Agentur zur Vermittlung einer Eheherrin Teil 4

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Weimar, 20.08.2016, 15 Uhr 30

Fünf Stunden Fahrt! Reisinger blies seine Wangen auf. Dieser Fall zehrte wirklich an seinen Kräften. Auch Schmied zeigte deutliche Anzeichen, seiner Erschöpfung. Wie viel hatte sie geschlafen in den letzten Tagen? Viele Stunden kamen da nicht zusammen. 

Weimar also. Irgendeine Außenanlage der ehemaligen Lützendorf-Kaserne. Die Militäranlage war lange von den sowjetischen Streitkräften genutzt worden, die viele Umbauten und Erweiterungen vorgenommen hatten, auch in der näheren Umgebung dieses Standortes. So gab es im Süden der Stadt eine kleinere Anlage, in der Kranke und Verletzte behandelt wurden und eben dort auch einen Operationssaal, der mit dem im Video identisch zu sein schien. 

Endlich war man weitergekommen. Auch wenn die Spurensicherung im ersten Anlauf keine Auffälligkeiten hatte feststellen können, so würde vielleicht die Befragung der Anwohner Erkenntnisse über das Verbrechen liefern.

Schmied ließ seinen Wagen von der Landstraße in einen betonierten Seitenweg abbiegen. Dieser bestand aus einzelnen schmalen Platten, die nur mangelhaft miteinander verfugt worden waren. Selbst die moderne Federung ihres Autos, war nicht dazu in der Lage diese Unebenheiten auszugleichen. 

„Okay! Die nächste dann rechts? Verdammt wo sind wir hier Eichhorn? Mein Wagen ist neu, bis wir bei ihnen ankommen, wird kaum noch was von ihm übrig sein.“ Wie zur Bestätigung seiner Worte musste er das Fahrzeug abrupt zum Stehen bringen, um eine fast senkrecht aufstehen Platte vorsichtig zu überwinden. 

Reisinger aber sah jetzt ein altes dreistöckiges Gebäude vor ihnen aufragen, dass deutliche Spuren des Verfalls aufwies. Das Gelände rund herum war doppelt umzäunt worden, einmal durch eine drei Meter hohe Betonmauer, davor mit einem breiten, vom Bewuchs gezeichneten Stacheldrahtverhau. 

Ein relativ intakt wirkendes Pförtnerhaus hatte früher die Zufahrt zum Gebäude kontrolliert, von ihm aus waren es dann noch einmal hundertfünfzig Meter zum Haupteingang des alten Militärkrankenhauses. 

„Scheiße, das passt ja.“ Stellte Schmied fest, stellte sein Auto neben einem Wagen der örtlichen Polizei ab und öffnete dessen Fahrertür. Reisinger tat es ihm gleich und quälte sich nach der langen Fahrt aus seinem Sitz heraus. 

„Ja, Kollege. Sind jetzt da.“

Der Kommissar blickte sich indessen um. Die Spurensicherung hatte weder Wagenspuren gefunden noch Fußabdrücke. Ein Umstand, den er sich nicht erklären konnte. Der Mann war nicht leicht gewesen, man hatte ihn doch nicht von der Straße aus hierher tragen können. Das wären etliche hundert Meter durch Wildwuchs gewesen. 

Ein hochgewachsener schlanker Mann trat aus dem Gebäude heraus, winkte den beiden zu und stellte sich ihnen vor. 

„Eichhorn. Polizei Weimar, sehr erfreut.“

Reisinger grüßte per Handschlag, dann war Schmied an der Reihe. Der Thüringer Kollege schien locker drauf zu sein und deutete sogleich auf die doppelflügelige Eingangstür. 

„Unten im Keller befindet sich der Saal, etwas Verwertbares hat die Spusi allerdings nicht finden können.“

„Und dennoch hat der Abgleich mit dem Video ergeben, dass es dieser Raum gewesen sein muss, richtig?“

Eichhorn nickte und strich sich nervös durch sein braunes, kurzgeschnittenes Haupthaar. 

„Eigentlich erstaunlich, dass es so überhaupt keine Spuren oder Hinweise auf die Tat gibt. Das Gelände ist stark bewachsen, irgendwie muss man doch den Weg von Opfer und Täter nachvollziehen können.“

Schmied mischte sich ein und zeigte dem Kommissar sein Handy. Es hatte in den letzten Wochen immer wieder geregnet, der Boden war also aufgeweicht gewesen, was die Angelegenheit noch mysteriöser werden ließ. 

„Gehen wir rein und schauen uns einmal den Tatort genauer an. Vielleicht haben unsere Freunde hier etwas übersehen?“

Eichhorn zog seine Stirn kraus, die Worte des Alten schienen ihn verletzt zu haben. Tatsächlich machte sich Reisinger wenig Hoffnung. Die Kollegen von der Spurensicherung waren gut ausgebildet und erfahren in der Tatortbegehung und Hinweiserkennung. 

„Gibt es Baupläne zu dem Haus?“

Eichhorn verneinte. 

„Wir haben bei der Gemeinde schon angefragt, bisher aber noch keine Antwort bekommen. Der Archivar ist im Urlaub.“

Reisinger ging die Stufen zur Haupttür hinauf, während Schmied mit seinem Handy beschäftigt blieb. Er fluchte, immer wieder den Kopf zum Himmel reckend. 

„Das ist doch Scheiße hier. Selbst das Telefonsignal reißt immer wieder ab.“

Das Gebäude schien in seiner Statik funktional zu sein, nur wirkte es kahl und verwahrlost dabei. Die Fenster waren leere Höhlen, es gab weder Rahmen noch Verglasungen darin. Reisinger erinnerte sich, dass die ehemaligen Sowjettruppen alles in ihre Heimat mitgenommen hatten, was nicht niet und nagelfest war. Das schien sich hier zu bestätigen, es gab nicht einmal mehr Heizungskörper und selbst die Zulaufrohre waren stellenweise abgebaut worden. 

Der Thüringer Kollege reichte Reisinger eine Taschenlampe und drückte auch Schmied eine in die Hand. Peinlich, sie selbst hätten Geräte im Wagen gehabt. Wer hätte auch geglaubt, dass sie in einer Ruine ohne funktionierenden Versorgungsanschluss von Nöten sein könnte? Der Kommissar grinste. Es war wohl der Müdigkeit geschuldet, dass sie beide nicht daran gedacht haben. 

So tauchten sie, kaum dass sie die Vorhalle durchquert und das Treppenhaus betreten hatten, in absolute Finsternis. Ohne die Lampen hätte man die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht mehr erkennen können. 

