Das Reich der Megara - 67

 

Forma und Aphron starrten gebannt auf die weit entfernte Wehrmauer, die von cassandrischen Kampfsklaven attackiert wurde. Von Innen besetzte die ledanische Infanterie mit allen Kräften die gefährdeten Bereiche, um den übermächtigen Feind abzuwehren, doch schon bald zeigte sich, dass gewaltige Trollhorden am Haupttor den Durchbruch versuchten.
Den gigantischen Kolossen, die auch noch über dicke Panzerungen und Waffen verfügten, war kaum standzuhalten. Selbst die drei Ellen dicken Eichenholztore, die mit vier Balken verriegelt, und deren Außenseite mit daumendicken Eisenplatten verstärkt waren, knackten und barsten, als die Trolle mit einer Ramme heranstürmten, die sogar für zwei Dutzend kräftige Kämpen zu schwer gewesen wäre.

Selbst ein Maschikuli, aus dem Wachsoldaten siedendes Pech schütteten, beeindruckte die Trolle kaum, denn ihre Panzerungen und ein mobiles Dach schützten sie vor der kochenden Masse. An der Nordmauer wurden Verteidiger in die Tiefe gerissen, als mächtige Felsbrocken von cassandrischen Tribocks, großen Hebelarmschleudern, gegen die wegbrechenden Zinnen geworfen wurden. An anderen Stellen fielen cassandrische Kampfsklaven der Reihe nach in die tiefen und gespickten Fallgruben. Myriaden von sirrenden Pfeilen hagelten wie ein schwarzer Teppich vom Himmel und nagelten jedes Ziel fest, durchbohrten Leder, Kettenhemden und Leiber, spickten Wände, Dächer und Wege. Strohhaufen brannten, ein hölzerner Wachturm stand lichterloh in Flammen. Und wieder und wieder folgten neue Pfeilschauer aus beiden Richtungen.

Die Oberste Gardistin Nike, die eine Formation anführte, wagte den Ausfall, um die Trolle zurück zu zwingen, doch gegen 16 der Giganten waren auch diese Elitekämpfer machtlos. Unter schweren Verlusten mussten sie die Flucht ergreifen. Nur zwei Trolle fielen vor dem großen Eingangstor hunderten Pfeilen der Bogenschützen zum Opfer. 14 der Kolosse jagten jedoch ungehindert ins ledanische Reich und griffen nun Wachsoldaten aus dem Hinterhalt an. Einige der riesigen Bestien rannten weiter ins Landesinnere. Einer der Trolle schwenkte brüllend einen Balken, dessen anderes Ende brannte wie eine riesige Fackel.

Königin Leda wurde von ihrer Leibgarde in die Burg gebracht. Die Oberste Gardistin Nike, die selbst eine Wunde erlitten hatte, als ein Troll sie durch die Luft gewirbelt hatte, jagte mit ihrem Ross und einer sechsköpfigen Begleitung samt Majestät in die Burgfeste. Aber trotz der Eindringlinge konnten die Ledanier die Hauptstreitkräfte der Cassandra aufhalten. Ein Teilsieg!

Vereinzelt hatten es feindliche Einheiten geschafft, die ledanische Grenze zu übertreten, aber der Großteil der cassandrischen Armee blieb vor dem Grenzwall stecken.
Doch da kam die nächste Hiobsbotschaft: Große Truppenverbände waren am Südwall fast ohne Verluste nach Ledanien eingedrungen. Irgendwie war ihnen der geheime Öffnungsmechanismus in der Mauer bekannt geworden.

„Eine Katastrophe!“, urteilte Leda. „Was können wir noch tun?“
Der Schultheiß Gladius seufzte. „Wir hoffen, dass die Infanterie und die berittenen Soldaten den Feind von hinten attackieren. Es gibt immer noch Regimenter, die sich unmittelbar an der Burg befinden. Wenn sie dem Feind entgegen reiten und gleichzeitig vom Grenzwall unsere Truppen die Aggressoren in die Zange nehmen, könnten wir noch siegen.“
Leda schüttelte resignierend den Kopf: „Die Wehranlage war meine ganze Hoffnung. Die Cassandrier sind in so großer Überzahl, dass in wenigen Tagen das Schicksal Ledaniens besiegelt sein wird.“
Sie runzelte in Sorgen ihre Stirn. „Mein armes Volk! Diese Bestien werden brandschatzen und marodieren, sie werden alle Männer, die sie finden, versklaven oder sogar schänden. Der Alte Kontinent geht unter in ein radikales Matriarchat, dass sich wie ein Geschwür ausbreitet.“

Ledas Befürchtungen bewahrheiteten sich. Durch den Durchbruch in der Südmauer konnten die cassandrischen Kampfsklaven die wehrhaften Ledanier in die Zange nehmen und aufreiben. Schwerlich entkamen wenige Gerüstete dem beidseitigen Ansturm. Wer nicht auf dem Schlachtfeld blieb, wurde in Ketten in die Leibeigenschaft nach Osten geführt. Lange Karawanen der Kriegsgefangenen bildeten sich auf den staubigen Straßen und steinigen Wegen zur ehemaligen Hauptstadt und auch noch weiter nach Osten zur Metropole und dem in der Umgebung liegenden ursprünglichen Cassandria.

Am Himmel zeigten sich einige Aasgeier und Krähen, die auf Nahrungssuche über den Menschenschlangen kreisten. Auf Geheiß der Duxas gingen die meisten Gefangenen für ein Scherflein an Sklavenhändlerinnen über, die ihre Ware weiter an Plantagen-, Minenbesitzerinnen und private Galeerenführerinnen verhökerten.

