, der Depp, mir ja doch halbwegs gelungen! Ich hatte schon befürchtet, dass den "Darsteller" keiner erkennt.

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