„Boah. Ich scheiß mich gleich ein.“ Stöhnte Schmied, während Eichhorn sich das Lachen nicht verkneifen konnte. Auch Reisinger schmunzelte, wenn er auch selbst die Stimmung des Kellers als beklemmend empfand. Konnte man vielleicht spüren, dass hier ein Mensch tagelang gequält und im Anschluss getötet worden ist?

„Dort vorne ist er, am Ende des Ganges.“

Die Leuchtfinger der Taschenlampen fingerten in das Dunkel herum. Einige Schränke, Wannen und Waschbecken waren noch vorhanden, Wasser, Stromleitungen und Heizungsrohre wanden sich die Decken entlang. Staub, heruntergefallener Putz, Schimmel und Pflanzenbewuchs, überall wo der Lichtfinger auch hin zeigte. 

Der geflieste Saal war noch der am besten erhaltene Raum in diesen Katakomben. Er wirkte geradezu aufgeräumt und sauber im Vergleich zu den anderen Zimmern und Nischen. 

„Wie geleckt!“ Stellte Schmied erstaunt fest. Mit seiner Lampe dabei den Raum ableuchtend. 

Reisinger trat an die Fliesenwand heran und nahm sie genauer in Augenschein. Jablonski hatte ihm auf den Fotos Besonderheiten und kaum zu erkennende Schäden aufgezeigt und markiert, die er nun abgleichen wollte. So dauerte es nicht lange, bis auch er selbst zu der Erkenntnis gelangte, dass hier das Opfer gefoltert und umgebracht worden sein musste. 

„Das der Tatort gut gereinigt und die Spuren beseitigt worden sind, mag ja angehen. Aber die Typen haben drei große Baustellenleuchten herangeschleppt, die auch noch mit Strom versorgt werden mussten. Dazu kommen noch Instrumente, Verpflegung, Medikamente und geschlafen werden sie auch irgendwo haben. Nach dem Video zu urteilen waren sie mindestens drei Tage vor Ort gewesen.“

Eichhorn fasste kurz zusammen, wie die Kollegen fast zwanzig Stunden lang das gesamte Gelände untersucht hatten. Nirgends war etwas entdeckt worden, das mit dem Fall in Verbindung gebracht werden konnte. 

Reisinger und Schmied wollten selbst das Gebäude und Grundstück abgehen. Es erschien ihnen einfach nicht plausibel, dass es keinerlei Hinweise geben sollte. 

„Was ist das für eine Tür hier?“ Hallte es durch die Gänge, als Reisinger die Kollegen auf etwas aufmerksam zu machen suchte. Schmied war schon im Treppenhaus gewesen und kam zusammen mit Eichhorn noch einmal zurück.

Reisinger war den Gang in die entgegengesetzte Richtung zurückgelaufen und vor einer schweren Stahltür stehen geblieben. Sie wirkte wie ein Schott auf einem Schiff, hatte große schwere Hebel, die sie verriegelten und an ihrer Seite eine Verkabelung ohne Schalter. 

Eichhorn schien peinlich berührt zu sein. Er stotterte etwas davon, dass man sie nicht aufbekommen hatte. 

Der Kommissar glotzte den weimarer Polizisten an, als ob dieser den Verstand verloren hatte.

„Das ist jetzt nicht ihr Ernst. Darf ich mich nach den Grund erkundigen, warum sie keine weiteren Anstrengungen in dieser Ric ...“

„Wir wollten abwarten, bis wir die Bebauungspläne ...“

Reisinger atmete tief durch. 

„Guter Mann! Holen sie mir sofort einen Handwerker, der diese Scheißtür aufmacht. Wie ist mir egal. Und die lieben Kollegen von der Spusi sollen sich ebenfalls auf den Weg machen, dass kann doch nicht euer Ernst sein.“

Schmied grinste schadenfroh mit seiner Lampe in Eichhorns Gesicht und leuchtete im Anschluss ebenfalls die Metalltür ab. Sie sah massiv aus, er selbst aber keinerlei Vorstellung davon, wohin sie führen könnte. 

Bad Langensalza, 31.11.2015 14 Uhr 30

Jörg fühlte sich frei wie seit langem nicht mehr. Er hatte bisher mit Irina eine schöne Zeit verlebt, wenn sie ihm auch anfangs durch den Anruf der Agentur stark verunsichert schien. Sie war sich selbst nicht bewusst gewesen, dass sie mit deren Regeln gebrochen hatte, und sorgte sich deshalb. 

Sie wollte mit ihm zusammensein! Der Wunsch schien in ihr immer prägnanter zu werden, das glaubte er zumindest ihr gegenüber zu spüren. So kam es nicht ungefähr, dass sie sich am gestrigen Abend im Japanischen Garten zum ersten Mal geküsst hatten. Was für eine einzigartige Atmosphäre das gewesen war. Ganz sanft und behutsam hatte sie sich ihm genähert, wirkte aber angespannt und unsicher dabei. Aber er hatte stillgehalten, war ihr dann ein Stück weit entgegengekommen, bis sich ihre beiden Lippen schließlich berührt hatten. 

Jörg schloss seine Augen. Auch jetzt noch glaubte er, ihren Kuss fühlen zu können. Das war schon ein genialer Moment zwischen ihnen gewesen. Einer, an denen sie sich beide wohl noch lange zurückerinnern würden. 

Nachdenklich stand er vor dem Fenster seines Büros und überblickte die Altstadt. Sie wirkte jetzt viel einladender und schöner auf ihn. Vielleicht, weil er wusste, dass sie dort unten in seinem Haus schlief und später auf ihn warten würde? Wie kann man so verknallt ineinander sein? Sie hatten ja noch nicht einmal miteinander gevögelt. 

Am Ende der Woche würde Irina dann in den Harz fahren. An einen Ort, von dem er zuvor noch nie gehört hatte. Unvorstellbar! Dort wollte sie sich wirklich für ihn zur Domina ausbilden lassen. Acht Monate lang! Seltsam, dass man ihm nur 6400 Euro dafür abverlangte. Ihm kam das nicht wirklich viel vor, gemessen an der Zeit, die sie dort verbringen sollte. 

Sein Magen grummelte, obwohl er gerade erst etwas gegessen hatte. Drei Wochen! Solange sollten sie sich erst einmal nicht wiedersehen. Danach würden die Abstände kürzer werden, wahrscheinlich damit sie das erworbene Wissen bei ihm anwenden konnte. Aber wollte er das denn noch? Er war sich dessen nicht mehr sicher. Im Moment war sein größter Wunsch, ihr einfach nur nahe sein zu dürfen, egal in welcher Konstellation. Doch anderseits, wenn er an die strengen Outfits dachte, die sie für ihn bisher getragen hatte ... Sie hatte ihm sogar die von ihm geschickten Bilder gezeigt, an denen sie sich orientierte. 

