Agentur zur Vermittlung einer Eheherrin Teil 2

 

Erfurt, Deutschland, 15. 11. 2015, 20 Uhr 54

Jörg war erst vor zwei Stunden wieder Zuhause angekommen. Gegessen hatte er noch in Erfurt, froh für ein paar Stunden der Tristesse seiner Heimatstadt entkommen zu können. 

Er lebte gerne in Bad Langensalza und war auch dort geboren worden, nur kannte dort jeder jeden und viel geboten wurde nicht in dieser kleinen Stadt. Dafür war sie hübsch anzusehen und besaß einen gut erhaltenen historischen Stadtkern, der jedes Jahr mehr Touristen anlockte. 

Frisch geduscht, in Jogginghose und Poloshirt gekleidet, setzte sich Jörg vor seinen großen All-In-One-Pc, schob sich dessen Tastatur und Maus zurecht und wartete darauf, dass nun auch die letzten Minuten verstreichen würden. 

War er aufgeregt? Ziemlich. Immer wieder hatte er sich Irinas Fotos angesehen. Sie war eine charismatische und hübsch wirkende Frau und damit mehr, als er sich von seinem Gesuch versprochen hatte. Eine Soldatin also. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine solche Frau kennengelernt zu haben. War sie vielleicht so drauf, wie die typischen Bundeswehrler? Engstirnig und ein wenig primitiv wirkend?

Noch einmal kontrollierte er, ob er sich auch richtig angemeldet hatte. Irina hatte schon vor einer halben Stunde seine Freundschaftsanfrage angenommen, sich aber sonst noch nicht in irgendeiner Weise bemerkbar gemacht. Zumindest hatte er schon das Chatfenster geöffnet und ein erstes Hallo hinein geschrieben. 

„Irina91 online“

Es war jetzt genau 21 Uhr. Pünktlich war sie ja. Praktisch auf die Sekunde. Jörg starrte auf sein „Hallo!“ und erschrak, als ein schwarzes Fenster aufging. Verwundert sah er ein paar graue Streifen darin, dann eine junge brünette Frau, die mit ihrer rechten Hand den Displays ihres Notebooks ausrichtete. Im Hintergrund war eine einfache weiße Wand zu sehen, die wenig von ihren Wohnverhältnissen preisgab. Ihr Make-up, schien sorgfältig aufgetragen worden zu sein und auch ihre weiße Bluse wirkte elegant und sorgsam in Szene gesetzt. 

„Können sie mich hören?“

Jörg sah sich selbst im rechten oberen Eck des Bildschirmes, er war überhaupt nicht zufrieden mit seinem Äußeren. Konnte sie ihn überhaupt verstehen? Hatte sein Gerät ein Mikrofon?

„Hallo? Irina?“

Die charismatische Frau musterte ihn mit erhobenen Augenbrauen, anscheinend verwundert darüber, dass er sich ihr gegenüber so wenig souverän zeigte. 

„Ja? Ich kann sie hören.“

Von wegen keinen Akzent. Er konnte ihn deutlich aus den wenigen Worten heraushören, die sie bisher von sich gegeben hatte. Er störte ihn nicht weiter, ganz im Gegenteil, ließ er sie doch erst authentisch wirken. 

„Hätten sie etwas dagegen, wenn wir uns dutzen?“ Fragte er sie schüchtern.

Sah er da ein Lächeln auf ihren Lippen?

„Da, Jörg. Das können wir machen so.“

Sie sprach sehr konzentriert und etwas steif. Wahrscheinlich musste sie in ihrem Gedächtnis erst nach den passenden Redewendungen suchen. Dennoch eine erstaunliche Leistung. Jörg selbst war nicht sonderlich sprachbegabt, von etwas Englisch und Latein einmal abgesehen. 

„Du sprichst sehr gut Deutsch. Woher kannst du das?“

Ihr Gesichtszüge wirkten ernst und gezwungen. Jörg fühlte sich in diesem Moment an sein Bundeswehrgleichnis erinnert. 

„Ich habe es in der Akademie gelernt und später in der Armee.“

„Was für eine Akademie war das denn?“ Interessierte er sich. 

