Agentur zur Vermittlung einer Eheherrin 17

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Bad Langensalza, 8.1.2016 11 Uhr 55

Jörg arbeitete schnell und konzentriert. Das Irena schon eine halbe Stunde lang neben ihm saß und ihn bei der Arbeit beobachtete störte ihn nicht weiter. Ganz im Gegenteil, als er ein paar Worte mit ihr wechseln wollte, hatte sie ihn mit einer saftigen Ohrfeige sofort wieder an die Akte erinnert, welche vor ihm lag. Eine albanische Familie. Sie würde ein Härtefall darstellen und wahrscheinlich dennoch in eine Abschiebungsmaßnahme enden. 

„Du glücklich sein mit mir?“ 

Jörg wandte sich erstaunt zu seiner hübschen Freundin um, welche an seiner Seite saß. Machte sie sich Sorgen wegen seiner Widerworte? Bisher hatte er nicht das Gefühl gehabt, dass sie einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen hätten. 

War er glücklich mit ihr? Das war eine Frage, welche er sich so noch gar nicht gestellt hatte. Sie war gemein, zum Teil sogar brutal und rücksichtslos, aber die Art, mit welcher sie ihn anschließend forderte und benutzte, fühlte sich einfach fantastisch an. Zumal sie auch immer wieder Zärtlichkeiten zeigte und seine Nähe suchte, ohne ihm dabei weh zu tun. Hinzu kam noch Irenas attraktives Aussehen und die souveräne und beherrschte Art, mit welcher sie ihn dominierte. Von ihren geilen Outfits mal ganz zu schweigen. 

„Ja. Ich habe das ernst gemeint mit dem Traum.“

Sie lächelte und streichelte ihm dabei nachdenklich mit ihrer rechten Hand über seinen Hinterkopf. Er zuckte zusammen, als sie ihn berührte, aus Angst, dass sie ihn wieder schlug oder auf eine andere Art und Weise grob behandelte. 

„Du Wünsche haben, welche ich dann machen?“

In Jörgs Kopf begann es zu rauschen. Warum fragte sie ihn das jetzt? Er hatte sich doch in dieser Hinsicht bereits über die Agentur mitgeteilt. 

„Aber du kennst sie doch. Sie standen in meinem File.“

Irena blieb nachdenklich. 

„Wirklich alle sein? Oder noch andere haben? Du mir sagen, damit wir können machen.“

Er zögerte. Tatsächlich gab es da zwei Fantasien, welche er für sich behalten hatte. Doch wollte er sie wirklich für sich mit Irenas Hilfe wahr werden lassen? Er schämte sich ja nicht umsonst für diese Träume. 

„Du lachst mich aus, wenn ich dir davon erzähle.“ Stotterte er. 

„Da! Natürlich machen das. Ich böse sein, vergessen?“ Stellte seine künftige Eheherrin amüsiert fest. 

Das war ein Argument. Jörg grinste und fasste sich ans Herz. So erzählte er ihr von einem Traum, welchen er gehabt hatte und sich für ihn ungewöhnlich intensiv angefühlt hatte. Irena hörte schweigend zu und fing schließlich tatsächlich lauthals das Lachen an. Es steigerte sich immer mehr und so stand sie schließlich auf, las den Ärger in seinem Gesicht und schmetterte ihn in schneller Folge ihre Hände in sein Gesicht, sich dabei immer wieder Tränen der Heiterkeit aus den Augen wischend. 

Jörgs Wut und Scham, begleitet von den Bränden auf seiner Gesichtshaut führten ihn an eine Grenze und nur unter Aufbietung all seiner Willenskraft behielt er die Contenance vor Irena. 

Sie beruhigte sich schließlich wieder, setzte sich auf seinen Schoß und umarmte ihn, dabei seinen Kopf gegen ihre linke Schulter pressend. Sie suchte ihn mit dieser Geste gütlich zu stimmen und vermochte es schließlich auch. 

 

Erfurt, Landeskriminalamt, 26.08.2018 17 Uhr 30

Eine belastende Stimmung hatte sich zwischen den drei Kollegen gelegt. Goedecke hatte sich vor einer halben Stunde verabschiedet, auch er zeigte seine Besorgnis über die so plötzlich veränderte Lage der Ermittler.