Einer unter ihnen war Boreas, der als Fußsoldat an der Wehrmauer gekämpft hatte. Zwei Kampfsklaven hatten ihn niedergeschlagen und in die eigenen Reihen verschleppt. Unter zahlreichen anderen Gefangenen war Boreas auf dem Weg nach Osten, zunächst in den ehemaligen Stadtstaat.
Sein Weib Maia, das ebenfalls unter den Soldaten am Grenzwall versucht hatte, den Ansturm der Cassandrier zu unterbinden, schaute mit gebrochenem Blick zum Himmel. Zwei Pfeile ragten aus ihrer Brust, und der Schwertstreich eines Berserkers hatte ihr den Rest gegeben.

Boreas und Maia hatten sich einigen Wohlstand auf einer Kate erarbeitet, doch dies sollte nun alles der Vergangenheit angehören. Ledanien war gefallen. Die Furien aus dem Osten waren über das Land hereingebrochen wie eine teuflische Plage. Und nur ein Mirakel würde sie noch aufhalten.

In den folgenden Wochen versehrten die Truppen der Kampfsklaven und Kavalleristinnen das ganze Königreich der Leda. Nur wenige kleine Bollwerke, darunter die königliche Burganlage, konnten sich noch halten.
Von den 14 überlebenden Trollen waren nur sechs zu ihren Herrinnen zurückgekommen, acht blieben verschollen. Man vermutete, dass sie ungezügelt durch Ledanien liefen und in ihrer zerstörerischen Wut alles zermalmten, was ihnen in den Weg kam.

Die frohe Kunde kam per Briefraben auch in die Metropole und die anderen östlichen Teile Cassandrias. Vesta jauchzte vor Vergnügen und schlug ihr Händchen zusammen, dass die vielen feinen Goldreifen an ihren dünnen Handgelenken erklangen. „Welch Freude! Welch Wonne! Hoffentlich wird diese Leda endlich im Feuer enden – wo sie hingehört! Oder auf das Rad geflochten!“

Das Ende der großen Invasion bedeutete allerdings auch, dass ihre Putschversuche, Cassandra vom Thron zu stoßen, wohl erfolglos bleiben würden, denn die Königin war sicherlich schon auf dem Heimweg. Ganz zu schweigen von Tagara, der mächtigen Hohepriesterin des Maluskultes.

Vesta wies sofort die Höflinge an, ein besonderes Freudenfest zu organisieren. Neben einem verschwenderischen Festbankett in Saus und Braus sollten auch lustige Spiele in der Arena stattfinden. Leibeigene sollten Loblieder und Tänze präsentieren. Dabei musste zum Ausdruck kommen, wie sehr Vesta, die geliebte Statthalterin, verehrt wurde. Auch an Opferungen hatte sie gedacht, doch Beraterinnen hatten ihr diese Gedanken ausgetrieben, „da es zu Tumulten führen könnte“. Vestas Kompromiss war eine Massenauspeitschung, bei der sich die Sklaven selbst oder gegenseitig geißelten – als Treuebeweis für die Hochwürdige Vesta.

Auch sollte ein Sklavenrennen auf allen Vieren unterhalten, Gewichte würden gezogen werden, die mit den Gemächten der Leibeigenen verbunden waren. Vesta hatte noch viele Vorschläge, zum Beispiel einen Wettkampf zwischen Sklaven um den dicksten Zapfen, den ein Teilnehmer versenken konnte… Wo, dass benötigte wohl keiner genaueren Beschreibung. Und zu guter Letzt durften auch die Damen bei einer Tombola mitmachen: Jede Lady erhielt eine Losnummer auf einem kleinen Stück Pergament. Jede Zahl war einem Sklaven zuzuordnen. Die Leibeigenen mussten ihrer neuen Eigentümerin eine kleine Vorführung nach ihren Wünschen präsentieren.

Die Fräuleins hatten ganz verschiedene Ideen. Eine ließ ihren Gewinn einen Handstand machen und dann in die Hände klatschen; eine junge Dame wollte ein quiekendes und grunzendes Schwein, dass mit der Nase im Boden wühlt; eine dritte Lady ließ ihren Leibeigenen einen Lobgesang über sie anstimmen; eine weitere Edelfrau verlangte, dass sich der Sklave so schnell wie möglich im Kreis drehte.

Die Ideen waren so vielfältig wie es unterschiedliche Seidenkleider und bunt funkelnde Edelsteine an Ketten und Ringen der jungen Damen gab.
Im Anschluss bewertete die Eigentümerin dann mit dem ausgestreckten Daumen die Darbietung: Ein nach oben zeigender Daumen bedeutete, dass der Leibeigene Mahl und Kleidung erhielt; ein nach unten deutender Finger jedoch besiegelte das Schicksal des Mannes. Verlierer wurden über ein liegendes Fass gespannt, gegeißelt und mit einer Spreizbirne im Gesäß aus der Arena gejagt.

Dabei konnten die Sklaven nur breitbeinig und unter Schwierigkeiten watscheln, während sie mit Stöcken und langen Peitschen traktiert und mit Schmährufen und Gelächter verjagt wurden. Was danach mit ihnen geschah, erfuhr das Publikum nicht, doch munkelte man von einem besonderen Straflager im Osten des Kontinents, wo die Sklaven sühnen durften, bis ihre Abbüßung von den Priesterinnen des Maluskultes als abgetragen galt – und das war ganz willkürlich nach Monaten, Jahren oder nie der Fall.
 
