Die Messe - Hannah und James

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Der dritte und letzte Teil der locker zusammen hängenden Messe-Reihe. Diese kleinen Geschichten sollen ein bisschen das Leben auf Animal Planet schildern und bieten mir Gelegenheit, alte und neue Charaktere auftreten zu lassen. Die "Aktion" steht daher nicht ganz so sehr im Vordergrund. 

Wem die Welt Animal Planet gefällt, kann gerne auch einen Blick auf meinen Blog werfen, ein paar der Geschichten sind durch die zwischenzeitlichen Down-Zeiten der Bib momentan nur dort zu finden. Viel Spaß beim Lesen!

 

 

Animal Planet

Dies ist das Jahr 2327. Vor über einem halben Jahrhundert landeten die ersten Siedler auf einem Planeten, der beinahe wie ein kleinerer Bruder der Erde wirkte. Neben der Größe unterschieden sich die Planeten nur dadurch, dass es auf diesem Planeten keine eigene Tierwelt gab.

Gleich nach der Erschließung des Planeten, den die Siedler “Animal Planet” tauften, verabschiedeten sie das “Allgemeingültige Petgesetz”, das dafür sorgte, dass Petplay nicht nur legal, sondern zum normalen und allgegenwärtigen Alltag des Planeten wurde.

Heute leben mehr als fünfzig Millionen Menschen auf dem Planeten. Viele von ihnen sind dort geboren worden, einige haben ihr gesamtes Leben dort verbracht. Blühende Städte und verschlafene Dörfer haben sich überall auf dem kleinen Kontinent entwickelt.

Nach dem Allgemeingültigen Petgesetz ist jeder Bürger des Planeten verpflichtet, Besitzer von mindestens einem eigenen Pet zu sein. Wer gegen das Gesetz verstößt oder sich freiwillig meldet, wird durch das Ministerium für Pets, Halter und Züchter (MPHZ) selbst in ein Pet verwandelt.

Einmal verwandelt, gibt es keinen Weg mehr zurück. Die Tierart und Rasse lässt sich nicht mehr ändern, eine Rückverwandlung ist ausgeschlossen. Gleichzeitig verliert das Pet alle seine Rechte und wird zum persönlichen Eigentum des neuen Besitzers, der es benutzen, vermieten oder verkaufen kann.

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Messebesuch

“Glaubst du wirklich, dass du hier eine Stute findest?” Selbst ohne einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen, konnte James die Zweifels in der Stimme seiner Freundin deutlich hören. 
Ohne seine Aufmerksamkeit von der Bühne abzuwenden, zuckte er sachte mit den Schultern. “Mal schauen, aber wenn wir sowieso hier sind…” Er ließ den Satz unvollendet.  
Hannah verzog das Gesicht. Eine Hand auf dem Oberschenkel ihres Freundes, richtete sie den Blick nun ebenfalls wieder nach vorne. “Von mir aus. Aber ich denke einfach nicht, dass es das richtige…. Format ist.” 
James lächelte kurz. “Mag sein. Aber zumindest bekommen wir einen Eindruck von den aktuellen Preisen. Ich muss ja schließlich auch kein Gebot abgeben.” 
“Na gut, das ist ein Argument”, gab Hannah zu. “Hast du Sabikah eigentlich davon erzählt, dass du nach einer zweiten Stute suchst?” 
Der Mann schüttelte sachte den Kopf. “Nein, noch nicht. Das würde sie nur aufregen, und solange sich noch nichts ergeben hat, wäre das unnötig.” 

Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, als ein hochgewachsener, dunkelhäutiger Mann die Bühne betrat. Es gab einen kurzen, höflichen Applaus, ehe er in sein Mikrofon sprach: “Sehr geehrte Damen und Herren, es freut mich, dass Sie sich trotz der vielen Stände und Attraktionen heute die Zeit für mich genommen haben. Mein Name ist Liam Lambert, und ich werde Ihnen in der nächsten Stunde einige außergewöhnliche Pferde präsentieren. Selbstverständlich haben meine Kollegen und ich uns für diesen besonderen Anlass einige ganz besondere Tiere ausgesucht, darunter sogar einen echten Champion.” 
Erneut gab es einen kurzen Applaus. Während Lambert noch einmal das Prozedere erklärte und darauf hinwies, dass jedes Gebot bindend war, gab es ein leises Gemurmel unter den Zuschauern. Zweifelsfrei sorgte die Ankündigung eines Champions für Spekulationen. 
Auch James war verwundert darüber, dass ein Champion auf dieser Auktion versteigert werden sollte. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass es hier eher unbekannte Tiere zu kaufen geben würde. Wenn es um prämierte Hengste und Stuten gab, würde er mit seinen finanziellen Reserven nicht den Hauch einer Chance haben. 

