Azurblau III

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Sie hing in den Fesseln. Das Brennen zwischen ihren Beinen erstickte alle anderen Gedanken. Sie hatte das Gefühl, dass der Schmerz sie in den Wahnsinn trieb. Sie brauchte Wasser, sie brauchte Eis. Sie wollte über die Verletzung streichen, kratzen, irgendetwas, und bemerkte erst bei dem Versuch, dass die Fesseln sie noch immer hielten. Alles brannte. Sie biss auf den Knebel. Sie brauchte Kälte. Wieso brannte es immer noch? Wieso hörte es nicht auf? Wieso tat er nichts? Es schien Stunden her zu sein, seit er ihre Beine gefesselt hatte und sie hatte keine Ahnung wo er war. Sie sah nichts. Sie schaffte es gerade so, sich genug zu konzentrieren um festzustellen, dass ihre Sicht von Tränen verschleiert war. Dann drängte sich wieder der Schmerz in den Vordergrund und alles andere wurde unwichtig. Kälte. Eis. Irgendetwas.

„Schhh.“

Sie blinzelte, aber schaffte es nicht, mehr als Umrisse zu erkennen. Sie wollte aufhören zu weinen. Sie wollte die Tränen wegblinzeln, aber sie schaffte es nicht. Sie fühlte, wie die Tränen weggewischt wurden. Wieso konnte sie sich nicht beruhigen? Sie wimmerte in den Knebel. Wieso hörte es nicht auf zu brennen? Sie brauchte Wasser. Kälte.

Dann fühlte sie eine Berührung direkt auf der Verletzung und zuckte zusammen. Warm und feucht. Etwas strich über die Verbrennung. Für einen Moment ebbte der Schmerz ab, nur um dann schlimmer wiederzukehren. Was tat er? Sie versuchte etwas zu erkennen. Er kniete wieder vor ihr und sein Gesicht war viel zu nah an ihrer Scham. Er küsste die Verbrennung, wurde ihr klar. War er verrückt? Er machte es nicht besser. Vorhin hatte er ein nasses Tuch gehabt, warum benutzte er das nicht? Eine weitere Berührung unterbrach ihre Gedanken und ließ sie wieder wimmern. Warum musste es so brennen? Sie wollte nur noch, dass es aufhörte. Sie konnte nicht mehr. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte sich nur noch hinlegen und sterben. Hauptsache es hörte auf.

„Schhh.“

Sie fühlte Berührungen an ihren Wangen. „Sieh mich an, Alma.“ Sie hörte seine Stimme wie durch Watte. Sie versuchte die Tränen wegzublinzeln. Sein Gesicht wirkte so verschwommen. Dann schlich sich die Verbrennung wieder in ihr Bewusstsein und ihre Augen verloren den Fokus.

Als er die Hände von ihren Wangen nahm, ließ sie den Kopf hängen. Sie konnte nicht mehr kämpfen. Sie konnte nur hoffen, dass es besser werden würde. Sie biss auf den Knebel, würgte, wimmerte. Es war zu viel.

Eine Berührung an ihrem Oberschenkel ließ sie aufschreien. Wieso konnte er nicht aufhören, sie dort anzufassen? Hatte er nicht genug angerichtet? Konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Was wollte er überhaupt noch von ihr? Konnte er nicht einfach die Fesseln zerschneiden und sie schänden? Er hatte sie genug zermürbt. Sie würde sich nicht mehr wehren. Sie würde sich unter seiner Berührung winden, aber sie konnte nicht klar genug denken, um sich zu wehren, solange die Schmerzen … sie blinzelte. Es hatte nachgelassen. Sie fühlte Kälte. Sie schloss die Augen und genoss es, schmerzfrei zu sein. Sie fühlte, wie Wassertropfen ihre Beine herab rannen. Er drückte das nasse Tuch fester gegen die Verletzung, dann knotete er es fest. Die Lederbänder schnitten in ihr Fleisch, aber es war ihr egal. Hauptsache es war kühl.