Forma blieb in der königlichen Burg, wie Gladius ihr empfohlen hatte. Mit Aphron sprachen die beiden seitdem kein Wort mehr. Der Medikus brütete über der Demütigung, die ihm Forma angetan hatte.
Dann kam auch noch allem Überfluss der Königsgemahl Abas in seine Stube gepoltert und blaffte ihn an: „Ich brauche eins seiner Elixiere gegen die bösartigen Wichte, die in meinem Kopf herumhämmern! Beeile er sich!“
Aphron konnte sich nicht beherrschen und brüllte: „Lasst mich in Ruhe! Ich bin gerade dabei…“ Da bemerkte er seinen Fauxpas und versuchte zu retten: „Ach, Ihr seid es, werter Königsgemahl. Verzeiht. Ich glaubte, der Stiefelknecht…“
Abas unterbrach ihn barsch: „Unsinn! Er hat genau gesehen, dass Ich es bin! Aber Ich bin ja nur ein Krüppel, der im Kerker der Megara gehockt hat und halbtot zurückgekehrt ist. Er glaubt wohl, Ich bin der Manneskraft beraubt? Glaubt das ja nicht!“
Abas brüllte immer lauter, und seine Stimme überschlug sich. Er hatte offenbar mehr Wein getrunken, als er vertrug. Aphron flog eine Wolke aus säuerlichem Alkoholgeruch entgegen.
Im nächsten Moment, als zufällig gerade eine Zofe eintrat, um einige gespülte Glasphiolen zu bringen, da packte Abas sie an der Schulter und verkrallte seine Finger in dem Stoff des Kleides. „Komm her, Maid“, befahl er und stieß das junge Weib grob vorwärts gegen einen Tisch. „Beug dich vor!“, wies er sie an und drückte ihren Oberkörper über die Platte.
Jetzt wandte sich Abas wieder dem Medikus zu: „Ich werde ihm beweisen, dass meine Manneskraft ungebrochen ist! Er hat mir gefälligst Respekt zu erweisen! Und alle anderen Höflinge und Diener in dieser armseligen Burg auch!“
Er zerrte und riss an der Schürze der Zofe, die den Medikus entsetzt ansah. Abas geiferte dem Medikus zu: „Da schau nur genau hin, Quacksalber! Ich besorge es jedem Weib tausend Mal besser als du!“
Aphron war fassungslos und bestürzt. Hatte der Königsgemahl den Verstand verloren?
Die Zofe sah den Medikus hilfesuchend und ungläubig an.
Aphron durfte es sich nicht erlauben, den Königsgemahl zu kritisieren oder gar Hand an ihn zu legen. Er lief aus der Kammer. Vielleicht würde er Gladius irgendwo treffen.
Der Heiler rannte durch den Gang der Burg. Sein Gewand flatterte durch die Luft. Und da: der Schultheiß!
Aphron kam außer Atem bei Gladius an und berichtete hastig, dass der Königsgemahl außer Sinnen schien und eine Zofe auf seinem Arzneitisch…
Es war nicht leicht, die Wahrheit diplomatisch über die Zunge zu bekommen, doch Gladius merkte, wie aufgeregt und aufgelöst der Medikus war, und eilte mit klapperndem gerüstetem Wams durch den Gang.
Als der Schultheiß die Alchemiekammer betrat, sah er die Zofe völlig entsetzt mit zerrissenem Kleid an dem Arzneitisch stehen. Doch weniger wegen der schändlichen Tat war sie verstört; vielmehr konnte sie kaum glauben, was danach geschehen war: Der Königsgemahl war, nachdem er sich in ihr ergossen hatte, weinend und schluchzend vor ihr auf die Knie gefallen und hockte nun ihr gegenüber auf dem Steinboden, wimmerte vor sich hin wie ein kleines Balg.
Gladius räusperte sich und schickte die Zofe hinaus.
Zur gleichen Zeit war Königin Leda in den dunklen Gemäuern unter der Burg unterwegs. Zwei Gardistinnen begleiteten sie mit lodernden Fackeln. Schnapphähne, Beutelschneider, Totschläger und vielerlei finstere Gestalten waren in den Kellern eingekerkert. Doch für zusätzliche Esser würde Leda bald keine Verwendung mehr haben. Die cassandrischen Truppen zogen ihre Kreise immer enger um die Burgfestung. Bei einer Belagerung würden schon genug Mäuler gestopft werden müssen. Gefangene waren da mehr als überflüssig.
Die Regentin verlas ein gerolltes Pergament mit rotem Wachssiegel, auf dem sie die Häftlinge für vogelfrei erklärte. Sie entließ sie in die Freiheit, doch gleichzeitig mussten sie die Burgmauern verlassen. Hatten sie Glück, so schlugen sie sich in Ledanien durch und konnten den cassandrischen Kampfsklaven und ihren Anführerinnen entkommen. Der Norden des Alten Kontinentes war wild und unerkundet, so dass sie dort untertauchen konnten – falls sie bis dorthin gelangten.
Der Wachmann Winand öffnete einen quietschenden Gitterverschlag nach dem nächsten und schaute grimmig drin, denn ihm wurden seine liebsten Spielzeuge genommen. Vermutlich musste er nun auf die Wehrmauer. Ein gefährlicher Ort – besonders zu Kriegszeiten wie diesen. Das gefiel ihm gar nicht.
Die Gefangenen wurden nach oben in den Burghof geführt. Sie trugen nur schmutzige Fetzen am Leib und waren ausgemergelt. Eine Reihe aus gerüsteten Wächtern schob die Geächteten mit silberfarbenen Schilden zum Fallgitter.
