Die Klassenfahrt – Teil 1 – Andere Länder, andere Sitten

 
Nach längerer Zeit habe ich mich noch einmal an eine meiner alten, unvollendeten Geschichten gesetzt und ein paar Änderungen gemacht. In den nächsten Tagen wird die Geschichte dann auch hoffentlich fertig werden.

 
Es war wieder einmal einer dieser Momente, an dem Tommi  es bedauerte, dass seine Eltern ihn auf dieses Gymnasium geschickt hatten. Die Zeiten, in denen es ein reines Mädchengymnasium war, waren zwar schon lange vorbei, aber trotzdem herrschte immer noch ein gewaltiger Frauenüberschuss. In der dreizehnten Klasse, in der er war, hatte das natürlich auch einige Vorteile, wenn man als Junge nach einer Freundin Ausschau hielt, aber in anderen Fällen konnte es sich auch äußerst nachteilig für die männliche Minderheit auswirken. So wie bei der Entscheidung zur abschließenden Klassenfahrt seines Geographiekurses zum Beispiel.
Zur Auswahl standen entweder New York, der Favorit der meisten Jungs aus seinem Kurs, oder dieser afrikanische Staat, in dem es vor einigen Jahren diese feministische Revolution gegeben hatte. Fast so wie an seiner Schule, waren in diesem Land die Frauen in der Mehrheit, nicht zuletzt weil sich die Männer in andauernden Auseinandersetzungen mit den umliegenden Staaten gegenseitig dezimiert hatten. Trotzdem gaben weiterhin hauptsächlich die Männer den Ton an, bis es den Frauen schließlich reichte. In einer Revolution, die anfänglich eher im privaten Rahmen begann bis sie schließlich auch politische Dimensionen erreichte, erlangten die Frauen die Macht und unternahmen seitdem jede nötige Anstrengung, diesen Zustand zu festigen und weiter auszubauen.
Wie er es im Unterricht gelernt hatte, ging das inzwischen so weit, dass die Männer dort inzwischen mehr oder weniger entrechtet waren und keinerlei Einfluss auf Politik oder Militär mehr hatten. Auch alle Führungspositionen in der Wirtschaft waren ausschließlich von Frauen besetzt. Was den Männern blieb, waren entweder schlecht bezahlte Jobs oder die Ehe. Und auch die war anscheinend kein Zuckerschlecken für die männliche Bevölkerung, da sie auch im privaten keinerlei Rechte mehr hatten.
Dieses Land war natürlich das favorisierte Reiseziel seiner Mitschülerinnen und da wie immer demokratisch abgestimmt wurde, setzte sich natürlich wie immer die weibliche Mehrheit durch.
"Ach, wie schön wäre New York gewesen", dachte Tommi als das Flugzeug gelandet war und er und der Rest seines Kurses am Gepäckband des Flughafens auf ihre Koffer warteten.
Ringsumher standen auch andere einheimische Reisende, die aus irgendeinem Urlaub nun wieder nachhause kamen. Dass es Einheimische waren, konnte Tommi daran sehen, dass sich nur die Männer mit dem Gepäck abschleppten und die Frauen gelangweilt daneben standen.
"Wie gut, dass wir bei uns andere Sitten haben", dachte Tommi, als das Gepäck endlich auf dem Laufband erschien und seine Mitschülerinnen genauso mit anpacken mussten wie er und seine Mitschüler. Lediglich das Flughafenpersonal schien solche Szenen nicht oft zu erleben. Aber vielleicht lag es ja auch nur an der Hautfarbe der Schüler seines Kurses, warum sich die Einheimischen ihre Köpfe zusammensteckten und sich ganz unverhohlen über die deutsche Reisegruppe austauschte. Schon im Unterricht hatte Tommi gehört, dass es seit der Revolution nur noch selten ausländische Touristen in dieses Land verschlug. Aber für die  Klassenkameradinnen seines Geographiekurses schien dieses Land dadurch nur noch umso interessanter zu sein.
