Daemon IX

 
Der Abschluss der Geschichte.
Ich übe direkt Selbstkritik und möchte diese erklären. Ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte den Erwartungen gerecht wird, aber sie ist der Abschluss, den ich brauche, da ich keine endlos lange Geschichte hier immer weiter führen möchte.
Das Ende hatte ich von Anfang an so im Kopf, aber wie sollte ich es erreichen? Jedes Mal wenn ich angefangen habe zu schreiben, habe ich mich in Szenen wieder gefunden, die zwar wichtig für die Charakterentwicklung waren, aber doch nicht weiter geführt haben. Ich habe ganze 4 Seiten schon geschrieben und wieder aus diesem Teil der Geschichte herausgestrichen, weil ich sonst mindestens die doppelte Seitenzahl noch hätte schreiben müssen, um alles aufzulösen - und zu lange wollte ich euch nicht warten lassen.
Ich hoffe, sie gefällt dennoch, und wenn nur als abrundender letzter Teil einer Geschichte, die mir am Herzen liegt.

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Sie fand sich auf dem Turm wieder, lehnte sich gegen die Wand, ließ sich daran langsam zu Boden sinken. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte, wusste nur, dass sie ihn verabscheute wie nie zuvor. Das Bild hatte sich in ihr Gehirn eingebrannt. Audra hatte er sie genannt. Wie konnte er sie so foltern? Ihr das antun? Behaupten sie hätte darum gebeten! Sie wünschte sich, sie könnte diese unbekannte Frau in den Arm nehmen, ihr sagen, dass sie nicht alleine war – aber sie wusste, dass sie längst tot war. Gebrochen. Das Lächeln das auf ihren Lippen gelegen hatte passte zu der Aussage. Dieser kranke … Diesmal schrie sie ihre Verzweiflung heraus.
Genauso wie du mich gerade darum bittest. Er würde auch sie foltern, wenn sie sich nicht fügte. Und die Alternative? Langsam dahinvegetieren während er ihr Leben stahl? Ihre Jugend in Gefangenschaft zu verbringen ohne sich zu wehren? Sie wusste nicht mehr, was sie tun konnte, wusste nur, dass sie es nicht ertragen konnte, ihn in ihrer Nähe zu haben. Nicht einmal wegzulaufen war eine Möglichkeit. Selbst wenn er sie nicht finden würde, würde er ihre Familie für sie büßen lassen. Ihn noch einmal zu vergiften war ausgeschlossen, und alle anderen Möglichkeiten ihn umzubringen … er war zu schnell, zu stark, er würde ihr jede Waffe entreißen bevor sie zum Schlag ausholen konnte. Kurz erwog sie die Burg anzuzünden, aber auch der Plan konnte kaum gelingen – und würde ihn bestimmt genug erzürnen, dass er sie leiden ließ.
Denk darüber nach, was du willst und was es dir wert ist. Sie zitterte, als sie seine Stimme wieder in ihrem Kopf hörte. Sie wollte ihr Leben zurück. Aber wie viel es wert war? Schmerzen wie er sie auf dem Bild eingefangen hatte? Vielleicht, wenn es nur eine Nacht wäre. Aber auch dann wusste sie nicht, ob sie es ertragen könnte. Und sie war sich sicher, dass er sie nicht für diesen Preis gehen lassen würde. Alles was in ihrer Macht stand war ihm zu gehorchen und im Gegenzug darauf zu hoffen, dass er freundlich blieb. Und selbst dann gab es zu viele Unsicherheiten.
Die letzte Nacht schlich sich in ihre Erinnerungen, auch wenn sie es nicht wollte. Er hatte gewusst, dass sie ihn bei sich wollte und war gegangen, auch wenn sie nicht wusste warum. Vermutlich aus reiner Grausamkeit – dass sie zu dem Zeitpunkt unter dem Einfluss des Pulvers war änderte nicht viel daran, auch wenn sie mittlerweile froh war, dass er gegangen war. Sie spürte wie ihr das Blut in die Wangen stieg, versuchte die Erinnerungen zu verdrängen. Es gab Wichtigeres als die Nächte. Sie musste einen Ausweg finden, um ihm nicht völlig ausgeliefert zu sein.
 
Viel zu schnell wurde es dunkel – aber er tauchte nicht auf. Sie wartete eine Weile, ließ dann das Essen stehen. Der Tag hatte ihr den Appetit genommen, und ob er etwas aß oder nicht war seine Sache.
Der Schlaf ließ auf sich warten, und bei jedem Geräusch das sie hörte, befürchtete sie, dass sich gleich die Tür öffnen würde und er ins Zimmer kam.
 
Sie erwachte und fühlte sich genauso ruhelos wie am Abend zuvor. Dass sie zudem viel zu müde war machte es nicht besser. Sie seufzte, wusste, dass es nicht besser werden würde, wenn sie liegen blieb. Sie würde nur viel zu viel nachdenken.
Er wartete schon am Tisch, als sie die Küche betrat, nickte zum gegenüberliegenden Stuhl. Etwas unsicher setzte sie sich, musterte ihn. Er sah nicht wütend aus, das war zumindest ein Fortschritt.
„Ich habe etwas für dich.“
Er schob ein dünnes Holzkästchen zu ihr. Etwas misstrauisch öffnete sie den Verschluss an der Seite, klappte es auf. In beide Seiten des Kästchens war Wachs eingelassen.
„Eine Wachstafel?“ Sie erinnerte sich, dass sie schon Händler damit gesehen hatte.
„Zum Üben. Und was das Lesen angeht...“ Er legte ein Papier vor sich, nahm eine Feder zur Hand. „Ich habe nicht die Zeit, dir alles beizubringen. Das einfachste ist es wohl, wenn du mir ein Lied vorsingst. Wähle eines das du gut genug kennst, dass du nicht die Worte vertauschst.“
„Was für einen Sinn hat es?“
„Lieder sind einfach, habe Reime. Es sollte möglich sein, dass du die Buchstaben dadurch entzifferst.“
„Das meine ich nicht. Wieso wollt Ihr es mir beibringen, wenn ich für Euch sowieso nur eine Energiequelle bin? Ihr werdet mich trotzdem ausnutzen.“
Als er schwieg sprach sie weiter, bemerkte dabei, dass ihr Blut raste. „Ihr wolltet dass ich darüber nachdenke, was ich will. Ich will Euch loswerden. Frei sein. Ich werde freiwillig mit Euch in den Keller gehen, Ihr müsst mich diesmal nicht einmal anketten. Nehmt mir die Zeit, meine Jugend und lasst mich dann gehen.“ Kurz tanzten Lichter vor ihren Augen. Hatte sie das wirklich gesagt? War sie so schnell dazu bereit so viel aufzugeben?
„Nein.“
„Aber...“
„Nein.“, meinte er bestimmter. „Abgesehen davon dass es dich töten würde – glaubst du, ich hätte es nicht schon getan, wenn ich es wollte? Glaubst du, dass ich zum Spaß jeden Monat wieder das Ritual beginne? Es wäre effektiver mehr auf einmal zu nehmen. Aber es wäre sehr viel einsamer. Langweiliger. Außerdem ...“ Er fuhr ihr durchs Haar, wickelte eine Strähne um seinen Finger „...genieße ich die Gesellschaft schöner Frauen.“
„Wieso seid Ihr so grausam?“
„Geduldig.“ Die Ruhe mit der er das Wort aussprach jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie biss sich auf die Zunge bevor sie mehr sagen konnte, wusste, dass es wahrscheinlich die letzte Warnung war, bevor er annahm, dass sie ihn darum bat sie zu foltern. Er zog seine Hand zurück, streichelte dabei noch sanft über ihr Kinn.
„Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Es lohnt sich für dich, zu lernen. Sing mein Vögelchen.“
Vögelchen!? Sie starrte ihn hasserfüllt an, erntete von ihm nur ein schwaches Lächeln und eine auffordernde Geste.
Sie setzte zu einem Lied an, gab sich keine Mühe, wirklich zu singen. Fröhlich genug dazu war sie nicht und alles was er wollte war der Text. Das Kratzen der Feder hätte ohnehin nicht zum Lied gepasst. Zweimal ließ er sie das Lied wiederholen, griff dann nach einem zweiten Blatt Papier, schrieb etwas darauf.
„Ich gebe dir einen Monat um die Antwort auf diese Frage zu schreiben.“
„Und was, wenn ich es nicht in der Zeit schaffe?“
„Schmerz ist ein guter Lehrmeister.“
Sie griff nach den beiden Bögen, nahm die Wachstafel in die andere Hand.
„Ich hasse Euch.“
Sein Lachen verfolgte sie, bis sie die Tür hinter sich zuschlug. Sie zwang sich ihre Finger etwas zu entspannen, bemerkte erst jetzt, dass sie das Papier halb zerknüllt hatte. Wieso fand er es lustig?
Sie setzte sich im Garten unter einen Baum, betrachtete dann den Text. Vielleicht schaffte sie es ja tatsächlich ihn innerhalb weniger Stunden zu entziffern.
Sie sang vor sich hin und als sie sich wieder auf den Weg in die Küche machte um das Abendessen vorzubereiten war sie sich sicher, einige der Reime am Ende der Sätze entziffert zu haben. Aber abgesehen davon machten diese Buchstaben noch keinen Sinn.
 
