Daemon - Extra

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Nachdem die 'Extras' nach dem Crash der Seite weg waren, werde ich sie nach und nach wieder hochladen (mit hoffentlich genug Zeit, um zwischendurch weiterzuschreiben ;))
Wer nicht weiß worum es geht, dem empfehle ich, bei Daemon I (
http://www.bdsm-bibliothek.com/daemon-1)anzufangen, auch wenn diese Geschichte etwas abgelöst von der eigentlichen Reihe ist.

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Jedes Amulett war an seinem Platz. Sie trug mehr als sonst, hatte jeden Finger mit Ringen bestückt, mehrere Ketten umgelegt, einige der Metallscheiben an ihrem Gürtel befestigt. Zusätzlich hielt sie ein kleines Buch griffbereit in einer offenen Tasche, einen Kohlestift daneben. Sie war sich trotzdem sicher, dass sie im Zweifelsfall nur den einen Teleportkreis benötigen würde, aber sie war lieber vorbereitet.

Sie lächelte ihr Spiegelbild an. Kaum einer vermutete in ihr eine erfahrene Magierin – ihr blickte eine Frau von vielleicht Mitte zwanzig entgegen. Nur ihre Augen hatten sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, waren von einem hellen grün in einen etwas dunkleren Farbton übergegangen. Für jemanden der es nicht wusste mussten die Kreise wie Schmuckstücke wirken. Zusammen mit dem schlichten und doch eleganten Kleid war es ein Anblick, den man nicht jeden Tag hatte. Und solange sie lächelte sah man die Sorgen nicht, die ihr ins Gesicht geschrieben waren. Sie atmete tief aus. Egal was er vorhatte, egal, was er ihr antun wollte – sie konnte fliehen. Der König war in Sicherheit. Sie konnte nicht zulassen, dass die Furcht Oberhand gewann.

Erst als sie sich sicher war, dass sie ihrem ehemaligen Meister gegenüber treten konnte ohne ihren Stolz zu verlieren zeichnete sie den Kreis, der sie zu seiner Burg bringen würde.

 

Sie ließ sich von dem Sturm tragen, atmete dann die frische Waldluft ein. Es war so lange her, seit sie hier war. Und doch war alles vertraut. Es waren nur wenige Meter bis zum Burgtor.

Sie klopfte – was das Tor öffnete. Er hatte es nur angelehnt. Aber gut – sie konnte nicht erwarten, dass Bedienstete sie empfangen würden. Er hatte immer nur eine Mädchen, das sich um alles kümmerte – und die genoss gerade unfreiwillig Sannas Gastfreundschaft.

Sie trat durch das Tor, ließ ihren Blick über den Garten schweifen. Die Bäume waren älter geworden, aber sonst hatte sich nichts verändert. Wie von selbst trugen ihre Schritte sie zur Küche. Er hatte immer den Großteil des Tages dort verbracht.

Als sie Geräusche hörte verlangsamte sie ihre Schritte. Er ging gerade auf den Herd zu, warf ein zerknülltes Papier ins Feuer. Interessant. Seit wann verbrannte er Entwürfe? Normalerweise sammelte er alle. Nicht umsonst hatte er ein eigenes Bücherregal für Notizen.

„Nariyen.“

Er drehte sich um, als sie seinen Namen aussprach. Bei jedem anderen hätte sie geschworen, dass es etwas zu schnell war, dass er sich ertappt fühlte. Aber bei ihm?

„Sanna.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. „Es freut mich, dass Ihr gekommen seid.“

„Ich hatte keine große Wahl.“ Sie war im Türrahmen stehen geblieben, verschränkte die Arme. Wollte er sie in Sicherheit wiegen? Sie kannte ihn lang genug, um darauf nicht herein zu fallen, die Freundlichkeit konnte er sich auch sparen. Er hatte den selben Gedanken wohl nach kurzer Zeit auch und sein Lächeln verschwand.

Sie hielt die Hand zur Faust geballt, während er auf sie zu kam, immer bereit zu fliehen.