Nachdem sie in ihrem Hotel eingecheckt hatten, wurde ihr Gepäck von dem dortigen beinahe devoten männlichen Personal auf die jeweiligen Zimmer getragen. Selbst den Jungs des Schulkurses gefiel es, mal so richtig auf 'Boss' machen zu können. Nachdem sich alle eingerichtet hatten und wieder im Foyer zusammengekommen waren, wandte sich die Lehrerin an ihre Kursteilnehmer: "Also, wie ihr wisst, hat dieses Land doch einige Sitten, die uns fremd sind. Von daher sollten wir uns hier ein wenig vorsichtig bewegen. Auch abends in kleinen Gruppen durch die Straßen zu ziehen, so wie bei früheren Klassenfahrten, wird es diesmal nicht geben."
"So ein Mist. Was soll das denn für eine Kursfahrt sein?" Ronja war es, die sich zu Wort meldete. Ronja war die älteste seiner Mitschülerinnen. Sie war früher einmal, oder vielleicht auch zweimal, sitzen geblieben und war durch ihr Alter so etwas wie die inoffizielle Klassensprecherin. Inoffiziell deshalb, weil die Lehrerin des Kurses nur Jungen für die Wahl des Klassensprechers aufstellen ließ. Aus Fairnessgründen, wie sie damals meinte. Und so fiel die Wahl auf Tommi, der damals als Einziger an diesem Posten interessiert war und der seitdem unter den Sticheleien von Ronja und vielen ihrer Freundinnen zu leiden hatte. Leider auch von Anja. Anja war eines der Mädchen aus Ronjas Clique und außerdem Tommis heimlicher Schwarm.
"Also noch mal. Warum machen wir denn eine Kursfahrt, wenn wir uns Land und Leute nicht ansehen dürfen. Immerhin sind wir inzwischen alle über 18 Jahre. Und ich sogar schon 19." Ronja stand in vorderer Reihe der Gruppe und stemmte selbstbewusst die Hände in ihre Hüften.
Frau Hansen ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. "Das soll nur eurer Sicherheit dienen. Ihr seid zwar inzwischen volljährig, aber schließlich waren wir noch nie in so einem exotischen Land. Und Du hast doch am aller lautesten für dieses Reiseziel geschrien, Ronja. Außerdem machen wir ja jeden Tag Ausflüge und so seht ihr schon genug von dem Land. Lediglich abends ist für Euch Ausgangssperre. Und falls ihr Euch unerlaubt trotzdem rausschleicht, wird mich das Hotelpersonal spätestens dann benachrichtigen, wenn ihr klingelt um wieder hinein zu kommen. Denn abends ist die Hoteltüre nur noch mit Schlüsseln zu öffnen und den einzigen Schlüssel unserer Gruppe werde ich haben."
Auch Anja wagte sich nun aus der Reserve: "Aber wenn wir uns auch tagsüber einmal für Exkursionen aufteilen wollen, die vielleicht etwas länger dauern, wird das mit einem einzigen Schlüssel aber schlecht, meinen sie nicht?"
"Da hast du auch wieder Recht. OK, dann schlage ich einen Kompromiss vor: Auch eurem Klassensprecher werde ich einen Zweitschlüssel aushändigen. Bei Tommi kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass er keine Dummheiten macht."
Tommi war nicht sicher, ob er sich über diese Ehre freuen sollte. Zwar wurde er als Klassensprecher gewählt, aber durch Ronjas Intrigen war er seitdem nicht sehr beliebt bei seinen Mitschülern. Ihm eilte der Ruf eines Strebers voraus und Situationen wie diese untermauerten diesen Ruf umso mehr.
Entsprechend konnte er sich auch den ganzen Tag die passenden Sprüche von seinen Klassenkameraden anhören.
Auch seine Traumfrau Anja war sauer. "So ein Mist", wandte sie sich an Ronja, "jetzt hat dieser Superstreber den einzigen Schlüssel und wir können heute unsere Tour durch die Clubs dieser Stadt vergessen."
