Die Augenbinde (2)

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Die kundigen Hände der knienden Schönheit, deren Gesichtsausdruck nun wieder etwas von dieser auffallend angestrengten Konzentration besaßen, die Julius bereits bei der Begrüßung ins Auge gesprungen war, waren mittlerweile fast bis an Julius´ Schultern gelangt und er konnte nicht anders, als etwas erschrocken an sich runter zu sehen.

Nein!

Sie konnte mit ihren Armen niemals weiter als bis zu seinen Oberarmen reichen!

Ihre Hände mussten also gleich zurückfahren, oder aber den Weg auf seine Rückseite nehmen, dorthin, wo sein markanter Rücken, der nicht nur schön anzusehen war, sondern sich ebenso gut anfühlte, ihr die Abwesenheit von Fett eindrucksvoll offenbaren würde.

Und als sich ihre Arme um ihn legten und dabei ihr Kopf seiner unteren Körperhälfte zwangsläufig noch etwas näherkam, und als sie sich von unterhalb der Schulterblätter weiter abwärts tastete und die Stelle erreichte, die Lydia einmal als einen Adonis-Hintern bezeichnet hatte, hielt er den Atem erleichtert an, denn er ahnte, dass er noch etwas besaß, mit dem er als Mann glänzen konnte und spürte so etwas wie Stolz, als ihre Hände an der gut gebauten Stelle vom Übergang seines Rückens zu seinem Hintern verharrte, diese Erhebung mehrmals nahm, auf- und wieder abwärts fuhr, ein paarmal sogar die Handfläche weiter öffnete, als würde sie ihren Fingerspitzen alleine nicht glauben, welche kraftvoll lockende Linie sich ihr da offenbarte.

Julius triumphierte ein wenig und schalt sich zugleich dafür, aber er genoss diesen Enthusiasmus, die er meinte aus ihren Bewegungen herauslesen zu können, und dass sie scheinbar naschte von dieser Körperstelle, ja, es schien ihm fast, sie könne nicht genug von ihr bekommen und auf einmal beunruhigte ihn noch nicht einmal mehr der Gedanke, wo sie ihre suchenden Hände als nächstes hinlenken würde: zurück zu seiner Vorderseite mit der zwangsläufigen Offenbarung dessen, was sie in ihm angerichtet hatte, oder zurück nach unten, da hin, wo sie mit ihrer Erkundungstour begonnen hatte.

***

Frau Dr. Brambach, eine attraktive Mitt-Vierzigerin, die neuerdings etwas rundlicher wurde - was sie allerdings noch besser kleidete, denn das nahm ihr ein wenig von dem Kantigen, das ihr Äußeres und wie es schien auch ihren Charakter ausmachte - hatte schon drei Patienten an diesem Vormittag in ihrer Praxis in Blankenese empfangen.

Jedem von ihnen hatte sie fünfundvierzig Minuten ihrer Aufmerksamkeit geschenkt, dabei in ihren Aufzeichnungen geblättert oder etwas eingetragen, Fragen gestellt, auf Antworten gewartet und den vielen Geschichten, die ein Leben so schreibt, geduldig zugehört. Zwischendurch pflegte sie den ein oder anderen Schluck Tee aus der Tasse zu nehmen, einem Geschenk ihrer Tochter, die sie vor jeder Sitzung gefüllt auf dem Beistelltischchen neben ihrem Sessel abstellte. Und nach Ablauf der Zeit, die eine Therapiestunde nun einmal ausmacht, hatte sie jeweils ihren Blick etwas demonstrativ auf die Uhr hinter den Patienten an die Wand gelenkt, und dann war sie nach einem kurzen Hinweis über das Ende der Sitzung aufgestanden, zu dem aufgeklappten Laptop am Schreibtisch gegangen, um den Zeitpunkt für das nächste Treffen dort einzutragen.

Nun erst einmal, fand sie, habe sie sich allerdings eine ausgiebige Mittagspause verdient, denn es hatte aufgehört, zu regnen und der wolkenverhangene Himmel ließ erste hellblaue Schatten erkennen, vor allem aber war der unangenehme Wind vorbeigezogen. Eine leere Stelle im Terminkalender und das Wetter waren also wie geschaffen dafür, die paar Schritte runter zum Strandweg und rüber auf die andere Seite zurückzulegen, um die nackten Füße genüsslich eine Weile in den aufgeschütteten Elb-Sand zu stecken, bevor am Nachmittag ihre „härteste Nuss“, Julius Frankenberg, wie jeden Mittwoch auf dem roten Samtsessel, der ihrem in vornehmem woll-weiß gehaltenen gegenüberstand, Patz nehmen würde.