“Genug geredet, ich möchte Sie ja nicht langweilen”, verkündete Lambert. Er trat ein paar Schritte zur Seite und positionierte sich in der Nähe eines kleinen Pultes. “Zu Beginn starten wir gleich mit einem echten Nachwuchsstar! Bühne frei für Wega!” 
Eine junge Frau betrat die Bühne. Sie war sportlich elegant gekleidet und führte einen hochgewachsenen Hengst an einer kurz gehaltenen Führleine hinter sich her. Das Tier hatte eine vollkommen schwarz gefärbte Haut, ein breites Kreuz und einen muskulösen Körper. Selbst ohne die Hufschuhe hätte er die junge Frau vor sich leicht um einen ganzen Kopf überragt. Seine Mähne und sein Schweif waren ebenfalls schwarz, die Haare vergleichsweise lang und leicht wellig. 
“Dieser Friesenhengst ist gerade einmal 20 Jahre alt und wurde vor nicht einmal einem Jahr zu einem Pferd. Er misst 183 Zentimeter - natürlich ohne die Hufe gemessen. Der Körper dieses wunderschönen Rappen ist von Natur aus hervorragend für sportliche Leistungen geeignet. Es ist daher kein Wunder, dass er im letzten Jahr zu den Favoriten im Dressurnachwuchs zählte. Aufgrund des verspäteten Saisonstarts konnte er den Titel zwar nicht mehr für sich beanspruchen, doch bei nur 9 von 12 Saisonteilnahmen erreichte er einen überaus beeindruckenden vierten Platz in der Gesamtwertung!” 
Der Hengst wurde zwei Mal langsam an der vorderen Seite der Bühne entlang geführt. Erneut gab es ein aufgeregtes Getuschel um Publikum. Offenbar bestand allgemein ein hohes Interesse an dem jungen Tier. 

“Das Startgebot für dieses wundervolle Tier liegt bei nur 5.000 Credits. Meine Damen, meine Herren. Ich bitte um Handzeichen. Wer bietet 5.000 Credits für Wega?”
Sofort wurden mehrere Hände in die Höhe gestreckt, und innerhalb von nicht einmal zwei Minuten hatte sich der Preis für den Hengst bereits verdreifacht. 

James beobachtete die Auktion aufmerksam, ohne jedoch selbst daran teilzunehmen. Zwar musste er zugeben, dass Wega tatsächlich ein sehr hübsches Tier war, doch er hatte nicht vor, einen Hengst zu erwerben. Obwohl es langfristig sinnvoll war, Tiere beiden Geschlechts zu besitzen, so wie sein Vater, war dieser Schritt für ihn noch zu früh. Oft waren Hengste und Stuten bei Wettkämpfen nicht am gleichen Tag dran, was zusätzliche Zeit verschlingen würde, die er so im Augenblick noch nicht erübrigen konnte. 
“Hübsches Tier. Ich glaube, ich habe ihn vor ein paar Wochen in Massena gesehen”, merkte Hannah an. 
“Könnte gut sein”, erwiderte James mit einem leichten Kopfnicken. “Den Namen habe ich sogar schon mal irgendwo gelesen.” 
“Ich glaube wenn du so einen Hengst kaufst, würde Sabikah das gar nicht so schlimm finden”, stichelte Hannah grinsend. 
James schmunzelte. “Ja, das mag sein.” 

Sie beobachteten, wie Wega schließlich für eine ordentliche Summe von 23.400 Credits den Besitzer wechselte. Es gab einen kurzen Applaus, ehe das Tier von der Bühne geführt wurde. 
“Erscheint mir noch recht preiswert, oder?”, erkundigte sich Hannah mit leicht gerunzelter Stirn. 
James erwiderte: “Ja, finde ich auch. Vielleicht lag es daran, dass es die erste Auktion war? Da sind die Zuschauer vielleicht noch etwas zurückhaltender.” 
“Na mal sehen, wie es weiter geht”, meinte seine Freundin und richtete den Blick wieder nach vorne. 

