Agentur zur Vermittlung einer Eheherrin 23

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Bad Langensalza, Haus der Zimers, 27.08.2016 14 Uhr 09

„Tut mir ja auch leid, Gustl, aber ich habe dieses Fleisch nicht vertragen. Es war richtig zäh und faserig. Mich wundert es, dass ich es überhaupt runter bekommen habe.“

Reisinger winkte ab, überblickte die Fassade des alten Hauses und ließ dann, in beide Richtungen, seinen Blick über die Nachbarhäuser wandern. Alles wirkte ordentlich, sauber und vor allem völlig unscheinbar. 

„Gut! Dann wollen wir uns mal mit der Frau Gussew auseinandersetzen. Seltsam, aber mein ganzer Körper schein mich anzuschreien, dass sie der Schlüssel zu allem ist.“

Werner ging die Stufen zur Tür hinauf und klingelte. Ein helles Wimmern des Signalgebers wurde laut, dann hörte man das helle Stakkato von sich nähernden Frauenschuhen. 

Eine hübsche Frau mittleren Alters öffnete ihnen, gekleidet in einem seltsamen Dienstmädchenoutfit, welches einen offensichtlich erotischen Hintergrund haben musste. Schwarz, mit weißen Stegen an Kragen und Säumen, eine viel zu eng geschnürte Korsage und hohe Stiefel mit riesigen Absätzen wirkte die Dame bizarr und überzogen erotisierend. Ihr gequältes Antlitz verriet den beiden Polizisten, dass ihr Outfit alles andere als bequem zu tragen war, zumal sie sich nur sehr unbeholfen darin bewegen konnte.

„Frau Zimer erwartet uns.“ Erklärte sich Reisinger der Frau, nachdem er sich von ihrem Anblick etwas erholt hatte. Sie wirkte durchaus attraktiv, wenn auch ihr Gesicht für seinen Geschmack zu stark geschminkt worden war und ihre pinken Haare sie überzeichnet und sehr unnatürlich wirken ließen. Auch wirkte sie sehr geradlinig und flachbrüstig, was einen insgesamt burschikosen Eindruck bei ihm weckte. 

Die Bedienstete nickte den beiden Besuchern zu, gab den Weg frei und ließ die beiden Männer an sich vorbei treten. Sie wechselte mit ihnen kein Wort, deutete aber auf die Jacken und hing diese, nachdem Reisinger und Schmidt sich ihrer entledigt hatten, an den Haken der Garderobe auf. 

In diesen Moment wurden weitere Schritte laut, sie mussten wohl aus dem dahinterliegenden Treppenhaus kommen, wie der Kommissar spekulierte und so tauchte die hübsche Russin in dem Moment auf, wo die Haushaltshilfe die Flurtür zu öffnen beabsichtigte. 

„Nicht pünktlich sein. Sie spät. Ich dachte schon Kuchen umsonst kaufen.“

Die junge Hausherrin lachte überschwänglich, trat an die beiden Männer heran und reichte ihnen in einer mädchenhaften Geste ihre zarten feingliedrigen Hände. 

„Sie sollten sich doch wegen uns keine Umstände machen, Frau Zimer. Schließlich sind wir dienstlich bei ihnen.“ Gab sich Reisinger distanzgebietend.

Die Dienerin verschwand in der Küche und Schmied, der sich über ihre Erscheinung sichtlich verwirrt zeigte, hatte nun die abschließende Gewissheit. Er grinste über das ganze Gesicht, strich sich mit der linken Hand durch sein Haar und folgte dem Kommissar und der Hausherrin ins Wohnzimmer hinein. Was waren das nur für crazy Leute hier. 

„Platz nehmen, bitte. Cora bringen Kaffee und Kuchen.“ Die Hausherrin deutete auf eine gemütliche Sitzecke an einem großen Fenster, worauf Reisinger sich auf ein bequemes Kanapee setzte, während sein jüngerer Kollege in einem altertümlichen Ohrensessel Platz nehmen wollte. Es war ein gemütliches Zimmer und sorgsam eingerichtet worden, um diesen Eindruck zu verstärken.