Dieser Patient kam durchaus zuverlässig und pünktlich, dachte sie, während sie vorsichtshalber den kurzen Mantel mit Kapuze, der am besten gegen Wind schützte, von der Garderobe nahm. Die Sitzungen nahm Julius Frankenfeld sehr ernst, zumindest was seine körperliche Anwesenheit anbelangte und er blickte ihr jedes Mal so erwartungsvoll in die Augen, als könne eines Tages ein Wunder geschehen und er würde diese Praxis als geheilter und glücklicher Mann wieder verlassen können. Dabei trug er so gut wie nichts dazu bei, dieser Unwahrscheinlichkeit die Tür aufzuhalten.

Frau Dr. Brambach, die seit zwei Jahren seine Therapeutin war, hatte bisher mehr über Mathilda herausgefunden, die mit Julius Frankenberg zusammen auf dem abgelegenen Hof lebte, als über ihn selbst.

Immerhin war er im Laufe der Zeit etwas gesprächiger geworden, als in den ersten Monaten, wo er kaum auf ihre Gedankenanstöße reagiert hatte. Damals war er lediglich vor ihr gesessen und hatte die Psychologin beispielsweise auf ihre offene Frage: worüber möchten Sie heute sprechen?, einfach nur angesehen, so dass selbst ihr die Zeit des Schweigens hin und wieder körperlich unangenehm spürbar wurde, obwohl gerade aktives Schweigen mit zu den Werkzeugen ihres Berufsstandes zählte. Dann, irgendwann später war Julius dazu übergegangen, mit den Gedanken oder Handlungen Mathildas zu antworten, wie: Mathilda sagt immer …, oder Mathilda macht das so …, oder Mathilda träumt immer wieder ..., und wenn sie versuchte von Mathilda auf ihn über zu schwenken, dann kam so etwas wie:

- Ich träume nicht, sondern ich wache morgens auf, als sei ich eine Zeit lang tot gewesen! - Aber vielleicht haben Sie Tag-Träume? - Wovon soll man tags schon träumen? Es ist hell, es ist kalt oder warm, die Leute nehmen sich wichtig oder nicht! – Und wen meinen Sie? Wer nimmt sich wichtig? - Keine Ahnung. Ist mir auch egal. - Ihnen sind also Leute egal, die sich all zu wichtig nehmen. Wie ist es mit denen, die zur sogenannten Wichtigtuerei ein gesundes Verhältnis pflegen? - Mathilda sagt, das seien die einzigen, mit denen man verkehren sollte. Alles andere sei Zeitverschwendung. - Und? Was sind das für Leute, für die es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen? Können Sie die beschreiben? - Ich verkehre ja mit niemandem. Woher soll ich das wissen? - Es gibt ein Leben vor dem Unfall, Herr Frankenberg. Haben Sie das vergessen? - Daran denke ich nicht mehr! - Und woran denken Sie? - Ich denke an nichts. Nichts! Nichts! Nichts! - Es ist jedoch wissenschaftlich erwiesen, dass das Gehirn ständig in Aktion ist, also denkt es auch ununterbrochen. - Wenn das so ist, dann vergesse ich eben, was ich denke! Ach nein, ich denke doch manchmal etwas. Zum Beispiel, warum ich jede Woche hierherkomme und wann Sie mir endlich eine Anleitung geben wollen, wie ich mit dem hier weiterleben soll? –

Bei diesen Worten hatte er auf seine linke Gesichtshälfte gedeutet und Frau Dr. Brambach gab zur Antwort, wie schon etliche Male: Das Thema hatten wir bereits so oft, Herr Frankenberg. Die Anweisung, die sie von mir erwarten, liegt in Ihnen. Ich kann nur helfen, sie mit Ihnen gemeinsam aufzuspüren,. Aber, ohne dass Sie mich ein wenig dabei leiten, wird mir das nicht gelingen!

Und genau auf dieser Basis erklärte sich Frau Dr. Brambachs profunde Kenntnis über Mathilda.

