Chitin - Teil 4

 

Zwölf

Das Volk wartete ungeduldig. Zwei volle Thet-Perioden waren nun vergangen, ohne dass die Monster wieder diese besonderen Wellen abgestrahlt hätten, nach denen der ganze Bau so sehr verlangte. Zwar nahm das Lochwesen den Stab des Anderen manchmal in seine Kopföffnung, aber es kam nicht zu diesen rhythmischen Bewegungen. Möglicherweisen verstanden die Wesen einfach nicht, was das Volk von ihnen erwartete. Sie verloren ihre Aktivität, und ihre Oberflächen wurden wieder matt und eingesunken. Es war offensichtlich, dass ihnen das Wasser fehlte. Wenn nur irgendeine Kommunikation möglich gewesen wäre! Aber die Ungeheuer reagierten kaum auf Gesten und Pheromone, und überhaupt nicht auf die Kollektivprojektion. Sie wirkten wie niedere Lebewesen, die sich rein instinktgetrieben verhielten. Die Frage, wie derart lebensuntüchtige Geschöpfe überhaupt existieren konnten, blieb weiterhin unbeantwortet. Man müsste sie in ihrem natürlichen Umfeld studieren. Aber wie mochte das aussehen? Und wo mochte das sein? Ihr fliegender Bau war ja leider zerstört.

Jedenfalls würde man gar nichts erreichen, wenn die Monster vertrockneten. Also empfahl die Biologin, ihnen zunächst eine kleine Menge Wasser zu geben und mehr, wenn sie ihre Aktivitäten wieder aufnahmen. So brachten Soldatinnen zwei Behälter mit Wasser. Eigentlich hatte die Biologin gedacht, dass jedes von ihnen den Inhalt eines Behälters absorbieren würde, aber tatsächlich nahm das Stabwesen beide und leerte sie hastig. Das Lochwesen hatte seine Hinterextremitäten zusammengefaltet und bewegte sich erst, als das andere ihm einen Behälter überließ. Matt streckte es seine Tentakel aus und bewegte die Schale zu seiner Kopföffnung. Offenbar versuchte es, sich an den verbliebenen Wasserresten zu laben. Schnell empfahl die Biologin, mehr Wasser zu bringen, und so geschah es. Doch wie sollte man weiter vorgehen? Wenn man den Monstern kein Wasser gab, würden sie sterben. Aber wie konnte man sie dazu bringen, in Konjunktion zu gehen, um diese besonderen Schwingungen auszusenden?

Der Kollektivintellekt des Volkes arbeitete unermüdlich an der Strukturierung und Klassifizierung des Erlebten. Ein Begriff wie Konjunktion war natürlich nicht als solcher abgelegt oder irgendwo gespeichert. Es war ein Symbol. Ein einfacher Schlüssel, der denjenigen Teil des Kollektivgedächtnisses öffnete, der alles bisher darüber Gelernte enthielt, wie das Stabwesen und das Lochwesen sich verhielten, bevor, während und nachdem sie diese Schwingungen aussandten.

Gebannt wartete das Volk, nachdem die Monster sich gelabt hatten, auf die nächste Konjunktion. Doch es musste sich gedulden. Zunächst erhob sich das Stabwesen und begann seinen seltsamen Tanz, den es schon einmal aufgeführt hatte: Es eilte zu den Soldatinnen, die den Wächterkreis bildeten, berührte diese mit schnellen, ruckartigen Bewegungen der vorderen und dann der hinteren Extremitäten am Kopfschild, bevor es wieder weg eilte und denselben Tanz bei einer anderen Soldatin aufführte. Beinahe hätte man dieses Verhalten als Aggression deuten können, doch dafür war es zu harmlos. Bedrohlicher erschien da schon der Wasserangriff. Das Stabwesen spritzte diesmal sein Wasser direkt auf den Kopf einer Wächterin. Diese zog sich blitzschnell einen Schritt zurück und hob drohend ihre Mandibel. Die Biologin setzte ihr gesamtes Charisma ein, um die Soldatinnen daran zu hindern, das angreifende Monster zu zerfetzen.

Immerhin: Der Angriff brachte wieder neue Erkenntnisse: Das Wasser des Monsters war von anderer Art als das, was man ihm gebracht hatte. Es roch anders und sah auch anderes aus. Das Wesen musste das Wasser transformiert haben. Allerdings blieb der Zweck dieser Transformation unklar.

Das Lochwesen schien erkannt zu haben, dass dem Stabwesen Gefahr drohte, denn es eilte zu ihm und zerrte es in die Mitte der Arena. Die Biologin konnte die Handlungen, die schlecht strukturierten Basisschwingungen und die Körpersprache der Monster immer besser deuten. Das Lochwesen zeigte Angst, das Stabwesen wohl Aggression. Auch diese Erkenntnisse gelangten in den Kollektivintellekt: Die fremden Geschöpfe waren wohl nicht zu echter Kommunikation fähig, aber sie hatten doch rudimentäre Verständigungssysteme, die auf Bewegungen, Gerüchen und Absonderung von Flüssigkeiten basierten. Außerdem schienen sie manchmal Luftschwingungen unterschiedlicher Frequenz zu erzeugen, die ebenfalls eine niedere Form der Kommunikation sein mochten. Die Biologin konnte diese Schwankungen des Luftdrucks an ihren empfindlichen Antennen fühlen, aber keine Struktur darin erkennen. Sie hatte auch festgestellt, dass oft gleichzeitig die oberen Extremitäten oder die Mundöffnung der Monster bewegt wurden. Möglicherweise handelte es sich bei den Luftdruckwellen also um eine Art Begleiterscheinung einer noch unerklärlichen Gestensprache. Es wurde immer deutlicher, dass man diese Wesen genauer studieren musste, bevor man sie sterben ließ. Wenn nur der Winter nicht so nah wäre!