„Schhh.“

Wieder fühlte sie seine Hände an ihren Wangen. Er hob ihren Kopf vorsichtig an. „Sieh mich an.“

Sie blinzelte und sah in seine Augen.
„Schhh.“

Sie ließ sich fallen und versank in diesen blauen Augen.

„Schhh.“

Das Meer umspülte ihre Gedanken. Sie fühlte sich schwerelos, während sie im Wasser trieb. Alles wurde unwichtig. Sie bemerkte nicht mehr, wie die Fesseln sich lösten und sie zu Boden sank.

 

 

 

Erik strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Ihre Augen waren geöffnet, aber sie schien ihn nicht zu sehen. Er hatte es wohl übertrieben. Verdammt. Er hatte einfach viel zu wenig Übung. Aber was brachte es schon, jemanden zu beruhigen, der ihm in die Augen sah? Er hatte noch keine Begegnung auf dem Schlachtfeld gehabt, bei der er die Zeit gehabt hätte. Dafür hatte er sinnvollere Fähigkeiten. Trotzdem war es ärgerlich, dass er sie nicht richtig kontrollieren konnte. Er hätte ahnen müssen, dass sie nicht still dastehen würde. Er hätte sie gleich von Anfang an so fesseln sollen, dass keine Bewegung möglich war. Er hatte ihr grobe Verbände angelegt um die Verbrennungen zu kühlen, aber die Stoffstücke störten das Bild. Gleichzeitig war er sich sicher, dass das der einzige Weg war, um sie halbwegs zu beruhigen. Was sollte er mit einer Frau, die sich nur vor Schmerzen wand und keine seiner Berührungen wahrnahm? Wie ärgerlich.

Er setzte sich auf seine Truhe und beobachtete das Mädchen. Mit etwas Glück wachte sie bald wieder auf. Er drehte einen Apfel in der Hand. Sie sah hübsch aus, wie sie ausgestreckt auf dem Boden lag. So jung und unschuldig. Die Fesseln an ihren Füßen verliehen ihr eine hilflose Note. Als er gerade in den Apfel biss regte sie sich.
Wo bin ich?

Verdammt, er hatte es wirklich übertrieben. Ihr Blick raste durch das Zelt und sie nahm die einzelnen Details auf. Die Feuerschale, die Waschschüssel, seine Rüstung und das Schwert. Das Feuerholz aus den Überresten ihres Dorfes. Dann blieb ihr Blick an ihm hängen.

Wer ist er? Blond, blaue Tunika, die teuer aussieht. Ein Fremder …

Wenigstens konnte sie noch halbwegs klar denken. Trotzdem war es ärgerlich, dass sie sich an nichts erinnern konnte. Er blickte in ihre Augen und suchte nach einem Funken Erkenntnis. Ihr Blick raste zu seinem Schwert, dann zurück zu ihm.

Der Söldner! Er spürte, wie Angst in ihr aufkeimte und lächelte kurz. Vielleicht war nicht alles verloren.

Ich bin nackt. Sie bedeckte ihre Brüste mit den Armen und schob die Beine übereinander, bis er nichts mehr sehen konnte. Er biss ein weiteres Mal in den Apfel. Eigentlich war sie so fast noch hübscher. So verschämt, wie sie sich versteckte, wirkte sie noch begehrenswerter. Er würde der Erste sein, der sie berührte. Er würde der Erste sein, der die weiße Haut küsste. Währenddessen rasten ihre Gedanken. Sie erinnerte sich an alles. Wieder erlaubte er sich ein Lächeln.

Warum lächelt er? Er hat etwas vor. Etwas furchtbares. Er wird mir weh tun, er wird mich schänden, er wird ...Er hat kein Recht dazu!

Er musste sich eingestehen, dass sie bis auf den letzten Punkt Recht hatte.