„Ich glaube, wir sollten noch die Grundlagen unserer Verhandlung klären.“, begann er. „Ich habe Euch in meine Burg eingeladen und gewähre Euch das Gastrecht. Ich verspreche Euch, dass ich Euch keinen Schaden zufügen werde, solange Ihr hier seid.“ Wieder stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Ihr könnt Euch also entspannen und müsst nicht ständig zur Flucht bereit sein.“

Auch wenn sie wusste, dass er Recht hatte – und er stand zu seinem Wort, so viel war sicher – musste sie sich dazu zwingen ihren Griff zu lockern.

„Also … warum wolltet Ihr Thancred umbringen?“

„Müsst Ihr mit der Tür ins Haus fallen?“ Er bot Ihr seinen Arm an. „Lasst uns uns erst einmal setzen.“

Sie seufzte, ignorierte seinen Arm. „Wenn Ihr darauf besteht.“

Dann folgte sie ihm ins Kaminzimmer.

Sie wählte den Sessel, der näher an der Tür war, auch wenn es nicht viel Unterschied machen würde. Warum wollte er hier reden? Er hatte das Kaminzimmer kaum benutzt, hatte damals erklärt, dass die Küche genau so bequem war und man keinen so langen Weg hatte wenn man schnell etwas essen wollte.
Und jetzt brannte sogar ein kleines Feuer im Kamin und auf einem Tischchen standen Wein und Gläser sowie ein paar Süßigkeiten bereit. Hatte er sich auf ihren Besuch vorbereitet? Oder nur seine Gewohnheiten geändert?

„Darf ich Euch Wein anbieten?“

„Glaubt Ihr ernsthaft, dass ich irgendetwas trinken werde, das Ihr mir gebt?“

„Es wäre Verschwendung wenn Ihr es nicht tätet.“

Warum kam er nicht auf den Punkt?

„Das ist mir egal. Um das Ganze abzukürzen: Ich will König Thancred lebend, Ihr wollt Eure Magd zurück. Wenn ich Euren Schwur bekomme, dass Ihr keine weiteren Versuche unternehmt ihn umzubringen gebe ich Euch Meira zurück.“

„Oh bitte.“ Endlich wirkte er vertraut, ein kaltes Lächeln auf den Lippen, Spott in seiner Stimme. „Glaubt Ihr wirklich, dass sie so viel wert ist?“

„Für Euch? Ja. Ihr habt kein persönliches Interesse am König. Wer hat Euch beauftragt?“

„Ihr wollt Vergeltung?“ Ein Funkeln war in seine Augen getreten. „Ich mache Euch einen Vorschlag: Ich helfe Euch dabei.“

„Ihr fallt Eurem Auftraggeber in den Rücken? Ich hätte zumindest etwas Loyalität von Euch erwartet.“

Er zuckte mit den Schultern. „Er hat mich belogen und beleidigt.“

Sie setzte sich auf die Armlehne ihres Sessels, schlug die Beine übereinander – und lachte leise.

„Und Ihr führt trotzdem Aufträge für ihn aus?“

„Ich wusste es damals noch nicht. Er meinte, dass es leicht wird, Thancred auszuschalten, da die Magierin, die er angestellt hat, eigentlich nur eine Konkubine mit vernachlässigbaren Fähigkeiten ist.“

„Konkubine?!“

„Mir vorwerfen ich hätte jemanden mit vernachlässigbaren Fähigkeiten ausgebildet...“

„Ihr habt mir immer noch nicht gesagt, wer er ist.“

„Er genießt gerade die Annehmlichkeiten des Turmzimmers.“

„Ein Strohsack und eine dünne Decke?“, erinnerte sie sich. Er hatte sie damals für ein paar Monate im Turmzimmer einquartiert. Wirklich angenehm war es nicht gewesen – das Zimmer war winzig, durch die winzige Scharte fiel kaum Licht und es war furchtbar kalt. Sie schauderte immer noch bei dem Gedanken an die Tage, die er sie dort eingesperrt hatte, ohne Essen, ohne Wasser, nicht einmal eine Kerze hatte er ihr gegönnt.