Da – Hel war gerade unter dem Horizont verschwunden und die Ktck verdeckten den Himmel, da sandte das Stabwesen seine Konjunktionsschwingungen aus, und sein Stab begann, sich zu heben. So hatte es immer begonnen. Das Volk wartete atemlos. Tatsächlich: Das Stabwesen bewegte sich unsicher und tastend – offenbar konnte es bei Thet wirklich nichts sehen – auf das Lochwesen zu. Kaum hatte es seinen Gefährten gefunden, umschlang es dessen Thorax mit seinen Tentakeln. Nach kurzem Hin und Her stand das Lochwesen mit allen vier Extremitäten auf dem Boden, mit dem Leib horizontal darüber. Auf diese Weise wirkte das Monster in gewisser Weise normaler, als in seiner sonstigen, unnatürlichen Haltung nur auf den hinteren Extremitäten.

Das Stabwesen nahm eine ähnliche Haltung ein, legte aber seine vorderen Tentakel auf den Rücken des Lochwesens. Dann schob es sich nach vorne und führte seinen Stab in die Öffnung des Anderen, wo es die bekannten Oszillationen begann. Und wieder wurden die Konjunktionsschwingungen beider Ungeheuer immer heftiger, bis die des Stabwesens endlich in der bekannten Explosion kulminierten, die dem Volk dieses seltsame Gefühl des kollektiven Glücks und der Wärme bescherten. Eilig empfahl die Biologin, Nahrung zu bringen. Besonders die Kcir Früchte, welche den Wesen so gut geschmeckt zu haben schienen. Sie brachte die zwei Früchte persönlich zu den Fremden und zerschnitt beide in der Mitte, da die Ungeheuer dazu offenbar zu schwach waren. Dann zog sie sich wieder zurück.

Blind tastend näherten sich die Weichwesen der Nahrung, und als sie diese endlich gefunden hatten, begannen sie hastig zu fressen. Die Biologin ließ auch Wasser herbeibringen, und zog sich dann zurück. Ein kollektives Gefühl der Befriedigung erfasste das Volk, als es in die Ruhephase übertrat. Auch die Monster stellten ihre Aktivitäten ein.

Kurz vor Hel geschah etwas Ungewohntes: Die beiden Wesen schienen einen Kampf aufzuführen. Das Stabwesen schlug seine Tentakel heftig gegen den Kopf und den Podex des Lochwesens, das an den getroffenen Stellen warm erstrahlte. Wellen der Aggression gingen von beiden aus, und erregten die Soldatinnen. Nur mühsam konnte die Biologin sie davon abbringen, die Monster zu vernichten. So nahe am Bau weckte Aggression sofort den Verteidigungstrieb.

Doch plötzlich wurde das Lochwesen still. Das Stabwesen bewegte sich ebenfalls langsamer. Schließlich schob es nicht den harten Stab, sondern seine Tentakel in das Loch des Anderen. Und dieses begann, Konjunktionsschwingungen auszusenden! Nach einiger Zeit wechselte das Stabwesen die Position und führte doch wieder seinen Stab ein. Beide Wesen sandten nun schnell heftiger werdende Schwingungen aus, und dann, das erste Mal, seit sie in der Gewalt des Volkes waren, kulminierten beide Monster fast gleichzeitig! Die Wirkung auf den Bau war enorm. Die Muskeln aller Glieder bis in die hintersten Verästelungen des Baus kontrahierten im Takt der Schwingungen und noch einige Zeit danach! Der Stoffwechsel aller Glieder und der Königin wurde simultan angeregt. Die Kollektivprojektion synchronisierte im Takt und löschte alle anderen Gedanken aus. Diese Veränderungen führten dazu, dass die Temperatur im Bau fühlbar anstieg, was wiederum die Aktivität der Glieder in Gang setzte, die sonst immer erst begann, wenn Hel am Himmel stand. Eine Schar Soldatinnen wurde ausgesandt, um den Nachbarbau zu überfallen, solange dieser noch in der Nachtträgheit war. Die Biologin aber empfahl dringlich, den Mostern viel Nahrung und Wasser zu liefern.

Und so geschah es: Die Soldatinnen brachten so große Mengen an Monsternahrung, dass diese nicht einmal alles absorbieren konnten, sondern den Rest des Wassers verwendeten, um ihre Oberflächen zu polieren und die Pelze zu waschen. Die Biologin empfand so etwas wie Stolz: Sie hatte recht behalten: Die Monster waren dem Volk von Nutzen!

Die Soldatinnen hatten wirklich leichtes Spiel mit dem Nachbarbau. Niemals bisher war es in der kühlen Jahreshälfte vorgekommen, dass ein kriegerischer Akt bereits vor Hel erfolgt war! Die Verteidigung des Nachbarbaus wurde mühelos überrannt, fast alle Soldatinnen und die Königin wurden getötet. Die Arbeiterinnen wurden versklavt und gezwungen, ihre eigenen Nahrungsvorräte zum Bau des Volkes zu schleppen. Als Hel aufging, war die Schlacht geschlagen. Das Volk würde sicher durch den Winter kommen!

Da geschah etwas Schreckliches: Eine gleißende Hitze raste über den Himmel auf den Bau zu und kam knapp über ihnen zum Stehen. Es war ein Gebilde ähnlich dem, aus dem die Monster gekommen waren, das sich bedrohlich über die Arena senkte, in der die beiden Weichwesen gefangen waren. Geistesgegenwärtig riet die Biologin, sich über die beiden zu stellen. Sie selbst machte den Anfang und stellte sich so, dass das Lochwesen unter ihrem Panzer geschützt war. Andere Glieder stellten sich neben und über sie. Ein Turm von Soldatinnen ragte schließlich über den Gefangenen auf. Und das fliegende Gebilde spie Feuer, in dem viele Soldatinnen vergingen. Aber es kamen immer Neue nach, und schließlich flog das glitzernde Ding wieder davon. Unerreichbar. Die Monster waren beide unverletzt geblieben. Und die Biologin hatte eine Erfahrung gemacht, die das Weltbild des Volkes für immer verändern sollte.