Mathilda musste, so viel hatte sie herausgefunden, eine von Grund auf gesunde Frohnatur besitzen und würde aller Wahrscheinlichkeit nach niemals auf ihrem roten Sessel oder dem eines Kollegen landen. Und sie war zu allem anderen Glück in ihrem Leben auch noch Julius Frankenfeld begegnet, der nicht nur ihr Studium, das hieß ihren Lebensunterhalt finanzierte, sondern Mathildas Leben - da er kaum noch Interesse an seinem eigenen hatte - im Grunde gleich mit ihr mit lebte, statt endlich wieder in sein eigenes zu schlüpfen.

Und das war auch mit ein Hauptgrund, weshalb die Psychologin, was Mathildas Rolle betraf, hin und her gerissen war. Denn einerseits konnte dem Mann nichts besseres passieren, als die frei Haus gelieferte, unerschütterliche Naturell, den Optimismus Mathildas,  andererseits stellte es die reinste Droge für ihn dar, weil Mathildas natürlicher Wesenszug es dem Patienten offensichtlich abnahm, sich um seine eigene Zuversicht zu bemühen, sich anzustrengen, damit er sie wiederfand, irgendwo, wo es sie zusammen mit den Splittern beim Unfall hingeschleudert hatte.

Aber immerhin, musste Frau Dr. Brambach bei solchen Überlegungen konstatieren: Mathilda war offenbar der einzige Mensch, dem er sich anvertraute, so, wie er es im beste Falle ihr gegenüber irgendwann einmal hätte tun sollen. Zumindest schloss die Therapeutin auf dieses unbedingte Vertrauen Mathilda gegenüber, die sie aus seinen Schilderungen oder vielmehr aus manchen Handlungen und Sätzen Mathildas, über die ihr Julius Frankenfeld berichtete, heraushörte. Und dabei ging sie, was unbezahlbar war, offenbar mit ihm um, als sei fast nichts geschehen, was ein Leben auf katastrophal unsichere Beine gestellt hatte. Unmöglich also für die Psychologin, diese Beziehung der beiden wirklich einmal in Frage zu stellen, denn hätte man ihm diese, für den Moment haltbarste Prothese genommen. Nicht auszudenken!

In den Momenten, in denen sich Frau Dr. Brambach mit ihren Patienten jenseits der Therapiestunden gedanklich beschäftigte, mochte sie sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn Mathilda eines Tages vielleicht dem Leben zusammen mit einem ihrer zahlreichen Liebhaber oder Liebhaberinnen, mehr abgewinnen könnte, als dem Zusammensein mit einem in sich gekehrten, sich vor aller Welt versteckt haltenden, Hundezüchter.

In dieser Hinsicht allerdings beruhigte Frau Dr. Brambach eine sozusagen im Vorbeigehen gemachte Äußerung Julius` über Mathildas angedachten Lebensweg etwas, dass sie nämlich offensichtlich der festen und ernsthaften Überzeugung war, dass eine feste Bindung jemanden nur auf die Verliererstraße befördern konnte, und zwar, was lebenslange Kompromisse anbelangte, angefangen von der berühmten Zahnpastatube bis hin zur permanenten, zerstörerischen Selbstverleugnung.

Dieses scheinbare Lebensmotto Mathildas hatte dann aber doch bei der versierten Psychologin gleich wieder eine andere Skepsis ausgelöst. Denn auf Julius ließ sich Mathilda offensichtlich mit Haut und Haaren ein, wenn auch nicht gerade mit ihrem Körper. Und die Psychologin fragte sich, ob Mathilda Julius lediglich benutzte, um von den vielen Vorteilen zu profitieren, die es ihr einbrachte, ausgerechnet bei einem wie ihm Unterschlupf gefunden zu haben. Andererseits übernahm sie durchaus eine sehr kluge Verantwortung für ihn, und das augenscheinlich sehr ernsthaft. Ja, für ihr unbeschwertes Wesen, fast sogar ein wenig verbissen. Die Frage war nur, wie lange sich dieser tief aus den Angeln gerissene, junge Mann noch mit Mathildas Plänen vertragen würde?