Viel zu schnell brach die Dämmerung herein, und diesmal war er wieder da. Sie setzte sich aufs Bett während er die Kerzen entzündete, griff nach dem Pulver das auf dem Nachttisch stand. Sollte sie sich ihm wirklich wieder so einfach hingeben? Andererseits wusste sie nicht, ob sie es wagte sich zu wehren. Noch hatte er ihr nicht zu viele Schmerzen dabei zugefügt, aber nach den letzten Tagen war sie sich nicht sicher, ob er sie nicht für das zahlen lassen würde, was sie gesagt hatte.
Als er sich zu ihr umdrehte seufzte sie.
„Bringen wir es hinter uns.“
Er hielt ihre Hand fest, bevor sie in das Töpfchen mit dem Pulver greifen konnte.
„Etwas euphorischer, wenn ich bitten darf.“
„Dann solltet Ihr mich loslassen. Ohne das Zeug werde ich Euch nicht ertragen können.“
„Glaubst du? Es ist erst zwei Nächte her, seit du mich angefleht hast, nicht zu gehen.“
„Mit dem Pulver.“, berichtigte sie.
Er lachte. „Zumindest redest du dir das ein. Hast du nicht die Stärke dir einzugestehen, dass es dir gefallen hat?“
„Wie sollte es mir gefallen, solange Ihr es seid, der es tut?“
„Schließ die Augen, lass dich fallen. Ich bin nicht das Monster für das du mich hältst.“
„Ihr habt sie gefoltert. Ihr habt mir angedroht, auch mich zu foltern.“ Sie brach ab, bevor sie ihm mehr vorwerfen konnte. „Verzeiht, dass ich in Euch nicht den Mann meiner Träume sehe.“
„Nicht?“ Er ließ ihre Hand los. „Nur zu, stürz dich in deine heile Welt.“
„Was spricht dagegen?“ Wieso sagte er es so abfällig, nachdem er das Pulver selbst so oft an ihr benutzt hatte?
„Nichts. Und da du nicht stark genug bist, die Nacht ohne Drogen zu durchleben ...“
„Was wollt Ihr eigentlich von mir? Erst jubelt Ihr es mir unter, damit Ihr Euren Spaß haben könnt, dann gebt Ihr es mir damit ich selbst entscheiden kann, und jetzt gefällt es Euch nicht mehr und Ihr wollt, dass ich aufhöre? Was soll das?“
„Du bist süß.“ Er küsste sie, legte einen Arm um sie, damit sie nicht zurückweichen konnte, die andere Hand spürte sie an ihrer Brust. Was dachte er sich eigentlich? Als er keine Anstalten machte, den Kuss zu lösen, obwohl sie sich wand, biss sie zu. Sie schmeckte Blut, versuchte wieder, sich loszureißen. Wenn er Blut trinken wollte, nur zu, aber sie wollte lieber darauf verzichten.
Dann entspannte sie sich, fuhr mit der Zunge über seine Lippe, saugte vorsichtig daran. Eigentlich schmeckte es ziemlich interessant. Bevor sie weiter saugen konnte, drückte er sie sanft in die Kissen, löste sich von ihr. Sie hörte sein Seufzen, setzte sich wieder auf, wollte wissen, was seinen Unmut verursacht hatte. Er löste das Tontöpfchen aus ihrer Hand, griff dann nach dem Korken dazu, der auf dem Bett lag. Wie konnte er sich darüber jetzt Gedanken machen? Sie versuchte ihn wieder zu sich zu ziehen, aber er ging nicht darauf ein. Stattdessen stellte er das Töpfchen zur Seite, zog dann ein Tuch aus der Tasche, tupfte über seine Lippe. Der weiße Stoff färbte sich rot.
„Du warst unachtsam.“, kommentierte er, strich dann mit dem selben Tuch etwas Pulver von ihrer Schulter. „Und ich leider auch.“
„Hört auf zu reden.“
Sie drückte ihn nach hinten, war froh, dass er es zuließ, beeilte sich dann, ihm die Kleidung vom Leib zu reißen. Sie wollte nicht mehr warten, sie konnte nicht mehr warten. Sie küsste ihn, versuchte gleichzeitig, sich des Kleides zu entledigen. Dann fühlte sie seine Finger, die dabei halfen. Wie konnten seine Hände noch so ruhig sein? Sie zitterte, konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Endlich, nach viel zu langer Zeit, konnte sie ihn endlich in sich spüren. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, bis sie sich nach vorne lehnte, um ihn zu küssen. Es fühlte sich so gut an. Wusste er, was er ihr die letzten Nächte vorenthalten hatte? Wie grausam es von ihm gewesen war? Sie bewegte sich nur langsam, wollte es so lange wir möglich auskosten. Langsam spürte sie, wie ihre Lust sich steigerte, wie sie der Erlösung näher kam. Nicht mehr lange, dann konnte sie endlich … was dachte sie da eigentlich? Sie sah ihn an, bemerkte das wissende Lächeln, das seine Lippen umspielte. Erst jetzt stellte sie fest, dass sie automatisch weiter gemacht hatte. Aber wenn sie jetzt aufhörte... Alles in ihr sträubte sich dagegen. Sie hatte zu lange gewartet. Gleich. Nicht mehr lange. Sie spürte seine Hände an ihrer Taille, schloss die Augen bei der Berührung. Sie musste sich nur vorstellen, dass es jemand anderes war. Und es tat so gut, angefasst zu werden.
Viel zu spät bemerkte sie, dass er sie hoch hob, viel zu spät, als dass sie sich dagegen sträuben konnte. Als er sie zur Seite schob und sich erhob, öffnete sie die Augen.
„Was...?“
„Du willst mehr.“ Seine Stimme war leise. „Du willst weitermachen, nicht wahr? Du kannst mir nicht widerstehen.“
Sie zwang sich, ihn nicht anzusehen, brachte selbst nicht mehr als ein Flüstern zu Stande. „Ja.“
„Merk es dir. Und erinnere dich daran, dass die Wirkung nachgelassen hat.“
Er drehte sich von ihr weg. „Schlaf gut.“
„Ihr könnt nicht schon wieder ...“
Die Tür fiel ins Schloss.
„...gehen.“
Dieser Dreckskerl! Sollte sie schon wieder die Nacht über verzweifelt darauf warten, dass ihr Verlangen nachließ? Aber diesmal hatte er sie nicht gefesselt. Langsam fuhr ihre Hand zwischen ihre Beine, tastete sich voran, bis sie sich selbst auf die Lippe biss, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Wieso sollte sie auf ihn warten, wenn sie selbst in der Lage war, sich Erlösung zu schaffen?
Eine gefühlte Ewigkeit später wusste sie warum: Es war nicht genug.
Sie warf sich eine Decke um, tastete sich dann den Gang entlang, konnte im Dämmerlicht nur Bruchstücke der Umgebung wahrnehmen. Endlich hatte sie die richtige Tür gefunden.
Sie konnte sich förmlich vorstellen, wie er überheblich lächelte, sobald er sie hier sehen konnte. Dann schluckte sie ihren Stolz herunter. Sollte er lächeln, wenn es ihm Spaß machte, solange er mit ihr noch andere Dinge tat. Sie klopfte an die Tür, trat einen Schritt zurück.
Sie hörte Schritte, überlegte, ob sie vielleicht doch weg rennen sollte, so tun sollte, als wäre sie nie hergekommen. Bevor sie sich entscheiden konnte, öffnete sich die Tür. Er zog eine Augenbraue hoch. In einem hatte sie sich geirrt: Er lächelte nicht, seine Miene war ernst.
Sie wich einen Schritt zurück, war sich alles andere als sicher, ob es eine gute Idee war, ihn noch aufzusuchen. Er trat näher, zog ihr mit einer Hand die Decke von den Schultern. Dann drückte er sie gegen die Wand, küsste sie.
Sie spürte die Hitze wachsen, wollte die Arme um ihn schlingen – und bemerkte, dass er sie so festhielt, dass es nicht möglich war. Ein Blick in seine Augen verriet ihr, dass es Absicht war. Sie wusste, dass es ab jetzt nur noch eine angenehme Nacht werden konnte, ließ sich fallen. Er würde die Kontrolle übernehmen, würde sie zu neuen Höhen führen.
 