 

Dreizehn

Die Rettungsmission war zu einer fürchterlichen Pleite geworden. Ivan steuerte das Boot kurz nach der Dämmerungszone auf den Zielkurs des ersten Shuttles. Die Nachtvögel, die den Boden vor den Blicken verbargen, gingen nieder, sobald die weiße Sonne über den Horizont stieg. Augenblicklich wurde die Sicht in der trockenen Atmosphäre von New Hope kristallklar, und die öde Wüstenlandschaft breitete sich unter ihnen aus. Dürre, kakteenähnliche Vegetation gab es nur in einem vielleicht zwei Kilometer breiten Streifen entlang eines Flusses, der träge zum einzigen Meer in der Äquatorialzone des Planeten mäanderte. Der von Roger auserkorene Landungsort war leicht zu erkennen: Eine Stelle mit etwas mehr Bewuchs, nahe an einer flachen Biegung des Flusses. Eine Halbinsel, die von einem großen Hügel in der Mitte dominiert wurde. Ähnliche Hügel erhoben sich zu Hunderten und Tausenden weiter im Landesinneren und auf- und abwärts des Flusses. Aus großer Höhe hätte man sie für geologische Formationen halten können, aber beim Niedergehen erkannte man, dass die Gebilde bewohnt waren. Wesen, die man aus großer Höhe für Ameisen halten könnte, rannten in heller Aufregung umher. Allerdings ausgerechnet nur bei demjenigen Bau, der ihr Ziel war. Die anderen Bauten ruhten noch in der Kühle des Morgens. Dicht beim Bau bildeten einige der Ameisen einen Kreis, und im Inneren dieses Kreises konnte man zwei Menschen erkennen. Erst mit dieser perspektivischen Hilfe sah man, wie riesig diese Arthropoden waren: Sie mochten gut zwei Meter lang sein. Die beiden Menschen bewegten sich: Sie blickten nach oben und winkten. Bald war das Shuttle tief genug, um sie zu erkennen: Es waren Gianna und Nardo. Leena öffnete beide Türen der Hauptschleuse, und Ivan steuerte das Boot genau über den Kreis. In diesem Moment stürzten sich die Ameisen auf die beiden Menschen, die bald völlig von den monströsen Insekten bedeckt waren. Ivan richtete die Steuertriebwerke auf die Tiere, so gut er es konnte, ohne die Gefangenen zu gefährden. Die Ameisen verbrannten, wurden aber sofort von nachrückenden Artgenossen ersetzt. Es war hoffnungslos.

»Die Triebwerke überhitzen, ich muss abbrechen!«, rief Ivan durch das Com aus dem Cockpit nach hinten.

»Noch einen Anflug, bitte«, bat Leena.

»Sie sind tot. Willst du auch sterben?«

»Wir haben nicht gesehen, was passiert ist. Lass uns noch einmal nachsehen.«

»Nein.« Er zog die Fähre in einer steilen Kurve nach oben. Leena verlor das Gleichgewicht und rutschte gegen die noch geöffnete Schleusentür hin. Sie war mit dem Halsband und der Leine an der Bordwand befestigt. Nur Ivan konnte den Verschluss öffnen. Und genau in diesem Moment kam ihr die Idee, wie sie ihn dazu bringen würde. Sie schrie laut auf.

»Was ist los?«, fragte Ivan mit entnervtem Ton.

»Ich kann die Außenschleuse nicht schließen! Bin zu kurz angebunden. Ich ersticke!«, gurgelte Leena.

Ivan fluchte laut, schaltete den Autopiloten an, der die Fähre im Geradeausflug hielt und eilte nach hinten. Leena hing bei der offenen Schleuse und wurde offensichtlich nur noch von der Leine gehalten. Sie war dem Ersticken nahe und schaute Ivan verzweifelt flehend an. Immer noch laut fluchend hieb dieser auf den Knopf, der die Außentür schloss. Leena fiel zu Boden, die Hände um ihr Halsband geschlungen, und starrte blicklos zur Decke. Erschrocken löste Ivan das Schloss der Leine und lockerte das Halsband.

In diesem Moment krümmte sich die Kajira katzenartig zusammen, streckte sich im nächsten Moment und versetzte Ivan einen so heftigen Fußtritt in den Genitalbereich, dass er aufschrie, das Gleichgewicht verlor und in die offene Schleusenkammer stürzte. Noch während er dort benommen lag, schlug Leena auf die Notverriegelung der Schleuse, die sich sofort mit einem lauten Knall schloss. Nach kurzem Nachdenken zuckte sie mit den Schultern und betätigte den Schalter, der die äußere Schleuse öffnete. Ohne einen weiteren Blick auf den in die Tiefe fallenden Ivan zu verschwenden, ging sie dann zum Cockpit und schaltete den Autopiloten aus. Sie konnte das Shuttle fliegen. Alle konnten es. Dies hatte zur Grundausbildung gehört. Und die Bedienung war im Grunde auch sehr einfach, solange man sich im Schwerefeld eines Planeten bewegte: Ein Joystick diente der Steuerung, ein Hebel der Geschwindigkeitsregelung. Der Bordcomputer sorgte dafür, dass das Boot nicht in Gefahr geriet, egal, was der Pilot anstellte. Und der Autopilot steuerte die Fähre im Zweifelsfall immer vollautomatisch zum Dock der ›Santa Maria‹.