Julius hatte sich noch nicht einmal nur damit begnügt, sich mit der Finanzierung ihres gesamten Lebensunterhaltes für ihr subtiles Engagement erkenntlich zu zeigen sondern hatte ihr in Eigenarbeit ein Schneideratelier und einen Schow-Room, sogar mit einem erhöhten, wenn auch nicht ewig langen Catwalk in einen Teil des Stalls gebaut, der einen ausgefallenen und attraktiven Ort für kleine Modenschauen bieten sollte, an dem Tag, an dem die Studentin des Modedesigns ihre eigene Kollektion zusammenhaben würde.

Und davon ging Julius felsenfest aus: Mathilda würde eines Tages zu den ganz besonderen Modeschöpferinnen zählen. Eine wie Vivienne Westwood zum Beispiel, unbeirrbar in ihren Standpunkten, dem Mainstream die kalte Schulter zeigend und mit dem Talent, andere Menschen für sich und ihre ausgefallenen Schöpfungen, zu begeistern. Genau so stellte er sich Mathildas weiteren Lebensweg vor. Aber hinter dieser Überzeugung und vor allem hinter seinem Engagement, das ahnte die Therapeutin, stand natürlich zum Teil sein Wunsch, die Frau mit diesem festen Vertrauen in ihre Fähigkeiten, an sich zu binden. Eine Art Kitt womöglich, so fest oder so wenig locker wie sonst nur so manche gemeinsam erworbene Immobilie zwei Leben aneinanderzuschweißen imstande war!

Aber wie so viele Arbeitsthesen, die die Therapeutin im Laufe der Zeit zerknüllt und in den Papierkorb geworfen hatte, war auch das angedachte Motiv des vorwiegenden Eigennutzgedankens Mathildas an dem Tag in sich zusammengesunken, als Julius ihr von seinem Vorhaben berichtete, er habe beabsichtigt, Mathilda als seine Alleinerbin für den Hof und die Hundezucht einzusetzen.

Mathilda musste den Braten bei diesem urplötzlich an sie herangetragenen Angebot gerochen haben, denn Julius´ Selbstmordgedanken waren keineswegs schon vom Tisch. Sie habe mit dem Argument abgelehnt, berichtete er in einer der Sitzungen, sie werde, für den Fall, dass es ihn nicht mehr gebe, ihr Leben nicht so weit außerhalb der Stadt verbringen und ob er denn vergessen habe, dass ihre Träume beinhalten, eines Tages eine Modedesignerin von Rang und Namen zu werden, und dass sie dazu nach New York, London, Rom oder Paris müsse. Und da ihm die Hundezucht so sehr am Herzen liege, sei es unvermeidlich, nach einem richtigen Erben Ausschau zu halten, einem, der sich ein Leben für und mit den Rottweilern vorstellen könne.

Es war nicht schwer zu erraten gewesen, welchen Gedanken Mathilda bei dieser unglaublich mutigen Absage eines bestimmt an die Million,  oder sogar darüber hinaus gehenden Vermögenswertes bewegt haben musste. Ihr kategorisches NEIN! musste darauf gewettet haben, dass für Julius ein Freitod so lange nicht in Betracht kam, so lange er seine Hunde nicht versorgt wusste.  

Und mit der Suche nach einem wirklich geeigneten Nachfolger hatte sie ihm eine fast unlösbare Aufgabe gestellt, eine, mit der sie Zeit gekauft hatte. Viel Zeit! Denn Mathilda hatte ihm überzeugend, und wie Frau Dr. Brambach fand, sehr intelligent, den Arm entzogen, der ihn zwar am Leben hielt, ihn aber nicht über den Tod hinaus weiterbegleiten würde. Ein überaus geschickter und obendrein selbstloser, und für Mathildas lautere Absichten sprechender Schachzug, wie die Therapeutin fand, als sie das Blatt, auf dem These 3 – Mathildas Eigennützigkeit - stand, versuchte von weitem unter den Schreibtisch zu befördern, wo es zunächst auf dem Parkett landete.

Darüber hinaus war die Absolventin der Modeschule ein Ausbund an Leichtigkeit, Kreativität, Spontaneität und Originalität. Frau Dr. Brambach fielen immer wieder witzige Geschichten über sie ein, ganz besonders dann, wenn sie selbst drohte, einmal wieder ihren eigenen Organisations- und Kontrollzwängen und ihrem ewigen Zaudern, zu unterliegen. Dann musste sie nur an all die Kommoden auf Julius´ Hof denken, ein ganzes Möbellager voll, wie Julius sich halb spaßhaft, halb bewundernd ausgedrückt hatte.