Vor allem Eichhorn löste sich nur widerwillig aus seinen Gedanken. Hatte Schmied Recht bekommen? So prompt, eindringlich und unmittelbar? Versuchte jemand, ihre Ermittlungsarbeit zu behindern oder zu verzögern? Er war der thüringischen Polizei unterstellt und unterlag somit deren Weisungsbefugnis. Durchaus also denkbar, dass jemand seine Abberufung initiiert hatte, welcher unter dem Einfluss des Vereins stand. 

„Ich werde trotzdem weitermachen, Gustl. Ihr versorgt mich einfach mit allem, was ihr herausfinden könnt. Ich kann dann meinerseits von Weimar aus versuchen euch zu unterstützen.“

Schmied konnte den Mann nicht sonderlich gut leiden, fühlte aber dennoch mit ihm. Es war immer ein Schlag ins Gesicht, wenn man aus laufenden Ermittlungen herausgelöst wurde. Man steckte viel Herzblut in die Arbeit, hatte das Bild eines Täters vor dem geistigen Auge und wollte diesen unbedingt zur Rechenschaft ziehen. Es war ähnlich einem Spiel, in dem man sich ungern geschlagen geben wollte.

„Keine Sorge Eichhorn. Dein Laptop ist für uns unverzichtbar geworden.“ Der Kollege zeigte einen gequälten Gesichtsausdruck. 

„Immerhin habt ihr jetzt ein paar Ansätze, welchen ihr folgen könnt.“ Eichhorn wandte sich an Reisinger. „Nehmt mich nur nicht völlig raus! Versprecht mir das.“

„Keine Sorge, Jens. Du bekommst alles auf dem schnellsten Wege zugesandt. Ab Morgen fühlen Werner und ich den besonderen Mädels des Vereins auf den Zahn, du könntest von Weimar aus Kontakte zu Europol knöpfen! Hoffen wir, dass die Kollegen dort auf Zack sind. Wird das Geld bewegt, kann es sein, dass wir hier ganz schnell handeln müssen.“

Reisinger wandte sich an seinen Partner. 

„Schläfst du wenigstens heute im Hotel? Ich würde morgen gerne früh anfangen.“

Der junge Kollege schien über den Wunsch des Kommissars nachdenken zu müssen, zeigte sich aber schließlich einverstanden. 

Eichhorn konnte nicht anders und grinste schadenfroh, Schmied zeigte ihm daraufhin hinter dem Rücken ihres Vorgesetzten seinen rechten Mittelfinger. „Jetzt sind wieder die Wessis unter sich, Eichhorn. Aber wir können dir und deiner Familie ein Packet schicken mit Süßigkeiten und Konserven.“ Schob er noch zynisch nach. 

Eichhorn aber stand drüber, nahm sich seinen Mantel und verabschiedete sich. Ihm schien immer noch der Umstand seiner Abberufung zuzusetzen. 

„Eines noch! Bevor ihr anfangt. Ich habe mit einer Frau Frech geschrieben. Der Staatsanwältin von Bad Langensalza. Fangt dort an! Nachdem ich mit ihr Kontakt aufgenommen hatte, wollte sie unbedingt mit dir sprechen, Gustl.“

„Und worüber? Geht es um die Russin?“ Fragte Reisinger interessiert. 

„Nicht direkt. Eher darum wie man die gehäuften Ereignisse der vergangenen Monate erklären könnte. Sie scheint bisher meine These, dass die Frauen des Vereines für die Unruhe in der Stadt Sorge tragen, nicht stützen zu wollen.“

„Und was für eine Idee hat sie?“

Eichhorn blieb in der offenen Tür stehen. 

„Keine Konkrete. Ihr geht es bei der Sache ähnlich wie mir. Die Vorfälle sind eine statistische Anomalie, welche nicht mehr durch eine zufällige Häufung erklärt werden kann. In dir sieht sie wahrscheinlich ein willkommenes Untersuchungswerkzeug, welches Klarheit in die Angelegenheit bringen kann, ohne dass sie sich Richtern und Vorgesetzten dabei erklären muss.“

Schmied grinste frech. 

„Schaffen es die Ossis nicht mehr alleine, wa?“

Eichhorn seufzte. Schien sich ihm dieses Mal aber erklären zu wollen. 

„Das Problem ist es Kräfte auf eine bloße Vermutung hin einzusetzen, nicht die mangelnde Kompetenz unserer Beamten. Auch Frau Frech braucht konkrete Gründe, um eine Untersuchung veranlassen zu können.“

Reisinger nervte dieses ständige Reiben der Kollegen, auch wenn diese selbst, das ganz amüsant zu finden schienen. Er verabschiedete sich ein zweites Mal von Eichhorn, dankte für dessen bisherige Arbeit und blieb mit Schmied allein in dem kargen Büroraum zurück. 

