Das Ende der Freiheit – Teil 05 (illustriert)

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SM-Roman (illustrierte Fassung)

Exposé-Auszug: Eine junge Frau erfährt, dass ihrer besten Freundin von einer skrupellosen Clique übel mitgespielt wird. Sie beginnt, sich in einen Mann zu verlieben, von dem sie nicht ahnt, dass er zu eben dieser Clique gehört. Von ihrer Neugier getrieben, erfährt sie allmählich immer mehr über das Treiben dieser Leute, bis der Moment gekommen ist, an dem sie zu viel weiß. Man beschließt, sie auf bizarre Weise an der Weitergabe ihres Wissens zu hindern.

 

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24. UNERWARTETER BESUCH

Eine weitere Woche war vergangen. Tatsächlich gab es währenddessen noch zwei wunderbare Tage am Strand.

Meine Arme konnte ich wieder bewegen; nur die Kraft kehrte sehr langsam zurück. Schon am Abend des ersten Strandtages hatte A mir die Fußfesseln wieder angelegt und seitdem nicht mehr abgenommen. Mit etwas Mühe konnte ich damit aber sogar schwimmen.

Ich hatte gerade geduscht und mein Pflichtprogramm im Schminken und Nägel Lackieren absolviert, als meine Zimmertür geöffnet wurde. Es war nicht A, die herein kam, sondern …

Toni.

Hasserfüllt starrte ich ihn nur an. Sollte er doch auf irgendeinen Knopf drücken und mich rösten! Es war mir in diesem Moment egal.

„Guten Morgen, C“, sagte er, als wäre er ein alter Bekannter.

Ich starrte weiter.

Er kam auf mich zu und setzte sich in den Sessel gegenüber.

„Du siehst toll aus. Richtig erholt. Ich habe von Deinen Fortschritten gehört. Das ist schön.“

„Spar Dir Dein Geschleime! Und? Willst Du mich nicht bestrafen?“

Toni grinste nur. Widerlich! „Ich dachte, Du bist gar keine Masochistin. Wie man sich täuschen kann! Aber nein – es ist mir schon klar, wie Du über mich denkst und, ehrlich gesagt, kann ich es sogar verstehen. Du verkennst nur dabei, dass es mir gar nicht um Dich geht.“

Er beugte sich nach vorn. „Ich konnte nicht riskieren, dass Du zu den Bullen rennst. Wenn ich Dich ausgeschaltet hätte, wäre Falk, dieser Trottel, ausgeflippt und die Probleme hätten noch schlimmer werden können. Zu unser aller Glück bist Du eine verdammt hübsche Maus und warst daher perfekt geeignet, unser neues Modell zu werden. Noch perfekter war die Tatsache, dass Du auch eine ganz schön harte Nuss bist. Also ist es nur logisch, dass wir jetzt hier sitzen und uns unterhalten.“

„Du unterhältst Dich. Ich bin nur gezwungenermaßen anwesend.“

„Egal. Jedenfalls hast Du Deine Lage ja wohl inzwischen verstanden, oder?“

„Ja. Ganz im Gegensatz zu Dir. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Du ewig so weitermachen kannst?! Irgendwann wird man Dir und den anderen Schweinen auf die Schliche kommen und dann besuche ich Dich in Deinem Gefängnis und labere Dich mit Scheiße zu.“

Toni lachte nur. „Genau. Das ist unsere C! Ehrlich, Kleine, Du gefällst mir. Du bist viel zu schade für diesen Bengel Falk.“

„Das ist mir auch schon aufgefallen“, stimmte ich zu, „weiß denn der Idiot, wie Du über ihn denkst? Bestimmt nicht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das spielt keine Rolle mehr. Falk wurde versetzt. Er arbeitet jetzt in der Buchhaltung der Gemeinschaft in unserem Institut in Ägypten und wartet auf seine schöne Sklavin C. Er sitzt in einem klimatisierten Büro und schreibt ab und zu eine email, in der er seine Wünsche für Deine Umgestaltung kundtut. Heute Hü, Morgen Hott. Es ist einfach nur noch lästig.“

„Oh. Wäre es da nicht besser, wenn Du ihn loswürdest?“

Toni zuckte – kurz nur, aber merklich. „Willst Du, dass ich ihn für Dich umbringe?“

Ich beschloss, ihn noch ein wenig mehr zu überraschen und ließ mich vom Sessel auf den Boden gleiten, bis ich direkt vor Tonis Füßen kniete. „Was müsste ich dafür tun?“ Meine Stimme war ein sanftes Hauchen.

Diesmal entstand eine längere Pause.

Dann hatte Toni sich wieder im Griff. „Guter Versuch. Wirklich guter Versuch. In bin absolut begeistert. Eine bessere C als Dich hätten wir niemals gefunden. Sag mir nur eins – willst Du ihn wirklich tot sehen?“

„Ja. Und Dich gleich mit“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Toni nickte. „Hm. Schade. Ich hatte gehofft, wir könnten wenigstens so etwas wie ein Arbeitsverhältnis aufbauen, wenn Du nur einsiehst, dass ich Dir persönlich nie etwas Schlechtes wollte, sondern die Umstände keine anderen Entscheidungen zuließen.“

„Hast Du schon mal von Erich Mielke, dem Stasi-Chef, gehört? ‚Ich liebe Euch doch alle‘ hat er gesagt. Du erinnerst mich an ihn.“

Toni schnaufte nur.

Erst jetzt, als meine Wut dem nicht mehr erwarteten Gefühl wich, doch nicht vollkommen machtlos zu sein, konnte ich wieder halbwegs klar denken. „Moment mal“, sagte ich, „hier ist doch etwas faul. Wir wissen doch beide ganz genau, dass Du nicht auf meine Kooperation angewiesen bist. Was soll das hier dann? Was willst Du von mir, was Du Dir nicht auch so holen könntest?“

„Du bist schön, Du bist stark und Du bist klug, wie Du gerade wieder beweist“, meinte Toni und es klang nicht wie eine Lüge, „Du wirst die beste Sklavin sein, die wir je gemacht haben. Du bist viel zu schade für eine Null wie Falk.“

„Ach, daher weht der Wind. Du bist selbst scharf auf mich?“

Toni lachte. „Vielleicht gönne ich mir irgendwann ja mal das Vergnügen, aber …“

„Können diese Implantate auch verhindern, dass ich kotze?“, unterbrach ich ihn.