Schmieds Interesse beschäftigte sich vor allem mit der Frau vor ihm. Schlank, kräftige Beine, knackiger Po, mittelgroße ordentlich gepushte Brüste und dieses zuckersüße so unschuldig und dennoch verrucht wirkende Gesicht. 

„Warum tragen sie eine Peitsche an ihrem Gürtel? Hat das eine besondere Bewandtnis?“ Fragte er schließlich sichtlich verwirrt.

Frau Zimer blickte an ihrer rechten Körperseite entlang, wo das Abstrafungsinstrument zusammengerollt an einer Lasche hing, welche an ihrem Gürtel befestigt worden war. 

„Ich Cora damit schlagen, wenn Lust haben oder sie nicht ordentlich Arbeit. Sie Sklavenmädchen, sie gerne böse Herrin hat.“

Reisinger wandte sich Schmied zu, der jetzt einen gequälten Gesichtsausdruck zeigte. Wahrscheinlich ging bereits wieder seine Fantasie mit ihm durch. 

In diesem Moment betrat auch die Dienerin den Raum, drückte dabei unbeholfen die Tür auf und hielt, beide Fußknöchel mit Lederbändern und kurzer Kette eng aneinandergefesselt, in unwirklich kurzen Tippelschritten auf die Sitzgruppe zu. Dabei balancierte sie ein silbernes Tablett, worauf eine Schwarze Thermoskanne nebst drei Tassen, Milchkännchen und Zuckerdose standen. 

Umständlich und sichtlich unsicher, tat das Mädchen den Herrschaften auf, stellte Tassen auf den tiefen Tisch ab, füllte sie und verließ, den Blick der Sitzenden meidend, mit unsicher gesetzten Schritten den Raum. Frau Zimer zeigte sich kritisch, bat die Herren um Verzeihung, verließ das Wohnzimmer nun ebenfalls eiligen Schrittes, worauf man deutlich ihre Stimme vernahm, gefolgt von einem lauten Aufkreischen und ein helles Klatschen. 

Die beiden Männer wechselten unsichere Blicke und zeigten sich schockiert, als die junge Frau den Raum wieder betrat und in einem einfachen Sessel, Reisinger gegenüber Platz nahm. 

„Nicht machen richtig, ich sehr böse sein mit ihr.“ Erklärte sich die Frau, lächelte und deutete auf den Kaffee.

„Trinken! Fühlen zuhause, da! Kuchen kommen auch, Cora vergessen hat.“

„Lebt Cora bei ihnen?“ Fragte Reisinger, nachdem sich seine Verwirrung über das Erlebte etwas gelegt hatte. 

„Ja. Sie im Haus sein und arbeiten rund um die Uhr. Sie Dienerin sein.“ Sie nickte eifrig, hob die schwarze Porzellantasse an ihre sinnlichen Lippen und nahm einen vorsichtigen Schluck daraus. 

Reisingers Augen blieben an dieser Handlung haften, dann besann er sich auf den eigentlichen Grund ihres Kommens.

„Frau Zimer, es gab einen Mord in den Reihen ihres Frauenvereins und wie sie wahrscheinlich bereits wissen, untersuchen mein Kollege und ich dieses Verbrechen. Wir haben bereits mit Frau Papadakis und Frau Marldorn gesprochen, ein paar Verdächtige aus dem Umfeld des organisierten Verbrechens verhört, doch wirklich fündig sind wir dabei nicht geworden. Es tauchen immer mehr Fragen auf, statt Antworten. Der  Grund für uns, die Mitglieder ihrer Organisation näher in Augenschein zu nehmen. Also klopfen wir auch bei ihnen an die Tür. 

Frau Zimer reagierte sichtlich erstaunt auf diese Erklärung. 

„Bei mir?“ Ihr Blick wechselte wiederholt zwischen den beiden Männern. „Aber ich Papataket nicht kennen. Wir vielleicht mal gesehen auf Veranstaltung oder Treffen, aber nicht gesprochen haben.“ Die Frau schien bestürzt darüber zu sein, dass sie mit diesem Fall in Verbindung gebracht werden sollte. 

„Frau Gussew, wir tun nur unsere Pflicht. Sie haben eine militärische Ausbildung genossen, ist das korrekt?“

Die hübsche Frau kniff ihre Augen zusammen. Wahrscheinlich überlegte sie, wie viel die beiden Männer von ihr wussten und ob sie lügen durfte. Mutmaßte Schmied in diesem Augenblick. 