Er dachte an die schwere Lederjacke. Schon in der ersten Nacht hatte er sich Irina vorgestellt, wie sie ihm nackt, nur mit dieser Jacke bekleidet verführt und gefordert hatte. Er hatte ihr sogar davon erzählt und gleichzeitig versichert, dass er ihr gegenüber weiterhin geduldig bleiben wollte. 

Sie war nicht sauer gewesen, ganz im Gegenteil. Sie war froh, dass er so offen mit ihr kommunizierte. Auch sie selbst hatte sich schon ein paar intime Momente zwischen ihnen vorzustellen versucht, doch schien sie dabei weniger erfolgreich gewesen zu sein, als er selbst. Es musste etwas in ihrer Vergangenheit geben, dass sie in dieser Richtung blockierte, obwohl sie ihm versichert hatte, nie vergewaltigt oder genötigt worden zu sein. Belästigt ja und von einem sehr primitiven Männertypus geprägt, so ungefähr hatte sie sich ihm zu erklären versucht. 

„Alles gut, Jörg?“

„Ja ...“ Er grinste und wandte sich zur Tür um. „... alles super.“

Elsbeth, eine Mittfünfzigerin mit einer vollschlanken Figur und tiefhängenden Bullbeißerwangen, kam herein und füllte seine Ablage mit Neuanträgen. 

„Dir springt ja der verliebte Gockel direkt aus dem Gesicht heraus. So habe ich dich ja noch nie gesehen.“

Jörg verstand sich sehr gut mit der Kollegin. Sie war trotz ihrer körperlichen Behäbigkeit lebensfroh und aufgeschlossen, ganz im Gegensatz zu der engstirnigen Natur vieler thüringer Landsleute. 

„Ja, hat mich wohl erwischt. Ein russisches Mädchen.“

Sie hob die Augenbrauen. Würde sie vielleicht jetzt doch etwas Abwertendes vom Stapel lassen? Komisch, er rechnete aus allen Richtung damit. 

„Na wenn das eine Matroschka ist, musst du aufpassen. Die haben viel in ihren Bäuchen versteckt.“

Laut lachte er auf. Er hatte genau verstanden, worauf sie hinaus wollte. 

„Du, das ist noch alles sehr frisch bei uns. Erwarte da nicht zu viel.“

Elsbeth hatte ganz andere Vorstellungen von den derzeitigen Partnerschaftsverhältnissen junger Leute. 

„Ach, das geht doch heutzutage sowas von schnell. Das Pimpern ist doch eine regelrechte Industrie geworden. Man konsumiert sich wie ne Schachtel Pralinen.“

„Und du verabscheust das?“

Elsbeth verneinte. 

„Neid und Ablehnung zu gleichen Teilen. Bei uns war alles sehr viel komplizierter. Mann hatte damals nicht so viele Möglichkeiten zum herumprobieren, wie ihr heutzutage.“

„Dafür bist du mit deinem Mann zusammengeblieben und hast ein paar Kinder groß bekommen. Ne ziemliche Leistung würde ich sagen. Und Oma biste schließlich auch schon.“

Elsbeth schien für einen Moment nachdenklich und ging zurück zur Tür. 

„Mag sein. Aber abgesehen von der Oma, bekommst du das auch noch hin. Du magst ja ein kleiner Frauenschwarm sein, aber ich denke, du hast eine ganz klare Vorstellung davon, wer dir guttut und wer nicht.“

Sie lächelte. 

„Hast du ein Foto von der Maus?“

Jörg nickte und reichte ihr sein Handy. Die Kollegin kannte sich aus und wischte routiniert über das Display. 
„Das ist ja mal ein süßes Püppchen. Kommt sie aus der Stadt? Ihr wart ja im Japanischen Garten? Und sie war bei der Armee?“ Staunen klang aus ihrer Stimme heraus.

Jörg nickte, dabei über ihre Schulter hinweg auf die Fotos seines Handy´s herunterblickend. 

„Sie hatte es bisher nicht leicht gehabt. Von daher wird sie wahrscheinlich einige Zeit brauchen, bis sie wirklich warm mit mir wird.“

Elsbeth spürte seine Unsicherheit deutlich. Sie kannte das von ihren eigenen Söhnen her. Sie fanden ähnliche Worte, wenn sie sich in ein Mädchen verguckt hatten. 

„Du bist ein Guter! Die hat schon längst Feuer gefangen, auch wenn sie es dir noch nicht offen zeigt. Du weißt das selbst, wenn du darüber nachdenkst, stimmt´s nicht?“

„Ja, du hast schon Recht. Trotzdem bin ich mir ihrer nicht sicher, das nervt mich. Vielleicht, weil ich sehe, wie sehr sie wegen mir grübelt? Ich habe immer Schiss, irgendetwas falsch zu machen, ihr gegenüber. Oder das ich´s übertreibe und mich vor ihr zum Horst mache? Du weißt doch was ich meine.“

Elsbeth lachte. 

„Das machst du doch hier im Amt auch und wir mögen dich trotzdem. Das ist charmant, glaub mir.“

Jörg seufzte und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. 

„Du bist doof. Lass mich jetzt weitermachen, wenn du mir schon solch einen Schwung herknallst.“

Elsbeth trat aus den Gang hinaus und schloss die Tür hinter sich. Das Gespräch mit der Kollegin hatte ihm gutgetan. Motiviert zog er die erste Akte aus dem Stapel und öffnete deren Gummizug. Ein Marokkaner also. 

 

Weimar, 21.08.2016, 10 Uhr 30

Schmied hatte Reisinger die ganze Nacht wachgehalten. Erst war er merkwürdig lange im Bad gewesen, dann hatte der jüngere Kollege dem Kommissar durch lautes Schnarchen dessen Schlaf geraubt. Würden sie noch vor Ort bleiben müssen, wollte Reisinger ein eigenes Zimmer, er war auch ohne diese zusätzliche Belastung stark beansprucht. So war er fast erleichtert, als um sieben Uhr der Wecker klingelte und er aufstehen durfte. 

Wenigstens war er jetzt der Erste im Bad und so griff er nach seinem Handy und betrat den Sanitärraum, während Schmied weiter seine Wälder rodete. Hatte er jemals einen Menschen so laut schnarchen hören? Er konnte sich zumindest nicht daran erinnern. 

Er hob Deckel und Brille des WC´s an, fingerte mit seiner Rechten nach seinem Glied und ließ den Urin ins Klobecken spritzen, die Nachrichten auf seinem Smartphone mit seiner Linken durchblätternd. Theo! Er hatte endlich etwas herausgefunden. 

Reisingers Gedanken rasten. Nach den Enttäuschungen des gestrigen Tages würde man heute vielleicht ein Stück vorankommen. Nun gab es nicht nur einen Tatort, sondern auch einen Namen zu dem Opfer. 