„Für Kadetten. Ich habe Stipendium bekommen und fünf Jahre studiert dort. Mit siebzehn ich dann zur Armee gegangen bin.“

„Und weshalb hast du sie verlassen?“

Ihr Augenbrauen zeigten jetzt ein V und ihre Augen verkleinerten sich. Seine Frage schien ihr unangenehm zu sein. 

„Ich wurde ohne Ehre entlassen.“

Autsch! Da hatte er schon nach wenigen Sätzen ihren wunden Punkt getroffen und damit ein gewaltiges Fettnäpfchen.

„Irina, entschuldige. Das wollte ich nicht.“

Sie rührte sich nicht und sah aus wie eine Nachrichtensprecherin im TV, die auf die nächste Einblendung wartete. Anscheinend hatte sie die Erwartung ihm gegenüber, dass er jetzt das Thema wechselte. 

„Hast du irgendwelche Fragen an mich?“

Sie überlegte. Durch das Laptop wirkte sie so, als ob sie auf ihn heruntersehen würde. Diese Konstellation erregte ihn, wie er sich eingestehen musste, so unpassend dieser Umstand auch für ihn war. 

„Ich weiß nicht. Frau Gelle hat mir viel von dir erzählt.“

„Gellert, heißt sie.“ Verbesserte sie Jörg. 

„Und du möchtest mich wirklich kennenlernen?“

Irina nickte. 

„Ja, du siehst gut aus, wirkst sauber auf mich und scheinst nett sein. Das ist schon mehr, als ich von russischen Männern gewohnt.“

„Und meine Fantasien?“

Irinas Blick bekam etwas Stechendes. 

„Sie sind mir egal. Man hat schon Schlimmeres von mir verlangt. Ich spiele Rolle für dich, richtig? Mehr auch nicht sein für mich.“

Jörg war über ihre nüchterne Antwort enttäuscht. Gerne hätte er ein tiefgreifenderes Interesse bei ihr entdeckt. 

„Sag mir wo Stadt du wohnst.“

Jörg stolperte über ihre Frage. Es war das erste Mal, dass sie mit Satzstellung und Grammatik deutlich falsch lag. 

„Bad Langensalza. Wir sind so ziemlich die Mitte hier. Ich meine jetzt von Deutschland.“

Irina tippte etwas und ihre Augen richteten sich jetzt auf einen Punkt etwas weiter unten. Er konnte sehen, wie sie etwas las. 

„Schöne Häuser. Alt, richtig?“ 

„Ja, wir haben sogar noch eine richtige Stadtmauer. Wo kommst du her?“

„Ich bin im kleinen Dorf geboren. Uralgebirge, kennst du? Dann später Heim in Orsk. Große Stadt, größer als dort wo du lebst.“

„War es schlimm für dich im Heim?“ Jörg fragte aus einem echten Interesse heraus. Für ihn eine Horrorvorstellung, dass ein Kind ohne seine Eltern aufwachsen musste. 

„Freunde gut, Lehrerin gut, alles andere nicht so gut.“ Irena schien sich selbst auf einige Erinnerungen zu besinnen in diesen Moment. In Russland viel grau, du verstehst? Nicht gut, nicht schlecht.“

Jörg glaubte es zumindest. 

„Sind deine Eltern gestorben?“

„Ich nicht genau weiß. Man hat mich weggenommen. Sie sollen böse Menschen gewesen sein. Ich weiß nicht genau über sie.“

Die Russin schien ungeduldig zu werden. Sie schien irgendetwas von ihm zu erwarten. 

„Warum fragst du nicht nach Sex. Oder Bild, wo ich bin nackt?“

Jörg machte große Augen. Hatte sie ihm das jetzt wirklich gerade gefragt?“

„Warum fragst du mich so etwas?“

„Andere Männer mich immer gleich wissen. Warum nicht du?“

Jörg stotterte. Sie hatte ihn völlig überfahren mit ihren Worten. 

„Weil ich dich kaum kenne und mir erst einmal anderes wichtiger an dir ist? Ich sehe doch, dass du eine sehr schöne Frau bist. Das reicht mir.“

Ob sie ihm glaubte? Zumindest schien sie das Gespräch mit ihm fortführen zu wollen. 