„Ich in Armee, stimmt.“ Die Stimme der Frau klang merkwürdig tonlos. 

„Nur in der Armee?“ Fragte Reisinger sichtlich provokant. 

„Da!“ Frau Zimer zögerte. „Mehr nicht sagen dürfen, sonst Ärger bekommen. Ich verpflichtet sein zu still.“

Reisinger nickte der Frau zu, welche mittlerweile wissen musste, dass sie bereit mehr von ihr wussten, als ihr vielleicht lieb sein konnte. 

„Sie haben sich um Dissidenten gekümmert, wie es heißt. Menschen ins Unglück gestoßen, welche den mächtigen Russlands ein Dorn im Auge waren.“

Frau Zimers Gesicht erstarrte, taute aber kurz darauf wieder auf. Schmied konnte ihre Beherrschung nur bewundern. 

„Bei ihnen anders sein?“ Fragte die Frau unschuldig.

Reisinger stolperte über diese Gegenfrage. 

„Wie meinen sie das?“

„Na wenn jemand nicht gut im Auge von Politik, er nicht bekommen Problem?“

„Nein! Wir sind ein Rechtsstaat. Hier läuft nichts ohne dem Einverständnis der Justiz.“

Frau Zimer lachte herzlich auf, griff erneut zu ihrer Tasse und nahm einen langen Schluck daraus. 

„Sie lustig sein, Herr Rei...“

„Reisinger.“ Half Schmied der Verdächtigen bereitwillig. 

Gustl zeigte sich von Schmieds Verhalten dieser Frau gegenüber genervt. Wie zuvor bei der Papadakis auch, schien er der Erscheinung dieser Frau völlig erlegen zu sein. 

„Frau Gussew, zwei direkte Vorgesetzte ihres Mannes sind verunglückt. Der eine tödlich, der andere ist jetzt schwerbehindert. Was wäre einem dritten passiert, wenn ihr Mann nicht befördert worden wäre?“

Die Frau schien seinen Zynismus gar nicht verstanden zu haben und gab sich in diesen Moment einfältig. 

„Er viel arbeiten dann müssen, wie Jörg?“

Schmidt konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, was Reisinger fast seiner Fassung beraubt hätte. 

„Reiß dich zusammen, Werner!“

„Entschuldige, Chef.“ Zeigte sich der Abgemahnte einsichtig. 

„Frau Gussew, oder Zimer, wie sie jetzt heißen mögen, ich finde es seltsam, dass eine Agentin des FSB, welche sich bestens darauf versteht, Menschen in ihr Verderben zu stoßen, glaubt, damit ungestraft davon zu kommen. Wir sind hier in Deutschland und nicht in ihrem von Korruption und Vetternwirtschaft gegängelten Land. Halten sie uns für so dumm, dass wir an solche Zufälle glauben?“

Die junge Frau schien ehrlich traurig über die Anschuldigung des Kommissars zu sein. 

„Aber ich nicht weiß? Warum sie glauben das? Sie nicht gut erzogen sein, wenn sie sagen, aber nicht wissen.“

Schmieds Augen weiteten sich, während Reisingers Gesichtshaut merklich an Röte gewann. Diese Frau verhöhnte ihn auf eine Weise, welche kaum für ihn zu ertragen war. 

„Gut, versuchen wir es anders, Frau Gussew.“

„Zimer!“ Verbesserte ihn freundlich die Frau, ihn dabei mit großen Augen aus ihrem hübschen Gesicht heraus ansehend. 

„Versetzen sie sich in meine Lage. Sie sind Mitglied eines Vereins, der einflussreiche Männer von hübschen Ausländerinnen abrichten lässt und anschließend unter Kontrolle hält. Sie waren oder sind eine Agentin eines Auslandsgeheimdienstes und kaum in dieser Stadt zugezogen, häufen sich auf bemerkenswerte Weise Vorfälle, welche mit der Statistik kaum in Einklang zu bringen sind. Ein Politiker wird als Kinderschänder diffamiert, sein Sohn sitzt wegen eines Gewaltverbrechens ein, ein Gasthausbesitzer wird ruiniert, woraufhin ein Vereinsmann dessen Geschäft übernimmt, ihr Mann beerbt seine beiden Vorgesetzten auf deren Unglück hin. Zufälle? Ich glaube nicht dran. Selbst der Leiter der hiesigen Polizeiwache ist Bräutigam einer ihrer Frauen? Wer könnte da noch an Zufälle glauben?“ 

Frau Zimer gab sich unbeeindruckt. 