Mathilda tauchte nicht selten und immer ohne Vorwarnung mit Möbelstücken am Hof auf, die sie aufgegriffen hatte, wie Mutter Theresa Waisenkinder in den Slums von Kalkutta. Das ganze Atelier musste schon voll sein mit diesen von ihr selbst bemalten oder unbemalten, gebeizten, lackierten und unlackierten, abgesägten und neu zusammengezimmerten ehemaligen Vollwaisen vom Sperrmüll. Selbst im Stall standen eine Kommode und eine Truhe aus ihrem Magazin, wo Hundefutter oder die Medikamente für die Tiere aufbewahrt wurden und obendrein machte sie sich sogar die Mühe und leerte die Säcke mit dem Hühnerfutter in die traumhaft aufgehübschte Truhe, denn das sollte nicht irgendwo in den Ecken achtlos herumstehen. Sie verschönerte alles in ihrer Umgebung, sowohl Räume als auch Menschen, aus denen sie noch das letzte Restchen an Strahlen, wie aus Julius, hervorkramte.

Diese Mathilda brachte Frau Dr. Brambach sogar dazu, sich zu fragen, warum sie selbst nicht wenigstens einen Hauch solcher Unbeschwertheit besaß. Immerhin hatte sie, die Tochter einer wohlsituierten Akademikerfamilie, seinerzeit ganz bewusst nicht Medizin studiert, was angesichts ihres hervorragenden Notendurchschnitts in Betracht gekommen wäre. Stattdessen entschied sie sich mit einer vagen Hoffnung und dem Hintergedanken für Psychologie, sich unter Umständen selbst aus der erdrückenden Ehrgeiz-Falle helfen zu können, die bereits in jungen Jahren eine Knirscher-Schiene unerlässlich hatte werden lassen, um zu verhindern, dass sie des nachts ihre Backenzähne bis auf die Fundamente heruntermalmte.

Und diese Mathilda war offensichtlich unbeirrbar im Auffüllen von halbvollen oder vollen Gläsern, und das, obwohl die Frau einen schwerwiegenden Bruch in ihrer Kindheit erlitten haben musste. Denn offenbar war sie von ihrer Mutter zunächst in die Obhut des Jugendamtes gegeben worden und von dort aus bei Pflegeeltern gelandet. Es mussten zwar hervorragende Ersatzeltern gewesen sein, aber ein Ersatz bleibt eben ein Ersatz, so würden doch die meisten spätestens beim Eintritt ins Erwachsenenalter argumentieren, und anfangen, sich selbst zu bemitleiden und alles, was nicht schnurgerade lief, damit begründen wollen.

Aber entgegen der meisten ihrer Patienten, die sich bei einem ähnlichen Start ins Leben, ewig mit dem Gefühl der Ablehnung herumschlugen, betrachtete Mathilda offenbar die Pflegeeltern als besonderen Glücksfall. Nur weiter hatte sie sich über Kindheit und frühe Jugend selbst Julius gegenüber nicht ausgelassen. Und es blieb eines ihrer wenigen Geheimnisse, wer ihre Mutter war oder welche Motive sie dazu veranlasst hatten, sie einfach wegzugeben oder ob sie beispielsweise Geschwister hatte, und diese Verschwiegenheit über ihre Familienverhältnisse war umso verwunderlicher, als Mathilda sonst wenig bis gar nicht dazu neigte, irgendein Blatt vor den Mund zu nehmen. Aber das fiel offenbar einzig der Therapeutin auf. Julius Frankenfeld hingegen gab sich, wie mit allem anderen an Mathilda, auch damit zufrieden.

Zur selben Zeit, als der Oberkörper der Psychologin noch auf den hinter sich abgestützten Armen ruhte, und ihr Blick gedankenverloren auf die winzigen Sandhäufchen fiel, die der Sand, den sie zwischen ihren Zehen durchrieseln ließ, aufhäufte, saßen Julius und Mathilda bereits, in dem mittlerweile von so manch´ spontanem Möbeltransport hier und da auf dem Dach verbeulten, quietschroten Kleinwagen und waren auf dem Weg zu ihr.