„Und Fantasien! Warum du Pervert?“

„Du meist pervers?“

Sie antwortete ihm nicht sofort. Wahrscheinlich musste sie erst nach passenden Wörtern suchen. 

„Du stehen auf Befehle und Schmerzen machen. Warum nicht Liebe und Kinder bekommen?“

„Jetzt war es raus. Anscheinend war sie doch nicht bereit dazu und dachte sehr wohl über die Konsequenzen nach, die seine Wünsche für sie haben mussten.“

„Ich mag Frauen, die böse aussehen. Die wissen was sie wollen und das mir gegenüber auch zum Ausdruck bringen können. Ich möchte nicht immer der Starke sein müssen, in der Beziehung. Hört sich vielleicht nicht sonderlich männlich an, ich weiß. Aber solch eine Frau wünsche ich mir.“

„Und ich dich schlagen müssen, wenn du etwas nicht richtig machen? Wie soll ich Lust bekommen, wenn du kein Mann?“

„Es wäre ein Spiel zwischen uns, Irina. Ich bin sehr wohl für dich ein Mann, wenn ich das Gefühl habe, dass du ihn brauchst. Aber ich möchte auch eine dominante Frau haben, wenn ich sie mir wünsche.“

„Du haben viele Frau bisher?“

Jörg überlegte. Er hatte schon einige Beziehungen hinter sich gebracht. Die meisten hatte nur wenige Monate überdauert. 

„Doch. Schon einige.“

„Und Frauen nicht mehr dich mögen?“

Jörg verneinte. Er war es, der die Beziehungen beendet hatte. 

„Nein. Ich wollte sie nicht mehr. .“

„Warum das so gewesen?“

Irina ließ ihre Hände ineinandergreifen und stütze auf ihnen ihr Kinn ab. Ihr hübschen Augen blieben auf den Bildschirm gerichtet, anscheinend hatte sich ihr Interesse an ihn noch nicht völlig verflüchtigt.

„Ich war nur Mittel zum Zweck. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ihre Wünsche zu erfüllen hatte, meine eigenen aber immer eine Anstrengung für sie bedeutet haben.“

„Du meinst pervert?“

Er lächelte. „Pervers. So heißt das Wort bei uns.“

Sie sprach es ihm nach und beim dritten Versuch hatte sie es. 

„Nein, nicht nur. Es gab überhaupt nur zwei von ihnen, denen ich mich in diesen Punkt anvertraut habe.“

„Ich habe auch Wunschen. Wo liegt der Unterschied zu deutschen Frau?“

Jörg wurde das Gespräch unangenehm. Er hatte sich mehr davon versprochen und fand langsam auch in ihrem attraktiven Äußeren keinen Trost. 

„Was für welche denn?“

„Ich brauche Pass von Deutschland. Ich nicht mehr leben in Russland mochte. Ich lernen und arbeiten, fünf Jahre du kannst Scheidung dann.“

Er schloss seine Augen. Dass sie so direkt ihre Wünsche äußerte, überwältigte ihn, aber halt nicht im positiven Sinn. 

„Und in der Zeit erfüllst du mir auch meine?“

Zu seiner Überraschung bejahte sie die Frage, ohne zu zögern. 

„Ich werde lernen machen. DA!“

 

Düsseldorf, 14.08.2016, 8 Uhr

Gustav Reisinger hatte in der Nacht kaum geschlafen. Immer wieder waren die Bilder der verstümmelten Leichen vor seinem inneren Auge aufgetaucht, ob er nun schlief oder wach blieb. 

Seine Exfrau hatte ihm Suppe mitgegeben, auch jetzt noch, fünf Jahre nach ihrer Trennung, kochte sie für ihn und hielt seine Wohnung in Ordnung. Wehmütig rührte er mit einem roten Plastiklöffel in seiner Kaffeetasse. Liebe war zwischen ihnen nie das Problem gewesen. Sein Beruf war es und sein rastloser Geist, der sich mit Kriminellen und Fälle beschäftigte, nur selten aber mit seiner Inge. 