Leena wendete also und jagte zum Ameisenbau zurück. Doch dort war niemand mehr. Die Ameisen waren im Inneren verschwunden und von den Menschen war keine Spur zu sehen. Leena kreiste und entdeckte einen weiteren Bau ganz in der Nähe, der mit Tausenden von toten, teils völlig zerfetzten Ameisen umgeben war. Was mochte hier geschehen sein?

Als sie beim ersten Bau niederging, um zu erkennen, was sich hinter dem Eingang befand, stürzte sich sofort eine Horde Formiciden in ihre Richtung. Erschrocken gab sie Vollschub. In den vielleicht zwei Sekunden, die die Triebwerke benötigten, um auf volle Leistung zu kommen, hatten die ersten Ameisen das Boot fast erreicht. Im letzten Moment schoss es nach oben und ließ verbrannte Arthropoden unter sich zurück. Leenas Herz klopfte bis zum Hals. Zu frisch war noch ihre Erinnerung, was mit dem ersten Shuttle und seiner Besatzung geschehen war. Gianna und Nardo waren nicht mehr hier. Ivan hatte recht gehabt. Schluchzend glitt sie vom Pilotensitz und rollte sich auf dem Boden zusammen, die Hände um die Knie geschlungen. Sie war allein. Die letzte Überlebende der größten Expedition aller Zeiten.

Der Autopilot registrierte, dass das Shuttle auf Handsteuerung war, aber niemand an den Kontrollen saß, übernahm die Steuerung und flog die Fähre sicher zur ›Santa Maria‹.

 

Vierzehn

Und wieder bekamen die Gestrandeten nichts mehr zu essen und zu trinken. Wieso taten die Ameisen das? Wieso gaben sie ihnen Hoffnung und ließen sie dann tagelang dursten? Gianna versuchte krampfhaft, sich zu erinnern: Dieser verrückte Planet beschrieb irgendeine verrückte Bahn um seine zwei verrückten Sonnen. Das machte die Tage … nein, das machte den Jahresablauf sehr seltsam. Die Tage, also die Perioden, an denen die helle Sonne über dem Horizont stand, waren zurzeit etwa acht Stunden lang. Etwa drei Stunden davon standen beide Sonnen am Himmel, aber man konnte den roten Riesen nicht sehen, weil er vom weißen Zwerg überstrahlt wurde. Sechs Stunden lang beherrschte der rote Riese den Himmel, und hätte bestimmt einen fantastisch spektakulären Anblick abgegeben. Allerdings stiegen immer, sobald die weiße Sonne verschwand, diese seltsamen Vögel auf und bildeten eine undurchdringliche Decke am Himmel. Dadurch waren die Nächte wirklich pechschwarz. Nie hatten zwei Ameisen einander im Sternenlicht ewige Liebe geschworen, und auch die Menschen würden es auf dieser Welt nie tun können. Man sah hier niemals die Sterne.

Die Menschen.

Gianna erwachte aus ihrem Tagtraum. Ja, die Tage waren kurz, eine Umdrehung des Planeten dauerte nur rund fünfzehn Stunden. Aber der weiße Zwerg strahlte grell und heiß, und die Luft war extrem trocken. Die einzigen überlebenden Menschen auf dieser Welt litten Durst! Und die Ameisen wirkten nicht so, als wären sie zu irgendwelchen romantischen Gefühlen fähig. Es waren keine Ameisen, das hatte Leena ihnen vor der Landung erläutert. Ameisen könnten nicht so groß werden. Sie würden entweder unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen, oder ersticken, weil die Tracheen, durch die sie atmeten, nicht in der Lage wären, ausreichend Sauerstoff für einen wesentlich größeren Körper aufzunehmen. Sie mussten also einen grundsätzlich anderen inneren Aufbau haben, als irdische Ameisen. Aber ihr Verhalten war verblüffend ähnlich.

Roger hatte Leena nur zwei Tage Zeit gegeben, die Landung vorzubereiten. Leena hatte getan, was sie konnte und hatte ihre Erkenntnisse nach zwei Tagen vorgestellt. Aber sie hatte darauf bestanden, mehr Zeit zu benötigen, um eine sichere Landung zu ermöglichen. Ihre Renitenz hatte ihr schwere Schläge von Roger und Rob eingetragen, aber sie war hart geblieben. Schließlich hatte Roger beschlossen, dass sie nicht bei der Landungstruppe dabei sein dürfe.

»Roger, wir waren so viele Jahre unterwegs. Es kommt auf ein paar Tage nicht an. Diese Welt ist bewohnt! Das ändert den ursprünglichen Plan. Wir müssen die Bewohner studieren!«, hatte sie es noch einmal versucht. Aber Rogers Entscheidung war gefallen, und die meisten anderen trugen sie mit.

Zu lange waren sie nun auf engem Raum zusammen gewesen. Roger hatte die Mannschaft ja früher als im ursprünglichen Konzept vorgesehen geweckt, um die Frauen zu Kajiras zu dressieren. Aber man konnte nicht ganze Tage mit Dressurübungen verbringen, und auch der geilste Mann konnte und wollte nicht jeden Tag fickend durchbringen. So hatte sich doch Langeweile breitgemacht. Natürlich hatte man genug Filme und Literatur für mehr als tausend Menschenleben an Bord, und natürlich gab es jeden Tag eine Sexparty, für die Roger manchmal sogar den Antrieb abschalten ließ, um Spiele in der Schwerelosigkeit zu ermöglichen. Aber den Leuten fehlte die Bewegung, die frische Luft, die Freiheit. Dazu kam, dass die Schiffsluft allmählich schlechter wurde. Zwar war das Schiff ein fast völlig autarkes Ökosystem, aber eben nur fast. Ein Teil des Sauerstoffs diffundierte durch die Schiffswand, und ein Teil des verstoffwechselten Sauerstoffs konnte nicht regeneriert werden. Auch hier rächte sich Rogers eigenmächtige Änderung des Plans: Zwanzig Menschen hatten einige Wochen lang wesentlich mehr Luft verbraucht, als die Berechnungen es vorgesehen hatten.