Als er sie schließlich ein letztes Mal gegen die Wand drückte, fühlte sie sich so zittrig, dass sie sich sicher war, sie wäre zusammengebrochen, hätte er sie nicht gehalten. Ihr ganzer Körper schmerzte, von den rauen Steinen der Wand, von den Spuren, die seine Zähne hinterlassen hatten. Und sie fühlte sich besser als je zuvor. Sie versuchte, ihre Beine fester um seine Hüften zu schlingen, und es gelang ihr zumindest insoweit, dass sie nicht völlig den Halt verlor, schlang jetzt auch ihre Arme um seinen Hals, legte ihren Kopf auf seine Schulter. Er durfte sie nicht loslassen. Er durfte nicht gehen. Nicht jetzt. Sie spürte seine Finger durch ihr Haar streicheln.
 
Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. So gut hatte sie sich selten gefühlt, seit sie hier war. Langsam öffnete sie die Augen, riss sie dann völlig auf. Das war nicht ihr Zimmer. Und das Gewicht an ihrer Taille...? Sie sah an sich herab. Er hatte einen Arm um sie gelegt. Jetzt, da sie genauer darauf achtete, hörte sie seinen gleichmäßigen Atem. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, wand sie sich aus seiner Umarmung. Sie schlüpfte aus dem Bett, drehte sich dann um. Er sah friedlich aus, wenn er schlief. Und weitaus zerzauster. Sie lächelte kurz. Vielleicht könnte sie es irgendwann ausnutzen, dass er schlief und wehrlos war. Aber nicht heute, sie würde nichts voreiliges wagen. Stattdessen schlich sie sich zur Tür.
„Sanna. Vergiss die Decke nicht.“
Sie drehte sich erschrocken zu ihm um, sah, dass er ihr zuzwinkerte, dann deutete er auf einen Stuhl, über dem die Decke hing. Wie schon in der Nacht zuvor warf sie sich diese über, warf dann noch einen Blick zu ihm. Er hatte die Augen wieder geschlossen, schien zu schlafen. Vielleicht war es doch eine dumme Idee, ihn im Schlaf anzugreifen.
 
In ihrem Zimmer angekommen, ließ sie sich gegen die geschlossene Tür sinken. Wie hatte sie zu ihm gehen können? Wie hatte sie sich ihm hingeben können? Natürlich war das Pulver der Auslöser gewesen, aber warum hatte sie nicht aufhören können, nachdem sie schon wieder klar denken konnte? Wie konnte sie sich nach ihm sehnen? Sie hasste ihn mehr als alles andere, wie konnte er ihr da attraktiv erscheinen? Was war falsch mit ihrem Körper? Wieso konnte sie ihn nicht einfach hassen und es dabei belassen? Sie konnte nicht einmal sich selbst mehr vertrauen in dieser verfluchten Burg.
 
Die nächsten Nächte konnten ihre Selbstzweifel nicht zerstreuen, stattdessen bestärkten sie sie noch. Er ließ sich jedes Mal genug Zeit, bis sie ihn anflehte, sie zu nehmen – und selbst dann kam er ihrem Wunsch nicht jedes Mal nach. Sie wusste, dass er es genoss, wenn sie ihn anbettelte, wusste, dass es ihm gefiel, wenn sie verzweifelt nach mehr verlangte. Und sie hasste sich jeden Morgen dafür, dass sie ihm genau das gab. Langsam hatte sie das Gefühl, den Verstand zu verlieren.
 
Bei den Statuen, die den großen Platz Kaanors zieren wurde ein bedeutender Künstler nicht beachtet. Welcher?
Was war das für eine Frage? Sie überprüfte alle Buchstaben nochmals, aber sie fand keinen Fehler. Wollte er sie auf den Arm nehmen? Sie glaube, dass sie den Namen schon einmal gehört hatte, und nach der Frage musste es eine Stadt sein. Aber wo? Und Künstler? Woher sollte sie den Namen von Künstlern kennen? Sie zerknüllte das Papier, warf es in eine Ecke. Kurz danach hob sie es wieder auf, strich es glatt, legte es auf den Tisch. Sie hatte noch mehr als eine Woche, vielleicht würde sie bis dahin eine Antwort finden, auch wenn sie es nicht glaubte. Wie konnte er ihr so eine Frage stellen?
 