"Außer wir fragen nach dem Schlüssel."
"Das glaubst du doch nie im Leben, dass er ihn herausrückt."
"Bestimmt nicht, wenn ich ihn frage. Aber du? Der Kerl steht doch total auf dich."
"Hör bloß auf. Ich kotz gleich. Und selbst wenn ich ihn fragen würde, hätte er viel zu viel Schiss davor, Ärger mit der Lehrerin zu bekommen, nur weil er mir einen Gefallen getan hat."
"Aber wenn du ihm anbietest, dass wir ihn mitnehmen", grinste Ronja, "dann wird der geile Bock bestimmt nicht widerstehen können."
Anja hatte zwar nicht wirklich Lust, Tommi dieses Angebot zu unterbreiten, aber was sollte sie machen. Auch ihr war klar, dass dies die einzige Chance war, heute Nacht hier aus dem Hotel heraus und unbemerkt wieder herein zu kommen. Also gab sie sich einen Ruck, setzte ihr süßestes Lächeln auf und begab sich zu Tommi.
Doch als sie einige Minuten später mit stocksaurer Mine zurückkam, merkte Ronja schon, dass ihr Plan wohl nicht allzu erfolgreich verlaufen war.
"Das gibt es doch nicht. Dieses feige Arschloch", ereiferte sich Anja, "weißt du, was der von uns wollte?"
"Erzähl schon."
"Er will, dass wir ihm schriftlich bestätigen, dass wir ihn zu dieser Aktion unter Druck gesetzt hätten, und jede Verantwortung übernehmen, für den Fall, dass wir erwischt werden und Ärger bekommen sollten."
"Das passt zu dem Bild, das ich von diesem Typen hatte", mischte sich Petra ein, "bestimmt will er dieses Schreiben noch mehrsprachig, um auch vor den hiesigen Behörden sicher zu sein."
"Kann er bekommen", grinste Ronja.
"Hä, was kann er bekommen?"
"Nun, ein mehrsprachiges Schreiben. Ein paar Brocken der Landessprache habe ich mir ja vor dieser Reise hier angeeignet. Und mit Hilfe von Übersetzungsprogrammen im Internet sollte so ein Schreiben machbar sein."
"Du willst das wirklich machen?" Petra konnte es kaum fassen, dass ausgerechnet Ronja sich so erniedrigen wollte, diesen Streber aus aller Verantwortung für die gemeinsame Aktion zu entlassen.
"Lasst mich nur machen. Hat eine von Euch mal Papier und Stift?"
Schnell hatte Ronja zwei Schreiben aufgesetzt. Eines auf Deutsch, worauf sie die komplette Schuld für den nächtlichen Ausriss auf sich schob und ein Zweites in der Landessprache ihres Urlaubsortes.
Fassungslos blickten ihre Freundinnen hinter ihr her, als sie sich damit zu Tommi aufmachte und noch fassungsloser waren sie, als Ronja nach ein paar Minuten mit zufriedener Miene wiederkam.
"So, geschafft", strahle sie, "Tommi und ich haben beide Zettel unterschrieben. Tommi hat das deutsche Exemplar behalten und ich das afrikanische. Damit steht unserem Ausflug heute Abend dann ja wohl nichts mehr im Wege."
Anja war nicht ganz wohl bei der Sache. "Und du hast keine Angst, dass du riesigen Ärger bekommst, wenn wir erwischt werden?"
"Überhaupt keine. Und außerdem, was soll er außer den üblichen Standpauke schon passieren?"
Damit hatte Ronja nun auch wieder Recht. Es war ja nicht das erste Mal, dass sie mit ihrer Clique gegen irgendwelche Regeln verstoßen hatte. Das Schlimmste, was dabei jemals passiert war, war ein Eintrag ins Klassenbuch gewesen. Aber Frau Hansen neigte in der Regel eher dazu, durch eine moralische Grundsatzrede die Schülerinnen dazu zu bewegen, ihre Fehler einzusehen.
Der erste Exkursionstag verlief ohne weitere Zwischenfälle. Eine Besichtigung hier, ein Museum dort. Die Schülerinnen ließen alles über sich ergehen, in der Hoffnung einen spannenden Abend zu haben. Nach dem Abendessen gingen alle auf ihre Zimmer zurück und warteten bis kurz vor Mittenacht, um sich dann heimlich im Treppenhaus zu treffen.