Nachdenklich musterte er seinen Partner, welcher am Fenster stand und auf das Display seines Handys herunterblickte. 

„Schreibst du deiner Eroberung?“

Schmied merkte auf und zeigte sich verlegen. 

„Ja. Ich hatte ja angenommen, dass wir uns heute Abend hätten sehen können.“

Reisinger versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, was er von der Madame wusste, welche sich Werner da aufgetan hatte. 

„Erst findest du eine dominante Sadistin scharf und jetzt flüchtest du dich in die Arme einer Hure? Hat dich deine Bea so aus der Spur gebracht?“

Schmied blickte aus dem Fenster, schien dem Kommissar aber nicht antworten zu wollen. Irgendetwas beschäftigte ihn, was über die Bedeutung einer bloßen Prostituierten hinausging. Vielleicht hatte er sich wirklich in das Weib verliebt? Wenn es so war, dann würde sie ihn wahrscheinlich mir nichts dir nichts finanziell nackig machen. 

„Zahlst du viel für ihre Gunst?“

Schmied wandte sich nun zum Kommissar um. 

„Nein, bisher gar nichts. Wir verstehen uns gut, da hat sich das eine aus dem anderen entwickelt.“

„Bist du verliebt? In eine Prostituierte?“

Der junge Kollege winkte ab, und schien Reisinger nicht antworten zu wollen. 

„Und wie geht es dann weiter? Irgendwann sind wir hier fertig und fahren zurück nach Hause.“

„Ich habe da keinen Plan. Wir werden es sehen, wenn es soweit ist.“ Schmied blickte kurz auf seine Armbanduhr und blickte zu dem Kommissar rüber, welcher seine Hände in den Hosentaschen vergraben zu dem Zitadellenberg hinüberblickte.

„Essen und dann Kneipe? Hast du Lust?“ Wurde Reisinger vom Kollegen vorgeschlagen. Der zeigte sich einverstanden. Es musste auch mal eine Auszeit geben, sonst würde man am kommenden Tag nicht mehr klar denken können. 

„Was Deftiges, da hätte ich jetzt Lust drauf.“

Werner lachte und legte seinem Chef die Rechte auf dessen linke Schulter. 

„Dann komm. Hier wird sich bestimmt ne Thüringer Wurst für uns beide finden lassen.“

 

Bad Langensalza, 8.1.2016 15 Uhr 55

Polke schrak aus seinen Gedanken heraus. Das Bild seiner Kinder in der rechten Hand, dachte er an Zeiten zurück, welche noch gar nicht so lange zurücklagen. Ein Urlaub auf einem Hausboot in Südfrankreich war einem kleinen Traum gleich gekommen, welchen er für sich und seine Familie unbedingt hatte verwirklichen wollen. Er hatte schon damals gespürt, wie unzufrieden seine Frau geworden war und wie stark ihr Verlangen, sich von ihm abzuwenden. Immer wieder hatte er romantische Stimmungen zwischen ihnen schaffen wollen, sie zum Beischlaf überreden versucht und war, nachdem sie ihn auf eine für ihn besonders demütigende Weise abgelehnt hatte, zum erste Mal handgreiflich geworden. 

Diese Reaktion auf ihre Ablehnung war einem Dammbruch gleichgekommen. Es brauchte immer weniger, damit er seiner Barbara schlagen wollte. Hatte es wirklich vier Monate gedauert, bis sie es nicht mehr mit ihm ausgehalten hatte? Erstaunlich eigentlich. Er konnte sich noch gut daran zurückerinnern, wie das Haus leer gewesen war, als er von der Arbeit kam. 

Die Kinder hatten ihm die Alleinschuld gegeben. Er hatte sich ihnen nicht einmal erklären dürfen. Von heute auf morgen hatten sie ihm ihre Liebe entzogen und dass, obwohl er sie in allem unterstützt, behütet und gefördert hatte. 

Er fühlte in sich das Verlangen aufsteigen sich zu betrinken. Oft hatte er in der letzten Zeit zur Flasche gegriffen immer wieder begleitet von dem Vorsatz sich nicht gehen zu lassen. Er gönnte seiner Frau die Genugtuung nicht, wegen der Trennung von ihr und den Kindern zum Alkoholiker geworden zu sein. 

Erschrocken fuhr der Bereichsleiter zusammen, als es an der Tür klopfte. 