„Yael meinen? Richtig ist. Sie glücklich mit ihm. Guter Mann sein.“

Reisinger hob seine beiden Hände in die Luft, um sie sogleich wieder fallen zu lassen. Diese Frau zerlegte mit bemerkenswerter Geschwindigkeit sein Nervenkostüm. 

„Warum?“ Stellte sie jetzt, merkwürdig kleinlaut, eine Gegenfrage. 

„Was?“ Reisinger blickte sie entgeistert an. 

„Warum ich machen sollen? Jörg jetzt viel mehr arbeiten. Und nur wenig Lohn sein, sich gar nicht lohnen. Ich nein gesagt, aber er sagt sein müssen. Sie verstehen? Wir wollen Familie, wo sein Zeit dafür, wenn er ständig arbeiten?“

Schmied glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Weinte diese Frau jetzt wirklich?

„Und sie kommen, um zu sagen ich machen kaputt Mensch? Sie gemein sein. Ich gut fühlen bisher, doch jetzt ich nicht mehr so ist.“

Reisinger atmete tief durch. Er ließ sich nach wie vor nicht von seinem Weg abbringen. 

„Vielleicht macht es ihnen Spaß, Frau Gussew?“

„Zimer!“ Kam es zurück. 

Der Kommissar ging nicht mehr darauf ein. 

„Sie wurden unehrenhaft entlassen, richtig? Was haben sie angestellt? Vielleicht ihre Aktionen gegen die falschen Personen gerichtet? Wie stehen sie zu Frau Marldorn? Sind sie befreundet? Wissen sie, dass sie in Geldnot steckt?“

Irena hörte ihm aufmerksam zu. Immer noch zeigte ihre Miene keine Unsicherheit, höchstens eine leichte Anspannung. Von ihrem kurzen emotionalen Ausbruch war von jetzt auf gleich nichts mehr übrig geblieben.

„Gitta lieb zu mir sein, ich nicht mehr brauchen. Sonst nicht wissen, was sie wollen von mir. Ich guter Mensch sein. Ich stehen zu Mann. Wenn er nicht gut, ich es auch nicht bin, sie verstehen? Wenn man ihm schlecht macht, ich machen auch.“

Reisinger merkte auf. 

„Was heißt das genau, Frau Gussew?“

„Zimer!“ Verbesserte ihn die Frau erneut. 

„Das sie ihren Mann beschützen wollen? Dass sie jedem ein Leid zufügen werden, der ihm schaden möchte, oder vielleicht wollte? War vielleicht Herr Polke solch ein Mann? Was ist mit Roth, sie kannten den Politiker, richtig? “

Kommissar Reisinger blickte der jungen Russin aufmerksam ins Gesicht. Ihre haselnussbraunen Augen hatten sich auf einen Punkt am Fenster gerichtet, der irgendwo links über seiner Schulter liegen musste. Fast fühlte er sich versucht, ihren Blick zu folgen. 

„Jeder Mensch, der einen anderen liebt, will schützen wollen. Das nicht böse sein kann.“

Reisinger sah das wesentlich kritischer. 

„Ehhh..., Frau Gussew, ich weiß nicht recht. Wenn man sich einen Spaß daraus macht, dann vielleicht schon.“

Er klatschte in seine Hände. 

„Aber gut, wir kommen hier und jetzt anscheinend nicht weiter. Eines möchte ich ihnen allerdings noch sagen, bevor wir sie verlassen, Frau Gussew. Jeder Schritt, welchen sie künftig tätigen werden, wird auch meiner sein, dass ist ein Versprechen. Auch ihr Mann sollte vorsichtig sein. Schnell könnte er sich auf Pfade begegeben, welche Unglück für ihn bedeuten.“

„Dann ich nicht stolpern, ich hoffe.“ Lachte Frau Zimer, stand auf und wartete darauf, dass sich auch die beiden Männer von ihren Sitzmöglichkeiten erhoben.