„Scheiße!“ Ihm war nicht aufgefallen, dass sich sein Strahl verselbstständigt hatte und ein großer Teil seines Harns danebenging. Fluchend griff er also zum Klopapier, um das Malheur zu beseitigen. 

Krateos Papadakis, 44 Jahre alt, erfolgreicher Gastrounternehmer. Ein Mann, der in seiner Jugendzeit mit seinen Eltern nach Deutschland gezogen war und nach dem erfolgreichen Absolvieren seiner Schulzeit einen Großhandel für Gastroartikel eröffnet hatte. 

Er lebte mit seiner Frau in Klettbach, einem kleinen Ort in der Nähe von Erfurt. Gerade einmal vierzig Minuten von ihrem jetzigen Standort entfernt. 

„Gustl! Kannst mal aufmachen, ich muss pissen.“

Reisinger war gerade im Begriff gewesen in die Dusche zu steigen. 

„Kannst du nicht noch fünfzehn Minuten warten?“

Die Stimme des Kollegen klang gequält zurück. 

„Nein! Das Bier gestern, es treibt.“

Der Kommissar griff zu seinem Bademantel und zog ihn sich über, bevor er Schmied öffnete. Der kam hereingestürzt, riss Deckel und Brille der Kloschüssel auf und ließ seinen Urin mit harten Strahl in das Porzellanbehältnis spritzen. 

„Boah! Scheiße ist das geil!“ Schmied kniff seine Augen zusammen, während er seinen fleischigen Penis abschüttelte. „Mich hätte es gleich gesprengt, danke Gustl.“

Reisinger wollte die Neuigkeiten vor seinem Kollegen nicht zurückhalten. 

„Wir haben einen Namen. Theo hat uns die Daten geschickt. Ich habe die Kollegen schon hinbeordert und einen Durchsuchungsbeschluss beantragt. Endlich gewinnt dieser Scheiß hier an Konturen.“

Reisinger reichte sein Handy an den jungen Mann weiter, nachdem sich dieser seine Hände gewaschen hatte. Auch er schien neugierig zu sein und Blut zu lecken. 

„Lass uns gleich nach dem Frühstück hin. Die Tür bekommen sie vor dem Nachmittag eh nicht auf, so bescheuert wie die sich anstellen.“

Reisinger seufzte. Eichhorn hatte am gestrigen Tag nur schlechte Nachrichten für sie gehabt. Die bestellten Handwerker hatten es nicht vermocht die Stahltür zu öffnen, die merkwürdig massiv ausgelegt worden war. Anscheinend hatte sie zu einem Notbunker geführt und war hydraulisch betrieben worden. Sie würde heute im Laufe des Tages nachgeben, wenn die Männer wie versprochen die Nacht durchgearbeitet hatten. 

Der Kommissar hatte Eichhorn auch noch ins Stadtarchiv geschickt, um dort Druck zu machen. Doch sämtliche Unterlagen zu dem Gebäude stammten aus der Zeit vor dem Krieg. Alles was die Russen baulich verändert hatten, blieb ihnen so erst einmal vorenthalten. Er hatte die Kollegen im Dezernat gebeten, bei der Botschaft der GUS um Auskunft zu bitten, doch würde es einige Tage dauern, bis man sich durch die Hierarchie aus Diplomaten und Militärs hindurchgefragt hatte. 

„Lass mich duschen, Schmied. Sonst vertrödeln wir nur unsere Zeit.“

Der junge Kollege nickte. Leitete noch die Nachrichten des Kommissars an sich weiter und verließ den Raum. Aus Erfahrung wusste Reisinger, dass sein Partner nun alles über den Griechen in Erfahrung zu bringen suchte, was ihnen bei der Aufklärung seines Mordes weiterhelfen könnte.

Bad Langensalza, 1.12.2015 18 Uhr 30

Es war ziemlich kalt, als Jörg den Weg nach Hause nahm. Tief hingen die grauen Wolken am Himmel und einige wenige Schneeflocken fielen herab. Es war ein paar Grad über Null, aber nach den warmen Vortagen, hatte sich Jörg eine viel zu leichte Jacke ausgesucht und fror dementsprechend. 

Sein Aktenberg hatte er erledigen können, doch gab es einige Rückfragen und Prüfungspunkte, die ihm die Zeit geraubt hatten. Er hatte sich sehr darüber geärgert, hatten doch die Sachbearbeiter ziemlich geschlammt und dadurch den Verwaltungsaufwand merklich erhöht. Er würde es in seinem Wochenbericht schreiben, um diese Missstände ein für alle Mal beseitigen zu lassen. 

Irina war den ganzen Tag unterwegs gewesen. Sie hatte ihn sogar um seine Wagenschlüssel gebeten, um einzukaufen und ein wenig die Gegend zu erkunden. Erst hatte er Bedenken geäußert, doch als seine junge Freundin ihm die Litanei ihrer Fahrausweise darlegte, waren diese wie weggewischt. Irina konnte alles fahren, was Räder oder Ketten hatte, vom Gabelstapler bis zum Kampfpanzer.

Ob er sie durch sein mangelndes Vertrauen beleidigt hatte? Immerhin wurde in Deutschland sehr aggressiv gefahren, gerade hier in Thüringen, wo es vor allem in den kleineren Orten mit der Polizeipräsenz nicht gerade gut bestellt war. Doch Irina hatte nur gelacht und ihn erzählt, wie man sich in Russland auf den Straßen verhielt. Dort schien sich die öffentliche Verkehrsordnung außerhalb der Städte schnell zu verflüchtigen. 

Jörg hatte nur zehn Minuten zu gehen, dann war er wieder zu Hause. Sein Wagen stand genau vor seiner Tür, Irina hatte also beim parken Schwein gehabt. Eilig nahm er die Treppen, schloss die Haustür auf und hielt sogleich seine Nase in die Luft. Würzig roch es, nach Fleisch, Kartoffeln, Knoblauch und Gemüse. 

„Bin wieder da!“

Irina kam ihm gut gelaunt entgegen und flog regelrecht in seine Arme. Sie sah einfach nur fantastisch aus. Gekleidet in einer hautengen Jeans und pinken Oberteil, bediente sie ihm zwar nicht seinen Fetisch, aber zeigte ihm dafür eine junge Frau, die sinnlicher nicht sein konnte.

„Du Hunger haben?“ 

Jörg lächelte. 

„Ja, ich habe Hunger. Großen, sogar.“

Sie lächelte, drückte ihm einen Kuss auf den Mund und löste sich zu seiner Enttäuschung wieder von ihm. Wahrscheinlich hatte sie die Befürchtung, dass etwas überkochte und so folgte er ihr in die kleine Küche hinein. 