Einige der Männer jammerten und fielen auf die Knie, denn sie ahnten, welche Gefahr ihnen nun drohte. Andere sahen nur den blauen Himmel und die Sonne über sich und konnten nicht schnell genug hinaus gelangen. Einige von ihnen hatten viele Jahre lang keine Wolken und den freien Himmel oder grüne Bäume gesehen. Und selbst die, die nur wenige Wochen unter dem sadistischen Wächter Winand hatten leiden müssen, waren verzweifelt genug, um in der ungewissen Reise durch die feindlichen Reihen ihr Glück zu suchen.
Bald schon waren sie wie flüchtende Hasen hinter einem Hügel verschwunden.
Winand beobachtete den Auszug des Pöbels und spuckte aus. „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.“
„Würdest du mit ihnen tauschen wollen?“, fragte eine dunkle Stimme plötzlich neben ihm. Winand drehte sich zu dem unerwarteten Besucher. Es war Bertram, sein Wachkamerad. „Sieh an! Bist du nun auch für die Mauer eingeteilt, da der Kerker leer ist?“
Bertram nickte. Dabei knarrte sein dicker Lederbrustharnisch. „Ja, und mir gefällt es hier an der frischen Luft sogar besser. In den Verliesen siecht man selbst als Wärter vor sich hin.“
Winand rümpfte seine Nase und zog den Rotz hoch. „Na ja, mir hat´s dort gut behagt.“ Er grinste schmierig. Er würde sich ein neues Opfer für seine dunklen Neigungen suchen müssen. Vielleicht den jungen Pferdeknecht. Der hatte einen trefflich süßen Arsch…
Die Oberste Gardistin Nike schritt herbei, und die beiden Männer standen augenblicklich stramm. „Haltet Ausschau auf die Hügel! Sobald ein Feind naht, meldet ihr Alarm mit diesem Horn!“ Sie reichte Bertram ein Signalhorn, das an einem Lederriemen befestigt war. Dann ging sie forschen Schrittes zur Falltür und stieg hinab in den Burghof.
Nike wurde bereits von einer Ehrenformation Gardisten erwartet, die salutierten und ihr dann im Gleichschritt folgten. Die Oberste steuerte die Rüstkammer an. Dort besprach sie mit den leitenden Soldaten den Wachplan und Verteidigungsstrategien für den Fall eines direkten Angriffs auf die königliche Burg.
Bei einer anschließenden Beratung im Fahnensaal mit Königin Leda und Schultheiß Gladius beschlossen sie ihr weiteres Vorgehen. Viel Hoffnung gab es nicht, denn die cassandrische Übermacht war überwältigend. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die letzte Bastion Ledaniens fallen würde. Das Volk war bereits großteils versklavt worden. Bekümmert saß die Majestät auf ihrem Thron und wusste sich keinen Rat. „Wir werden uns so teuer wie nur möglich verkaufen“, schwor sie. „Wir werden bis zum letzten Mann und zum letzten Weib kämpfen! Wir werden niemals aufgeben!“
Abas war nicht bei der Beratung anwesend gewesen, denn sein Gemütszustand war völlig durcheinander. Er fieberte und fantasierte. Aphron hatte ihm einen Schlaftrunk aus Mohn bereitet, der den Königsgemahl beruhigte. Gladius berichtete Leda von Abas` Zusammenbruch. Dabei sparte er die frivole Tat des Königsgemahls feinfühlig aus der Erzählung aus.
Aphron wisperte später in seiner Medikuskammer: „Abas hat den Verstand verloren. Aber wie sage ich es der Königin?“ Er nahm einen großen Schluck aus seiner Brandweinflasche. Alles war verloren, sinnierte er. Abas war am Ende. Das Königreich war am Ende. Er selbst war am Ende. Forma hatte ihm Hörner aufgesetzt. „Solange habe ich als Liebessklave bei diesen Furien verbracht! Und nur, um jetzt wieder in einem Keuschheitsgürtel zu hocken? Diese Verräterin Forma hat den Tod verdient! Und Gladius ebenso!“
Sollte er alles auf eine Karte setzen und eine Giftmixtur auf den Festtisch schmuggeln? Oder sollte er Forma zwingen, ihm den Schlüssel zu geben und aus der Burg flüchten? Vielleicht gen Norden, wo die cassandrischen Truppen nicht die Umgegend unsicher machten?
Sein Gemächt quälte in von Tag zu Tag mehr. Wie konnte Forma nur so grausam sein!? Warum hatte sie ihm das angetan? Und wenn sie für den Schultheiß ihre Schenkel spreizte, so sollte sie ihm wenigstens den Schlüssel zu seinen Lenden zurückgeben!
Doch es sollten erbarmungslose Woche folgen. Während sich die cassandrische Armee eng und in mehreren Ringen um die Burg zog und inzwischen kein Fluchtweg mehr offen stand, erwartete Leda jeden Tag den definitiven Sturmangriff, der ihr den Garaus machen sollte.
Doch bisher unterblieb er. Vielleicht wollten Cassandra, Tagara und Prodita sie aushungern. Vielleicht wollten sie sie lebendig ergreifen, um an ihr ein Exempel zu statuieren. Wer wusste das schon?
Aphron quälten jedoch andere Gedanken. Seine Manneskraft zeterte um Aufschluss und peinigte ihn Tag und Nacht. Der Medikus nahm bereits täglich einen Sud aus Kräutern, die den Trieb dämpfen sollten, doch Aphron merkte nichts davon. Im Gegenteil: Sein Verlangen wurde größer und größer. Immer wieder sah er Forma in den Armen des Schultheißen. Ihre Blicke waren schadenfroh und gemein. Am liebsten wäre er ihr an die Kehle gesprungen ob dieser Gemeinheit.