Er wartete schon in der Küche, las. Vielleicht hatte sie ja Glück und es war ein Buch über vergessene Künstler? Sie blieb schräg hinter ihm stehen, als sie ihm Wein einschenkte, versuchte einen Blick auf die Buchstaben zu erhaschen, und musste enttäuscht feststellen, dass sich auf der Seite nur eine Zeichnung befand. Sie stellte den Becher vor ihn, sah sich nochmal die Zeichnung an. Etwas daran stimmte nicht. Ein Kreis, in dem verschiedene andere geometrische Formen eingepasst waren.
„Etwas fehlt.“
Sie bemerkte erst, dass sie laut gesprochen hatte, als er sich ruckartig zu ihr umdrehte.
„Was hast du gesagt?“
„Etwas fehlt.“ Sie deutete auf die Zeichnung. „Es ist nicht vollständig.“
„Wann?!“, fuhr er sie an. Von einem Moment auf den anderen erschien er wütender als je zuvor.
Sie wich einen Schritt zurück. „Wann was?“
„Wann hast du geschnüffelt?“ Er stand auf, drückte sie auf den Stuhl. „Wann warst du heimlich im Keller?“
„Ich war nicht ...“
„Lüg mich nicht an!“ Sie fühlte, wie ihr Kopf zur Seite gerissen wurde, als er zuschlug. Wie konnte er es wagen, ihr das zu unterstellen? Sie zu schlagen? Sie drehte sich ihm wieder zu, biss die Zähne aufeinander.
„Ich lüge nicht.“, zischte sie ihn an. „Ich war nicht im Keller.“
„Wo dann? In meinem Zimmer?“
„Nur wenn Ihr es verlangt habt.“
Diesmal schnellte ihr Kopf in die andere Richtung.
„Wann hast du dir meine Zeichnungen angesehen?“
„Gerade eben?“
Er atmete langsam aus, dann schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen.
„Ich gebe dir exakt 2 Minuten um mir zu erklären, woher du dieses Wissen hast. Danach werde ich anfangen, dir weh zu tun.“
„Es sah einfach unfertig aus. Was ist so besonders daran?“
Er antwortete nicht, und der Zorn war nicht aus seinen Augen gewichen.
„Ich habe nicht geschnüffelt. Warum sollte ich das tun? Mich interessieren Eure Zeichnung nicht. Und Eure Bücher auch nicht. Ich habe nur in das Buch gesehen, weil ich eine Antwort auf Eure Frage brauche. Hätte ich gewusst, dass nur langweilige Zeichnungen darin sind, hätte ich es nicht getan.“
„Du willst behaupten, dass du dich einfach so mit komplizierten magischen Kreisen auskennst? Ohne dich dafür zu interessieren?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe es einfach gewusst. Intuitiv.“
„Natürlich. Welch einleuchtende Erklärung.“
Er nahm ein leeres Blatt zur Hand, zeichnete etwas darauf.
„Dann sag mir doch mal mit deiner tollen Intuition, wo hier der Fehler ist.“
Sie versuchte den Spott der in seiner Stimme mit schwang zu ignorieren, sah sich die Zeichnung an. Sie ähnelte der anderen, war aber irgendwie doch völlig anders. Langsam deutete sie auf ein Symbol.
„Glück.“, meinte er, zeichnete einen weiteren Kreis.
Sie fand auch hier ein Zeichen, das nicht zum Rest passte, die Harmonie störte. Er zeichnete weiter, ließ sie fehlende Zeichen finden, überflüssige Zeichen, Fehler in der Geometrie, zwischendurch auch fehlerfreie, die sie als solche erkannte. Sie wusste nicht, wie sie es wusste, sie wusste nur, dass die Muster nicht stimmig waren.
„Das ist unmöglich.“
Langsam schob er ein leeres Blatt zu ihr, drückte ihr die Feder in die Hand. Unsicher fing sie an zu zeichnen. Als der Kreis gezogen war, bewegten sich ihre Finger wie von selbst, fügten Linien und Symbole ein. Die Zeichnung sah völlig anders aus als alles, was sie bei ihm gesehen hatte. Was malte sie da? Sie setzte an, das letzte Symbol zu setzen, als er ihr das Blatt aus der Hand riss.
„Hey! Es ist nicht fertig.“
„Ich weiß.“ Er warf das Papier ins Feuer, murmelte einige Worte, legte dann die Hand auf einen der Kreise, die er gemalt hatte. Sie fühlte, das etwas nicht stimmte und wurde im nächsten Moment in die Luft gerissen. Sie versuchte sich zu bewegen und merkte, dass sie sich nicht regen konnte. Panik machte sich in ihr breit, gleichzeitig hatte sie das Gefühl, dass um sie herum die Luft dicker wurde. Es war das erste Mal, dass er seine Macht so demonstrierte, und sie wusste, dass es ihr alles andere als gefiel. Mit einem Schlag war all der Widerstand den sie aufgebaut hatte wie weggewischt. Sie wusste, dass sie wehrlos war, wie wehrlos sie war, dass er sie völlig in der Hand hatte.
„Ich nehme immer das schönste Mädchen aus dem Dorf. Immer aus dem selben Dorf. Es ist ein sehr durchschaubares Schema, meinst du nicht?
So viele Jahre, und ich habe mich von der Gewohnheit einlullen lassen. Und offensichtlich blieb es nicht unbemerkt.“
Er blickte zu ihr auf, als erwartete er eine Antwort, sein Blick so distanziert wie selten zuvor. Selbst wenn sie etwas zu erwidern hätte, hätte sie dank der Fesseln nicht sprechen können. Er lächelte leicht, zeichnete etwas in das Buch, das sie nicht sehen konnte. Kurz danach bemerkte sie, dass sie den Kopf wieder bewegen konnte.
„Wie lautet dein Name?“
„Sanna.“ Sie glaubte nicht, dass er ihren Namen schon wieder vergessen hatte, was sollte also die Frage?
Sie spürte, wie ihr die Luft aus den Lungen gedrückt wurde, als sie gegen die Wand geschleudert wurde.
„Ich will deinen richtigen Namen. Wer hat dich ausgebildet? Woher kommst du? Wer hat dich geschickt?“
Mit jeder Frage wurde sie fester gegen die Wand gedrückt, hing dabei immer noch in der Luft.
„Niemand.“ Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, wusste nicht, was schlimmer war: Die Angst vor dem, was er tun würde, wenn er ihr nicht glaubte, oder die Schmerzen, die sie jetzt schon hatte. „Niemand hat mich geschickt.“
„Du bist also auf eigene Faust hergekommen?“ Wieder murmelte er einige Worte in der fremden Sprache. Wind kam auf, wurde zu einem Sturm, der um ihn tobte. Nichts von seiner sonstigen Perfektion war geblieben, seine Kleidung und Haare flatterten im Wind, dafür begriff sie zum ersten Mal, welche Macht er haben musste. „Wozu? Um zu sterben? Deinesgleichen sollte wissen, dass ich nicht besiegt werden kann.“
„Das weiß ich. Das wissen alle aus dem Dorf. Darum könnt Ihr auch einfach kommen und Euch holen, was Ihr wollt. Ich wollte nie hier sein, Ihr habt mich doch geholt!“
„Wärst du klug, würdest du langsam aufhören zu lügen.“
Er richtete einen Arm auf sie, und sie wurde dem Sturm ausgesetzt, in dessen Auge er zuvor gestanden hatte. Sie wollte die Arme schützend vors Gesicht reißen, bemerkte, dass das nicht ging und kurz darauf durfte sie feststellen, dass der Wind schneidender war, als sie vermutet hätte. Es war, als würden unzählige kleine, scharfe Klingen auf sie geschleudert. Sie schrie auf, bemerkte, zu spät, dass das eine dumme Idee war. Als sie den Mund wieder schloss schmeckte sie Blut. Nach einer gefühlten Ewigkeit endete der Sturm, ließ sie schwer atmend zurück.
„Ich erzähle dir jetzt, was ich glaube, das passiert ist. Nick wenn es stimmt. Du hast gedacht, du kannst dein hübsches Gesicht ausnutzen. Du hast dich in das Dorf eingeschlichen. Du hast darauf gewartet, dass ich komme um jemanden zu holen, hast vermutlich sogar noch irgendeinen Zauber genutzt, um meine Aufmerksamkeit auf dich zu lenken. Du hast das unschuldige Mädchen vom Dorf gespielt, und hast langsam versucht herauszufinden, wie du mich töten kannst. Dein erster Versuch ist gescheitert. Und gerade vorhin hast du erkannt, dass es nicht möglich ist und hast versucht zu fliehen.“
Sie schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht. Ich komme wirklich aus dem Dorf. Und ich wollte nicht fliehen. Ich bin nur ein paar Schritte zurückgewichen, nachdem Ihr so wütend ward.“
„Spiel nicht die Dumme! Ich erkenne einen Teleportkreis, wenn ich ihn sehe. Wer. Bist. Du?“
Sie schüttelte weiterhin den Kopf, wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Er würde Ihr nicht glauben. Und Teleportkreis? War es das, was sie gezeichnet hatte? Es gab nichts, was sie sich mehr wünschte, als weit fort zu sein, aber sie wüsste nicht einmal, was sie tun sollte, um einer Zeichnung Leben einzuhauchen. Hätte sie nur nie in sein verfluchte Buch gesehen!
Ohne Vorwarnung lösten sich die Fesseln die sie gehalten hatte, und sie fiel. Er war neben ihr, bevor sie sich aufrappeln konnte, krallte seine Finger in ihre Haare, zog sie mit sich.
 
Sie wischte die letzte Träne weg, stand auf. Er hatte sie in ein Turmzimmer gebracht, und sie in die Mitte eines Ringes gestoßen, der in den Boden eingelassen war. Eine Weile hatte er noch vor sich hin gemurmelt, aber sie hatte kaum etwas mitbekommen, war zu sehr damit beschäftigt, sich auf dem Boden zusammen zu kauern und sich klein zu machen. Nach einer Weile war er gegangen.
Sie drehte sich einmal im Kreis. Eine Holztür, ansonsten konnte sie nur grob behauene Steinwände erkennen. Einige Meter über ihr war noch ein kleines vergittertes Fenster, das ein wenig Licht spendete. Das war alles. Sie machte einen Schritt auf die Tür zu, wurde dabei grob zurückgeschleudert. Was …? Langsam streckte sie die Hand aus, spürte die Barriere, bevor ihre Hand weg gestoßen wurde. Sie betrachtete den Ring um sie herum genauer. Metall, vermutlich Eisen. Und es war ihr unmöglich das Metall anzufassen, oder gar darüber hinaus zu kommen.
Sie lachte leise, fragte sich dabei, ob sie tatsächlich den Verstand verloren hatte. Ein magisches Gefängnis in einem Turm dem sie nie entkommen würde. Für wie gefährlich hielt er sie? Und alles nur, weil sie nicht im richtigen Moment geschwiegen hatte.
Sie ließ sich in den Schneidersitz fallen, betrachtete ihre Hände. Kleine, dünne Schnitte bedeckten die Haut. Keiner davon blutete richtig, im Grunde waren es nicht mehr als harmlose Kratzer, die sie im Normalfall kaum beachtet hätte. Aber es waren viele und jeder einzelne juckte. Vorsichtig tastete sie ihr Gesicht ab, fand auch dort überall Verletzungen. Noch immer schmeckte sie Blut, wenn sie mit der Zunge über ihre Lippen fuhr. Was hatte dieser Bastard ihr angetan?
 