Das wichtigste Argument für eine Landung aber war: Der Planet hatte eine sehr ungewöhnliche Umlaufbahn, und alle Projektionen zeigten, dass ihm ein mehr als strenger Winter bevorstand. Wenn sie diesen Winter nicht im Raumschiff verbringen wollten, mussten sie so schnell wie möglich beheizte Wohnmöglichkeiten errichten.

Die Halbinsel am Fluss erschien den Männern ideal für den ersten Stützpunkt der Menschheit auf New Hope: Leicht zu besetzen, leicht gegen Angriffe vom Land her zu verteidigen. Im Wasser schien es keine gefährlichen Lebewesen zu geben: Der Fluss war breit, aber relativ flach, und offenbar nur von kleinen, krabbenartigen und fischartigen Lebewesen bevölkert. Das einzige Problem war dieser eine Ameisenbau gewesen, der mitten auf der Halbinsel thronte. Rogers Plan war einfach: Man würde dicht vor dem Bau landen, die Kampftruppe würde ihn mit Handstrahlern niederbrennen, und die Bautruppe würde gleichzeitig aus Fertigbauteilen eine Barrikade errichten. In weniger als zwei Stunden wäre die Halbinsel eingenommen und gesichert. Dann hätte man sich daran machen zu können, Gebäude für den harten Winter zu bauen.

Das war der Plan.

»Du willst die Bewohner dieser Welt bekriegen, Herr?«, hatte Ricarda einzuwerfen gewagt. Er warf ihr einen finsteren Blick zu und grollte: »Es sind Ameisen, Ricarda, keine Menschen.«

»Sie scheinen die beherrschende Lebensform dieses Planeten zu sein.«

»Ja und? Insekten sind auch die beherrschende Lebensform auf der Erde, wenn man es genau nimmt. Hat uns das je daran gehindert, einen Ameisenbau auszuräuchern?«

Leena versuchte es noch einmal: »Es sind keine Ameisen, Herr. Sie sehen nur so ähnlich aus. Sie sind aber sehr viel größer und stärker. Und sie scheinen nach meinen bisherigen Beobachtungen ein ausgeprägtes Revierverhalten zu haben.«

»Was willst du damit sagen?«

»Wenn wir dicht vor dem Bau landen, werden wir möglicherweise eine sehr heftige Reaktion auslösen. Manche irdische Ameisenarten würden sich in so einem Fall ohne Rücksicht auf Verluste auf jeden Angreifer stürzen.«

»Also sind es doch Ameisen?«

»Sie verhalten sich in gewisser Hinsicht ähnlich, Herr. Ich rate nur zu Vorsicht. Könnten wir nicht vielleicht etwas weiter weg von den Einheimischen siedeln?«

Offenbar hatte Leena aus den Prügeln doch gelernt. Sie formulierte ihre Ansicht jetzt deutlich höflicher und vorsichtiger, als am Vorabend. Doch sie konnte Roger nicht umstimmen: »Es gibt auf diesen verfluchten Staubball dreiundzwanzig größere Ströme, die alle zu dem einen mickrigen Ozean fließen, und je aus einigen Hundert Zuflüssen gespeist werden. Vegetation gibt es nur in der Umgebung der Gewässer, und sämtliche Vegetationsgürtel, soweit wir es bisher gesehen haben, sind voll mit diesen verdammten Käfern. Wir brauchen für unsere Siedlung mittelfristig Zugang zum Wasser. Also werden wir unsere Ansprüche sofort bei der Ankunft durchsetzen und einen Brückenkopf erobern, den wir notfalls auch gegen Angriffe verteidigen können.«

Im Grunde war seine Argumentation durchaus logisch. Er vertraute auf die Titanhülle der Fähre und auf die Handstrahler. Er war letzten Endes eben doch Soldat, ebenso wie Rob und Mauro. Und für Soldaten war der Weg der Gewalt immer der Naheliegendste, zumindest wenn man sich im Besitz der überlegenen Waffen wähnte.

›Verdammt, der Durst macht mich wahnsinnig‹, dachte Gianna, ›ich sollte nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft denken! Wie bekommen wir zu trinken?‹ Nardo schien fast noch mehr zu leiden, als sie. Er rührte sich kaum noch.

Doch da kam plötzlich Bewegung in die Palisade: Eine Ameise kam mit zwei Wasserbehältern! Gianna stürzte sich förmlich auf das Wesen und riss ihm die Schalen aus den Klauen. Dann eilte sie zu Nardo, um ihm eines zu geben. Dieser entriss ihr jedoch beide und stürzte sie hastig hinunter. »Ich bin größer und schwerer als du. Ich brauche mehr Wasser«, erläuterte er danach etwas kleinlaut und reichte ihr die leeren Schalen. Gianna sagte nichts und versuchte, die letzten Tropfen auszulecken. Doch bereits nach kurzer Zeit brachte eine Ameise zwei weitere Behälter. Diesmal durfte Gianna einen davon trinken, sodass ihr ärgster Durst gelöscht war.

Das Wasser hatte Nardos Lebensgeister geweckt. Er erhob sich und begann mit seinem Fluchritual gegen die Ameisen, die Welt und den Gott, der ihn hierher geführt haben mochte. Er machte drohende Gesten gegen die Wächter, und als diese nicht reagierten, begann er sie lauthals brüllend mit Fäusten und Füssen zu traktieren. »Bitte hör auf, Herr«, bat Gianna.