„Ja?“

Die Bürotür öffnete sich und das hübsche Gesicht von Zimers Russin tauchte auf. 

„Ich ihnen Wiedersehen wollen sagen. Mich gefreut sehr sie zu besuchen dürfen.“

Polke starrte die junge Frau entgeistert an, welche nun wie selbstverständlich sein Büro betrat. Sie schien auf bemerkenswerte Weise distanzlos zu sein, wie er nicht umhinkam festzustellen. 

„Ich wollte gerade Feierabend machen, Frau ...“ Wie hieß sie noch? Er hatte es nicht für nötig gehalten, sich ihren Namen zu merken. 

„Ich Irena heißen. Sie vergessen haben?“

Sie schlenderte auf seinen Tisch zu, kam um diesen herum und stellte sich an seiner Seite. Polke hielt nach wie vor das Foto seiner Kinder in der rechten Hand. 

„Hübsch sie sind. Stolz sein können.“

Der dickleibige Mann blickte entgeistert zu seiner unerwünschten Besucherin auf. 

„Stolz?“ Er unterließ es, sich ihr zu erklären, schüttelte seinen Kopf und starrte auf das Foto. Die beiden Zecken saugten ihn aus und verachteten ihn. Wie sollte er da ihnen gegenüber so etwas wie Stolz empfinden?

„Wie alt sie seien? Sie noch zur Schule gehen?“

„Nein. Sie macht eine Ausbildung, er geht auf die Uni.“

Irena schien sich über seine Erklärung zu freuen. Vielleicht nahm sie an, dass der Mann ihr gegenüber auftaute. 

„Scheidung schlimm. In Russland sehr oft.“

Polke nickte nur. Obwohl er widerwillig anerkennen musste, dass ihm ihr Interesse guttat in diesem Moment. 

„Ich liebe sie, doch scheint ihnen das nichts wert zu sein. Würde ich mir morgen das Leben nehmen, spucken sie mir am Tag meiner Beerdigung aufs Grab. Wenn sie überhaupt kommen würden.“

Irena zeigte unverhohlen ihr Mitgefühl. 

„Sie so nicht sagen dürfen. Kommen auch Zeit gut für sie.“

Polke schien nicht daran zu glauben. 

„Manchmal möchte ich einfach nur Schluss machen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin doch kein Monster.“

„Wenn sie nicht sein, dann Frau es ist. Monster geben immer so, dass nicht anders sein.“

Er suchte ihre Worte zu entschlüsseln und rang sich ein Lächeln für diese ihm völlig fremde Frau ab. Warum konnte er ihre Worte gelten lassen? Weil sie nicht zur Belegschaft gehörte? Weil sie eine Russin war? Oder weil sie seit Wochen der einzige Mensch gewesen ist, der so etwas wie Interesse an seinem Leben zeigte?

„Warum Frau nicht mehr sie haben wollen?“

Polke hob seine Schultern. Seine Ex hatte nie den Versuch gemacht, sich ihm diesbezüglich zu erklären. Es hatte oberflächliche oder situative Vorwürfe gegeben, nie aber den Versuch einer Klärung oder den Wunsch die alte Liebe zwischen ihnen neu zu entfachen und damit zu retten.

„Sie hat sich immer weiter von mir entfernt und mich oft verhöhnt und beleidigt. Irgendwann ist mir dann die Hand ausgerutscht und dann in ähnlichen Situationen immer wieder. Auch meine Kinder. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Meine Worte hatten sie zwar gehört, aber nicht mehr verstehen wollen.“

Heulte er? Hastig wischte er sich eine Träne von der Wange herunter. 

„Dann sie neu anfangen. Machen sie ihr Leben gut. Suchen neue Frau.“

Polke wischte ihren Vorschlag mit einer harschen Handbewegung beiseite. 

„Mir noch solch ein Monster ins Leben holen? Nie wieder! Das habe ich mir selbst geschworen.“

Der schwergewichtige Mann hinter dem Schreibtisch musterte die hübsche junge Frau neben sich. Dass sie ihm gegenüber so locker und ungezwungen auftrat, überraschte ihn. Versuchte Zimer über ihre Person hinweg, in seinen Arsch zu kriechen? Er verwarf diesen Gedanken wieder. Sein Stellvertreter hatte bisher zuverlässig gearbeitet, aber sonst keine Ambitionen gezeigt Karriere machen zu wollen. In welche Richtung auch? In der Gemeinde gab es nicht mehr viele Plätze über ihm und eine Beförderung wäre automatisch mit einem Umzug einhergegangen. 