Ronja und Anja waren die ersten und begrüßten in leisem Flüsterton ihre leicht verspäteten Mitschülerinnen: "Petra und Silke, da seid ihr beide ja endlich."
"Frau Hansen hat gerade noch mal eine Runde gedreht, da konnten wir nicht aus unserem Zimmer raus. Ist dieser blöde Streber Tommi schon da?"
"Nein noch nicht. Ich hoffe, dieser Feigling kneift nicht im letzten Moment. Zu ärgerlich, dass wir den mitnehmen müssen."
"Aber er hat nun mal den Ersatzschlüssel, ohne den wir nachher nicht wieder unbemerkt hereinkommen können."
"Stimmt genau!", hörten sie eine männliche Stimme flüstern. Erschrocken drehten sie sich um.
"Ach, du bist es nur Tommi", ächzte Ronja, "dann können wir ja los."
Ronja hatte in Erfahrung gebracht, dass sie nur 5 Stationen mit dem Bus fahren mussten, um zu einer der angesagtesten Discos der Stadt zu kommen. Beziehungsweise was die Ortsansässigen hier so unter 'angesagt' verstanden.
Nicht nur, dass kaum Männer anwesend waren, was sich die Mädchen natürlich in diesem Staat hätten denken können, sondern auch die Musik konnte mit ihren Clubs in Berlin kaum mithalten. Trotzdem versuchten alle, das Beste aus dem Abend zu machen, und vergnügten sich auf der leider nur von Frauen belegten Tanzfläche. Nur Tommi traute sich nicht. Als hellhäutiger Mann fiel er hier natürlich gleich doppelt auf, und unter den neugierigen Blicken aller anwesenden Discobesucherinnen fühlte sich der schüchterne Schüler ein wenig unwohl. Wenngleich es ihn auch ein wenig erregte, so im Zentrum des Interesses zu stehen. Besonders, da die meisten anwesenden Frauen extrem gut aussahen.
Am attraktivsten fand er allerdings jedoch immer noch Anja. Zu blöd nur für ihn, dass dieses Interesse nicht auf Beidseitigkeit beruhte. Aber vielleicht würde sich das Blatt für ihn ja an diesem Abend wenden. Schon in Deutschland hatte er in Hinblick auf eine Situation wie diese hier auf dieser Kursfahrt gehofft: Er und seine Traumfrau abends allein unterwegs. Und schon in Deutschland hatte er sich über das Internet einen kleinen Triumph für so eine Chance besorgt. Und diesen Triumph hatte er heute Abend mitgebracht. 'Aphro-Drops' stand auf dem kleinen Fläschchen, dass er nun aus der Tasche zog. Laut den Bewertungen im Internet sollte dieses Aphrodisiakum tatsächlich das halten, was der Hersteller versprach, und sollte selbst die unterkühltesten Frauen so in Wallungen versetzen, dass sie sich allem halbwegs männlichen hingeben würden, was für sie greifbar war. Und heute Abend war dies, soweit er es beurteilen konnte, ja lediglich er. Zugegeben, allein waren er und seine Traumfrau heute Abend zwar nicht, aber eine bessere Gelegenheit würde es sicherlich sobald nicht mehr geben. Die Mädchen vergnügten sich immer noch auf der Tanzfläche und der Kellner hatte gerade neue Getränke gebracht. Anja hatte lediglich eine Cola bestellt und ihr Glas stand nur eine Armlänge von Ihm entfernt. Schnell drehte er den Deckel von dem Fläschchen, tröpfelte etwas von dem Extrakt in das Glas und zog das Fläschchen wieder hektisch zu sich herüber. "Tommi, du bist schon ein gerissener Hund", grinste er in sich herein. Jetzt musste Anja nur noch von ihrer Cola trinken. Aber was war mit den anderen? Selbst wenn die Tropfen bei Anja wirken sollten, und sie sich leidenschaftlich auf ihn stürzen sollte, wären ja immer noch ihre drei Freundinnen dabei, die