„Bist du zurecht gekommen?“ Sie schien die Bedeutung seiner Worte nicht zu verstehen und blickte fragend zu ihm auf. Er wusste mittlerweile den entsprechenden Ausdruck ihrer Gesichtszüge zu deuten, so das sie sich ihm nicht weiter erklären musste. 

„Gab es Probleme?“

Sie schüttelte den Kopf, dabei mit ihrer Linken wie immer mit dem langen Haarzopf spielend. 

„Niet, niet. Schöner Tag, wirklich.“

Jörg sah die Einkaufstüten auf den Küchentisch, Irena musste einiges an Geld dafür aufgewendet haben. 

„Ich hätte dir was geben können. Wie viel bekommst du dafür?“

„Njetschewo! Lass mich. Dann ich kein schlechter Gast sein. Du verstehst mich?“

Jörg willigte widerwillig ein. Irena war lieb und nett, dabei aber auch furchtbar stur. So viel hatte sie ihm schon von ihrer Persönlichkeit gezeigt. Deshalb sparte er sich seinen Widerspruch, setzte sich an den Esstisch und sah ihr dabei zu, wie sie routiniert mit Pfannen, Töpfen und Herd hantierte.

„Du kannst Tisch decken! Draußen kalt und dunkel.“

Jörg lachte. Sie hatten bisher wirklich Schwein gehabt mit dem Wetter. Es war ungewöhnlich warm und trocken für diese Jahreszeit gewesen und erst heute war es in die entgegengesetzte Richtung umgeschlagen. 

So holte er Teller und Untersetzer aus einem der Hängeschränke heraus, deckte den Tisch ein und trat ab und zu an ihre Seite, um ihr einen Kuss zu geben. Sie ließ es zu, erwiderte seine Liebesbekundung, eng umarmt wollte sie aber von ihm nicht werden. Zumindest nicht, wenn diese über einen Gruß oder Abschied hinausging. Geduld! Einfach nur Geduld. Irina war halt keine Frau, die sich einem Mann einfach so herschenkte. 

Das Essen war ihr gut gelungen. Sie hatte in einer Metzgerei Rinderfilet gekauft, es aufwendig mariniert und zusammen mit Kartoffelscheiben und sorgsam dekorierten Gemüse auf die Teller gebracht. Das Fleisch war zart, schmeckte sehr aromatisch und zerging ihm praktisch auf der Zunge. Nur waren die Portionen relativ klein, sattessen würde er sich an ihnen wohl nicht können. 

„Es dir gut schmecken?“ Fragte die junge Russin schließlich.

„Ja, das ist einfach nur lecker.“

Sie freute sich, nickte und legte ihre rechte Hand über seine Linke. Jörg erleichterte diese Geste sehr, sie kamen sich langsam aber sicher immer näher. Bis er ihren Panzer aber geknackt hatte ...

Nach dem Essen machten sie es sich auf der Couch im Wohnzimmer gemütlich. Jörg hatte den Ofen angeschürt und für eine wohlige Wärme gesorgt. Auch der Widerschein des Feuers in dem abgedunkelten Raum, sorgte für eine sehr romantische und gediegene Atmosphäre. Dennoch hielt sein Gast Abstand zu ihm, auch wenn es nur wenige Zentimeter waren. Ein Umstand, der ihn regelrecht quälte. 

„Du wollen mit mir schlafen?“ Fragte sie ihn leise und  stark akzentuiert. Er konnte dabei deutlich ihre Aufregung heraushören. 

Jörg zögerte mit seiner Antwort. Sie spürte anscheinend, wie sehr er unter dieser Distanz zwischen ihnen litt und wollte, so wie er selbst ja auch, diese endlich überwinden. 

„Ja, sehr gerne sogar.“

Was sollte er sie anlügen? Sein Verlangen stand ihm ja ins Gesicht geschrieben. Dazu kam, dass jeder Kuss den sie sich schenkten, eine quälende Erektion bei ihm auslöste. 

„Mir hat das nie Spaß gemacht. Ich nicht gut darin.“

Sie senkte ihren Blick vor ihm und ließ nervös ihre Hände ineinandergreifen.

„Du warten und sehr lieb sein, aber ich Angst davor, du enttäuscht. Ich wie ein Brett, sagt man so? Da?“

Jörg musste lachen. Für ein Brett hatte Irina viel zu schöne Rundungen. Sie schien ihm seinen Ausbruch zu verübeln und so wollte er sich ihr erklären. Brett mit Warzen, ein übler Vergleich für Frauen ohne erkennbare sekundäre Geschlechtsmerkmale. 

„Dann ich doch kein Brett?“ 

Jörg verneinte und griff nach ihrer Hand. 

„Lass dir Zeit, ich dränge dich nicht, versprochen.“

Sie schien damit nicht einverstanden zu sein und sah ihm nachdenklich ins Gesicht. 

„Ich mir kommen krank sein. Das ist nicht gut. Verstehst du? Ich wollen doch lernen.“

„Darf ich dich vielleicht einmal nackt sehen? Vielleicht wäre das ein Anfang? Es muss nichts weiter passieren, wenn du das nicht möchtest.“

Als Antwort zog sie langsam den rechten Arm aus dem Ärmel ihres Oberteils und entledigte sich diesem mit einer weiteren Bewegung. Jörg knöpfte ebenfalls sein Hemd auf, ihr noch einmal versichernd, dass er ihr gegenüber geduldig sein wollte. Sie lächelte gezwungen und zeigte ihm, dass sie ihn verstanden hatte. 

Vielleicht vergrößerte er sogar ihr Unwohlsein noch, in dem er sich ihr gegenüber so rücksichtsvoll zeigte? Er erinnerte sich an sein erstes Mal. Sie waren damals beide 16 Jahre alt gewesen und hatten sich ähnlich unsicher gezeigt, wie Irina jetzt. 

Er sah sie noch einmal zögern, dann hob sie den schwarzen BH zur Seite. Unsicher blickte sie zu ihm auf, während sie ihm ihre Brüste zeigte. 

Jörg fühlte sich aber von ihrem Anblick wie erschlagen. Sie war einfach so wunderschön anzusehen. Rund und voll wirkten ihre Brüste, gerne hätte er sie auch einmal berührt. Irinas kleine Brustwarzen schienen ihn wie kleine Augen anzusehen, was sein Verlangen noch zusätzlich steigerte. 

Doch er erinnerte sich immer wieder an sein Versprechen, zog nun ebenfalls das Unterhemd aus und zeigte der russischen Freundin seinen muskulösen Oberkörper. Auch sie schien sich an dessen Anblick zu erfreuen und kam ihm sogar ein Stück näher. 

„Ich würde mich darüber freuen, wenn du mich berührst.“

Ihre Augen glänzten, während sie ihre Hand an seinen Oberkörper hob und sich ihre Fingerspitzen seiner Haut näherten und schließlich berührten. Eine Träne löste sich und lief langsam über ihre Wange ab. 