„Er hat sich über die schlechte Unterbringung und den 'stinkenden Strohsack' beschwert – also habe ich die Freundlichkeit besessen dieses Ärgernis zu entfernen.“

„Eure Güte kennt keine Grenzen.“

Er lachte. „Meine Gastfreundschaft schon.“

Sofort umklammerte sie den Ring, der sie fortbringen konnte. Er konnte sein Versprechen nicht brechen. Nicht jetzt, nicht einfach so … oder?

„Ich möchte ihn nicht zu lange durchfüttern. Darf ich ihn Euch als Geschenk geben? Als Zeichen meines guten Willens.“, fuhr er fort, als sei nichts gewesen. Hatte er bemerkt, wie sie zusammengezuckt war? Das Letzte das sie brauchte war seine Gewissheit, dass sie Angst vor ihm hatte. Aber warum sonst würde er betonen, dass er seinen guten Willen zeigte?

„Ihr seid ungewöhnlich großzügig. Was wollt Ihr für ihn? Meira?“

„Er ist ein Geschenk. Aber ich will sie trotzdem zurück. Sie kocht wesentlich besser als ich.“

Sanna lachte. „Soll ich Euch zum Essen einladen damit Ihr nicht verhungert?“

„Ihr wollt für mich kochen?“

„Das hättet Ihr wohl gern. Ich kenne ein paar gute Gasthäuser.“ Hatte sie es geschafft ihn von ihrer Panikattacke abzulenken? Hoffentlich.

Sie ließ das Gespräch weiter seinen Lauf nehmen. Sie hatte genug Zeit, und er schien sie nicht hinhalten zu wollen. Mehr und mehr bekam sie das Gefühl, dass er sich einfach nur nach einem guten Gespräch gesehnt hatte. Vermutlich hatte Meira zu viel Angst vor ihm um zu widersprechen – und sie wusste aus Erfahrung, dass er nichts mehr genoss – solange er am Ende die Kontrolle behielt. Auch wenn sie es hasste, musste sie sich eingestehen, dass er auch über sie im Grunde uneingeschränkte Macht hatte – nur sein Versprechen hielt ihn davon ab, sie auszuüben.

 

„Kommen wir zum Grund des Gespräches zurück. Euer König.“, wechselte er das Thema. Aber warum jetzt? Und so plötzlich?

„Ich hätte gerne einen Schwur von Euch, dass Ihr ihm keinen Schaden zufügt.“

„Was bekomme ich im Gegenzug?“

Da war also der Haken. Es war dunkler geworden, aber sie konnte den Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht erkennen. Wie oft hatte er diese Frage gestellt, wenn sie damals irgendwelche Kleinigkeiten haben wollte.
„Was wollt Ihr?“, stellte sie die Gegenfrage. Wie früher. Sie hatte ihm noch nie selbst etwas angeboten, er hatte immer irgendwelche Forderungen im Hinterkopf. Viel zu oft sexuelles, aber damals hatte sie keine Wahl gehabt.

„Zum einen, dass Ihr meine Faulheit unterstützt. Wärt Ihr so freundlich für etwas Licht zu sorgen?“

Was für ein Spiel trieb er? Er konnte nicht ernsthaft etwas so einfaches als Gegenleistung wollen. Oder war der zweite Teil eine Forderung, die sie nicht einfach so erfüllen konnte? Sie drehte eine Runde durch den Raum, speiste die magischen Kreise mit genug Magie, dass sie ein paar Stunden leuchten würden.

Zum Schluss zog sie noch eine Holzscheibe aus der Tasche, schnippte ihn mit ein wenig Magie in den Kamin um das Feuer zu entzünden. Als sie sich wieder zu ihm drehte war sein Lächeln verschwunden, war einer nachdenklichen Miene gewichen.

Sie lehnte sich gegen die Wand, spürte die Erschöpfung. Es waren nur ein paar einfache Kreise gewesen, aber zusammen mit der Teleportation von vorhin, war sie schon viel zu erschöpft.