„Was wollen sie eigentlich von mir?“ Fragte er schließlich genervt, schaltete den Arbeitsplatzrechner aus und schickte sich an aufzustehen. 

„Mich Abschied nehmen. Ich wieder Erfurt sein für Rest der Woche.“

Für einen kurzen Moment hatte sie seine Aufmerksamkeit. 

„Erfurt? Was machen sie dort?“

„Ich lernen Sprache und vieles mehr.“

Polke erwischte sich dabei, wie er sich für diese Frau zu interessieren begann. Ein Unding, nach allem was ihm durch Frauen widerfahren war. 

„Dann wünsche ich ihnen eine informative Woche, Irina. Wir werden uns wahrscheinlich nicht so schnell wiedersehen, da ein Aufenthalt von Angehörigen während der Bürozeit nicht gerne gesehen wird.“

Irina lächelte und schien über seine abweisenden Worte einfach hinwegzugehen. 

„Verboten nicht sein. Jörg fertig mit Arbeit, ich nicht stören ihn. Kein Problem sein, wenn sie nicht draus machen.“

Der Bereichsleiter war für eine Sekunde sprachlos. Diese Frau überforderte ihn mit ihrer Dreistigkeit. Was hatte sich Zimer da bloß an Land gezogen?

„Wir nächste Woche sehen. Dann ich nur vier Tage Erfurt sein.“

Sie umarmte ihn! Was sollte das? Beinahe wäre er grob geworden, doch beherrschte er sich in letzter Sekunde und schob sie vorsichtig von sich weg. 

„Wie dem auch sei. Gehen sie jetzt nach Hause. Ich werde es nämlich jetzt auch tun. Bis irgendwann dann.“

Die junge Russin nickte ihm zu, zeigte ihm noch einmal ein liebes, herzerweichendes Lächeln und trat dann aus der Tür heraus, sie dabei hinter sich offenstehen lassend. Ungläubig blickte er ihr nach und sah sie in der Bürotür Zimers verschwinden. 

„Scheiße, sie ist wirklich hübsch.“ Murmelte er, sich über sein wachgewordenes Interesse ärgernd.

 

Erfurt, Gasthaus zum Schweden, 26.08.2018 20 Uhr 30

Reisinger blickte zufrieden auf das Bierglas herunter, welches er in seiner rechten Hand hielt. Die Kneipe war gemütlich und sehr bodenständig eingereicht. Mit grobem Holz getäfelte Wände, rustikal gezimmerte Tische und Stühle, dazu ein ländliches und fast derb wirkendes Essen von erlesener Güte. Hatte er schon mal eine ähnlich ausgefallene Gastronomie im Ruhrgebiet entdeckt? Er konnte sich zumindest nicht daran erinnern. 

Schmied kaute und stach mit seiner doppelzinkigen Gabel in das letzte Bratenstück auf seinem Teller. Auch er war begeistert und konnte Ambiente, Service und Essen nur seine Anerkennung zollen. 

„Die versuchen durch Qualität zu überzeugen. Gelingt ihnen wunderbar. Müssen unbedingt noch ein zweites Mal herkommen, bevor wir hier die Biege machen.“

Reisinger seufzte. 

„So wie wir vorankommen, wird das noch eine Weile dauern. Es sei denn unsere Fortschritte fallen weiterhin so bescheiden aus, dann wird der Fall wohl schneller zu den Akten gelegt, als uns lieb sein dürfte.“

Schmied stutzte. Bestand in dieser Richtung wirklich eine Gefahr? Er wandte sich widerwillig zu der hübschen Bedienung um, welche ihn nach einem weiteren Bier fragte. Er bestellte eins, in Gedanken mit der Aussage Reisingers beschäftigt. Für Darca würde solch eine Möglichkeit einer Katastrophe gleichkommen. Die Mörder ihres Mannes blieben straffrei nach solch einem Verbrechen? Wie gut er sie verstehen konnte. Und wie sehr sie ihn mit ihrer Art der Trauer für sich einnahm. Sie hatten ihren Ehesklave geliebt, auch wenn sie sich das nur widerwillig eingestanden hatte. Würde sie ihn auch so lieben können? 

Er hoffte es. Nur mit Mühe konnte er seine Gedanken von ihr weg, in eine andere Richtung lenken. War er verliebt? Es fühlte sich zumindest so für ihn an.

„Denkst du an sie?“

Schmied nickte. Was sollte er lügen? Es war ja offensichtlich. 