sicherlich versuchen würden, sie zur Besinnung zu bringen. Außer, überlegt er kurz, sie hätten sich selbst auch nicht mehr im Griff. Auf dem Tisch standen noch die Gläser seiner anderen drei Mitschülerinnen. Ohne viel zu überlegen schraube der das Fläschchen noch einmal auf und gab in jedes Glas noch einen kräftigen Spritzer von dem Extrakt. Verstohlen blickt er um sich. Niemand schien sein Treiben bemerkt zu haben. Und Anja tanzte immer noch mit ihren Freundinnen. "Jetzt bin ich ja mal gespannt, was die Chemie heute so alles zu Stande bringt", lachte er, während er genüsslich sein Mineralwasser trank. Auch war er neugierig, wie die Tropfen bei der herrischen Ronja wirken würde. Ob selbst sie scharf auf ihn würde? Aber das würde er ja bald erfahren, dachte er sich. Sein Hauptziel jedoch war natürlich immer noch seine Traumfrau Anja.
Aus seinen Augenwinkeln betrachtete er, wie sie sich auf der Tanzfläche bewegte. Jedes Mal wenn sich ihre Blicke kreuzten, schaute er schnell zur Seite, in der Hoffnung, dass niemand mitbekam, wie seine Blicke an ihr klebten.
Dabei stellte es sich allerdings so ungeschickt an, dass Anja mehr und mehr merkte, dass sie von ihm beobachtet wurde.
"Dieser Typ lässt mich tatsächlich keine Sekunde aus den Augen", meinte sie genervt zu Ronja.
"Diesem geilen Bock sollten wir wirklich mal eine Lektion erteilen", erwiderte ihre Freundin. "Wirklich total nervig, dass wir den jetzt den ganzen Abend dabeihaben müssen, nur um hinterher wieder zurück ins Hotel zu kommen. Ich glaube, ich habe jetzt auch keine Lust mehr, zu tanzen. Außerdem habe ich Durst."
Tommi sah die Mädchen von der Tanzfläche zurückkommen. Jetzt würde es spannend werden. Alle vier griffen zu ihren Gläsern und tranken sie in wenigen Schlucken leer. Mit jedem ihrer Schlucke stieg die Spannung bei Tommi, was nun als nächstes passieren würde. Wer von den Vieren würde sich ihm als erstes an den Hals werfen?
"Was glotzt du denn so blöd?" Ronja harter Tonfall riss ihn aus seinen Träumen.
"Äh, was bitte?"
"Warum du so blöd glotzt, frage ich. Hast du noch nie jemanden etwas trinken sehen?"
"Ach lass den Streben doch in Ruhe, Ronja", mischte sich Silke ein, "wahrscheinlich ist er nur neidisch, weil sein Glas schon leer ist. Apropos leere Gläser: Wollen wir noch was bestellen?"
"Irgendwie würde ich mal ganz gerne wieder an die frische Luft", stöhnte Petra, "und die Musik hier ist auch nicht das Wahre. Wollen wir nicht lieber noch ein bisschen um die Häuser ziehen, als hier in dieser Provinzdisko abzuhängen?"
"Gute Idee. Mir reicht es hier auch. Ich hab auch das Gefühl, dass es hier immer heißer wird."
Auch die anderen Mädchen waren sich schnell einig, lieber noch ein Wenig das Viertel zu erkunden. Nur Tommi gefiel die Idee nicht. Zu schön war es doch gewesen, seine Traumfrau beim Tanzen zu beobachten. Aber was sollte er machen. Zwingen hierzubleiben konnte er die anderen ja nicht. Auf der anderen Seite schienen die Tropfen ja schon ein wenig von ihrer Wirkung zu entfachen, wenn bei seinen Begleiterinnen das Bedürfnis nach frischer Luft und Abkühlung aufkam. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel und machte sich mit auf den Weg.
Sie zogen nun schon eine gute Stunde durch die Straßen und die Mädchen fanden sichtlich Gefallen daran, in jedes der nicht enden wollenden Schaufenster zu schauen und sich über Klamotten darin zu unterhalten.