„… nein, ich will Dich nicht für mich. A 7, die Dir noch als Deine Freundin Vera bekannt sein dürfte, reicht mir derzeit aus. Du bist das ideale Spielzeug für einen wirklich mächtigen Mann, der mir, würde ich ihm ein so schönes Geschenk machen, sicher sehr dankbar wäre.“

„Und? Warum schleimst Du dann hier rum? Das brauchst Du doch gar nicht. Ich werde, wenn ich das richtig verstanden habe, doch sowieso keine Chance haben, etwas dagegen zu tun.“

„Stimmt. Aber das reicht nicht.“

„Wenn Du glaubst, ich würde freiwillig mitmachen – vergiss es!“

„Ich weiß, dass Du das nicht freiwillig tun wirst“, lenkte er ein, „und Du weißt, dass Du keine andere Wahl hast. Wie war doch gleich Dein Name?“

„Du … Scheißkerl!“

„C, ich finde, wir haben jetzt genug Geplänkel gehabt. Es ist eigentlich ganz einfach. Du kennst ja A.“

Ich nickte.

„Du weißt“, fuhr er fort, „dass sie meine Freundin war, dass wir eine Beziehung hatten.“

„Wir machen alle Fehler.“

„Das wird hier langsam anstrengend mit Dir! Willst Du mehr erfahren, oder wollen wir das Gespräch beenden?“

„Red‘ weiter, Arschloch!“ Allein die Tatsache, dass ich seine Nerven strapazieren konnte, verschaffte mir eine ungeheure Genugtuung.

„Es war ein Fehler von mir“, fuhr er fort, „zu glauben, dass es mir Spaß machen könnte, eine Sklavin zu besitzen, die mich aus tiefstem Herzen hasst. Ich bin nicht so dumm wie Falk. Nicht mehr seit meinen Erfahrungen mit A 5. Wir können die Gesichtsmuskeln einer Sklavin lähmen und ihr für den Rest des Lebens ein immerwährendes Lächeln ins Antlitz zaubern, wir können sie dazu bringen, alles zu tun, was einen Mann zufriedenstellt, aber ein Problem haben wir noch nicht im Griff – den Ausdruck in den Augen. Wir können ihn ganz unterbinden, aber wir können keine Sklavin dazu zwingen, ein irgendwie geartetes positives Empfinden ihrem Herrn gegenüber auszudrücken. Wir werden Dich zu einer perfekten Sklavin machen, zu einem Kunstwerk, das alle Eigenschaften und alle Vorzüge besitzt, die sich ein Mann nur wünschen kann, aber in dieser vollkommenen Liebespuppe soll ein Mensch zu erkennen sein, dessen einzige Empfindungen nicht Hass und Verachtung sein dürfen. Das ist das Problem.“

„Aha. Leider muss ich Dich enttäuschen, Toni. Etwas anderes als Hass und Verachtung wirst Du in meinen Augen nie sehen.“

„Ich weiß, C, ich weiß. Aber es geht nicht darum, was ich sehe, sondern was Dein künftiger Herr sehen wird. Aus diesem Grund mache ich Dir ein Angebot. Auch A 5 hat dieses Angebot bekommen. Wenn Deine Umgestaltung abgeschlossen ist, erhältst Du die Möglichkeit, Deinen Herrn selbst auszuwählen. Was sagst Du dazu?“

„Kann ich wählen, wen ich will?“

„Nein. Es muss ein Nemesis-Meister oder besser noch ein Großmeister sein. Sonst bringt mir das nichts.“

„Ich habe einen besseren Vorschlag“, entgegnete ich, „Du lässt mich frei und ich verspreche Dir, nicht zur Polizei zu gehen.“

Toni schüttelte den Kopf. „Jetzt enttäuschst Du mich aber.“

„Schon klar. War nur mal ein Versuch. Was ist, wenn ich keinen dieser ‚Meister‘ will?“

„Das wäre bedauerlich. Dann müssten wir eine andere Verwendung für Dich finden, bis ein geeigneter Kandidat in Frage kommt. Wie bei A 5.“

„Und was verlangst Du von mir für dieses ‚Angebot‘?“

Toni beugte sich wieder zu mir nach vorn. „Gar nichts. Es genügt, wenn Dein neuer Herr irgendwann den Ausdruck in Deinen Augen sieht, den Du hattest, als Du mit A am Strand warst. Zufriedenheit. Glück. Dankbarkeit. Das ist alles.“

Ich dachte nach. Natürlich würde er mich nicht gehen lassen. Ich wusste, dass es kein Entrinnen gab. Nadja war bereits tot. Es ging nur noch darum, C ein halbwegs erträgliches Leben zu ermöglichen. Dafür war sein Vorschlag gar nicht so übel. Sein Problem mit dem Augenausdruck leuchtete mir auch ein. Er hatte keinen Grund, mich zu belügen und er log tatsächlich nicht.

„Unter einer Bedingung …“, versuchte ich, zu zocken, „ …wenn Du mir sagst, was weiter mit mir passieren wird.“

Toni schnaufte wieder. Mit einem fast schon resignierten Gesichtsausdruck meinte er: „Das weißt Du doch schon. Wir werden Dir die Kontrolle über Deine Handlungen und einen großen Teil Deiner Körperfunktionen nehmen. Wir werden Dich zu vollkommenem Gehorsam zwingen. Wir werden Deinen Körper modifizieren, um eine ideale Lustsklavin aus Dir zu machen. Wir werden Dir die Möglichkeit nehmen, Entscheidungen zu treffen, die uns nicht gefallen. Einzelheiten erfährst Du nicht. Schluss jetzt mit den Spielchen. Du kennst das Angebot. Nimm es an oder lass es! Egal, wie Du Dich entscheidest – es gibt keinen anderen Weg mehr für Dich, C.“

Toni stand auf.

„Warte! Eine Frage noch!“

„Was?“

„Man hat gesagt, ich würde mein früheres Leben wieder aufnehmen können und A meinte, ich käme von dieser Insel wieder weg. Was ist damit?“

„Dabei bleibt es. Versprochen. Allerdings würde ich es etwas anders formulieren. Du hast kein früheres Leben. Du kannst das Leben aufnehmen, das Nadja Richter geführt hat, aber Du wirst nicht mehr Nadja Richter sein. Du bist die Sklavin C und wirst es bleiben, bis Du stirbst. Das steht fest.“

Dann ging er ohne ein weiteres Wort.

 

25. DAS NEUE HEIM

Am Morgen eines der nächsten Tage kam A reichlich aufgekratzt in mein Zimmer.

„Guten Morgen, C. Gut geschlafen?“

„Hi, A. Ja, wie ein Stein.“

„Heute ist Dein Umzugstag. Wir werden Nachbarn. Das ist toll, oder?“

„Wo soll ich denn hinziehen?“

„In ein Apartment direkt neben meinem. Mit Meerblick. Es wird Dir gefallen.“

„Klingt super“, meinte ich ehrlich.

