Hexenfrauen

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Solch Gaben kann man nicht erwerben,

sie stammen von der Mutter nur.

Die musste leider dafür sterben,

im Feuer, und zu Asche werden.

Zu halten bleibt jedoch der Schwur.

          *

Die Tochter, heimlich weggegeben,

wächst auf, behütet und versorgt.

Nach großem Wissen will sie streben.

Die Künste in ihr weiterleben,

die Macht jedoch bleibt nur geborgt.

 

Ihr Können wird jetzt zur Erkenntnis,

die Menschen kommen oft zu ihr.

Sie heilt von Krankheit und Bedrängnis

und dieses wird auch ihr Verhängnis,

gejagt wird sie nun wie ein Tier!

 

Die Häscher hat sie kommen sehen,

erschienen ihr schon bald im Traum.

Was wider die Natur geschehen,

kann keiner aus der Zunft verstehen,

drum hängen soll sie hoch am Baum.

 

Im Wald, da wird sie keiner finden,

die Hütte ist aus Lehm und Stroh.

Die Sehnsucht muss sie überwinden,

wenn auch die Kräfte langsam schwinden.

Wie wird sie ohne Menschen froh?

          *

Ein Minne singt im Dorf die Lieder,

er schmäht den König, ruft nach Recht!

Zerbrochen hat man seine Glieder,

denn schreiben soll er niemals wieder.

Trägt ihn zu ihr, es geht ihm schlecht!

 

Jetzt kann sie es, mit Händen heilen,

die Tränen geben ihr die Kraft.

Noch Tage muss er bei ihr weilen.

Die Brüche, Wunden, sie muss eilen,

doch endlich ist es dann geschafft.

 

Er lebt und kann sich gut bewegen,

so glücklich beugt sie sich jetzt vor.

Was er dort sieht, lässt ihn erregen,

die Hände wie von selbst bewegen.

„Sei immer mein!“, klingt in ihr Ohr.

 

Im Kopf, da warnen ihre Geister,

er greift nach ihr, sie gibt sich hin.

Sie hatte Macht, er ist ihr Meister,

die Spiele werden immer dreister.

Was sie erlebt, ist ein Gewinn.

 

Dann fliehen gänzlich ihre Mächte,

er dringt in jede Öffnung ein.

Sie bettelt um die Körpersäfte,

gehorcht ihm ganz, liebt seine Kräfte,

will Sklavin ihrer Wollust sein!

 

Drei Tage Wahn, ganz ohne Sorgen,

bis er sich endlich dann besinnt:

„Bei uns daheim, im hohen Norden,

wir würden niemals Dichter morden,

komm doch mit mir, mein schönes Kind!“

 

„Werd nur noch unsre Pferde bringen!“

Die Zukunft beiden doch verwehrt,

die Flucht, sie wird ihm nicht gelingen

und Lieder wird er nie mehr singen,

sein Leben endet durch das Schwert.

          *

Die Gaben sind ihr jetzt genommen,

kein Traum sie warnt, sie wird entdeckt.

Gewalt von Männern, die da kommen,

geschändet, bis ihr Blut geronnen,

gepeitscht, geschlagen, fast verreckt.

 

Für tot gehalten bleibt sie liegen,

das Haus, das zündet man ihr an.

Die Hexen aus dem Grab aufstiegen,

in ihren Armen sanft sie wiegen,

damit sie überleben kann.

 

Von guten Menschen aufgefunden,

man bringt sie in ein fremdes Reich.

Doch ihre Beine sind zerschunden.

Beim Fürsten selbst soll sie gesunden,

ein guter Mann, sein Herz so weich.

          *

Ihr Kind noch klein und doch vollkommen,

es weiß, dass sie nicht laufen kann.

Hat ihre Beine dann genommen,

das Leben drin zurückgewonnen.

Ihr Wille siegt auch irgendwann.

 

Was sie erlernt hat von dem Sänger,

das wendet sie jetzt eifrig an.

Der Fürst, er wehrt sich auch nicht länger,

durch Heirat bindet er sie enger,

damit sie ihn beglücken kann.

          *

In Schönheit jetzt erblüht die Kleine,

für Wahrheit ist es an der Zeit.