Zwei Tage vergingen, bis sich die Tür wieder öffnete. Sie lag immer noch in der Mitte des Kreises zusammen gekauert auf dem Boden. Sobald ihre erste Wut verflogen war, hatte sich Kälte breit gemacht und war nicht mehr gewichen. Sie hatte keine Decke, keine Feuer, und das Kleid das sie am Leib trug hatte unzählige Löcher, war an einigen Stellen völlig zerrissen.
Sie hatte sich nie hilfloser gefühlt, nicht einmal als sie auf dem Altar gefesselt darauf gewartet hatte zu sterben.
Er stellte eine Kerze auf den Boden, musterte sie dann abschätzend.
„Willst du mir etwas erzählen?“
„Es ist kalt.“ Sie flüsterte. „Ich habe Durst.“
„Daran wird sich nichts ändern, bis ich die Wahrheit kenne.“
„Ich weiß nicht, woher ich das alles wusste.“
„Dann eben morgen.“
Sie schloss die Arme um ihre Beine, legte den Kopf auf die Knie. Langsam hatte sie das Gefühl, dass sie diese Hölle nie mehr verlassen würde.
 
Sie fand keine Position mehr, in der sie sich hinlegen konnte, ohne Schmerzen zu haben. Alle Muskeln protestierten gegen den Steinboden, und jedes Mal, wenn sie eine falsche Bemerkung machte, meldeten sich zudem die Verletzungen die sich über ihren Körper zogen. Sie hatte unruhig geschlafen, war immer wieder davon aufgewacht, dass sie wohl die Barriere berührt hatte.
Sie setzte sich eilig auf, als sie hörte, wie sich die Tür öffnete, konnte ihn nur noch verschwommen wahrnehmen.
„Bitte ...“
„Willst du mir etwas erzählen?“
„Glaubt mir, ich weiß es wirklich nicht. Ich wollte das nicht. Bitte ...“ Wieder schmeckte sie Blut, wusste, dass es ihre Lippen waren, die gesprungen waren. Sie wusste nicht, wie viel länger sie es ohne Wasser aushalten würde.
„Bis morgen.“
„Wartet! Bitte. Ich war es. Ich bin hergekommen um Euch auszukundschaften. Ich ...“
Er drehte sich zu ihr um, lächelte bösartig.
„Ja...?“
„Ich … habe mich ins Dorf geschlichen. Ich habe gehofft, dass Ihr mich holt.“
„Dein Name?“
„Susanna, aber alle nennen mich Sanna.“
„Wer hat dich ausgebildet?“
Verzweiflung machte sich breit. Woher sollte sie jetzt einen Namen bekommen?
„Ich ...“
Er drehte sich wieder zur Tür um.
„Ein … Mann. Blond. Kurze Haare. Groß.“, log sie, bevor er wieder gehen konnte.
„So? Und wie alt bist du?“
„Neunzehn.“
„Willst du mich für dumm verkaufen?“
„Ich ...“
„Ich will die Wahrheit.“
„Ihr glaubt mir die Wahrheit nicht! Was sollte ich denn tun?“
Sie bebte am ganzen Leib und als er nicht darauf antwortete, bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen. Er musste nicht auf noch die Genugtuung bekommen, sie weinen zu sehen.
Als sie sich wieder beruhigt hatte war er fort.
 
Sie wachte auf, sah neben sich einen Becher stehen. Langsam blinzelte sie, stellte fest, dass es kein Traum war. Gierig trank sie. Es war viel zu wenig, aber es war das Köstlichste, was sie je geschmeckt hatte. Probehalber tastete sie nach der Barriere des Ringes, fand nichts. Die plötzlich aufkommende Euphorie verschwand wieder, als sie versuchte die Tür zu öffnen. Ihr Gefängnis war zwar viel größer geworden, aber es war immer noch nicht mehr als ein kahler, kalter Turm.
Sie schreckte auf, als die Tür sich öffnete.
„Name.“, verlangte er.
„Sanna.“
„Woher hast du die Kenntnisse der Magie?“
„Ich weiß es nicht. Wirklich. Ich wusste einfach, dass etwas nicht stimmt.“
„Hat dir irgendjemand jemals etwas über Magie erzählt?
„Ja. Ihr.“
„Und sonst?“
„Niemand.“
„Kannst du Magie anwenden?“
„Nein.“
„Hattest du geplant, dich bei mir einzuschleichen?“
„Nein.“
„Hast du vor mich umzubringen?“
„Wenn ich es kann. Aber ich glaube nicht, dass ich es schaffe.“ Sie starrte ihn entsetzt an. Was hatte sie da eben gesagt?
Er lächelte leicht. „Was glaubst du, warum glaube ich dir?“
Ihr Blick raste zu dem Becher. Natürlich. „Ihr habt mir etwas ins Trinken gemischt, damit ich nur die Wahrheit sagen kann.“
Er öffnete die Tür. „Geh dich waschen. Zieh dir etwas Frisches an. Iss eine Kleinigkeit. Ich erwarte dich danach im Keller.“
Sie brauchte einen Moment um zu begreifen, was er gesagt hatte, schob sich dann an ihm vorbei nach draußen.
Obwohl sie sich Zeit ließ, hatte sie viel zu schnell alles erledigt, machte sich zaghaft auf den Weg in den Keller.
 