„Na los, Du lahme Ente! Auf geht’s!“

„Sag mal, A, kannst Du mir nicht endlich diese blöden Fußfesseln abnehmen? Ich kann doch hier sowieso nicht weg. Jeder noch so kurze Weg dauert eine Ewigkeit mit meinen Trippelschritten.“

„Tut mir leid. No way!”

Mit einem bedauernden „pfft” setzte ich mich in Bewegung.

Vor dem Haus erwartete uns eine Art Golfwägelchen. Der Fahrer brachte uns zu einem Gebäudekomplex, bestehend aus einem mehrstöckigen, weißen Zentralgebäude und mehreren, ineinander verschachtelten Apartmenthäusern. Zu Fuß gingen wir zu einem dieser im südländischen Stil erbauten Häuser. Hinter einer Haustür lag eine Diele mit zwei Wohnungstüren. A deutete auf die linke Tür und meinte: „Da wohne ich.“ Dann drückte sie die Klinke der rechten Tür herunter und sagte: „Das ist Dein Reich. Komm!“

Das Wohnzimmer war riesig, bequem und edel eingerichtet. Ledersessel, ein großer Couchtisch und ein offener Kamin. Dahinter eine Essecke. Ein großes Fenster mit Blick auf Strand und Meer. Zwei Türen auf der rechten Seite. Hinter der näher am Fenster gelegenen Tür eine moderne Küche mit allen Schikanen.

Hinter der anderen Tür das Schlafzimmer mit Fenster auf der rechten Seite und Blick auf eine Parkanlage. Ein großes, französisches Bett mit schmiedeeisernen Pfosten. Ein Kopfkissen. „Keine Decke?“

„Nein. Es ist immer warm genug. Wir brauchen keine Decken.“

Auf einer Seite neben dem Bett ein Schminktisch mitsamt Kosmetika. Auf der anderen Seite ein großer Kleiderschrank.

Leer. Allerdings mit diversen, ebenfalls leeren Glasboxen darin, an denen sich Leuchtdioden befanden.

Leer bis auf drei Perücken, die auf Plastikköpfen lagen.

Mir wurde flau.

„Brauche ich die?“

„Ja. Ab Morgen.“

„Laser?“

„Ja.“

„Scheiße!“

„Du gewöhnst Dich dran. Ich finde, Dein Gesicht passt gut dazu. Du wirst noch genauso hübsch sein wie vorher.“

„A, Du musst mich nicht trösten. Ich hatte schon damit gerechnet.“

„Ich habe das aber ernst gemeint.“

„Schon gut.“

„Was Du noch wissen musst, ist, dass die Perücken gesichert sind. Wenn Du versuchst, sie von den Halterungen abzunehmen, wirst Du spüren, welche sich lösen lässt und welche nicht. Wenn sich keine lösen lässt, bleibst Du ‚oben ohne‘“. Damit nichts kaputt geht, sind unten an den Plastikköpfen auch kleine Dioden. Die Perücke, bei der die Diode leuchtet, setzt Du auf. Magst Du eigentlich meine Stimme?“

„Ja. Klar. Warum?“

„Ich bin im Moment jeden Tag damit beschäftigt, Sprachmuster ins Programm einzugeben. Du wirst Deine Anweisungen künftig von meiner Stimme bekommen.“

„Okay.“ Ich fand es wirklich gut. Ich mochte A. Sogar sehr.

Ich sah mir die Perücken genauer an. „Natürlich“ wirkten sie nicht gerade. Glattes Haar, als Bubikopf mit Pony geschnitten. Blond (fast weiß), Kupfer und Blauschwarz. Naja.

An meine kahle Scham hatte ich mich erstaunlich schnell gewöhnt. Inzwischen gefiel ich mir so sogar besser. Mit einer Glatze hatte ich schon viel früher gerechnet. Jetzt, als ich Gewissheit hatte, war ich mir sicher, mich auch daran zu gewöhnen, zumal ich mir A mit Haaren auch gar nicht vorstellen konnte. Auch daran würde ich mich gewöhnen. Es gab Schlimmeres.

Das Schlimmere erwartete mich hinter der Tür zum Bad.

Der geflieste, fensterlose Raum war größer als jedes Badezimmer, das ich bisher gesehen hatte. Das lag daran, dass sich auf einer Seite eine Vorrichtung befand, die dem Fütterungsgestell im Gefängnis an der Ostsee bis ins Detail glich. Auf der anderen Seite gab es eine Dusche ohne Kabine oder Vorhang und ein Bidet.

Kein WC.

Stattdessen zwei weitere, diesmal vertikale Haltegriffe und dazwischen ein kreisrunder Bodeneinlauf – eine Chromplatte mit Löchern darin.

Ich räusperte mich. „Ähm, A?“

„Ja?“

„Soll das hier ein Klo sein?“

„Genau.“

„Äh … wie soll denn da … äh … etwas Festes durchgehen?“

„Gar nicht. Du wirst nur noch Flüssigkeiten ausscheiden. Morgen ist Deine nächste OP.“

„Was wird da gemacht?“

„Deine Zähne werden gezogen. Aber keine Angst – Du bekommst Ersatz. Genau wie ich.“

„Kannst Du denn damit nicht kauen?“

A lachte. „Nein. Natürlich nicht. Sieh mal her!“

Zu meinem Entsetzen drückte A einen Finger auf ihre Schneidezähne. Die gaben nach und bogen sich nach hinten.

„Gummi. Damit können wir unsere Herren nicht beim Oralsex verletzen. Sieht man gar nicht, oder?“

Ich konnte nicht antworten.

Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, wollte ich wissen: „Und wozu brauchen wir dann so eine schöne Küche?“

„Magst Du keinen Tee oder Kaffee? Wir müssen doch hin und wieder etwas trinken. Gegessen wird dort.“ Sie deutete auf das Fütterungsgestell.