Warum sitzt er nur da? Will er mich weiter demütigen? Oder warten, bis ich zu müde bin um mich zu wehren? Warum hat er sich überhaupt um die Verletzungen gekümmert? Als sie an die Verbrennungen dachte, erahnte er das schwache Brennen, das noch immer von ihren Oberschenkeln ausging. Aber es würde erträglich sein. Sie würde nicht noch einmal deswegen zusammenbrechen. Er ließ sich Zeit dabei den Apfel zu essen. Er hatte die ganze Nacht Zeit und sie würde nicht weglaufen. Stattdessen beobachtete er fasziniert die Szenarien die sie sich ausmalte. Wie er sich auf sie stürzte und einen grotesk großen Schwanz in sie rammte. Wie er sie zum Strohsack schleppte, sie grob in die Felle drückte. Als würde er riskieren, dass ihr Blut die Felle ruinierte. All ihre Phantasien liefen darauf hinaus, dass er nach kurzer Zeit über ihr zusammenbrach. Nicht wehren, dann ist es schnell vorbei und er verletzt mich nicht zu sehr. Wieder ein Gedanke der falsch war. Wenn er Interesse an einem schnellen Fick hätte, hätte er sich nicht die Zeit genommen, sie zu waschen. Wenn er eine Frau wollte, die nur dalag, hätte er eine der Huren geholt. Er wollte ihre Angst schmecken. Er wollte, dass sie sich unter seinen Berührungen wand. Er wollte es auskosten, wie er ihr Häutchen durchbrach. Er wollte das Blut an ihren Beinen sehen. Er wollte ihren Körper und ihre Gedanken. Er würde nicht zulassen, dass sich ihr Geist in einen dunklen Winkel verkroch.

Er stand auf.
Nein. Er darf mich nicht anfassen. Er darf mich nicht schänden. Er hat kein Recht. Warum bleibt er nicht sitzen? Geh an mir vorbei. Ignorier mich. Ich bin klein und unscheinbar. Tu mir nichts.

Er ließ den Apfelbutzen in die Flammen fallen, dann ging er neben der Waschschüssel auf die Knie.

Schlägt er mich wieder? Oder will er mich nochmal waschen? Was ist das für ein kranker Mensch? Wieso kann er nicht einfach schnell über mich herfallen? Dann ist es vorbei. Nein, das willst du nicht. Vielleicht tut er nichts. Lass ihn seine Spielchen spielen, solange er dich dabei nicht verletzt.

Er wrang das Tuch über den improvisierten Verbänden aus.

Ruhig atmen. Er wird dir nicht weh tun, wenn du ruhig bleibst. Hoffentlich. Und solange er nicht mehr auf so bescheuerte Ideen kommt wie die Verletzungen zu küssen …

Das war wirklich nicht das Sinnvollste gewesen. Er hatte gehofft, dass es so etwas besser werden würde – und die empfindliche Haut an der Innenseite der Oberschenkel zu küssen machte Spaß. So nah an anderen Stellen, aber doch so weit entfernt, dass sie glaubte, er würde sie verschonen.

Er tupfte die restlichen Tränen aus ihrem Gesicht, dann warf er das Tuch wieder in die Waschschüssel. Mit etwas Glück würde sie nicht sofort wieder anfangen zu weinen. Dann strich er mit dem Daumen über ihre vollen Lippen.

Er hat kein Recht dazu! Wieso fasst er überhaupt meine Lippen an? Wieso kribbelt es so … gut? Er ist ein Söldner. Sollte er nicht grob sein? Mir einen ungeschickten Kuss auf die Lippen drücken, während er sich hastig die Hose auszog? Wenn ich mir auf ihre Lippe beiße um die Erinnerung an die Berührung zu verdrängen, sieht er das dann als Zeichen, dass ich mehr will? Oder würde es ihn nur verärgern, weil ich mich ihm dadurch ein Stück weit entziehe? Soll ich es trotzdem tun? Nur um ihm zu zeigen, dass ich mich wehre, und dass er nicht alles tun kann? Ich könnte einfach zubeißen. Er wird mich sowieso schänden, dann kann ich ihm wenigstens auch weh tun … Bin ich schnell genug dafür?