Reisingers Wut auf diese Frau war etwas Besonderes. Er fühlte, dass sie sich nichts aus den Werten machte, für die er einstand. Eine Konstellation, die ihn schon immer Schwierigkeiten bereitet hatte.

So wurden sie von der Hausherrin zurück in den Flur geleitet, just zu dem Augenblick, in dem die seltsame Dienerschaft den Kuchen auftragen wollte.

„Du zurückbringen, Cora. Männer wollen gehen, da?“

Frau Zimer schaute ihre Zofe mit einer entspannten Miene an, als ob sie der Besuch der beiden Beamten einen feuchten Käse anginge. So brachte sie die Männer zu Tür, wartete darauf, dass sie ihre Jacken wieder angezogen hatten, und winkte ihnen nach, kaum dass sie auf die Haustreppe hinausgetreten waren. 

Die Polizisten gingen hinunter auf die Straße und schlugen den Weg in Richtung Parkplatz ein. Reisinger schien immer noch außer sich zu sein. Ein Wunder eigentlich, denn die Frau hatte relativ wenig gesagt, was Reisinger um seine Beherrschung hätte bringen können. 

„Was war das gerade, Gustl? Du bist ja völlig ausgetickt. Das ist doch sonst eher meine Art.“

Reisinger blieb stehen und musterte seinen Kollegen schweigend. Werner hatte Recht. Ein Wutverhör wurde sonst von Schmied geführt und auch diese Erkenntnis steigerte seinen Ärger auf diese Frau noch. 

„Du machst es gerade noch schlimmer, weißt du das eigentlich? Warum reißt du dich bei diesen Frauen zusammen, während du bei den Mafiosi die Fassung verlierst? Nur weil du sie attraktiv findest? Oder ihre böse Art magst?“

Werner zeigte sich verlegen. Ihm selbst war gar nicht aufgefallen, wie sehr er sich diesen Frauen gegenüber zurückhielt. 

Reisinger wartete vergebens auf eine Antwort und fuhr schließlich fort. 

„Ohnmacht! Verstehst du jetzt? Ich stochere wie ein Blinder herum, weiß wo ich hin möchte, ahne was sich um mich herum befindet, finde aber dennoch den Weg nicht. Ich spüre, wie skrupellos diese Frau im Grunde genommen ist und dass sie mit ihrem Handeln davon kommen könnte. Hier in unserem Land! Solch eine Vorstellung macht mich schier wahnsinnig. Sie ist zuckersüß, so piepsig und klein und dennoch scharf wie eine Rasierklinge.“

Werner blickte mitleidig zu seinem Kollegen rüber, welcher neben ihm stand und zurück zu dem Haus der Zimers blickte. Gustav Reisinger wirkte in diesen Moment so, als ob er um Jahre gealtert wäre. 

„Du hast Recht. Ich finde sie geil.“

„Was?“ Reisinger sah ihn schockiert an. 

„Sie ist hübsch, wirkt sympathisch, da entfaltet sie natürlich eine Wirkung bei mir. Du hast Recht gehabt. Wäre sie ein Mann gewesen, ich hätte mich ihr gegenüber ganz anders gegeben.“

Reisinger nickte. Immerhin erschien ihm Schmied jetzt einsichtig. 

„Wir müssen noch kritischer sein, Werner. Unbedingt. Ich spüre jetzt, in dieser Sekunde, wie diese Frau uns auslacht.“

Sie brauchten zehn Minuten um das Gelände des Stadtparkplatzes zu erreichen. Eine Zeit, in der nicht viele Worte zwischen ihnen gewechselt wurden. Jeder von ihnen hing den eigenen Gedanken nach und tatsächlich fühlte sich nicht nur Reisinger in diesen Moment hilflos. 

Was würde Darca sagen, wenn er ihr wieder nichts präsentieren konnte? Wie konnte sie mit der Vorstellung umgehen, dass jemand ihren Mann ungestraft hatte foltern und töten können? Was für eine Achtung brachte sie ihm gegenüber noch auf, wenn er bei der Untersuchung dieses Falls scheiterte?