„Was ist die andere Forderung?“

„Es sind zwei weitere Forderungen.“

Sie seufzte. „Ihr nutzt mich aus.“

„Ich will zurück, was mir gehört.“

Sie nickte. Dass er Meira zurück wollte, hatte sie fast vergessen. Es war mehr als vernünftig, und so machte sie die dritte Forderung immer nervöser. Was hatte er sich noch ausgedacht?

„Außerdem will ich Euch.“

„Bitte was?!“ Das war noch schlimmer als sie es sich ausgemalt hatte. „Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich darauf eingehen werde!“ Sie würde springen. Egal, was er danach tat, sie würde sich ihm nicht ausliefern. Nie wieder.

Sein schallendes Lachen füllte den Raum. „Nein. Aber Euer Gesichtsausdruck war göttlich.“

„Sehr lustig.“

„Nicht wahr?“ Er lehnte sich zurück, während seine Augen immer auf ihr ruhten. „Ich muss gestehen, ich genieße unser Gespräch. Ich würde das gerne wiederholen.“ Dann legte er die rechte Hand auf sein Herz. „Ich schwöre Euch, dass ich König Thancred keinen Schaden zufügen werde, solange er nicht versucht mich zu töten.“

„Euch ist bewusst, dass ich nicht zugestimmt habe, des Öfteren mit Euch zu sprechen?“

Wieso hatte er ihr keine Zeit gelassen? Dachte er, dass sie automatisch einverstanden war, nur weil er direkt danach Thancreds Sicherheit garantiert hatte?

„Ja. Ich glaube, es ist eine schlechte Grundlage für ein Gespräch, wenn ich Euch dazu zwinge.“

Jetzt lächelte sie. „Ich werde darüber nachdenken. Morgen bringe ich Euch Meira wieder. Damit wäre alles geklärt, oder?“

„Eine Sache fehlt noch: In welchem Zimmer wollt Ihr schlafen?“

„Ich werde nicht hier bleiben.“

„Wohin wollt Ihr sonst? Ins Dorf? Ihr ward schon von den Lichtern erschöpft. Ich kann nicht zulassen, dass Ihr heute noch Magie wirkt.“

„Ihr könnt es nicht zulassen? Es ist meine Entscheidung, nicht Eure.“

„Natürlich. Aber was habe ich Euch über Magie beigebracht? Sie wird Euch in dem Moment töten, in dem Ihr nicht vorsichtig genug seid.“

Sie schnaubte. Natürlich hatte er Recht. Aber wie sollte sie eine Nacht hier verbringen? Sie durfte sich nicht zu sicher fühlen. Auch wenn er jetzt freundlich war – wie oft hatte er sie misshandelt? Wie oft bloßgestellt? Er hatte ihr versprochen, dass er ihr keinen Schaden zufügen würde – aber was interpretierte er als Schaden?

 

Achzig Jahre. Es waren mehr als achzig Jahre vergangen, seit sie die Burg verlassen hatte. Und dennoch fand sie den Weg in der Dunkelheit. Ihre Schritte waren sicher, als wäre sie den Weg erst gestern gegangen.

Ihre Finger schlossen sich um die Klinke. Selbst das Metall fühlte sich vertraut an. Sie öffnete die Tür, trat in die kühle Nacht. Es war zu dunkel um etwas von der Umgebung zu sehen, und so lehnte sie sich gegen die Wand, betrachtete den Himmel. Es war so lange her. Aber hier hatte sich nichts geändert.

Er war den ganzen Abend über freundlich gewesen, hatte mit ihr geplaudert, hatte mir ihr Wortgefechte ausgetragen. Sie musste sich eingestehen, dass es angenehm war. Hatte sie ihn falsch eingeschätzt? Oder lag es nur daran, dass er nicht wusste, wie er sie behandeln sollte, jetzt da sie frei war?