Bevor sie etwas Dummes tun konnte zog er seine Hand zurück. Wie entzückend, was für einen Strudel aus Gefühlen er durch eine so kleine Bewegung auslösen konnte. Trotzdem war es ärgerlich, dass sie über derart unschöne Szenarien nachdachte. Er wollte nicht ständig aufpassen und es konnte immer passieren, dass sie nicht nachdachte, bevor sie handelte. Er sollte sie knebeln.

„Steh auf.“

Ich sollte es nicht tun. Wenn ich stehe wird er mich wieder fesseln. Und dann bin ich wieder völlig ausgeliefert. So habe ich zumindest etwas Bewegungsfreiheit der Hände. Ich könnte ihn noch wegstoßen. Ihn schlagen.

„Ich ...“, begann sie unsicher.

„Lüg mich nicht an.“, unterbrach er sie.

Verdammt. Er ist wirklich gut darin, mich zu durchschauen.

Er lächelte. Wenn sie nur wüsste, wie gut er darin war.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mit den gefesselten Füßen schaffe.“, flüsterte sie.

„Versuch es.“

Er stand auf und beobachtete, wie sie mit etwas mehr Mühe versuchte, es ihm gleichzutun.
Verfluchter Dreckskerl. Bastard. Er hat wohl Spaß daran, mich zu demütigen.

Sie verlor zweimal den Halt, bis sie es schaffte auf wackligen Beinen zu stehen und sich gegen den Zeltmast zu lehnen. Er genoss den Anblick für einen Moment, bevor er ihre Arme wieder nach oben zog. Dann legte er die Hand an ihre Wange und verharrte mit dem Daumen einen Fingerbreit vor ihren Lippen.

„Du bist gefesselt. Was glaubst du wird geschehen, wenn du mich beißst?“

Wie kommt er auf die Idee eine solche Frage zu stellen? Liest er meine Gedanken? Sie beäugte ihn misstrauisch. Wenn du meine Gedanken lesen kannst, Dreckskerl, dann solltest du dich jetzt wohl beleidigt fühlen. Söldner. Bastard. Erbärmlicher …
„Das ist keine Antwort.“

Liest er wirklich meine Gedanken? Wie kommt er sonst auf die Idee, dass ich ihm den Finger abbeißen will? Er hat es verdient. Aber was wird passieren, wenn ich es tue? Ich bin immer noch gefesselt. Und es würde ihn nur verletzen, nicht umbringen. Er würde wütend sein. Und was er danach mit mir macht will ich nicht wissen.

Er lächelte. Sie hatte verstanden.

Sein Lächeln wirkt so freundlich und unschuldig. Wie schafft er das nur? Und wieso ist er plötzlich so nah?

Sie wich zurück so weit die Fesseln es zuließen, aber das störte ihn wenig. Er lehnte sich gegen sie und drückte sie dabei gegen den Pfosten.

Er wird mich anfassen! Er darf es nicht. Warum ist er so nah? Ich muss hier weg. Aber wohin?

Er strich durch ihr Haar. Noch immer hing der Geruch von Rauch darin, aber das störte ihn wenig.

Er darf es nicht, er darf es nicht, er darf es nicht!

Seine Finger wanderten weiter zu ihrem Nacken und verkrallten sich dann sanft in ihren Haaren. Sie sah verängstigt zu ihm auf. Er beugte sich ein Stück zu ihr herunter um sie zu küssen.

Stell dir vor, du bist weit weg. Stell dir vor es wäre nie passiert. Stell dir vor es ist Tobias. Stell dir vor … Das konnte nicht der Söldner sein. Warum sollte er mir einen sanften Kuss auf die Lippen hauchen um dann wieder von mir abzulassen? Es musste ein Albtraum gewesen sein. Es ist Tobias, der mich gerade wachküsst.