Ihr erster Blick ging zum Steintisch und sie stellte erleichtert fest, dass verschiedene Gegenstände darauf standen. Wenigstens war er nicht für sie bestimmt.
„Setz dich.“
Sie gehorchte, sah ihm zu, wie er die Regale entlang ging, bis er ein Buch heraus zog, und sich ihr schließlich gegenüber setzte. Er verschränkte die Hände unter seinem Kinn, sah ihr direkt in die Augen.
„Du hast Talent. Und ich hasse es, Talent zu verschwenden.“
„Das bemerkt Ihr jetzt, nachdem Ihr mich tagelang hungern lassen habt?“
„Ich musste sicher sein. Jedenfalls gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Ich werde dich Magie lehren. Oder ich bringe dich um.“
„Das ist keine Wahl.“
„Du musst wissen, dass ich dich nicht ohne Vorsichtsmaßnahmen unterrichten werde. Du wirst einen Schwur leisten, dass du mich niemals angreifst und dass du mir gehorchen wirst. Es gibt einige Menschen, die lieber sterben würden, als das zu tun.“
Noch war sie nicht bereit zu sterben, und was konnte so ein Schwur schon anrichten? Sie sah ihm in die Augen, legte die rechte Hand aufs Herz.
„Ich schwöre, dass ich Euch nicht angreifen werden. Ich schwöre, dass ich Euch gehorchen werde.“
„Hübsche Worte. Vielleicht hast du sie auch gerade ernst gemeint. Aber was ich von dir will ist mehr: Ein magischer Schwur. Du wirst ihn nicht brechen können.“
Er machte eine Pause, ließ die Worte wirken.
„Ich möchte, dass du dir bewusst bist, was es bedeutet. Du wirst an mich gebunden sein. Und du wirst ein paar harte Jahre der Lehre vor dir haben. Und auch wenn ich sonst geduldig bin … wenn ich das Gefühl habe, dass du nicht hart genug arbeitest werde ich es nicht sein.“
„Wie viele Jahre?“
„Das kommt darauf an, wie gut du dich anstellst. Fünf? Acht? Vielleicht mehr.“
„Zehn Jahre. Danach lasst Ihr mich gehen.“
„Wenn du deine Ausbildung bis dahin abgeschlossen hast. Ansonsten solange bis du alles gemeistert hast.“
„Und ich will keine Verpflichtungen mehr haben, wenn ich gehe.“
„Der Schwur bleibt bestehen, aber ich werde dir keine Befehle mehr geben. Du wirst nur nicht in der Lage sein mich anzugreifen.“
„Fair.“ Sie würde keinen Moment länger als nötig in seiner Nähe bleiben, wenn sie ging, soviel stand fest.
„Dann fangen wir an.“ Er schob eine Schatulle vor sie, öffnete den Deckel. Unterschiedlichste Armreife kamen zum Vorschein. „Such dir eins aus, das dir gefällt. Du wirst es dein Leben lang tragen.“
Sie griff nach einem schmalen, goldenen Armreif, hielt ihn hoch.
„Jetzt zum unangenehmen Teil: Ich brauche dein Blut.“ Der Dolch, den er in der Hand hatte, kam ihr unangenehm bekannt vor. Sie fuhr über die breiten Narben auf ihrem Arm. Andererseits … bei der Anzahl an Verletzungen die sie inzwischen hatte machte es keinen Unterschied mehr. Sie streckte den Arm aus, sah weg, als er die Klinge über ihre Haut zog. Langsam füllte sich die Schüssel, die er bereit hielt. Er stellte sie beiseite, legte ihr einen Verband an.
Sie sah wie gebannt zu, wie er mit ihrem Blut einen Kreis auf dem Tisch zog, den Armreif in die Mitte legte und dann anfing zu sprechen. Nach kurzer Zeit wurde der Kreis heller, schien sich zu bewegen, wurde nach innen gezogen zu dem Schmuckstück hin, um in diesem zu verschwinden.
Er nahm den Armreif, legte ihn ihr um.
„Dein Schwur.“, verlangte er.
Einen Moment zögerte sie, wusste aber, dass es zu spät war, um jetzt abzubrechen.
„Ich werde Euch niemals angreifen. Ich werde Euch gehorchen. Ich werde bei Euch bleiben, bis zehn Jahre vergangen sind, oder ich die Ausbildung abgeschlossen habe.“
„So sei es.“ Mit seinen Worten zog sich der Armreif zusammen, bis er direkt auf ihrer Haut auflag. Sie versuchte ihn zu drehen, stellte fest, dass es nicht möglich war. Obwohl es nicht schmerzte, hatte sie das Gefühl, er wäre mit ihrer Haut verschmolzen.
Seine Worte hallten in ihrem Kopf wieder. Du wirst es dein Leben lang tragen. Erst jetzt begriff sie, was es bedeutete. Sie drehte sich von ihm weg, wollte rausrennen, Luft schnappen. Sie zwang sich, langsam zu gehen, rannte erst, als die Tür hinter ihr zufiel.
Als sie auf dem Turm stand, brach sie auf die Knie. Was hatte sie getan? Wie hatte sie sich darauf einlassen können?
„Sanna?“
Sie schreckte hoch. Dass er sie hier so schnell finden würde, hätte sie nicht gedacht. Er legte eine Hand auf ihre Schulter, lächelte sie an. Von der Wut, die sie die letzten Tage in seinen Augen gesehen hatte war nichts mehr übrig.
„Komm. Du hast dir etwas Erholung verdient.“
Wie von selbst stand sie auf, folgte ihm. Als sie begriff, warum sie es tat, versuchte sie stehen zu bleiben und stellte fest, dass es nicht möglich war.
Erholung. So wie sie ihn kannte, würde es sie nicht wundern, wenn es mit Sex endete. Sie seufzte. Als könnte sie es noch ändern. Es war ein Fehler gewesen, darauf einzugehen.
Er öffnete schließlich eine Tür zu einem kleinen Raum, in dem ein Zuber stand.
„Das dürfte dir beim Entspannen helfen.“, meinte er, half ihr aus ihrem Kleid.
Sie stieg in die Wanne, war erstaunt darüber, wie warm das Wasser war.
„Lehn dich zurück. Wärm dich auf. Es muss kalt gewesen sein die letzten Tage.“
Sie nickte langsam, spürte, dass diese Kälte noch immer in ihren Knochen saß. Sie schloss die Augen, lehnte sich gegen die Wand. Dass er noch im Raum war, störte sie wenig. Es gab nichts an ihrem Körper, das er nicht schon gesehen hatte. Und es tat gerade einfach nur gut, da zu sitzen und die Wärme zu fühlen.
„Du siehst furchtbar aus.“, riss er sie aus ihren Gedanken.
Sie hob einen Arm, betrachtete die vielen verschorften Schnitte. „Ich habe jemanden verärgert und er hat etwas … übertrieben reagiert.“
„Gib mir deine Hand.“
Er fuhr über die Verletzungen, begann dann zu murmeln. Unter seinen Fingern verschwanden die Schnitte, wichen unberührter Haut. Als er schließlich fertig war, waren nur noch die Narben an ihrem Unterarm übrig. Sie waren zwar blasser geworden, aber immer noch vorhanden.
„Magische Wunden.“, erklärte er. „Ich kann sie nicht heilen.“
Sie nickte. Bis vor wenigen Minuten hatte sie geglaubt, dass sie auf Lebzeit mit unzähligen Narben bedeckt sein würde. Ein paar Schnitte am Unterarm fielen jetzt nicht mehr ins Gewicht. Und trotzdem... sie hätte zumindest eine Entschuldigung von ihm erwartet.
„Entspann dich. Morgen fängt deine Lehrzeit an. Es wird sich alles ändern.“
 
 
Die Zeit verging schneller als sie gedacht hätte. Immer wieder betonte er, wie schnell sie lernte, während sie jeden Tag neue Wunder entdeckte. Kleinigkeiten, die sie früher Stunden gekostet hatten, konnte sie jetzt innerhalb kürzester Zeit erledigen. Die gesamte Burg zu fegen dauerte nicht länger als einen schnellen Spaziergang durch die einzelnen Räume und einige Worte. Sie hatte längst aufgehört, Feuer zu schlagen und einfache Gerichte musste sie nicht einmal mehr zubereiten. Und seit er ihr gezeigt hatte, wie sie Wasser erhitzen konnte, genoss sie es, sich nicht mehr im kalten Bach waschen zu müssen. Worte, Zeichen und Magie, die sie in diese legte, waren alles, was sie noch benötigte.
Sie stieg Abends nicht weniger müde ins Bett, dennoch hatte sie das Gefühl, dass alles so leicht geworden war.
Von der Strenge, die er ihr angedrohte hatte, war nichts zu spüren, andererseits gab sie sich auch Mühe, seinen Anforderungen gerecht zu werden. Nicht nur, weil er es erwartete, sondern auch, weil sie immer faszinierter davon war, welche Geheimnisse die Magie zu bieten hatte.
 
Schon wieder. Sie wischte sich den Schlaf aus den Augen, setzte sich auf, um es sich näher anzusehen. Immer öfter hatte er ihr Geschenke gemacht, und jetzt hing wieder ein neues Kleid vor dem Schrank. Edel, vermutlich mehr wert, als sie früher in zehn Jahren zusammen sparen konnte. Sie legte das Kleid an, machte sich auf den Weg nach unten. Bei jeder Bewegung von ihr schwang der Stoff mit, verlieh ihr das Gefühl zu schweben.
„Es steht dir.“
„Danke. Aber es passt nicht hierher. Es ist zum Tanzen gedacht.“
„Dann hoffe ich, dass du tanzen kannst. Wie läuft deine Ausarbeitung des Teleportkreises?“
Als sie begriff, dass er ihr Abwechslung von der Burg geboten hatte, grinste sie übers ganze Gesicht. „Ich weiß, dass er funktioniert. Aber da Ihr mir nicht glaubt … „ Sie zog einige Papiere heraus, erklärte den genauen Aufbau und die Funktion jeder Figur im Kreis.
„Wenn du dich irrst, stirbst du bei dem Versuch, ihn zu benutzen.“ Er lächelte. „Willst du es versuchen?“
Sie nickte. Sie wusste, dass das Risiko tatsächlich bestand. Anders als andere Lehrmeister schützte er sie nicht vor Fehlern, sondern ließ sie darauf lernen. Aber sie war sich sicher, dass alles stimmte.
 