Nach dem recht spektakulären Start mit Wega folgten eine recht unscheinbare, junge Stute sowie ein dreißigjähriger Hengst. Beide waren keine Wettkampftiere und für James daher nicht sonderlich interessant. Entsprechend konzentrierte er sich mehr auf die Preisentwicklung, als auf die Tiere. 
“Du hast Recht, hier werde ich vermutlich nicht fündig werden”, meinte er halblaut zu Hannah. Die Tiere wurden immer nur kurz präsentiert, und so konnte er sich kaum ein Bild davon machen, ob das Pferd Potential mit sich brachte. Im Prinzip war die Versteigerung mehr ein großes Glücksspiel, das man nur dann mitspielen sollte, wenn man entsprechende Reserven auf dem Konto hatte. Seine Ersparnisse reichten jedoch nur für eine Transaktion, und die musste dann auch sitzen. 
“Sag ich doch”, meinte Hannah zufrieden. Kurz streichelte sie James Oberschenkel, um ihn ein wenig zu trösten. 

Die Auktion schritt weiter voran. Nach einem weiteren Hengst wurde nun wieder eine Stute auf die Bühne geführt, die auf den Namen “Livia” hörte. Im Gegensatz zu den bisherigen Tieren sprach sie James mehr an. 
“Livia wurde vor knapp zwei Jahren verwandelt und ist nun 20 Jahre jung. Die Trakehnerstute misst 169 Zentimeter und hat ein sehr ruhiges, jedoch gelehriges Wesen. Während der letzten Monate hat sie die Grundlagen der Dressur gelernt und wartet nun auf eine Gelegenheit, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Sie ist damit sowohl für Hobby-Trainer, als auch für Profis mit einem Auge für neue Talente interessant. Wir starten bei 5.000 Credits.” Lambert klatschte einmal in die Hände und schaute erwartungsvoll ins Publikum. 
Die Gebote begannen recht zögerlich, so dass James ausreichend Zeit hatte, sich die Stute anzuschauen. Ihre Haut war in einem hellen Farbton gefärbt, der irgendwo zwischen sandfarben und hellgrau lag. Mähne und Schweif waren schwarz, was einen hübschen Kontrast darstellte. Falben waren noch immer recht selten, tauchten in der Dressur aufgrund ihrer hübschen Farbgebung aber immer wieder mal auf. 
“Hm… das klingt recht vielversprechend”, murmelte er an Hannah gewandt. “Was meinst du dazu?” 
Ein paar Sekunden über die Frage und die Stute nachdenkend, wiegte seine Freundin sachte den Kopf hin und her. “Ich weiß nicht so recht. Sie ist hübsch, das stimmt. Aber sie ist bereits zwanzig und hat noch keine wirkliche Erfahrung. Wie gut sie die Basics beherrscht, können wir auch nur raten. Besonders viel würde ich nicht investieren.” 
Ein wenig in seiner gerade aufkeimenden Euphorie gebremst, nickte James mit dem Kopf. “Ja, du hast schon recht”, stimmte er leicht wiederwillig zu. Die Stute war zwar hübsch, aber sie stand auch noch ganz am Anfang. Das, was er erreichen wollte, würde mit ihr nur schwer möglich werden. Auch ein vergleichsweise günstiger Preis würde daran kaum etwas ändern. Entsprechend gab er kein Gebot ab, sondern beobachtete nur stumm, wie die Stute schließlich für 17.800 Credits verkauft wurde. 

Es folgten zwei weitere Hengste und eine etwas ältere Stute, doch keines der Tiere passte zu James Vorhaben. Fast schon ein wenig gelangweilt verfolgte er die jeweiligen Gebote. Erst bei einer jungen Hannoveranerstute, die bereits an mehreren Rennen in der Amateurklasse teilgenommen hatte, wurde er wieder aufmerksamer. 
Die hochgewachsene und schlanke Stute stand schon fast erstaunlich gelassen auf der Bühne, während die Gebote für sie abgegeben wurden. Die Summe stieg deutlich schneller, als bei den vorherigen Pferden, und schließlich war sie das erste Tier, das für mehr als dreißigtausend Credits verkauft wurde. 