„Lass gut sein! Das war sehr schön.“

Er wollte Irina frei geben, doch die ließ ihre Hand, wo sie war. Sanft streichelte sie über seine Brust hinweg und berührte behutsam mit der Spitze ihres Zeigefingers seinen linken Nippel. Jörg sah an sich herunter und folgte den Bewegungen ihrer Hand, während sich die junge Frau mit ihrer Linken beiläufig die Tränen aus ihrem Gesicht wischte. 

„Darf jetzt ich?“

Irina zog ihre Hand von Jörgs Körper weg und sah ihm in die Augen. Konnte ein Mensch noch unsicherer wirken, als die Freundin in diesem Moment? Was war das bei ihr? Angst vielleicht?“

Sie nickte ihm schließlich zu, ließ ihre Arme herunter und wartete darauf, dass Jörg sie berühren würde. Vielleicht nahm sie an, er würde sofort an ihre Brüste fassen, doch es war ihr Gesicht, welches er zuerst berühren wollte. 

Sie holte tief Luft, wie jemand der vorhatte im Wasser tauchen zu gehen. Ihr ganzer Körper war angespannt wie eine Feder, deutlich zeichneten sich ihre Muskeln an Armen, Schultern und Bauch für ihn ab. 

Sanft strich er über ihre Wange. Vorsichtig und langsam. Das hatte er schon bei ihren ersten Küssen tun dürfen, doch schien diese Situation für sie jetzt eine andere zu sein. Vielleicht lag es daran, dass sie teilweise nackt war und er Zugang zu intimen Stellen ihres Körpers hatte?

Langsam, mit kaum spürbaren Druck, streichelte er sie weiter. Vorsichtig ließ er seine Fingerspitzen über ihre Gesichtshaut wandern, berührte dabei ihre Lippen, den Nasenrücken und die Augen. 

Vorsichtig näherte er sich zu einem weiteren Kuss, zog vorsichtig ihren Körper an sich heran und schloss sie in seine Armee. Dort wiegte er sie hin und her, bis sie sich endlich diesem Gefühl der Nähe ergab und entspannte. 

„Du bist nicht oft angefasst worden. Ist das der Grund?“

Irina öffnete ihre Augen und nickte. Sie spürte seine Wange auf der ihren und seine Hände, die vorsichtig gegen ihren Rücken drückten. Es war so, wie er vermutet hatte. Irina hatte nicht vor dem Sex mit ihm Angst, sondern vor der Berührung allgemein. 

Klettbach, 21.08.2016, 12 Uhr 15

Schmied bog in eine kleine Seitenstraße ein und hielt auf ein modernes, fast vollständig verglastes, zweistöckiges Wohnhaus zu. Es reichte über einen Abhang, so dass es von mächtigen Stelzen gestützt werden musste. Ein extravaganter Bau, der von einer weiträumigen Umzäunung eingeschlossen worden war. 

„Schau. Die Kollegen sind schon vor Ort. Sind wir schon mal raus aus dem Schneider.“

Reisinger wusste, worauf sein Partner anspielte. Der Umgang mit Angehörigen in einem Mordfall war nie einfach, aber gerade das Überbringen der entscheidenden alles verändernden Nachricht eine erhebliche psychische Belastung für die Beamten. Klar gab es Schulungen, wie man sich am besten mitteilte, aber die Reaktionen waren immer heftig und extrem und schwer vorhersehbar. 

Schmied brachte ihr Auto neben zwei Polizeiwagen zum Stehen, die in der breiten Auffahrt standen. Eine Garage schien es nicht zu geben, dafür aber eine Überlappung des ersten Stockwerkes, welche für eine Art Carport sorgte, unter denen die Hausbewohner ihre Fahrzeuge abstellen konnten. 

„Schaut schon geil aus, die Hütte.“ Gab Schmied offen seine Bewunderung kund. Neugierig blickte er sich um, auch der weitläufige, sehr natürliche Garten wollte bestaunt werden. 

„Was ist denn das?“

Reisinger folgte dem ausgestreckten Arm seines Kollegen und bemerkte ein großes Holzkreuz, an denen Ketten herunterhingen. Die beiden Beamten sahen sich vielsagend an. Der Fall wurde immer kurioser für sie. 

„Wofür ist das?“

Reisinger hob seine Schultern. Er hatte noch nie etwas Ähnliches zu Gesicht bekommen.

„Lass uns reingehen. Ich bin gespant, was die Frau uns zu erzählen hat. Wenn sie dazu in der Lage ist, vorausgesetzt.“

Sie klingelten, worauf ihnen von einer blonden Beamtin aufgemacht wurde. 

„Kripo Düsseldorf. Reisinger mein Name.“

Die junge kühle Blondine trat aus der Tür und ließ die beiden Männer an sich vorbei. Sie deutete auf das Wohnzimmer, wo weitere Kollegen dabei waren, das Haus nach Hinweisen zu untersuchen. In der Mitte stand eine hochgewachsene schwarzhaarige Frau mit bemerkenswerten Proportionen. Sie mochte Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig sein und war vollständig in rotschwarzer Kleidung gekleidet. Sie drückte ein weißes Stofftaschentuch an ihr rechtes Augen und wandte sich mit fragenden Blick den eintretenden Zivilbeamten zu. Die Tränen schienen echt zu sein, wenn ihre Gesichtszüge auch hart und beherrscht dabei wirkten. 

„Frau Papadakis?“

„Ja.“ Sie kam den beiden langsam entgegen und bot ihnen ihre Hand zum Gruß an. 

„Mein Name ist Gustav Reisinger und das hier ist mein Kollege Werner Schmied. Wir untersuchen die Umstände, die zum Tod ihres Mannes geführt haben und wären dankbar, wenn sie sich die Zeit nehmen würden uns ein paar Fragen zu beantworten. Wenn sie sich aber dazu nicht in der Lage fühlen, so können wir auch morgen ...“

Sie musterte die beiden Männer vor sich und hob ihren rechten Arm, um ihn sogleich wieder in einer laxen Bewegung fallen zu lassen. Sie deutete auf das große u-förmig aufgestellte Sofa und bot ihnen an, darauf Platz zu nehmen. 

„Möchten sie etwas trinken?“ Fragte sie, noch bevor der Kommissar seine Vernehmung fortführen konnte.

„Wenn sie einen Kaffee für uns hätten, wären wir ihnen sehr verbunden. Die letzten Tage waren nicht ganz einfach, wie ich ihnen versichern möchte.“

Die Dame mit den prägnanten aber durchaus gefälligen Gesichtszügen stand noch einmal auf und ging zu einem Tablett hinüber, dass auf einem großen Siteboard abgestellt worden war. Es standen zwei Thermoskannen darauf, zusammen mit einer großen Anzahl Tassen. Sie fragte die beiden nach Milch und Zucker und kehrte schließlich mit zwei gefüllten Tassen zu ihnen zurück. 