Ts. Was sollte der Bauerntölpel von Verlobtem schon vom Küssen verstehen? Es würde ihn nicht wundern, wenn die beiden nicht einmal so weit gekommen waren, so wie sie sich zierte. Er löste den Kuss und wartete ab. Sie öffnete mit einem Lächeln die Augen. Als sie ihn erkannte, gefror das Lächeln auf ihrem Gesicht. Er genoss die Angst, die über ihre Gedanken schwappte. Dann traf er eine Entscheidung.

„Guten Morgen, Prinzessin.“

Dieser Tonfall. Er will mich ärgern. Er will … er weiß es. Er weiß, was ich denke.

„Richtig.“

Das kann nicht sein. Das ist unmöglich! Er muss es erraten haben. Ich muss weg. Er ist viel zu gefährlich. Wenn er wirklich meine Gedanken lesen kann … Nicht nachdenken. Wenn er meine Gedanken lesen kann, darf ich an nichts denken.

Er lächelte. Das versuchte jeder, der erahnte, was er konnte. Bisher hatte es noch niemand geschafft, ihm Informationen vorzuenthalten.

„War das dein erster Kuss?“

Ja. Nein! Nein! Er hat kein Recht, das zu wissen! Wenn ich mir vorstelle, wir Tobias mich küsst, dann glaubt er vielleicht…

„Nein.“, murmelte sie.

Es kann immer noch sein, dass er nur gut rät. Das glaubst du doch selbst nicht! Wie soll ich mich nur gegen jemanden wehren, der weiß, was ich plane? Au!

Er riss ihren Kopf grob nach hinten.
„Ich habe dir gesagt du sollst mich nicht anlügen.“

Er wird mir weh tun. Nicht schon wieder. Wird er mich verbrennen? Oder schlagen? Ruhig atmen. Es wird weh tun. Wie soll ich ruhig atmen? Warum lässt er meine Haare nicht los? Warum ist er so nah? Er wird mir weh tun … Bitte tu mir nichts. Wenn du meine Gedanken lesen kannst, lass mich in Ruhe. Bitte tu mir nichts. Ich habe Angst. Ich will nicht. Verdammt, ich fange gleich an zu weinen. Das darf er nicht sehen!

Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Sein Blick strich über ihren Körper. Sie war hübsch. Es wäre eine Schande, ihren Körper zu verunstalten, bevor er die Gelegenheit hatte, ihn zu besitzen. Dann ging er in die Knie und löste die Fesseln an ihren Knöcheln.
Er kann schon wieder zwischen meine Beine sehen! Ich sollte dem Dreckskerl ins Gesicht treten. Wenn ich nur fest genug zutrete, wird er vielleicht bewusstlos und ich kann mich befreien …

Er schnaubte. „Viel Glück dabei.“

Verdammt, ich sollte nicht daran denken, wie ich ihn ausschalten kann. Ich muss handeln bevor er etwas mitbekommt. Nein, nein, nein. Ich plane nichts. Ich werde dir nichts tun, wenn du mir nichts tust. Warum hat er eigentlich die Fesseln gelöst? Er hat etwas vor. Er wird mir keine Pause gönnen. Dieser Bastard. Ähhh… Söldner. Ich habe Söldner gedacht! Ich werde nicht mehr schlecht von dir denken, wenn du mir nicht weh tust. Versprochen!

Wie niedlich. Er lockerte das Seil, das ihre Hände hielt.

Was zur Hölle hat er vor? Er legt es doch darauf an, dass ich ihn angreife, oder? Hat er gedacht, dass ich hinfalle, wenn er das Seil löst? Ich werde stehen bleiben, und wenn er mi … Ich meine … ich werde dir nichts tun, wenn du mir nichts tust. Wir könnten darüber verhandeln, was ich für die tue, wenn du mich dafür gehen lässt? Was tut er?