“Wie ich sehe, werden Sie gerade rechtzeitig für unser großes Finale richtig warm!”, freute sich Lambert. “Wie ich Ihnen bereits versprochen habe, werden wir Ihnen jetzt einen echten Champion präsentieren! Bühne frei für Paladin!” 
Dieses Mal war der Jubel lauter. Ein kräftiger Hengst wurde auf die Bühne geführt. Haut und Mähne waren gleichermaßen rot, und James schätzte, dass er auf den Hufschuhen stehend mehr als zwei Meter groß war. 
“Für diejenigen von Ihnen, die diesen Hengst noch nicht kennen, möchte ich noch einmal die Eckdaten seiner beeindruckenden Karriere zusammenfassen: Paladin ist 21 Winter jung, und wie vermutlich jeder mühelos erkennen kann, ein Hannoveraner. Bereits in seiner ersten Saison in der Jugendklasse der Dressur erreichte er zwei Mal das Podium, ehe er sich im Folgejahr den Titel des Jugendchampions sicherte! Doch Schönheit und Eleganz sind nicht die einzigen Elemente, die dieser Hengst in Ihren Stall bringt! Während der vergangenen Saison sorgte Paladin zusätzlich für Aufsehen, als er bei seiner ersten Meldung in der Vielseitigkeit direkt den Sprung unter die ersten Sechs schaffte! 

James und Hannah tauschten einen vielsagenden Blick aus. Natürlich war ihnen Paladin ein Begriff. Der Hengst hatte den Titel des Jugendchampions im gleichen Jahr gewonnen, wie Sabikah. Dieser Zufall hatte sogar dafür gesorgt, dass die beiden Tiere sich kurz kennen gelernt hatten, auch wenn James sich nicht unbedingt sicher war, ob sie sich an die doch eher flüchtige Begegnung erinnern würden. 
“Na, das ist doch tatsächlich mal ein Kracher”, meinte Hannah, die Lippen zu einem Lächeln verzogen. 
James nickte zustimmend. “Ja, das hätte ich nun auch nicht gedacht. Wundert mich, dass er überhaupt verkauft wird.” 
“Ja, allerdings. Wobei ich schon mal irgendwo gehört habe, dass sein Besitzer sich auf Nachwuchspferde spezialisiert hat. Ist vielleicht nicht das erste Mal, dass er diesen Weg geht.” 
“Auch ein gutes Geschäftsmodell”, überlegte James. 

Das Publikum war ähnlich begeistert von dem Hengst. Die Angebote schossen rasant in die Höhe, und schon nach kurzer Zeit war die gerade erst aufgestellte Bestmarke von dreißigtausend Credits durchbrochen. 
“Na, kitzelt es da nicht auch in deinen Fingern?”, hakte Hannah neugierig nach. 
Doch James schüttelte den Kopf. “Nein, nicht wirklich. Zum einen ist Paladin sicherlich zu teuer, das würde meine gesamten Reserven verschlingen - wenn die überhaupt reichen. Zum anderen hätte er nicht den Effekt auf Sabikah, wie eine andere Stute.” 
“Ja, da hast du wohl recht. Aber ich muss schon sagen, es ist wirklich ein hübsches Tier”, meinte Hannah, den Blick auf die Bühne gerichtet. 

Als Lambert schließlich den Gewinner der Auktion verkündete, lag der Preis für Paladin bei 86.200 Credits. Damit hatte er nicht nur alle anderen Pferde um ein Vielfaches geschlagen, sondern auch einen guten, marktgerechten Preis erreicht. 
“Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Gebote. Wer heute leer ausgegangen ist, sollte auf jeden Fall einen Blick auf unsere Homepage werfen. Dort finden jederzeit interessante Online-Versteigerungen statt. Sie finden die Adresse auf unseren Flyern. Jetzt wünsche ich Ihnen noch viel Vergnügen auf der Messe!” Lambert deutete eine kurze Verbeugung an, genoss für einen Moment den Applaus und verabschiedete sich anschließend mit einer zum Gruß erhobenen Hand von der Bühne. 