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„Wie, Du hast nicht nachgefragt, wie du den Herrn mit dieser außergewöhnlich schönen Frau erreichen kannst“, wandte Mathilda ihren Blick von der Straße und sah neben sich zu Julius, nachdem der ihr jetzt erst, gerade auf dem Weg zu Frau Dr. Brambachs allwöchentlicher Sitzung, die Geschichte mit dem Fremden und der Frau an der Kette wirklich ausführlich geschildert hatte, und als er mit den Besuchern im Stall und sie, Mathilda, noch oben in ihrem Zimmer war.

„Ich habe schlichtweg nicht bedacht, dass sie auf einmal weg sein könnte, unerreichbar für mich. Stattdessen blieb ich noch eine Weile wie angewurzelt stehen und spürte ihre Hände auf meinem Körper. Es war alles so kurios, dass ich mir nicht sicher war, nicht geträumt zu haben.“, gab Julius zur Antwort und es war ihm anzuhören, dass Bedauern in seiner Stimme mitschwang. „Ich war einfach überfordert, und nachdem ihre Hände meine Knöchel wieder berührt hatten, zog der Herr sie einfach an der Kette nach oben und schritt den Gang mit ihr entlang und dann sagte er nur noch, überlegen Sie es sich!, bevor er mit ihr verschwand. Hast du nicht vielleicht das Nummernschild gesehen?“

Julius!, wandte sich Mathilda jetzt noch einmal zur Seite: „Du hättest ihn fragen müssen, wie du ihn erreichen kannst. Natürlich konnte ich das Nummernschild nicht sehen. Wie denn? Von oben! Meine Güte, Du kannst dich doch nicht immer verstecken und erwarten, dass das Glück dich findet. Du musst ihm schon entgegengehen, verdammt! Sie hat dich berührt, du hast sie betrachtet, das erste Mal seit damals, dass du eine Frau angesehen hast! Und der Typ wollte sie einfach bei uns lassen. Warum hast du nicht einfach die Kette aus seiner Hand genommen? Fragen stellen hättest du doch auch später noch können!

 „Das ist doch alles bekloppt! Warum führt ein Mann eine Frau wie einen Hund an der Leine zum angeblichen Hundekauf, um sie dann loszuwerden? Warum lässt er sie ausgerechnet zu den Hunden hinknien und gibt sie genau in diesem Moment FREI? Warum, hä? Wollte er mir zeigen, wie sehr sie in der Lage ist, zu lieben? Dass sie sogar vielleicht mich lieben könnte? Mich Scheusal?“

„Du bist ein Scheusal, ja! Aber doch nur, weil du nicht einsehen willst, dass du eine Attraktivität besitzt, die sich so mancher erst hart erarbeiten müsste. Ich sage ja nicht, dass Du der Star auf jeder Party wärst, aber die Frauen, die auf dich geflogen sind, als du noch der Alte warst, die würden Dich heute sowieso nicht mehr interessieren, wie ich dich kenne. ES IST NICHT AUSGESCHLOSSEN, DASS MAN DICH LIEBT, hörst Du“, zwinkerte sie ihm jetzt zu, denn sie merkte, dass er sie wie erstarrt von der Seite her musterte und sie musste auffallend Schulter verrenken, um seinen Oberarm mit der rechten Hand umfassen zu können, „sogar da sitzen deine Werte, da brauchst du noch nicht mal Deine inneren ins Feld zu führen.“

Nun musste sogar Julius lächeln, als Mathilda fortfuhr: „Aber lass mich machen! Die Frau war aus St. Pauli, das habe ich förmlich gerochen, wenn meine Nase auch meilenweit entfernt, nämlich oben am Fenster war. Ich finde sie! Vor allem finde ich ihn, denn gleich als ich ihn sah, dachte ich mir, dass ich ihn schon mal gesehen habe. Nur ist mir noch nicht eingefallen, wo. Aber das ist nur eine Frage der Zeit! Und außerdem kannst Du dich jetzt schon auf ein Geschenk von mir gefasst machen. Morgen, spätestens übermorgen!“

‚Hoffentlich kein weiterer Schrank‘, kam es Julius in den Sinn, als Mathilda beim provisorischen Einparken ganz sachte den schicken SuV touchierte, der vor der Praxis im Weg stand.