Sie schien gefasst zu sein, doch merkte man ihr dennoch an, dass der Tod ihres Mannes sie beschäftigte. Natürlich würde Reisinger jede ihrer Äußerungen und Gesten genau hinterfragen, doch kam sie ihm bisher nicht unaufrichtig vor. 

Ein junger uniformierter Polizist trat an Reisinger heran und reichte ihm ein paar Ausdrucke, sowie ein kleines Notizbuch. Kurz überflog er das Material und dankte dem Kollegen anschließend. 

„Frau Papadakis, bevor wir ihnen ein paar Fragen stellen, würde ich gerne mit ihnen noch die Personalien durchgehen.“

Die sehr streng und unnahbar wirkende Frau blickte den untersetzten und fast schäbig gekleideten Beamten vor sich gespannt an. Dabei wirkte sie nicht herablassend auf ihn, sondern eher bemüht. 

„Vorname Draca, einunddreißig Jahre alt, Hausfrau und gebürtige Rumänin, seit zehn Jahren mit ihrem Mann Krateos Papadakis verheiratet.“

„Das ist soweit korrekt.“

Reisinger reichte der Frau ein Foto. 

„Das ist ihr Mann?“

Die Frau ließ sich das Foto reichen, gab es dann aber sogleich den Beamten wieder zurück. Tränen quollen aus ihren Augen, während beide Hände deutlich zitterten. Reisinger und Schmied zeigten sich geduldig und warteten ab, bis sich die Frau wieder einigermaßen gefangen hatte. 

Statt einer Antwort beließ sie es schließlich bei einer Geste und wischte erneut mit ihrem Taschentuch über ihre Augen. 

„Es tut mir leid, aber ich verstehe das einfach nicht.“

„Sicher das es ihnen nicht zuviel wird? Wie gesagt, wir können auch ...“

„Nein, bitte. Vielleicht zählt jede Minute.“

Reisinger war einverstanden. 

„Wir können mit Sicherheit sagen, dass ihr Mann ermordet worden ist. Und vielleicht haben sie eine Vermutung, wer das gewesen sein könnte? Hatte ihr Mann Feinde? Würden sie jemanden solch eine Tat zutrauen in ihrem Bekanntenkreis?“

Frau Papadakis überlegte lange. Nachdenklich wechselten ihre markanten grauen Augen zwischen den beiden Männern hin und her, doch schien sie niemanden mit solch einer Tat in Zusammenhang bringen zu können. 

„Hat ihr Mann sich in letzter Zeit auffällig verhalten? Wirkte er gestresst, suchte er Abstand zu ihnen, wirkte er ihnen gegenüber gereizt oder ängstlich?“

„Mein Mann und ich leben eine besondere Art von Beziehung miteinander aus. Von daher hätte ich eine Veränderung bei ihm sicher bemerkt. Doch es lief eigentlich alles normal ab, bis er dann schließlich vor zwei Wochen verschwunden ist.“

„Hat er sich vielleicht auf eine längere Reise vorbereitet?“

„Nein. Ich lege ihm die Sachen, die er tragen soll raus. Er geht eigentlich nicht selbst an den Kleiderschrank.“

„Wann wurde er das letzte Mal gesehen?“

Frau Papadakis spulte die Antworten herunter, ohne dabei groß nachdenken zu müssen.

„Als er von der Firma aus nach Hause fahren wollte.“ 

Schmied mischte sich ins Gespräch ein und deutete dabei auf eines der Fenster zum Garten hin. 

„Das Kreuz da draußen. Wozu dient es? Sie haben ja wohl kaum einen zweiten Heiland im Haus, oder?“

Reisinger hatte dieses seltsame Gestell schon wieder vergessen. Jetzt aber, wo er von Werner daran erinnert wurde, musste er seltsamerweise an den Ku-Klux-Klan denken. 

„Dieses Gestell diente uns für Rollenspiele. Ich und mein Mann haben eine sadomasochistische Beziehung ausgelebt. Ich habe praktisch unser privates Zusammenleben bestimmt und er sich mir darin untergeordnet.“

Schweigen. Reisinger und Schmied schienen für einen Moment lang, aus ihrem Konzept gebracht worden zu sein. Schmied fing sich als erstes und wollte genauer Bescheid wissen. 

„Sie waren also so etwas wie seine Herrin?“

Frau Papadakis schien ihre besondere Rolle nicht peinlich zu sein. Ganz im Gegenteil wirkte sie weiterhin beherrscht und den beiden Männern gegenüber aufgeschlossen. 

„Wir haben uns über eine Agentur kennengelernt. Wir waren eines der ersten Paare, die einander vermittelt wurden. Ich gehöre auch dem Verein an, dem dieser Vermittlungsservice gehört.“

Reisinger machte sich eifrig Notizen. 

„Wie heißt dieser Verein?“

„Verein dominanter Frauen. Er ist hier in Erfurt ansässig, genauso wie die Agentur auch. Beides befindet sich im selben Gebäude.“

„Man findet es über das Internet?“

Die resolute Frau nickte.

„Ein paar Fragen zwingen sich mir förmlich auf. Ich könnte aber verstehen, wenn sie mir diese nicht beantworten mögen und lieber mit einer Kollegin sprechen wollen.“

„Nein, das ist schon in Ordnung.“

Sie schlug ihre langen Beine übereinander, während ihre Hände vor dem rechten Knie ineinandergriffen. 

„Kann es sein, dass ihr Mann sich von ihnen mehr gewünscht hätte? Ich meine, wenn er masochistische Anlagen hat, könnte es doch sein ...“

Frau Papadakis schüttelte ihren Kopf und unterbrach den Kommissar. 

„Nein. Ich bin eine Kategorie B+ Domina und sehr gut ausgebildet worden. Mein Mann hatte keine Defizite in dieser Richtung.“ Ihre Stimme klang gereizt. Sie schien fast stolz auf ihre Kompetenzen zu sein. 

„Was bedeutet Kategorie B+?“

„Es gibt, gerichtet nach den Wünschen des Mannes, einen Lehrgang in dem die interessierten Frauen entsprechend ausgebildet werden, um später in der Beziehung ihren Teil des Vertrages erfüllen zu können. Kategorie A besteht eigentlich nur aus Dominanz und leichten Strafen, während es in der Kategorie B um eine ausgeglichene Gewichtung geht. Schmerz, Demut und Dominanz spielen alle eine wesentliche Rolle in der Beziehung. Kategorie C ist eine Beziehungsform, in der es vor allen um Misshandlungen geht. Hierbei sind die Frauen gefragt, ihren Männern auf der einen Seite diese Wünsche zu erfüllen und auf der anderen sie vor den Folgen ihres Fetisch zu schützen.“

„Und was haben die Frauen davon?“

Frau Papadakis schien sich nicht zum ersten Mal zu erklären und wirkte routiniert und wortgewandt in ihren Ausführungen.