James und Hannah erhoben sich von ihren Sitzen. Das Publikum zerstreute sich langsam, und auch sie verließen nun den Platz vor der Bühne. Sie waren jedoch kaum ein paar Meter weit gekommen, als eine Stimme rief: “Hallo Mr. Anderson!” 
Leicht überrascht blieben sie stehen und drehten sich um. Ein hochgewachsener und breitschultriger Mann im mittleren Alter kam lächelnd auf sie zu. Er trug einen kurzen Dreitagebart und ein dunkelblau-kariertes Hemd. “Oh, hallo Mr. Laudage”, erwiderte James und reichte dem Mann kurz die Hand. 
“Schön Sie zu sehen”, befand der Mann und reichte nun auch Hannah die Hand. 
James stellte sie kurz einander vor, ehe er fragte: “Ich nehme an, dass Sie auch an der Versteigerung teilgenommen haben?” 
“Eher als Zuschauer”, gab Laudage schmunzelnd zurück. “Aber man weiß ja nie, ob man nicht doch etwas Interessantes entdeckt. Und wie sieht es bei Ihnen aus? Sagen Sie jetzt nicht, dass sie es sich doch noch überlegt haben und auf der Suche nach Ersatz sind?” 
Mit einem entschiedenen Kopfschütteln verneinte James die Frage. “Tut mir Leid Sie enttäuschen zu müssen, aber Sabikah steht auch weiterhin nicht zum Verkauf.” 
Laudage zuckte leicht mit den Schultern, bemerkte die entschlossenen Gesichter von Hannah und James und lachte dann. “Schon gut, schon gut, ich habe es ja verstanden. Ich habe ohnehin gerade eine junge Stute gekauft Sie können also ganz beruhigt sein. Wobei ich bei Ihrer Araberstute natürlich trotzdem jederzeit interessiert wäre”, meinte er mit einem Augenzwinkern. 
James rang sich ein Lächeln ab. “Das ist gut zu wissen”, meinte er diplomatisch, ehe er fragte: “Darf man schon erfahren, welche Stute Sie erworben haben?” 
“Der Name wird Ihnen nichts sagen, ist ein unbeschriebenes Blatt”, antwortete Laudage. “Ich hole sie übermorgen erst ab, die kommenden Wochen werden dann zeigen, wie es weiter geht.” 
“Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg”, meinte Hannah freundlich. Dass sich die Aufmerksamkeit des Mannes in der näheren Zukunft auf etwas anderes fokussieren würde, als James hinsichtlich eines Verkaufs von Sabikah zu bearbeiten, klang für sie nach einer guten Nachricht. Zwar war ihr Freund bisher nicht wirklich in Versuchung gekommen, doch es war besser, kein Risiko einzugehen. Je höher die Summen wurden, desto eher war es möglich, dass selbst James irgendwann schwach wurde. 
Laudage schenkte ihr ein Lächeln. “Vielen Dank. Also dann, noch viel Spaß auf der Messe, man sieht sich!” Mit diesen Worten drehte er sich herum und war nur wenige Sekunden später bereits irgendwo in der Menge verschwunden. 

“Na wenigstens hat er jetzt erst einmal ein anderes Projekt”, meinte Hannah, griff nach der Hand ihres Freundes und drückte sie kurz. 
James nickte. “Ja, einer weniger. Es gibt noch genug andere, die an Sabikah interessiert sind. So langsam nerven die Angebote…” 
Hannah drückte ihm einen kurzen Kuss auf die Wange und wechselte das Thema: “Was schauen wir uns als nächstes an?”
James nickte mit dem Kopf auf eine Reihe von Ständen. “Lass uns dort ein wenig entlang bummeln. Als nächstes gibt es eine Vorführung diverser Kutschen, das muss ich nun nicht unbedingt sehen.” 
“Gut, einverstanden”, stimmte Hannah zu. Sie zog einen kleinen Messeplan aus ihrer Handtasche und warf einen Blick darauf. “Der linke Gang hat hauptsächlich Firmen mit Futter und Ergänzungsmitteln. Der rechte Weg hat Ausrüstung als Schwerpunkt.” 
“Ausrüstung klingt gut”, entschied James. Er warf einen letzten Blick in Richtung der Bühne, ehe sie sich in Bewegung setzten. 

Die Messe war gut besucht, was dazu führte, dass die Gänge zwischen den verschiedenen Ausstellern ziemlich voll waren. Hand in Hand schlängelten sich James und Hannah zwischen den anderen Besuchern hindurch, während sie hin und wieder stehen blieben, um sich etwas anzusehen. 
“Oh schau mal, die sind ziemlich hübsch”, meinte Hannah und zog ihren Freund näher an eine Auslage heran, in der mit Schmuck verzierte Zaumzeuge ausgestellt wurden. 
James warf einen prüfenden Blick auf die Ware. “Ich weiß nicht, findest du das nicht ein wenig zu kitschig?” 
“Denk daran, dass du eine Stute im Stall hast, und keinen Hengst. Vielleicht freut sie sich ja über so etwas?”, gab Hannah augenzwinkernd zu bedenken. 
Ein Blick auf die Preisschilder veranlasste James dazu, seine Augen zu verdrehen. “Na schön, aber danach schauen wir ein andern mal. Hier ist mir so etwas zu teuer.” 
“Gut, einverstanden”, stimmte Hannah zu und zog ihn weiter zum nächsten Stand. 