***

Frau Dr. Brambach hielt einen Moment den Atem an, als sie den leise, fast unverständlich gemurmelten Satz ihres Patienten vernahm, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Vor allem, dass er sich ihr eines Tages so ohne einen ihrer professionell im rechten Moment gesetzten Anreize, sich zu öffnen, anvertrauen würde, darauf hatte sie nicht mehr zu hoffen gewagt. Er habe eine Frau kennengelernt, stellte er die fünf Worte in den Raum und da blieben sie erst einmal stehen, und Frau Dr. Brambach sah ihren Schützling ein paar Sekunden zu lange an, als dass sie ihre Verwirrung vor ihm hätte verbergen können. Dann aber hatte sie sich wieder im Griff, und ihr fiel nichts anderes ein, als nachzufragen, wo er diese Frau kennengelernt habe und ob es eine weitere Verabredung gebe, aber da war es wieder, das altvertraute Schweigen.

Immerhin, dachte sie und fühlte, wie sie dieser Gedanke zutiefst befriedigte, geht er wieder unter die Leute und klopfte sich innerlich auf die Schulter. Wenn das stimmte, dann war das der erste Schritt in die richtige Richtung und einer, auf den sie schon so lange gewartet hatte.

***

Am Freitag wachte Julius auf, lenkte wie üblich seinen ersten Blick in den Himmel während er sich streckte und auf die morgendlichen Geräusche aus dem Stall lauschte, wenn Mathilda schon bei den Hunden war. Wenn dieser Lärm zu ihm drang, erleichterte ihm das, einen Fuß vors Bett zu stellen und machte ihm sogar ein wenig Lust auf den Tag, denn dieses freudige Gejaule und Gebell gab ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Er freute sich meist auf den Empfang, das „Hallo“, das Hochspringen und die feuchten Schnauzen, die ihn willkommen heißen würden. Eigentlich wollte er nur noch einen raschen Blick auf die Uhr werfen, als er das Foto sah, das neben seinem Bett auf der Kommode stand, da, wo es gestern Abend jedenfalls noch nicht gestanden hatte.

Der Rahmen war türkis, genauso türkis wie die Farbe der Kommodenschubladen, die Mathilda mit ihm gemeinsam die schmale Treppe mit den Worten hinaufbugsiert hatte: Türkis ist genau die Farbe, mit der Du jeden Morgen aufwachen sollst und von Kommoden kann man nie genug haben für all den Kleinkram, der sonst überall nur herumliegt.

Und in diesem Türkis des Rahmens sah Julius nun beinah entgeistert auf das Gesicht der Frau mit der Augenbinde. Sie war aus einer leicht schrägen Vogelperspektive, etwas vom Profil her aufgenommen und offenbar stark herangezoomt worden, und er nahm den Rahmen und hob ihn mit beiden Armen über sein Gesicht.

Sein Blick fiel als erstes auf ihren ungeschminkten Mund, der auf dem Foto fast zu einem Drittel abgeschnitten war und dessen Konturen allein durch seine Form so scharf gezeichnet aussahen, als habe man sie mit einem Stift nachgezogen. Den nächsten Ausflug unternahmen seine Augen auf das Halsband. Streng hob es sich von ihrer hellen Haut ab. Von da aus, befestigt mit zwei, für diesen schlanken Hals viel zu martialisch anmutenden Haken, nahmen Riemen den Weg nach unten, kreuzten sich irgendwo über der Speiseröhre, bevor sie die Brüste einrahmten und gleichzeitig, wie es schien, streng gefangen nahmen. Ihre Brustwarzen reckten sich mühelos etwas in Richtung Himmel, als wollten sie den vom Wind vor sich her getriebenen Wolken hinterhersehen.

Gleich unterhalb hörte das Foto auf, aber Julius sah auch noch, was das Bild nicht mehr preisgab: wie die dunklen, nietenbehangenen Gurte sich weiter auf ihren Körper gelegt hatten und ein schräges Kreuz zwischen Brust und Gürtel bildeten und ein weiteres zwischen dem Leder um die Taille, hin zu den dunklen, geschmeidigen Schatten, die die schräg laufenden Vertiefungen warfen, bevor sie sich in den Oberschenkeln auflösten, und diese anrührende Triangel zwischen sich einrahmten.