Der einzige der sich langweilte, war Tommi. Bis auf ein leichtes Torkeln hier und da konnte er bei Anja und ihren Freundinnen bisher kein Anzeichen erkennen, dass die Tropfen irgendetwas bewirkten. Vielleicht musste er sich eingestehen, dass sein Projekt gescheitert war und versuchen, den Abend langsam zu Ende zu bringen: "Hört mal, meint ihr nicht, dass es langsam Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen?"
"Ach Tommi, nun sei doch kein Spielverderber. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, durch so exotische Einkaufsstraßen zu spazieren. Das ist doch super."
"Findet ihr vielleicht. Ich langweile mich zu Tode."
"Mensch, du alter Nörgler. Langsam gehst du mir echt auf die Nerven." Ronja fiel es zunehmend schwerer, nett zu ihrem ungeliebten Klassenkameraden zu sein: "Nur weil du außer Lernen keine Hobbys hast, braucht du uns ja hier den Spaß nicht zu verderben."
"Was heißt hier Spaß? Die Straßen sind doch fast wie ausgestorben. Niemand ist hier mehr unterwegs. Wenn wenigstens was los wäre, hätte ich ja noch Verständnis, aber ..."
"Hört ihr das?", unterbrach Silke, "da hinten auf dem Platz höre ich Lautsprecher. Last uns doch dort mal schauen."
"Da hast du dein Straßenfest. Nun zufrieden?"
Noch bevor Tommi antworten konnte, waren die andern schon unterwegs in Richtung der Lautsprecher. "Wenigstens keine Shopping-Meile", dachte er.
Die Teenager kamen auf durch eine enge Gasse auf einen Platz, auf dem ein reges Treiben war. Am hinteren Ende des Platzes war eine Bühne aufgebaut die von einigen Scheinwerfern beleuchtet wurde. Der Rest des Platzes lag im Halbdunkeln.
"Super! Wahrscheinlich ein Straßentheater", rief Anja entzückt.
Auch Tommi war froh, dass hier endlich wieder etwas geboten wurde. Und auch Anjas plötzliche Verzückung nach Action konnte ja vielleicht doch auf die Tropfen zurückzuführen sein. Allerdings war er etwas irritiert, dass anscheinend nur weibliche Zuschauer auf dem Platz unterwegs waren. Dass man hier in der Öffentlichkeit vorwiegend auf Frauen traf, daran hatte er sich ja inzwischen gewöhnt. Aber so wenige Männer ... das war selbst für dieses Land selten.
In einem verächtlichen Ton meinte er: "Na, wenn das hier ein Straßentheater ist, bin ich ja mal auf den Star des Abends gespannt. Viele männliche Fans scheint er ja nicht zu haben. Ich jedenfalls kann hier keinen Mann enddecken."
"Ich schon", grinste Ronja, "schau mal dort drüben."
Tommi folgte ihrer Handbewegung. Und richtig. Dort in einer Ecke des Platzes waren tatsächlich Männer zu sehen. Tommi musste schlucken. So etwas hatte er noch nicht gesehen. In großen Käfigen waren nackte Männer mit Ketten um ihren Hals eingesperrt und wurden von den Frauen begafft. Auch an anderen Stellen auf dem Platz sah man hin und wieder einen nackten Mann, der von einer oder mehreren Frauen an einer Kette geführt wurde.
Ronja schien die Situation als erste zu begreifen. "Hey, wisst ihr, was das hier ist?", fragte sie begeistert in die Runde, "Ein Sklavenmarkt! Darüber habe ich gelesen."
"Ein Sklavenmarkt?" Anja schaute ihre Freundin ungläubig an.
"Ja klar. Oder was meinst du, wo z.B. die Sklaven aus unserem Hotel herkommen. Gefängnisse gibt es hier für Männer nicht. Ein Mann, der sich hier etwas zu Schulden kommen lässt, landet auf dem Sklavenmarkt. Und wer seinen Sklaven wieder loswerden will, kann ihn hier wieder in Bargeld umwandeln. Auch wenn ein Ehemann hier seine Frau betrügt, darf er verkauft werden. Kommt mit. Wir müssen näher an die Bühne. Das müssen wir uns genauer anschauen."