Er blendete ihre Gedanken größtenteils aus, während er seine Truhe in die Mitte des Zeltes zog. Warum musste das verdammte Ding so schwer sein? Als das Möbelstück direkt vor Alma stand, setzte er sich darauf.
Er will wirklich reden. Wir können über alles verhandeln. Kann ich ihm anbieten, zu nähen? Wird er mir glauben, dass ich gut darin bin?

Er winkte sie ein Stück zu sich und genoss, wie sie versuchte, ihren Körper mit den gefesselten Händen zu bedecken, während sie einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu machte.
Was will er? Sei still. Ich sollte ihn zuerst sprechen lassen. Verhandeln. Ich habe viele Fähigkeiten, die ich anbieten kann. Mehr als nur meinen Körper. Ich kann nähen. Ich kann kochen. Naja, gut genug. Ich kann …

Er streckte die Arme nach ihr aus. In dem Moment in dem er ihre Taille berührte wich sie einen Schritt zurück.
Fass mich nicht an! Er darf mich nicht berühren. Ich bin nackt. Er darf mich nicht sehen. Er darf mich nicht … Oh verdammt, er sieht wütend aus. Ich muss hier weg.

Er könnte sie beruhigen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob es sich lohnte. Dann zog er sie an dem Seil zu sich.
Bitte nicht, bitte nicht. Er wird mir weh tun. Tu mir nichts. Bitte nicht. Ich will nicht. Ich will weg. Er ist viel zu nah. Fass mich nicht an. Tu mir nicht weh. Bitte.

Man konnte fast denken, dass er sie gefoltert hatte, so wie ihre Gedanken rasten. Sie versuchte ihm auszuweichen, als er die Hände an ihre Taille legte, aber diesmal hielt er sie fest genug um eine Flucht zu verhindern. Dann zog er sie zu sich. Dafür, dass sie die ganze Zeit daran dachte mit ihm zu verhandeln wehrte sie sich ziemlich. Hätte er nicht gewusst, wann sie versuchte nach ihm zu schlagen, hätte er es wohl nicht geschafft, sie auf seinen Schoß zu ziehen. So hatte er es schnell geschafft, mit einem Fuß auf das Seil zu treten, das ihre Hände hielt. Als sie schließlich über seinen Beinen lag, schlug er auf ihren Hintern.
Er legt mich übers Knie. Nicht ernsthaft. Das ist nur ein Scherz. Ich dachte er will … Er hat noch seine Hose an, du Trottel! Er ist stärker als ich. Es macht gerade keinen Sinn, mich zu wehren. Will er mich einfach nur wieder wegen der Lüge schlagen? Kann das alles sein? Vielleicht lässt er mich danach wieder in Ruhe. Atmen. Was zur Hölle tut er? Warum streichelt er über meinen Hintern? Das darf er nicht! Fass mich nicht an, verdammt!

Er ließ sich Zeit und beobachtete fasziniert ihre Gedanken. Sie schien es tatsächlich zu bevorzugen, wenn er zuschlug. Sobald er vorsichtig über die gerötete Haut strich steigerte sie sich wieder in ihre Vergewaltigungsphantasien hinein. Interessant, dass das für sie schlimmer war, als die eigentliche Bestrafung. Noch. Als er fester zuschlug, änderten sich ihre Gedanken. Es dauerte nicht lang, bis der Schmerz überwog und sie über jede Pause dankbar war. Sie hatte angefangen, bei jedem Schlag zu schreien, was ihre eigentlich Gedanken etwas übertönte. Seine Finger strichen über die gerötete Haut.

Nicht nochmal. Tu mir nicht weh. Bitte tu mir nicht weh. Hör auf mich anzufassen. Ich will nicht.

Er genoss das Echo des Schmerzes, das er mit jeder Berührung erahnte. Er würde diese Nacht noch jede Menge Spaß haben.