Als er ihr schließlich eine angenehme Nacht gewünscht hatte, hatte sie an alles gedacht – außer zu schlafen. Selbst wenn sie nicht erst am Nachmittag aufgestanden wäre, hätte sie keine Ruhe gefunden – und so war sie hier hoch gekommen. Der Turm, den sie immer erklommen hatte, wenn sie nachdenken wollte.

Sie spürte eine Berührung an ihrer Schulter und kurz darauf das Gewicht eines Umhangs, das an ihr zog.

„Ihr könnt auch nicht schlafen?“

„Nein.“ Er blieb hinter ihr stehen, hatte die Arme halb um sie gelegt – wohl um den Umhang festzuhalten.

„Wusstet Ihr, dass ich so manche Nacht hier oben verbracht habe?“

„Ich war mehr als einmal versucht, Euch eine Decke zu bringen.“

„Warum habt Ihr es nie getan?“

„Ich wollte Euch Euren Freiraum lassen.“

„Nariyen? Danke.“

Er hatte genauso wie sie geflüstert, um die Stille der Nacht nicht zu stören, und kurz darauf hingen sie beide ihren eigenen Gedanken nach. Als sie nach einer Weile bemerkte, dass er immer noch hinter ihr stand, lehnte sie sich leicht gegen ihn, genoss es, sich nicht mehr gegen Stein sondern einen Mann zu stützen. Es dauerte ein paar Atemzüge, dann schlang er seine Arme fester um sie. Für ein paar Momente fühlte sie sich geborgen, dann begriff sie, was gerade geschah. Sie umgriff seine Hände, zog sie von ihrer Taille – und hielt kurz inne, als sie eine sanfte Berührung am Handrücken spürte. Es ging alles zu schnell. Und warum sollte sie mit ihm … sie wand sich ganz aus seinem Griff, hörte wie hinter ihr der Umhang zu Boden fiel, drehte sich zur Tür.

„Schlaft gut.“
Mit jeder Stufe beschleunigten sich ihre Schritte. Sie musste weg. Weg von ihm, weg von den Erinnerungen.

 

 

Es fiel Meira offensichtlich schwer, nicht auf die Burg zu zu rennen. Was hatte er nur mit ihr gemacht? Auch wenn er sich nicht immer wie ein Monster verhielt, sie hätte damals die Freiheit ausgenutzt. Aber das Mädchen hatte ihr auch den ganzen letzten Tag über nur immer wieder erzählt, dass sie zurück musste.

Diesmal schritt sie ohne zu zögern durch das Burgtor.

„Ich hatte schon befürchtet, dass Ihr nicht mehr kommt.“, begrüßte er sie.

„Es ist gefährlich, zu viel Magie zu nutzen.“ Sie lächelte, als er sich über ihrer Hand verbeugte, seine Lippen eine Haaresbreite über ihrem Handrücken verharrten. Auch wenn er es ihr damals selten gezeigt hatte, er konnte durchaus charmant sein. Sie riss sich von seinen Augen los, bevor diese sie in ihren Bann ziehen konnten.

Dann wandte er sich Meira zu.

„Geht es dir gut?“

Kein Handkuss für das Mädchen, fiel Sanna auf. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Meira nickte.

„Gut. Geh kochen. Lass dir nicht zu viel Zeit.“

„Nicht bis zur Abenddämmerung?“, hakte Sanna nach, während die Magd in die Küche verschwand. „Ihr habt Eure Gewohnheiten sehr geändert.“

„Ich kann Euch schlecht Brot anbieten.“

„Nicht?“ Sie lachte. „Keine Sorge, ich habe sowieso keine Zeit. Gehabt Euch wohl.“

Ein Schatten huschte über sein Gesicht, war zu schnell wieder verschwunden, als dass sie sicher sein konnte.

„Ihr verlasst mich schon wieder.“, meinte er mit einem Lachen.