Angewidert überflog er seinen Schreibtisch. Er hatte fünf Fälle gleichzeitig zu bearbeiten und würde zwei von ihnen wohl in den nächsten Tagen unaufgeklärt zu den Akten geben müssen. Ein Mensch tötete und kam ungestraft davon? Es fiel ihm so schwer, solch eine Konstellation für sich zu akzeptieren. 

„Na Reisl? Heute schon einen Eimer vollgemacht?“

Schmied, ein um zehn Jahre jüngerer Kollege lachte. Sportlich und gut gewandet, war er der genaue Gegensatz zu dem Alten. 

„Halt dein unverschämtes Maul! Sag schon, gibts was Neues?“

Der junge Mann ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen, setzte sich an seinem Schreibtisch, der sich gegenüber von Reisingers Arbeitsplatz befand und schob sich seine Dokumente zurecht. Routiniert startete er seinen Rechner, dann besann er sich auf die Frage seines direkten Vorgesetzten.  

„Ich habe Theo gefragt ob er uns ein paar Abzüge machen kann, sagen wir für die Wand?“ Er lachte. Reisinger aber reichte es jetzt. 

„Schön, dass ihr euch alle über mich lustig machen könnt, aber dort draußen läuft noch der Wahnsinnige rum, der diesen Mann zu Tode gefoltert hat. Schon bemerkt? Wäre unschön wenn er weitermorden würde, während ihr euch auf meine Kosten amüsiert. Aver vielleicht sehe ich das ja auch falsch?“

„Beruhig dich, Gustl. Ich bin ja schon wieder brav.“

Der junge Beamte strich sich mit seiner Linken durch seine sorgsam frisierten Haare und schob dabei die Maus seines Computers über den Tisch. 

„Vierundvierzig Vermisste in der Republik und Anreinern, die allesamt Ähnlichkeiten zu dem Toten aufweisen. Kollegen sammeln schon Gen-Proben um Theo etwas zu geben, womit er und seine Kollegen ihre Computer füttern können. Ergebnisse sind aber vor Ende der Woche nicht zu erwarten, da werden wir noch Geduld haben müssen.“ 

Reisinger nickte. Der Tote war äußerst professionell gequält und getötet worden, das hatte ihm der Pathologe eindrücklich vor Augen geführt. Ein Serientäter vielleicht? Würde es weitere bestialische Tötungen dieser Art geben? 

„Lebten einige von ihnen in der Nähe des Fundortes?“ Fragte er seinen jüngeren Kollegen. 

„Nein. Wäre auch zu schön gewesen, oder? Der Typ wurde dort nicht nur einfach entsorgt, Gustl. Ich bin der Meinung, er sollte dort gefunden werden.“

„Sehe ich auch so. Nur dann kann der Tatort überall sein. Der Täter macht es uns nicht leichter damit.“

Er ließ seinen Kugelschreiber auf den Tisch trommeln, während er den vorläufigen Bericht überflog. Mit kurzen Worten hatte er den Tathergang beschrieben und auch die Ergebnisse der Gerichtsmedizin dokumentiert. Mehr konnte er erst einmal nicht unternehmen. Erst wenn der Tote identifiziert worden war, würde es in diesem Fall weitergehen. 

Schmidts Telefon klingelte. Er beendete erst noch seinen Arbeitsschritt, biss unsinnigerweise von einem belegten Brötchen ab und griff dann zum Hörer. 

„Polizeihauptmeister Schmied, Mordkommission.“ Hastig würgte er den Bissen herunter. Man sah es ihm an, dass er Probleme beim Herunterschlucken hatte. 

„BKA? Ja, Frau Seligmann, danke. Ja ich gebe es an den Kommissar weiter. Vielen Dank.“

Sein Gesicht zeigte sich überrascht. Reisinger wurde neugierig und blickte an den Computerbildschirmen vorbei, rüber zu seinem Kollegen.   

„Was wollten die?“

„Es gibt ein Video, dass wir uns ansehen sollen. Es hat anscheinend mit dem Verstümmelten zu tun.“

„Ein Video?“

Schmied tippte auf seinen Computer herum und überging seine Frage. 