Es war der Tag, an dem alle Nerven blank lagen, denn die Mahlzeiten waren inzwischen streng rationiert. Kaum jemand wurde davon noch satt. Aphron war durch die dunklen Gänge der Burg gewandelt, um auf andere Gedanken zu kommen und war die Wendeltreppe hinab in die Kerkergewölbe geschritten. Dort hörte er merkwürdige Geräusche.
Aphron näherte sich dem Gefangenentrakt mit vier Zellen. Im Schein der Fackeln, die in schmiedeeisernen Halterungen an den Wänden loderten, sah er den nackten Hintern eines Mannes, wie er über eine zierliche Gestalt gebeugt war, und offensichtlich sich der Lust hingab. Spasmisch zuckten seine Lenden, als er sich in die Person ergoss.
Es konnte sich nicht um den Schultheißen handeln, denn die herabgelassenen Beinkleider des Mannes waren eher die eines einfachen Wachmannes. Und das Wams aus altem, speckigem Leder erinnerte ihn an die Wächteruniformen.
Sollte es ein Wachmann etwa hier unten in den nun leeren Verließen mit einer Magd treiben?
Aphron schlich näher. Doch dabei tauchte er in den Lichtschein eines Feuerkorbes, der neben den beiden Liebenden stand. Plötzlich schrie die kleinere Person, die Aphron bemerkte. Der Heiler stand wie gebannt da: Unter dem Wächter tauchte ein jungenhafter Mann auf – der Pferdeknecht.
Und das narbige Gesicht des Wachmannes kannte er doch auch! Das war Winand, bekannt für seine ausufernde Zügellosigkeit. Dabei war es dem Wächter offenbar gleich, ob er mit Weib oder Recke seiner Lust frönte!
Aphron wollte zur Wendeltreppe eilen, aber Winand hastete hinterher und zog ihn am Gürtel. „Wartet! Wo wollt Ihr hin? Kann das… nicht unser Geheimnis bleiben?“
Aphron war in höchstem Maße erregt von seinen Beobachtungen. Sein Gemächt stemmte sich mit aller Kraft gegen den Keuschheitsgürtel. Neidvoll meinte er: „Ich muss das melden!“
Winands Stimme wurde fast winselnd: „Ich bekomme Ärger. Bitte!“ Er zeigte auf den Jüngling: „Der da hat mich gezwungen! Ja, er hat mich gezwungen!“
Der blonde Pferdeknecht hatte seine hellbraunen Leinensachen zusammengerafft und seine Blöße bedeckt: „Das ist nicht wahr! Genau andersherum wird ein Stiefel daraus!“
Winand schickte dem Jüngling blitzende Blicke: „Halt den Mund! Oder ich werde dir wieder…“ Er verstummte. Den Moment nutzte Aphron, um nach oben zu eilen.
Am nächsten Tag wurden zwei Pranger im Burghof aufgestellt. In einem steckte Winand, im anderen der junge Knecht.
Leda, in ein hochgeschlossenes Kleid aus dunkelgrünem Seidentaft gewandet, sah von einer Holz-Brüstung hinab auf den Hof. Neben ihr saß Abas, der mit fiebrigem Blick ins Leere starrte. Auf der anderen Seite hatte der Schultheiß in einem prachtvollen Wappenrock Platz genommen. Neben ihm schmiegte sich Forma an Gladius.
Aphron stand im Hof in der Nähe von der Obersten Gardistin Nike, die eine kleine Abordnung Gardisten in Reih und Glied an einer Seite der Pranger aufgestellt hatte. Der Medikus schaute eifersüchtig hoch zur Brüstung. Forma trug Tand und Geschmeide. „Sie hat sich kaufen lassen wie eine billige Hure!“, grummelte er in sich hinein, so dass es niemand hören konnte.
Zwei Jünglinge trommelten mit ihren Stöcken im Gleichtakt auf ihren Pauken. Auf ein Zeichen der Königin verstummten die Trommler, und Nike verkündete laut das Strafmaß: „Wegen Unzucht werden der Wächter Winand und der Stallbursche Jeremias zu jeweils zwei Dutzend Rohrstockhieben auf das blanke Gesäß verurteilt.“
Ein leises Aufraunen drang bis zu Leda empor. Nike sprach weiter: „Des Weiteren sollen sie für ihr unziemliches Verhalten im Pranger stehen bis zur nächsten Morgenröte.“
Die Oberste schritt eine Reihe Gardisten ab und sagte zu zwei ausgewählten Bütteln: „Waltet eures Amtes!“
Die Männer waren zuvor aus den Reihen der Soldaten ausgesucht worden. Sie trugen schwarze Kutten und passende Gugeln aus Wolle. Von der gegenüberliegenden Seite schauten einige Neugierige der Bestrafung zu: Mägde, Knechte, Soldaten, die Freigang hatten.
Mit kraftvollen Griffen rissen die beiden Büttel den Delinquenten die Beinkleider hinab und schoben das Wams den vorgebeugten Torso hoch. Vereinzelt erschallte helles Kichern. Die Oberste war zurück geschritten und stand nun breitbeinig mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt da und wippte auf ihren Fußballen. Der Kragen ihres Uniformrocks zeigte feinste geklöppelte Spitze. Ihre Schultern waren mit Lederplatten verbreitert. Ihre engen Beinkleider steckten in hohen Stulpenstiefeln.
Sie war eine respektvolle Erscheinung und verzog keine Mine in ihrem stolzen Gesicht, als die Büttel zur Tat schritten und abwechselnd die Streiche verteilten.
Die frischen Haselnussruten waren lang und knallten laut auf das Sitzfleisch der Männer. Zu Anfang versuchten diese noch ihre Würde zu wahren, doch nach dem sechsten Hieb schrieen sie bereits. Der Pferdeknecht wimmerte nach zwölf Schlägen. Doch auch das zweite Dutzend führten die Kapuzenträger stoisch aus.