„Irgendjemand hat das Königreich in Aufruhr versetzt. Ich muss für Ordnung sorgen.“

„Sanna?“ Sie drehte sich nochmal zu ihm um, die Türklinge nach draußen schon in der Hand. „Ihr seid jederzeit willkommen.“

Sie nickte. „Wenn sich alles etwas beruhigt hat, werde ich daran denken.“

 

 

 

 

 

„Meira!“

„Das Essen ist noch ...“

„Vergiss das Essen.“ Mit schnellen Schritten war er bei ihr, nahm ihr den Kochlöffel aus der Hand, ließ ihn dann fallen. Wieso sollte er jetzt essen?

„Habe ich Euch verärgert? Es tut mir Leid, ich habe sie immer wieder gebeten, mich zu Euch zu bringen.“ Wie konnte sie so unterwürfig sein? Sie wehrte sich nicht einmal, als er sie grob am Arm packte, vom Feuer weg zog. Wie konnte sie sich die Schuld geben, wenn er grob zu ihr war? Wie konnte sie ihn nur so unschuldig anlächeln, wie sie es jetzt tat?

Sie wehrte sich nicht, als er sie gegen die Wand drückte. Alles was er in ihren Augen sah, war Verwirrung.

„Herr?“ Ihre Stimme klang so dünn, so schwach.

Er trat näher an sie, drückte sie nicht mehr nur mit einer Hand sondern seinem gesamten Körper gegen die Wand. Sie war so warm, der Stoff ihres Kleides kaum ein Hindernis. Er spürte, wie sie schneller atmete, sich ihm sogar etwas entgegen streckte.
„Herr … was kann ich für Euch tun?“

Sie lehnte den Kopf etwas zurück, die Lippen halb geöffnet, eine Einladung. Was war in den letzten Tagen passiert? Er sehnte sich nach dem Körper einer Frau, aber diese Augen … er konnte keinen Funken darin erkennen, keinen Kampfgeist. Was hatte er falsch gemacht? Warum kämpften sie nie? Warum mussten die Mädchen sich immer so schnell ergeben?
„Herr? Ihr tut mir weh...“ Erst jetzt bemerkte er, dass er ihre Arme immer fester umklammerte. Er drückte kurz noch fester zu, sah den Schmerz in ihrem Gesicht, hörte ihr Wimmern. Aber nicht einmal jetzt wagte sie es, sich zu verteidigen, sah zu Boden. Er zwang sich den Griff zu lösen, zwang sich, nicht allzu grob zu sein, als er ihr Kinn anhob. Nicht dass er noch Spuren in ihrem Gesicht … er schnaubte kurz, als er ihr Gesicht nun sehen konnte. Viel konnte er eigentlich nicht mehr verunstalten. Wenn sie lächelte, war sie vielleicht hübsch. Aber jetzt? Obwohl sie nicht mehr als ein paar Momente geweint haben konnte, tat es ihrem Aussehen alles andere als gut.

Trotzdem zwang er sich weiter zur Vorsicht, wischte ihr mit dem Daumen die Tränen weg, leckte das Salzwasser dann von seinem Finger. Wenigstens schmeckte ihre Hilflosigkeit.

„Weine nicht.“

Natürlich gehorchte sie nicht. Nicht weil sie nicht wollte, er konnte sehen, dass sie es versuchte. Er beugte sich zu ihr herunter, leckte eine weitere Träne direkt von ihrer Haut. So klein. So schwach. Er ließ seine Zunge weiter über ihre Haut fahren, hielt sie fest, als sie versuchte, sich weg zu drehen. Als hätte sie das Recht dazu. Als würde sie nicht ihm gehören. Er hatte sich weiter herunter gebeugt, biss in ihr Ohrläppchen. Sie zuckte zusammen, gab sich aber direkt danach Mühe, sich nicht zu bewegen, ihr Schluchzen zu unterdrücken.

„Nicht weinen“, wiederholte er flüsternd. „Schrei.“

Sie schien wie versteinert, als er seine Fingernägel in ihren Hals drückte. Es musste weh tun. Aber warum blieb sie so still?

„Schrei!“, wiederholte er. „Wehr dich!“

Er drückte sie fester gegen die Wand, gegen die ungleichmäßigen Steine, genoss das Gefühl ihrer Haut zwischen seinen Zähnen, als er zubiss. Es musste weh tun. Aber statt sich zu verteidigen, hörte er nur ihr Schluchzen.