„Ist schon im Laufwerk. Haben es gerade übermittelt.“

Reisinger überkam ein tiefgreifendes Unwohlsein. Er war ein Mann, der herausragende Ermittlungsfähigkeiten besaß, bescheinigt durch eine hohe Aufklärungsrate und Zeugnisse seiner Vorgesetzten. Auch durch einige Auszeichnungen und Erwähnungen waren seine Dienste bisher anerkannt worden. Dennoch wurde er schnell von zur Schau gestellter Brutalität überfordert, auch jetzt noch, nach all seinen Dienstjahren. 

„Kannst du einen Blick draufwerfen, Werner?“

Der junge Mann schien seinen Wunsch nicht abgewartet zu haben. Sein Gesicht wurde fahlweiß, blieb aber auf dem Bildschirm gerichtet. 

„Er ist es.“

Reisinger verstand nicht. 

„Wer ist was?“

„Die haben sich dabei gefilmt, während sie ihn umbringen.“ Kam es in einem merkwürdig piepsigen Tonfall zurück. 

Reisinger aber konnte kaum glauben, was er da hörte. 
„Die haben was?“ Hastig stand er auf und kam um den Tisch herum. Das Opfer wandt sich in seinen Schmerzen  und riss an seinen Fesseln. Man sah nicht genau, was der Täter mit dem Gefesselten anstellte, nur die Wirkung seines Handelns trat mit aller Deutlichkeit zur Tage.“

„Geh lieber, Gustl. Ich übergebe mich gleich selbst, wenn ich mir das hier in einem Stück ansehe.“

Der Kommissar folgte den Rat seines Kollegen und ging auf Abstand. 

„Wo haben die Kollegen das her?“

„Darknet. Sie jagen dort eher nach Pädos, Urheberrechtsverletzer und illegalen Märkten für Waffen, Drogen und Menschenhandel.“

„Dann haben wir sie doch. Die Seite der Betreiber muss doch mit den Tätern in einner Verbindung stehen.“

Werner verneinte. 

„Ist eine Splatterfilm-Seite. Die haben den Content nicht für real gehalten.“

Der junge Kollege legte eine Pause ein. 

„Hier unten am Rand ist eine Zeichenabfolge eingeblendet worden. So als ob die Täter eine Nachricht hinterlassen wollten.“

„Lies schon vor.“

„Geht nicht. Das ist krypto. Die ergeben überhaupt keinen Sinn für mich.“

„Kannst du irgendwas im Hintergrund erkennen?“ Fragte Reisinger ungeduldig. 

„Ja. Ein paar Baustellenlampen und ne grüne Fliesenwand. Vielleicht war das ja wirklich mal ein OP?“

„Und die Täter?“

Werner schien sich nicht mehr sicher zu sein, ob es mehrere waren. Die Kamera filmte immer von dem gleichen Punkt aus und war direkt auf den Oberkörper des Opfers ausgerichtet worden. 

„Nur einen sehe ich im Bild und der steht mit dem Rücken zur Kamera. Hat halt so eine Chirurgenkluft an, da gibt es nichts Sachdienliches.“

Reisinger überlegte. Er würde sich diesem Video stellen müssen, anders kam man nicht voran. Wenn es denn überhaupt ihr Opfer war, welches dort auf den Tisch getötet worden war.

„Schicke Theo das Video. Vielleicht ist es ja wirklich nur gestellt worden.“

Werner nickte, schien aber seiner Einschätzung nicht zu glauben. Dieser Mann wehrte sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft gegen die Folter und man sah, wie sein Körper unter dem heftigen Schmerz arbeitete. Das sollte geschauspielert sein? Niemals. 

Leipzig Deutschland, 29. 11. 2015, 14 Uhr 10 Flughafenterminal

Jörg ließ noch einmal die letzten Tage Revue passieren. Das Irina nach solch kurzer Zeit bereit war, ihn zu besuchen und das auch noch bei ihm Zuhause, kam ihm immer noch wie ein Traum vor. So kritisch und reserviert sie anfangs war, so hatte sie ihm mit den folgenden Sprachchats immer mehr Glauben geschenkt. Er war nicht nur an ihr als Erfüllungsgehilfin für seine sexuellen Träume interessiert, sondern auch als Partnerin. 