„Ja, schon. Hätte sie gerne heute noch gesehen.“

Reisinger zeigte sich reumütig. „Tut mir leid, Junge. Übermorgen hast du wieder die Gelegenheit, es sei denn wir finden etwas heraus, was uns in Bad Salzungen hält. 

„Bad Langensalza, Gustl. Du meinst eine andere Stadt.“

Der Kommissar lächelte. „Uns an den richtigen Ort zu bringen ist dein Part. Verbocke es nicht! Viel Blut scheint es in deinem Kopf zur Zeit nicht geben.“

Schmied lachte gequält auf, während seine Gesichtshaut errötete. 

„Du denkst doch selbst auch noch immer an Inge, oder?“

Reisinger lachte schallend, sodass er damit die Aufmerksamkeit der Gäste an den Nachbartischen erregte. Schmied war peinlich berührt und blickte angestrengt auf sein Bierglas herunter, während sich die Situation wieder um sie herum beruhigte. 

„Aber nicht so wie du, glaub mal. Sex ist schön, aber nach einer gewissen Zeit werden andere Dinge einem wichtiger. Es ist einfach ein kostbares Gut, einen Menschen zu haben, mit dem man sich verbunden fühlt. Aber du hast schon Recht. Ich denke oft an sie und vermisse sie.“

„Aber ihr seht euch doch noch oft.“ Stellte Schmied fest. 

„Mag sein. Aber der Status bleibt dennoch ein anderer. Zumal sie letztens Besuch hatte. Ich war richtig sauer, sag ich dir.“

„Sie hatte einen Kerl?“ Fragte Schmied nach, ohne seinen spöttischen Unterton zu kaschieren. 

Der Ältere hob seine Schultern. 

„Keine Ahnung. Aber es ist ihre Sache, ich werde mich da sicher nicht einmischen. Wenn sie schon soweit ist, schön für sie. Ich bin es jedenfalls noch lange nicht.“

Schmied schien nicht so recht daran zu glauben. 

„Bin ich anderer Meinung, Gustl. Wenn die Richtige deinen Weg kreuzt, bist du schneller wieder fällig, als du es dir jetzt vorstellen kannst. Und ob dann Inge weiterhin deine Wäsche wäscht und ab und zu die Bude saugt, wage ich zu bezweifeln.“

„Wie meinst du das?“

Schmied grinste und trank in einem langen Zug sein Glas aus, während die Bedienung schon das Nächste auf sein Filz stellte. 

„Dass sie sich vielleicht den Typen ins Haus geholt hat, um dich eifersüchtig zu machen? Solange sie sich so um deine Gesundheit und deine häusliche Ordnung sorgt, ist noch nichts für dich verloren.“

Der Kommissar war anderer Meinung. 

„Lass gut sein, Werner. Ich habe keine Lust, sie weiter um ihr Leben zu betrügen. Solange ich diesen Beruf ausübe, werde ich nicht die Zeit mit ihr verbringen können, welche ihr zusteht. Und sie hat schon jetzt für mich so vieles aufgegeben, was das Leben einer Frau ausmacht.“

Schmied kannte dieses Argument nur zu gut. Er hatte es nicht zum ersten Mal gehört und wusste aus eigener Erfahrung, welch schädlichen Einfluss sein Beruf auf das Privatleben hatte. 

„Lass uns ins Hotel zurück, Gustl. Ich würde wenigstens noch mit ihr telefonieren wollen.“

Reisinger zeigte Verständnis. Das Schmied so bereitwillig darauf verzichtet hatte, seine neue Eroberung besuchen zu können, rechnete er ihm hoch an. 

„Kann ich verstehen. Vielleicht hast du ja wirklich eine Chance bei ihr, nur so recht dran glauben mag ich noch nicht.“

Er blickte auf das Handy herunter, was der Kollege neben sich auf dem Tisch liegen hatte. 

„Hast du ein Foto von ihr?“

Schmied winkte erschrocken ab. 

„Nein! So weit waren wir noch nicht.“

Reisinger zeigte sich verwundert. Diese harsche Reaktion auf seine Frage, wusste er sich nicht zu deuten. 

„War das jetzt so schlimm, dass ich dich gefragt habe?“

Schmied verneinte und entschuldigte sich. 