Sie hatte das Gefühl, in einem Sturm gefangen zu sein. Von überall her rissen Kräfte an ihr. Sie hielt sich an dem Gedanken an den Kreis in der Mitte, schlug irgendwann hart auf dem Boden auf. Als sie sich aufrichtete, sah sie, dass sie in einem Wald stand. Sie zupfte ihre Kleidung zurecht, strich ihre Haare nach hinten.
„Gut fürs erste Mal.“ Er zupfte ein paar Blätter aus ihren Haaren. „Aber die Landung solltest du noch üben.“
„Werde ich, Meister.“
Sie folgte ihm aus dem Wald heraus, sah die Stadtmauer schon von Weitem. Die Stadt musste riesig sein. Sie grinste übers ganze Gesicht.
„Keine Magie in der Stadt, wenn dich jemand sieht. Ich will kein Aufsehen erregen. Wir sind einfache Händler.“
„Ja, Meister.“
Langsam näherten sie sich der Stadt.
„Du warst noch nie außerhalb deines Dorfes, oder?“
Als sie den Kopf schüttelte, legte er eine Hand auf ihre Schulter. „Merkt man.“
Er schob sie durch das Stadttor, ging dann schnellen Schrittes durch die Straßen, führte sie in ein Gasthaus. Nachdem er kurz mit dem Wirt gesprochen hatte, brachte er sie nach oben, öffnete eine Tür. Ein schmales Bett, ein kleiner Schrank und eine Waschschüssel waren die gesamte Einrichtung.
„Dein Zimmer.“ Er warf eine Tasche auf ihr Bett, schloss die Tür. „Wir bleiben für eine Woche. Ich werde die meiste Zeit beschäftigt sein, sieh dich in der Stadt ...“ Es klopfte, und kurz danach öffnete sich die Tür.
Eine junge Frau stand in der Tür, einen Krug in der Hand, sah zu Boden.
„Ich wollte nicht stören. Ich habe Euren Wein, Lord Iharis.“
„Schon gut, Emae. Ich schlafe im Zimmer nebenan, bring den Wein dorthin.“ Er hatte sich zu ihr gedreht, schenkte ihr sein schönstes Lächeln.
Emae wurde schlagartig rot, schloss die Tür wieder.
„Iharis?“
Er zuckte mit den Schultern. „Es ist nie falsch, mehr als einen Namen zu tragen. Du solltest dich hier umsehen. Lern dich in einer Stadt zurecht zu finden. Falls du etwas brauchst, frag den Wirt, er kennt die besten Läden der Stadt. Lass dich nicht überfallen.“
„Überfallen. Soll das ein Witz sein?“
„Die Stadt ist gefährlich. Vor allem wenn es dunkel wird. Ich glaube zwar, dass du dich verteidigen kannst, aber lass es lieber nicht darauf ankommen.“
Sie nickte.
In der Tür drehte er sich nochmal um. „Hab Spaß.“
Sie schnappte sich die Tasche, fand einen mit Münzen gefüllten Beutel darin. Gold und Silber. Selbst die kleinste der Münzen war mehr wert als ein ganzes Haus in ihrem Dorf gekostet hätte. Dann zog sie einen der Briefe heraus, die darin waren. Sie öffnete ihn, las die Zeilen.
Der Träger dieses Briefes ist berechtigt auf meine Kosten einzukaufen.
- Iharis
 
Sie nahm die Tasche, erkundete dann die Stadt. Dass sie immer wieder Blicke auf sich zog, verunsicherte sie anfangs, bis sie begriff, dass es nur an der edlen Kleidung lag.
Sie versuchte gar nicht erst zu sparen, kaufte Bücher auf, wählte einige Schmuckstücke, die sie später magisch bearbeiten konnte.
Als es dämmerte, kehrte sie ins Gasthaus zurück, trat in sein Zimmer … und erstarrte. Er war nicht allein, und ihre Mutter hätte es wohl als 'verfängliche Situation' bezeichnet, was sich ihr bot.
Sie zwang sich, keine Gefühlsregungen zu zeigen, erinnerte sich daran, weshalb sie hergekommen war.
„Ich wollte fragen, ob Ihr mich zum Abendessen begleitet.“
Sie drehte sich von den beiden weg. „Aber ich denke, ich esse allein.“
„Sanna, warte.“, hielt er sie zurück, bevor sie die Tür zuschlagen konnte. Sie erstarrte in der Bewegung. „Wenn du willst, darfst du gerne bleiben.“
„Darf ich auch gehen, Lord Iharis?“ Sie betonte den falschen Namen, wusste, dass die Bitterkeit nicht ganz verborgen blieb.
„Natürlich.“
Sie sah aus dem Augenwinkel, wie er der anderen übers Gesicht strich, wie er es sonst bei ihr tat. Sie flüchtete förmlich, irrte durch die Gassen, bis sie ein Gasthaus fand, in dem sie etwas zu sich nahm. Wie konnte er es wagen, eine andere Frau in sein Bett zu lassen? Emae hatte er sie genannt. Er hatte sie wahrscheinlich schon länger gekannt. Und schon länger mit ihr … Sie rammte ihr Messer in den Tisch. Diese Schlampe. Wie konnte sie nur? Wie konnte er nur?
 
„Was hast du getan?“ Seine Stimme zitterte vor Wut. Er zerrte sie in sein Zimmer, warf die Tür ins Schloss.
„Was hast du getan!?“, wiederholte er, schärfer als zuvor.
Sie verkniff sich ein zufriedenes Lächeln, warf einen kurzen Blick auf das Bett, auf dem Emae lag. Der Geruch von Blut hing in der Luft, und sie sah, dass es noch nicht völlig getrocknet war.
„Ich dachte, Ihr habt sie gerne in Eurem Bett.“
„Nicht so!“ Er stieß sie grob gegen die Wand. „Was hast du dir dabei gedacht?“
Ein leises Stöhnen ließ ihn herumfahren.
„I...haris?“ Emae drehte den Kopf, versuchte die Hand nach ihm auszustrecken. Mit schnellen Schritten war er bei ihr.
„Es wird alles gut, Emae. Schlaf.“ Er malte ein Zeichen auf ihre Stirn, deckte sie zu. Langsam, viel zu langsam, drehte er sich wieder zu Sanna.
„Wieso hast du das getan?“
Sie schwieg, bis der Schwur sie zwang zu antworten.
„Weil sie meine Möglichkeit war, Euch ein Opfer anzubieten. Und sie schien Euch zu gefallen.“
„Anbieten? Du legst sie blutverschmiert in mein Bett!“
„Wenn ich Euch gefragt hätte, hättet Ihr nein gesagt.“
„Natürlich! Wie hast du es überhaupt geschafft? Ich hatte dir verboten hier Magie zu benutzen!“
„Wenn jemand zusieht. Ich habe ihr die Augen verbunden.“
Er atmete tief durch. Langsam wandelte sich die blinde Wut in seinen Augen zu kaltem Hass.
„Und du glaubst, es funktioniert? Du glaubst, ich nehme sie mit nach Hause, lasse sie an deiner statt die Hausarbeit machen, fessle sie statt dir auf den Altar? Glaubst du wirklich, dass ich mich von dir manipulieren lasse?“
„Es wäre das Einfachste. Für sie. Ich habe sie auch an mich gebunden. Wenn Ihr Euch Energie von mir holen wollt, wird auch Ihr welche genommen.“
Seine Augen weiteten sich. Sie wusste, dass er den Kreis dafür nicht kannte, dass er noch nicht über die Möglichkeit nachgedacht hatte, das zu tun. Aber sie hatte sich seit Monaten damit beschäftigt, seit sie heraus gefunden hatte, wie sein Ritual funktionierte. Und als sich die Gelegenheit geboten hatte, hatte sie zugeschlagen.
„Geh mir aus den Augen. Ich will dich nie wieder sehen.“
Sie machte einen Schritt rückwärts, bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Sie verlor den Halt, fiel. Der Aufprall war nicht zu spüren im Vergleich zu den Schmerzen, die in dem Moment ihren Körper zu zerreißen versuchten. Sie öffnete den Mund zu einem Schrei, aber kein Laut drang über ihre Lippen. Der Schmerz raubte ihr die Stimme. Ihre Haut schien in Flammen zu stehen, während gleichzeitig unzählige unsichtbare Nägel ihren Körper durchdrangen.
Sie hörte verschwommen seine Stimme, konnte sich nicht genug darauf konzentrieren um etwas zu verstehen. Sie konnte keinen Gedanken mehr ausformulieren, nur der eine Wunsch, dass es aufhörte war noch da. Der Wunsch zu sterben, um der Tortur zu entkommen.
Mit einem Mal war es vorbei. Sie lag auf dem Boden, sah zu ihm auf, traf seinen eisigen Blick. Erst einige Momente später wurde ihr klar, dass er etwas gesagt hatte. „Bleib.“
Alles wurde klar. Der Schwur. Er hatte ihr einen Befehl gegeben, den sie nicht ausführen konnte, ohne einen anderen Teil des Schwurs zu brechen.
„Es tut weh, nicht wahr?“
Sie war zu erschöpft um zu antworten.
„Greif mich an.“
„Bi ...“ Ihr Flehen verwandelte sich diesmal wirklich in einen Schrei, der bald erstarb, während sie sich schmerzerfüllt am Boden krümmte.
Der Schmerz ließ nach, und er stieß sie grob mit dem Fuß an.
„Ja, ich glaube es tut weh.“
Wieder setzte die Folter an, hörte auf, begann aufs Neue.
 