Beide hatten in den stundenlangen Gesprächen immer mehr von sich erzählt und so erfuhr Jörg einiges aus dem grauen Leben Irinas, wie es die Soldatin während ihres ersten Gespräches genannt hatte. Ihr bisheriges Leben schien für sie eine einzige Pflicht gewesen zu sein, in dem es für sie nur Anordnungen, Erwartungen und Befehle gegeben hatte. Gerade in ihrer Zeit bei den russischen Streitkräften. 

Vielleicht wäre sie lieber ein Sub geworden? Auch darüber hatte er sich mit ihr immer wieder unterhalten. Anfangs hatte sie ihn immer wieder pervers genannt, doch je mehr er ihr von der Materie gezeigt hatte, desto interessierter hatte sie sich daran gezeigt. 

Sie konnte sich gut vorstellen ihn zu führen. Als Offizierin hatte sie 150 Männer befehligt. Auch das Strafen wollte sie lernen zu akzeptieren, wenn es denn eine erotische Seite für sie beide hatte. Erotik. Anfangs hätte sich Jörg nicht vorstellen wollen, dass diese nüchterne und kalte Frau überhaupt zu solch einer Empfindung in der Lage war. Aber sie hatte ihm ganz offen von ihren ersten Erfahrungen auf der Kadettenschule erzählt und auch, dass es Frauen waren, mit denen sie zum ersten Mal verkehrt hatte. 

Ihre Erfahrungen während ihrer Armeezeit waren eher belastend für sie gewesen. Nötigungen, Androhungen von Gewalt ..., sie hatte dort viele Situationen durchleiden müssen. 

Dass sie sich ihm gegenüber so geöffnet hatte, war wahrscheinlich seinen eigenen Erzählungen geschuldet. Er hatte zwar eine leichte und unbeschwerte Kindheit durchleben dürfen, aber dafür in seiner Pubertät unter den Spott und Schmährufen seiner Mitschüler stark gelitten. Es gab Punkte, an denen er am liebsten vor der Schule geflohen wäre. 

Besser wurde es erst während seiner Lehre und dem Studium. Er hatte zu klettern angefangen, lernte unter den Kolleginnen seine erste Liebe kennen und durfte von ihr lernen, wie man sich einer Frau zu nähern, und zu befriedigen hatte. Diana war ein ziemlich resoluter Charakter gewesen, vielleicht hatte auch sie etwas mit der Entwicklung seiner Wünsche zu tun gehabt. 

Er sah auf seine Sportuhr. Ihr Flieger musste inzwischen gelandet sein. Wie würde sie wohl aussehen? Immer wieder hatte er ihr Fotos schicken sollen, von Outfits, die ihm gefielen. Er wollte ihr Geld schicken, damit sie sich etwas kaufen konnte, doch hatte sie das abgelehnt. Sie hatte Ersparnisse und wollte sich ihm gegenüber nicht als bedürftig zeigen. 

Zwei junge Frauen kamen ihm entgegen und lächelten ihm im Vorbeigehen zu. Deren Interesse war eine willkommene Bestätigung für ihn, hatte er sich doch für seinen russischen Besuch ordentlich in Schale geworfen. Hellgrauer Anzug, blaues Hemd, braune Sneaker. Auf eine Krawatte hatte er lieber verzichtet. Er wollte vor Irina nicht zu zugeknöpft wirken. 

Obwohl er die Zeit im Chat mit dieser Frau sehr genossen hatte, überkamen ihn auch immer wieder Zweifel. War dieser Weg wirklich der Richtige für ihn? Machte er sich nicht etwas vor und vor allem ihr? Sie war ja keine naturveranlagte Domina und vielleicht war das zwangsläufig ein Grund für ein Scheitern? 

Er war nicht feige und hat ihr von seinen Befürchtungen erzählt. Auch sie war ihm gegenüber ehrlich gewesen und wollte ihm keine leeren Versprechungen machen. Nur zwei Dinge würde sie für ihn durchziehen wollen. Erstens, diesen Besuch hier und zweitens, den Kurs, sollten sie in den nächsten Tagen miteinander harmonieren. 