»Du magst diese Viecher wohl, wie? Schau mal, was ich mit deinen Freunden mache!«, höhnte Nardo und richtete seinen Penis auf den Kopf einer der Wächterameisen. Sobald der erste Urinstrahl austrat, erfolgte eine unerwartet heftige Reaktion der bisher völlig bewegungslosen Formiciden, die vor dem pinkelnden Nardo kauerten: Wie vom Blitz getroffen, sprangen sie zuerst einen Schritt zurück, richteten sich dann aber hoch auf und hoben ihre weit aufgerissenen riesigen Klauen. Es war nicht zu übersehen, dass sie nahe daran waren, Nardo zu zerfetzen. Doch sie brachen ihren Angriff ab, sobald der Mann einige Schritte zurückgestolpert war und sich nun selbst bepinkelte. Gianna eilte zu ihm und zog ihn in die Mitte des Kreises. »Sie mögen es nicht, angepisst zu werden«, kalauerte er ungewollt, ließ sich aber ohne Widerstand wegziehen. Dann erinnerte er sich seiner Position: »Leck mich sauber«, befahl er. Der widerspruchslose Gehorsam der Sklavin schien seinem geknickten Stolz zu helfen, denn seine Männlichkeit reagierte auf die Säuberungsbemühungen der Kajira umgehend. Diese hätte in dieser Situation als Allerletztes an Sex gedacht, und ließ den Penis aus ihrem Mund gleiten, um stattdessen seinen Hodensack und dann die Beine sauber zu lecken. Er ließ es zunächst dabei bewenden, und Gianna setzte sich einige Schritte von ihm weg auf den Boden. So blieben sie, bis die Dunkelheit der Nacht hereinbrach. Als man nichts mehr sehen konnte, rief Nardo: »Gianna, komm her, ich will dich ficken.«

»Bitte, Herr. Ich kann jetzt nicht …«, bat die Angesprochene flehend.

»Kajira, ich habe dir einen Befehl gegeben!«

Kurz darauf hatte er sie bereits gefunden, umschlang ihren Leib und drehte sie auf den Bauch. »Willst du mir den Gehorsam verweigern?«, fragte er drohend.

»Nein, Herr«, antwortete sie gepresst, den Mund in den Staub gedrückt. Sie begriff durchaus, dass es ihrem Herrn hier nicht um Liebe, nicht einmal um Befriedigung ging, sondern nur um Dominanz. Er musste seinen gekränkten männlichen Stolz behandeln, indem er sie fickte. Dafür sprach auch die Stellung, die er wählte. Er zog sie hoch, sodass sie in Hündchenstellung war, und drang roh von hinten ein. Anfangs schmerzte es nur, doch Giannas Jugend und Lebensdrang bewirkten, dass sie trotzdem in Fahrt kam, ihr Umfeld vergaß und den Sex genoss, wie sie ihn fast immer genoss. Sie liebte Sex. Natürlich kam Nardo wieder lange, bevor sie so weit war, und natürlich zog er sich unmittelbar nach seinem Orgasmus zurück und wollte in Ruhe gelassen werden.

Da hörte sie ein leises Rascheln. Angestrengt starrte sie in die Dunkelheit. Sie fühlte mehr, als sie es hörte, wie etwas sich näherte. Angstvoll wich sie zurück, bis sie an Nardo stieß, der sie unwirsch zurechtwies: »Lass mich schlafen!«

»Hör doch, Herr! Etwas kommt näher!« Gianna war der Panik nahe. Wenn es nur nicht so finster gewesen wäre!

Da: Ein lautes Schnappgeräusch, etwas fiel zu Boden, und dann wieder ein leises Scharren, das sich diesmal von ihnen entfernte. Und dann breitete sich jener süßliche Geruch aus, der sie an ihr letztes Essen erinnerte. Vorsichtig tasteten beide um sich, und tatsächlich: Sie stießen auf halbierte Früchte derselben Art, die sie schon einmal bekommen hatten! Gierig begannen beide, zu essen. Es war für jeden eine Frucht da, mehr als genug, um satt zu werden. Als sie fertig waren, entdeckten sie, dass unterdessen auch zwei Schalen mit Wasser gebracht worden waren. Gianna trank, soviel sie konnte, denn sie fürchtete, wieder für lange Zeit nichts mehr zu bekommen, aber es blieb doch eine halbe Schale übrig. Diese nutzte sie, um sich ein wenig zu reinigen. Dann legten sich beide nieder, um zu schlafen.

Doch noch vor der Morgendämmerung stieß Nardo seine Sklavin an: »Ich glaube ich weiß, was hier los ist«

»Was meinst du, Herr?«, fragte sie unsicher, noch halb im Schlaf.

»Ich wette, die Biester haben uns fürs Ficken bezahlt! Das hier ist eine verdammte Peepshow!«

Gianna hatte mit einem Winkel ihres Hinterkopfs auch schon so etwas gedacht, aber den Gedanken sofort wieder verworfen. »Das kann doch nicht sein, Herr. Diese Wesen sind viel zu fremdartig, um irgendetwas dabei zu finden, Menschen beim Sex zuzusehen!«

»Ich weiß nicht, warum, aber ich bin überzeugt, dass es genau so ist. Und wir werden das jetzt ausprobieren. Komm!«

»Herr, bitte! Es muss bald hell werden.«

»Das ist egal. Ich denke, die Viecher können sowieso irgendwie im Dunkeln sehen. Hast du nicht gemerkt, wie sicher das Biest uns die Früchte und das Wasser gebracht hat?«

»Ja. Aber bitte, Herr. Lass es uns auf die nächste Dunkelphase verschieben.«

Da war Nardo über ihr und packte sie grob an den Haaren. »Ich habe genug von deiner Insubordination, Kajira!«, knirschte er, riss sie hoch und versetzte ihr zwei harte Ohrfeigen. Dann streckte er seine Beine aus und legte sie quer darüber. Gianna schrie erst überrascht, dann immer gequälter auf, als er systematisch mit der flachen Hand ihren Hintern bearbeitete. Sie zappelte verzweifelt und versuchte, sich zu befreien, aber es war hoffnungslos. Er war ihr körperlich weit überlegen.