Über den Aufzug der Frau hatte er sich am vergangenen Freitag noch nicht einmal sonderlich gewundert, weil er solche Frauen aus Mathildas Erzählungen und von Bildern her kannte. Mit einigen von ihnen war seine Mitbewohnerin sogar befreundet, so, wie sie sich mit Jedermann anfreunden konnte, ob es nun der halbherzige Zuhälter, einer ihrer Stammgäste war oder Huren, die zum Sex mit Kunden verdammt waren, weil sie anders nicht an den von ihnen benötigten Stoff herankamen, oder aber Edelnutten, nicht zu vergessen der Würstchenverkäufer mit seinem umgebauten Wohnwagen, der neben der Kaschemme seinen festen Platz hatte, wo Mathilda Bier zapfte und wo sie jeweils wie selbstverständlich Teil der Gesellschaft wurde, in der sie sich gerade bewegte.

Verblüfft war Julius vor sieben Tagen eigentlich nur darüber gewesen, dass der vornehme Herr ausgerechnet hier auf diesem abgelegenen Hof, mit so einer Frau aufgekreuzt war und natürlich hätte es ihn interessiert, wer ihm das wohl eingeflüstert haben konnte, dass er dieses wundervolle Wesen womöglich einfach so bei Julius lassen könne? Ein ebenso grotesker wie verführerischer und in gleichem Maße wehmütiger Gedanke!

Julius schloss die Augen und berührte in Gedanken diese einladende Stelle zwischen ihren Beinen, die auf dem Foto nicht mehr zu sehen war, und trotzdem meinte er jetzt zu spüren, wie die vom Ansatz der Schenkel gefangengehaltene Wärme auf seine Haut strahlte. Fast schmerzlich empfand er die Anziehungskraft, die dieser Ort auf seine Hand und auf dieses seit letztem Freitag tief in ihm liegende Wunschbild, da, wo sich vorher Aussichtslosigkeit und völlige Leere den Platz wechselweise überlassen hatten, ausübte.

Doch als er fast verstört über die Reaktion seines Körpers die Augen öffnete und auf das schwarze, die Augen übergroß nachahmende Stück Stoff blickte, keimten Zweifel in ihm auf, so dass er sich unversehens fragte, ob er SIE nur deshalb so einzigartig fand, da sie ihn nicht hatte sehen können und weil ihr dadurch ein verzweifelter Blick in sein Gesicht erspart geblieben war, genauso wie dieses Utensil ihn, Julius, davor bewahrt hatte, eine für ihn kaum auszuhaltende Bestürzung in dieser Frau aufkeimen zu sehen.

Unter diesen Umständen neige ich wahrscheinlich dazu, in jede zweite oder dritte Frau mit Augenbinde etwas Großartiges hinein zu reimen, schloss er einmal mehr, setzend auf den schlimmsten Fall. Kurz darauf lenkte er aber seinen Blick zurück auf das über ihm gehaltene Gesicht und fuhr mit einem Lächeln, das er vermutlich noch nicht einmal bemerkt hätte, wäre da nicht die Spannung auf seiner linken Schläfe angewachsen, mit dem Zeigefinger auf dem Glas die Linie ihres Haaransatzes nach, die Kontur, die etwas von der Form eines Herzens besaß. Ein kleiner, nur angedeuteter, in die Mitte der hohen Stirn verlaufender Wirbel musste das sein, was ihr die Natur als i-Tüpfelchen auf ihre Vollkommenheit aufgesetzt hatte, dachte Julius, als er das Türkis auf seiner unbekleideten Brust ablegte und als er es mit einer zärtlichen Anspannung seines Armes gegen seine unversehrte Haut schob.

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Kommentare

Bild des Benutzers Black cat

Eine sehr ungewöhnliche Geschichte, die viele Entwicklungsmöglichkeiten bietet! Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Dieser Teil war viel angenehmer zu lesen, da Du Dir einige Anregungen der Kommentatoren zu Herzen genommen hast. Vielen Dank und weiter so!

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Bild des Benutzers Alexander

Danke, Black cat,

denn wenn es solche Feedbacks wie von Dir nicht gäbe, würde man als Schreiber im Dunkeln tappen. Immerhin haben sich meine Punkt-um-Punkt-Anstrengungen :-) anscheinend gelohnt. Hoffe, der Ton der Geschichte hat sich dadurch nicht all zu sehr verändert. Ich mochte ihn nämlich.

Alexander 

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