„Und wo kommt das ‚Essen‘ her?“

„Das ist eine Spezialnahrung. Wo sie hergestellt wird, weiß ich nicht. Wir bekommen Anweisungen, wann wir essen müssen. Das ist nicht mehr unsere Entscheidung. Das ist übrigens eine gute Gelegenheit, Dich mit den ersten Kommandos vertraut zu machen. Komm!“

A führte mich aus dem Bad wieder durchs Schlafzimmer. Vor der Tür zum Wohnzimmer, die von dieser Seite verspiegelt war, blieb sie stehen und meinte: „Jetzt hätte ich fast etwas ganz Wichtiges vergessen. Der Spiegel ist ein Scanner. Du musst warten, bis ein roter Leuchtbalken, der horizontal im Spiegel verläuft, von oben nach unten gewandert ist. Vorher geht die Tür nicht auf. Wenn Du überhaupt Kleidung tragen sollst, öffnest Du die Box, bei der die Diode leuchtet und ziehst den Inhalt an. Dann stellst Du Dich vor den Scanner, der das überprüft. Er überprüft auch, ob Du ausreichend geschminkt bist und ob Deine Nägel lackiert sind oder ob Du bestimmte Schminkvorschriften, die Du vorher erhalten hast, einhältst.“

„Puh. Ganz schöner Aufwand.“

„Ja. Wenn Du wieder in Deutschland bist, wirst Du eine Wohnung bekommen, die auch so ausgestattet ist. Du wirst Deine Räume nur noch so verlassen, wie Dein Herr es wünscht.“

„Und wenn keine Diode leuchtet?“

„Das weißt Du doch selbst, oder?“

„Nackt?“

„Der natürliche Zustand einer Sklavin. Dein natürlicher Zustand.“

Ich nickte. Sagen konnte ich nichts mehr bei dem Kloß, den ich im Hals hatte.

Nacheinander stellten wir uns vor den Scanner, warteten, bis der Balken durchgelaufen war und gingen ins Wohnzimmer. A verließ kurz „meine“ Wohnung, um ihr Notebook zu holen, das sie anschließend auf meinem „Ess“tisch aufbaute.

„So“, sagte sie nach einer Weile. „Es geht los. Das ist eine Realsimulation. Bitte gehorche jeweils ohne Zögern, denn Du weißt, was sonst passiert.“

„Ja. Britzel.“ Ich hatte lange nicht an Susi gedacht.

„Wie bitte?“

„Schon gut. Ich werde gehorchen. Fang an!“

As Stimme kam nicht mehr aus dem Raum, sondern aus meinem Kopf.

>GEH<

Ich machte einen Schritt nach vorn.

>NACH LINKS<

Ich drehte mich nach links und ging weiter.

>NACH RECHTS<

Zurück in die Gegenrichtung.

>STEH<

Ich blieb stehen, Füße zusammen, Handflächen an die Oberschenkel gelegt.

>BEFEHL AUFGEHOBEN<

Ich entspannte mich.

>SPRECHVERBOT<

„Das klappt ja gut, findest Du nicht, C?“

Ich nickte.

>SPRECHERLAUBNIS<

„Mir klappt das eher zu gut“, meinte ich resignierend, „jetzt bin ich eine Marionette mit eingebautem Navi. Na, toll.“

„Oh, nicht nur das. Du bist auch eine Sprechpuppe. Deshalb ist es wichtig, dass Du sehr genau zuhörst. Wenn Du etwas Bestimmtes sagen sollst, beginnt nämlich das Kommando mit ‚sprich‘ und dann kommt der Satz, den Du sagen wirst. Du wirst lernen, schon beim Hinhören zu sprechen, damit es natürlich klingt, aber das üben wir nach der OP, wenn Du wieder richtig reden kannst. Am Anfang wirst Du ohne Zähne sehr undeutlich sprechen.“

„A?“

„Ja?“

„Können wir für heute Schluss machen? Ich würde mich gern ins Bett legen und heulen.“

„Natürlich, Liebes.“

A gab mir ein Küsschen und verabschiedete sich.

Ich warf mich aufs Bett und heulte los.

 

26. SCHLACHTBANK

Am nächsten Morgen wurde ich von zwei Krankenschwestern abgeholt. Wir gingen (ich trippelte) zu Fuß. Das große Gebäude war tatsächlich die Klinik, in der ich schon gewesen war, ohne mich jedoch daran erinnern zu können.

Zweimal hatte man mich dort schon operiert. Beide Male erfuhr ich es erst, als schon alles zu spät war. Diesmal wusste ich, was mich erwartete und widerstandslos ließ ich mich zur Schlachtbank führen. War ich denn verrückt geworden? Ich stand im Begriff, meine Zähne und meine Haare für immer zu verlieren und war kein bisschen panisch. Fast schon erschien es mir normal und das wiederum konnte doch einfach nicht mehr normal sein. Was hätte ich tun sollen? Was hätte ich tun wollen?

Ich wollte, dass es schnell vorbei war. Ich wollte keine allzu großen Schmerzen erleiden.

Ich wollte etwas hinter mich bringen, das mir unvermeidlich erschien. Es musste sein. Es gehörte dazu. Es war ein Teil meiner Verwandlung. Eine Verwandlung, die bereits begonnen hatte und nicht mehr rückgängig zu machen war. Es war nur folgerichtig. Insofern ging ich tatsächlich freiwillig.

Mein Name war C.

Es tat weh, mir das einzugestehen.

Ich wurde in ein Krankenzimmer gebracht. Die Kette, die meine Füße so lange verbunden hatte, wurde mir abgenommen. Ich bedauerte es fast. Ich wurde auf eine Trage gelegt und bekam eine Spritze. Danach war ich allerbester Laune.

Die Trage, auf der ich lag, wurde über einen Flur in den OP gerollt. Dort erwartete mich ein Arzt mit Mundschutz, den ich trotzdem als Doktor Helm erkannte. „Hallo, lieber Doktor“, brabbelte ich, „haben Sie ein wenig Sonnenöl für mich?“

„Nicht ganz“, antwortete er, „ich habe da so eine hübsche Maske, durch die Du jetzt bitte atmest.“

„Klar. Ich bin doch gehorsam.“

„Zähle bitte bis zwölf!“

„Eins, zwei … vier …“

A erzählte mir später, dass ich schon zweimal aus der Narkose aufgewacht war. Meine Erinnerung setzte erst beim dritten Aufwachen ein. Die Schmerzen waren dank verabreichter Medikamente weniger stark, als ich befürchtet hatte. Dafür war irgendwie mein ganzer Mund in Mitleidenschaft gezogen worden. Mein Gaumen, meine Lippen, meine Zunge – alles fühlte sich wund und geschwollen an. Ich versuchte vorsichtig, meine Zunge dahin zu bewegen, wo vorher meine Zähne gewesen waren. Es war schon sehr unangenehm, nicht den vertrauten Widerstand zu spüren. Stattdessen stieß ich auf etwas Weiches. Wenn ich jedoch den Druck meiner Zunge verstärkte, wurden die Schmerzen schlimmer. Das sollte ich besser lassen.

Meine Hände waren frei.

Natürlich musste ich meinen Kopf berühren.

Glatte Haut. Überall.

Sogar da, wo meine Augenbrauen hätten sein sollen.

Vorsichtig betastete ich meine Lippen.

Klebrig.

Irgendeine Creme oder Salbe war aufgetragen worden.

Prall.

Hoffentlich nur geschwollen und nicht endgültig zum Blasmund aufgepumpt.