Endlich hatte er genug, und das Schlagen wurde allmählich zum Streicheln. Zuerst über den gequälten Po, dann aber auch auf die Oberschenkel, die Innenseite der Oberschenkel, bis fast zu den Schamlippen, aber nicht ganz. So ging er mehrmals hin und her, strich nach oben bis zur Schulter, dem Nacken und dem Kopf, dann wieder nach unten zwischen die Schenkel. Der rasende Schmerz am Po wurde zu einem warmen Glühen, das bis ins Lustzentrum ausstrahlte. Wenn er sie nur endlich dort berühren würde! »Bitte …«, stöhnte sie. Als sein Finger die Pforte dann berührte, raste eine Welle der Lust durch ihren Körper. Ein lautes Stöhnen konnte sie nicht unterdrücken und Nardo, ungewohnt zartfühlend, teilte sanft ihre Schamlippen und massierte ihr Innerstes. Der Schmerz war bald vergessen, sie war nur noch Lust! Doch bevor sie kam, drehte Nardo sie auf den Rücken und legte sich über sie. Er küsste ihren Mund und ihre Brüste und führte seinen Penis in sie ein. Gianna bäumte sich auf, als er sie mit immer heftigeren Stößen zum Orgasmus trieb und fast gleichzeitig abspritzte. Bebend blieben beide noch aufeinander und ineinander liegen, bis sie von lautem Rascheln und Klappern in die Wirklichkeit zurückgeholt wurden. Als sie um sich tasteten, erkannten sie: Die Ameisen hatten große Mengen Nahrung und genug Wasser gebracht, um eine Badewanne zu füllen. »Siehst du«, brummte Nardo und begann zu essen, »Bezahlung!« Im ersten Schimmer der Morgendämmerung wuschen sie sich ausgiebig, sogar für die Haare reichte das Wasser.

Die Ameisen waren unruhig. Man hörte Geraschel und Getrappel von vielen Füßen, aber es war noch zu dunkel, um etwas Genaueres zu erkennen. Und als es hell wurde, passierte etwas Unerwartetes: Das Shuttle der »Santa Maria« kreischte über den Himmel heran, zog einige Kreise und ging dann direkt über ihnen nieder. Gianna und Nardo sprangen auf und winkten: »Hey, Ivan! Hier sind wir!«

Auf einmal wurden sie von hinten gestoßen, gingen zu Boden, und im nächsten Moment waren die Ameisen über ihnen. So viele bedeckten sie, dass vom Himmel nichts mehr zu sehen war. Die Tiere verletzten sie nicht, sondern traten sorgfältig über sie, ohne sie zu berühren. Doch der grausige Ameisenkopf mit seinen furchterregenden Beißwerkzeugen dicht über ihrem Gesicht machte Gianna fast wahnsinnig vor Angst. Nardo hatte mehr Glück, er war mit dem Gesicht nach unten zu Boden gegangen. Verzweifelt hob Gianna die Hände, als die Ameise sich unter dem Druck der auf ihr stehenden Artgenossen immer dichter auf Gianna senkte. Es war dasjenige Exemplar, das kleinere Kiefer, als die anderen Wächter hatte. Aber sie waren immer noch bedrohlich genug. Oberhalb der Kiefer waren mehr als halbmeterlange dünne Fühler. Und zwischen den Fühlern waren weiche antennenartige, verzweigte Gebilde, die sich lebhaft hin und her bewegten. Als Gianna diese tastenden Tentakel wegdrücken wollte, durchfuhr sie ein Blitz.

Bilder, die sie noch nie gesehen hatte, stürmten auf sie ein. Sie blieb Gianna, aber sie wurde auch zu einem Teil des Volkes. Sie sah sich selbst als Menschen und als Monster gleichzeitig. Sie wurde Teil der Kollektivprojektion, ohne mit diesem Begriff wirklich etwas anfangen zu können. Sie verstand, dass das Volk ein Individuum mit Tausenden von unabhängig handlungsfähigen Gliedern war, die über eine Art Telepathie durch die Antennen kontrolliert wurden. Dass die einzelnen Ameisen in Wirklichkeit Sinnesorgane und Hände des Volkes waren und nur wenig eigene Individualität und Entscheidungsspielraum besaßen.

Gianna verstand.

Und sie wusste, dass dasselbe auch in umgekehrter Richtung geschah. Dass die namenlose Biologin Bilder aus ihrem, Giannas, Kopf aufnahm und dem Kollektiv zugänglich machte. Fast alles, was Gianna ausmachte, wurde in dieser Sekunde unwiderruflich Teil des Kollektivintellekts des Volkes.

Natürlich war es ihr ohne weitere Aufforderung klar, dass sie den Ameisen, die jetzt wieder von ihnen herunter geklettert waren, nun in den Bau folgen mussten, damit das Shuttle sie nicht mehr finden konnte. Ein Teil von ihr wollte vom Shuttle gefunden werden, aber es war ihr klar, dass das Volk sie niemals lebend gehen lassen würde. Also nahm sie Nardos Hand und zog ihn, der sich widerstandslos führen ließ, zum Eingang des Baus. Sie bekamen eine Kammer zugewiesen, von der aus man den Himmel nicht sehen konnte, und deren Ausgang von einer einzigen Soldatin bewacht wurde. Die Biologin war weg, und Gianna vermisste sie bereits. Der Kontakt mit dem Volk hatte ihr ein Gefühl der Heimat, des Dazugehörens gegeben, wie sie es in ihrem ganzen bisherigen Leben noch nie gehabt hatte. Und jetzt? Jetzt fühlte sie wieder die unendliche Einsamkeit, in der jeder Mensch steckte, weil Menschen nicht zu Kollektivprojektion fähig waren. Einzig ein gemeinsamer Orgasmus brachte zwei Menschen ein klein wenig von dieser völligen Vereinigung, in der das Volk permanent lebte.