Kommt mit sich selbst noch schnell ins Reine,

tut sich gar schwer, dass sie nicht weine:

„Mein Kind, sei bitte jetzt bereit!“

 

„Du Kluge wirst es lange wissen:

vom Hexenblut, was wir ererben!

Den Jüngling darfst du niemals küssen,

das Band der Gaben sonst zerrissen,

ein kurzer Rausch und er muss sterben.“

 

Sie weiß es schon, das junge Wesen:

„An Geist und Körper bleib ich rein!

Durch meine Kraft soll´n sie genesen,

werd Schicksal aus den Händen lesen

 

und tausend Jahre Hexe sein!“

 

         *

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Kommentare

Megs ·Administrator·

Ob das Versmaß immer stimmt, der Reim sich immer reimt - ich mag/kann es nicht wirklich beurteilen. Doch eines weiß ich: mir gefällt es. Niveauvoll, ohne schwer zu wirken. Nur die Erotik hätte einen oder zwei Verse mehr vertragen.

Es ist der vorletzte Arbeitstag dieser Woche, am Sonntag ist zweiter Advent, in Holland ist heute schon Weihnachten - und es gefällt mir: Wenn das nicht genügend Gründe für meine 6 Sternchen sind.

In reply to by Megs ·Administrator·

Das Maß ist voll gut getroffen, also das Versmaß jetze. Insofern prost! Nicht, dass man Jo nicht alles zutraut, aber das ist doch - verblüffend. Wir wissen aber doch alle schon lange, dass Jo ein ausgebuffter Profi ist, der schon bei Burroughs, Nin und Miller studierte, später bei T.C. Boyle und anderen, um unserem werten deutschen Sprachraum die total abgefahrene Schreibe zurück zu bringen - und uns von Zeh und Roche zu erlösen. THX

Kein Drudel, kein Schüttelreim, kein "das gute Spe ist okay" für Einfältige, sondern "richtige" Lyrik in einer dem Thema angemessenen, strengen Komposition - und trotzdem (oder deshalb) sexy. Märchenhaft, aber gar nicht mittelalterlich, ist dies auf jeden Fall das beste Gedicht, das mir bisher in diesem Archiv untergekommen ist. Ich bin beeindruckt. Sechs Alraunwurzeln von mir dafür.

... sind in aabba wesentlich alberner als in abaab ;) Glaubst Du nicht? Mira:

 

Es lebt' eine Hexe in Jos /

 

durchgedrehter Phantasie bloß /

 

doch schon nach etwas ficken /

 

konnt' sie das hexen knicken /

 

es blieben sechs Sterne im Schoß.

 

 

mit herzlichstem Cheers aus Limmerick

In reply to by fukov

hatte ich sowieso auf dem Schirm für unsere von Megs endlich mal einzurichtende Rubrik mit heiteren Schnipseln "hier lacht der Dom" o.s.ä. Ich könnte mir vorstellen, Jo und einige andere Scherzkekse lassen sich da nicht lange bitten :P

Und ja: zum guten Limerick gehört es dazu, zwar die Silbenzahl zu halten, aber den Rhythmus, eben weil er offiziell besonders wichtig ist, grob zu vergewaltigen. Hence the BDSM-Bezug. Ihr wollt nicht im tiefen Keller Kalauer hören müssen!

In reply to by fukov

Es kommt dieser fukov aus Essen,

Limericks sind seine Interessen!

Von Hexen jedoch keine Ahnung,

doch das ist ihm keine Warnung!

So wurd er dann auch bald gefressen!

In reply to by Jo Phantasie

...ist ein Limerick. Die Länge macht's. Ich biete folgenden:

Es herrschte ne Dommse in Hagen
Die spannte den Sklaven vor'n Wagen
Erst knallte der Stock
dann hob sie den Rock
so tat sie den Sklaven verjagen.

 


und, ausser Konkurrenz, da nicht von mir, mein absoluter Lieblings-Limerick:

There was a young lady from Niger
Who smiled, as she rode on a tiger
they returned from the ride
with the lady inside
and the smile on the face of the tiger.

:-)

In reply to by Salomé

Für alle Doms zum mitklatschen auf was grad zur Hand ist:

 

drei-DREI-zwei-zwei-DREI soll es SEIN

die beTONungen SIND's, die ich MEIN

so ZÄHLe die SCHLÄge

die ICH dir nun GEbe

im RHYTHmus der LIMerick-PEIN.