Erst jetzt öffnete ich meine Augen. A war bei mir. Schön.

„Nicht sprechen“, meinte sie mit sanfter Stimme.

Ich zeigte auf meine Lippen und sah sie fragend an.

„Es ist nicht, was Du denkst“, waren ihre beruhigenden Worte, „Deine Lippen werden wieder ihre alte Form bekommen. Das habe ich schon selbst bei Doktor Helm in Erfahrung gebracht.“

Ich hielt meine Hand in As Richtung. Sie ergriff sie. Ich drückte fest (soweit mir das möglich war) zu und sah sie dankbar an.

„Schon gut. Bei mir hat es zwei Tage gedauert, bis ich wieder sprechen konnte. Allerdings habe ich dann fast zwei Wochen gebraucht, um das anfängliche Lispeln wieder los zu werden. Du solltest damit rechnen, dass es Dir auch so geht. Also hab bitte etwas Geduld.“

Ich nickte vorsichtig.

Mit meinen Händen formte ich ein Rechteck vor meinem Kopf und hoffte, A würde verstehen.

Sie verstand. „Bist Du sicher?“

Ich nickte wieder.

A stand auf und kam mit einem Spiegel zurück.

Ich schloss meine Augen und wartete einen Moment.

Dann sah ich hin.

Zuerst fielen mir meine geschwollenen Lippen auf. Rings um meinen Mund waren blaue, grüne und gelbe Flecken.

Die fehlenden Augenbrauen waren ein wenig gespenstisch.

Die Glatze war halb so schlimm.

Ich fand mich nicht hässlich.

Trotzdem rollte eine Träne aus meinem Auge, als ich daran dachte, dass mir nie wieder eigene Haare wachsen würden.

A reichte mir ein Tuch.

Ich machte das „Okay“-Zeichen.

A küsste mich auf die Stirn.

Dann schlief ich wieder ein.

 

Es folgte eine Zeit zwischen Tag und Traum. So schnell, wie ich nach der Brustvergrößerung wieder fit war, so langsam erholte ich mich nach dieser OP. Ich war müde und schwach – fast ohne Unterbrechung.

Trotzdem registrierte ich eine Tatsache mit Rührung. A war nicht nur zu Besuch bei mir. Sie hatte ein eigenes Bett in diesem Zimmer und kümmerte sich um alle meine Bedürfnisse. Eine Krankenschwester brauchte ich gar nicht.

Zwei Tage vergingen.

Doktor Helm war, wie A mich informierte, schon da gewesen, während ich schlief. Diesmal war ich wach.

„Guten Abend, C“, meinte er freundlich, „Du kannst antworten. Versuche es mal!“

„Gudn … Ahmd, … Dogdr.“ Ich traute mich nicht, meinen Mund richtig zu öffnen und so war es eher ein Nuscheln.

Der Doktor und A sahen sich an und lächelten sich kurz zu. Offenbar verlief meine Rekonvaleszenz gut. Helm nahm ein Wattestäbchen und tauchte es in eine kleine Flasche. „Mund auf! Weiter! Keine Angst, es tut nicht weh.“

Es tat wirklich nicht weh. Er pinselte mit dem Stäbchen in meinem Mund herum und der leichte Wundschmerz, der mich ab und zu noch quälte, ging zurück. Jetzt traute ich mich auch, deutlicher zu sprechen. „Daf tat gut, Doktor. Waf ift daf für eine Medifin?“ Oh, je! A hatte mal wieder recht gehabt. Ohne den Widerstand harter Zähne musste sich meine Zunge erst einmal neu orientieren. Die Gummieinsätze, die von nun an meine Zähne simulieren sollten, boten einfach nicht genug Halt. Ich wandte mich wieder an Helm: „A hat gefagt, ef dauert fei Wochen, bif daf Lifpeln wieder weg ift.“

„Vielleicht werden es drei Wochen, vielleicht auch nur eine. Das kann man nicht genau sagen. Aber es geht garantiert wieder weg.“

Das klang beruhigend. „Waf haben Fie mit meinen Lippen gemacht?“, wollte ich weiter wissen.

„Die Schwellung wird komplett zurückgehen. Das dauert nur ein wenig. Auch Deine Zunge fühlt sich bald wieder ganz normal an.“

„Kann ich bitte nochmal einen F… einen F… einen Piegel haben?“

A reichte mir den Spiegel.

Diesmal traute ich mich, den Mund zu öffnen.

Es sah alles ganz normal aus. Ein Mund mit Zähnen. Auch die Form der einzelnen Zähne entsprach meinem alten Gebiss. Bei genauem Hinsehen waren natürlich keine Zahnzwischenräume zu erkennen, aber das war ebenso wenig ein Problem wie das unnatürliche Weiß. Da hatte man es eben beim Bleaching übertrieben.

Es sah alles ganz normal aus.

Es fühlte sich nur nicht normal an.

 

Nach einer Woche, in der die Laserbehandlung meines Kopfes zweimal wiederholt wurde, um sicherzustellen, dass nicht ein einziges Haar seiner endgültigen Vernichtung entgehen konnte, durfte ich die Klinik verlassen. Frisch geduscht und gestylt, einschließlich aufgemalter Augenbrauen, warteten A und ich auf das Abschlussgespräch mit dem Doktor, als sich auch schon die Tür öffnete.

Ich war überrascht.

Helm war nicht sehr groß und so konnte ich ihn hinter dem riesigen Blumenstrauß in seinen Händen fast nicht sehen.

Wirklich gerührt ließ ich mir die Blumen geben. „Danke. Vielen Dank. Bekommen alle Pafienten hier fum Abfied Blumen?“

„Nein“, meinte Helm, „nur besondere Patientinnen, die so tapfer sind wie Du.“

A grinste.

„Also“, fuhr Helm fort, „alles ist gut verheilt. Ich schlage vor, dass Du ab morgen Deine Nahrung auf die vorgeschriebene Weise aufnimmst. Ich habe dafür gesorgt, dass ein ganz einfacher Spender in Deiner Wohnung installiert wurde. Du musst also keine besonderen Anstrengungen unternehmen und solltest in den nächsten Tagen Deine Kiefer beim Essen auch nicht so stark belasten. Einfach vorsichtig nuckeln und dann funktioniert das schon. Wichtig ist, dass Du das ‚S‘ wieder bewusst aussprichst. Es wird nicht weh tun. Lass Dir Zeit dabei! Lieber langsam und artikuliert sprechen, als schnell und undeutlich. Ich gehe davon aus, dass Du Dich in zwei, drei Tagen wieder ganz normal anhörst.“

Er tastete an meinen Lippen herum. „Die Schwellung ist fast weg. Ein leichtes Spannungsgefühl wird noch eine Weile bleiben, aber daran gewöhnst Du Dich. Mit Deiner Zunge ist es genauso. In Deinen Lippen, Deiner Zunge und Deinem Gaumen wurden je vier Stück Elektroden implantiert, über deren Verwendungszweck Du noch informiert werden wirst. Sie sind nur hauchdünn, so dass Du sie gar nicht ertasten kannst.“

„Oh“, konnte ich nur sagen und sah A an.