Wie sehr er sich nach dieser Frau verzehrte. Es störte ihn nicht, dass sich die Rumänin immer noch ihrem verstorbenen Mann gegenüber verbunden fühlte, dass sie an ihn dachte und um ihn trauerte. Vielleicht weil er dadurch das Gefühl vermittelt bekam, dass sie trotz aller Härte während ihres gemeinsamen Liebesspiels immer noch Emotionen ihm gegenüber haben würde? Dass sie eine echte Beziehung mit ihm einging, obwohl sie die Domina und er ihr Sklave darin spielten?

Was würde Reisinger sagen, wenn er hinter diese Liaison kam? Schmieds Magen kollerte augenblicklich, so als ob er ihm bei diesen Gedankengang unterstützen wollte. Er empfand sich in diesen Moment als Verräter Reisinger gegenüber und vielleicht war er das sogar. 

„Schmied!“

Werner schrak aus seinen Gedanken und folgte den Fingerzeig seines Kollegen. Ihr Dienstwagen war mit Graffitispray besprüht worden! Bullenschweine stand auf der Windschutzscheibe in einem stark verschnörkelten Schriftzug. Auch die Wagenseite war von Vandalismus betroffen, man hatte dort einen Mittelfinger in den Lack hinein gekratzt.

„Was für eine Scheiße!“ Schmied eilte um den Wagen herum, mit großen Augen die Schandtat begutachtend. 

„Die haben uns sogar die Rücklichter eingetreten, Gustl.“

Reisinger schloss seine Augen. Ein eindrücklicheres Zeichen, wie wenig man sich von ihren Ermittlungen beeindruckt zeigte, hätte man ihnen wohl gar nicht vermitteln können. 

„Fahren wir zur Polizeidienststelle. Die sollen den Wagen reparieren lassen und uns einen neuen zuteilen.“

Werner nickte seinem Vorgesetzten zu, während er ein Taschentuch zur Hand nahm, um die Scheibe damit notdürftig zu säubern. 

„Was für eine Scheiße! Woher wussten die das? Und wer passt hier auf? Das ist doch ein kostenpflichtiger Platz, richtig?“

Reisinger gab seinem Kollegen Recht. Irgendjemand würde für den Parkplatz in der Verantwortung stehen. Vielleicht gab es ja auch Kameras? Sehen konnte er keine, aber vielleicht waren welche versteckt angebracht worden? Gelangweilte Jugendliche gab es überall und mit ihnen auch Vandalismus und Sachschäden an öffentlichen und privaten Besitz. 

„Mehr kriege ich auf die Schnelle nicht weg.“ Erklärte sich Schmied, fingerte das letzte Taschentuch aus der Packung und wischte damit noch einmal über die Scheibe, auf der sich der Schriftzug in einen schwarzen Schlierennebel verwandelt hatte. Der Beamte stieg immer wieder ins Auto, pumpte Wischwasser auf die Scheibe und wischte dann mit den Blättern der Reinigungsanlage nach. 

„Steig ein! Ich bin gespannt, was Roland dazu sagt, wenn wir ihm unseren Wagen zeigen. Schon eine Überraschung, wie schnell man hier über unser Erscheinen informiert worden ist.“ Stellte Reisinger tonlos fest. 

Werner, noch immer über die Motorhaube der Limousine gebeugt, ließ sich nicht zweimal bitten und setzte sich auf die Fahrerseite. Er drehte den Schlüssel in der Zündung, legte den Gang ein und löste die Feststellbremse. Doch mit der kommenden Kupplung und dem Anfahren, spürte er auch einen seltsamen Widerstand, den es erst einmal zu überwinden galt. Auch hob sich der Wagen leicht, um gleich darauf wieder abzusinken.

Wie konnte das möglich sein? Ein fragender Blick zu Reisinger, sie rollten zwei oder drei Meter, dann wussten sie beide Bescheid. 

„Diese Hurensöhne!“ Wutentbrannt stieg der junge Beamte aus und betrachtete das Unglück. Er hob seine Arme abrupt in die Luft und verschränkte anschließend seine Hände hinter seinem Genick. 