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Kommentare

Bild des Benutzers sena

und man Tommys Schicksal vorhersehen kann, ist die Geschichte sehr sauber und gut lesbar geschrieben. Was mir noch ein wenig fehlt ist die Beschreibung der Kulisse und der Protagonisten, es muss gar nicht viel sein, aber vielleicht magst Du ja dem Leser bei der Erstellung eines Fantasiebildes behilflich sein. Ansonsten vielleicht noch ein paar Absätze die den Text unterteilen und Du wirst hier viele Fans gewinnen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was die lieben Mädels mit dem Spießertommy noch so alles anstellen werden. 
Frauenpower!

Lieben Gruß. 
Sena

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Bild des Benutzers Tony 2360

fliegend natürlich, hätte sich Blacky Fuchsberger vielleicht auch gewünscht. Wer weiß das schon? Netter Einstieg, trotzdem tut mir der Tommi ein wenig leid, er ist doch eigentlich unfreiwillig in der Spießerrolle und fühlt sich nicht wohl damit. Lass ihm eine kleine Chance, bei allen Turbulenzen glücklich zu werden ;)

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Bild des Benutzers FlorianAnders

Im Großen und Ganzen, stoße ich in Senas Horn. *tröröööö* Die Story wird gut eröffnet und verspricht interessant zu werden. Schade ist es, dass dem drumherum so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ob man dem Land einen (Fantasie-) Namen geben sollte, ist sicher Geschmackssache, aber wenn ein Klassenfahrtvorschlag ins konkrete New York führen sollte, so wirkt es auf mich doch sehr schwammig, wenn der andere Vorschlag in diesen "afrikanischen Staat, in dem vor einigen Jahren..." gehen soll. Dies will ich aber noch verzeihen, denn während New York natürlich konkrete Bilder im Kopf auslöst, kann ein Fantasiename dies eh nur in deutlisch schwächerer Form leisten.
Aber auch im folgenden werden zwar die gesellschaftlichen Strukturen beschrieben, aber nichts, was konkrete Bilder im Kopf produziert. Darf ich mir die Stadt als ein arabisches Gassenlabyrinth vorstellen, oder kommt doch alles überraschend europäisch daher, oder wie? Ist das Hotel ein Traum aus Tausend und eine Nacht oder eine schmierige Absteige oder so etwas wie eine Safarilounge, Tagungshotel, dass eher von Geschäftsleuten genutzt wird... Wie auch immer, solche Dinge schalten die Projektorlampe im Kopfkino ein.

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Bild des Benutzers Ianus

Hallo fluffy,
mit dem Setting hast du mich natürlich gleich am Haken. Daher lasse ich dir auch für den Beginn der Geschichte fünf Sterne da.
Bisher habe ich allerdings noch kein so gutes Bild von Tommi. Beziehungsweise noch keines, welches ihn individuell gut kennzeichnet: seine Schüchternheit und Strebsamkeit sind dann doch eher konventionell. Mit ihm könnte ich jetzt noch nicht so mitfiebern. Aber gut, es ist der erste Teil und das kann ja alles noch kommen.
Überrascht hat mich, dass du ziemlich schnell zur Sache kommst. Die Signalsituation mit den als Sklaven in Käfigen angeketten Männern, die mein Kopfkino rotieren lässt, kommt sofort am Schluss des ersten Teils. Da hatte ich sie noch gar nicht erwartet. :-)
Ich bin jedenfalls gesapnnt auf die weiteren Teile und werde gerne mitlesen.

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