Schwer atmend kam sie wieder zu sich. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber er stand immer noch über ihr, kein Mitleid in ihren Augen.
„Noch einmal?“
Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, ihn anzuflehen.
Er kniete sich neben sie, hob ihr Kinn an.
„Du wirst nie wieder etwas tun, von dem du weißt, dass ich es missbillige. Niemals. Falls doch, werden es mehr als ein paar Minuten.“
Minuten? Es hatte sich wie Stunden angefühlt. Sie schaffte es nicht einmal mehr den Kopf oben zu halten, schlug hart auf den Boden auf, als er ihr Kinn los ließ.
 
Sie wachte auf, als jemand sie sanft schüttelte.
„Geht es Euch gut?“
Sie schüttelte den Kopf, wollte weiter schlafen. Alles tat ihr weh, jede Minute die sie nicht wach war, war ein Segen.
„Ihr solltet nicht auf dem Boden schlafen, Lady Sanna. Was soll Lord Iharis denken, wenn er zurück kommt?“
Sanna öffnete die Augen weit genug, um zu sehen, dass Emae neben ihr kniete. Und sie machte sich Sorgen. Nach allem, was sie ihr angetan hatte. Oder erinnerte sie sich nicht daran? Sie hatte ihr etwas eingeflößt, damit sie die meiste Zeit schlief.
„Es tut mir Leid.“, flüsterte sie.
„Es muss Euch nicht Leid tun. Steht auf, dann bringe ich Euch in Euer Zimmer.“
Wusste sie überhaupt schon, wozu sie sie verflucht hatte? Sie erinnerte sich an jede einzelne Linie, die sie mit Blut auf ihren Körper gemalt hatte. Die Verbindung zu ihr, damit Nariyen nicht mehr nur ihre Energie nehmen konnte. Und der andere Kreis. Die Bindung an ihn, zusammen mit einem Liebeszauber, der Bedingungslosigkeit mit sich brachte. Sie hatte schon Tage zuvor angefangen, Blut von ihm zu sammeln, wenn sie ihm in die Lippe gebissen hatte, wenn sie ihm über den Rücken gekratzt hatte. Es war nicht viel gewesen, aber es war sein Blut. Genug um eine Bindung aufzubauen, die nicht getrennt werden konnte. Und damit war Emae dazu verflucht, ihn zu lieben. Ihr Leben lang.
Sie ließ sich von Emae aufhelfen, stolperte in ihr Zimmer, ließ sich ins Bett fallen.
„Ihr habt wohl zu viel getrunken. Soll ich Euch etwas Wasser bringen?“
Sie schüttelte den Kopf. Wieso musste sie so fürsorglich sein? Sie hatte ihren Hass verdient, keine Freundlichkeit.
 
Sie verbrachte die meiste Zeit in der Stadt, versuchte ihm aus dem Weg zu gehen. Allein der Gedanke, dass er mit einem einzigen Wort unvorstellbare Schmerzen hervor rufen konnte, war genug um sie einzuschüchtern. Und wenn sie ihn sah, war er meist mit Emae beschäftigt, die kaum von seiner Seite wich.
 
„Sanna. Gut dass du hier bist. Komm.“
Er lehnte an der Theke, sprach mit dem Wirt.
„Sie wird sich auch wunderbar mit Sanna verstehen, nicht wahr, Sanna? Es wird ihr gut gehen.“
Er ließ einen Beutel auf den Tresen fallen. „Für Eure Mühen, weil Ihr Euch eine andere Magd suchen müsst. Aber ich bin sicher, Ihr werdet eine finden.“
Er begleitete sie nach oben.
„Pack deine Sachen. Wir brechen in einer Stunde auf.“
„Ihr nehmt Emae mit?“
Er seufzte.
„Ja. Ich kann sie in diesem Zustand nicht hier lassen, ohne meinen Ruf zu ruinieren. Sie bekommt dein Zimmer. Du ziehst ins Turmzimmer. Und ich erwarte nichts anderes als absoluten Gehorsam von dir.“
Sie nickte. An das Turmzimmer erinnerte sie sich nur zu gut, hatte er sie dort doch einige Tage gefangen gehalten, aber sie musste sich eingestehen, dass es schlimmer sein konnte. Und sie hatte jahrelang ohne ein Bett geschlafen, zu der Gewohnheit konnte sie auch wieder zurückkehren.
Ab jetzt konnte es nur noch besser werden. Sie hatte einen Weg gefunden, ihre Jugend zu behalten. Und sie war sich sicher, dass sie alles ertragen konnte, was er für sie bereit hielt. Sie würde die Magie meistern. Und sie würde es schneller tun als er für möglich hielt.
 
 
 
Als sie die Küche betrat, saß er am Tisch. Sie blieb in der Tür stehen.
„Ich werde gehen.“
Er nickte. „Ich weiß. Aber iss erst noch etwas.“
Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber, dann lächelte sie. „Zehn Jahre sind eine lange Zeit.“
„Ansichtssache. Weißt du schon, wohin du willst?“
„Nein. Ich werde einfach los laufen und sehen, wohin ich komme.“
Jetzt war es an ihm zu lächeln. „Du bist begabt. Du wirst überall Fuß fassen können.“
„Danke, Meister.“ Es war das erste Mal, dass keine Ironie in ihren Worten mit schwang. Dann stand sie auf, schulterte die Tasche mit den Besitztümern, die sie mitnehmen würde. Das Buch mit ihren Notizen, einige Schmuckstücke auf denen Kreise eingeritzt waren, um sich zu verteidigen. Ein paar Alltagsgegenstände.
„Lebt wohl.“
Er zog sie in seine Arme. „Du auch.“
Sie glaubte es selbst nicht, als sie durch den Garten ging, auf das Tor zu. Sie war frei. Er ließ sie ziehen. Nach all den Jahren konnte sie endlich tun, was sie wollte. Als sie durch das Tor trat, nahm sie eine Bewegung zu ihrer Linken wahr, wirbelte herum, lachte dann leise. Nur ein Pferd, das dort angebunden war. Ein Pferd? Sie trat näher, entdeckte einen Zettel, der halb in einer Satteltasche steckte.
'Pass auf dich auf, Sanna.'
Sie drehte sich zur Burg um. „Danke.“, murmelte sie. Dann stieg sie in den Sattel, machte sich auf den Weg. Sie sah kein einziges Mal zurück, wusste, dass sie die Burg nie wieder sehen würde.

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Kommentare

Bild des Benutzers canis infernalis

Super geschriebene Fantasy!
Aber schau sie dir noch mal an - kann es sein, dass im Teil mit Emae etwas fehlt?
Und mir persönlich war etwas zu wenig Erotik drin. Aber ich gebe zu, dass es sich um den Abschluss eines Mehrteilers handelt, in dem Sex nicht mehr die Hauptrolle spielt.
Sonst: wirklich sehr gut geschrieben, volle 6 Kreise!

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Bild des Benutzers Realitätsfremd

Danke für den Hinweis. Wirklich viel gefehlt hat nicht, vielleicht habe ich nur einfach etwas undeutlich beschrieben, was ich meinte. Aber dafür hab ich noch nette Formatierungszeichen von libreoffice gefunden *schimpf*
Danke für das Lob :)

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Bild des Benutzers Yellow

......war das und ich werde gerne wieder von vorne anfangen.
Mir hat deine Welt sehr gut gefallen und du hast mich sanft heraus geholt.

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Bild des Benutzers Niamaren

Es gat sich gelohnt, alle Teile deiner Geschichte anzusehen, es ist immer wieder schön, wenn man merkt, wie viel Aufwand und Liebe ein Autor seiner Geschichte geopfert hat, wenn es zu solchen Resultaten führt.
Ich persönlich fand das Ende nun etwas knapp, oder sagen wir: man hätte ihm mehr Platz einräumen können um den Umschwung ausführlicher zu gestalten. Aber gut, ich weiß, wie es mit Enden ist: wenn man sich und der Geschichte keinen Ruck gibt, gibt es keins ;)

Sehr schön fand ich den Plottwist, der Sanna als auf einmal gar nicht mehr so harmloses Mädchen darstellte. Sie wurde nicht nur frei, weil sie Glück und Intuition besaß, sondern weil sie alles dafür gab - sehr gelungener Gedanke.

Insgesamt also: Danke fürs Schreiben!

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