Mägde und Zofen hielten sich erschrocken die Hände vor das Gesicht, lugten aber neugierig zwischen den Fingern hindurch. Bei einigen Männern und Weibern war ein schadenfrohes Grinsen nicht zu übersehen. Einige der Zuschauerinnen sahen eher grimmig, aber voller Genugtuung drein. Denn Winand hatte sich schon mit so mancher Maid und gar einigen jüngeren Recken vergnügt. Dabei hatte die Freude nicht immer auf beiden Seiten geglüht.
Nach der offiziellen Züchtigung marschierte die Garde hinter Nike ab, und auch die anderen Schaulustigen gingen wieder ihrer Wege. Leda stand wortlos auf und zog sich in ihre Gemächer zurück.
Gerade in diesen schwierigen Zeiten war Disziplin und Autorität das wichtigste Gut - obwohl Prügelstrafen gewöhnlich nicht nach ihrem Gusto waren.
Während der Stallbursche kraftlos in seinem Pranger hing und leise weinte, rätselte er darüber, wie er die lange Nacht überstehen sollte. Die Tränen hatten schmutzige Bahnen in seinem Gesicht hinterlassen.
Winand sah abschätzig zu seiner Seite und meinte: „Warte nur, Bursche! Heute Nacht kommt die tatsächliche Strafe!“
Jeremias schaute mit großen Augen ängstlich hinüber: „Was sollen deine Worte bedeuten?“ Winand grunzte. „Was wohl? Glaubst du, wir bleiben bei Dunkelheit alleine im Burghof?“ Er lachte gehässig und resignierend. „Wenn die Sonne schlafen geht, erwachen die Incubi und Succubi – Dämonenwesen, die es dir so richtig besorgen werden.“ Wieder brach er in ein freudloses Lachen aus. „Und glaube mir, es wird auch weltliche Lüstlinge geben, die sich an einem Wehrlosen gütlich tun wollen.“
Der Pferdeknecht schluckte schwer und brach erneut in Tränen aus. Hatte er nicht schon genug gelitten?
In den nächsten Stunden durchlebte der Jüngling die fürchterlichsten Bilder vor seinen Augen. Und als die Dämmerung eintrat, betete er leise vor sich hin zu den Alten Göttern. „Die werden dir auch nicht helfen, du Dummkopf!“, kreischte Winand hysterisch und lachte wieder.
Danach wurden beide still. Die Geräusche aus der Burg wurden leiser, seltener. Ein Licht nach dem anderen wurde gelöscht und tauchte den Burghof in immer tiefere Schatten. Nur das Flattern einer Fledermaus war zu vernehmen.
Und dann blieb das Herz des Jünglings vor Schreck fast stehen: leise Schritte knirschten über den Kieselsteinen eines Weges am Rand des Hofes…
Sie kamen näher…
Das Herz des Stallburschen schlug ihm von innen gegen die Rippen. Seine Atmung wurde hektisch. Er biss seine Zähne zusammen und verkrampfte am gesamten Leib. Das fremde Wesen musste jetzt genau hinter ihnen stehen und ihre blanken Hintern betrachten…
Doch statt sich am Jüngling zu vergehen, hörte dieser einen unterdrückten Laut von Winand. Jeremias drehte seinen Kopf so weit es ihm möglich war. Über Winands Schädel war eine alte Decke gelegt worden, und den dumpfen Geräuschen nach zu urteilen, hatte jemand ihn geknebelt. Was ging hier vor?
Nun wackelte der Pranger, als würde der Dämon Unzucht mit Winand treiben…
Jeremias betete wieder zu den Alten Göttern, dass er verschont bleiben möge.
Nach einer Weile endeten die Laute und Bewegungen, aber nur, um kurz darauf wieder einzusetzen. Dies wiederholte sich mindestens ein Dutzend Mal.
Als Jeremias es wagte, wieder zur Seite zu schauen, hatte Winand keine Decke mehr über dem Kopf und auch keinen Knebel mehr im Mund. Jeremias konnte sogar trotz der Dunkelheit erkennen, dass Winand puterrot war. Als sich die Blicke der Männer trafen, schaute Winand zu Boden. Beschämt und jammervoll. So hatte Jeremias den gemeinen und frechen Wächter noch nie erlebt.
Auch, wenn sich der Jüngling das Vorgehen zusammenreimen konnte, ahnte er noch nicht, wie peinlich berührt Winand zusätzlich noch deshalb war, weil er sich während der peinigenden Besuche selbst zwischen seine Beine ergossen hatte.
Von einem offenen Wandelgang aus sah eine etwa zwölfköpfige Gruppe auf den Innenhof hinaus. Die letzte Person war gerade erst vom Hof erschienen und stellte sich nun dazu. Sie reichte den Holzzapfen, den sie über ihrer Magdschürze gegürtet hatte, mit dem Geschirr weiter. Es wirkte wie eine Zeremonie. Niemand sprach ein Wort. Der Kolben war noch ganz warm und feucht. Er ging durch alle Hände bis zur ersten Person. Dann schritten alle leise in die Burg zurück und gingen ihrer Wege, als sei nichts geschehen.
Der Gerechtigkeit war genüge getan.
Winand würde sich so schnell wohl keine Maid mehr oder einen Burschen schnappen, um seine Neigungen an ihnen zu sättigen.
Derweil lag Forma breitbeinig unter Gladius und genoss die Hüftbewegungen ihres Liebsten. Ihr warmer Busen wackelte im Takt. Das pralle Schwert des Schultheißen rauschte in die enge Spalte – rein und raus und rein und raus – wie es auch ein dicker Holzpflock, mit Butterschmalz eingerieben, zwischen zwei Arschbacken tun würde…