Nach und nach arbeiteten sie sich den Weg entlang, wobei sie zusätzlich zu den verzierten Zaumzeugen noch bunte Pferdedecken, Trensen in verschiedenen Ausführungen, Reitgerten, Schrittzähler für Pferde, Lederpflegesets und besonders weiche Haarbürsten zum Striegeln entdeckten. 
Schließlich war es James, der an einem Stand mit Hufschuhen stehen blieb. Über der breiten Auslage, die gleich in zwei Ebenen verschiedene Modelle vorstellte, war ein dunkelblaues Banner aufgehangen worden. In kräftiger, gelber Farbe zeigte es die Buchstaben PG, die von einem doppelt gerahmten Schild und zwei Lorbeeren eingerahmt wurden. 
“Herzlich willkommen bei PetGear”, grüßte eine Verkäuferin und trat im nächsten Moment neben James. “Kann ich Ihnen weiter helfen?” 
James, dessen Blick über die Stiefel glitt, erwiderte: “Ich wollte nur mal ein wenig schauen, danke.” 
“Kein Problem. Sport oder Freizeitbereich?”, erkundigte sie sich freundlich. 
“Sportbereich”, antwortete James. 
Die Verkäuferin ging zwei Schritte zur Seite und deutete auf einen anderen Teil des Segments. “Dann werden Sie hier vermutlich eher fündig. Darf ich fragen, welche Disziplin?” 
Dieses Mal war es Hannah, die antwortete. Während James ein paar andere Messebesucher umkurven musste, um zu ihnen zu gelangen, erklärte sie: “Die Stiefel wären für eine Dressurstute.” 
Die Verkäuferin nickte, warf einen kurzen, abschätzenden Blick auf die ausgestellten Artikel und griff schließlich nach einem hohen, dunkelbraunen Stiefel. Sie wartete kurz, bis auch James wieder neben ihr stand, ehe sie Hannah den Schuh reichte und erklärte: “Dann kann ich Ihnen dieses Modell empfehlen. Das ist der DR27, das neuste Modell unserer erfolgreichen Serie, die extra für den Dressursport optimiert wurde.” 
Hannah warf einen genaueren Blick auf den Hufschuh. Er schloss sehr hoch, sicherlich deutlich über dem Knie. Das Leder machte einen sehr hochwertigen Eindruck, genau wie der Huf, der gewissermaßen die Sohle des Stiefels darstellte. 
“In welcher Hinsicht sind sie denn optimiert?”, erkundigte sich James, der dicht neben seine Freundin getreten war und durchaus interessiert wirkte. 
Es machte fast den Eindruck, dass die Verkäuferin nur auf die Frage gewartet hatte, denn kaum, dass James seinen Mund geschlossen hatte, begann sie bereits zu erklären: “In vielerlei Hinsicht. Es fängt schon bei der Wahl des Leders an. Wenn Sie einmal hier anfassen würden”, sie deutete mit einem sauber gefeilten Fingernagel auf den Bereich unter der Kniebeuge, “werden Sie fühlen, dass das Material sich hier etwas anders anfühlt. Gerade bei Dressurpferden, die bei diversen Figuren jeweils ein einzelnes Bein belasten, ist es wichtig, für eine gute Unterstützung zu sorgen. Daher hat PetGear diesen Teil des Stiefels mit unseren patentierten XCross-Fasern verstärkt. Bei minimalem Gewicht wird somit maximale Stabilität erreicht.” 
Austestend ließen Hannah und James ihre Finger über das Material gleiten. Tatsächlich glaubten sie, einen leichten Unterschied zu bemerken. 
“Natürlich gibt es noch diverse weitere Optimierungen. Insbesondere möchte ich kurz auf den Viskoseschaum eingehen. Sie kennen dieses Material aus praktisch jedem gängigen Hufschuh. Ja genau, sie können es leicht ertasten, wenn Sie mit der Hand in den Hufschuh greifen. Es ist weich und passt sich auf Druck gut an, gibt aber dennoch eine gewisse Form. Wir von PetGear benutzen je nach Zielgruppe eine etwas andere Schaumkonzentration. Sie können mir glauben, dass wir hier sehr ausgiebige Testreihen gestartet haben. In den Dressurstiefeln kommt seit dem Vorjahr eine neue abgestimmte Mischung zum Einsatz, die insbesondere den federnden Gang unterstützt.” 
So ging es noch einige Minuten weiter, und schließlich hatte die Verkäuferin es tatsächlich geschafft, ihre beiden Kunden zu überzeugen. James bezahlte einen recht happigen Preis und nahm eine große Tüte entgegen, in der sich zwei dunkelbraune Hufschuhe des Modells DR27 befanden. 
“Vielen Dank! Und denken Sie daran, sollte die Größe oder die Farbe nicht passen, können Sie die Hufschuhe innerhalb von 14 Tagen in einem unserer Shops gegen ein besser passendes Modell eintauschen. Sie finden uns in nahezu jeder größeren Stadt auf dem gesamten Planeten. Und selbstverständlich dürfen Sie Ihre Stute gerne mitbringen”, erklärte die Verkäuferin mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. 