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Ich hoffe sehr, dass ihre Gedanken in kursiv gut von seiner Sicht unterschieden werden können. Das Ganze war mal ein kleines Experiment, wie gut ich zwei verschiedene Gedankengänge möglichst gleichzeitig darstellen kann. Ich hoffe, es ist nicht zu verwirrend.

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Kommentare

Bild des Benutzers Sagira

Das bin ich. Für ein Experiment ist es dir hervorragend gelungen. Ich finde es klasse ihre Gedanken mit zu erleben und so praktisch beide Seiten zu erleben. Ich bin gespannt wie alma sich weiter schlägt. Sie ist noch immer sehr von der Vergewaltigung eingenommen die irgendwann geschehen soll. Ich find's aber super das er sich Zeit lässt und eben nicht wie ein wildes Tier über sie drüber rutscht.
Auch seine Handlungen gefallen mir gut. Auch das er ihre Gedanken lesen muss um sich selbst besser darzustellen. Um schneller als sie zu sein. Gibt einfach vieles was mir hier dran gefällt und ich hoffe natürlich bald mehr zu lesen.
Lieben Gruß,
Sagira

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Bild des Benutzers Realitätsfremd

wenn er sich einfach nur kurz auf sie stürzt. Ob ihr das nicht lieber wäre (oder auch objektiv gesehen viellicht besser wäre), ist eine andere Sache. Aber einen einfachen Söldner darzustellen, der nur das im Sinn hat, wäre irgendwie zu plump für meinen Geschmack.

Ich werde weiter mit beiden Blickwinkeln experimentieren - mal schauen, was der nächste Teil so bringt.
 

 

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Bild des Benutzers Cassilda

whow. ich hab beim Lesen fast vergessen, zu atmen. Gedankenleser, das ist interessant und eröffnet noch spannende Möglichkeiten.

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Bild des Benutzers Felicia

Wow, die Idee mit dem Gedanken lesen finde ich total spannend... aber auch gruselig. Hast mich mit dem Teil auf jeden Fall wieder voll mitgenommen, saß die ganze Zeit beim Lesen und auch danach noch da und hab fieberhaft darüber nachgedacht, wie man nicht nachdenkt und was ich in der Situation tun würde :D Bin schon gespannt wies weitergeht und da ich keine Gedanken lesen kann, begnüge ich mich mit dem Warten auf den nächsten Teil :D

Grüße feli

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Bild des Benutzers Realitätsfremd

Natürlich ist es gruslig. Man ist so völlig ungeschützt und kann sich nicht einmal in irgendwelche heilen Welten zurückziehen. Und bisher war er noch ziemlich tolerant und hat ihr ihre Gedanken nicht übel genommen, solange sie ihn nicht verletzen wollte.
Aber genau das macht für mich den Reiz aus - wenn nur der Körper ausgeliefert ist, kann man immer noch einfach darauf hoffen, dass es schnell vorbei ist.
Und glaub mir, das Warten auf den nächsten Teil ist sinnvoller, du willst meine Gedanken beim Schreiben nicht lesen (wie beschreib ich das? Nicht nur optisch, alle Sinne. Was tut sie? Wie reagiert er? Ist das logisch? Wenn er anders reagiert, macht ihre Reaktion wieder Sinn? Halt, das ist nicht schön beschrieben, ich lösch lieber wieder alles...) ;)

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Bild des Benutzers Campanula

Hallo Realitätsfremd,

deine Geschichte gehört zu denen, die ich hier regelmäßig lese. Dass ich so lange nicht kommentiert habe, hatte private Gründe, soll sich aber auf jeden Fall ändern. Mit großem Interesse verfolge ich die Szenerie, die du hier entwirfst. Mir gefällt der langsame, spannungsvolle Tanz, den du zeichnest, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob dieser Perspektivenwechsel mir so behagt. Er kommt sehr plötzlich, abrupt und ohne innere Not. Und er nimmt dem Fremden ein Stück weit sein Geheimnis. Ich frage mich, ob es nicht reizvoller gewesen wäre, sie - und damit die Leser - seine Gabe rein aus dem beobachteten Geschehen heraus nach und nach erschließen zu lassen. Ich zum Beispiel hatte diese Fährte noch längst nicht eingeschlagen, was auch daran liegen mag, dass ich an sich nicht so ein ausgeprägtes Faible für Fantasy habe.