Zu dieser späten Stunde befahl Regentin Cassandra auf Weisung der Hohepriesterin Tagara eine hochrangige Duxa in die Festung an der ehemals ledanischen Grenze. „Lasst sieben Briefraben nach Osten zur Metropole fliegen. So schnell wie möglich soll Unsere Galeerenflotte über das Nordkap ins Westmeer manövrieren.“
Die Duxa öffnete erstaunt den Mund. Über das Nordkap? Das hatte noch keine Flotte gewagt. Schiffe im Westozean waren in den Redereien der Westküste gebaut worden.
Cassandra, geschmückt mit einem aufwändigen Kleid aus Goldmoiré, sah die Zweifel der Uniformierten und sprach: „Die Galeeren werden durch das Eis müssen! Und sie werden es schaffen oder drakonisch bestraft werden!“
Die Duxa verbeugte sich zackig und verschwand. Die Offizierin ahnte, warum dieser gewagte Schachzug von der Imperatorin gefordert wurde. Es sollte in jedem Falle vermieden werden, dass die besiegte Leda erneut über das Meer flüchten könnte, wie sie es ihr vor Jahren schon einmal mit ihren letzten loyalen Mitstreitern gelungen war. Doch die Duxa wusste auch von der gefährlichen Route über das Eismeer, wo Sturm und Kälte den Galeerensklaven Unmenschliches abverlangten. Und sollten sie den Westozean erreichen, so wartete dort der Legende nach ein wütender Leviathan, der alle Schiffe, die sich zu weit von der Küste entfernten, in die schwarze Tiefe zog, um ihnen ein nasses Grab zu bescheren.
Noch am selben Tage flogen sieben Briefraben gen Osten, um den Befehl der Königin zu überbringen. Auch Vesta würde ihn erhalten und einige Befehlshaberinnen an die Küste schicken müssen. Ansonsten hielt sie sich aus der Politik heraus.
Bald schon würde Cassandra zurückkehren in ihr altes goldenes Heim. Vielleicht dürfte Vesta darauf hoffen wieder in der Metropole Stadthalterin zu werden. Im Westen war bereits Prodita an der Macht und regierte im Terrain des ehemaligen Stadtstaates.
Sollte sie zum alten Palast ihrer Mutter Fama zurückkehren, so würde sie ihre Schwester Aurora mitnehmen, um ihr dort in den Kerkern ein neues Heim zu bieten.
Ihr versuchter Putsch war missglückt. Hoffentlich verriet sie keine Duxa an Cassandra. Doch sie wusste: Wenn Wort gegen Wort stand, so würde die Herrscherin wohl eher Famas Tochter glauben. Und die Denunziantin würde als Lügnerin der Henkerin überantwortet.
Zuvor würde sie dafür sorgen, dass ein Büttel ihr öffentlich mit einer heißen Zange… Genüsslich suhlte sich Vesta bei der Vorstellung, wie die Zunge der Duxa in einen Weidenkorb fiel. Sie würde den Inhalt als Talisman aufhängen, der ihr zur Zierde gereichen würde. Oder ihr Respekt beim Pöbel verschaffen. In Cassandria wurde nicht lange gefackelt.
Zwar war eine Verurteilung einer Dame nicht so einfach und schnell zu bewerkstelligen, wie bei den Schnellverfahren bei niederen Mannsbildern, aber Hochverrat war da etwas ganz anderes.
Einen Scharfrichter hätte sich auch Leda im Falle des Renegaten Zelos gewünscht. Im Nachhinein konnte sie sich verfluchen, den Abtrünnigen ins Exil verbannt zu haben. „Hätte er sein Leben ausgehaucht oder wäre er im Kerker unter der Burg verreckt, dann wäre der Grenzwall nicht gefallen!“, war sich die Königin sicher und rümpfte verärgert ihr Näschen. „Mich deucht, der geheime Zugang und die Schwachstellen in der Mauer sind durch Verrat an den Feind gefallen. Und wer sonst hätte diesen gewissenlosen Treuebruch begehen können, wenn nicht Zelos!?“
Die Früchte des Verrats war der Niedergang Ledaniens; die Frucht des Verräters war der Tod. Und das ahnte Leda: „Wer sich mit den Teufeln einlässt… Fürwahr! Er wird seinen gerechten Lohn erhalten haben.“
Der Todesstoß für Ledas Burgfeste war jedoch zunächst aufgeschoben, denn der finale Angriff sollte erst erfolgen, wenn die Westküste vor cassandrischen Galeeren nur so wimmelte.
In den folgenden Tagen und Wochen kam Trubel und Leben in die Osthäfen des Kontinents. Cassandrische Centurias statteten die Kampfgaleeren mit frischen Sklaven aus, organisierten breitbäuchige Schiffe für Proviant und Waffen, und unterschrieben großzügige Heuer-Verträge mit Soldatinnen und weiblichen Seeoffizieren.
Nur die Schlangen aus Galeerensklaven waren noch länger, als die der Rekrutierungsstellen. Die Rümpfe einiger Dutzend Schiffe mussten eilig überholt, Tonnen von Segel genäht und verstärkt werden. Einige Transportkähne waren bis zum Deck mit Wurfgeschossen beladen. In sämtlichen Osthäfen hämmerten, zimmerten, schmiedeten und schleppten Sklaven Transportgut und Schiffsteile.
Und schon bald machten sich die ersten Galeeren auf den weiten Weg.