Eine Frau in Schwarz schob sich durch die Menge der Reisenden. Gekleidet in einer dicken mit Stachelbändern und Nieten bedeckten Lederjacke, schwarzen Lederstretchhosen und hohen Schnürstiefeln, zog sie sofort seinen Augenmerk auf sich. Ihre braunen Haare waren streng nach hinten gekämmt worden und zu einem festen Zopf geknotet, der über ihrer linken Schulter hing und einen Teil der Brust verdeckte. 

Sie hielt auf ihn zu. Leider konnte er wegen einer schwarz verspiegelten Brille nur den unteren Teil ihres Gesichts erkennen. Sollte das wirklich sie sein? Wenn ja, dann hatte sie schon jetzt einen Traum für ihn wahrwerden lassen. 

Sie stellte ihre schwarze Tasche fünf Meter von ihm entfernt auf dem Boden ab, öffnete ihre Arme und eilte auf ihn zu. 

Sie war es! Verdammt noch mal, konnte das möglich sein?“

„Irina!“ 

Sie sagte nichts, umarmte ihn und drückte ihren Körper an den seinen. Er spürte ihre Lippen auf seiner Wange, fühlte noch einmal den Druck ihrer Brust auf seinem Körper, dann löste sie sich von ihm, schob ihre Brille hoch und lächelte. 

„Sehe ich gut aus?“

Er fing das Stottern an. Niemals hätte er angenommen, dass sich die Frau für ihn solch eine Mühe geben würde. 

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll ...“

Sie drehte sich auf der Stelle und zeigte sich ihm von allen Seiten. Anscheinend hatte sie selbst Gefallen an ihrer Erscheinung gefunden. 

„Es mir stehen, da?“

Er lachte. Ja verdammt noch mal. Er hatte sich genau solch eine Frau für sich gewünscht. 

Sie holte ihre Tasche und hakte sich anschließend bei ihm ein. Er fragte sie nach ihrem Flug und ob sie noch etwas brauchen würde. Ansonsten könnten sie noch einmal in Leipzig halt machen und einkaufen gehen. 

„Ich habe Hunger. Lass uns essen, ja?“ 

Sie deutete auf die Reklame eines Fastfoodrestaurants, augenscheinlich war sie wenig anspruchsvoll, was die Wahl ihrer Speisen betraf. 

„Der Anzug gut stehen. Hübscher Mahnn.“ 

Er lachte, freute sich aber über ihr Kompliment. 

„Du wirkst in natura ganz anders auf mich.“ Erwiderte er ihre herzlichen Worte.

„Wie? Gut oder schlecht?“ 

„Du wirkst viel lockerer.“

Irina lächelte. 

„Ich weiß. Ich bin einfach froh sein, bei dir. Deutschland schön. Alles sauber hier.“

Sie hielt zielstrebig auf den Eingang des Fastfoodrestaurants zu, reihte sich in die Schlange der Gäste ein und deutete auf ein Schild des Menüaushangs. 

„Ich dich laden Essen, ja?  Nehme Doppelburger mit Chese.“ Jörg wollte protestieren, aber es war Irina ernst. Vielleicht wollte sie ihm von Anfang an zeigen, dass auch sie ein persönliches Interesse an ihm hatte.“

Jörg ließ sich darauf ein und erfreute sich an den neidischen Blicken der um sie herumstehenden Männer. Auch er bestellte das Menü, hatte keine Lust sich Gedanken über das dargebotene Essen zu machen. Lieber sah er sich diese Frau an, die extra wegen ihm mehr als 2500 Kilometer gereist war.

Ihr Po wirkte prall und muskulös, war dabei aber rund und sinnlich. Vielleicht war es sogar ihre Absicht gewesen, dass sie eine Jacke gewählt hatte, die ihn nicht vor seinem Blick verborgen hielt. 

Irina schien es ähnlich zu gehen. Immer wieder sah sie sich zu ihm um und nahm ihn in Augenschein. Es war kein leeres Gerede von ihr gewesen. Er schien ihr wirklich zu gefallen. 