“Soso, hier ist es dir also zu teuer?”, stichelte Hannah, nachdem sie wieder in die Menge eingetaucht waren. 
James grinste sie verlegen an. “Hey, das ist was ganz anderes…” 
Hannah hob eine Augenbraue. “Weil… es für die Füße ist, und nicht für den Kopf?” 
Eine kurze Pause entstand, doch bevor Hannah ihn weiter ärgern konnte, runzelte James die Stirn und zog sie näher an einen Stand heran. 
“Noch mehr Gerten…”, murmelte Hannah, denn es war schon der vierte Stand dieser Art, an dem sie vorbei gekommen waren. 
Doch James schien sich überhaupt nicht für die Ware zu interessieren. Stattdessen trat er näher an eine kleine Frau mit langen, dunkelroten Haaren heran. “Grace?” 
Die Frau zuckte leicht zusammen und schnellte herum. Sie benötigte eine halbe Sekunde, um zu realisieren, wer vor ihr stand, dann rief sie: “Oh, James! Und Hannah! Wie geht es euch?” Sie fiel beiden kurz um den Hals, wobei sie sich in James Fall ordentlich strecken musste. 
“Uns geht es gut”, erklärte Hannah munter und gab die Frage sogleich zurück: “Und wie geht es dir und Fay?
“Och, ich kann eigentlich auch nicht klagen. Und Fay ist auch fit und munter. Unser neues Training zeigt langsam Fortschritte. Ich glaube, diese Saison wird besser, als die letzte”, erklärte sie hoffnungsvoll. 
“Ach, ganz bestimmt!”, meinte Hannah sofort. Grace war eine Freundin von ihnen, die sie bei Sabikahs Debüt in der Jugendklasse kennen gelernt hatten. Genau wie James war sie die Besitzerin einer Stute. Doch Fay, wie ihre Lippizanerstute hieß, war nicht ganz so talentiert wie Sabikah. Zwar zeigte sie immer recht ordentliche Leistungen, doch ihr erstes Jahr in der Amateurklasse, in der erwachsene Pferde angemeldet werden konnten, war nicht unbedingt besonders glänzend verlaufen. Fay hatte zumeist nur eine Platzierung im hinteren Drittel erreicht. Vor ein paar Monaten jedoch waren Grace und Fay für ein paar Tage zu Besuch gewesen, um sich von James und vor allem von dessen Vater ein paar Tipps zu holen. 
“Bist du nächstes Wochenende beim Stensby Cup?”, erkundigte sich James. 
Grace nickte eifrig mit dem Kopf. “Ja, bin ich. Es wird Zeit, es langsam mal wieder drauf ankommen zu lassen.” Die ersten beiden Wettbewerbe der Saison hatte sie ausgelassen, um sich voll und ganz auf das neue Training zu konzentrieren. “Sehen wir uns dort?” 
“Bestimmt”, meinte Hannah und warf einen prüfenden Seitenblick auf James, der zustimmend nickte. 
“Sehr schön. Und wie ich sehe, habt ihr hier auch schon zugeschlagen?”, erkundigte sich die rothaarige Frau und deutete kurz auf die große Tüte. 
“Ein paar neuer Hufschuhe”, erklärte James und wich dabei den Blicken seiner Freundin aus. 
“Wow, von PetGear! Nicht schlecht!”, befand Grace, die das Logo auf der Tüte bemerkt hatte. “Etwas Besseres gibt es auf dem Markt kaum. Die kann ich mir für meine Fay nicht leisten…” 
“Wenn das neue Training Wirkung zeigt, ganz bestimmt!”, beschwichtige James rasch. Die Stiefel waren tatsächlich recht teuer gewesen. Bedingt durch Sabikahs Erfolgen, die zwar in der Amateurklasse noch nicht ganz so regelmäßig wie zuvor in der Jugendklasse eintrafen, hatte er ein gewisses finanzielles Polster für Anschaffungen dieser Art. Er empfand es nur als fair, wenn die Preisgelder, die er für die Araberstute erhielt, zumindest zum Teil so eingesetzt wurden, dass sie auch etwas davon hatte. Tatsächlich freute er sich schon darauf, der Stute ihre neuen Profihufschuhe zu zeigen. 