Die zuckte nur mit den Schultern und hob ihre Hände zu der Geste: Ich habe auch keine Ahnung.

„Tja“, meinte Helm, „dann wünsche ich Euch noch einen schönen Tag, denn Ihr habt frei und könnt an den Strand gehen. Es ist ein wirklich angenehmes Arbeiten mit Dir, C. Bis bald.“ Er reichte mir seine Hand.

Schnell legte ich den großen Strauß aufs Bett und ergriff die Hand. „Danke, Doktor. Bif bald? Kommt da noch mehr?“

„Ja. Aber das überstehst Du auch. Da bin ich sicher.“

Ich sah A fragend an.

„Sie weiß auch noch nichts Genaues“, sagte stattdessen Helm, „alles wird rechtzeitig bekannt gegeben. Aber das hat noch Zeit. Jetzt erholst Du Dich erstmal und dann geht das Training wieder los und dann sehen wir weiter.“

Mit sehr gemischten Gefühlen verließ ich die Klinik.

Ohne Kleidung.

Ohne Zähne.

Ohne Haare.

Es kam mir vollkommen normal vor.

Ohne Fußfessel.

Das war ungewohnt.

 

27. ALLTAG

Nach einem tollen Nachmittag am Strand, währenddessen ich mir mit einer Basecap, die ich brauchte, um meine Glatze vor der Sonne zu schützen. regelrecht „angezogen“ vorkam, begleitete A mich noch in mein Apartment. Kurz zuvor waren erstmalig seit meiner Ankunft Wolken am Himmel aufgetaucht. Es war zwar immer noch sommerlich warm, aber unsere nackte Haut war nicht an die leichte Brise, die aufgekommen war, gewöhnt. Ich kochte uns also Kaffee, während A den Kamin in Gang setzte. Danach setzten wir uns in die Ledersessel vor dem prasselnden Kaminfeuer und machten es uns richtig gemütlich.

„Ab morgen ist Schluss mit dem Herumfläzen“, stellte A irgendwann fest.

„Wie meinft Du daf?“

„Es wird Zeit, dass wir uns wieder so benehmen, wie es von uns erwartet wird. Jetzt sieh mich nicht so traurig an! Es ändert sich doch nicht viel. Zwischen uns sowieso nicht. Du wirst nur häufiger Befehle erhalten, damit Du beispielsweise stets Deine vorgeschriebenen Haltungen einnimmst. Wenn das nicht die Kamera in meinem Halsband kontrolliert, machen es die, die hier überall in den Ecken hängen. Du bekommst einfach das Kommando ‚Haltung‘, wenn Du Dich mal gehen lässt. Was Du dann tun musst, hast Du ja gelernt.“

Ich nickte.

A fuhr fort: „Außerdem musst Du langsam anfangen, Dich den Herren gegenüber richtig zu benehmen. Hier auf der Insel sind ohnehin alle Männer Herren, also sprichst Du sie auch so an und antwortest entsprechend, wenn Du gefragt wirst oder wenn Du einen Befehl bekommst, klar?“

„Gilt daf auch für den netten Doktor?“

„Natürlich. Weiter: Es ist absolut inakzeptabel, einen Herrn von oben herab anzusehen. Das ist bei Doktor Helm nicht einfach. Wenn Du also nicht schon ohnehin im Bett liegst, oder er Dir einen Platz angeboten hat, dann gehst Du am besten auf Deine Knie. Bei formellen Anlässen machen wir das sowieso grundsätzlich. Oberschenkel leicht geöffnet, Hände mit den Flächen nach oben darauf gelegt, Kopf gesenkt.“

„Oh. Daf habe ich noch nicht gelernt.“

„Dann weißt Du es jetzt. Wir üben das noch. Apropos üben: Was macht eigentlich Deine Libido?“

„Äh … alfo … wie meinft Du daf?“

„Du hattest seit fast zwei Monaten keinen Sex. Fehlt Dir da nicht etwas?“

„Nicht wirklich. Ich meine, ich hatte genug damit fu tun, irgendwie fu verarbeiten, waf mit mir paffiert. Ehrlich gefagt, kam mir überhaupt nicht der Gedanke an Fex.“

„Verständlich. Mir ging es ähnlich. Allerdings werden die nächsten Wochen etwas … naja … ‚normaler‘ werden, etwas alltäglicher. Bei mir kamen da schon gewisse Bedürfnisse auf. Das könnte Dir auch so gehen.“

„Kann fein“, meinte ich.

„Ich habe da etwas für Dich.“ Mit diesen Worten erhob sich A, verließ kurz mein Apartment und kam mit einem Gegenstand zurück, bei dem es sich zweifelsfrei um einen Dildo handelte. „Hier, meinte sie, der ist für Dich.“

Ich nahm das Ding. Groß. Schwarz. Fest, aber mit weicher Oberfläche. Angenehm. Ungewöhnlich war daran nur, dass er eine Art Schlauch im Innern hatte, der von der Spitze bis zum Ende verlief. Man konnte mit einem Auge hindurchsehen. Ja, ich konnte mir gut vorstellen, diesen Dildo zu benutzen, wenn es mal nötig werden würde. „Danke“, sagte ich.

„Das ist eine Sonderanfertigung“, informierte mich A, „den kannst Du zwar so benutzen, wie es Dir gefällt, aber davon abgesehen ist das ein Übungsstück.“