„Die von uns vermittelten Frauen stammen meist aus Ländern der Zweiten und Dritten Welt, wenn auch nicht ausschließlich. Sie suchen nach einer Perspektive für ein bequemes und sicheres Leben, was sie aufgeschlossen werden lässt gegenüber unseren Leistungen. Für sie und unsere Männer gehen dabei Träume in Erfüllung und wir sind daran interessiert, dass beide Teile zufrieden mit ihrem Leben sind.“

„Und wie gewährleisten sie das? Für mich klingt solch ein Kontrakt ziemlich aufgezwungen.“ Fragte Schmied.

„Sie täuschen sich. Wir bringen den Frauen bei, ihre Männer zu nutzen und zu steuern. Ich habe zum Beispiel nie die Persönlichkeit meines Mannes in Frage gestellt. Er sollte mein Sklave sein und meinen Befehlen folgen, aber dennoch wollte ich genügend an ihm finden, was ich lieben durfte. Und das ist uns über all die Jahre gelungen.“

Reisinger hatte fürs Erste genug gehört. 

„Also können sie wirklich mit Sicherheit ausschließen, dass ihr Mann sich nicht aus einer masochistischen Lust heraus in die Hände seiner Mörder begeben hat?“

„Ja. Ich bin mir dessen sicher. Ich habe ihn, was das betrifft, sorgsam ausgelastet.“

Schmied stöhnte und wirkte irgendwie abgelenkt. Verlegen griff er nach seiner Kaffeetassen, schien aber nicht daran interessiert zu sein, einen eigenen Beitrag zum Verhör zu leisten.

„Wie geht ihr Leben weiter, jetzt wo ihr Mann tot ist?“ Fragte der Kommissar nach einigem Grübeln.

Die Frau schien zu ahnen, in welche Richtung seine Frage abzielte. 

„Ich erbe die Firma und eine größere Lebensversicherung wird wohl ausgezahlt werden.“

Reisinger sah sie nachdenklich an. Dann hatte er genug. 
„Gut, Frau Papadakis. Vielen Dank für ihre Zeit. Vielleicht melden sie uns schon mal bei ihrem Verein an? Ich denke, dass unsere Ermittlungen auch in diese Richtung gehen werden, auch wenn sie vielleicht der Meinung sind, dass dies nicht vonnöten ist.“

Die Gesichtszüge der Frau veränderten sich. 

„Sie bringen einfach diese Schweine um, die meinem Mann das angetan haben. Wie ist mir völlig egal. Hören sie? Und es ist mir egal, ob sie jetzt glauben, ich würde mich an dem Tod meines Krateos bereichern. Denn ich weiß es besser! Tun sie ihre Arbeit, wenn sie weitere Fragen haben, wissen sie, wo sie mich finden können.“

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Kommentare

Bild des Benutzers SirGeorge

Ich hatte den ersten Teil negativ bewertet, ohne die Autorin berücksichtigt zu haben. Wie bei Dir gewohnt wird das eine tolle Geschichte. Ich bin mir sicher, dass es auch hier wieder Passagen geben wird, die man 'wollen' muss. Aber so sind sie halt: Deine Geschichten. Danke für die viele Arbeit - ich warte voller Spannung auf den nächsten Teil!

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Bild des Benutzers sena

Aber was hat denn mein Name mit deiner Bewertung zu tun? Wenn du den ersten Teil nicht gut fandest, dann bewertest ihn doch bitte auch genau so. Das ist doch nur fair. Und wenn dein Eindruck sich bessert, dann freue ich mich doch drüber. Ich ziehe die Geschichten recht langsam auf, dafür aber über viele Teile. Da geht es halt woanders schneller zur Sache. Ich weiß, dass das nicht jedermans Ding ist. 

Hab eine schöne Restwoche!

Sena

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Bild des Benutzers slickibk

Liebe Sena,

wieder mal eine absolut gelungene Handlung.

Einziger Wermutstropfen dabei ist, dass eine  Deiner anderen Geschichten - Domsen, Assis, Vollidioten - wohl unvollendet bleiben wird.

Auf alle Fälle freue ich mich schon auf die Reise auf die Du uns mit Deiner neuen Geschichte mitnimmst.

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Bild des Benutzers sena

Nein, keine Angst. Auch diese Geschichte wird noch beendet werden, sei ohne Sorge. Ich bin aber erstaund und glücklich, dass sie so viele Fans hat. Du bist nicht der Erste, der sich deshalb bei mir meldet. 
Mein Problem. Ich habe kein Skriptdaten mehr für die Geschichte. Das heißt ich muss alles lesen, überarbeiten und neu plotten. Das wird Zeit in Anspruch nehmen. 

Lieben Gruß

Sena

 

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Bild des Benutzers slickibk

Du hast in dieser Reihe dermaßen sympathische Figuren geschaffen, welche trotz aller Kanten, Verrücktheiten und Problemen trotz allem unsere Nachbarn sein könnten. 

Du hast sie in unser Leben gebracht und wir möchten sie nicht mehr missen.

Mir drückt der -zum Glück nicht stattgefundene - Tod von Xena noch immer die Tränen in die Augen, wenn ich diesen Teil lese (bereits drei mal alles gelesen).

Daher freue ich mich auf das Ende von Assis, Domsen... und hoffe außerdem auf eine neue Geschichte aus dem „Xena“ Universum.

Danke!

 

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Bild des Benutzers sena

Danach noch eine? Ehrlich? Phu... Da möchte ich dir jetzt noch nichts versprechen. Einfach weil es dann ... wie erkläre ich dir das nur? Egal! Ich schau einfach mal. 

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*duckundweg*

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Bild des Benutzers BCslave76

...ich habe all Deine hier und auf der Vorgänger Seite veröffentlichten Geschichten verschlungen. Ich freue mich nach langer Zeit endlich wieder von Dir lesen zu dürfen!

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Bild des Benutzers sena

so viele bekannte Usernamen zu lesen, die alle so zuverlässig wieder hierher gefunden haben. Danke für den lieben Kommentar. 

Gruß Sena

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Bild des Benutzers SFJ

ich bin ja gespannt wie es weiter geht, da ist sooviel offen das man nicht erahnen kann wohin die Reise gehen wird.

Und ich glaube so ziemlich jeder will noch mehr von Xena lesen, schlieslich fing damit deine Karriere an  ;-)

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