Sie unterhielten sich noch eine Weile mit Grace, ehe sie sich schließlich voneinander verabschiedeten. “Was meinst du, reicht es langsam für heute?”, hakte Hannah nach. Sie waren bereits vor der Auktion mehrere Stunden lang durch die große Messehalle gelaufen, und allmählich gingen ihr sowohl Kondition als auch Lust aus. 
James überlegte kurz, ehe er zustimmend nickte. “Ja, ich glaube wir haben alles gesehen, was ich mir vorgenommen hatte.” 
“Gut~ meine Füße tun auch langsam weh. Ich trage ja schließlich keine 500 Credits - Stiefel”, stichelte sie und zwinkerte ihm gleichzeitig zu. 
James linste zu ihr herüber. “Wenn ich mich recht erinnere, habt ihr die gleiche Größe. Wenn du also tauschen willst…” Er ließ den Satz unvollendet und grinste sie an. 
Zur Antwort streckte Hannah ihm nur die Zunge heraus, erwiderte ansonsten jedoch nichts.

Ihr Weg führte sie erneut an der großen Bühne vorbei, auf dem inzwischen die nächste Präsentation lief. Eine dunkelhäutige Frau stand vor dem Publikum und ging offenbar gerade auf verschiedene Details des Produkts ein, das sie vorstellte. 
Während sie in einem Bogen um die zuschauende Menge herum gingen, verfolgte James aus den Augenwinkeln, wie ein recht kleines Gerät auf dem großen Monitor über der Bühne gezeigt wurde. Es konnte nicht viel größer sein als eine Münze, und auf den ersten Blick war es schwer zu erkennen, wofür es gedacht war. 
“Zudem verfügt das MCC über eine äußerst praktische, drahtlose und selbstverständlich verschlüsselte Verbindung zu allen gängigen Pocket-Devices. Egal ob mit Tablet, Smartwatch oder Handy, über unser gesichertes Portal haben Sie jederzeit die volle Kontrolle!”, erklärte die Frau auf der Bühne, während die soeben angesprochenen Geräte auf dem Monitor eingeblendet wurden. 
“Hey, kommst du? Ich dachte wir wollen zurück ins Hotel?”, fragte Hannah, die sich nach ihrem langsamer gewordenen Freund umdrehte. 
James nickte sachte mit dem Kopf und beschleunigte seine Schritte wieder, lauschte jedoch weiterhin den Worten, die von der Bühne kamen. 
“Ich kann Ihnen versichern, dass sie dank Mare Clit Control insbesondere bei störrischen und widerspenstigen Stuten rasche Erfolge erzielen werden! Einen Erfahrungsbericht wird Ihnen nun Mister Phil Huber geben! Einen großen Applaus für Phil!” 
Ein breit grinsender Mann kam auf die Bühne, doch James hatte inzwischen fast den Ausgang erreicht, der aus der Halle führte. Fast schon ein wenig wiederwillig riss er sich gedanklich von dem Vortrag los. Immerhin hatte er den Namen des Produkts erfahren. Wenn er ihn nicht bis zum Hotel wieder vergaß, würde er die Infos sicherlich auch irgendwo im Netz finden. Das, was er bisher gehört hatte, klang gar nicht so uninteressant. 

“Das war ziemlich spannend”, urteilte Hannah. “Gehen wir nächstes Jahr wieder hin?” 
James nickte. “Klar, machen wir. Aber nur, wenn du nicht wieder wegen deiner Füße quengelst.” 
“Versprochen”, meinte Hannah schmunzelnd. 
Ein wenig geschafft aber ziemlich zufrieden schlenderten Hannah und James Hand in Hand durch den Ausgang und verließen die Messehalle. Stunden hatten sie auf dem Gelände verbracht und dabei eine ganze Menge interessanter Sachen gesehen und viele Bekannte getroffen. Nun jedoch war es Zeit, zu ihrem nahe gelegenen Hotel zurück zu kehren und sich erst einmal von den Strapazen des Tages zu erholen. 

 

 

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