„Waf foll ich denn damit üben?“

„Orale Befriedigung. Du kannst hindurch atmen, wenn Du ihn im Mund hast. Unter der Hülle hat dieser Dildo zwölf Kontaktplättchen in drei ringförmigen Anordnungen á vier Stück. Damit passt er genau zu den Elektroden, die Dir implantiert wurden. Je zwei in Ober- und Unterlippe ergeben den ersten Ring. Die anderen beiden Ringe werden von den Elektroden im vorderen und hinteren Bereich Deiner Zunge und Deines Gaumens gebildet. Wenn Du das Kommando ‚oral‘ bekommst, nimmst Du den Dildo in den Mund. Du wirst schnell lernen, wie Du ihn so behandelst, dass der Kontakt optimal ist. Du wirst ein Kribbeln spüren, das immer stärker wird, bis der Kontakt genau an den gewünschten Bereichen hergestellt ist. Irgendwann geht das Kribbeln in Schmerz über, wenn Du Dich allzu ungeschickt anstellst. Passiert nichts, wenn der Kontakt in Ordnung ist, musst Du auch nichts weiter tun. Es ist dann ganz einfach ein Knebel. Verläuft das Kribbeln jedoch in Wellen von Deinen Lippen in den Gaumen und zurück, musst Du den Kontakt immer wieder anpassen, indem Du den Dildo vor und zurück schiebst. Du kannst ihn erst wieder aus dem Mund nehmen, wenn Du das Kommando ‚oral beenden‘ hörst. Ansonsten wirst Du bestraft. Das läuft alles automatisch ab. Man kann Dir die Befehle bewusst erteilen, aber durch Deine Implantate ist es auch möglich, eine Zeitschaltung oder einen Zufallsgenerator auszulösen. Hast Du das alles verstanden?“

Ich sah A fassungslos an. Wie benommen nickte ich kurz. Ich hatte alles ganz genau verstanden. „Haft Du auch sowaf?“, konnte ich nur fragen.

„Nein. Ich bin, wie Du weißt, ein ‚älteres Modell‘. Noch eine wichtige Lektion: Der Zeitbefehl. Du könntest den Dildo zwar auch dann immer dabei haben, wenn Du nackt bist, denn da bestehen ja gewisse Möglichkeiten, aber grundsätzlich gibt es die Variante des Zeitkommandos. Das heißt, dass an den Befehl eine Zeitangabe angehängt wird, innerhalb derer Du den Befehl ausführen musst. Zum Beispiel die Angabe ‚in fünf Minuten‘. Dann dauert es fünf Minuten, bis das Kribbeln, das irgendwann Schmerz wird, beginnt. Normalerweise kommt dann kurz vorher nochmal eine Wiederholung als letzte Warnung, etwa ‚oral in zehn Sekunden‘. Du hast auf diese Weise genug Zeit, um vom Strand hierher zu kommen und musst den Dildo nicht immer bei Dir haben. Ich finde das ganz fair.“

„Fair? Fairngefteuert“, witzelte ich, obwohl mir keineswegs nach Lachen zumute war. Auch As Lächeln war eher mitleidig.

Das Mitleid schien sogar noch zuzunehmen, als sie mir die nächste Nachricht unterbreitete: „Die Elektroden in Deinem Mund haben auch eine Scanfunktion.“ Sie holte tief Luft. „Du kannst nur noch Dinge mit einer bestimmten Signatur in den Mund nehmen. In diesem Dildo befindet sich der gleiche Chip wie in Deinem Fütterungsdildo. Dein künftiger Herr wird ebenfalls einen solchen Chip in seinen Schwanz implantiert bekommen. Das ist ein harmloser, fast schmerzfreier Eingriff, weil die Chips so dünn sind. Ein kleiner Schnitt und das Ding wird einfach unter die Haut gesteckt. Vermutlich ahnst Du jetzt schon, dass bei einer weiteren OP auch Deine anderen Körperöffnungen mit diesem System ausgerüstet werden.“

Ich saß nur starr vor Schreck da. Nicht nur, dass mein Sexualpartner auf diese Weise festgelegt würde, ohne dass ich das Geringste dagegen tun konnte – ich würde mich nie wieder auf eine andere Art ernähren können, als durch das Lutschen an einem Gummischwanz und auch der würde mir praktisch „zugewiesen“ werden. Die Worte, die ich (nein, nicht ich – das war diese Nadja), damals auf der Bühne gehört hatte, kamen mir wieder in den Sinn: „ …eine absolut gehorsame Sklavin, in einer heute noch nicht vorstellbaren Weise von ihrem Herrn oder ihren Herren abhängig, nicht mehr in der Lage, etwas anderes zu tun oder zu sein, als das, was von ihr erwartet wird.“

Allmählich bekam ich eine ziemlich klare Vorstellung von dieser Abhängigkeit.

Das dachte ich jedenfalls.

 

28. DAS ERSTE MAL

Zweimal musste ich in der darauffolgenden Woche diese Prozedur hinter mich bringen. Als das Kommando >ORAL-IN-FÜNF-MINUTEN< zum ersten Mal in meinem Kopf ertönte, hatte ich mir gerade meine Fingernägel frisch lackiert. Der Dildo lag im Wohnzimmer. Der Scan an der Schlafzimmertür kam mir diesmal ewig vor. Als ich endlich im Wohnzimmer war, stellte ich jedoch fest, dass mein Zeitgefühl trog. Ich musste noch eine ganze Weile warten, bis >ORAL-IN-ZEHN-SEKUNDEN< ertönte. Mein Lack war bis dahin trocken.

Dann begann das Kribbeln.

In Wellen.

Also gut, dachte ich und schob mir den schwarzen Kunstpenis in den Mund. Ich hatte erstaunlich rasch kapiert, wie schnell und wie weit ich das Ding rein und raus schieben musste. Das Kribbeln war nicht einmal unangenehm. Allerdings dauerte die ganze Aktion ziemlich lange.

So stand ich eine Weile vor dem Wohnzimmerfenster und schaute aufs Meer, während ich mich mit dem Dildo in den Mund fickte. Da ich dazu aber nur eine Hand brauchte, beschloss ich nach einer Weile, meine andere Hand nicht untätig zu lassen. Kurzerhand ging ich wieder ins Schlafzimmer, legte mich aufs Bett und tat, was ich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr erlebt hatte: Ich machte es mir selbst.

Irgendwo in den Tiefen meines Bewusstseins war eine Stimme (Nadjas Stimme?), die mich warnte: Lass das! Wenn Du das tust, gibst Du Dein Einverständnis, dass Du derart manipuliert und zu einem reinen Sexobjekt degradiert wirst. Du wirst nie wieder in einen Spiegel sehen können.

Für einen Moment hielt ich inne, stand auf und ging zum Spiegel.

Ich konnte durchaus hineinsehen.

Ich sah eine bis auf ein Halsband nackte Frau mit Glatze und großen Brüsten, die sich mit einer Hand rhythmisch einen schwarzen Kunstpenis in den von glänzend rot geschminkten Lippen umrahmten Mund schob und deren andere Hand mit langen, rotlackierten Fingernägeln sanft einen geschwollenen, durch das Fehlen jeglicher Behaarung gut sichtbaren Kitzler streichelte.

Ich sah C.

Wen sonst?

Ich ging zurück zum Bett. C bekam ihren ersten Orgasmus.

Ich erinnerte mich an Jenny.