 

Auf angehängte Silben nach der letzten Betonung zu verzichten macht's freilich edler. Ob man das nun schick findet, wenn das auch mit der Wort- und Satzbetonung einher geht, oder grad lustig, wenn es der zuwider läuft, ist Geschmackssache wie prügeln und prügeln lassen.

Die Subbies werden es dann wohl auch irgendwann geschnallt haben :>

Hat eigentlich jemand Erfahrung mit Haue im klassischen Hexameter? Arta?

In reply to by Jo Phantasie

Knapp daneben. Nichts gegen den Garten des Lebens. Dem wirklichen Meisterschläger darf Bushy aber wohl kaum das Stöckchen holen. Nur wenige sind schnell genug, um Billy Cobham (mit dem Mahavishnu Orchester des ebenfalls obszön guten McLaughlin) auch nur den Takt zu zählen, der mit seinen Schlagstöcken unzweifelhaft problemlos zehn Subbies gleichzeitig für Wochen in den siebten Himmel schicken könnte. Sehet diese Kunst des Draufdreschens, liebe Domsen und Doms, und weinet bitterlich.

Und BTW: es heißt Fuk Vader, und, da wir bei Sahne waren, es ist auch viel zu wenig bekannt, dass Schmetterling wörtlich etwa das gleiche wie Butterfly bedeutet, eisern oder nicht. Aber ich schweife wohl ab ...

Hallo Jo,

 

also ich finde das Gedicht wirklich wundervoll! Limerick oder nicht, Versmaß, Reim oder nicht, unrein oder nicht und so weiter ... ich finde, es ist doch wirklich völlig egal! Wenn ich es lese entstehen vor meinen Augen schöne Bilder und meiner Meinung nach ist es doch das, worauf es ankommt. Es berührt mich. Vielen Dank für die schönen Zeilen. Mitglied im "Club der toten Dichter", wie? Image removed.

Viele Grüße und einen schönen 2.Advent @ all

In reply to by Trinity

Meine Lockfalle für Leserinnen, die mindestens 13 ppm Hexenblut in sich tragen, hab dich!

Für Normalsterbliche, wie fukwäda ist das natürlich auch nicht gedacht, aber der tut nix, der will nur spielen.

So trete denn ein in den Club der devoten Hexenfrauen, meine Dankbarkeit ist schon unterwegs zu dir!

ich muss!

auch wenn ich schrieb, ich kann nicht...

ist mein recht als frau, als hexe...

ich kommentiere jetzt. passt du auf, jo?

 

ich kanns nicht lesen ohne zu zittern und zu beben. jede literarische faser in mir und auch noch ein paar andere sind zum reißen straff gespannt und schwingen in der melodie und im takt deiner worte... 

nur eine sache... die mutter rät der tochter garantiert nicht, die finger von den lecker kerlen zu lassen...

sie rät ihr nur, vorsichtiger zu sein und sich besser zu tarnen und zu verstecken. denn auch wenn die gabe des vorträumens erlischt, so entsteht doch in und mit der liebe dieses wunder... nennt sich leben!

damit verdonner ich dich zur nachhilfestunde bei mir in sachen hexen. antreten und 6 knutscher abholen

In reply to by Silrana

Deine Tarnung durch Änderung des Avatars ist damit aufgeflogen und bei dir sind das aber mindestens 333 ppm Anteile Hexenblut!

Ansonsten, nach verbotenem Rausche, ist klar, mindestens den Fürsten, den dann umso gekonnter, so steht es geschrieben!

Sind die Knutscher denn mit Terrakottaschnute oder mit rosebudschen Spitzzopflippen?

Klingelingeling, das bin ich jetzt gerade! Mach schnell!

... in meinem Kopf, wenn ich diese Zeilen lese.

Ich mag Deine Art, zu erzählen, zu schreiben sehr .. aber mehr noch, wie Du Bilder entstehen lässt, wenn man in die Geschichten abtaucht. Von all denen, die ich bereits von dir gelesen habe, seien es lyrische, kurze oder lange literarische Ergüsse, ist mir dieses hier aber "besonders" geblieben und kehre gern zum immer wieder einmal lesen, hierher zurück.

Danke und bitte ... immer mehr davon lächelt

Kya

hätte die hexe doch nur auf die warnung gehört... *seufz*