„Sorry. Vielleicht deshalb, weil sie mich noch keins hat von sich machen lassen.“

„Verstehe. Kommt alles wie von selbst, wenn es bei euch passt. Krass. Eine Prostituierte. Ich bin selbst ziemlich tolerant, aber so eine Konstellation ...“ Er räusperte sich und suchte die Bedienung auf sich aufmerksam zu machen. 

„Die Rechnung bitte.“

 

Erfurt, Hotel zur Zitadelle, 26.08.2018 23 Uhr 30

„Darca ich muss morgen früh raus. Der Chef will endlich etwas Vorzeigbares liefern, sonst gehen uns langsam die Optionen aus.“

Die markante Frauenstimme hörte sich sofort unsicher an. 

„Aber du hast doch erzählt, dass ihr Fortschritte gemacht habt. Wieso klingt das jetzt wieder ganz anders?“

„Wir haben mehrer Unstimmigkeiten in eurem Verein entdeckt. Müssen aber da viel weiter ins Detail gehen, um daraus ein Motiv zu entwickeln. Wir haben ja noch nicht einmal eine konkrete Person in Verdacht.“

Es klopfte an der Tür und so entschuldigte sich Werner bei seiner neuen Liebe. 

„Es hat bei mir angeklopft. Ich gehe mal kurz nachsehen. Bin gleich wieder da.“

Dara antwortete ihm nicht. Wahrscheinlich waren ihre Gedanken immer noch mit der sehr wagen Einschätzung des jetzigen Ermittlungsstandes beschäftigt.

„Wer ist da?“ Schmied sah auf seine Armbanduhr. Um diese Uhrzeit konnte es eigentlich nur der Chef sein. Vielleicht hatte er einen Geistesblitz bekommen?

„Darca, bitte nichts sagen jetzt. Das wird der Alte sein.“ Flüsterte er in die Richtung seines Handy´s.

Sie antwortete ihm nicht, was Schmied als ihre Zustimmung interpretierte. Der Gedanke, dass sie beide auffliegen könnten, war der blanke Horror für ihn. Er würde sofort von dem Fall abgezogen werden und es wahrscheinlich sogar einen Eintrag in seiner Akte geben. 

„Wer ist da?“ Fragte er durch die geschlossene Tür. 

Statt einer Antwort klopfte es erneut und so öffnete er die Zimmertür einen Spalt breit. Eine Frau im schwarzen Lackmantel und Sonnenbrille stand vor ihm, ein Handy in ihrer Hand haltend. 

„Darca!“ Schmied deutete auf die gegenüberliegende Zimmertür und hob seinen Finger an den Mund. Sie indessen drängte sich schweigend an ihm vorbei ins Zimmer. 

„Was soll das? Ist dir klar, was passieren wird, wenn er uns erwischt?“

Darca setzte sich an einen kleinen Tisch am Fenster, während Schmied hastig die Tür hinter ihnen abschloss. Wieder kam keine Antwort von ihr. 

„Ich habe hier vier Kontoverbindungen, die Gita und ihr Mann im Verein angegeben haben. Vielleicht können sie euch helfen?“ Murmelte sie schließlich.

Sie reichte Schmied einen Zettel mit verschiedenen Buchstaben und Nummernfolgen. 

„Darca! Die hättest du mir doch auch schicken können.“ Er setzte sich zu ihr und griff mit beiden Händen nach ihrer behandschuhten Rechte. 

„Ich möchte helfen. Sag mir, wenn ich nach etwas Speziellem suchen soll. Ich werde es tun.“

Werner schüttelte seinen Kopf und drückte fester ihre Hand. 

„Du begibst dich in Gefahr. Dein Mann wurde getötet. Verstehst du das? Hier geht es um ein Kapitalverbrechen, Darca.“

Die schwarzhaarige attraktive Frau mit den harten Gesichtszügen schüttelte ihren Kopf. 

„Sie dürfen nicht gewinnen, Werner. Du hast es mir versprochen.“

Der Polizist nickte. Wunsch und Realität waren nur zwei Dinge, welche sich nicht immer mit einander vereinen ließen.

„Wir wissen doch nicht einmal ob es die Marldorn gewesen ist.“

Darca sah ihm das erste Mal seit ihrem Kommen in die Augen. 

„Sie hat ein Motiv, richtig?“

Schmied blickte sie in diesem Moment müde an. 