Jenny war eine Schulfreundin, zu der ich irgendwann den Kontakt verloren hatte. Es war auch nicht so, dass ein besonderes Band zwischen uns bestanden hätte. Einfach eine Freundin eben, mit der ich hin und wieder etwas unternommen hatte. Woran ich mich vor allem erinnerte, war das Strahlen in ihrem Gesicht, als sie mir stolz von ihrem ersten Sex erzählt hatte. Ich erinnerte mich auch an die Veränderung, die damit einherging. Jenny fühlte sich nicht mehr als Mädchen, sondern als Frau, obwohl sie, zumindest körperlich, meiner eigenen Entwicklung immer ungefähr ein Jahr hinterher gehangen hatte. Irgendwie war es bei mir dann (ein paar Monate später) auch ganz ähnlich gewesen.

Jetzt war es wieder so.

Ich brauchte dafür noch nicht einmal einen Partner.

Ich hatte meinen ersten Orgasmus als Sklavin.

A wusste es.

Ich sah es an ihrem Grinsen, als wir uns danach begegneten. Es war das gleiche Grinsen, das meine Oma hatte, nachdem ich die erste Nacht mit meinem ersten Freund verbracht hatte.

Es war so verrückt:

Alle meine schlimmsten Alpträume waren wahr geworden.

Ich war in einer unvorstellbaren Weise meiner Würde, meiner körperlichen Unversehrtheit, meiner seelischen Integrität, meiner persönlichen Freiheit und meiner sämtlichen Rechte beraubt worden und fühlte mich nicht mehr schlecht.

Ich erlebte stattdessen Freundschaft, Respekt, Lust, Urlaub und das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein.

Ich war etwas ganz Besonderes.

Ich war der Prototyp.

Ich begann, Stolz darüber zu entwickeln.

Ich begann, mich in meiner neuen Haut zu Hause zu fühlen.

Ich hörte endgültig damit auf, Nadja bleiben zu wollen.

A wusste es.

Sie sprach mich am Strand darauf an. Ich konnte inzwischen wieder normal reden.

„Du wirst mich bald verlassen“, meinte sie mit traurigen Augen.

„Warum?“

„Du bist fast fertig. Ich spüre das. Wenn ich Dich ansehe, ist es, als würde ich in einen Spiegel schauen. Du hast diesen Frieden in den Augen, diese Ruhe. Noch vor kurzer Zeit war da Misstrauen, Angst, Zorn und Rachedurst. Jetzt sehe ich nur noch Dich, C. Du bist wie eine kleine Schwester.“

„Ich könnte ewig an diesem Strand herumliegen“, sagte ich.

„Vielleicht erlaubt ja Dein neuer Herr, dass Du wiederkommst und mich besuchst?“

„Toni hat gesagt, dass ich so lange hier bleiben kann, bis ich einen Herrn gefunden habe. Wie Du.“

„C, ich muss Dir etwas sagen. Es hat sich längst herumgesprochen, dass Du fast soweit bist. Die Herren stehen Schlange. Du kannst aus dem Vollen schöpfen. Jeder, der nicht gerade in einer monogamen Beziehung lebt, will Dich haben. Toni reibt sich die Hände. Er ist nur noch gut drauf, weil er weiß, wie groß die Chancen sind, dass Du den Richtigen findest.“

Ich sah zu Boden. Mit dem Zeh malte ich kleine Kreise in den Sand. „Ich weiß nicht, wer der Richtige für mich ist“, gab ich kleinlaut zu.

„Das ist doch klar. Warte erstmal ab, bis Du das Angebot kennst.“

„Nein A, das meinte ich nicht. Ich weiß nicht, wann ein Herr richtig für mich ist. Ich kenne doch nur Männer und da war noch keiner dabei. So einen Herrn wie Toni will ich ganz sicher nicht. A?“

„Ja?“

„Kann ein Herr eine Sklavin lieben?“

„Natürlich, warum sollte er das nicht können?“

„Entschuldige, ich habe mich falsch ausgedrückt. Leute lieben ja auch ihre Hunde. Ich meine…“

„Du meinst“, unterbrach mich A, „ob Du respektiert wirst.“

„Genau. Toni meinte, ich würde ‚die ideale Lustsklavin‘ werden. Abgesehen davon, dass ich mich so noch gar nicht fühle, kann ich mir nicht vorstellen, wie jemand Respekt vor einer Lustsklavin haben kann.“

A nickte. „Das hört sich wirklich widersprüchlich an. Aber das ist es in Wirklichkeit nicht. Ich würde mal vermuten, dass die Hälfte der Herren, die sich um Dich bewerben werden, tatsächlich ‚nur‘ die ideale Lustsklavin in Dir sehen wollen. Es wird aber sicher auch welche geben, die sich für die ganze C interessieren, so wie Doktor Helm, der ganz verzückt von Dir ist und das nicht wegen Deiner großen Brüste oder wegen der anderen Modifikationen, sondern weil Du ihn als Mensch so tief beeindruckt hast.“

„Der ist aber so klein.“

A prustete los und ich musste auch lachen.

Nach einer Weile hatten wir uns gefangen und ich meinte: „Ich fühle mich manchmal wie ein Neugeborenes. Ich weiß gar nicht so richtig, was gut für mich ist und schon gar nicht, wer.“

„Da ist was dran“, stimmte A zu, „in gewisser Weise bist Du ja auch neugeboren.“

Ich nickte heftig. „Früher wollte ich … nein, sie wollte einen Mann, der sie liebt, der mit ihr durch dick und dünn geht. Der musste sie respektieren, aber er durfte auch kein Weichei sein. Sie mochte harten Sex und hätte sich gern einem wirklich dominanten Mann hingegeben, aber der sollte sie auch auf Händen tragen. Das war ja das Dilemma, dass es so einen Mann einfach nicht gab.“

A sah mir tief in die Augen. Dann grinste sie in einer Weise, die ich so noch nie an ihr gesehen hatte. „Jetzt mal ganz ehrlich, C! Neugeboren oder nicht – was, bitte schön, unterscheidet Nadja in dieser Frage von Dir; abgesehen davon, dass ein nicht dominanter Mann für Dich gar nicht mehr in Frage kommen kann?“

„Äh … nix?“

Jetzt prusteten wir gleichzeitig los.

In diesem Moment passierte es zum zweiten Mal. >ORAL-IN-FÜNF-MINUTEN<

„Scheiße!“, rief ich, dabei immer noch lachend, „mein neuer Lover ruft nach mir. Lustsklavin muss lecken gehen.“ Ich sprang auf und rannte los.

„Warte“, meinte A, „ich laufe noch mit zur Wohnung“.

Während des Sprints alberten wir weiter herum und kichernd und keuchend schaffte ich es rechtzeitig zu meiner zweiten Blow-Job-Übung.

 

 

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