„Du denken über mich?“

Jörg nickte. Was hätte er sie auch anlügen sollen. 

„Du hast einen schönen Po.“

Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund spiegelte ihr offensichtliches Erstaunen wieder. War er zu direkt gewesen?

Der Mann vom Service half ihm durch diese peinliche Situation hindurch und nahm Irinas Bestellung auf. Sie vergaß seine Wünsche dabei nicht, bekam eine Tischnummer und sah sich suchend um. So wurde es ein Fensterplatz, den sie für sie beide aussuchte. 

Neugierig wandte sie sich zwei Passagiermaschinen zu, die unter ihrem Ausblick für den Start vorbereitet wurden. 

„Du nicht sagen mit Po. Es macht Respekt klein vor mir.“

Jörg betrachtete sie nachdenklich. Wollte das aber auch nicht so zwischen ihnen im Raum stehen lassen. 

„Ich habe nur deine Frage beantwortet. Mehr nicht.“

„Und du dich freust wegen Lust mit mir?“

Jörg fühlte ihre Sorge nur all zu deutlich. Natürlich machte sie sich keine Illusionen. Das Sexuelle war ja der Grund gewesen, warum er sich überhaupt an die Agentur gewendet hatte. 

„Nein. Wenn es dazu kommt, freue ich mich. Aber bedrängen werde ich dich nicht, das habe ich dir versprochen.“

Ihre braunen Augen sahen nachdenklich zu ihm rüber. Sie glaubte ihm wahrscheinlich nicht. 

„Ich mag dich, wäre nicht gut, wenn anders sein.“

„Tut mir leid, Irina. Aber du bist eine schöne Frau und mit der Kleidung hast du mir eine riesige Freude gemacht.

Sie schien genug von dem Thema zu haben, blickte an ihm vorbei und nahm schließlich das Tablett an sich, dass ihr von einer Kellnerin gereicht wurde. 

Jörg lachte. Die Russin hatte, ohne auf ihn zu warten, sofort in einen der Burger gebissen.

„War das Essen im Flieger so schlecht?“

„Flieger?“ Wiederholte sie fragend. 

„Flugzeug meine ich.“

„Da. Nix gut. Bäh. Wie in Armee.“ Sie lachten beide. 

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Kommentare

Bild des Benutzers Wuffff

Uh.. da wäre ich an Jörgis Stelle aber auch ziemlich hin- und hergerissen. Sie sagt ihm gleich, dass sie für ihn nur eine Rolle spielen würde.. Ich weiß ja nicht, wie ich da reagiert hätte... vermutlich anders. Aber es ist ja auch nicht meine Geschichte :-)

Aber es geht jedenfalls interessant weiter. Schreib schnell den nächsten Teillaugh

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Bild des Benutzers sena

Wenn ich konzentriert weiterschreiben kann, wird es vielleicht sogar noch heute etwas. Danke für deinen Kommentar. Das trägt zu meiner Motivation bei. 

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Ein kluger Mann ist der, der seiner Frau artig folgt.

Bild des Benutzers mmmgeschichten

Da kann man so schöne Situationen mit Nervenkitzel konstruieren, wenn sich die Kommissarin/ der Kommissar in den/die Hauptverdächtige verliebt und man nicht weiß...

Ich freue mich jedenfalls auf den nächsten Teil.

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Bild des Benutzers SFJ

ich freu mich das du wieder schreibst Sena  :)

Und ich bin gespannt wies mit Jörg weiter geht und voralem wie die 2 handlungsstränge mtieinander  verbunden werden

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Bild des Benutzers Tony 2360

absolute Dominanz der Dialoge. Inhaltlich muss ich weiter abwarten, wohin die Reise gehen wird, um mich explizit äußern zu können. Auf jeden Fall ist es ganz persönlich nicht ganz uninteressant für mich, was sich da zu entwickeln scheint. Nicht zuletzt wegen meiner besonderen Affinität bezüglich Russland.

In wie weit in der vor uns liegenden Geschichte Klischees bedient werden oder Realitätsnähe die Oberhand gewinnt, wird sich zeigen. Aber ich habe da sehr viel Vertrauen in dein literarisches Können. Schau mer ma.

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