„Du meinst, weil sie dich angelogen hat? Oder weil es sie ärgert, dass man den Schuldigen in euren Reihen sucht? Oder Geldsorgen?“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Es fehlt uns der direkte Bezug auf deinen Mann. Erst dann haben wir auch ein Motiv.“

Darca blieb nachdenklich. Menschen, welche ihr vertraut und wichtig waren, konnten sich jetzt zu jeden Zeitpunkt in Feinde und Mörder verwandeln. Vertrauen? Zu wem? Schmied ging zum ersten Mal die Situation seiner Liebsten durch und ahnte erst jetzt, was sie durchmachen musste. 

„Gibt es Leute denen du bedingungslos vertrauen kannst im Verein?“

Darca brauchte nicht lange zu überlegen. 

„Ja. Eine Afrikanerin, Makeda heißt sie. Und die Mädels dich ich aus meinem Sozialdienst heraus vermittelt habe. Sie sind mir dankbar und werden zu mir halten, sollte es von Nöten sein.“

„Hat dich Gitta die Tage über mich ausgefragt?“

Darca verneinte. 

„Bisher nicht. Vielleicht hat sie Angst, dass ich ihr zu viele Fragen stellen könnte? Nicht nur sie ist verunsichert. Der ganze Vorstand macht sich Gedanken wegen eurer Verhöre.“

Werner hob ihre Hand an seinen Mund und küsste das Leder ihres Handschuhs. Unter anderen Umständen hätte ihn diese Konstellation erregt, doch jetzt wollte er Darca einfach behütet wissen. 

„Komm! Legen wir uns auf das Bett!“

Sie war einverstanden. Lies sich von ihm aus den Stiefeln helfen und legte sich anschließend an seine Seite. Ihren Kopf auf seinen linken Arm gebettet, hing sie nach wie vor ihren Gedanken nach. 

„Warum bist du hergekommen?“

Darcas grauen Augen blieben ausdruckslos, genauso wie ihre Gesichtszüge. Hatte sie ihn überhaupt gehört?

„Ich wollte dich überraschen. Ich hasse es im Moment, allein im Haus zu sein.“

Vorsichtig streichelte Schmied über die Wange der resoluten Frau, gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf den Mund und bettete seinen Kopf anschließend auf dem Kissen. Darcas rechter Zeigefinger spielte indessen mit seinem T-Shirt, ohne dass eine Absicht in ihrem Tun für ihn erkennbar war. 

Sie wurden beide ruhig, genossen ihre Verbundenheit und blieben gefangen in den eigenen Gedanken. Es lag keine einfache Zeit vor ihnen, das war ihnen beide bewusst. Schwer einzuschätzen, was die Zukunft für sie beide parat halten würde. 

Eineinhalb Stunden später klopfte es an Schmieds Tür. 

„Werner! Wach auf! Ich habe Neuigkeiten.“ Drang Reisingers kräftige Stimme durch die Tür. 

„Gustl?! Hat das nicht bis morgen Zeit?“

„Nein. Solange halte ich es nicht aus. Der Russe hat für uns etwas herausgefunden.“

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Kommentare

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... für Deine fleissigen Geschichtenpostings, liebe Sena. Ich bin nun seit ein paar Wochen hier angemeldet und vielleicht ein bisschen durch Zufall aber auch weil die Konstllation F/m mich fesselt erst über "Bangkok" danach  über "Xena" und "Thao" nun zu Irina und Jörg gestoßen und bin fasziniert von Deinem Schreibstil. Du schreibst spannend und tiefgründig und lässt mich immer wieder nach einer Fortsetzung lechzen. Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht, wie sich die einzelnen Handlungszweige entwickeln werden. Auch sprachlich habe ich hier auf diesen Seiten kaum besseres gelesen. Ich bin begeistert. Ich wünsche Dir noch ganz viel Ausdauer und Elan für diese weitere Geschichte. Herzliche Grüße von Robert

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es motiviert mich sehr. Mir bereitet das Schreiben viel Freude und ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden, von daher tummel ich mich fleißig weiter. Perlen auf dieser Seite gibt es viele, man muss sie einfach finden, was bei der schieren Menge an Geschichten nicht ganz einfach ist. Aber wenn dich F/m interessiert, seien hier FlorianAnders, Ihr_Joe, Franny13, Volker25 und auch JoePhantasie erwähnt. Es gibt noch viele viele mehr, dass sind aber jetzt die, welche mir spontan eingefallen sind. 

Viel Spaß beim Lesen, Robert!

Liebe Grüße

Sena

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Ein kluger Mann ist der, der seiner Frau artig folgt.

Auf Amazon und Neobooks unter dem Pseudonym Madame Mala unterwegs. Für euren Support und Unterstützung wäre ich euch dankbar.  

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