Immer mehr schlossen sich dem gewaltigen Verband an. Als die Flotte komplett war, besiedelte das Ostmeer eine Armada, die vor lauter Segeln und Schiffsrümpfen so weit das Auge reichte die Wellen verdeckte. Vielen Duxas war unverständlich, warum Cassandra eine so große Streitmacht in den Westozean schickte, denn es hieße doch lediglich eine Flucht der Königin Leda zu verhindern. Aber die Armada sollte auch einem symbolischen Zweck dienen. Cassandra – und damit auch Hohepriesterin Tagara – wollte ihre Macht demonstrieren, um die Bevölkerung der Westküste einzuschüchtern. Wankelmütige Untertanen durfte es nicht mehr geben. Einzig und allein Cassandras königlicher Wille zählte.
Zumindest ließ Tagara sie in diesem Glauben. Sobald jedoch die Machtergreifung über den Alten Kontinent abgeschlossen war, würde sie offenkundig ihre Rechte ergreifen wie ein Habicht mit seinen Krallen eine Feldmaus. Die Hohepriesterin würde sich krönen und zur neuen allumfassenden und einzigen Herrscherin des Großreiches ausrufen lassen. Dankte Cassandra nicht freiwillig ab, so würden Schergen des Maluskultes dafür sorgen, dass die Regentin von der Bildfläche verschwand.
Im Nordmeer kämpften sich die Galeeren durch die vom Wind gepeitschte See. Die Rudersklaven stemmten sich mit aller Kraft in die Riemen. Die anstrengende Arbeit an Bord hielt sie warm, so dass sie auch bei dem nun rauen Wetter splitternackt auf den Holzbänken angekettet waren. Nur während der Ruhezeiten, wenn andere Leibeigene ihre Plätze annahmen, und die Erschöpften ins enge Unterdeck liegend angekettet wurden, erhielten sie dicke Wolldecken zum Schutz gegen die eisige Kälte.
Der ununterbrochene Schlagrhythmus der großen Stand-Trommel trieb die Ruderer weiter und weiter in enormem Tempo an. Hin und wieder hatte die Schiffsführung ein Einsehen und gönnte den Sklaven ein oder zwei Stunden langsamere Fahrt voraus. Aber wer aus dem Takt geriet, weil er aufzehrt war, schmeckte die lange Peitsche der Aufseherinnen, die zwischen den Reihen der Männer entlang stolzierten, um den Sklaven ihr Leder zu gerben.
In den kurzen Pausen gingen Kampfsklaven mit Eimern durch die Reihen und reichten den Ruderern Wasser aus einer Kelle. Das erfrischende Gut war streng rationiert. Zumindest für die Leibeigenen.
Die Kapitänin saß währenddessen in ihrer Kajüte, gewärmt von dicken, edlen Stoffen, einem Hut mit bauschigen Federn und einem Ofenfeuer in ihrem Rücken. Sie nippte an einem Kristallglas und genoss den süßen Rebsaft. „Morgen werden wir in engerer Linie fahren müssen. Nur einige wenige Meilen sind eisfrei. Wir sollten das Nordkap möglichst zügig umqueren, denn in wenigen Wochen wird auch die letzte Fahrrinne zugefroren sein.“
Nur wenige Schiffe konnten die Spitze des Konvois bilden, denn gefährliche Eisschollen im Meer mussten zunächst von eisernen Rammspornen aus dem Fahrwasser geschoben oder zerbrochen werden. Über solche kräftigen Bugvorrichtungen verfügten längst nicht alle Galeeren.
Das Weib in Lederrüstung und hohen Stiefeln salutierte. An der Kajüttür hielt sie die Kapitänin zurück: „Wartet! Bringt mir einen ausgeruhten Recken. Mir steht der Sinn nach ein wenig Kurzweil, bevor mich morgen die Navigation einnimmt.“
„Aye, aye“, antwortete die Centuria. „Ein Rudersklave oder wieder ein Krieger?“ Überraschenderweise verlangte es der Kapitänin nach einem Riemensklaven.
Die Centuria suchte aus dem Unterdeck einen wohl gebauten Jüngling, ließ ihn mit Seewasser übergießen und den frierenden und schlotternden Mann anschließend zur Kapitänskajüte bringen. Er trug die Hände an eine kurze Eisenstange geschmiedet. Bevor die Centuria ihn ablieferte, raunte sie dem Recken zu: „Mach mir keine Schmach und Schande! Sonst wirst du es bereuen!“
Der junge nackte Mann wurde von zwei Soldatinnen in die Kajüte gestoßen, dann schloss sich hinter ihm die bewachte Tür aus Kirschholz. Es war angenehm warm in dem Raum, doch zitterte der Sklave noch immer – vor Kälte und vor Furcht. Vor einem kleinen Feuer saß die Kapitänin. Sofort fiel der Leibeigene demütig auf die Knie und senkte seinen Blick zu Boden.
„Was sehe ich da?“, rief die Skipperin aus. „Mir dünkt, ich hätte einen Heißsporn verlangt. Stattdessen kommt mir ein kalter Fisch gekrochen! Vielleicht sollte ich ihn zurück ins Meer werfen.“
Der Sklave schlotterte noch mehr. „Sieh mich an!“, sagte sie mit befehlsgewohntem Tonfall. Der Mann gehorchte aufgeregt.
Die Kapitänin trug eine bequeme Uniform aus weichem Hirschleder und Wolle sowie hohe Stiefel. Ihr Wams hatte einen Stehkragen. Das Weib trug ihre langen dunkelblonden Haare zu einem kunstvollen Zopf gebunden. Ihre hohen Wangenknochen sorgten für ein würdiges, fast schon erhabenes Aussehen; die großen und scharfen Augen blickten mit Überheblichkeit auf den Sklaven hinab. Sie wirkte sehr eitel und selbstherrlich. Dünkelhaft bohrte sie ihren Blick in die angstvollen Augen des nackten Galeerenruderers. „Wir wollen sehen, ob wir dein Feuer noch entfachen können.“ Sie griff nach einer kurzen Peitsche mit sieben Lederriemen.

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