„Was ist passiert?“ Reisinger hatte immer noch keinerlei Vorstellung davon, was geschehen sein könnte. 

„Die haben uns Krähenfüße unter die Reifen gesetzt. Die sind jetzt total im Eimer. Fuck!“

Reisinger wollte sich von der Wut seines Mitarbeiters nichts annehmen. 

„Dann laufen wir jetzt. Auf jeden Fall haben wir jetzt die Gewissheit, dass wir gewissen Personen langsam unangenehm werden.“

Sie eilten durch die Straßen und Gassen der Stadt Bad Langensalza zurück zu dem Gebäude der Polizeidienststelle. 

„Haben sie etwas vergessen?“ Fragte Vetter, der Mitarbeiter am Empfang, die beiden sichtlich gestresst wirkenden Herren. 

„Unser Dienstfahrzeug ist einem gezielten Akt von Vandalismus zum Opfer gefallen. Sagen sie Herrn Roland Bescheid, dass ich mit ihm sprechen möchte. Vielleicht hat er jetzt eine Vorstellung davon, mit was wir es hier zu tun haben.“ 

Zehn Minuten später, wurden sie von dem Leiter der Dienststelle erneut empfangen. Dessen besorgte Miene spiegelte wieder, dass er die Rage seiner nordrhein-westfälischen Kollegen durchaus verstehen konnte und diese ernst nahm. 

„Wir stellen ihnen ein Auto aus unserem Fuhrpark zur Verfügung. Es tut mir leid, dass ihnen so etwas in unserer Stadt widerfahren musste.“

„Sehen sie jetzt wenigstens ein, dass hier etwas passiert, Herr Roland? Mit was für einer Dreistigkeit man uns zu sabotieren und zu beeinflussen sucht?“

Roland ließ seinen Blick mehrfach zwischen seinen Kollegen hin und her wechseln. 

„Aber woher nehmen sie diese Sicherheit? Es könnten Jugendliche gewesen sein, oder Kinder.“

Schmidt hielt Roland das Display seines Handys vor dessen Augen. 

„Bullenschweine! Wie kommt man auf solch einen Spruch, wenn man nicht ganz genau weiß, von wem der Wagen genutzt wird?“

Reisinger schloss sich seinem Kollegen an. 

„Sehen sie es endlich ein, Roland. Ihre Frau gehört einer Verbindung an, welche vom Staatsschutz überwacht wird. Und sie ist mit einer Frau befreundet, welche verdächtigt wird, Menschen geschadet zu haben, von denen einer nicht mehr am Leben ist. Sollte ich herausbekommen, dass sie mit ihrer Frau auch nur ein Wort über das wechseln, was wir in dieser Angelegenheit miteinander besprechen, hat das schwerwiegende Konsequenzen für sie, das verspreche ich ihnen.“

Rolands Gesicht härtete jetzt genauso aus, wie das Reisingers vor ihm.

„Sie sollte mir nicht drohen. Im Gegensatz zu ihnen habe ich positive und völlig gegensätzliche Erfahrungen mit meiner Frau und ihren Freunden gemacht. Und solange sie nur spekulieren Herr Reisinger, sollten sie sich das Kredo zu eigen machen, dass Unschuldigen erst dann ein Verbrechen angelastet werden sollte, wenn man dieses beweisen kann.“

Reisinger starrte den Mann an, als ob er jeden Moment handgreiflich werden wollte. 

„Besorgen sie uns einen Wagen! Ich will die Namen der Nachbarn und ein Termin bei den Kollegen die vor uns den Tod von Polke untersucht haben! Schnell! Verstehen sie mich?“

Roland antwortete ihm nicht, setzte sich zurück an seinen Schreibtisch und richtete seinen Blick auf den vor ihm befindlichen Monitor. 

„Wenn es dann alles war, Herr Reisinger?“

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Kommentare

Bild des Benutzers Hylax

Du schaffst es das eigentlich todernste Sachen in die deine Charaktere verstrickt sind, von diesen ins Absurde gesetzt werden. Ich habe schon sehr Schmunzeln und Grinsen müssen.

Jetzt hast du es geschafft ^^ Cora werde ich dann wohl noch schlechter los als meine Pinken Haare. Danke Süße.

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