„Bitte Herr... nicht....“

Wie konnte sie so schwach sein? Ihn noch anflehen? Ihr Kleid zerriss unter seinen Händen.

„Nenn mich Meister.“ Es war nicht genug, ihren Körper nur anzufassen. Wieso schrie sie immer noch nicht?

„Wehr dich.“, brachte er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. „Hass mich.“

„H... Meister … bitte.“ Sie flüsterte unter Tränen. Wie erbärmlich. Jämmerlich.

Als er sie für einen kurzen Moment losließ, fiel sie, blieb auf dem Boden liegen. Hatte sie so wenig Stolz? Keine Selbstachtung?

Sie weinte, als er über sie herfiel. Schrie hin und wieder kurz auf, wenn er gröber wurde, ließ aber trotzdem alles über sich ergehen.
Er fand keine Befriedigung dabei, stand schließlich auf, blickte auf die Frau herab, die sich zusammen kauerte, den Tränen freien Lauf ließ. Ihr Körper war übersät von Verletzungen. Er konnte nichts als Ekel empfinden. Wie konnte sie ihm ihren Hass vorenthalten? Wie konnte sie es wagen, nicht alles zu tun, was er verlangte?

Seine Finger strichen sanft über den Griff des Messers und er kniete sich neben sie. Vielleicht würde sie endlich schreien, wenn er sie etwas … verzierte.
„Bitte Herr … verzeiht mir.“ Ihre Stimme zitterte, sie hielt die Augen geschlossen. Hatte sie das Messer bemerkt? Seine Finger verkrampften sich an dem Griff. Was tat er!?

Er zwang sich, aufzustehen, das Messer wieder einzustecken. Wie hatte er die Kontrolle verlieren können? Und alles nur wegen dieser Hexe. Wenn er sie jetzt umbrachte, würde es schwierig werden, schnell Ersatz zu finden. Er hatte noch keine andere im Auge.

„Steh auf.“

Sie brauchte zwei Versuche, bis sie stand, stützte sich an der Wand ab.

„Komm.“

Er zwang sich, etwas langsamer zu gehen, ihr die Möglichkeit zu geben mit ihm Schritt zu halten. Dann stieß er die Tür zum Kräuterzimmer auf. Es war das Einfachste. Das Angenehmste. Er stellte fest, dass er seine Vorräte an Traumwurz auffrischen musste, aber für dieses Mal würde es noch reichen.

„Trink.“

Sie nahm den Becher mit zittrigen Fingern entgegen, wagte es immer noch nicht auf zu sehen, ihm in die Augen zu blicken. Er wartete ab, bis sie getrunken hatte.

„Auf dein Zimmer.“

Dann drehte er sich weg, wollte sie nicht mehr sehen. Bis morgen würde er sich wieder soweit gefasst haben, dass er ihr ruhig erklären konnte, dass die Verletzungen vom Vortag stammten. Als würde er jemals die Kontrolle verlieren.

Verdammt!

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Sagt Bescheid, wenn euch die Variante aus seiner Sicht gefallen hat, dann berücksichtige ich das in eventuellen Fortsetzungen.

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Kommentare

Bild des Benutzers DevilCat

Ich bin sowohl von Daemon, als auch von Sanna sehr angetan. Ich war in der Geschichte wirklich drinnen und konnte nicht mehr zum Lesen aufhören. Deswegen bekomm ich auch oft die formtechnischen Sachen den Text betreffend nicht wirklich mit, ist für mich auch zweitrangig. Eine tolle Geschichte, und sehr starke Charaktere!
Wobei ich sagen muss, dass mir Daemon mehr liegt weil ich gerne die geheimnisvollen Charaktere, anhand ihrer Taten, analysiere und während des Lesens mir oft überlege was der nächste Schritt von ihm ist, oder in was für einer Gefühlswelt er sich bewegt.
Freu mich shhon auf neue Geschichten von dir.

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