Davon abgesehen bin ich mir nicht so sicher, ob das Gedankenlesen derart stringente Sätze produzieren würde. In meinem Kopf jedenfalls sieht es keinesfalls immer so geordnet aus. Da geht es sehr viel sprunghafter und assoziativer zu, die logischen Gedankengänge werden immer wieder durchbrochen von Erinnerungsfetzen, der Wahrnehmung von Außenreizen oder sonstigen Ablenkungen. Mein Hirn formuliert nicht unbedingt in formschönen Sätzen, da gibt es Bruchstücke, Schlagworte, angefangene Gedankengänge, die nicht vollständig zu Ende geführt werden. Insofern glaube ich nicht, dass Gedankenlesen den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgt wie ein Dialog.

Aber das sind natürlich nur meine Überlegungen. Lass dich davon bitte nicht stören, sondern schreib deine Geschichte weiter, so wie es dir richtig erscheint. Meine weitere Aufmerksamkeit ist dir sicher! Ich bin neugierig, wie es weitergeht.

Herzliche Grüße,

Campanula

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Bild des Benutzers Realitätsfremd

Ich muss tatsächlich gestehen, dass ich dir in dem Punkt recht gebe, dass der Perspektivenwechsel sehr plötzlich war. Der Grund liegt an einem kleinen Problem, das bei mir viel zu oft auftaucht: Ich wusste nicht, wie ich weiterschreiben soll. Ich hatte schon einige mögliche Fortsetzungen aus ihrer Perspektive, bin aber immer nach ein paar Absätzen stecken geblieben und überhaupt nicht weitergekommen - da hilft manchmal dann nur ein Perspektivenwechsel um einen anderen Blickpunkt zu beleuchten. Da die Geschichte eigentlich auch nicht auf eine längere Reihe ausgelegt ist (eigentlich hatte ich während dem Schreiben gedacht, dass ich in Teil 3 schon ein Ene hinkriege, mal schauen, ob es bei Teil 4 klappt) wollte ich das Geheimnis auch nicht zu lange herauszögern. Und wie gesagt, es ist ein Experiment. Ein Test, wie ich zwei Gedankengänge gleichzeitig darstellen kann um verschiedene Gefühlswelten gleichzeitig zu beleuchten - etwas, das ich unbedingt ausprobieren wollte.
Dass die Gedanken an sich sehr ausformuliert sind, ist ein Stilmittel, vergleichbar mit Diaglogen die in Geschichten vorkommen. Wenn man sich Dialoge aus einer Geschichte anschaut, kann man sich gut vorstellen, dass diese so tatsächlich passieren. Schaut man sich Filme an, in denen Dialoge eins zu eins aus einer geschriebenen Geschichte übernommen werden, klingt es komisch und gestellt (als bestes Beispiel dafür nenne ich mal Fahrschul-Lehrvideos). Reale Kommunikation ist meist sehr viel abgehackter, voller Wiederholungen, voller 'ähms' und voller sinnloser Floskeln. Die Abbildung eines solchen Dialogs klingt beim Schreiben aber falsch und plump. Ich habe das selbe Prinzip bei seinem Gedankenlesen angewandt. Er nimmt mehr wahr, er sieht Bilder, er hört ihre Erinnerungen, er riecht den Rauch, er spürt ihre Schmerzen. Aus allen Eindrücken interpretiert er Sätze, die dann klar genug sind, um sie dem Leser vorzusetzen. 

Vielen Dank für den Kommentar, Campanula. Ich werde in folgenden Geschichten versuchen, Geheimnisse länger zu wahren :)

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