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Kommentare

Bild des Benutzers Raale

was für eine phantastische Entwicklung. Es wird immer noch spannender. Einfach eine Klasse für sich ;-)

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Bild des Benutzers Ro

So haben sich die Menschen die Besiedelung von New Hope garantiert nicht einmal ansatzweise vorgestellt: Als Sex / Lust-  Sklaven für riesengroße Ameisen. Einziger Daseinszweck: Energiegewinnung.
Ich sehe es schon vor mir:  Generationen von Menschen, gehalten in kleinen Kammern, gezwungen zum Sex mit Orgasmuszwang.

*Kopfschüttel* Salomé, sag mal, wie kommst du nur auf so etwas?
*Schulterzucken*  Was für Bücher liest du eigentlich so in deiner Freizeit, damit du auf solche Gedanken kommst? :-P
*Augenbraun hebe*  Wo soll das noch hinführen?

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Bild des Benutzers Salomé - † 2016

...wenn man seine Nase in fremde Ameisenhügel steckt.

@Raale: Danke sehr. Wenn ich nur wüsste, wie ich die Leute da wieder rausholen kann. Hollywood, hilf! Schick Rambo!

@Ro: Ja, ich frage mich auch öfters, was mein krankes Hirn so alles ausbrütet, Aber diese Geschichte hier, die ist voll aus dem Leben gegriffen. So ist es eben auf New Hope, was kann ich dafür?

cool

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Bild des Benutzers Jo Phantasie

wird demnächst direkt in das Fernwärmenetz gespeist. Oh, Wunder, man kann damit sogar Geld verdienen: Wärmekollektorkleidung anziehen, nun gut, die ist ziemlich geschlossen und für jede Extraöffnung muss man natürlich auch die Brennelementesteuer zahlen, aber pro Akt 0,42 €, das lohnt sich auf Dauer ...!

Die ersten Energieberater aus New Hope sind übrigens schon eingetroffen!

Toll, Salomé wird neue Umweltministerin, wurde aber auch Zeit!

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Bild des Benutzers Su Ada Fei

Womit wieder mal keiner gerechnet hat: mit Herrn Gabriel und den Landesfürsten. Es gibt natürlich keine Fördermittel mehr für diese alternativlose Alternativenergie ;)

So merken wir alle wieder einmal, dass wir gern am verborgenen dunklen Rand der Gesellschaft gehalten werden sollen. Ich rufe mal ganz laut nach Frau Pauli, damit Rosebud merkt, dass ich nichts gegen die Bayern habe *gg "Frau Pauli for President"

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Bild des Benutzers pjotre

Die Geschichte fesselt mich seit Wochen, und ich freue mich auf die Fortsetzung.

Hut ab...

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Bild des Benutzers husbunden65

Ich muß Dir danken Salomé, eine hervorragend geschriebene Geschichte die mich ffesselt und zhum Teil an das ende von "Phase Vier" erinnert. Ich bin sehr auf Deine Fortsetzung und das Geschehen gespannt. Dank Dir für Deine Mühen bis jetzt.

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Bild des Benutzers princefrog

... finde ich deine gedanken, salomé, die ersten vier teile von "chitin" habe ich verschlungen und mein schatz ebenso.

eine doppelsonne über einem völkischen kollektiv, das sich von der sexuellen energie einiger unbekannter wesen speist (die sich nach 80 jahren tiefschlaf im hightech-raumschiff zu goreanern zurückentwickeln) und der erste, der chitin erklärte hat quasi nebenbei auch das LSD entdeckt ... genial, grandios und gern bald teil 5. und das ist hier mein erster kommentar in diesem archiv, nicht ganz zufällig steht er genau hier.

frohe ostern und viele polysaccharide in dein körbchen!

lg - princefrog

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Bild des Benutzers Salomé - † 2016

Fürs wohlwollende Kommentieren dieser erqueren Geschichte, die wohl eher abseits des allgemeinen Geschmacks liegt (aber die mich selber ehrlich gesagt auch ungemein reizt).

Natürlich ist es immer eine besondere Ehre, jemanden kommentarmässig gewissermassen entjungert zu haben, also danke @princefrog für deinen ersten Kommentar, und viel Spass mit der küssenden Prinzessin.

@hsbunden65: Phase vier musste ich jetzt googeln, aber stimmt: Scheint ein ähnliches Thema zu sein. Bloss dass "meine" Ameisen eigentlich keine feindseligen Gefühle gegenüber Menschen haben. Eher Verwunderung, wenn überhaupt etwas.

@pjotre: Danke, die nächste Folge ist in Arbeit. Bloss habe ich in meiner Schussligkeit alles, was ich schon geschrieben hatte, gelöscht. :headbang:

 

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Bild des Benutzers Tony 2360

besonders reizt, ist unübersehbar und mehr als nachvollziehbar. Eindeutig bist du zum Level von Teil 1 zurückgekehrt. Ich sehe den Grund für die Schwankungen mittlerweile im Anteil "technischer" Beschreibungen und der philosophischen Auseinandersetzung.

Klar, eine anders geartete Geschichte ist das allemal. Aber trotzdem gehört sie durchaus hierhin. Vor allem gehört sie zu DIR. Unverkennbar ist das kein billiger oder wertloser Schund, sondern genügt allerhöchsten Ansprüchen. Und das ohne Verzicht auf Emotionen. Denken geht nämlich auch mit Gefühlen!

Gruß, Tony

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